Getrunken ab 22. Juli 2016 (3)  (aktuell)

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

www.facebook.com/sammlerfreak

16. Oktober 2017

 

Von Tscharner, Schloss Reichenau: Felsberger Blauburgunder «Hoharai» 2013, AOC Graubünden, Schweiz

 

 

Es ist Mittag geworden. Wir stehen schon gut drei Stunden im Steilhang an der Lese. Zum Essen gibt es für - Winzer und Helfer - einen Wein, der vor vier Jahren hier geerntet wurde. Blauburgunder «Hoharai». Es ist der anstrengendste Rebberg - für uns - und wohl auch der «heikelste» für die beiden Winzer, Vater und Sohn. Irgendwie finde ich den Wein heute besonders gut. Warum? Vielleicht ist es das unmittelbare Erlebnis der Handernte: Traube für Traube, Beere für Beere. Vielleicht ist es aber auch eine Bemerkung an unserem Tisch, dass der Wein von diesem kleinen Rebberg nicht ihr/sein Wein sei. Widerspruch regt sich in mir. Mir gefällt der Wein heute besonders gut, weil er unglaublich authentisch ist. Schon wieder so ein Modewort: authentisch. Was heisst dies schon? Echt, glaubwürdig, angemessen, ursprünglich, unverfälscht…? Ich weiss es nicht. Und weil ich es nicht so genau weiss, entschliesse ich mich – zuhause – nochmals eine Flasche zu öffnen: Nachverkostung sagt man. Jedenfalls möchte ich es jetzt wissen. Wie gut ist der Wein? Besser oder nicht so gut, wie andere Weine vom gleichen Weingut. Ich entschliesse mich – entgegen meinen Vorsätzen – diesmal über den Wein eines befreundeten Winzers zu schreiben, ein «Getrunken», frisch aus dem Erlebnis. Ohne lange Recherche und tiefsinnigen Deutungen. Denn ich habe ihn getrunken, mit unglaublich viel Spass, jetzt und am Mittag im Rebberg. Es ist ein Wein, den man nicht überall auf der Welt bekommt: ein persönlicher Wein. Blauburgunder, sicher, die Reben sind klar, die Grundaromen finden sich auch hier, wie in vielen guten Blauburgundern: Cassis, Tabak, vielleicht auch etwas Süssholz und Orangen, Kräuter, eingebettet im leicht körnigen Tannin. Doch es ist nicht das, was mich so fasziniert. Es ist vielmehr das Besondere, das ich hier zu spüren glaube, das Echte, das Gewachsene, nicht weichgespült wie bei so vielen «gefälligen» Pinots, nicht in ein Korsett besonders «edler» Düfte gepresst. Edel sind die Aromen sicher, jedenfalls nicht verquer, nicht erdrückt im Holz, vielmehr mit einer offenen – nicht beissenden – Fruchtsüsse und recht komplexen Noten von Leder, Garrique, vielleicht sogar Trüffeln. Wenn ich jetzt – mit viel Zeit – am Wein schnüffle und ihn schluckweise trinke, dann bekommt das Modewort «authentisch» plötzlich ein Gewand: ein eher bäuerliches, kein fürstliches, doch ein Gewand, das den Charakter eines Weinbergs spiegelt, wo die Felsenwärme, aber auch die kühlen Nächte und Winde, die Natur treibt und die Reben mit ihren Früchten prägt.

Bild © Joe Muller, B&C Scene
Bild © Joe Muller, B&C Scene

13. Oktober 2017

 

Domaine de l’Aurage, Aurage 2012, Côtes de Castillon, Bordeaux, Frankreich

 

Es ist nicht ganz einfach, Sohn des Vaters zu sein, wenn der Vater legendär-eigenwillig und berühmt ist. Der Vater, François Mitjavile, von Château Le Tertre Rôteboeuf, macht nicht nur hervorragende Weine, er selber ist so etwas wie eine lebende Legende, ein verbissener, aber auch charmanter Weinmacher. Seine Weine sehr gesucht, eigenständig und deshalb auch teuer, mittlerweile hundert Franken und weit mehr die Flasche. Es ist kein grosses Weingut (6 ha), und auch kein «lautes», mit einem unglaublich kompakten, aber keinem «lauten» Wein. Das Château liegt fast etwas versteckt in Saint Emilion, über einem Amphitheater ähnlich angelegten Rebberg. Der Sohn, Louis Mitjavile, führt seit einigen Jahren ein eigenes Weingut, die Domaine l’Aurage. Sein Wein sind nicht ganz so teuer – schliesslich ist er auch (noch) nicht so berühmt - aber verblüffend ähnlich den Vater-Wein: die gleiche Handschrift, die gleiche Sorgfalt, die gleiche Eigenwilligkeit. Der Wein ist geprägt von einem anderen Terroir, nicht ganz so splendid und einmalig wie jenes des Vaters. Es liegt östlich von Saint Emilion, im «Hinterland» der berühmtesten Bordeaux Appellationen. Es ist aber auch ein Mitjavile, unverkennbar – in bestimmten Jahrgängen sogar verwechselbar: viel Frucht, ausgeprägte Würze, Wärme, Sinnlichkeit, Kraft, mit einem verführerischen Extrakt. Vor allem aber nicht «austauschbar», man ist versucht zu sagen: schon eine Persönlichkeit. Louis Mitjavile ein «Shooting Star», aber nur für die, welche den Bordeaux-Charakter mehr lieben als berühmte Etiketten. Es ist ein Wein zum Trinken, zum Geniessen, nicht zum Anstarren. Ein Wein mit Schwung, Frische und grosser Ehrlichkeit. Schmelzig auch in den Tanninen und mit einer Fülle, die nicht speckig ist, sondern fröhlich-beschwingt. Wer jetzt sagt, es ist halt ein kleiner Mitjaville, der tut dem Wein unrecht: es ist ein eigenständiger, eindrücklicher Wein, der den Vater (zwar) kennt, ihn aber längst nicht (mehr) braucht.
Graf Neipperg (Canon la Gaffelière) hat mit seinem Château d'Aiguilhe bereits aufgezeigt, welches Potential in der Appellation Côtes de Castillon liegt. Louis Mitjavile hat dieses Potential voll ausgeschöpft.

 

03. Oktober 2017

 

Château Mouton-Rothschild 1966,
Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Es gibt Weine, die trinkt man nicht, weil sie besonders gut sind, sondern weil sie einen bestimmten Jahrgang haben. Trotzdem, es sind oft einmalige Weine, die vor allem an Geburtstagen auf den Tisch kommen. Wenn sie auch noch die Jahre gut überstanden haben, – so gut, wie das Geburtstagskind - dann spricht die Runde von frisch, von rüstig, von – man beachte das kleine, begleitende Wort! – noch kräftig, noch lebendig, voll da! Gestern hatten wir einen dieser speziellen Weine im Glas, zu einem ausgezeichneten Geburtstagsessen. Mouton Rothschild, ein Premier Cru aus der Königs-Appellation Pauillac. In diesem Fall sind sensorische Finessen Nebensache, in diesem Fall geht es «um Sein oder Nichtsein», um die Würde, ein Geburtstagswein zu sein. Allenfalls kommt die Frage auf: warum ist er noch so gut (oder eben nicht mehr ganz so gut). Geburtstagsweine sind meist teure Weine. Man glaubt - auch beim Wein – gern an eine automatische Werterhaltung. Teuer gleich langlebig? Berühmt gleich grossartig? Rar gleich einmalig? So stimmt die Gleichung natürlich nie (oder nur ganz, ganz selten!)

Trotzdem war es ein Erlebnis, gestern, dieser Mouton Rothschild, Jahrgang 1966. Mein erster Eindruck – spontan: der Wein hat einen Korker (schweizerisch: Zapfen). Hatte er aber nicht. Nach einer Viertelstunde ist er verflogen, – der Korker –, er wurde von der Reife und dem Alter eingesogen, war nicht mehr da, weder in der Nase, noch im Gaumen. Einbildung? Schönrede? Eine Erfahrung, die ich immer wieder bei «Altweinen» mache: man wagt es nicht, den Wein lange zu dekantieren aus lauter Angst, er könnte sofort oxidieren, verfallen, zerbrechen. Dabei hat ein Wein, der fünfzig Jahre (und mehr) in der Flasche eingeschlossen war, durchaus das Recht, sich an die neue Erfahrung, an die Luft, die Freiheitt anzupassen und zuerst das auszustossen, was er an Altlasten all die Jahre mitgetragen hat.

Kommt dazu, dass viele der «alten Weine» - wohl die Mehrheit – nicht so lange im dunklen Keller, bei idealer Temperatur, ohne grosse Störung, ausruhen dürfen. Um so weiter weg ihr Geburtsjahr liegt, desto öfter werden sie auf Reisen geschickt, nicht selten durch die ganze Welt: zu Händlern, in Auktionen, zu Weinliebhabern. Man betrachten den Füllstand (in diesem Fall war er ausgezeichnet), prüft die Kapsel, begutachtet die Etikette… Wenn alles stimmt, steigt der Preis. Es ist der Preis des Alters.  

 

Nun möchte man doch – endlich – wissen, wie der Wein war, sensorisch, meine ich. Es ist ein Altwein, natürlich. Nicht so ganz einfach zu beschreiben. Vor allem im Verhältnis zum  heutigen «Mehrheitsgeschmack»: Frucht, Holz, Tannin, Kraft… Dies haben Altweine nicht mehr, zumindest nicht in der erwarteten Fülle. Dieser Wein ist – so mein Eindruck – eher karg, aber ein Wein mit Nuancen: leicht erdig, mit einer ordentlichen Ladung an Gewürzen, stark cabernetbetont, mit weicher, feiner Süsse. Nicht – oder nicht mehr? – gross, aber – und hier wird fast immer der Link zum Geburtstagskind gemacht – gut erhalten. So gut, dass ich hoffe, bald wieder einmal zu einem Geburtstag, mit einem Geburtstagswein, eingeladen zu werden.

29. September 2017

 

Château Lynch-Bages 1996, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Es sind zehn Jahre vergangen, seit ich in meiner Kolumne bei Wein-Plus.eu geschrieben habe: «Mouton des kleinen Mannes». Tatsächlich lässt sich der Lynche-Bages mit dem Mouton vergleichen, ähnliches Terroir, ähnliche Stilistik, bald schon ähnlicher Preis. Damals reiste ich für eine Lynche-Bages-Probe extra nach Köln. Ich wollte es «genau» wissen. Bei der unverrückbaren Klassifizierung von 1855 wurde der Lynche-Bages - als 5ème Cru - in die letzte Reihe der 61 erfassten Weine verbannt, weit weg von der ersten Liga, zu der Mouton Rothschild gehört. Gegen die drei Großkaliber unter den Pauillac-Genossen - Mouton- und Lafite-Rothschild, sowie Latour - ist Lynch-Bages chancenlos! Chancenlos? 21 Jahrgänge haben wir damals verkostet, Jahrgänge von 1978 bis 2003. Ob nun der 2000er wirklich der allerbeste Lynch-Bages der letzten 20 Jahre ist, oder ob der gereifte 89er den noch jungen, körperprotzigen Jahrhundertwein dereinst - im gleichen Alter - übertrumpfen wird; ob der 96 wirklich das Potential eines „großen Weins” hat, oder eben nur 85 Punkte „verdient”, die er von einem Degustator bekommen hat; ob der 97er marmeladig ist, wie Parker meint, oder die „fröhliche Fruchtpräsenz” besitzt, welche René Gabriel rekognoszierte, das alles wird zwar an einer Vertikalen registriert und besprochen.

In den mehr als 10 Jahren seitz dieser Vertikaldegustation habe ich nur noch wenige Lynche-Bages getrunken, obwohl es noch einige in meinem Keller gibt. Hauptgrund – ich gebe es zu – ist sein Preis. Zwar sind die eingelagerten Weine längst bezahlt, ihr Preis verschmerzt. Und trotzdem – auch wenn ich noch nie einen Wein verkauft habe – mir also frühere Preise egal sind: die Preisentwicklung von Lynch-Bages hat Dimensionen angenommen, die man nicht so einfach - an einem Werktagabend – wegtrinkt. Dieser 96er hat – mein Kellerbuch bezeugt es – einst 45 Franken gekostet. Heute wird der 96er zu gut 150 Franken gehandelt. Der Jahrgang 2015 – also noch ein Jüngstwein – erreicht schon fast diesen Preis. Eine gute Aktie, wenn man Händler ist; dem Weintrinker ist dies egal. Er redet lieber vom Genuss und allenfalls von Punkten.

Ist aus dem 1996er wirklich ein «grosser Wein» geworden, wie sein Potential vermuten liess? Jetzt kann ich es sagen, zumindest mein Urteil einbringen. Es ist ein grosser Wein, wobei der Begriff «Grösse» eben nicht so einfach zu definieren ist. Da sind eben die individuellen Unterschiede – von einem Weingeniesser zum andern – doch erheblich. Soll ich auf Punkte ausweichen? Nein, tue ich nicht. Auch wenn der Wein – er war einst einer meiner Lieblingsweine – von seiner Stilistik her nicht mehr so hoch im Rang steht. Ein dichter, kraftvoller Wein, zäh und lebendig, die Primärfrucht hat sich ein Reife verwandelt, strahlt Wärme aus, Geborgenheit.

Ich muss wiederholen, was ich am Schluss meiner Kolumne vor zehn Jahren geschrieben habe: «ich bin ganz einfach zufrieden, dass ich nur ein „kleiner Mann” bin.»

25. September 2017

 

Château Marquis de Terme 1996, Margaux, Bordeaux, Frankreich

      

Da sprach Robert Parker vor fünfzehn Jahren von: «einem sehr rückständigen Stil, der erhebliche Geduld von den Käufern verlangt» und er prognostizierte die Trinkreife zwischen 2009 bis 2025. Damals, als ich ihn gekauft habe, kümmerte ich mich wenig um solche Prognosen. Sie lagen in weiter Ferne und ich nahm mit Sicherheit an, dass dann die paar Flaschen längst geleert sein werden. Doch es kam anders: Nach den schwachen Bordeaux-Jahrgängen zwischen 1990-1996, war der 96er eine wahre «Erlösung»: Weine mit fester Struktur, Frucht und Schmelz, voll Kraft und stark terroirbetont. Endlich wieder «klassische» Bordeaux, zumindest im Haut-Médoc, ausgeprät in Margaux. In meiner Bordeaux-Euphorie kaufte ich «kleinere» Weine, die mich damals bei der Primeur-Präsentation überzeugt haben. Dazu gehörte dieser Margaux-Wein, der mir vor allem gefallen hat, weil er so gar keinen Parker-Groove versprühte und nicht auf dem Weg zur zum internationalen Bordeaux-Stil war.
Weil ich von diesem einen Jahrgang so manche Flasche eingelagert habe, blieben auch einige – vielleicht sogar die Mehrheit - im Keller liegen, so dass es jetzt – nach gut 20 Jahren – an der Zeit ist, sie endlich zu entkorken. Die Erwartungen: nicht allzu gross, denn erfahrungsgemäss ist das Reifungspotential bei dieser Kategorie von Weinen – meist mit Bewertungen um 88/100 oder 17/20 Punkten – beschränkt. Tatsächlich sind auch einige der damals eingelagerten «kleinen» Weine bereits auf dem Abstieg. Nicht aber dieser Marquis de Terme. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes «authentisch»; ein gutes, ein ausgezeichnetes Stück Margaux, nicht im Stil «Caves-Trophäe», vielmehr mit erdigen, eher rauen Noten, aber auch von einer Weichheit im Gaumen und der Anmut, aber auch dem Herrschsinn und der Natürlichkeit einer «Königin» oder zumindest einer Regionalfürstin. Da hat sich im Keller – dank Flaschenreifung – etwas entwickelt, das mit Recht die Krone und das Wappentier – den Löwen - auf dem Etikett trägt. 

19. September 2017

 

Bodega Valduero, Burgos: Valduero Crianza 2014, Tempranillo, Ribera del Duero, Spanien

 

Ein Wein, wie ich ihn im Restaurant gerne trinke. Warum im Restaurant? Weil er ein sicherer Wert ist, zu (fast) allen Speisen passt und trotz Gastrozuschlag (für mich) noch im Rahmen bleibt. Ein vorzügliches Essen – in meinem Fall war es Rindsfilet im Pfännchen -, dazu ein Wein, der das Essen begleitet, es nicht erschlägt, aber der Speise auch nicht entwischt, meist erdrückt durch die Aromen der Saucen. Irgendwie – so meine Erfahrung – ist dies schwierig in Restaurants, die zwar eine gute Küche, aber eine nicht allzu grosse Weinkarte haben, meist mit zwei, drei Prestige-Weinen, einem «günstigen» Massenwein und – hier in der Schweiz nach Ländern oder/und Weinregionen ausgewählt – Weine, die dem immer mehr normierten, sogenannt «internationalen Geschmack» entsprechen. Weine, oft ohne Charakter und ohne Ecken und Kanten; brave Weine, sage ich nun mal. Als Wirt würde ich die Auswahl vielleicht auch so treffen. Aber als Gast? Da möchte ich bei der ohnehin schmalen Auswahl doch etwas finden, das mir Freude bereitet und nicht nur das Essen nachspült; das begleitet, aber nicht beherrscht; das dem Gericht adäquat ist und nicht einer Fastfood-Verpflegung gleicht.
Dieser Wein erfüllt meine Wünsche, er ist so etwas wie die Quadratur des Kreises. Mit einer Portion Gefälligkeit (bis hin zu Vanille-Klängen) und doch prägnante Aromen (Kirschen, rote Beeren) und Kraft im Abgang. Ein fruchtiger Wein, aber kein Fruchtwein. Wahrscheinlich – die Tannine lassen es vermuten – würde er einmal einem guten, reifen Reserva oder Gran Reserva entsprechen. Doch dann ist er – zumindest im Restaurant – längst getrunken.

(Bild: Hachette)
(Bild: Hachette)

10. September 2017

 

Château Mas Neuf: La Mourvache 2014, Grenache/Mourvèdre, Costières de Nîmes, südliche Rhone, Frankeich

 

 

Am besten hat mir der Spass gefallen: die Verbindung von Mourv(èdre) und (Gren)ache, die in der Wahrnehmung zur Kuh (Vache) wird und als Name bestens in Erinnerung bleibt. Ist aber auch der Wein so erinnerbar? Die alte Leier, hier muss ich sie hervor holen. Obwohl bald drei jährig, ist er noch im Baby-Stadium oder eben keine bestandene Kuh, eben „nur“ ein Kälbchen. Einzig die Farbe – dunkelblau/violett – ist kräftig, dunkel leuchtend, eindeutig. Sonst aber fehlt im noch die Kraft. Aromen sind vorhanden, die typischen „Mourvèdre-Beeren“ und der „Grenache-Kaffee“ genau so, wie ein leicht rauchiger Ton. Komplex sagt man, wenn man höflich ist. Doch es ist eine Komplexität, die noch wenig Struktur hat. Weder ein jungfruchtiger Wein, noch ein dichter, reifer Vollmund. Edel und elegant zwar, aber noch nicht entschieden, irgendwie sogar schwammig. Mir scheint, dass die Rebsortenehe noch  in den Flitterwochen ist. Zwar verliebt, überzeugt von dem Treueschwur, aber noch nicht im harten Alltag angekommen. Eines attestiere ich dem Wein: er hat Potenzial - und das versöhnt mich.

 

08. September 2017

 

Domaine du Chêne Sylvain Ozil: C’est dit 2016, Viognier/Petit Maseng, IPG Cévennes, Castelnau Valance, Languedoc, Frankreich

 

Ein Wein, der etwas Besonderes ist, nichts vom  sogenannten „internationalen Geschmack“ hat. Ein Wein der speziell ist. Darum auch nicht so leicht einzuordnen. Zuerst ist man versucht zu sagen: süsslich, zu süsslich. Doch dann steigt etwas hoch – eine Kraft, eine starke Präsenz von feinkörnigem Tannin. Und der süsslichen Hauch – mehr ist es nicht – wird von einer kräftigen Säure geschluckt. Zimt und Mandelnoten treten gegen Pfirsich und Aprikosen an. Viel Kraft in einem etwas rauen aber schönen Gewand. Exotisch. Gewöhnungsbedürftig. Zumindest ist es kein Schmeichler, vielmehr eine Persönlichkeit.

 

Ich liebe Weine, die sich abgrenzen, abheben, eigene Wege gehen. Nicht so schmecken, wie sie schmecken „müssen“. Dazu trägt bestimmt die Assemblage von zwei speziellen Rebsorten bei. Die sogenannte Typizität (die für weisse Rebsorten nicht nur ein Erkennungs- auch ein Qualitätsmerkmal darstellt) bleibt auf der Strecke. Man muss den Wein neu denken, neu definieren. Es ist nicht einfach die Restsüsse, die ihn anders macht. Es ist ein anderes Geschmacksbild. Frech – wie sein Name (c’est dit – oder so viel wie: es ist alles gesagt!); frech wie die dunkle Schönheit mit rotem Haar (auf der Etikette), lasziv und doch irgendwie charmant. Anders charmant als charmante Weine sonst sind. Mir hat der Wein unglaublich Spass gemacht. C’est dit!

01. September 2017

 

Domaine Jean-Michel Alquier: Les Premières 2011, Faugères, Languedoc, Frankreich

 

Schon wieder einem hehren Vorsatz untreu geworden. Ich habe mir geschworen – mir selber, dies sind die heiligsten Schwüre – in der Zeit, wo ich hier bin, in der Schweiz, werden nur selten (oder nie) Languedoc-Weine getrunken und schon gar nicht darüber berichtet. Nicht weil sie hier nicht so gut schmecken, wie dort wo sie herkommen, und wo ich auch zuhause bin, im Languedoc. Ich versuche vielmehr einer Fixierung auf bestimmte Weine und Weinregionen so zu entrinnen. Am Mittelmeer liegen gute Languedoc-Weine quasi vor der Tür; hier in der Schweiz habe ich ein Beziehungsnetz zu vielen anderen Regionen aufgebaut – und nicht zu vergessen: mein Bordeaux-Keller. Er entleert sich deutlich langsamer, zwar noch immer mit höchstem Genuss. Übrigens im Languedoc trinke ich nie Bordeaux. Gerechtigkeit muss sein!   
Nun habe ich diesen Wein von Alquier auf einer Auktion erstanden. Faugères war nämlich die erste Weinregion am Mittelmeer, die ich erforscht und gründlich «erspürt» habe (erstmals vor bald dreissig Jahren, dann immer wieder). Doch diese Domaine habe ich – der Teufel weiss warum – noch nie besucht, den Keller noch nie gesehen, mit dem Winzer noch nie gesprochen. Eine sträfliche Unterlassung, denn Alquier gehört doch zu den Spitzenwinzern der Appellation. Besonders interessant ist dieses Weingut, weil es einerseits auf Tradition – auf Authentizität der Weine – setzt, andererseits als erstes in Faugères - schon in den 60er Jahren - die Rebsorte Syrah eingeführt hat. Der grosse Anteil von Syrah in den traditionellen Cuvées von Alquier (Syrah, Grenache und Mourvèdre) macht den Wein geschmeidig, elegant und harmonisch. Ich finde, mehr als die Meisten Weine von Faugères. Ein braves Weinchen also? Im Gegenteil: gepfeffert, geräucht, gegrillt, wie eben Weine aus dieser südlichen Schieferregion sind. Nur diese Kraftbegriffe sind eingebunden in eine elegante Struktur, in ein samtiges Kleid. 

23. August 2017

 

Ariane und Michael Meyer, Weingut Bad Osterfingen: ZWAA 2015, Pinot Noir, Klettgau, Schaffhausen, Schweiz

       

ZWAA? Ein seltsamer Name, schwer zu verstehen für alle, welche den Schaffhauser-Dialekt nicht kennen. «Zwee, zwoo, zwaa, zwöi, zwää…», die Vielfalt des Schweizer Dialekt lässt sich schon bei diesem einzigen Begriff erproben. Im relativ kleinen Weingebiet von Schaffhausen (ca. 500 ha) heisst «zwaa» so viel wie zwei. Die Vermutung ist richtig, ZWAA deutet an, dass bei diesem Wein zwei Winzer beteiligt sind – nicht etwa zwei Rebsorten, wie man auch vermuten könnte. Es werden jährlich nur etwa 4'000 bis 6'000 Flaschen produziert, von den beiden Winzern Michael Meier und Ruedi Baumann je zu gleichen Teilen. Michael Meier, vom renommierten Gasthaus Bad Osterfingen, liefert Trauben von Reben, die auf kiesigem, leichtem Boden wachsen, während das Lesegut von Ruedi Baumann aus lehmigen, schwerem Böden stammen. Da die Vinifizierung und Verarbeitung gemeinsam geschieht, kann nur schwer ausgemacht werden, welchen Einfluss der unterschiedliche Boden und das Mikroklima auf den Wein haben. Es entsteht meist (je nach Jahrgang) ein fruchtiger, eleganter, nicht allzu komplizierter Wein, der auch schon früh (in Fruchtphase) zu trinken ist. Dies ist auch angestrebt, denn im Gasthaus wird bereits der Jahrgang 2015 angeboten. Für lange Lagerung und Flaschenreifung bleibt da wenig Zeit. Ein grosser Teil des Renommees von ZWAA wird aber im Gasthaus, wo man kräftig Aromen von Waldbeeren, Kräutern, Toastnoten und Kirschen liebt und eine deutliche Mineralik schätzt, vor alllem als Essensbegleiter. ZWAA ist also auch ein Gastrowein,  trotz des Preises (um 36 Franken ab Hof), der für Restaurants (mit dem üblichen Aufpreis) doch eher hoch. ZWAA wird deshalb meist gekauft, um ihn für ein paar Jahre in den Keller zu legen, was sich - nach meinen Erfahrungen lohnt. Apropos Keller: der Weinjournalist Peter Keller schrieb in der «NZZ am Sonntag» zurecht: «Wo guter Wein auf gutes Essen trifft». Doch eine einfache, klare Botschaft.

17. August 2017

 

Celler Sangenis i Vaque: Clos Monlleò 2005, Carignan und Grenache, Porrera, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Es mag den Eindruck erwecken, dass ich – wie früher nahezu nur Bordeaux – jetzt eben fast immer Prioratweine trinke, einen Priorat-Werbeauftrag geangelt habe oder neu weinverliebt bin. Dem ist nicht so. Es waltet noch immer in meiner Weinauswahl – immer mehr – der Zufall und die Spontaneität 

Gestern machte unerwartet ein guter Freund seine Aufwartung. Ein Freund, der an vielen meiner Bordeaux-Degustationen teilgenommen hat. Er erwartete sicher, dass ich einen hochkarätigen Bordeaux aufstelle, vielleicht auch einen der Weine, über die wir oft diskutiert haben. Irgendwie wollte ich die Gewohnheit durchbrechen und etwas ganz anderes ins Glas bringen. Warum nicht einen Wein aus dem Priorat? Ich konnte mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass er Prioratweine nicht, oder nur ganz marginal kennt. Und ich freute mich schon auf seinen Gesichtsausdruck und seinen Spontan-Kommentar.
So war es denn auch: Erstaunen, Anerkennung, Nicht-recht-einordenen-können, mehr als wohlwollendes Nicken, aber keine Begeisterungsausbrüche, doch hohes Lob. Wäre nicht Südfrankreich, dort wo Grenache und Carignan zuhause sind, meine zweite Heimat, hätte wohl ähnlich reagiert und ähnliche Fragen gestellt. Der Wein regt zu Fragen an, zum Nachdenken, zum Einordnen, zum Ergründen und – nicht zuletzt – auch zum Geniessen.  Es ist ein schwerer, kräftiger, nachhaltiger Genuss. Etwas, das Eindruck – vielleicht sogar Angst - macht. Viel Tannin, eindrucksvolle Länge, warm von der Nase bis ins Herz, Oliven, brandschwarze Beeren. Zwölf Jahre alt und noch immer frisch, schwer-frisch, sinnlich im wahrsten Sinn des Wortes. Eigentlich wollte ich nur die halbe Flasche leeren, um während den folgenden zwei, drei Tagen seine Entwicklung zu verfolgen. Doch der Wein war weg, kaum war das zweite Stück Fleisch vom Grill im Teller. Ausgetrunken, und zwar so liebkosend, dass er der schweren Grillade durchaus ebenbürtig war. Ein Standhalten, Ergänzen, den Genuss erweitern und Verlangen wecken. Was kann ein Wein mehr? Mein Bordeaux-Freund ist sicher nicht «bekehrt», aber sehr zufrieden mit meiner Auswahl. Er wird – so denke ich – wiederkommen und den Bordeaux nicht vermissen. 

16. August 2017

 

Bodega Puig Priorat: Odysseus – Odys 2008, Syrah (Panel), Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Hie und da sollte man sich auf einen Weingenuss vorbereiten, vor allem, wenn man nichts oder wenig über einen Wein, ein Weingut oder eine Weinregion weiss. Mit «man» meine ich explizit mich. Da dringe ich sensorisch langsam in ein Weingebiet vor – nichts überstürzen – vergleichen, Mass nehmen, dazwischen Bekanntes, Vertrautes einschenken und – sich allmählich ein Urteil bilden. So also nähere ich mich auch dem Priorat, geführt und geleitet von einem Prioratfreak (Torsten Hammer), der nicht nur die richtigen Worte, sondern auch die richtigen Weine findet. Doch dieses Geleitetsein entspricht meinem Naturell gar nicht. Meine Frau, welche meine Gewohnheiten nur allzu gut kennt, meint: «Willst du wieder selber ein Grosser sein?». Recht hat sie und mich schon oft von einem Fehltritt bewahrt.

Diesmal nicht! Ich stürze in den Keller, ein Griff zu der kleinen Sammlung von Priorat-Weinen, dekantiere, ab ins Glas. Wow, ist dies ein guter Wein. Die von mir konsequent verdrängten Parkerpunkte vibrierten in den 90ern. Festlegen will ich mich aber nicht. Der verstohlene Blick auf die Etikette: Syrah. Eigentlich ziehe ich den Garnacha dem Syrah vor, besonders in Südfrankreich und im Priorat. Warum? So genau weiss ich es nicht: mehr Eigenständigkeit, mehr Charakter, ein Spiegel der Wärme, der Hitze, das Terroir, die Kraft, mitunter sogar eine Wucht. Dieser Syrah aber ist – zugegeben – elegant, fein, vielschichtiger, mit wunderbaren Dimensionen ins Innere des Weins. Im Facebook-Slang «geil». Er wird immer «geiler», je länger er im Glas ist. Eigentlich sollte er «nur» ein interessanter, spannender Essensbegleiter sein, doch er gewinnt immer mehr an Selbstbewusstsein, an stiller Grösse (eben in der Dimension nach innen). Erst jetzt – angeregt zur das Wort Panal, hinter der Bezeichnung Syrah – dämmert es mir. Das ist ja der eine Wein von Odysseus, der Odys, von Rebstücken die auf Panal (Sand) wachsen, Torsten hat mir dazu sogar ein Bodenmuster beigelegt. Da gibt es auch noch den andern Teil von Odysseus, den Seus, gewachsen auf Schiefer. Die beiden – Odys und Seuls – sind Teil eines sensorischen Spiels, «eine Modelleisenbahn des Weinliebhabers». Himmel, was habe ich da verpasst. Noch schneller als zuvor bin ich im Keller gelandet. Der «Seus» ist noch da und auch noch eine Flasche «Odys». Ich kann die Eisenbahn laufen lassen, spielen, erfahren – und wieder berichten. Toll. Was habe ich eingangs gesagt? «Man sollte….» 

13. August 2017

 

Grand Puy Ducasse 1996, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

«Ein Wein, der nie richtig Charme erlangen wird », schrieb René Gabriel als der Wein bei der  Fassprobe vorgestellt wurde. Natürlich habe ich ihm, dem Schweizer Weinprofi, nicht ganz geglaubt und trotzdem ein paar Flaschen in den Keller gelegt. Nach Mitte der Neunziger-Jahre, endlich wieder ein Jahrgang, der – generell gesagt – einiges versprach: jedenfalls Potential. Der Preis damals (in der Subskription) um 25 Franken. Noch ahnte ich nicht, dass sich das Preiskarussell beim Bordeaux ab 1997 tüchtig zu drehen begann und der Jahrgang 2000 (der bedeutend schwächer war) bereits doppelt so viel kosteten wird, nur weil die Jahreszahl so etwas wie magisch ist (Jahrtausendwende).

Ich war damals – vor rund zwanzig Jahren – so richtig im Bordeaux-Saft, heute würde ich den Zustand eher als Fieber bezeichnen. Jahr für Jahr galt es genau abzuwägen, was gekauft werden soll, um etwa 10 Jahre später wirklich erfahren zu können, was Bordeaux zu bieten hat. Nicht nur bei den ganz grossen, auch bei den kleineren Weinen. Dieses Bordeaux-Spiel ist inzwischen – jedenfalls für mich – abgeschlossen. Die Qualität wurde – Jahr für Jahr – besser und hat eine schon fast beängstigende Gleichförmigkeit erreicht. Der Jahrgang spielt - bezüglich Qualität - nicht mehr die Rolle von einst; auch in «schwachen» Jahren entstehen (dank Technik und dem Umgang mit Reben und Traubengut) gute Weine. Das Warten und Werweissen, das Hoffen und Bangen, das bisher zum Bordeaux gehörte, hat (bis zu einem gewissen Grad) Sicherheit und Einförmigkeit Platz gemacht. Die Unterschiede zwischen den Jahrgängen sind heute bestenfalls in der Stilistik und nicht (mehr) in der Qualität auszumachen.

 

An Gabriels Prognose von damals erinnerte ich mich, als ich einen 1996er getrunken habe. Charme fand ich wirklich nicht, nur einen guten – landläufig ausgedrückt – einen «anständigen» Wein: noch saftig, weich im Gaumen, in der Struktur eher hart, fast schon profillos, kernig im sich langsam auflösenden Gerüst. Spontan habe ich bemerkt: Bordeaux, aber nicht besser als viele Weine aus anderen Weinregionen. Eigentlich – wen ich es mir recht überlege – ist es nur der Name, verbunden mit den für die Weinregion typischen Eigenschaften, der ihn abhebt von dem, was ich von einem guten Wein erwarte. Bordeaux ist wichtiger als das, was jetzt im Glas ist.

08. August 2017

 

Weingarten Längricht, Freyburg: Portugieser Rosé 2016, Saale-Unstrut, Deutschland

  

Meine Beziehung zum Wein – und der ganzen Wein-Geschäftigkeit als Konsument und kritischer Beobachter – hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert: sie ist lockerer, fröhlicher, offener und vor allem unbeschwerter geworden. Diesen Wein hätte ich – noch vor kurzer Zeit – keines Blicks und schon gar keines Schlucks gewürdigt: ein Rosé, ein Portugieser und dann erst noch aus der Weinregion Saale-Unstrut; nicht genug: von Nebenerwerbswinzern. Nun habe ich ihn getrunken, zugegeben zufällig, ein Mitbringsel eines Bekannten aus der Region im Osten Deutschlands. Der gute Mann konnte nichts wissen von meiner «Weinversessenheit» und meiner eingebildeter Weinstrenge. Viel davon habe ich verloren, abgelegt: sowohl in Bezug auf die grossen «Punkteweine», als auch auf die sogenannten «kleinen» Weine. Weine, die eben von einer grossen Mehrheit im Alltag getrunken werden. Diese – meine – Offenheit hat dazu geführt, dass sich auch Kriterien für den ganz persönlichen Weingenuss etwas, nein stark verschoben haben. Die Neugier ist gewachsen: und damit auch das Staunen. Die Achtung vor der individuellen Leistung ist gestiegen und die Ehrfurcht vor dem Top-Können und der Top-Philosoph der Weinprominenz gesunken. Das ausgeklügelt Feine, hochgezüchtete musste dem reinen Handwerk, der Liebe zum Produkt (nicht zum Geld) mehr Platz einräumen. Dieser Rosé – hier - ist so ein Beispiel. Da spüre ich nicht mehr die Anonymität der Gilde von Weinhochzüchtern, sondern das Bemühen aus ein paar Reben einen süffigen, natürlichen, labenden (das Wort habe ich in Weinbesprechungen noch nie verwendet!) Wein zu machen. Einen Wein, der eben von der Portugieser-Rebe kommt, der eben «nur» ein Rosé ist und der ein Stück vom Lokalkolorit mitträgt. Da ist gar nichts mehr von industriellem Geist, von industrieller Geschliffenheit. Da ist Wein, der den Charakter einer Weinpersönlichkeit anbieten hat.

 02. August 2017

 

Les Crus Faugères: Mas Olivier Grande Réserve 2015, Faugères, Languedoc, Frankreich

 

 

Mach mal eine Pause! Eine Stimme hat sich in mir erhoben, nachdem ich Jahr für Jahr im Languedoc gute Weingüter (es gibt immer mehr davon) aufsuchte, um die Weine zu testen und darüber zu berichten. Dieses Jahr habe ich darauf verzichtet – zumindest in diesem Sommer. Ich habe den Badestrand allen Weinerkundungen vorgezogen. Das hat Folgen. Die „Getrunken“ sind seltener geworden, einige (mir) bereits bekannte Weine kamen ins Glas. Da ich nicht über einen geeigneten (Wein)-Keller verfüge, war ich rasch einmal auf den Lebensmittel-Laden von nebenan angewiesen. Die Super- und Hypermarchés mit ihrem grossen Weinangebot (auch der „oberen“ Klasse) umzingeln mich zwar. Doch die Lust, mich hineinzustürzen, ist mir abhanden gekommen. Da lob ich mir das bescheidene Weinregal der kleinen saisonalen Geschäfte in allernächster Nähe.
War noch letztes Jahr das Sortiment vom allgegenwärtigen Maison Jeanjean (und seiner Auswahl) beherrscht, so sieht das heute anders aus. Die Flaschen-Batterien von Billigweinen (vor allem Rosés) versperren zwar beim schmalen Eingang den Platz (man stolpert buchstäblich darüber), doch im Regal steht auch eine kleine Auswahl von Weinen, die auch den kritischen Weinfreund erfreuen können. Keine Parker-Weine, aber gutes, seriöses Handwerk in - der Preislage von 9 bis 14 Euro. So dieser „Mas Olivier“ aus der schieferhaltigen Appellation „Faugère“. Faugère gehört zu den besten Appellationen im Languedoc. Es war auch die erste, die ich einst erkundet und über die ich immer wieder berichtet habe (schon damals bei Wein-Plus.eu).
Doch diesen „Mas Olivier“ und seine „Brüder und Schwestern“ habe ich snobistisch ausgelassen. Es waren halt „nur“ Genossenschaft-Weine, von Weine „Les Crus Faugères“. Das war ein Fehler. Zumindest diese rote Réserve hat nämlich Charakter, lässt Terroir spüren, ist – wenn auch zu jung – harmonisch und alles andere als ein Plaisanterie-Weinchen. Ein wirklich stolzer Wein, aus den hier „klassischen“ Rebsorten:
Syrah, Carignan, Grenache, Mourvèdre. Nicht hingemorkst, wie viele Weine, die sich so typisch languedocisch geben möchten . Nein, ein frischer, runder, aber noch etwas aggressiver Wein, den man durchaus trinken, ja geniessen kann. Ich werde das nächste Mal in Faugères auch die Kooperative besuchen!

23. Juli 2017

 

Vignerons de Fontès: Symphonie d‘0r 2015, Cuvée Merlot, Syrah, Grenache, Pay d’oc, Languedoc, Frankreich

 

 

Süffig, fehlerfrei, frisch, unglaublicher Trinkfluss – ein roter Sommerwein, von dem niemand spricht. Zu unbedeutend in der Fülle der französischen Rotweine. Nicht einmal im wenig verwöhnten Languedoc bringt er es auf besondere Erwähnung. Zudem ein „Genossenschaftswein“, der Makel der Standort Anonymität begleitet ihn. Zwar ein klingender Name, eine beschwingte Etikette und – in Frankreich noch sehr verpönt – ein Schraubverschluss. Alles deutet auf jene Massenproduktion, welche dem Languedoc den schlechten Ruf gebracht hat.
Es war mehr Verlegenheit – wir hatten gerade keinen Rotwein mehr – welche die Flasche gleichsam en passant mitlaufen liess. Nicht zuletzt auch wegen des eher seltenen Schraubverschlusses. Erwartungen also gleich – null. Dann die Überraschung: Nein, es stieg nicht plötzlich eine Prinzessin aus dem Glas. Es war ein Glas mit einem Wein, der gerne getrunken wurde Keine Ecken, keine Kanten, keine verborgenen Aromen, kein kompliziertes Strukturgerüst. Ein Wein, der nicht Begeisterung auslöst, aber Freude macht. Ganz einfach weil er gut zu trinken ist. Gefällig? Vielleicht, Jedenfalls geniessen wir ihn ohne sensorische Analyse. Einfach, wie man einen Wein trinkt, der weder Fragen aufwirft, noch Beurteilungen verlangt, sondern einfach symphonisch erklingen möchte. Und ich frage mich: Warum kann nicht ein Wein einfach sein, einfach gut, trinkfröhlich. Dem Rosé gesteht man dies zu – Sommerwein – der Rote muss irgendwelchen Kriterien genügen, irgend welche Ränge erklingen und – Hand aufs Herz – auch dem Prestige seinen Tribut zollen.

 

18. Juli 2017

 

Iris Rutz-Rudel: Clos des Cèdres 2007,  Lisson, Languedoc, Frankreich

 

Es fällt wohl nicht auf: doch ich breche eine für mich fast „heilige“ Regel. Nämlich innerhalb einer gewissen Zeitspanne nicht zwei- oder gar dreimal über den gleichen Wein zu schreiben. Auch dann nicht, wenn es jedes Mal andere „Geschichten“ zu erzählen gibt. Es gibt zu viele Weine, die etwas zu sagen haben, die gehört werden möchten, auch gute, auch exzellente, über die ich schreiben möchte.

Doch dieser Wein von Iris-Rutz-Rudel ist etwas ganz Besonderes. Meist liegt das Besondere in einer Erinnerung: An einen ganz speziellen Anlass, an eine unvergessliche Begegnung, ein einmaliges Geschmackerlebnis . Erinnerungen, die oft mit dem Wein selber wenig zu haben.

Nicht so bei diesem Wein. Die Erinnerungen sind zwar da, auch die schönen Begegnungen, das Wissen um den langen Kampf einer Winzerin, einen alten, längst aufgegebenen Weinberg wieder fruchtbar zu machen, an ihre Erfolge und Misserfolge, an ihre Schicksalsschläge und den lange ungebrochenen Mut weiter, zu machen. Dies gäb wohl viele Geschichten.

 

Mein Beweggrund meine „eiserne“ Regel zu durchbrechen liegt im Wein selber, an seiner Einmaligkeit. Ich kenne sehr viele Weine, gute Weine, auch bessere Weine. Dieses „Gut“, “Besser“ oder gar „Am-Besten“ tut diesmal nichts zu Sache. Es sind sensorische Massstäbe, die an jeden Wein gelegt werden können, ja gelegt werden müssen, wenn man wertend darüber schreibt. Es gibt aber noch etwas, was diese Massstäbe übertrifft. Es ist die Persönlichkeit, die Einmaligkeit eines guten Weins. Etwas, das nur da, so, unter diesen Umständen geschaffen werden kann (oder konnte). Das Gute ist multiplizierbar, oft auch nachmachbar, planbar. Das Einmalige nicht. Es entsteht aus den Möglichkeiten, den Umständen, dem Wirken der Natur und dem Glauben (und Vertrauen) in dieses Wirken. Anders gesagt: aus der unverkrampften Zusammenarbeit von Mensch und Natur. Wenn daraus ein guter Wein, ein sehr guter Wein entsteht, dann kann das „Einmalige“ eintreten. Und das ist mehr wert, als all die erzwungene Harmonie und Qualität eines Wein, die sich in Worten und Punkten festmachen lässt. Hier ist das Einmalige gelungen (und die Qualtät). Darum schreibe ich auch zweimal, dreimal über diesen Wein. Auch wenn diese Schreibe der Einmaligkeit des Weins nicht gerecht werden kann.

11. Juli 2017

 

Domaine Mas du Ministre: La Tentation du Pasteur 2015, Mauguio, Languedoc, Frankreich

 

Ja, das gibt’s. Es gibt Weine, die ich nur kaufe auf Grund der Etikette. Vor allem, wenn darauf eine Geschichte erzählt wird. Eine Geschichte? Sie wird oft nicht erst auf der Etikette verraten; sie steckt oft schon in der Bezeichnung des Weins. Wie hier bei „La Tentation du Pasteur“ (zu deutsch etwa: „Die Versuchung des Hirten“). Ist der Hirte auf dem Feld gemeint oder der „Seelenhirte“, der Pfarrer also oder der Pastor? Die Schrift auf der Flasche verrät (frei übersetzt): „Dieser Wein ist eine Würdigung der lange Reihe von Pastoren, welche das Schicksal des Weinguts über viele Jahrhunderte bestimmten.  Daher auch sein Name „Mas du Ministre“ (Weingut der Herren der Anbetung). Wir haben zu diesem Zweck als dominierende Traube die launisch, aber liebenswerte Resorte Grenache gewählt. Alles deutet darauf hin, dass es ihr auf dem Boden voll Kieseln und unter dem Einfluss des Meeres besonders wohl ist.“

Allein schon diese poetische Einleitung (in französischer Sprache weit poetischer als in der Übersetzung) regt die Phantasie an: „Versuchung der Herren der Anbetung“? Ein Wein, der sich darauf beruft. Ein Wein, der nicht nur Wein sein will, sondern auch eine Würdigung jener Menschen, die hier seit Hunderten von Jahren Wein gemacht haben. Kann er diesem hohen Anspruch auch standhalten? Er kann. Weil er zwar anders ist als die meisten traditionellen Languedoc-Weine (fast immer eine Cuvée aus Carignan, Grenache, Mourvèdre, und Syrah), aber doch in der Gegend tief verwurzelt. Mehr noch: ein echter „vin méditeranée“! Eigentlich ist es nicht erlaubt, den Begriff „Vin méditeranée“ einfach so zu benutzen, denn er ist (seit 1999) eine Appellations-Norm (IGP). Ob diese Normen erfüllt, weiss ich nicht. Dass es aber einer der „méditeransten“ Weine ist, die ich kenne, das weiss ich. Und dies gefällt mir auch am Wein: Grenache, eine Rebsorte, die selbst da, wo sie zuhause ist, unterschätzt wird, so dass man sie kaum mehr spürt in den traditionellen Cuvées. Nicht so hier. Hier finden ihre Eigenschaften ihre Entfaltung: Aromen von Kirschen, aber auch getrockneten Feigen, Tabak, weissem Pfeffer, schwarzer Olive, Garrique und immer wieder Garrique.

Wer das Languedoc erfahren, erleben möchte, dem empfehle ich diesen Wein.

05. Juli 2017

 

Solà Classic: Vinyes Teresa 2011, Priorat – Bellmunt, Katalonien, Spanien

 

Die häufigste Frage, die man mir dem Weinfreak stellt: «Welches ist dein Lieblingswein?» Dann die Enttäuschung, wenn ich nur ein Achselzucken habe. Noch vor etwa zehn Jahren hätte ich bestimmt einen Bordeaux, Château XX (das Château wechselt von Zeit zu Zeit, von Stimmung zu Stimmung) genannt. Und heute? Da würde das Weingut noch viel, viel häufiger wechseln. Nicht nur das Weingut, auch der Wein, die Jahrgänge, die Rebsorten, die Weingebiete… Ich bin vom «verbissenen» Bordeaux-Liebhaber so etwas wie ein Weinweltenbummler geworden. Mal mache ich da Station, mal dort – meist habe ich auch meine Weinweltenbummlertum mit Reisen verknüpft. Zuletzt mit Georgien und Armenien. Und immer habe etwas Gutes, etwas sehr Gutes, auch meinen «Lieblingswein» angetroffen. Ist dies normal, meine Unbeständigkeit, meine zunehmende Unfähigkeit, das Beste zu bezeichnen? Und vor allem dabei zu bleiben! Ich bin auch längst nicht mehr so erpicht, sensorische Notizen zu machen, oder gar mit Punkten abzuwägen. Was immer stärker ins Gewicht fällt, das ist das Erlebnis mit einem Wein. Erlebnisbeschreibungen, könnte man die Notizen nennen, die ich mir – meist ein, zwei Tage nach dem Weingenuss mache und hier (in der Rubrik getrunken) auch veröffentliche. So auch bei diesem Priorat-Wein. Als visuelle Typus von Mensch, tauchen sofort auch Bilder auf, Szenen, Gesehenes, Erlebtes. Hier zum Beispiel von meiner ersten (und bisher einzigen) Neugiertour durchs Priorat. Es sind Eindrucke einer Landschaft, die hochsteigen, eines Klimas, eines Bodens, der Menschen, der Natur…  und vor allem die schwere Arbeit des Bergbaus, das Erlebnis des Stollen-Museums… Der Wein, dieser Wein, so meine ich, fügt all die Erlebnisse, die Bilder zusammen zu einer neuen Einheit. Es sind vor allem die Schwere, ja das Schwermütige, die Mineralik, die Kühle, die Erdverbundenheit, die sich mit Eleganz, mit Prägnanz und vor allem mit Genuss verbinden. Ich liebe dieses Eindeutige, Einmalige an Weinen. Ich liebe diese Verwurzelung in einer Heimat. Heimat, ein hochtragender – in Verruf geratener Begriff – der aber gerade beim Wein (für mich) von zentraler Bedeutung ist. Ich liebe Weine nicht, die keine Heimat haben; bei denen der Weinkeller mit all den technischen Hilfen dominierende Heimat ist. Ich war nicht auf dem Weingut, ich weiss nicht einmal genau wo es liegt. Das ist gut so: der Wein verbindet sich – dies habe ich nur selten so intensiv erlebt – mit dem Gesamteindruck einer Weingegend, die ich erstmals erlebt habe und die ich nicht nur als interessant, sondern wunderschön, ja einmalig bezeichnen möchte. Was kann ein Wein mehr, als dies zu vermitteln.

02. Juli 2017

 

Fattoria die calappiano, Sensi Vini: Maremma Toscana Rosso 2013,
Lamporecchio, Italien

 

 Ein typischer Gastrowein : gefällig, sauber gemacht, im Preis um 13 CHF (Verkaufspreis im Geschäft), nicht schwer – nicht leicht, nicht aufregend aber mit einer akzeptablen Präsenz. Man kann ihn sehr gut zu (fast) jedem Essen trinken. Er begleitet das Mahl, bleibt aber kaum in Erinnerung (auch nicht in schlechter). Was will ein Wirt mehr als zufriedene Gäste, auch beim Wein! Er ist eine echte Alternative zu den - in einfacheren Gaststätten - immer mehr überhandnehmenden «Allerwelts»-Primitivo, die – wenn nicht gar «grauslig» - so doch ausdrucksarm oder sagen wir besser eintönig sind. Da habe ich den Wein getrunken, in einer Gaststätte, zu einer sehr feinen und zart gemachten Kalbsleber. Ein war ein anständiger, für den Moment sogar ein sehr guter Begleiter. Da spielt neben dem Geschmack auch der Preis eine Rolle, besser, das Verhältnis Essen – Wein. Dies kann bei diesem Wein stimmen (wenn der Wirt nicht glaubt, die engen Margen beim Essen mit dem Wein - um ein Mehrfaches - kompensieren zu können).
Wenn ich über diesen Wein schreibe – über den in Weinliebhaber-Kreisen nicht geredet und schon gar nicht geschrieben wird – dann deshalb, weil er ein Lichtblick ist. Ein Chianti (Sangiovese) mit einem Touch Bordeaux (Merlot, Cabernet Sauvignon). Das ist zwar gefällige, auch nichts Neues oder gar Aufregendes, aber – so empfinde ich es – ein Stück Weinkultur zurück in Restaurants und Gaststätten, die sonst im Offenausschank und auf der meist lieblos zusammengestellten Karte, zu oft Weine anzubieten, die auch mit einfachster Weinkultur nichts zu tun haben.

18. Juni 2017

 

Ficaria Vins: Cerverola 2014, Montsant, La Figuera, Tarragona, Spanien

 

 

Kopfschütteln, Staunen, Begeisterung, Kopfschütteln, Staunen … Ein herrlicher, sommerlich drückend heisser Abend auf der Terrasse, den Holzkohlengrill in Betrieb. Kein Abend für schwere Weine, für ausgeklügeltes Foodpairing, für differenzierte Weinbeschreibungen. Warum ich ausgerechnet zum «Cerverola 2014» aus dem Weingebiet Montsant (Priorat) gegriffen habe, weiss ich eigentlich nicht.  Er stand noch auf der Treppe, bereit um in den Keller gelegt zu werden. Da dominiert halt meine Neugier und überlagert den Rest an Sachverstand. Kommt dazu, dass ich vor knapp einem halben Jahr an einem Event von «Priorat-Hammer» in Coswig (DE) den «Prater» - einen anderen Wein des gleichen Weinguts – kennen und schätzen gelernt und hier im «Getrunken» bereits seine Geschichte erzählt habe. Ein Nümmerchen,  «Ampolla 522», ganz klein, fast schon verschämt auf dem Rücketikett, hat meine Neugier zusätzlich angestachelt. Nummerierte Flaschen sind etwas Besonderes.  Sie haben den Touch der Einmaligkeit. Also musste der Zapfen weg, Hitze hin und Bedenken her.  Zuerst haben wir – ich gebe es zu – nur skeptisch geschnuppert. Dekantieren hätte sich gelohnt! Nicht fröhlich, eher schwer, kräftig steigt es mir in die Nase: Waldboden, Rinden, Lakritze, allerreifste Brombeeren… Schon beginne ich meine Voreiligkeit zu verwünschen. Ein Wein für ein Festessen, nicht für ein Picknick (auch wenn es zuhause stattfindet). Was habe ich da getan? Ein Sakrileg! Andere würden sagen: ein Verbrechen!  Die Würstchen bleiben liegen, sengen an, der Rauch stört mich nicht (höchstens die Nachbarn). Ich beschäftige mich ganz mit meinem Fehltritt, mit meinem Wein im Glas… (siehe Anfang dieser Wein-Notiz!) Langsam entwickelt sich so etwas wie eine Beziehung zwischen uns, zwischen meiner Neugier und diesem ganz besonderen Grenache-Wein (100%). Die enge Terrasse, der läppische Holzgrill, die Abendschwüle verschwinden. Ich wähne mich in luftiger, felsiger, schon fast karger Höhe; ich glaube das Castell von Figuera zu sehen. Fata morgana? Nein, Erinnerung, Erlebnis, gefühlte Landschaft, gefühlte Erde. Eigentlich gerate ich bei Weinen nur selten ins Schwärmen. Gefühle sind zwar – bei guten Weinen - meist da; doch sie stecken oft in einem engen Weinkorsett. Nicht hier, da nehmen sie freien Lauf… tolle Mineralik, feingliedrige (aber bestimmt) Struktur, Aromen, die einem überfallen, überhäufen. Ein toller Wein, auch an einem zu warmen Sommerabend. Ein Wein, der sogar die Robustheit eines Grillabends zum Festessen werden lässt. Ich wiederhole es noch einmal: nein siehe Einstieg in dieses «Getrunken», ganz oben, nach der Überschrift.

09. Juni 2017

 

Mildiani Family Winery: Tsinandali 2014, weiss, Rkatsiteli und Mtsvane, Georgien

 

Georgien, das neue alte Weinland. Im Augenblick wiederentdeckt, im Kommen, im Anmarsch auf die Bastionen der europäischen Weintradition. Man spricht davon, Weinreisen nach Georgien werden angeboten, einzelne Spitzenweine (vor allem, wenn sie mit Kult verbunden sind) erreichen bald einmal die 100 Franken Grenze. Was ist davon zu halten?
Dies an Ort und Stelle zu sehen, zu erleben, zu überprüfen, war der Grund, warum (zumindest ich) in einer kleinen Gruppe von Freunden nach Georgien reiste. Und? Das mit dem «neu-alten» Weinland mag stimmen. Tatsächlich trinkt man gern und oft Wein in Georgien. Tatsächlich ist man stolz auf die Weintradition des Landes. Tatsächlich leben noch viele (ländliche) Bewohner vom Weinbau. Aber – man muss sich an einiges gewöhnen: an die Rebsorten, den Ausbau der Weine, die Strukturierung der Appellationen, die Präsenz in Restaurants, die oxidativen Noten, die Betonung des Terroirs … Es ist nicht ganz einfach, dem Weinbau in Georgien auf den Grund zu gehen. Noch immer sind die Spuren der Massenproduktion zu sowjetischen Zeiten überdeutlich. Die Privatisierung – auch der Weinproduktion – ist zwar mehr oder weniger (für uns) geräuschlos über die Bühne gegangen. Aber für die Entwicklung zum Qualitätswein hat sie auch Hindernisse gebracht. Was soll man tun? Auf die Tradition bauen oder den Schnellzug zur «Internationalität» besteigen? Wer tätigt in einem (verhältnismässig) armen Land, in einem vielteiligen Land, die notwendigen Investitionen?
Es sind vielleicht zehn, vielleicht gar zwanzig Weingüter, deren Produkte in den Restaurants und Hotels auftauchen; also an jenen Orten, die von Touristen frequentiert werden. Es sind sogar nur drei, vier «Vorzeigegüter», die bei Weinreisen durch Georgien immer auf dem Programm stehen. Die meisten von ihnen – wie Mukhrani und Schuchmann – sind aus Investitionen und der Weintradition des Westens entstanden.
Es gibt sogar eine «Weinstrasse» in Kachetien, doch an den Produzenten (oft Genossenschaften) fahren die Touristenbusse meist vorbei. So kommt es, dass auch ich auf der Weinreise – wenn ich zum Essen einen Wein bestellte, irgendwo, wo wir gerade Halt gemacht haben – immer wieder den gleichen Namen begegnete: zum Beispiel Mildiani, einem Weingut, das 1991 gegründet wurde und heute mehr als 100 Hektaren Reben bewirtschaftet.
Man setzt – zumindest bei dieser Marke - dies hat mir gefallen – weder auf eine hervorgezerrte alte oder uralte Tradition, noch auf den Trend zur Internationalität. So jedenfalls ist es mein wiederholter Eindruck, sowohl bei den Rot- als auch bei den Weissweinen. Man versucht aus den einheimischen Rebsorten Rkatiteli und Mtsvane so viel herauszuholen, dass sie feiner, gepflegter sind als viele bäuerliche Weine in Georgien und doch eine grosse Eigenständigkeit bewahren. Hier, beim Weisswein, der nicht so schwer ist, wie andere Weine aus der gleichen Rebsorte, eher leicht und fruchtig, an tropische Früchte erinnert und – was mich am meisten erstaunt – trotz leicht oxidativem Ausbau – unglaublich gut mit dem georgischen Essen harmoniert. Doch davon in einem der nächsten «getrunken». 

09. Juni 2017

 

Messner Gut: Rosenberger Riesling-Silvaner, Feldbach am Zürichsee, Schweiz

 

Wir sitzen in einem Bergrestaurant auf 1’200 Meter über Meer, bei herrlichem Wett, einem währschaften Essen, mit Aussicht vom Säntis über die Innerschweizer Alpen, zur Rigi bis zu den Berner Alpen. Ein Treffen unter einstigen Arbeitskolleginnen und -kollegen: Gefühl der Freiheit, Weite, Ruhe, Natur… Wir sprechen – unter vielen anderen Themen - über Wein, vor allem über die «Erkenntnis», wie sehr die Beurteilung eines Weins von der Stimmung, dem Gefühl und dem Erleben abhängig ist. Professionelle Weinkritik widerspricht dieser These zwar vehement und bemüht sich, möglichst «objektive» Urteile an überprüfbaren Kriterien festzumachen; Subjektivität – wenn immer möglich - auszuschliessen. Dies mag für den Verkauf, den Handel, den Einsatz, die Lagerung etc. von Wein sinnvoll sein, für den Weingenuss ist dies eher nebensächlich. Wein muss erlebbar sein; er muss mir etwas sagen, erzählen, von mir gefühlt werden; er appelliert an Emotionen. Die sind - zu verschiedenen Zeiten und Umständen - ganz unterschiedlich und – vielleicht sehr oft – auch nicht so genau fassbar, nicht einmal beschreibbar. Ich versuche in meinen Weinnotizen (es sind inzwischen weit mehr als tausend) auch den Umständen, den Gefühlen, der Stimmung gerecht zu werden; ich versuche Geschichten zu erzählen über den Wein oder – noch weit öfter – Geschichten festzuhalten, die mir Weine erzählen.

All dies geht mir – auf der Alp, in sommerlicher Wärme, fern aller Mauern - durch den Kopf. Wir möchten einen Weisswein zum Aperitif bestellen, einen Wein vor dem Essen, zum Plaudern, um das Wiedersehen zu geniessen, um einzutauchen in die gefühlte Grenzenlosigkeit der Alp. Obligatorische Frage der Bedienung: ein Einheimischer, ein Waadtländer, ein Italiener, ein Spanier? Natürlich, bei so viel Heimatnähe: «einer von hier». In diesem Fall ein Riesling-Silvaner, aus der wichtigsten weissen Rebsorte in der Deutschschweiz. Im Normalfall rümpfe ich da – wenn es sich quasi um einen «namenlosen» Wein handelt – die Nase oder mindestens die Stirn. Diesmal aber – das Weingut ist sichtbar, weit weg zwar, weit unten am Zürichsee – freue ich mich. Der Wein hat sicher keine Punkte, dafür Charakter. Den Charakter eine Landschaft, einer Region, der Weinberge an den Hügeln über dem dicht besiedelten Seeufern. Da also wächst der Wein, der uns Freude macht, uns rührt und berührt. Ein in der einmaligen Landschaft verwurzelter Wein. Keine Grösse, aber auch kein Dutzendprodukt. Ein Wein aus der Gegend - und die ist wunderschön. In der Ruhe, ja Erhabenheit eine unglaubliche Spritzigkeit. Dies sagt zwar wenig aus, aber ist gut gefühlt: leicht Muskat, Zitronenschale, fruchtig, Blumenaromen, Litschi. Litschi auf der Alp? Spätestens da wird mir voll bewusst, wie sehr Wein und die Weinsprache doch mit Gefühlen zu tun hat, mit Stimmungen, mit der augenblicklichen Situation. Da können die ausgeklügeltsten Qualitätskriterien nicht mithalten.

28. Mai 2017

 

Wine Estate Hartenberg: Gravel Hill 2006, Shiraz, Stellenbosch, Südafrika

 

Hohe und höchste Erwartungen sind der «Tod» eines Weins. Er mag noch so gut, so vollendet sein. Erwartungen sind persönlich, sehr persönlich, und deshalb nur schwer zu erfüllen. Gravel Hill ist so ein Wein, der mit höchsten Tönen angepriesen wird: «Ohne Zweifel ist der Gravel Hill Shiraz die Legende vom Kap - absolute Spitzenklasse». Jetzt ist er im Glas, meine Zweifel kommen auf. Kann er standhalten? Er kann! Dies ist gar nicht so einfach, weil mit Legenden auch so etwas wie «Einmaligkeit» suggeriert wird. Oft sogar: einmalige Kraft, die erschlägt. Muss er ja, sonst reiht er sich ein in die lange Reihe von guten, ausserordentlich guten Weinen. Als «Legende» darf er das nicht, er muss einmalig bleiben, unverkennbar, unverwechselbar. Ist er das? Für einmal kann ich dem zustimmen. Es ist nicht einfach ein hervorragender Shiraz, er hat eine «Handschrift», er gibt nicht einfach etwas vor, er ist etwas, etwas anderes! Erkennbar an den Aromen, an der «Shiraz-Welt», die nicht einfach «nur» würzig, kräftig, pfeffrig, schokoladig, ledrig … sind, sondern dem Begriff «Cravel» Ehre erweisen. «Gravel», das ist Kies, Schotter, Geröll, keine Stein- oder Felsblock. «Gravel» besteht aus vielen kleinen, ganz unterschiedlichen Elementen, aus viel Zusammengekommener Individualität. Dies darf auch dieser Wein – ob Spitzenklasse oder Legend oder nicht – für sich beanspruchen. Individualität in den Aromen, in den kleinen Nuancen, in den feinen Tönen. 

23. Mai 2017

 

Aixalà Alcait : Coster de l´ Alzina 2011, Torroja del Priorat, Katalonien, Spanien

  

Seit einiger Zeit mache ich mich bei meinen Freunden nicht allzu beliebt. Anstatt von Bordeaux oder Burgund, rede ich, wenn ich über Wein spreche, fast immer – natürlich nebst der Schweiz – vom Priorat. Und da bleibt das Gespräch rasch einmal stocken. Wenn man überhaupt etwas über das Priorat weiss, dann sind es ein paar grosse Namen, auch grosse Weine: Alvaro Palacios, l’Ermita, Mogador, Clos Erasmus und (bei historisch Interessierten) die Scala Dei (Ruinen einer ehemaligen Klosteranlage) ... Eigentlich kann man niemandem verargen, wenn die Wein-Kenntnisse bezüglich des Priorats in der Regel bescheiden sind und – wenn man die Preise von kultgewordenen Weine sieht – das Interesse auch rasch erlahmt. So jedenfalls nehme ich es wahr - bei meinen Weinfreunden, die zwar gerne mal über das wiederentdeckte «katalonische Weinparadies» reden, aber meist weder Namen, noch Weine, noch Rebsorten erinnern. Tatsächlich – das ist jetzt meine ureigene Erfahrung,- haben viele Weine die Kraft, mitunter sogar die Wucht, die Präsenz von schweren, grossen Tropfen, aber nicht ihre Gefälligkeit, sagen wir besser: die Vertrautheit der Cabertnet-Cuvées, wie sie heute in allen Varianten im internationalen Weinverbund auftreten. Bei den wirklich guten, eigenständigen Priorat-Weinen dominiert (nicht zufällig!) Garnacha tinta (Grenache); bei den vielen Tropfen, die mir am besten gefallen, sind es meist 100%. Reinsortige Garnatxa-Weine also. Auch dieser Wein ist ein reinsortiger Wein, auch dieser Wein ist ausdrucksstark, eigenständig, ja bodenständig und (noch) nicht aufgestiegen in den Bereich der Schwärmerei.
Obwohl er das Potential dazu durchaus hat: fleischig-fruchtig und doch elegant, würzig-röstig und doch feingliedrig, warm-cremig im Abgang und doch geprägt vom Terroir, intensiv im Geschmack, aber nicht geschmäcklerisch. Was habe ich da gesagt? Nicht schwärmerisch – bodenständig. Doch von einem Terroir, einer Landschaft, von der man schwärmen darf. Vor allem wenn man weiss, wie die "Bodenständigkeit" dieses Weins entstanden ist: durch eine extreme Steillage und das Alter der Rebstöcke. 80 Jahre!

17. Mai 2017

 

Mildiani Family Winery: Mukuzani 2014, Saperavi, Weinregion Kachetien, Georgien

 

Es ist der erste Wein, den ich auf einer Bildungs- und Weinreise durch Georgien und Armenien im Glas habe: ohne jegliche Vorbereitung, ohne Wissen um die Rebsorten, die Anbaugebiete, die Vinifizierung, ohne Erfahrung… Natürlich habe ich schon das eine oder andere gelesen, den einen oder anderen Tipp erhalten; Begriffe wie Quevri oder Orange-Wein aufgeschnappt; nachgeplappert was man so sagt: Georgische Weine sind "en vogue, Weinreisen" nach Georgien sind "in". Aber wie ein Saperavi-Wein (die wichtigste Rebsorte in Georgien) schmeckt, das wusste ich nicht. Eigentlich weiss ich es noch immer noch nicht (so genau): es fehlen mir schlicht die Erfahrung, die Erfahrungswerte, die sensorische Eichung. Natürlich weiss ich jetzt – nach der Reise – ein ganz kleinwenig mehr. Zum Beispiel, dass dieser Wein auch bei uns – zumindest in Deutschland - erhältlich ist und dass er, in dieser einfachsten Version, um sechs Euro kostet. Was mir aber sofort aufgefallen ist: Es ist kein schwerer Wein, kein Wein, der im Alkoholkorsett erstickt, viel mehr ein freingliedriger Wein – eher an einen Pinot Noir erinnernd, als an eine Fruchtbombe. Allein schon diese Tatsache hat mich versöhnlich gestimmt: da ist nicht Holz aufgedonnert, nicht Frucht extrahiert, nicht Kraft angestrebt. An einen Landwein muss ich denken, ein unspektakulär aber sauber vinifizierter Landwein. Nur die Aromen sind anders: zwar nutzt die Weinbeschreibung die gleichen oder ähnlichen Begriffe wie für uns vertrautere Weine: «Das Bukett weist einen sanft rauchigen Eichen-Charakter mit samtigen Beeren-Noten auf». Und dann kommt die übliche Beeren-Aufzählung, also nichts Ausserordentliches, aber alles Marke «Light». Dieses «Leicht» bezieht sich nur auf einen Vergleich zu den Beschreibungen «unserer Weine». Den Holzausbau nehme ich kaum wahr (Vanille in homöopathischen Dosis), Kirschen, Kräuter, Leder… vielleicht. Lassen wir die roten und die schwarzen Beeren, sie sind zu finden, wenn man sie sucht. Und jetzt? Zumindest dieser Saperavi-Wein – die Erfahrung habe ich auf der Reise immer wieder gemacht – verlangt ein Umdenken. Ein Umdenken in den Wein-Normen und -Werten, die sich in uns längst festgekrallt haben. Man kann nicht einfach eine Schublade ziehen, wie Cabernet, wie Pinot, wie Malbec, wie…. (was auch immer)…. Man muss eine neue Schublade füllen, die Saperavi-Schublade. Ich habe auf dieser Reise immerhin knapp zwei Wochen dafür Zeit. Die ersten paar Erfahrungen hineingelegt: Farbe: dunkles, kräftiges Rot. Säure: noch sehr dominierend (drei Jahre für Ausbau und Lagerung sind offensichtlich zu wenig). Aromen: dezent, nicht aufdringlich, mitunter diffus. Süsse: zwar trocken, aber eher zur leichten Süsse neigend. 

15. Mai 2017

 

Tenuta Argentiera: Villa Donoratico Bolgheri 2013, Maremma / Toscana, Italien

 

Ein guter Freund, der gute Weine liebt und sich in der Toscana gut auskennt (dort lebt er halbzeitlich) hat die Flasche mitgebracht, als er kürzlich – seit sehr, sehr langer Zeit – wieder einmal zu Besuch war, natürlich mit der obligaten Frage (an den Weinfreak): «…und, was meinst Du dazu?» Vorerst meinte ich nichts, denn ich wollte den Wein später – in aller Ruhe, ohne Fragendruck – geniessen und ein «getrunken» dazu scheiben.

Bolgheri lese ich auf der Etikette. Bolgheri, das ist doch die Heimat der super-toscans, der Solaia, Ornelleia, Sassicaia, Masseto, Tignanello und wie sie alle heissen. Vor zwei Wochen habe ich hier - im «getrunken» - zufällig die Geschichte eines Weins aus Bolgheri erzählt hier nachzulesen, meine Geschichte. Ich kann also verzichten, meine «gespaltene» Beziehung zu den Supertoskanern nochmals darzulegen, meine «Hassliebe» zu erklären, die gepaart ist mit bescheidenen Kenntnissen der aktuellen Wein-Situation in der Maremma. Hingegen sagt mir «Maremma» viel.

Es ist der gleich Freund, mit dem ich vor vierzig Jahren zum ersten Mal Weinbauern in der Toskana besucht habe. Wir kauften offene Weine, abgefüllt in Kanistern, direkt in der Küche oder der Gutenstube der Landwirte. Dann füllten – was wir nicht in den nächsten Tagen und Wochen getrunken haben – in Flaschen, verschlossen diese mit Paraffinöl (und lose eingestecktem Korken). Wenn wir später den Wein trinken wollten, mussten wir mit einem speziellen «Sauger» das Öl wieder entfernen. Dieser Saugnapf liegt noch in meinem Keller: längst nicht mehr gebraucht, ein Souvenir. Die Weine von damals, sie kamen uns wie Juwelen vor, auch wenn sie «sauer» (oder was auch immer) waren. Warum? Wohl weil sie – auch in ihrer Bescheidenheit – viel mehr als «einfach nur Weine» waren: nämlich auch Landschaft, Italianità, Sonne, Traum, Sehnsucht… Wein hat immer etwas mit dem Land, der Gegend, dem Ort zu tun, wo die Reben wachsen. «Terroir», heisst dies in der Weinsprache, der Begriff lässt sich nicht so einfach fassen, er ist so modisch wie diffus. In ihm liegt auch die Subjektivität des Erlebens, in diesem Fall das der südlichen Toskana, der Maremma. All das taucht auf, beim Trinken des Weins, – zusammen mit vielen «vergessenen» Erinnerungen: gepflügten Feldern, auf denen wir Scherben der Etrusker suchten (und fanden) - Strassen, welche die «alten Römer» gebaut haben - stolzen Pappelalleen - die rauchenden Schlote von Piombino - das Meer in dem die Sonne versinkt - die Rebberge mit Sangiovese-Reben, die oft wilder war als der Wein…
Bruchstücke einer Landschaft, einer Erinnerung - diese mögen, in die Jahre gekommen, nicht mehr ganz richtig sein – doch sie sind im Wein, auch in diesem Wein, auch wenn er nichts mehr mit dem Wein von damals zu tun hat: Da hat sich unglaublich viel getan. Es ist eine Assemblage von Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot, ein «klassischer» Bordeaux also, ein Supertoskaner eben. Es ist bereits der zweite Wein der gleichen Art, den ich kurz hintereinander im Glas habe, und es ist eine zweite Geschichte, die in der Weinsprache etwa so formuliert wird: rot, fröhliches Rubinrot, Rosmarin, Lorbeer, Salbei (mein Kräutergarten liegt vor mir), Würze, Pflaumen, Tomaten getrocknet… nachzulesen in Weinbeschreibungen. Für mich ist der Wein etwas zu jung, etwas zickig im Trinkfluss, zwar strebt er einer erahnbaren Harmonie entgegen, er ist leicht bitter im Abgang, dies gehört wohl zu seiner Zickigkeit. Es ist ein Wein der modernen Toskana, die nur noch in meinem Kopf so ist wie einst, wo zwar noch vieles alt ist, aber auch modern, anders, nicht nur bei den Rebsorten und der Art, wie Wein gemacht und vermarktet wird. Geblieben ist eine Landschaft, ein Klima, ein Terroir, wo nicht nur teure (und superteure) Weine gemacht werden, sondern auch gute, durchaus auch sehr gute, wie dieser hier in meinem Glas.

09. Mai 2017

 

Château Mukhrani: Saperavi 1914, Mtskheta, Georgien

 

Georgien, das Mekka des wieder entdeckten Weins, Saperavi die wenig bekannte georgisch-autochthonische Rebsorte, ein halbes Dutzend Vorzeige-Weingüter, unter ihnen Mukharani – und fast immer auch Schuchmann, Vinoterra, Alawerdi (Klosterweinkeller)… Weine aus Georgien sind im Gespräch. Wein-Enthusiasten buchen – wenn sie noch etwas Pioniergeist haben – eine Weinreise nach Georgien, ins Ursprungsland des Weins. Meist wird das Nachbarland Armenien gleich noch mitgebucht. Die beiden Länder im Kaukasus streiten ja um das Vorrecht, die älteste Weingegend der Welt zu sein.

Mukharani verkörpert das Neu-Georgien, sowohl in Bezug auf den Wein, als auch auf den Prunk, den Anspruch einem Bordeaux-Château ebenbürtig zu sein. Eingespielt, geschliffen, auf Weintouristen ausgerichtet, «prächtiglich». Die Führung durch den Weinkeller – natürlich in englisch – ist reine Routine. Bemessen die Zeit, bemessen der Ausschank, bemessen die Information. Alles unpersönlich, Routine. Da nähert man sich schon – für einen ganz kurzen Moment – dem routinierten Brimborium in Bordeaux.
Für mich ist es der erste Besuch eines georgischen Weingutes, sauber, gepflegt, präsentativ, seelenlos. Der Prunk ist wichtiger als die Reben, wichtiger sogar als der Wein. Man spricht zwar von Amphorenweinen, zeigt alte Amphoren
(Qvevri), – erklärt die uralte georgische Methode, Wein auszubauen, beruft sich auf alte Dokumente (nachdem die neuen Inoxtanks mit elektronischer Steuerung vorgeführt wurden) und ist besonders stolz auf den Barrique-Keller.
Genau so sind die eingeschenkten Weine (weiss, rosé und rot), stolz, sauber, seelenlos. Die Eigenheiten der Seperavi-Trauben werden in einer Art von «internationalem Geschmack» erstickt. Die Eigenständigkeit – sowohl in den Rebsorten, als auch im Ausbau, wie im Terroir – muss gesucht werden. In der kurzen Degustation – die Zeit war akribisch eingeteilt – habe ich sie jedenfalls nicht gefunden.
Die Beschreibung fast wörtlich so vorgetragen (und nachzulesen auf dem Internet-Portal des Weingutes) ist weit blumiger als der Wein und könnte (fast)genauso auf viele ordentlich gemachte Weine der Welt übertragen werden: «Colour of opulent ruby. Bouquet of black mulberry, blackberry and cherry. Palate echoes with soft oak. Exuberant, yet velvety tannins are well balanced within the entire structure. The wine has excellent expressed vinosity. With age it may develop diamond-crystalline deposits, further showing its noble origin and revered handling.»
Ob der Wein «reinsortig» ist weiss ich nicht, oder eine Cuvée (mit Cabernet). Jedenfalls gibt es auch den als Assemblage Saperavi-Cabernet deklarierten Wein. Dieser ist in der Schweiz erhältlich (um 15 CHF) und wird wohl noch "internationaler" sein.

Dazu ein kurzer Bericht des ZDF vom 31. Mai 2017

08. Mai 2017

 

Azienda Agricola Castello di Bolgheri: Bolgheri Superiore 2012, Supertoskaner, Toskana, Italien

 

Wenn ich ganz ehrlich bin: den Supertoskanern gehe ich eher aus dem Weg. Nicht allein weil sie (zu) teuer sind, nicht weil ich sie mir nicht schmecken, nicht weil ich die Rebsorten nicht mag… Vielleicht aber weil sie Fremde sind - im fremden Land. Eigentlich «Bordeaux-Blends» - und erst noch der höchstbenoteten Garde – doch irgendwie «künstlich» zu dem gemacht, was sie heute repräsentieren: Kult. International bestens vermarktbarer Kult. «Die Bezeichnung wurde durch den anglo-amerikanischen Weinjournalismus geprägt und bezeichnet, da es dafür kein einheitliches Weinprofil gibt, eher ein Marktsegment, das im Italienischen Supertuscan genannt wird.» (Quelle: google). Als Bordeaux-Liebhaber und -Sammler müssten mir zwar die sorgfältig gemachten Superweine zusagen, ja begeistern. Sie tun es nicht, weil ich «die Mache» auf Schritt und Tritt zu spüren glaubwe. Oberstes Leitbild: Toll im Geschmack, toll in der Vermarktung. Mir fehlen bisher fast immer die Ecken und Kanten, das Terroir oder die Typizität ihrer Herkunft.

Wenn ich den Wein trotzdem gekauft habe und getrunken habe – und sogar mit einigem Vergnügen – dann ist es vor allem die Geschichte, meine Geschichte zu diesem Wein. Für die letzte Degustation – alles Weine aus Bordeaux – suchte ich für jede Runde einen «Piraten», einen Bordeaux-Blend, der aber nicht aus Bordeaux kommt. Ein Weinhändler meines Vertrauens empfahl mir diesen Wein und der Preis um 50 Franken schien mir auch recht passabel. Nicht lange gefackelt und eingestellt, in eine Runde - die «höchste» der vier Runden – alles Mouton Rothschild (unterschiedlichen Alters). Der Wein fiel nicht ab – vielleicht auf, weil er der jüngste war. Sonst wurde er durchaus mit den Moutons etwa gleichgesetzt, trotz des unglaublichen Preisunterschieds (es war eine Blindprobe mit Freunden, keinen speziellen Weinkennern).

 

Und jetzt, wenige Wochen nach der Probe, habe ich eine zweite Flasche geöffnet, die ganze Flasche für uns zwei allein. Und? Der erste Eindruck – diesmal ohne Vergleich – hat sich bestätigt und ein Stück Vorurteile gegenüber den Supertokanern (Supertuscan) abgetragen. Er hat zwar viel von dem, was man von diesen Weinen erwartet:  sehr dunkel, fast schwarz, viel Frucht, Kirschen, Holunder, sogar Minze, etwas körnige Tanine, Vanille (wohl vom Fassausbau). Dies alles und noch einiges mehr kann gesagt werden. Trotz seiner Jugend ist er einigermassen harmonisch, aber kraftvoll, eher «kämpferisch» als elegant. Was mich zumindest mit diesem Supertoskaner versöhnt hat, das sind die leichten «Ecken und Kanten», die den Wein vom uniformierten «internationalen Geschmack» abheben. Es sind die Spuren von dem, was man als Terroir bezeichnet, als Komponente, die nicht aus dem Keller kommt, sondern aus dem Rebberg, der ja nicht im Bordelais, sondern in Italien liegt.

30. April 2017

 

Namenloser Hauswein bei einer Familie in Kasbegi/Stepantsminda, Rebsorte Rkaziteli, Georgien

 

Dieser Hauswein, der zu einem einheimischen, typischen Essen bei einer Familie serviert wurde, gehört zu meinen interessantesten Weinerfahrungen in Georgien. Und es war in der kurzen Zeit – trotz Dolmetscherin – nicht viel mehr zu erfahren, als dass es sich um einen einfachen Wein handelt, wie er hier in den Bergen der Georgischen Heerstrasse in fast jeder Familie getrunken wird, gekeltert aus einer autochthonen Rebsorte namens Rkaziteli. Auf unserer Reise durch Georgien und Armenien habe ich noch einige Male Weine aus der gleichen Rebsorte getrunken, viel feinere, viel klarere, viel «bessere» Weissweine. Keiner hatte eine so orange Farbe, keiner schmeckte so anders und keiner faszinierte mich mehr, als dieser – ich möchte fast sagen – «Antiwein». Er wurde aus Krügen ausgeschenkt, war – wie gesagt – fast orange und entwickelte vor allem im Gaumen ein Aroma zwischen überreifen Früchten, Dörrobst und «Gemüsesuppe». Dies klingt für eine Weinbeschreibung mehr als exotisch, beinahe schon abschreckend. Zuerst vermutete ich – unvorbereitet wie ich war – dass er nicht aus Trauben, vielmehr aus einer anderen Frucht oder Beere gemacht sei. Doch ich wurde belehrt: Trauben der Rebe Rkaziteli auf der Maische vergoren. Ein uraltes traditionelles Keltern im Weinland Georgien, ob in Amphoren oder nicht, konnte man mir nicht sagen. Da aber gingen mir plötzlich die Augen auf: Orangewein! Ich habe schon ab und zu Orange-Weine verkostet, doch keiner hat mir bisher wirklich gefallen. Sie schienen mir immer «gewalttätig» anders, bewusst ursprünglich gemacht zu sein, in Amphoren und/oder anderen «Naturmethoden».  Hier schmeckte mir der Wein, auch wenn er anders war, durchaus eine Spur «gemüsesuppig». Lag es an der Situation, am sehr an der Natur orientierten Essen, an der wilden Berglandschaft, den Menschen und ihren Lebensumstände? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich mir diese Art von «Orange-Wein» gerne gefallen lasse. Ich weiss nur, dass ich von dem Augenblick an (es war der dritte Tag in Georgien) für diesen «anderen» Wein, man mag ihn als «Orange-Wein» bezeichnen, interessierte. Sowohl auf unserer Reise zwischen dem Kleinen und Grossen Kaukasus. Und auch jetzt, seit meiner Rückkehr in vertraute Weinländer, wo offensichtlich versucht wird, mit sogenannten «Naturweinen», etwas nachzubilden, was andernorts (vor allem aus wirtschaftlichen und technischen Gegebenheiten) nicht das Ausserordentliche, vielmehr das Alltägliche ist.   

16. April 2017 

 

Podere la Regola: La Regola ITG 2006, Montescudaio, Toskana, Italien

 

 

Ein sogenannter «Bordeaux-Blend» oder «Supertoskaner», der jetzt zehn jährig ist. Eigentlich müsste er auf dem Höhepunkt seiner Trinkreife sein. Müsste! Er ist es aber nicht; er ist schon auf dem Weg des Abstiegs. Ein Phänomen, das ich schon öfters bei Toskanern mit den typischen Rebsorten aus dem Bordelais (85% Cabernet Franc, 10% Merlot, 5% Petit Verdot) beobachten konnte. Nur eine «schwache» Flasche? Oder verabschiedet sich der Jahrgang 2006 bereits? Ich wage da kein Urteil, denn eine Einzelflasche liefert noch keinen generellen Beweis. Doch meine Erfahrungen mit den Bordeaux-Toskanern sind verblüffend ähnlich: zuerst kräftig, frisch, fruchtig, dicht. Dann reif bis überreich, durchaus etwas geschmeidiger, verbindlicher, harmonischer, um schon bald – nach etwa 10 Jahren – ihre Kraft und Einzigartigkeit zu verlieren, austauschbar, wenig ausdrucksstark zu werden. Nun, La Regula, gehört nicht zu den ganz grossen und teuren Toskanern, erhält aber meist mehr als 90 Parkerpunkte und präsentiert sich selbstbewusst und stolz.  Sind es nur meine Vorurteile gegenüber den – meines Erachtens - überschätzten Toskanern oder ist Sangiovese doch die «glücklichere» Rebsorte in einem Gebiet, in der schon die Etrusker Wein gemacht haben? Jedenfalls ist das Erlebnis wie ein «déjà-vu»: Ein einst strammer Fremder in einem eigentlich für ihn fremden Land. Noch blitzt ein Stück seiner beeindruckenden Erscheinung durch, noch kann man etwas von seiner einstigen Energie erahnen. Doch der Fremde - im fremden Land - ist müde geworden. 

12. April 2017

 

Fritz und Liselotte Murer, Rüsselhof Rapperswil-Jona: Lenggiser 2015, Clevner,  Kümin Weinbau Freienbach (SZ), Schweiz 

 

Mein Leben als Weinliebhaber hat damit begonnen, mit dem «Clevner» vom Zürichsee. Ich wusste noch wenig von Rebsorten, Rebgebieten, der Weinsprache oder -sensorik. Der «Clevner» war einfach ein «fröhlicher» Wein, der gut zu trinken war und den ich gerne hatte. Meine Bekannten, die etwas mehr über Wein wussten, sprachen vom Landwein, vom Spätburgundern, vom einfachen Weinen, von einem typischen Zürichsee-Wein. Als man dann in den 70er Jahren in unserer damals noch sehr länglichen Gemeinde begonnen hat, alter Rebhänge wieder zu bestocken, da begann ich, mir vertraute Flurnamen mit Wein in Verbindung zu bringen: «Höcklistein», «Curtiberg», «Rüssel» oder «Lenggis». Zehn Jahre wohnte ich im Lenggis, dem damals neu erschlossenen Wohngebiet über dem Zürichsee mit Blick auf das Schloss Rapperswil, den Schwyzer Hausberg «Etzel» und (bei schönem Wetter)  bis zu den Bergen der Zentralschweiz.  Damit bekamen die «wieder erschaffenen Landweine» unserer Gemeinde eine neue Bedeutung: sie wurden zur Heimat, zur Heimat im Wein. Das blieb ein paar Jahre so, bis sich mein Weininteresse globalisierte: von Spanien bis Saale, von Bordeaux bis zum Neusiedlersee, vom Nappa- bis zum Barossa-Vallye. Das «Heimatgefühle» beim oder im Wein ging verloren. Der «Clevner» war eher Nostalgie als Wein.

Nach Jahren habe ich nun wieder einmal einen dieser «Heimatweine» getrunken, in unserer Dorfbeiz, nicht mehr in der Gemeinde; wo er – der Lenggiser – herkommt. Nicht mehr im Lenggis, mit dem Blick auf den Zürichsee, nicht mehr mit der Naivität eines angehenden Weintrinkers. Der Wein atmet nicht mehr Heimat, er birgt bestenfalls einen Rest an Erinnerungen. Da füllte sich der etwas in Verruf geratene Begriff «Landwein» plötzlich mit Lust, Freude, Trinkspass… ohne jeglichen Ehrgeiz im Kampf um die Weinspitze mitzutun, ohne Anspruch auf Parker-, Gabriel- oder weiss ich nicht welche Punkte. Ein einfacher Wein halt doch. Doch es wurde mir bewusst, dass auch das scheinbar Einfache, gut sein kann, Spass machen kann und – wenn der Wein harmonisch ist, wie hier – sich zum Weingenuss erhebt.

30. März 2017

 

Bodegas Escorihuela Gascón: 1881-Estate-Crown 2016, Malbec, Mendoza, Argentinien

 

Argentinien, ein altes, ein uraltes Weingebiet. Es waren die Kolonialherren aus Spanien, die im 16. Jahrhundert den Wein auf den damals noch jungen Kontinent brachten. Aber - dies darf nicht vergessen werden – auch die Ureinwohner, die Inkas, haben zum Gedeihen des Weinbaus in Argentinien beigetragen. Wohl kaum als Winzer, vielmehr als «Ingenieure» eines Bewässerungs-Systems, das die Landwirtschaft – vor allem auch in Mendoza – erst möglich machte. Und so ist dann die Provinz Mendoza, am Fuss der Anden, zum Zentrum des argentinischen Weinbaus geworden. 80 Prozent der Weinproduktion des Landes kommt aus dieser Gegend. Doch im internationalen Wein-Wettstreit hat der argentinische Wein – bis vor etwa 20 Jahren – kaum Bedeutung. Man hat, wie in so vielen grossen Weingebieten, auch hier den einfachen Massenwein (Vino de mesa) produziert, für die es auf dem internationalen Markt keinen Platz gab. Erst als der inländische Weinmarkt in Argentinien zusammenbrach (in den 90er Jahren), hat man sich auf den Export besonnen und entsprechende Massnahmen (zum Beispiel Reduktion der Rebbepflanzung – bis zu 80 Prozent auf der gleichen Fläche) eingeleitet. Umso erstaunlicher ist die Jahreszahl 1884, die auf dem Etikett dieser Flasche prangt. Warum das Pochen auf historische Wurzeln – noch heute? Nachzulesen, wo immer dieser Wein angeboten wird: «1880 kam Don Miguel Escorihuela Gascón im Alter von 19 Jahren aus seiner Heimat Aragón in Spanien nach Argentinien. Vier Jahre später hatte er es bereits geschafft, 42 Hektar Land zu kaufen, Weinreben anzupflanzen und eine Weinkellerei zu bauen. Don Miguel und seine Nachfahren wurden in Argentinien berühmt für ihre hervorragenden Weine und ihre aussergewöhnlichen Werke.» Na, ja! Berühmt, vielleicht als Wirtschaftsfaktor in Argentinien, aber international? Auch da ist die Verankerung erst in den letzten zwanzig Jahren möglich geworden. Tradition und Geschichte ist deshalb eher Folklore. Der Wein – zumindest dieser Wein – präsentiert sich (im Preissegment von 15 bis 20 Franken) als ausgezeichneter Gastrowein. Als Malbec zwar eigenständig und vielleicht sogar eigenwillig, im Stil aber nicht jener alkoholstarke, «schwarze» Wein, dem man meist unter dem Siegel "Malbec" (der Spitzenklasse) vorgesetzt bekommt. Dieser Malbec ist gefälliger, sanfter, versöhnlicher, flüssiger (Trikfluss) als die meisten Malbecs und doch entzieht er sich der Geschmacksnivelierung so mancher – nein so vieler Gastroweinen. 

23. März 2017

 

Dieter Meier - Ojo de Agua:
Malbec 2007, Mendoza, Argentinien

 

 

«Ein Hansdampf in allen Gassen, sei er», sagt Dieter Meier mitunter von sich selber: Winzer, Musiker, Poker-Spieler, Unternehmer, Performance-Künstler, Frontman von Yellow, Investor, Gastronom, Farmer, Herr über 10'000 Rinder… Ja, er macht und machte vieles; von all dem etwas, aber so gut, dass es meist rentiert. Auch beim Wein?  Bio-Wein, natürlich! Und zwar bevor die grosse Bio-Wein-Welle über uns hereingebrochen ist. Wenn ich an argentinische Weine denke, dann – welch ein Wunder – kommt mir Malbec in den Sinn und Holz, viel Holz. Malbec ist – zu Recht – die Traube Argentiniens. Das Klima sei dafür geschaffen, sagt man. Eigentlich ist Malbec - unter dem Namen «Côt» - eine französische Rebsorte, die für den «schwarzen» Cahor verantwortlich ist: fruchtig, pflaumig, tabakig, bitterschockoladig, wachholdrig… Und der Malbec aus Dieter Meiers Weingut in Mendoza? Solche Pauschalcharakterisierungen sind ihm nicht abzusprechen. Doch sie präsentieren sich in einer Grandezza von Charme, von Eindeutigkeit und Bestimmtheit. Bei aller Üppigkeit, ein eleganter Wein, der sagt, was er ist, sein will: vielleicht ein Tausendsassa, wie sein Schirmherr, von allem etwas, aber im Grunde genommen „ehrlich“; vor allem nicht von Holz erschlagen, wie es so manche argentinischen Weine sind und in guter Harmonie. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Wein schon fast zehn Jahre in der Flasche ist; vielleicht, weil er zu den frühen Jahrgängen des Weingut gehört; vielleicht, weil ich – auf Grund des Rauschens im Blätterwald – einen anderen, viel raueren, viel „gepressteren“, vielleicht sogar auf Natürlichkeit gestylten Wein erwartet habe; in einer Art Scheinzwangslosigkeit und gefällig. Gefällig ist er, aber gar nicht im meist negativen Sinn. Vielmehr: er hat mir gefallen.  

20. März 2017

  

Kellerei Meran und Burggräfler: Graf von Meran 2014, Merlot-Lagrein, DOC Südtirol Selektion, Italien

 

Auf der Such nach Neuem – das heisst für mich noch unbekannten Weinerlebnissen – stosse ich immer mal wieder auf Weine, die ausserhalb meines sensorischen Erfahrungsschatzes lieben. Zwar kenne ich in der Regel die Gegenden, die Rebsorten, ab und zu sogar den Namen des Winzers oder des Betriebs. Das alles ist heute ja in der breiten „Weinliteratur“ nachzulesen, zu ergooglen oder zumindest bei Weinfreunden oder Händlern zu erfragen. So zum Beispiel auch bei diesem Wein aus dem Südtirol. Er kam eigentlich nur in meinen Keller, in mein Glas, weil ich – immer, wenn ich ein Weingeschäft aufsuche – nach Neuheiten frage: Neue Jahrgänge, neue Winzer, neue Weine …. Diesen „Grafen“ kannte ich nicht, zumal Südtirol – für mich ganz persönlich – ziemlich abseits meiner Weinwelt liegt, geografisch zwar nicht fern, als Weingegend aber von mir eher unbetreten. Wenn ein Wein zudem noch aus einer Genossenschaftskellerei kommt, dann geht mir – so urteile ich unbesehen - jene Individualität verloren, die ich immer wieder suche. Ich denke unwillkürlich an Grossproduktionen, an Weine, die dem vorherrschenden Weingeschmack nahekommen und sich auch international vermarkten lassen. Das muss nicht schlecht sein, doch es kann in der Regel den Weinfreak nicht kitzeln. Ja, dieser Graf ist so: kräftig, mit viel Aromen, fruchtig, rauch-holzig, erdig, saftig: ein Kraftwein. Kein Leichtgewicht, eher ein elegantes Schwergewicht, das aber mit Gefälligkeit nicht aneckt und bis in den langen Abgang hinein überzeugt. Aber eben: wo ist die Individualität, die Originalität, wo ist das vielbeschworene Terroir? Nicht jeder Weingeniesser braucht dies, ich aber schon, immer mehr. Die Eintönigkeit – bis hinein in die Bordeaux – wo es nur noch um Nuancen in den Unterschieden geht – langweilt mich. Man merkt dies vielleicht auch daran, dass ich immer seltener Notizen im „Getrunken“ schreibe. Die Geschichten gehen aus. Ein Wein aber ohne Geschichte ist für mich langweilig, stumm, erzählarm, oder – weit häufiger noch – eingebettet in eine technische Welt. Man macht Weine mit immer mehr Hilfsmitteln, in modernsten Kellern, in  technisch totalüberwachter Produktion, vom Wachsen im Weinberg bis zur Flaschenabfüllung (und darüber hinaus). Und trotzdem: ich drücke hier zwei Augen zu, weil der Wein der Gefälligkeit weitgehend entgeht; weil er das ist, was er sein will: stolz, bestimmt, nobel. Mit einer Noblesse, der man gerne wieder begegnet und aufsucht. Zumal der Anteil der Rebsorte Lagrein (30%) dem Wein etwas von der Individualität geben kann, die weit über die Merlot-Traube (ca. 70%) hinaus geht und sich sensorisch - für mich - neuen, andere Räumen öffnet. Nicht nur in der Kraft und Eleganz: auch im Charakter und in der Kultur, der Weinkultur!

12. März 2017

 

Château Haut-Brion 1997, Pessac-Leognan, Bordeaux, Frankreich

 

Eines meiner  Hobbies war es, meist auf Auktionen, hochdotierte Weine aus sogenannt «schwachen» Jahrgängen zu kaufen, meist, weil sie in einer bestimmten Phase (im Handel) nur noch schlecht zu verkaufen waren und deshalb oft sehr günstig «abgestossen» wurden. Bordeaux-Weine des Jahrgangs 1997 sind so Beispiele. Anfänglich (in der Subskription) stark überteuert, dann nach acht bis zehn Jahren, kaum mehr «verkäuflich» und zum Teil zu «Schleuderpreisen» auf den Markt geworfen. Wer kauft schon einen Top-Wein eines schwachen Jahrgangs, wenn dafür der Marktpreise wie für einen weit besseren Jahrgänge des entsprechenden Châteaux zu bezahlt ist ? Für einen Kauf gibt es ganz andere Gründe. Zum Beispiel eine Erinnerung, Geburtstage, Jahrgangsvergleiche etc. Deshalb habe ich an Auktionen oft zugeschlagen – wenn ein bestimmter Jahrgang in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine besondere Bedeutung hat. Die Tochter meines Freundes hat den Jahrgang 1997, also…

Also habe ich vor Jahren bei einer günstigen Gelegenheit eine Flasche Haut-Brion ersteigert und diese irgendwann dem Freund – oder seiner Tochter – geschenkt. Jetzt ist die Tochter 20 geworden. Bei einer Einladung zu ihren Ehren wurde der 97er Haut-Brion geöffnet. Inzwischen ist sein Preis – er ist jetzt ein typischer und mitunter sogar gesuchter Geburtstags- oder «Jahrgangs»-Wein – wieder beträchtlich gestiege, so um 400 bis 500 Franken sind jetzt zu bezahlen. Also keine Flasche, die man mir-nichts, dir-nichts öffnet. Doch als Gast der kleinen «Geburtstagsfeier» durfte ich den Wein «mitgeniessen». Und es war – allen Unkenrufen zum Trotz - ein Genuss. Eine feste Regel mag zwar stimmen: schwache Jahrgänge sollte man früh trinken und nicht erst nach zwanzig Jahren. Vielleicht stimmt auch das, was Weinkritiker in Sachen Abbau eines schwachen Jahrgangs zwangsläufig feststellen (feststellen müssen, wenn sie glaubwürdig sein wollen). Ein solcher Wein hat nicht gut zu sein. Basta! «Höchste Zeit, wenn man hier noch etwas erleben will. Bei Einschenken war das Bouquet ziemlich gross. Dann gings bergab. Zuerst in der Nase, dann zerbröckelte der Gaumen wie ein Kartenhaus», verkündete René Gabriel. Das zusammengebrochene Kartenhaus konnten wir – beim besten Willen – nicht entdecken. Da war ein Wein im Glas, der noch präsent ist, würzig, sogar mit einer guten Portion Frucht, mit einer warmen, erdigen Süsse im Abgang, mit einem etwas dumpfen Bouquet, Leder- und Edelholznoten, Rosinen und Lakritze… Waren wir – die Mehrheit der Runde bezeichnet sich als Weinfreaks («Amateurs du Vin») – so blöd, etwas festzustellen, was nicht (mehr) vorhanden ist? Auch bei Berücksichtigung der Umstände (Feier rund um einen Geburtstag, hervorragendes Essen, gute Stimmung) kann ich nicht nachvollziehen, dass dieser Wein abgestiegen sein soll, abgewirtschaftet von einst 18/20 zu 15/20 Punkten, von einem guten zu einem nur noch knapp trinkbaren Wein. Vielleicht ist er etwas anders gworden, entzieht sich ein paar der üblichen Bewertungen, macht aber noch viel Spass. Nicht nur an Geburtstagen.

04. März 2017

 

Domaine du Mas des Armes: Perspektives 2014, IGP (Indication Géographique Protégée) Pays de l'Hérault, Languedoc, Frankreich

 

Immer häufiger tauchen sie auf, die IPG-Weine, auch im Weingebiet der Languedoc, wo man noch immer – und mit immer mehr Erfolg – auf die Tradition setzt. Die Tradition verlangt  für Weine der höchsten Kategorie AOP (AOP = Appellation d’Origine Protégée – früher AOC = Appellation d’Origine Controlée) bestimmte Rebsorten. Dies sind vor allem Syrah, Mourvèdre, Grenache, Carignan und Cinsault (und zwar zu einem bestimmten Mindestanteil). Die Weine aus den verschiedenen Appellationen im Languedoc, welche die Bezeichnung AOP (AOC) tragen, sind denn auch mehrheitlich Cuvées aus drei bis fünf dieser Rebsorten. Dadurch – und die vorgeschriebenen Produktionsbedingungen - haben sie auch einen eigenen Charakter, eine eigene Originalität und Identität. Nun gibt es aber auch immer mehr Winzer – auch Spitzenwinzer – die den Anschluss an international dominierenden „Weingeschmack“ nicht  verlieren, der immer stärker von den Rebsorten Cabernet Sauvignon und Merlot (Bordeaux-Blend) geprägt ist. Deshalb gibt es seit 2009 die Bezeichnung IPG als „geschützte geografische Angabe“, welche die Herkunft aus der Region (oder Appellation) garantieren, den Produzenten aber mehr Freiheiten lassen in den Rebsorten, beim Anbau und bei der Vinifikation. So haben denn IPG-Weine im Languedoc vor allem Cabernet Sauvignon und Merlot in ihren Assemblagen. So auch hier: 40% Syrah, 20% Grenache, 20% Cabernet Sauvignon, 20% Merlot. Kompliziert? Ja, aber nur für die, die es genau wissen möchten. Der Weinliebhaber urteilt auf Grund seiner Vorlieben: eher traditionell oder internationaler. Südfranzosen sind es allemal, auch wenn die Vorschriften gelockert sind. Dieser „Perspektives“ hat zwar etwas von den sonst prägenden Eigenschaften verloren, dafür an Akzeptanz, an Trinkfluss, an Verbindlichkeit gewonnen. Der Wein verleugnet seine Herkunft nicht- im Gegenteil –doch er ist für viele WeinliebhaberInnen nicht mehr der Aussenseiter. Er reiht sich mühelos ein, in die Kategorie gern getrunkener Terroir-Weine.

26. Februar 2017

 

Château Valcyre Gaffinel:  Benezech Grand Cuvée 2013, Pic Saint Loup, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

Es gibt Weine, die gefallen – schon beim ersten Schluck. Sie sind geschmeidig, fühlig, angenehm, verbindlich. Kurzum, die Versuchung ist nahe, ihn als Schmeichler zu bezeichnen. An diesem Begriff haftet ein schlechter Ruf, weil er – laut Definition -  „in übertriebener Weise Komplimente macht, nur  Gutes sagt, um sich Wohlwollen und Zuneigung zu sichern.“ Kein Wunder, dass schmeichelnde Weine, zwar gern getrunken, aber von Weinliebhabern meist mit Verachtung bestraft werden. Ein Schmeichler! Man ist ihm gegenüber voll Argwohn und unterstellt ihm sehr rasch einmal, mit unredlichen Absichten oder unehrlichen Argumenten zu operieren. Dieser Wein ist ein Schmeichler, aber weder mit unredlichen Absichten noch unehrlichen Argumenten. Vielleicht – das kann man ihm unterstellen – ist es kein typischer Languedoc-Wein, schon eher Rhone orientiert. Viel Syrah, so vermute ich, und wenig der „klassischen“ vier Languedoc-Rebsorten, die mit ihren unterschiedlichen Anteilen so etwas wie eine Verbindlichkeit von Languedoc ausmachen und stark der Tradition verpflichtet sind. Tatsächlich besteht diese Grand Cuvée nur aus zwei Rebsorten, Syrah zu 80%, Grenache zu 20%. Ein moderner Wein, der mit der Cabernet-Sauvignon/Merlot-Welle mithalten kann und doch kein Schmeichler ist; kein Allerweltswein, der überall gemacht werden könnte. Er steht zu seiner Herkunft, zu seinem Terroir, zu seiner Heimat an der Sonne. In diesem Fall ist Charmeur – oder eben Schmeichler – kein Schimpfwort, sondern Ausdruck echter Zuneigung zum Weinliebhaber.

17. Februar 2017

 

Château du Tertre 1986, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Irgendwann macht man immer mal wieder – auch als Weinfreak – einen Fehler. Man kauft oder ersteigert einen Wein, den man gar nicht kaufen oder ersteigern wollte. Die Hand zu lange oben gehalten, zu wenig aufmerksam gewesen, die Übersicht verloren oder was auch immer… Jedenfalls ist es mir wieder einmal so ergangen bei diesem Wein. Eigentlich konzentrierte ich mich auf das nächste Lot – den Tertre Rôteboeuf – sah plötzlich den ausgezeichneten Jahrgang 1986 bei Du Tertre, überlegte mir was Gabriel oder Parker wohl dazu geschrieben haben, und schon – tagg - der Hammer ist gefallen, die Kiste «Du Tertre» ist mein. Pech gehabt oder Glück? Weder noch! Den Tertre Rôteboeuf hat man mir noch zugesprochen, den einfacheren Tertre habe ich rasch vergessen. Unkosten eines allzu neugierigen und voreiligen Weinliebhabers. Jetzt – bald ein halbes Jahr später – ist die erste der Flaschen offen und der Wein im Glas. Keine Enttäuschung, weil ich nichts (oder nicht viel) erwartet habe. Aber auch kein Hochgefühl, weil der Wein – nach dreissig Jahren – nicht mehr viel Kraft besitzt. Durchaus noch würzig, ein eleganter Körper und eine bestimmte Art von Überreife. René Gabriel sieht es viel drastischer: «Zum Essen passabel, aber weit weg vom Stand von heute.» Magere 14 Punkte. Dies ist der Moment, wo mich ein Wein zu wieder zu interessieren beginnt. Fakten oder Vorurteile? Wohl beides. Tatsächlich gehörte das Weingut damals noch zum Besitz von Calon-Ségur, wurde vernachlässigt und fristete einen Dornröschenschlaf. Erst gut zehn Jahre später wurde es und sein Wein «geweckt», durch einen neuen Besitzer, dem auch Château Giscours gehört. Ein Wein also noch aus der alten Ära. Das kann nicht gut sein! Und wenn der Wein nun doch recht gut ist? Wenn ich auch nach dreissig Jahren noch Frucht erkennen kann; wenn die Mineralik noch klingt und die Eleganz in einen nicht mehr ganz so langen Abgang mündet. Nein, der Wein lebt, hat überlebt, zwar längst nicht mehr an der Spitze – es gibt bessere Altweine – aber durch seine Offenheit und Gefälligkeit. Ohne mein Fehlverhalten hätte ich diese Erfahrung nie gemacht. Das wäre schade.

05. Februar 2017

 

Celler Aixalà I Alcait; Les Civelles de Torroja 2013, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Mein önologischer Feldzug durchs Priorat geht weiter. Angeregt durch durch die Vorbereitung zur nächsten Weinrallye, in der es um Vorurteile geht, habe ich zu diesem Wein gegriffen. Das kolportierte Vorurteil: "Priorat-Rotweine sind alkoholisch und überreif. Mir ist natürlich klar, dass das so nicht wahr sein kann, aber für so einiges, was ich bislang getrunken habe (Val Lllach, Mas d'en Compte), traf es zu." Also muss ich weitermachen mit meinem ganz persönlichen Entdeckungsfeldzug. Eigentlich bin ich immer unterwegs, aber nicht ausschliesslich und allzu oft im Priorat. Es gibt ja so viele gute Weingebiete und so viele Weine und mehr als eine gewisse Dosis hat mir der Arzt längst verboten, zumal ich nur über das schreibe, was ich trinke, und nicht nur degustiere. 

Aus der Degustation bei Torsten Hammer (Priorat-Hammer) habe ich in Erinnerung, dass dieser Wein stark mit dem schwarze Schokolade verbunden ist. Nicht in Bezug auf Süsse, vielmehr im Aromenspiel. Nun - ich gebe es zu - solche schon fast schlagende Anklänge liebe ich nicht. Sie sind mir suspekt, weil sie oft nicht nur mich, sondern auch die Feinheiten eines Wein erschlagen. 100% Samsó - will heissen Carignan - 14%vol. Alkohol, auf dem Papier nicht mein Wein. Und im Glas? In mir findet ein Kampf statt - eine Rebsorte die ich (als Languedoc-ianer) liebe und Power (angefangen bei der tiefschwarzen Farbe), die nicht meinen Vorstellungen eines "filigranen, vielschichtigen" Weins entspricht. Und? Wer oder was hat gesiegt? Bei meiner Frau ist das Urteil eindeutig: toll. Ich hingegen zögere, will mich auf keine (extreme) Seite schlagen. Schliesslich siegt - und das ist nicht bloss Höflichkeit - die Carignan-Liebe. Warum? Weil der Wein mit seinen Talenten spiel; weil zwischen der Üppigkeit eine Frische, die Frucht, feine Mineralik aufblitzt, weil sie mich hin und her jagt im Erleben. Dieses Spielen liebe ich beim Wein. Auch bei jenen aus dem Priorat.

29. Januar 2017

 

Germans Duran: Trosset de Porrera 2011, Priorat Katalonien, Spanien

 

Auf meiner ganz individuellen «Reise » durchs Priorat begegne ich Weinen, die ich inzwischen – zumindest degustationsweise – kenne und, so hoffe ich, auch einigermassen einschätzen kann. Ein faszinierendes Weingebiet beginnt sich allmählich zu entschlüsseln. Doch noch immer brauche ich die Karte, um meine Eindrücke einer fast wöchigen Fahrt (vor gut einem Jahr) – auf und ab, rechts und links – quer durchs Priorat wenigstens geografisch einordnen zu können. Weinmässig haben wir in dieser Woche nicht allzu viel erfahren, denn die Landschaft, die Besonderheiten – bis zum stillgelegten Bergwerk, die Kulturgüter, die Gruppierung von kleinen Dörfern, und immer wieder die Landschaft, haben uns vollauf in Trab gehalten. Auch meine Weinfreunde hier in der Schweiz können mir nicht allzu viel helfen, denn ausser den drei, vier «grossen Namen» ist nicht allzu viel zu erfahren. Torsten Hammers Prioratführer ist mir da eine Hilfe. Aus seinem Angebot – man muss offensichtlich gut 700 Kilometer nordöstlich reisen, um das 1200 Kilometer südwestlich liegende Priorat auch in Bezug auf Weine zu erfassen – stammt dieser Wein. Irgendwie fühle ich mich – bei diesem Wein – «zuhause» hat er doch Berührungspunkte mit einigen Topweinen aus dem Languedoc, meiner zweiten Heimat. Sind es die Rebsorten, ist es das Klima, der Boden, ist es der Schiefer, den ich so erkennen glaube, ist es die Vinifizierung…? Ich weiss es nicht. Oder ist es, weil mir der Wein – so empfinde ich es jedenfalls – eine Geschichte erzählt, oder Geschichten, die nirgends nachzulesen sind ausser in diesem Wein. Oder ist es das Etikett, welches meine Phantasie beflügelt? Jedenfalls ist es ein sinnlicher Wein, so sinnlich, wie ich ihn auf der bisherigen Prioratreise noch nie angetroffen habe. Bisher waren es meist bestimmte Noten (Aromen), oder eine besondere Kraft, oder eine unglaubliche Tiefe, die mich beeindruckten. Hier aber treffe ich auf ein Element, das ich bei vielen guten Weinen vermisse. Das unbeschwerte, aber gehaltvolle Fabulieren.  Ich sehe (im Geist) ein Blumenmeer, aber auch viele Steine, Mineralien, schwarze Früchte und erlebe ganz, ganz in der Ferne Erinnerungen an schwarze Schokolade. Wenn das nicht echte Erzählkunst ist!

24. Januar 2017

 

Finca Ses Talai­o­les: Sestal 2012, Mallorca, Spanien

 

 

Zehn Jahre sind es her, seit ich mich zum ersten – und bisher einzigen Mal – mit der Weinregion Mallorca befasst habe. Weinregion Mallorca? Nicht Ferienort, Ballermann-Rummel oder Sangria-Saufen? Nein, mit Mallorca, einer Insel mit «Qualitätsweinen». Damals war unser Weinfreund «Weinnase» - einer der ersten Internet-Vielschreibern – für ein paar Monate nach Mallorca gezogen und hat von da aus seine Entdeckungen und Einschätzungen uns getan. Zugegeben, ganz so ernst nahmen wir ihn nicht, zumal wir alle wussten, dass «Weinnase» nebst ausgezeichneten Wein-Kenntnissen auch eine blühende Fantasie hat. Wieviel von dem, was er uns alles erzählte, sind eigene Erlebnisse, Erfahrungen oder eben tolle Weingeburten der Phantasie. Jetzt bin ich ihm wieder begegnet, dem Wein aus Mallorca – nicht der «Weinnase», die leider nicht mehr Reisen kann. Der neu entdeckte Wein – eine Entdeckung im strengen Sinn ist es wohl nicht – hat die Fantasie des guten, des ausgezeichneten Mallorca-Weins in die Realität gerückt. «Sestal», verantwortet von einem jungen deutschen Winzer, auf einem alten, aber vor gut zehn Jahren neu hergerichteten Weingut im steinigen, steilen Osten der Insel, kann mit den besten Weinen Spaniens mithalten. Und das heisst etwas: denken wir nur an die aufstrebende Weinregion Kataloniens, das Priorat. Anstatt von Barcelona nach Westen zu fahren, geht es nach Osten – etwa 170 Kilometer übers Meer – zum Ferienparadies Mallorca, zur grössten Insel Spaniens. Abseits des Touristenstroms, dort wo die Hänge zu steil und wohl auch zu heiss sind, wachsen die Reben der Finca Talaioles. Sie wachsen und gedeihen offensichtlich bestens. Der Wein ist kräftig, aber auch geschmeidig, vor allem ausdrucksstark. Auch wenn ich solchen Weinen, die mit ihren grossen Merlot- und Cabernet-Anteilen an Bordeaux erinnern, eher aus dem Weg gehe – zumindest sie doppelt so kritisch wie andere Weine bewerte – hat mich dieser Sestal überzeugt. Vor allem, weil ich – bei aller Geschliffenheit – doch ein gutes Stück Eigenwilligkeit feststelle, ein Stück Persönlichkeit, die ihren Ursprung nicht im Keller, vielmehr im Rebberg hat. Es ist für mich gefühlsmässig eine – wie es das Weingut formuliert – «aus dem Ort hervorgegangene Materialisierung des `Espiritu de Ses Talaioles´»

Sangenis i Vaque      (Foto: Weingut)
Sangenis i Vaque (Foto: Weingut)

17. Januar 2017

 

Sangenis i Vaqué: Clos Monlleò 2005, Garnacha, Cariñena, Poerra, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Jetzt passiert mir das, was vielen passiert, mir vor vielen Jahren immer wieder beim Bordeaux: ein Wein ist zwar schon «alt» - bald zwölf Jahre – aber immer noch zu jung für den vollen Genuss. Dieses «Zu-jung» taucht immer wieder auf - bei Weinbesprechungen. Und es ärgert mich, weil es eigentlich keine Qualitätsbezeichnung ist, sondern den Zustand beschreibt, wie er - meist sehr subjektive wahrgenommen wird. Nicht mehr, als eine Beurteilung von Weingeniessern und -geniesserinnen; nichts anderes als eine Schätzung des Potentials und ein Glaubensbekenntnis in Bezug auf den Wein, dass er noch besser werden kann. Dies ist oft möglich, doch ich habe genauso oft das Gegenteil erlebt. Deshalb bleibe ich gerne bei konkreten Aussage: Der Wein ist jetzt – hier in meinem Glas - grossartig. Dies genügt mir, da brauche ich keine Potentialwertung und keine Superlative wie: «Der Clos Monlleó ist die Krönung aus diesem Weingut von einer hoch gelegenen, kargen Lage. Ein grosser, lagerfähiger Wein mit viel Extrakt, Würze, reifen und geschmeidigen Tanninen», wie ein Schweizer Weinhändler. Ob es die Krönung ist, weiss ich nicht. Ich hasse solche Begriffe, weil sich das Leben (auch der Wein) immer wieder entwickelt und eine «Krönungen» nur ganz selten anstehen. Superlative evozieren immer neue Superlative, schliesslich trinken wir nur noch Superlative, statt guten Wein. Mir genügt ein «guter Wein», wenn er sogar sehr gut is – wie dieser - umso besser. Und wenn es gar der beste ist, dann weiss ich, dass vielleicht schon morgen ein noch besserer daherkommt. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Deshalb bleibe ich lieber bei schlichten Begriffen, wie «viel Extrakt, Würze oder geschmeidige Tannine». Ist alles richtig! Was den Wein aber – für mich - ganz besonders macht, das ist eine Art Würde, Abgeklärtheit, Intensität, Tiefe, und zwar in Nase, Mund und Gaumen. Vielleicht sind dies keine beglaubigten Begriffe in der Nomenklatur der Weinsensorik. Dafür sind es Dinge, die – ob superlativ oder nicht – beim Weingenuss entscheidend sind. Dieser Wein – erstmals im Glas – war für mich deshalb entscheidend gut. Viel besser als so mancher viel teurere Bordeaux, auf dessen Exploit ich – gemäss Potentialprognose – noch immer warte.

10. Januar 2017

 

Weingut Balaguer i Cabré: Lluna Vella 2012, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Ein Baum auf der Weinflasche hat bei uns längst Tradition. Ein von uns geschätzter Alltagsweine (Languedoc) hat einen Baum auf der Etikette (aber keinen Mond) und wird von uns liebevolll als «Bäumliwii» bezeichnet. Ein weiterer «Bäumliwii» hat – zumindest in unserem Herzen – keinen Platz, dachte ich. Natürlich habe ich trotzdem - umso neugieriger - den «neuen Bäumliwii» an der Priorat-Präsentation von Torsten Hammer in Coswig degustiert.  Selbstverständlich skeptisch, denn wer lässt sich schon gerne seine «Darlings killen»? Was mir aber sofort in die «Nase gestochen» ist, respektive sich im Mund ausbreitet hat, das ist die von mir so geschätzte Grenache-Note: am ehesten würde ich ihr die Bezeichnung «Feigenaroma» anheften. Doch das greift viel zu kurz, ist viel zu plakativ und natürlich auch viel zu einfach. Denn da kriecht  der Einfluss des Bodens, Lehm und Schiefer, hervor, die frische beerige Frucht wirkt noch ungestüm und überdeckt viele subtilere Eindrücke, auch die Würze eines kleinen, aber vielfältigen Gewürzgärtchens. Kompliziert? Mag sein! Mir liegt einfach die Rebsorte Grenache, pardon Garnacha,,vor allem, wenn man die Eigenständigkeit des daraus gekelterten Weins  erkennen kann, wenn Garnacha den Ton – den eigenen Klang – vorgibt. Zugegeben, ich bin nicht ganz "neutral", durch meine zweite Wahlheimat – das südliche Frankreich – so etwas wie vorgeprägt, auf eine andere Spur geleitet, weg vom Pinot Noir und den Cuvées mit Cabernet sauvignon und Merlot, wie sie bald überall in der Weinwelt auftauchen. Noch etwas hat mich fasziniert: Weder der Alkohol (16%vol.), noch das Holz, in dem der Wein ausgebaut wurde, führen ein Eigenleben (wie in so vielen kräftigen Weinen), Hier wurde Harmonie erzeugt, hier wurde etwas geschaffen, das mich erreicht, das mich berührt hat, schon bei der ersten Degustation. Jetzt aber konnte ich mich endlich – zuhause – mit dem Wein ausführlicher beschäftigen, eine gute halbe Flasche lang (die andere Hälfte gehörte meiner Frau). Da hat der neue «Bäumliwii» Einzug gehalten, vielleicht noch nicht ganz in unserem Herzen; sicher aber auf unserer Genussliste und vor allem in unserer Achtung, vor der Kunst einen so guten, harmonischen, eigenständigen Wein zu schaffen. Wir bleiben dran!

08. Januar 2017

 

Domaine Doudeau-Léger: Sancerre 2015, Pinot Noir, Loire, Frankreich

 

 

«Sancerre» ist traditionell der Begriff für einen Weisswein (Sauvignon Blanc) aus einer kleinen Appellation im Departement Cher (Loire). Meine Frau hat auch prompt protestiert, als ich ihn bestellte. Zu einem gepflegten Essen in einem der schönsten Restaurants in Paris, im «Train Bleu» (Gare de Lion), gehört ein kräftiger Rotwein. Jedenfalls nach unseren - von der Gewohnheit geprägten - Vorstellung. Es war nämlich unser nachgeholtes Neujahrsessen, also ein Festtagsessen in einmaligem Rahmen. Wir, meine Frau und ich, bestellten unterschiedliche Menüs, so dass ein überlegtes Food-pairing kaum möglich war (jedenfalls für mich nicht!). Die Weinkarte präsentierte ausschliesslich französische Weine, vor allem Bordeaux und Burgund, aber auch Languedoc-, Rhône- und ein paar wenige Loire-Weine. Da bin ich an meine Grenzen gestossen. Bordeaux wollte ich nicht (immer aus dem gleichen Grund: zuhause habe ich – wie wohl einige der Gäste – einen üppigeren Bordeaux-Keller (mit reiferen Weinen); Burgund war mir hier - im Vierstern-Restaurant – doch zu teuer; Languedoc (und Rhône) sind die Weine, die wir am häufigsten trinken, wenn wir in unserem zweiten Wohnsitz sind. Also blieb die Loire. Dies war für uns doch etwas Spezielles: ein Rotwein aus «Sancerre». So dachte ich  jedenfalls und konnte auch meine Frau überzeugen. Manchmal, nein sehr häufig, sind solche Überlegungen und das Durchforsten einer Weinkarte nicht das Richtige, wenn man bestimmte – zwar unausgesprochene- Erwartungen hat. Wir wurden enttäuscht, ich weniger als meine Frau. Der Wein – eine Rebsorte war nicht angegeben – entpuppte sich als eher leichten, fruchtigen Rotwein, so gar keine Posaune zum festlichen Essen. Zuerst tippte ich auf Cabernet Franc,  in meiner Verunsicherung kam ich nicht auf das Naheliegende: es war ein Pinot Noir. Weiche, geschmeidige Tannine, ein ruhiger, harmonischer Abgang mit schönen Fruchtnoten, Kirschen, Kirschen, dahinter – leider im grossen prunkvollen Saal kaum zu entdecken – einige fremde Gewürze, etwas Schmelz, unaufgeregter als ich, der versuchte, das sancerre-typische Terroir zu finden – gezeichnet vor allem vom Boden (Kies und Mergel) und der damit verbundenen Harmonie. Holz hatte er jedenfalls nicht, was mich versöhnt hat, meine Frau aber nicht.

04. Januar 2017

 

Clos l’Eglise 1996, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Die Appellation Pomerol – an der Seite von Saint-Emilion gelegen – ist klein, vielleicht zu klein um wahrgenommen zu werden. Also tut man alles, damit sie wahrgenommen wird. man: pflegt den Ruf, macht sich rar, erhöht die Preise massiv und konzentriert sich auf ein paar Spitzenprodukte, die (im Schlepptau) auch die weniger bekannten (und oft auch markant schwächeren) Weine mitziehen, ja mitreissen. So ist Pomerol zu dem geworden, was es heute ist: die wohl teuerste Appellation im Bordelais. Aber auch die beste? Das Trio Pétrus, Lafleur und L'Eglise-Clinet gibt unbestritten den Ton (und den Preis) an. Pétrus: unter zweitausend Euro ist eine Flasche kaum zu ergattern. Lafleur, schliesslich der Zweite unter den Ersten: da genügen fünfhundert bis tausend Euro. Und L’Eglise-Clinet? Da lese ich gerade in der Werbung meines Bordeaux-Händlers: «Jetzt nur für 167.40 CHF», allerdings auch nur der «durchzogene» 2013er. Kein Wunder rüsten da alle anderen Weingüter im Pomerol auf. Mein «kleiner» Clos l’Eglise, den ich gerade im Glas habe, kostete damals – in der Subskription – 34.20 Franken. Der Jahrgang 1996: für die Neunzigerjahre sehr gut, fast schon ausgezeichnet. Und heute:  selbst beim «durchzogenen» 2013er muss man mit dem doppelten Preis rechnen – 60 statt 30, das geht ja noch! Schliesslich ist das Leben teurer geworden, auch das Weinleben. Sicher ist es falsch, Bordeaux immer auf den Preis zu reduzieren. Es gibt noch andere Kriterien, die mehr oder weniger preis-unabhängig sind, sieht man einmal vom Aufwand und der Sorgfalt ab, mit der die Reben gepflegt und das Traubengut vinifiziert wird.  Ich denke da vor allem an etwas, das bei hochwertigen, konzentrierten Weinen in der Beurteilung kaum je festgehalten wird. Ich nenne es «swingen», im Jazz ist es jene nur schwer erklärbare Synkopenverschiebung, welche, bei aller Perfektion und der Dominanz im Rhythmus (und der Melodie), zu einer zwar wahrnehmbaren, kaum aber erklärbare Mehrschichtigkeit führt. Ein Wein muss für mich eben «swingen». René Gabriel sagt es etwas direkter: der Wein darf nicht langweilig sein. Gerade die in der Regel sehr konzentrierten Pomerols neigen – trotz ihrer Qualität – zur Langeweile. Zumindest dieser Clos l’Eglis – mittlerweile auch schon zwanzig Jahre «alt» - aber nicht, er swingt. Und dies ist seine eigentliche Qualität.

Foto: Arcadela Duoro
Foto: Arcadela Duoro

02. Januar 217

 

José Henrique de Oliveira Lopes : Arcadela 2012, Grande Reserva, Osório, Douro, Portugal

 

Experimente in Bezug auf Weine, die man nicht kennt, sollte man tunlichst an Fest- und Feiertagen vermeiden. Zu gross sind da – ohne dass man es sich eingesteht – die Erwartungen, zu dominant ist der unbemerkte eingenistete Gedanke: besonders gut – wenn möglich sogar einmalig – muss der Wein sein. Diese Erfahrung hat sich am Silvesterabend – beim Neujahrsschmaus – wieder einmal bestätigt. Das kam so: Auf der Weinkarte im Lokal, wo wir den Jahresabschluss mit einem guten Essen markierten, werden zwei portugiesische Weine angeboten. Den einen – den günstigeren – haben wir kürzlich getrunken und waren nicht nur angetan, sondern sogar begeistert. Den anderen, rund 20 CHF teurer, habe ich mir bislang aufgespart. Zu gut bestückt ist mein eigener Weinkeller, als dass ich im Restaurant zu den etwas teureren Weinen greife, zumal der übliche Faktor bei der Preisberechnung (Händlerpreis mal drei) meist happig ist. Doch um Preisfragen geht es hier nicht. Es geht darum, soll man ein Genuss-Experiment mit einem unbekannten Wein wagen oder doch zum Vertrauten greifen? Ich habe es gewagt und leicht bereut! Es ist zwar ein guter Wein, doch kein Festtagswein. Etwas spitz im Abgang, zu rau, weinig Trinkfluss, durchaus fruchtig, würzig, kein dominierendes Holz (bravo, dies hat mich etwas versöhnt. Doch es fehlte ihm – im Augenblick – zwar nicht die Tiefe, aber die Bestimmtheit, das Markante eines Weins aus dem Douro-Tal. Zwar wurde der Wein im Glas (durch den Luft-Kontakt) immer besser und ich rätselte dauernd die Rebsorten. Das Etikett verriet nichts, das nachträgliche Googeln genau so wenig und  zur eigenständigen Einordnung fehlen mir (vorläufig) die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen mit portugiesischen Weinen. Nur so viel weiss ich: unter dem Label Arcadela werden herkunftsgeschützte Weine aus dem Douro-Tal vermarktet. Kürzlich war ich an einer grossen Präsentation portugiesischer Weine in Zürich (mit einem ausführlichen Katalog) und vielen, vielen Degustationen. Doch es zeigte sich, dass dies längst nicht genügt, um sich einem Weingebiet (und seinen Weinen) zu nähern. Dazu braucht es mehr Geduld, auch etwas mehr Gelassenheit und weniger vorgefasste Meinungen. Das Experiment, ein Festtagsessen mit einem unbekannten Wein zu verklären, musste ja scheitern.

Ehepaar Romero, Solà Classic
Ehepaar Romero, Solà Classic

26. Dezember 2016

 

Weingut Solà Classic: Solà Classic 2010, Bellmunt, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Es war ein Wagnis. An Festlichkeiten erwartet meine Familie einen «grossen» Wein, natürlich einen Bordeaux, natürlich etwas Bekanntes, womöglich Berühmtes. Und da komme ich mit einer schlanken Flasche aus dem Keller. Schon der erste Blick verrät: kein Bordeaux. Etwas aus dem Priorat erkläre ich. Aus dem Priorat? Kein Bordeaux-Blend? Nein, kein Bordeaux-Blend! Etwas Handfestes aus den Rebsorten Grenache und Carignan. Die Enttäuschung ist nicht allzu gross, denn diese Art von Wein, diese Rebsorten, haben wir in der Languedoc – unserer zweiten Heimat – oft im Glas. Aber Solà Classic? Mein verschmitztes Lächeln verrät: Es liegt wohl etwas in der Luft. Tatsächlich habe ich den – preislich – günstigsten Wein der neuerworbenen Prioratserie aus dem Keller geholt, ganz entgegen meinen Festtagsgewohnheiten, entgegen dem, was man eigentlich erwartet hat. Doch der Wein – ich gestehe es - hat mir an der Präsentation von Torsten Hammer in Coswig (Anhalt) ausserordentlich gut gefallen: ausdrucksstark, persönlich, überhaupt nicht beerig, eher mineralisch, «prioratisch». Soviel habe ich inzwischen gelernt: Das Priorat hat seinen eigenen Touch, in der Qualität durchaus mit Bordeaux vergleichbar, im Geschmack und im Stil aber eigenständig, sehr eigenständig, mitunter sogar eigenwillig. Der Wein gefällt mir und – oh Wunder – auch der kleinen Festtagsrunde. Er ist dem Festtag würdig. Und das freut mich, denn am kommenden Freitag steht die Weinrallye #105 auf dem Programm, mit dem schönen Thema «Etikettentrinker». Das weiss man in der Runde und hat erwartet, dass ich die Gunst der Feierstunde nutze und jetzt Anlauf nehme. So hat man den unbekannten Solà Classic irgendwo zwischen Finca Dofi und Mouton Rothschild eingeordnet. Zwar im Stil und Geschmack ganz anders, sicher aber eine Entdeckung des Wein-Herrn-des-Hauses. Tatsächlich ist der Wein (für mich) eine Entdeckung. Kein «Weltklassewein», aber ein Wein, der so viel Eigenständigkeit besitzt – und so viel Kraft und natürlichen Schmelz, – dass ich ihn gerne (und zu recht») als «Weltklassewein» gelten lasse. In Kategorien ausgedrückt: «ein sehr guter Wein».

23. Dezember 2016

 

Bodegas Merum Priorati: Ardiles 2014, Porerra, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Meine Entdeckungssucht nach guten Weinen (ausserhalb meiner «Stammgebiete» Bordeaux und Languedoc) treibt mich – seit einiger Zeit – oft nach Spanien, genauer gesagt ins Priorat (Katalonien). Bei Torsten Hammer (Priorat-Hammer) habe ich eine ganze Reihe ausgezeichneter Weine kennengelernt, immer brav dokumentiert vom Priorat-Kenner. Dies sind aber Ausnahmesituationen, der Alltag ist anders. Da taucht das Priorat eher selten auf, vor allem nicht in den Restaurants. Umso schneller greife ich zu, wenn einmal ein Prioratwein auf der Karte zu entdecken ist. So bin ich eben auf diesen «Ardiles» aus Porrera gestossen, Prioratführer im Sack, einzig mit Vertrauen auf mein sensorisches Urteil. Was konnte es mir melden? Ein schöner Wein, ausdrucksstark, aber auch schmeichlerisch, jung, zu jung, wie Weine in Restaurants in der Regel sind. Allein schon die Tatsache, dass Grenache (Garnacha) den «Ton angibt» machte mich neugierig, obwohl Syrah und Cabernet Sauvignon in der Cuvée offensichtlich zu vermitteln suchen. Unverkennbar ein Aufbruch zur Internationalität, indem das Pfeffrige, Balsamische, Würzige – das sich mitunter in eine Wildheit steigert – gedämpft und geschliffen wird. Selbst der Alkohol (15 vol%) und die deutlichen Vanillespuren vom Holzeinsatz die Herkunft aus dem Priorat (oder einer vergleichbaren Region), nicht (ganz) vertuschen. Die mineralischen Noten – typisch für das Priorat - sind noch spürbar, weinerlebbar vorhanden. Ein im Restaurant eher seltenes Erlebnis, vor allem zum Restaurant-Preis von knapp 60 CHF (der Wein kostet beim Händler um die 30 CHF). Solche Weinvisitenkarten sind zu belohnen, zumal auch das Essen (Rindsmedaillon) hervorragend ist und gut zum Wein passt (oder umgekehrt: der Wein zum Essen). 

Jaume Roca, Winzer, Priorat
Jaume Roca, Winzer, Priorat

16. Dezember 2016

 

Ficaria Vins: Pater 2013, Grenache, Montsant, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

 

Es ist der erste von rund zehn Weinen, die ich am Event von Priorat-Hammer in Coswig kennengelernt und zu mir nach Hause beordert habe. Kennenlernen heisst für mich immer: sich wenigstens einen Abend mit einem Wein beschäftigen, ihn nicht «nur» zu degustieren, sondern zu trinken. Alle Weine, über die ich im «Getrunken» berichte, erfüllen diese Voraussetzung. Ich bin kein Önologe, der wertet und richtet,  der ein-, über- und unterordnet. Ich erzähle Geschichten eines Weinliebhabers. Im Rahmen dieser Geschichten nimmt das Priorat eine immer wichtigere Rolle ein. Von Bordeaux bin ich also weiter südlicher «gerutscht», nach Spanien, genauer gesagt, nach Katalonien. Warum? Nicht weil ich dem Bordeaux «abgeschworen» habe, vielmehr weil ich finde (man nehme es mir, dem Bordeaux-Sammler nicht allzu übel), es haben noch viele Mütter schöne Töchter, oder eben: Weingebiete und schöne Weine. Für mich bringt die Mutter Bordeaux immer mehr affektierte «Schönheiten» hervor, die zwar zu geniessen, aber nur noch selten zu spannenden sind und vor allem kaum mehr zue neuen Weinerlebnissen führen. Die «Mutter Priorat» hingegen hat einiges zu bieten, was weinweltweit noch nicht so bekannt ist und vor allem nicht tausendfach (in allen nur denkbaren Varianten) kopiert wird. Da ist vor allem die einmalige Landschaft (mit einem ganz anderen, speziellen Terroir), da sind aber auch Weinproduzenten, meist Kleinwinzer, die ihre Weine noch in Handarbeit erschaffen und es sind (auch) andere Rebsorten, welche zu «anderen» Weinen führen.
Es ist nicht zufällig, dass ich gerade den «Pater» zuerst eingeschenkt habe. Ein 100 Prozent «Garnacha» (Grenache) Wein, also aus einer mediterranen Rebe, die ursprünglich aus Spanien stamm, und hier einen eigenen "katalonischen" Wein hervorbringt. Wie viel an Eigenständigkeit dem Winzer (und seinem Können) zu verdanken ist, wie viel dem Terroir am Montsant oder wie viel der Traubensorte, kann ich nicht abschätzen und beurteilen. Ist eigentlich auch egal. Wichtig ist das Erlebnis: «Feigen» habe ich spontan festgehalten, dann sind starke Kräuternoten aufgestiegen, die im Pfeffer, aber auch in Kirschtönen sich eingenistet haben. All dies – und noch viel mehr – breitete sich aus, im Glas und im Gaumen, verwebte sich zu einem Erlebnis, einem Weinerlebnis, wie ich es – trotz vieler guter Weine im Glas – schon lange nicht mehr hatte.
Eigentlich liebe ich alkoholstarke Weine nicht, genau so wenig wie holzlastige Weine. Alkohol und «Holz» hat es im Pater, für mich vielleicht sogar zu viel, wäre da nicht das Erlebnis einer geschmacklichen Harmonie aufgekommen wäre, hatte ich wohl bald mit trinken aufgehört. So aber nicht, obwohl ich scheinbar (meine Frau hat dies kolportiert) immer wieder gehaucht haben soll: warten, warten, warten… Ich meinte wohl: der Wein wird mit den Jahren nochl besser, geschmeidiger, harmonischer…
Irgendwie kommt es mir vor, wie zur Zeit als ich mit Bordeaux begonnen habe. Ich konnte und wollte nicht warten. So viel Zeit habe ich jetzt nicht mehr, wie damals beim Bordeaux. So lange kann (und will) ich nicht mehr warten. Doch, das ist auch gut so… Das Priorat hat offensichtlich noch einiges mehr zu bieten. 

16. Dezember 2016

 

 

Fatascia Almanera: Nero d'Avola 2002, Sizilien, Italien

 

 

Wir werden immer mehr – vor allem in Restaurants – von süditalienischen Weinen «überschwemmt». An der Spitze natürlich mit dem Primitivo: meist ausdrucksarm, immer mehr in die blosse Gefälligkeit verbannt. Aber auch der «Sizilianische Fürst», wie die Rebsorte «Nero d’Avola» in Sizilien auch genannt wird, drängt immer mehr auf den Markt. Meist sind es Weine, die im Laden zwischen fünf und zehn Franken kosten, sehr süffig sind und den Eindruck eines üppigen Weins hinterlassen. Die Belanglosigkeit so vieler Primitivo wird abgelöst durch eine Eigenständigkeit in den Aromen, die den Nero d’Avola (sogar für «Laien») erkennbar machen. Ahh – Sizilien! Ferienträume werden wachgerufen, Erlebnisse erinnert, der Ätna beginnt (im Geiste) zu sprühen: dunkle Frucht, begleitet von Pfeffer und Wärme, von herben Tanninen und oft auch hohen Alkoholprozenten. Dies ist trotz Alltag nicht Alltag, aber zu Alltagspreisen zu haben. Es macht den Sizilianer attraktiv, jedenfalls attraktiver als den Primitivo, der den gewöhnlichen Chianti  (bei den offenen Weinen im Restaurant) abgelöst hat. Doch der Nero d’Avola ist auf dem besten Weg in die Balance des Gewöhnlichen einzudringen. Da nützt der immer häufiger feststellbare «Holzeinsatz» auch nicht viel. Im Gegenteil: er macht das Eigenständige zum Austauschbaren, den Sizilianer zum Weltbürger. Eine Entwicklung, wie sie sich schon bei vielen Weinen abzeichnet.
Um dem Nero d’Avola gerecht zu werden, muss man vielleicht doch ab und zu «ältere Jahrgänge» einschenken, zurückkehren in eine Zeit, als der «Fürst» noch sizilianisch war. 14 Jahre sind für einen Wein dieser Kategorie schon eine «lange Zeit». Flaschenreifung ist ohnehin nicht seine beste Eigenschaft. Da kommt in den Jahren nicht mehr viel dazu; nur der Abbau. Trotzdem: Dieser Wein hat noch einen verwelkten Charme. Von Vielem wenig übrig geblieben: etwas Restfrucht roter Beeren, etwas Kräuter, etwas Kirschen, etwas Lakritze, etwas Bitterschokolade…
Die Struktur ist aber eingebrochen und die durchaus noch feststellbaren Aromen haben sich hinter die eher rauen Tannine verkrochen.

13. Dezember 2016

 

 

Allesverloren: Tinta Barocca 1991, Swartland, Südafrika

 

 

Irgendwie sind südafrikanische Weine «aus der Mode» gekommen. Jedenfalls spüre ich dies deutlich, wenn ich hier im «getrunken» etwas zu Südafrika schreibe. Es gibt zwar eine beachtliche Anzahl von Fans, doch der Zugriff und die Reaktionen sind deutlich geringer, sobald ich mich mit der «neuen Weinwelt» befasse. Ähnliches ist in Bezug auf Australien zu sagen. Dabei sind die Möglichkeiten zum Kauf der Weine hier in Europa übersichtlich und «wohlgeordnet», im Gegensatz zu anderen Weingebieten, wo fast jedes Weingut einzeln zu suchen ist und die Händler zu eruieren sind. Spezielle Anbieter führen fast die ganze Palette der international vermarkteten Weine aus Südafrika.

Allesverloren» gehört zu jenen Weingütern, die – allein schon auf Grund des Namens und der damit verbundenen Geschichte - bei uns gut bekannt sind. Was man aber kaum beschaffen kann – auch bei Auktionen nicht –, das sind ältere Weine aus Südafrika. Weine vor der Lockerung (oder Aufhebung) der strengen Vorschriften bezüglich der Importe von Reben und der Vermarktung von Weinen. Erst nach 1997 hat die qualitative Verbesserung der der südafrikanischen Weine begonnen und in der Folge so etwas wie einen Boom ausgelöst: Erstaunen in Europas! Es kommen aus Südafrika hervorragende Weine. Diese Erkenntnis hat sich – nicht zuletzt auf Grund des zunehmenden Tourismus in Südafrika – asllmählich durchgesetzt.
Dieser Wein von «Allesverloren» entstand noch in der «alten» Ordnung des Landes, zwar zuer Zeit der Aufhebung der Rassentrennung (Apartheit) und der Wahl Nelson Mandelas zum Staatspräsidenten.  Doch so schnell veränderte sich weder das Land, die Politik, noch das Ansehen des Landes in der Welt. Auch die Weinordnung brauchte ihre Zeit, bis sie im neuen (besseren) System angekommen war. Deshalb bin ich gespannt auf diesen «Tinta Barocca» aus dem Jahr 1991. Im Vergleich zu heute: ein «grober» Wein, trotz seines Alters noch trinkbar, doch mit wenig Finessen, Harmonie und Tiefe. Was mich erstaunt, das ist die Tatsache, dass sich der Wein 25 Jahre lang gehalten hat und noch einige Kraft und Präsenz aufweist, vor allem aber keine oxidativen Noten zeigt. Er ist nicht nur «trinkbar» - wie viele alte Weine - sondern ausgesprochen «interessant». Es zeichnet sich bereits ab, was mit der Neuordnung (vor allem der Neubepflanzungen) werden konnte. Für mich ist klar, schon damals konnte das Weingut besondere Weine machen. Weine, die einen eigenen Ausdruck, einen eigenen Charakter haben und nicht nur Klonen der «alten Weinwelt» sind.  Bis heute wird da auch die portugiesische Rebsorte «Tinta Barocca» ausgebaut, zu einem weichen, warmen, würzigen Wein: kräftig und doch charmant, mit dezenten Noten von Zwetschgen, roten Beeren und Mokka. Dieser alte Tinta Baroccawart so etwas wie ein Modell dafür.

,
,

06. Dezember 2016

 

 

René Barbier: Clos Mogador 2005, Gratallops, Priorat, Spanien

 

Bei Torsten Hammer (Priorat Hammer) lese ich: "Wo die Bäume mitten in den Weinbergen sind, dort ist Mogador...". Wenn ich das gewusst hätte, als ich vor gut einem Jahr während fast einer Woche das Priorat kreuz und quer durchstreifte: auf und ab, rechts und links… Ich war froh, nur im Auto zu sitzen und nicht selber zu fahren. Dies übernahm mein Freund Peter, dem ich allerdings weinmässig auch nicht viel beibringen konnte. Ich selber wusste ja fast nichts. Natürlich kannte ich ein paar wenige klingende Namen: Álvaro Palacios, René Barbier, Carles Pastrana, José-Luis Pérez,  Perre Rovira. Und was ich darüber hörte, das klang wie ein Märchen und im Vergleich der Aussagen: wie eine schöne, aber eintönige Leier. Mein Lieblingsrestaurant wird von einem Spanier/Schweizer geführt und der hat mir – vor Jahren – erstmals einen Finca Dofi eingeschenkt; mir, dem Bordeauxliebhaber und -sammler. Dieser Wein kann ja mithalten, mit den Grossen, ja mit den Ganzgrossen des Bordelais. Da mir Dofi – im Restaurant – doch etwas zu teuer erschien, lernte ich Palacios «Les Terrasses», auch noch teuer (und gut). In verschiedenen Degustationen tauchte immer wieder mal ein Priorat-Wein auf, aber um sie kennenzulernen genügte dies noch lange nicht. An einem runden Geburtstag meines Freundes war ein Prioratwein auf der Karte (ich kann nicht mehr sagen, welcher). Da ich als Weinschreiberling die Weinauswahl treffen durfte (musste), tippte ich – zum Erstaunen der Geburtstagsgäste – auf das Priorat. Und dies wurde – Jahre später – zum Startblock einer Prioratreise. Eine Reise mit grossen Augen, wenig Basiswissen, null Beziehungen zu Winzern und priorat-sozialisiert, durch ein paar «grosse Weine» dieser kleine, bei uns eher wenig bekannten Weinregion. Einen Mogador habe ich bisher noch nicht getrunken, auch im Priorat nicht. Dafür stand ich vor dem Weingut und drückte (symbolisch) die Nase platt. Mogador – all die gelesenen und gehörten Geschichten um das Priorat tauchten auf, die Erinnerung an die platt gedrückte Nase. Wir hatten an diesem Vorabend der Priorat-Verkostung in Coswig bei Priorat-Hammer sogar zwei Mogadors im Glas: 2005 und 2006, dazu die stereotypische Frage: welchen findest du, ist der bessere. Ich weiss es nicht! Dazu bin ich zu wenig prioratgeschult. Aber ich weiss jetzt, Clos Mogador ist ein ausgezeichneter Wein: tiefpurpur mit einem unglaublich schönen Bouquet von Brombeere und Schwarzkischen, von Toastnoten und Mineralik, von Opulenz und dicht strukturierter Harmonie, konzentriert und doch leichtfruchtig… Aber, was schreib ich da, das weiss man alles oder kann es nachlesen, auch bei Parker und anderen Päpsten. Wichtig ist nicht, was geschrieben wird; wichtig was man selber erlebt. Ich habe es erlebt.

(Signet Website Gruaud Larose)
(Signet Website Gruaud Larose)

29. November 2016

 

Gruaud-Larose 2004, Saint-Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Was ist jung, was ist alt? Diese Frage stellt sich immer wieder, nicht nur beim Wein. Wenn ich sehe, wie 50-Jährige ausgemustert werden, keine Stelle mehr finden, mit dynamischen, effizienten Jungen ersetzt werden (auch nicht länger als bis 45), andererseits das Pensionsalter hochgeschraubt wird, Stress und Leistungsdruck steigen (Burnout schon bei Jungen), Maxime: Produktivität um jeden Preis, «Hoffnungsträger» an der Spitze (aus der ganzen Welt zusammengetrommelt), dann erkenne ich durchaus viel Parallelen zum Wein, der Produktion und seinen Lebensphasen. Alter, Reife, Durchhaltevermögen sind gefragt, aber nur wenn es darum geht, Gewinne zu maximieren oder Investitionen zu sichern. Die Mode heisst: jung, dynamisch. Die Weine werden immer jünger getrunken (bestechende Frucht, Kraft, Energie – nicht Harmonie), altern ist nur für die «Gestrigen», die meinen: Ausgewogenheit, Reife und Erfahrung seien gefragt. Es gibt sie zwar noch, die Traditionalisten, welche Weine lagern, reifen lassen, Jahre aussitzen, um irgendwann einmal vom ganz besonderen Wein, vom «Altwein» zu schwärmen. In der prestigeträchtigen Weinregion Bordeaux kann dies exemplarisch beobachtet werden. Jeder Jahrgang ist toll, «Jahrhundert-Jahrgänge» reihen sich aneinander, auch teure Weine können schon früh getrunken werden, schliesslich steht Bordeaux in Konkurrenz mit vielen (auch neuen) Weingebieten auf der ganzen Welt, die jederzeit junge, genussreife Weine anbieten meist ohne das immer höher geschraubte Aufgeld für Renommee und Prestige.
Weingüter, die sich diesem Trend entziehen, werden in Bordeaux immer rarer. Das System Bordeaux verlangt – wie die Arbeitswelt – ein dauerndes Sichbewähren, an der Spitze bleiben. Und die Spitze wird unbarmherzig nach oben getrieben, sprunghaft, oft auch kopflos, allen Moden ausgesetzt. Gruaud-Larose ist entzieht sich (weitgehend) diesem Treiben. Es setzt auf Kontinuität und auf (modernisierte) Tradition, Beständigkeit und Erfahrung. Dieser Wein – Jahrgang 2004 (kein grosser Jahrgang, kein Jahrhundertjahrgang! – ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Ein Wein, der es mit den ganz, ganz Grossen aufnehmen kann: reif, gereift, elegant, bordeaux-typisch, charakteristisch, genussbringend… Ganz einfach, ein ausgezeichneter Wein, der sich still, ohne grosses Aufsehen, zu dem entwickelt hat, was er heute ist: klasse! (und erst noch zu einem Preis, den er verdient.)

Diablesse par worldblue
Diablesse par worldblue

24. November 2016

 

Vignobles des trois Châtaux:
La Diablesse 2013, Pic Saint-Loup, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

 

Es ist nicht ganz einfach, sich im Languedoc bezüglich der Appellationen und Klassifikationen zurechtzufinden. Seit Jahren bastelt man an einer Vereinfachung der Bezeichnungen und es wird immer komplizierter. Vor allem die grösste Appellation „Coteaux du Languedoc“ wird buchstäblich zerrieben zwischen den strengen Vorschriften, die für AOC-Weine (Appellation d'origine protégée) gelten und dem verständlichen Wunsch nach präziserer Kennzeichnung der einzelnen Lagen (sie sind bei „Coteaux du Languedoc“ übers ganze Weingebiet der Languedoc verteilt) und Regionen.

Pic Saint-Loup ist schon lange eine fast eigenständige Klassifikation, quasi eine Untersektion von „Coteaux du Languedoc“, die aber daran ist, einen eigenen AOC-Status zu erhalten. Doch damit nicht genug: Es machen immer mehr Winzer, die früher in den Caves Coopératives engagiert waren, ihre eigenen Weine und suchen sich mit Qualität und neuen Ideen einen festen Platz im heissumstritten Markt zu sichern. Dazu kommt die steigende Nachfrage nach „internationalen Rebsorten“, die in der Languedoc für AOC-Weine nicht erlaubt sind. Dafür gibt es nun eigene Bezeichnungen: IPG Pay d’Oc ist nicht so streng, lässt mehr Rebsorten und Assemblagen zu. Nicht zuletzt trägt auch zur allgemeinen Verwirrung bei, dass sich viele traditionelle Genossenschaften zusammengeschlossen haben und jetzt unter neuen Namen selbstbewusst auftreten und auch in der Lage sind, Spitzenweine zu machen. Viele der Caves Coopératives wurden erneuert und führen ein strenges Qualitäts-Regime. So die „Vignobles des trois Châteaux“, die eigentlich eine Kooperative ist, und mit ihren besten Weinen durchaus mit traditionellen Namen (wie Hortus, Cazeneuv, Clos Marie etc.) mithalten kann.

Diese „Teufelin“ (Diablesse) ist zwar nicht der beste Wein des Erzeugers. Doch es ist ein guter Wein (60% Syrah, 40% Grenache), ausdrucksstark und trotzdem fast schon ein Schmeichler. Man hat wohl den geläufigeren Namen „Diable“ (Teufel) – für einen kräftigen, würzigen, verführerischen Wein – nicht ganz treffend gefunden und die weibliche Form gewählt (Teufelin), was eher an eine Verführung, als an eine Vergewaltigung gemahnt. Der Name ist nicht schlecht gewählt, der Wein ist verführerisch und kommt daher als edler Tropfen „pour tous les repas festifs“.

18. November 2016

 

Mas des Chimères: Caminarèm 2013, Terrasse du Lazarac, Coteaux du Languedoc, Frankreich

 

 

In weniger als zwei Wochen ist die nächste Weinrallye unterwegs: Thema Gamay. Eigentlich müsste ich jetzt ein paar gute Gamay testen. Nein, keine Beaujolais, da kommt ja schliesslich jeder drauf, besonders jetzt, wo der dritte Donnerstag im November – der traditionelle Start zum Beaujolais Nouveau – unmittelbar vor der Tür steht. Also ein Gamay aus dem Languedoc? Dies gibt es kaum, nur am besagten Beaujolais-Tag, wird auch im Weingebiet des Südens Beaujolais Nouvieau getrunken. Im Glas habe ich hingegen Chimären. Es sind nicht Trugbilder eines Gamay, wie man vielleicht denken könnte. Nein, es ist ein Wein des „Mas des Chimères“, einem Weingut in Octon, auf den Terrassen von Larzac, an den Ufern des Lac du Salagou (Stausee, 1969 gebaut) Ein stiller Wein, der keine Aufregung, aber viel Genus bringt. Aufregende Weine gibt es genug. Meist stammt die Aufregung aus dem Keller, wo durch Zuchthefe, Konzentration, Assemblagen, Holzeinsatz etc. dem Wein weitgehend seine Natürlichkeit genommen wird. Weine also, die überall gemacht werden könnten, weil der Keller entscheidend ist. Nicht so beim Caminarèm. Hier ist wirklich etwas von der Frische und der Natur (Terroir) der Landschaft drin, in er die Reben stehen und der Wein gewachsen ist. Eine Sanftheit und ein Schmelz, der nicht schmeichelt, sondern sensorische Spuren hinterlässt: dunkle Früchte, Weihrauch?, Gewürze, Harz, statt Marmelade (wie so oft bei dunklen Weinen) eine samtige Strucktur und schliesslich ein bestimmter, aber kein hastiger Abgang. Die Schimären sind schliesslich Fabelwesen – Festgehalten auf der Etikette – die ein Stück Mythologie darstellen und offensichtlich dazu beitragen, einen Wein mit Geheimnissen zu evozieren.

13. November 2016

 

Château Latour: Grand Vin de Château Latour 1976, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es ist doch eher selten, dass man einen Latour – so mir nichts, dir nichts – öffnet. Meist bewahrt man solche «grossen Weine» auf und wartet auf den «grossen Tag», der nie (oder lange) nicht kommen will. So sind viele «grossen Weine» beim Weinliebhaber, der irgendwann so etwas gekauft hat, meist überaltert. Was habe ich heute in «Hauptsache Wein» (Facebook-Gruppe) gelesen in Bezug auf einen Barolo gelesen: «Ich werd's nie verstehen, warum man solche Weine solange liegen lässt, vor 20 Jahren war der eine Offenbarung». Und gestern hat mir ein Weinliebhaber (der um 3'000 Flaschen im Keller hat) gestanden: «Man verliert halt rasch die Übersicht und lässt Weine zu lange liegen». Warum soll es mir anders ergehen? Der Wein ist zwar nicht liegen geblieben (dafür ist meine Weinbuchhaltung viel zu präzis), doch wie so oft, der «richtige Augenblick» wollte nicht kommen. Doch ich beschloss, dass er nun gekommen sei! Zumal der Jahrgang «seinem Ruf nie ganz gerecht worden ist» (so Parker) und alle Latour 1976 (gemäss Gabriel): «in der Normalflasche kaputt sind». Dies habe ich aber erst jetzt – Tage nach dem Konsum – gelesen. Mit Erstaunen, denn «kaputt» war er ganz und gar nicht. Er hat zwar nicht mehr die Grösse eines «Latour», wie er von Weinkritiker (meist «verklärt») bewertet wird. Aber er hat die Qualitäten eines guten Altweins. Natürlich ist die Frucht verblasst – was nach 40 Jahren zu erwarten ist – aber immer noch die von einer Geschmeidigkeit und Alterseleganz, mit Aromen von Gewürzen, Trüffeln,  schwarzen Früchten und etwas Laub; mit einer Textur, die durchaus noch als «cremig» zu bezeichnen ist. Wieder einmal erinnere ich mich an eine Ausspruch von Robert Parker: «Käufer von alten grossen Weinen – ob Bordeaux, Burgunder oder kalifornische Cabernets sollen den Satz ‘Es gibt keine grossen Weine, nur grossartige Flaschen’ bedenken.» Es war keine «grossartige», aber eine gute Flasche - eines noch genussbringenden Altweins.

10. November 2016

 

Weingut Scheibelhofer: Batonnage 2011, Neusiedlersee, Österreich

(Wild Boys of Club Batonnage)

 

Das ging aber daneben! Eine halbwegs Blinddegustation mit vier Bordeaux aus unterschiedlichen Jahrgängen (Latour 1976, Haut Brion 1995, L’Evangile 1994 und Gruaud Larose 2004) habe ich mit zwei «Piraten» ergänzt, mit dem Batonnage 2011 und einem Pinot «Mariafeld» 2006  (Tscharner, Schweiz). Es ging nicht darum, die Weine zu bewerten oder gar herauszufinden, was es für Weine sind (Rebsorten, Appellationen, Weingegenden, Jahrgänge etc. ). Es ging einzig und allein um so etwas wie den «Genusswert» festzustellen. Welche der sechs Weine sind die beliebtesten (für die kleine Runde von Weinfreaks) oder eben die genussvollsten. Es kam etwa so heraus, wie ich erwartet habe. Aber nicht doch nicht ganz! Der «alte» Latour wurde – noch ohne zu wissen was es ist – als ausgezeichneter Altwein bezeichnet, mit den Vorbehalten, welche viele Weingeniesser  gegenüber Altweinen eben haben. Vor allem, wenn der Faktor «Ehrfurcht» weg fällt. Der Gruaud Larose (mit seiner noch präsenten Frucht) kam am besten an, besser noch als die beiden rund zehn Jahre älteren Bordeaux Schwergewichte Haut-Brion und Evangile. Mithalten konnte auch der – immerhin zehn jährige - Pinot. Einzig der Batonnage wurde ausgemustert. Eine Bombe zwar, aber im Genuss deutlich daneben. Wow! Natürlich gibt es dafür gute und weniger gute Gründe: zu jung, kein passender Rahmen, ein unzumutbarer  Vergleich, eben etwas ganz anderes… Ein Genussfaktor – wenn es so etwas überhaupt gibt – hängt von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt von der «Gewöhnung» an einen Geschmack oder der verankerten Vorstellung, wie ein genussvoller Wein sein muss. Da fällt der Batonnage eindeutig aus dem Rahmen. Es ist eben ein Produkt der «wild boys of club batonnage». Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls blieb in der Flasche mehr als zwei Drittel des Weins zurück, während Gruaud Larose noch am Abend ausgetrunken wude. Man müsste jetzt länger über den Batonnage diskutieren, über seine Geschichte und seinen Aufstieg zum Kultwein. Doch darum geht es hier nicht.  Es geht um das, was ich wieder einmal gelernt habe. Der «Genusswert» ist etwas ganz anderes als es Punkte, Preise, Ansehen, Verfügbarkeit vermuten lässt. Und: der «Genusswert» ist sehr vom individuellen Geschmack und den eigenen Erfahrungen abhängig. 

07. November 2016

 

Alessia Imperatori, Cellino San Marco : Salice Salentino 2004, Negramaro, Puglia Salento, Apulien, Italien

 

Der fast schon inflationär vergebene goldene Kleber auf der Etikette markiert eine Goldmedaille für diesen Wein – vergeben an einer der vielen Weinprämierungen. Dieser Wein wurde 2008 an der «Expovina» in Zürich zum Kategoriensieger (im Bereich beste italienische Rotweine) erkoren. Acht Jahre später – in diesen Tagen – findet die «Expovina» – wie jedes Jahr – auf den Passagierschiffen des Zürichsee statt. Die Prämierung der Weine hat aber bereits im Juli stattgefunden. Dieses Jahr waren es 718 Weine, die mit Gold und Silber ausgezeichnet wurden. Doch: wer war in der Jury, wie viele Weine wurden begutachtet, nach welchem System, wer durfte Weine zur Jurierung einreichen…? Fragen, die hinter jeder Gold- oder Silbermedaille stecken und die vergebenen Medaillen schwerer oder leichter werden lassen. Der Konsument weiss dies in der Regel nicht. Er kann es zwar ergooglen, doch wer macht das schon? Selbst für mich – als Weinfreak – sind die meisten Weinprämierungen undurchschaubar. Momentaufnahmen, vielleicht. Doch allzu trügerisch, weil sich Weingenuss weder in Punkten noch in Medaillen festhalten lässt.

Die goldene Medaille von damals leuchtet noch immer auf der Etikette, acht Jahre nach der Prämierung, zwölf nach der Vinifizierung. Zu Recht?  Der Wein hat ein gutes Stück Weinleben hinter sich; die Goldmedaille gab (vielleicht) den Ausschlag zum Kauf, vor sieben oder acht Jahren. Und heute? Die Frucht, die damals vielleicht den Ausschlag für die 91 Punkte gegeben hat, ist verblasst. Die unbändige Kraft (der Jugend), die man dem Wein zugesteht, ist erlahmt, der Ausbau in neuen Barriques nicht mehr relevant, die hochgelobte Harmonie einer Verbindlichkeit gewichen. Also kein Goldwein mehr? Die heutige Momentaufnahme zeigt die Fragwürdigkeit einstiger Goldmomente. Der Wein strahlt zwar noch immer, aber nicht golden leuchtend, sondern warm, herzlich, unaufgeregt, in sich gekehrt. Werte, die man einem Altwein, wenn er gut ist, gerne zugesteht, ja sogar von ihm erwartet.

 

©Website Expovina, Zürich

30. Oktober 2016

 

Pecchenino Siri d'Jermu: Dolcetto Superiore 2009, Dogliani, Piemont, Italien

 

 

Wieder einmal ist es die Rebsorte, die mich gereizt hat. Wer spricht (oder schreibt) hierzulande schon von Dolicetto? Man hat mir bei mancher Weinrunde immer wieder erklärt, das sei ein Wein, der dort wachse, wo der viel bessere Nebbiolo nicht hingehöre, auf der Schattenseiten der Rebberge. Geglaubt habe ich die Geschichte nie. Jetzt, beim Recherchieren, habe ich wohl den Ursprung dieser Saga entdeckt. In verschiedenen Weinführer wird der Name Dolcetto «auf das Dialektwort dusset zurückgeführt, was Rücken oder Hügel bedeute und darauf hinweise, dass der Dolcetto häufig auf gleichen Hügeln wie der Nebbiolo wächst, allerdings dann auf der Schatten- und nicht auf der Sonnenseite, da der Dolcetto schneller reift». Weiter erfahre ich: Es gibt sieben DOC-Regionen (kontrollierte Ursprungsbezeichnung), die ihren eigenständigen Dolcetto pflegen. Unter ihnen Dogliani, die «romantische Gemeinde, rund 35 km nordöstlich der Provinzhauptstadt Cuneo.» Da soll die Heimat des Dolcetto sein. Doch dies – so meine ich – sagen wohl alle sieben Gemeinden oder Regionen, wo der Dolcetto angebaut wird. Der Status als DOC-Dolcetto di Dogliano verlangt, dass der Wein «zu 100 % aus der Rebsorte Dolcetto besteht. Vor dem Verkauf muss er mindestens 1 Jahr beim Winzer reifen; davon mindestens 6 Monate im Eichenfass. Beim Käufer kann der Wein bei sachgerechter Lagerung in der Regel noch 3 bis 6 weiter Jahre reifen.» Es lohnt sich doch, ab und zu das Lexikon (oder heute Wikipedia) zu konsultieren, wenn man einen Wein etwas besser kennenlernen und verstehen möchte.  Der Dolcetto – so wie ich ihn jetzt im Glas habe – ist ein würziger Wein, der für mich so etwas wie ein neues Charakterbild liefert: reife Fruchtaromen (obwohl der Wein bereits sieben Jahre alt ist), kompakter Körper, leicht mineralisch, etwas Bittermandeln, Erinnerung an Asche. Also alles andere als ein leichter «Landwein» wie man vom Dolcetto oft lesen kann. Dieser Dolcetto ist vielmehr ein ausgezeichneter Essensbegleiter und – deshalb schreibe ich dieses «Getrunken» - für mich (und wohl für viele Weinfreunde) eine echte Entdeckung.

26. Oktober 2016

 

Finca Mas d'en Gil: Clos Fontà 2009, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Es hat lange gedauert, bis ich - zum ersten und bisher einzigen Mal - ins Priorat gefahren bin, um das «Wunder» von Wein-Katalonien vor Ort zu erkunden, eine Weinregion, von der man seit Jahren spricht. Natürlich habe ich die Geschichte von Álvaro Palacios und den Pionier-Kollegen wie René Barbier, José -Luis Perez, Carlos Pastrana (und wie sie alle heissen), längst gehört, in allen nur erdenklichen Varianten. Was Pétrus Bordeaux bedeutet, soll l’Ermita für das Priorat, ja für ganz Spanien sein: Weinkult und mehr (natürlich mit den entsprechenden Preisen). Bis zur Finca Dofi und les Terasse bin ich zum Weinkult «vorgestossen», weiter aber nicht. Zusammen mit noch ein paar Spitzenweinen ist es eben das, wovon man spricht und was unsere Augen glänzen lässt. Ist es aber auch das, was das Priorat weinmässig charakterisiert? Ist Pétrus, Lafite, Latour etc. das, was das Bordelais definiert? Ich wollte schon etwas mehr erfahren, ich wollte wissen, wo der «Wein wächst». Rebberge, Klima, Landschaften, Bodenbeschaffenheit sagen mir mehr als Kellertechnik und Parker-Punkte. Ein kleines Intermezzo im Weinkeller von «Scala Dei» beschäftigt mich noch heute. Als wir uns entschuldigten, dass wir kein spanisch sprechen, sagte der Verantwortliche für den Weinkeller: «Ich auch nicht!» Unsere fragenden Blicke quittierte er: «Ich spreche nur katalonisch, französisch oder englisch». Nur katalonisch? Was heisst das? Ist das nicht auch spanisch? Das kategorische Nein hat uns erschreckt oder ratlos gemacht. Hat er es nun ernst gemeint, oder nur eine Pointe gesetzt? Ich weiss es nicht. Doch ich habe gelernt: der Wein, den ich in den wenigen Tagen im Priorat getrunken habe, ist nicht spanisch, er ist katalonisch. Ich bin versucht zu sagen: etwas ganz anderes, eigenständiges: eine Landschaft, ein Klima, eine Art zu leben, Tradition und Eigenwilligkeit  im Wein. Gestern habe ich, nach fast einem Jahr, wieder einmal einen Priorat-Wein im Glas. Erlebnisse, Weinerlebnisse kehren zurück. Der Wein spricht eben nicht spanisch- sondern katalanisch. Er ist zuerst verschlossen, dann herzlich; zuerst rauh, dann galant; zuerst eigenartig, dann charaktervoll; zuerst dominant, dann freundschaftlich dem Genuss verpflichtet. Wir waren nicht auf dem Weingut, obwohl wir in Gratallops gleohnt haben. Die paar heftigen Kurven bis zum Wein wären uns – das weiss ich jetzt – entschädigt worden, durch das Kennenlernen und den Genuss eines lebhaften Weins, voll von dem, was wir in der einzigartigen Gegend an Sinnesfreuden aufgenommen haben.

21. Oktober 2016

 

Weingut Moric (Roland Velich): Blaufränkisch 2013, Neusiedlersee-Hügelland, Burgenland, Österreich

 

 

Es war die schlichte Website – mit wenigen, aber aussagekräftigen Informationen, – die mich sofort angesprungen hat. Vor allem diese Aussage: «Der Grundgedanke zu Moric war schlicht und einfach Weine zu keltern, die ihre Herkunft eindeutig erkennen lassen». Eine stille Sehnsucht, die schon lange in mir schlummert, ist damit auch bei mir immer klarer, immer lauter geworden, die Suche nach Authentizität. Finde ich diese wirklich hier, in dem mir wenig vertrauten Burgenland? Bei einem Wein, den ich – zugegeben – nur flüchtig kenne. Und dazu noch die «Gretchenfrage»: muss es, um höchste Erfüllung zu bringen, die «Reserve sein», oder gar  «Alten Reben»? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, nur vom Besten (oder meinen wir damit dem Teuersten) grosse, ja höchste Qualität zu erwarten. Oder glauben wir wirklich, mit einigen Franken mehr, sei das Grosse, das Wahre (auch beim Wein) zu erkaufen? Die Abschrift eines Interviews mit dem Winzer Roland Velich hat mich bestärkt, in dem, was ich mir schon längst (innerlich) zurechtgelegt habe: «… es nicht die Opulenz, nicht die grössere Wucht. Sondern die Grandezza eines speziellen Parfums, die einen Wein aus einer speziellen Region so unvergleichlich macht. Die Franzosen nennen das den „Goût de Terroir“: den Geschmack, den ein kleines Stück Erde in Kombination mit einer Rebe hervorbringen kann. Das ist das Spezielle: die Begegnung mit der Natur. Die Kunst, etwas zuzulassen, das keine noch so raffinierte Technik je herstellen kann…» So schön kann ich es nicht formulieren, es scheint mir aber, als ob die Sätze bei ihm direkt aus dem Herzen gesprungen sind., die Frage nämlich: «Was kann eine Rebsorte wirklich? Was passiert, wenn ich den Wein nicht technologisch verzerre?» «Technologisch verzerren», genau das ist es, was mich – nach gut dreissig Jahren Erfahrung mit grossen, aber auch mit kleinen – mit guten, aber auch weniger guten Weinen - so stark beschäftigt. Ich habe mir deshalb den «kleinsten» Moric eingeschenkt, und zwar mit dem grössten Interesse, wohl wissend, dass ich weder das Terroir, noch die Rebsorte so gut kenne, dass ich Vergleiche anstellen kann. Aber ich kenne «technologisch verzerrte Weine», zuhauf, auch aus Weinregionen die ich bestens kenne, wie das Bordelais, Languedoc, das Rhone-Tal… Das Authentische ist auch da immer seltener anzutreffen, obwohl jeder Weinproduzent – egal wo – stets beteuert, nur das Echte anzustreben und sich dabei aber immer mehr dem Mainstream andient. (Schliesslich müssen die Weine auch verkauft werden!) Und jetzt, nachdem ich den Wein – den Blaufränischen – getrunken habe, langsam, bedächtig, aufmerksam, interessiert...?Es ist wirklich ein Wein, der anders ist. Nicht nur anders, auch gut; und um so mehr ich darüber sinniere: sogar besser, viel besser. Ich mag nicht an die teuren, die «grossen» Weine denken, die auch im Keller lagern. Vergleiche sind fehl am Platzt und das ist gut so. Dieser Wein ist einfach gut, weil er anders ist, weil vor die Opulenz, Kraft und Frucht etwas stellt, was im grossen «Weinspektakel» untergeht: die Finesse, die leisen Töne, das Flüstern eines Weins. Was hat er mir «zugeflüstert»? Verstanden habe ich es nicht ganz. Ist auch nicht nötig, denn seine Schönheit habe ich erkannt.

(Foto: Weingut Salvatore Molettieri)
(Foto: Weingut Salvatore Molettieri)

18. Oktober 2016

 

Azienda Vitivinicola: Taurasi 2004, Vigna Cinque Querce, Kampanien, Italien

 

 

Taurasi, das ist ein Gemeinde im Süden Italiens (ca. 2'500 Einwohner). Taurasi ist aber auch ein Wein, der in der Region von Kampanien gemacht wird. Ich kenne beide nicht, weder den Wein, noch die Gemeinde, nicht einmal die Region. Bildungslücken? Mag sein, in diesem Fall aber Anlass für Recherchen, dies ist heute ja einfach, man googelt. Die Fakten sind rasch gefunden, wie aber soll ich da eine Geschichte erzählen? Ich habe mir zum Ziel gesetzt, nur dann über Weine zu schreiben, wenn ich etwas zu erzählen weiss, Geschichten eben. Diesmal hilft mir Google aus der Patsche: «In den 1920er Jahren gelangte der Taurasi zu europäischer Bedeutung. Die Reblausplage hatte große Teile der norditalienischen und französischen Weinberge vernichtet. In der Region des Taurasi hatte sich der Schädling jedoch nicht ausbreiten können, da die sehr hoch gelegenen sandigen Böden vulkanischen Ursprungs die Ausbreitung des Parasiten verhinderten. In diesen Jahren entstand die "ferrovia del vino" (Eisenbahnlinie des Weines), mit der ganze Tankzüge, gefüllt mit Aglianico-Wein, in die Weinbaugebiete der Toskana, Piemont und Bordeaux entsandt wurden». Auch dies wusste ich nicht! Aber es ist eine gute Geschichte. Ich hoffe nur, sie stimmt. Nin weiss ich aber auch, dass der Taurasi-Wein zumindest aus 85 % der Rebsorte Aglianico besteht. Aglianico? Und wieder müsste ich googeln. Diesmal nehme ich aber ein Buch zu Hand, schliesslich muss meine «Weinbibliothek» (immerhin ein Büchergestell prall voll mit Weinbüchern) amortisiert werden. Nicht die Jancis Robinson (Das Oxford Weinlexikon), nein zuerst ein «verdaulicheres» Werk, die «Wein Enzyklopädie». Doch da erfahre ich nur, dass die Aglianico-Traube «Die qualitativ beste Rotweintraube Süditaliens ist». Also doch das «Oxford Weinlexikon» (mit Schuber). Da sind immerhin ca. vierzig Zeilen dem Aglianico gewidmet, in denen ich erfahre, dass es sehr spät reifende Sorte ist: «so dass sie selbst in diesen südlichen Breiten erst im November gelesen werden kann». Von der «Eisenbahnlinie des Weines» steht leider nichts. Also schlage ich – zur Beruhigung – unter «Taurasi» nach, etwa 30 Zeilen. Auch da kein Zug, aber zwei Namen, welche die besten sein sollen und internationale Reputation haben. Der Produzent «meines» Weins ist nicht dabei. Also klappe ich die Bücher zu, vertraue auf meine eigene Wahrnehmung, denn ich habe den Wein, den ich zum ersten Mal im Glas hatte, genossen (meine Frau weniger!). Ein kräftiger Wein, auch in der Farbe dunkel, dunkel, dunkel… Trotz seine Alters (12 Jahre) noch viel Säure, geschliffene Tannine… Aromen von Wachs, Wachholder, Schwarztee… schwarz, schwarz, schwarz Kirschen… Teer, Kakao, dunkle Schokolade… ein voller, aber weicher Körper. Kein Wunder, mag meine Frau den Wein nicht. Für mich eine neue Erfahrung. Ich werde ihn wieder trinken, den Taurasi. Vielleicht weiss ich dann etwas mehr über den Eisenbahnzug. Die Geschichte interessiert mich wirklich. 

(Foto: Weingut Pöckl)
(Foto: Weingut Pöckl)

13. Oktober 2016

 

 

Weingut Pöckl Mönchhof: Pinot Noir 1997, Burgenland, Österreich

 

 

Die Jahreszahl verleitet zur Frage: «Welcher Idiot hat diesen Wein fast zwanzig Jahre gelagert?» Die Frage ist berechtigt, ich kann sie nicht beantworten, denn ich haben den Wein an einer Auktion erworben. Warum? Ich bin eben neugierig, ich versuche immer wieder die Grenzen auszuloten, auch beim Wein. Ein Pinot Noir – nicht aufgepäppelt, konzentriert und mit Holz übertüncht – hält etwa zehn Jahre, dann gibt er sein Trinkgewand ab, langsam aber sicher, je nach Lagerung etwas langsamer oder schneller. Dieser Pinot – ich kann es vorwegnehmen – hat sicher seinen Höhepunkt überschritten, ist auf dem Abstieg oder gar abgestiegen. Nur – man hat spontan nicht diesen Eindruck: Es ist noch viel Präsenz, Geschmeidigkeit und auch leichte Frucht vorhanden, so viel, dass man sogar von einem guten Wein sprechen kann. Der «Pinot classic» von Pöckl ist ein fruchtiger Wein, der zwar acht Monate in Barriques liegt, aber nicht in neuen, in gebrauchten. Der Winzer spricht von etwa zehn Jahren Trinkreife, da mag er Recht haben, denn seine Einschätzung basiert auf Erfahrung. Für eine Lagerung, für das Auskosten der perfekten Flaschenreifung empfiehlt er seinen Pinot Noir Reserve, den «Gentleman», 18 Monate Barriqueausbau, mit einer «Lebenserwartung» von gut zwanzig Jahren. Da hat der Vorbesitzer des Weins wohl etwas falsch gedeutet oder verwechselt. Zudem ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, weshalb das Alter ein so wichtiger qualitativer Faktor sein soll. Weine werden zum Trinken und nicht zum Lagern geschaffen. Der eine braucht vielleicht eine längere Flaschenreife (bis er sich ganz entfaltet), andere können schon nach zwei, drei Jahren quasi vollreif getrunken werden. Auch dieser Pinot ist eigentlich jung zu trinken ist, jedenfalls jünger als jetzt, mit fast zwanzig Jahren. Doch, was ist aus ihm geworden? Er hat sein Temperament verloren, sicher, er hat auch Kraft verloren, auch die Schönheit der Jugend. An ihre Stelle ist etwas getreten, was man Alters-Abgeklärtheit nennen könnte. In der Nase nicht einfach nur noch erkennbar, vielmehr präsent; am Gaumen ausgesprochen kräuterwürzig, zwar mit einer gewissen Süsse, die aber durch verwobene Tannine und geglättete Säure eingekleidet wird. Ein interessantes – durchaus nicht gewohntes – Altweinerlebnis. Aus der einst offenen Frucht ist eine in sich gekehrte, in sich ruhende Aroma-Kapsel geworden, an der man Spass haben kann.   

07. Oktober 2016

 

Château Beau Soleil: Beau Soleil 1996, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

Ein kleines Weingut, das wenig bekannt ist - obwohl es seit Jahren gute, bisweilen sehr gute Weine macht, jedenfalls «typische» Pomerols mit jener Typizität, die immer wieder zitiert wird und doch so schwer zu definieren ist: etwa weich, rund, frisch, pflaumig. Ich denke da eher an eine Blumenwiese, als Wald, Erde und dunkle Beeren. Dieser Wein hat aber eine ganz spezielle Note, die ich dem eisenhaltigen Boden («chasse de fer») zuordnen würde, ihm vielleicht auch nur «zu- oder andichte». Wer weiss das schon? Dabei wird immer und immer wieder vom typischen Pomerol gesprochen (man denkt unwillkürlich an Pétrus, auch ein fast reiner Merlotwein, den aber die wenigsten je getrunken haben). Damit ist wohl eher die Rebsorte Merlot gemeint, die in der Regel in Pomerol (vor allem in Pomerol) dominiert, in diesem Fall fast zu hundert Prozent. Zum Merlot gehören eben auch süsse, malzige Töne, von denen man nicht offen spricht, vor allem weil von teuren, so aristokratisch auftretenden Weinen wie den Bordeaux eher herbe, gebieterische Strenge, Dominanz und Bestimmtheit erwartet wird, denn als eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die hauptsächlich von der geringeren Säure – im Vergleich mit dem Cabernet Sauvignon – evoziert wird.
Während ich dies so schreibe und all die Urteile und Vorteile Revue passieren lasse, die Bordeaux (auch Pomerol) begleiten, da wird mir erst so richtig bewusst, wie abhängig unsere Sprache, auch die Wortwahl doch ist, von Vorstellungen, von Mythen und weiter getragenen Meinungen, die Bordeaux weitgehend charakterisieren und – man verzeihe mir – beherrschen. Dazu gehört auch die Haltbarkeit des Weins. Merlot soll weniger haltbar – was immer das ist – sein, als zum Beispiel die klassischen Cuvées mit viel Cabernet Sauvignon. Diesen Eindruck habe ich bei diesem 20jährigen Wein nicht. Überhaupt nicht! Er ist reif, rund, samtig, nicht korpulent, aber auch nicht schlank wie ein Model. Eher nach menschliche Mass und Durchschnitt

29. September 2016

 

Cantina Santadi: Terre Brune Carignano del Sulcis 2012, Sardinien, Italien

 

 

In Frankreich hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Rebsorte «Carignan noir» tüchtig gerodet. Sie gehört zwar mit Grenache, Syrah, Mourvèdre und Cinsault zur «klassischen Assemblage» im Languedoc. Ihr Ruf ist nicht der allerbeste, diente sie doch häufig als Verschnitt von Massenweinen, und zwar auf Grund ihrer dunklen Farbe, den starken Tanninen und einer prägender Säure. Einen charmanten Wein – so meinte man lange – kann daraus nie werden. Doch er kann (übrigens immer häufiger auch im Languedoc), wenn man der scheinbar unzähmbaren Rebsorte gekonnt, vor allem liebevoll und sorgfältig begegnet. Die Genossenschaftskellerei Santadi in Sardinien macht es vor: Hier setzt man auf spezielle, möglichst einheimische Rebsorten und macht daraus auch eigenständige Weine, die sich von allen anbiedernden Dutzendweinen (oder gar Massenweinen) deutlich abheben. Aus dem oft prallen Körper strömt dann viel Wärme und Würze, aber auch Charme und Eigenständigkeit, die in jedem Augenblick, von der Nase bis zum Gaumen, restlos überzeugen.  Für mich ist der Wein vor allem eindeutig, was so viel heisst, wie: unverwechselbar, unverwechselbar gut; kein Schielen nach geschmäcklerische Noten, nach geschliffenem Trinkfluss, nach Aromenbildern, die inzwischen weltweit in so vielen Weinen kopiert werden. Nein, hier hat man einen Wein, der (zurecht) selbstbewusst auftritt: zu seiner Säure steht, weil sie die ausdrucksstarken Aromen umrankt; Aromen, die so gleichsam aufblühen und sich in der festen Struktur und der Frucht des Weins integrieren. Es sind nicht einfach «nur» Brombeeren, es sind «sardinische» Brombeeren (was auch immer dies sein mag), was ich damit meine: ich nehme alles – von der Farbe, über die Aromen bis zum Finale – Nuancen stärker wahr, ausgeprägter, wenn man so will: eigenständiger. Dies macht den Wein zum Erlebnis und zur Insel in der italienischen Weinwelt.

(Foto: Weongut Mathier)
(Foto: Weongut Mathier)

27. September 2016

 

Adrian und Diego Mathier: Cuvée Rosmarie Mathier rouge 2013, Nouveau Salquenen (Salgesch), Wallis, Schweiz

 

Schweizer Restaurants führen – es ist eine Schande – in der Regel (wenn überhaupt) nur ein kleines Angebot an Schweizer Weinen. Es mag daran liegen, dass im Hochpreisland Schweiz der Grundpreis für gute Schweizerweine relativ hoch ist, und diese bei einem Faktor 3 in Gaststätten kaum gefragt sind. Es liegt aber auch – davon bin ich überzeugt – am mangelnden Selbstbewusstsein der Winzer und der Wirte. Ein süffiger Massen-Primitivo, geschliffen und getrimmt, und erst noch wesentlich billiger, findet halt mehr Anklang als ein subtiler, raffinierter Schweizerwein. Ob dies immer und für alle zutrifft? Ich wage es zu bezweifeln. Geflissentlich habe ich das Angebot aus Italien und Spanien übergangen, ich bin direkt auf die paar Schweizerweine zugesteuert. Nebst den wenigen „Lokalmatadoren“ stand diese Cuvée aus dem Wallis (dem grösssten Anbaugebiet der Schweiz) mit Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Syrah und Humagne rouge auf der Karte. Allein schon die Kombination von Cabernet und Pinot (zwei doch recht unterschiedliche Rebsorten) konnte mein Interesse wecken. Mehr aber noch der „Humagne rouge“, eine Spezialität aus dem Aostatal (Italien), die inzwischen im Wallis heimisch geworden ist. Der „Humagne rouge“ ist ein robuster, tanninreicher Wein mit starken Holznoten und viel Anklänge an Wald (und dies nicht künstlich durch Barriques erzeugt!) In der Schweiz (nicht nur im Wallis) wird er oft auch als „Höllenwein“ bezeichnet, nicht ganz zu unrecht, denn er begleitet oft deftige Speisen. Diese autochthone Rebsorte „Humagne Rouge“, zusammen mit der Primadonna Pinot noir, dem weltweit geläufigen Cabernet Sauvignon und dem edlen Syrah – wenn dies nur gut geht! Ich habe es kaum geglaubt: es ist gut gegangen. Der Wein hat bestanden, sowohl vor als auch nach der Speise, und mit einem doch eher  rustikalen „Kalbskopf“. In meinen Fantasien tauchte unmittelbar Wild auf, zum Beispiel ein feiner Rehrücken, und der Wein hat noch eine Stufe zugelegt. Noch etwas: Der Wirt hat offensichtlich auf den Faktor 3 verzichtet, bietet den Wein günstiger an und hat damit das nötige Selbstvertrauen bewiesen, welches die einheimischen Gewächse (auch) brauchen.

20. September 2016

 

Château Clos du Clocher: Clos du Clocher 1995, Pomerol, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es ist der «Dritte im Bunde» in meiner kleinen Betrachtung - hier im «Getrunken» - von Weinen, die sich in zwanzig Jahren gut, ja sehr gut entwickelt haben und sich heute – allen Unkenrufen zum Trotz – stolz präsentieren. Es ist wieder – zum dritten Mal - das kleine Lied der «kleinen Weine», abseits der hochgejubelten und überteuerten Spitzenbordeaux. Allerdings haben auch andere dieses Lied wahrgenommen und schnell reagiert. Der «Clos du Clocher» kostet heute bereits etwas über 40 CHF und kann deshalb kaum mehr zu den «Kleinen» gezählt werden. Warum soll ein «Kleiner» nicht auch einmal gross werden? Darauf setzen die Weingüter – nicht nur im Bordelais – und schrauben die Preise, wann immer der Kunde mitzieht in die Höhe. Dieser «Clos du Clocher» hat in der Subskription etwa die Hälfte von heute gekostet, so um 20 CHF. «La Fleur-Pétrus», mit dem weit berühmteren Namen, aber durchaus mit «Clos du Clocher» vergleichbar, kostete schon damals das Dreifache. Die Frage nach der Haltbarkeit darf also durchaus gestellt (und beantwortet) werden. Obwohl es in Pomerol keine Klassifizierung gibt, liegen zwischen den beiden Weinen - nach Preisen und Ansehen -  durchaus zwei bis drei Stufen. Bezogen auf Flaschenreifung (oder/und Haltbarkeit) müssten also deutliche Unterschiede wahrzunehmen sein. Und wieder – ein drittes Mal im Rahmen dieses Experiments – kann ich den Unterschied nicht – oder kaum wahrnehmen. Der «Fleur-Pétrus» ist zwar kräftiger, vielleicht sogar expressiver, würziger oder beeriger als der «Clos du Clocher», ein anderer Wein, sicher, doch besser gereift? Genussvoller? Da setzen meine Zweifel ein. Ich stelle fest: Der Wein hat keine oxidativen Noten, ist im Gaumen noch samtig, mollig, zeigt noch immer schöne Cassisnoten, viel Würze und so etwas wie eine feingliedrige Altersgelassenheit mit einem ordentlichen Abgang. Der Wein hat sich wunderbar entwickelt. Nur wer meint, aus dem «Kleinen» entsteige – nach zwanzig Jahren – ein Grosser, also ein «Fleur-Pétrus» oder gar ein «Pétrus», der vermag wohl die Kraft und Anmut dieses Wein nicht zu erkennen. Wer aber sieht, wie sich ein «Kleiner» nicht nur halten, sondern entwickeln kann, der muss zufrieden oder sogar begeistert sein. 

13. September 2016

 

Châteaux Le Prieuré: Le Prieuré 1996, Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer! Diese Redewendung tauchte bei auf, als ich mir eine weitere Flasche «kleine» Weinen eingeschenkt habe. Vor ein paar Tagen machte ich mir hier im «Getrunken» Gedanken über die Haltbarkeit «kleiner Bordeaux», und ich liess mich aus über jenes kleine «Mü» bei den «grossen» Weinen aus, über das so gerne und häufig diskutiert wird. Darum bleibe ich bei den «Kleinen», diesmal bei einem Weingut der rechten Seite, von Saint-Emilion. Es ist zwar ein etwas teurerer Wein, bereits um knapp 30 CHF, also im preislichen Bereich kein ganz «Kleiner» mehr. Aber als Château eher auf der kleineren Bank, obwohl er mitunter (bei guten Jahrgängen) schon mal 17/20 Punkten erhalten kann. Dieser Prieuré 1996 – glaube ich den Bordeaux-Spezialisten – ist vorbei: «Das Bouquet geprägt von einer Spur überreifer Früchte, Luftton, Oxydationsnoten. Im Gaumen tiefe Säure, wird dadurch eher plump, darunter leicht metallische Extraktnote, schwierige Zukunft» (René Gabriel 1997). Die angesprochene Zukunft ist inzwischen da. Und? Ein ähnliches Bild wie vor ein paar Tagen, zwar andere sensorische Eindrücke, aber die (fast) gleiche Feststellung: ein schöner Wein, noch immer viel Persönlichkeit (Terroir) und eine Fröhlichkeit, die das Alter (wenn man so sagen kann) grandios überspielt. Wenn ich feststellen muss, dass der Jahrgang 2011 von Le Prieuré bereits als «Restposten» vermarktet wird, obwohl man ihm eine Genussreife bis 2035 zugesteht (also 24 Jahre), wackelt mein Vertrauen in die Augurenarbeit der Bordeaux-Profi. Ein «fröhlicher» Wein im Glas, ohne Tadel, und das Palaver um die Haltbarkeit, führen einfach zur Frage: Wieviel davon sind sensorische Fakten und wieviel einfach nur Weinpolitik? 

10. Sptember 2016

 

Château Tour de Pez: Tour de Pez 1995, Saint-Estèphe, Bordeaux

 

 Als Bordeaux in den 90er-Jahren begann, sich in eine Zweiklassengesellschaft (oder gar Drei-Klassengesellschaft) aufzuteilen – die erste Klasse wurde zum reine Luxusgut für gewisse Länder und war für «Normalsterbliche» ab 2000 kaum mehr erschwinglich – da begann ich mich ernsthaft mit den sogenannten «kleinen» oder eben «erschwinglichen» Bordeaux-Weinen auseinanderzusetzen. Wie gross ist den der Unterschied – den es sicher gibt – von der obersten bis zu nächst unteren Klasse oder gar bis zu den Cru Bourgeois oder gar nicht Klassifizierten. Ich meine dies nicht preislich, sondern sensorisch, oder in «Genussfaktoren» gewertet. Umso weiter es «nach oben» geht, spricht man oft nur noch von den berühmten «Müs» (Millionstel), die von den Weingütern hart erarbeitet werden müssen. Mir sind solche Diskussionen – ich gebe es zu – zuwider, geniesse aber jedes «Mü», sofern ich es auch registrieren kann und es nicht nur aus dem Arsenal der Einbildungen entnommen ist. Da tappe ich oft noch immer im Dunkeln.
Ein viel leichter überprüfbarer Faktor ist hingegen die Haltbarkeit. Ist der «kleine Wein» so lange haltbar – im Sinne von Flaschenentwicklung, – wie der sogenannt «grosse Wein» aus obersten Klasse. Die Antwort, die ich überall höre, lautet: Nein! So oft habe ich aber bei Verkostungen mit «grossen Weinen» die Erfahrung gemacht, dass sich «kleine Weine» nach Jahren sogar besser präsentierten als die Grossen. In der Diskussion war es dann immer eine «schlechte Flasche», ein fragwürdiger Keller, eine unbestimmte Herkunft etc. Diese Degustationserfahrung brachte mich schon vor 2000 dazu, kleinere Bordeaux einzulagern, nicht viele von jedem Châteaux, aber einige Jahrgänge. Dieser Tour de Pez ist so ein Wein. Parker hat ihn damals kaum registriert, Gabriel gab gerade ihm immerhin 17/20 Punkte, meldete aber schon 2003 «vorbei!». Tour de Pez ist der Weingüter vom kleinen Weiler Pez in Saint-Estèphe, und zwar in der Regel (gemäss Bewertungen) der am wenigsten gute. Also keine «Mü» Diskussion, sondern schlicht die Frage: hat der Wein (im guten Keller) 21 Jahre gehalten? Er hat! Und wie: Ein eleganter, kräftiger, schöner Wein, mit eine klaren, pflaumigem Bukett, Rauchnoten und noch immer viel Druck im Finale. Was will man mehr? Eine Diskussion über «Müs» erübrigt sich. Einfach Freude haben an einem schön gereiften Wein. Nur zur Einordung: Der Wein hat damals weniger als 20 CHF gekostet – noch heute: er ist (inzwischen ein Cru Bourgeois) meist um 20 CHF oder sogar um ein paar Franken weniger zu kaufen. Das typische Bild einer Zwei- oder Drei-Klassengesellschaft! Die dritte Klasse lässt sich im besten Fall noch als Fasswein verkaufen, den man dann in Mouton Cadet (oder ähnlich geadelten Massenweinen) für noch weniger Geld (um 15 CHF) als «edlen Tropfen» erstehen kann. 

(Bild: Petzel - Filmbuch)
(Bild: Petzel - Filmbuch)

05. September 2016

 

Weingut Karl May: «Blutsbruder» 2012, Rheinhessen, Deutschland

 

Kürzlich wurde in einem Weinblog die Frage gestellt: «Sind Karl May und seine Helden nicht längst vergessen?» In Weinkreisen eine eher unübliche Frage. Natürlich wurde ich – als Karl-May-Sammler – sofort als «Kronzeuge» aufgerufen. Ich bin in den Keller gestiegen und habe eine Flasche "Blutsbruder - für immer vereint" 1912, geholt, eine Cuvée vorwiegend aus Cabernet Sauvignon (präzise Rebsortenanteile sind schwer zu ermitteln). Natürlich habe ich den Wein, vor allem, wegen der Namens-Beziehung zu Karl May in den Keller gelegt, denn die beiden Brüder, Peter und Fritz May, bewirtschaften jetzt den Hof – in der siebenten Generation – und nennen ihren Paradewein «Blutsbruder», etwas, was ja hier auch im wörtlichen Sinn zutrifft, aber immer auch Assoziationen zu den «Blutsbrüdern» Winnetou und Old Shatterhand wecken kann. Natürlich ist die Anspielung gewollt, natürlich wird hier die Namensidentität genutzt. Dagegen ist kaum etwas einzuwenden (es gibt dümmere und irreführendere Werbebotschaften) und wenn ein paar Karl-May-Freunde so zum guten deutschen Wein finden, dann kann mir dies nur recht sein. Die Frage bleibt: Wie gut ist dieser «Karl-May-Wein»? Ist es nur die Nostalgie, die hier in die Flasche oder ins Glas gepackt wurden? Gut, ökologisch, das heisst naturnah ausgebaut, werden die Weine.seit Jahren. Da würden Winnetou und sein Blutsbruder keine Einwände haben. Doch was sagt der Weinliebhaber? Lässt er sich vom Namen blenden? Oder gar vom Kosmos, in welchem Winnetou und Old Shatterhand sich begegnet sind? Oder von all den Abenteuergeschichten, die eigentlich längs durch Harry Poters und Pokémons ersetzt worden sind? Ich suche mich mit klarem Kopf und offenem Herzen dem Wein zu nähern: Nichts auszusetzen, ein sauberer, runder, schöner Wein. Vielleicht nicht so einmalig, wie es die Helden Karl Mays waren. Dafür ein schönes Stück Rheinhessen in einem rassigen – man verzeihe mir den Begriff – süffigen Tropfen, der eigentlich nur Spass macht. Vielleicht fehlt ihm etwas der Pulverrauch, der Rauchgeschmack, die Wucht des Bärentöters; vielleicht kommt der Wein allzu versöhnlich daher: rund und weich, bis in den Abgang hinein. Doch was ist da Fantasie und was sind sensorische Grössen? So genau weiss ich es nicht, so genau kann ich dies auch nicht auseinanderhalten. Was tut es zur Sache? Meine Weinfreunde – es sind weiss Gott nicht nur Karl-May-Freaks – sind zufrieden. Sie schmecken sogar Walderde, Nelken und Wachholder: kein Wunder rückt so der «wilde Westen» näher zu Rheinhessen.

(Foto: Weinhaus Schuler)
(Foto: Weinhaus Schuler)

30. August 2016

 

Baron Edmond der Rothschild: Château Clarke 2004, Listrac, Bordeaux, Frankreich

 

Mitte des 19. Jahrhunderts ging das damals schon berühmte Château Lafite an den französischen Zweig der Familie Rothschild. Seither ist die die weit verzweigte Bankierfamilie auch im Weingeschäft verankert. Nach verschiedenen Wirren (Mehltau, Reblaus, Kriege) und Verstaatlichungen gelang es Élie de Rothschild das von deutschen Besatzern zerstörte Château Lafite-Rothschild (Pauillac) zurückzukaufen und wieder zu neuer Blüte zu führen. Sein Cousin (zweiten Grades), Baron Edmond de Rothschild, ebenfalls Bankier (er war auch an Lafite beteiligt), wollte aber selber in das Weingeschäft einsteigen und kaufte 1973 zwei Crus Bourgeois in Listrac und Moulis, Château Clarke und Château Malmaison. Unter einem besonders guten Stern stand Château Clarke vorerst nicht: ein vernichtender Brand in den Rebbergen, grosse Investitionen (Drainage) bei den Rebflächen und Ausbau der Kelleranlagen verzögerten das Heranwachsen eines «grossen Weines». 1997 starb Edmond de Rothschild, bevor er den Wein zu dem gemacht hat, was er sich erträumt hat. Zwar ging es auf dem Weingut es weiter mit einer eigens dafür gegründeten Gesellschaf,t «Compagnie Vinicole Baron Edmond de Rothschild». Doch zur eigentlichen Blüte stieg das Weingut bis heute nicht auf. In Deutschland ist «Clarke» kaum zu kaufen, in der Schweiz vermarktet ihn ein Weinhaus fast exklusiv. Clarke ist eigentlich ein «Stiefkind» in der weit verzweigten Rothschild-Dynastie. Der klingende Name ist es – und die Möglichkeit nötigen Investitionen für einen Spitzenwein zu tätigen – welche das Weingut von anderen Cru Bourgeois abhebt. Der Wein kostet in er Schweiz inzwischen um 45 CHF. Auch wenn er unter den Listrac-Weinen sicher ein Leader ist, gibt es differenziertere, auch feinere Weine, vor allem individuellere Weine unter den Cru Bourgeois. Dies jedenfalls ist mein Eindruck, nachdem ich - seit längerer Zeit – nun wieder einmal einen Clarke eingeschenkt habe: sehr dicht in der Struktur, mit leichten Noten von Tabak und (noch) ordentlicher Frucht. Doch mir fehlt das «Fleisch», das füllige Bouquet, die eindeutige «Handschrift» eines individuellen Weins. Ein sehr guter Essensbegleiter, ist dieser 2004er jedenfalls. Ich werde in der nächsten Zeit noch einige andere Jahrgänge öffnen; Ich bin gespannt!

27. August 2016

 

Gebrüder Kümin: Leutschner Clevner 2009, Spätlese (Blauburgunder), Freienbach (SZ), Schweiz

 

Es ist einfach, einen angesehenen, einen teuren, einen hochwertigen Wein zum «Herzenswein» zu machen. Da gibt es so viele Zeugen für Rang und Qualität, da sind meist auch der Preis – und nicht zuletzt – die Verfügbarkeit, mitunter sogar die Seltenheit wichtige Faktoren. Aber einen «kleinen» Wein, der nur lokale, bestenfalls regionale Bedeutung hat, auf ein Podest zu erheben, ihm die Treue durch ein bewegtes Weinleben zu bewahren, ist weit schwieriger. Dies war mir – bis zur letzten «Weinrallye» - überhaupt nicht bewusst. Erst als ich mir – so quasi – selber in die Tiefen des Herzens schauen musste, da stieg der «kleine» Leutschner auf, zum stillen, unscheinbaren Begleiter meiner Weinerlebnisse. Natürlich war er nicht immer dabei – oft sogar in Vergessenheit geraten oder schnöde links liegengelassen. Besseres gab es allemal. Doch immer mal wieder hatte ich ihn im Glas, diesen Blauburgunder, der sich hier am Zürichsee «Clevner» nennt. Heute kommt er nicht nur ins Glas, sondern erstmals (und wohl auch ein einziges Mal) in diese Rubrik «Getrunken». Es ist ein «Landwein», wie es viele «Landweine» gibt, nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere Weine der Kategorie. Preis so um 15 CHF (Hochpreisland Schweiz), sauber gemacht, direkt, ohne Firlefanz und doppeltem Boden. Gewürze: ja, aber längst kein Aromenbad; Frucht: ja, eher Himbeeren als Kirschen und Cassis; Tannine: ja, aber eher ein weicher Teppich als eine klare Struktur, Säure: ja – vielleicht eher etwas zu viel (was ihn sommerfrisch macht); Abgang: ja, zwar lang aber wenig verbindlich. Ein guter Wein also, aber kein aussergewöhnlicher. Das Aussergewöhnliche liegt, wie bei so vielen Weinen, in seiner Herkunft, in seiner Geschichte, in seiner ganz persönlichen Verbindung zu mir: zu meinem Geschmack, zu meinem Erleben zu meinen Vorstellungen, wie ein Wein (auch) sein kann. Obwohl es nur ein «kleiner» Clevner ist. Dazu die persönliche Geschichte hier bei der Weinrallye. 

(© BY-SA 3.0)
(© BY-SA 3.0)

21. August 2016

 

Lupé-Cholet: Comte de Lupé 1990, Pinot Noir, Burgund, Frankreich

 

Es gibt berühmtere Burgunder, viel teurere, auch viel bessere: Allein der Name «Côte-d’Or» garantiert noch nichts, und der Jahrgang, für einen Burgunder – zumindest in dieser Preisklasse – schon ein Methusalem. Die halbe Flasche steht – seit zwei, drei Tagen – vor mir auf dem Pult, grad neben der Tastatur (wenn das nur gut kommt!). Ich kann mich einfach nicht richtig aufmachen, darüber zu schreiben: Kein Verriss, aber auch keine Lobeshymne. Normalerweise würde ich die Situation mit «Experiment» umschreiben, doch es ist mir gar nicht ums Experimentieren.  Und doch liegt etwas Faszinierendes am – oder im – Wein. Die Faszination, Wein zu sein und doch eben auch anders; Erwartungen nicht zu erfüllen und doch noch geniessbar, ja sogar genüsslich zu sein. Der Füllstand war nicht mehr perfekt (hohe Schulter), Brauntöne selbst durch das Flaschenglas auszumachen. Nach dem ersten Probeschluck bin ich wieder in den Keller gegangen, um meiner Frau etwas Besseres zu bringen (sie ist keine Altweintrinkerin, liebt es eher fruchtig). Ich hingegen habe die leichte «Todessüsse» gerne, welche alte Weine oft und gern begleiten. Ich kann mit den tertiären Noten durchaus etwas anfangen, mich sogar daran begeistern. Doch die Begeisterung fällt aus. Zuerst nippe ich nur am Glas, denke an den kräftigen, fruchtigen, geholzten Australier, der im Glas meiner Frau Genuss verspricht. Ich beherrsche mich: bleibe bei «meinem» Altwein – zumindest der Stolz eines Weinenthusiasten verlangt dies. Dann aber – mit jeder Viertelstunde, mit jedem Schluck wurde der Wein besser (zumindest in meiner Wahrnehmung). Nein, es war kein Aschenputtel-Erlebnis, vielmehr ein sanfter, gemächlicher Abend mit einem Wein, den so ich noch nie im Glas hatte. Dass die halbgefüllte Flasche zurückblieb, deutet doch eher darauf hin, dass es nicht eitle Freude, vielmehr leise Anerkennung war. Wie gesagt: dann blieb der Rest der Flasche zurück, bis heute, wo ich ihn – mitten am Tag – nochmals einschenke: Nachverkostung. Es steigt noch immer kein Phönix aus der Asche: dafür ein Wein, ohne oxidative Noten, der noch immer viele sensorische Geheimnisse birgt. Sozusagen ein Stück alte burgundische, Weinkultur.

(© BY-SA 3.0)
(© BY-SA 3.0)

21. August 2016

 

Finca Sandoval: Finca Sandoval 2006, Manchuela DO, Ledaña (Cuenca), Spanien

 

Ein vergessener Wein; besser: eine fast vergessene Weinregion Spaniens; Manchuela in der Mancha, wo einst Don Quijote gelebt hat; wo jahrzehntelang nebst Weiss- und Sektweinen vor allem „komplizierte Tintosʺ gemacht wurden. Die Region hat aufgerüstet, weinmässig den Tritt gefunden. Entstanden sind viele moderne Weinberge mit spanischen und internationalen Rebsorten sowie eine ganze Reihe neuer, anspruchsvoller Weinbauprojekte vor allem in Höhenlagen über 700 Metern. Die Finca Sandoval gehört dazu und – ihre Weinberge liegen noch weit höher, wachsen auf Kalksteinböden, passen sich an, an die heissen Tagen (Zentralspanien) und die kühlen Nächte, eine gute Voraussetzung für «charaktervolle» Weine. Eigentlich ist «Bobal» in dieser Region die «einheimische Traubensorte»; doch Bobal hat keinen guten Ruf. Es wurden daraus während vielen Jahren Massenweinen mit tiefdunkler Farbe gekeltert, ein typischer Spanier. Ganz anders dieser Wein. Zwar auch sehr dunkel, auch sehr „spanisch“, doch viel feiner, nuancierter, aromenvielfältiger: Er besteht offensichtlich (wohl mehrheitlich) aus Syrah und – dies macht wohl das Anderssein dieses Syrah-Weins aus – aus Bobal und Monastrell. Und so konnte der Wein sogar ein internationales Ansehen erlangen, bis hin zur Parkerwürde. Grund genug, alle Vorurteile gegen Spaniens Massenweine abzulegen und anzuerkennen, dass sich – meist unter Ausschluss der öffentlichen Wahrnehmung hier in der Schweiz (und Deutschland) – viel verändert hat: spanische Qualität auch in (zwar grossen) aber weniger bekannten Weinregionen. Der Wein sei „ein Feuerwerk“ habe ich gelesen. Das finde ich nicht, wahrscheinlich ist ihm in den zehn Jahren das Feuer ausgegangen. An seiner Stelle ist ein cremiger, samtiger, würdevoller Wein entstanden, der der zurückhaltend und doch auch bestimmend ist, bis in den langen Abgang hinein.

16. August 2016

 

Châteaux Moulin Saint-Georges, 2008 Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Bordeaux-Jahrgang mein Essen (zuhause) begleitet, der jünger als zehn Jahre ist. In der Regel sind es Degustationen, bei denen ich die jüngeren Jahrgänge immer mal wieder verkoste und teste. Typisch «Altweintrinker» - oder auch Privilegierter aus früheren Bordeaux-Zeiten, als die Weine noch so gemacht wurden, dass sie gut zehn Jahre im Keller zu ruhen sollten (um ihre Umgänglichkeit und Harmonie) zu finden. Doch für einmal musste es sein: Ich erinnere mich – es mögen gut zwanzig Jahre her sein – dass ich in einem kleinen Shop in Bordeaux, an der Strasse (nicht weit vom berühmten Ausone entfernt) den Moulin Saint-Georges zum ersten Mal gekauft hatte um ihn dann – mit einer Bordeaux-Reise-Gruppe – an einem geselligen Abend zu trinken. Es war mit Abstand der beste Spontankauf, der mir viel Bewunderung als «Bordeaux-Kenner» eingebracht hatte. In diesem Fall zu Unrecht, denn ich kannte den Wein kaum und der Kauf war eher ein Zufall, er war einfach besser als das, mit dem wir uns damals in den Superstores mit «bezahlbaren» Bordeaux eingedeckt hatten. Heute weiss ich mehr über den Wein. Den kleinen Hofladen in Bordeaux gibt es längst nicht mehr – der Wein aus dem Haus Vauthier versteckt sich hinter dem viel, viel, viel berühmteren (und weit, weit, weit) teureren Ausone (auch aus dem Hause Vauthier). Gekeltert und Ausgebaut werden beide – der Moulin Saint-Georges und der Ausone – dort, wo die schwarzen Limousinen vorfahren, mit dunkel-getönten Gläsern und sich der gewöhnlich sterbliche Weinliebhaber kaum Zutritt verschaffen kann.
Kein Wunder, das die Frage immer wieder auftaucht: ist dieser «kleine Bruder» von Ausone (ähnliches Terroir, gleiches Team für den Ausbau) so anders, oder noch pointierter, so viel schlechter als sein glorifizierter Bruder. Die Neugier ist stark. Sie wächst sobald ich spontan den Korkenzieher ansetze und – oh Schmack – den Wein zu einer Grillade einschenke. Ich habe sechs Flaschen an einer Auktion ersteigert, brutto zu etwa 20 CHF, Jahrgang 2008 – nicht der beste im Bordelais, weit übertrumpft von den anschlissenden zwei Jahre. Doch der Preis: ein Zwanzigstel vom Ausone 2008, der es immerhin bei Parker auf 99 Punkte brachtet. Solche Vergleiche hinken, sie hinken immer, weil der Preis eines Weins von vielen Faktoren abhängt, die Qualität ist verhältnismässig der kleineste und auch schwer auszumachen, weil es eben nicht der gleiche Wein ist. Moulin Saint-Georges, ein Wein, der schon mal an Auktionen verhökert wird.  So darf man es auch hier offen und laut sagen: der Wein ist gut, sehr gut sogar, natürlich weit entfernt, ein «Ausone» Bomber zu sein. Er wird ja auch als «geborener» Kleiner vermarktet, der nicht einmal den Ausone-Zweitwein (Chapelle d’Ausone) gefährden darf (Preis um 160 CHF). So bleibt er eben der «verkannte Kleine» und es kommt mir vor, als würde er von der Familie Vauthier bewusst verstossen, um klein zu bleiben.

11. August 2016

 

Wolf Blass: ‘Black Label’ 1993, Cabernet Sauvignon/Shiraz, Australien

 

Es gab eine Zeit, da waren Südaustralische Weine unglaublich in Mode: eine willkommene Alternative zu den «grossen» Kult-Weinen der alten Welt: Bordeaux, Burgund, Toskana, Piemont…. ja selbst zu den kultischen Kaliforniern. Die Preisexplosion im Hinblick auf den «kultischen» Jahrtausend-Jahrgang (2000) hat die Entwicklung zusätzlich angeheizt. Ben Glaetzer, Peter Lehmann, James Irvine, Wolf Blass, Peter Gago (Penfolds). Mark Lloyd, Mac Laren und wie sie alle heissen… Meist Einwanderer aus Europa, die – weil in Australien alles viel grösser ist – rasch einmal Weinimperien aufgebaut haben. Die Weine kräftig, bestimmt, fruchtig, alkoholreich; kleine Monumente, auch bei uns rasch Beachtung gefunden haben, vor allem weil sie sich immer mehr als Kultweine auf den Markt drängten. 1992 wurde Wolf Blass and der «International Wine and Spirit Competition» zum „Internationaler Weinmacher des Jahres“ gekrönt. Die Weinszene hatte ihre neuen Stars. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Black Label aus dem Folgejahr (1993) stammt und jetzt – mehr als zwanzig Jahre später – in Auktionen auftaucht. Man hat damals eben – wie man dies Bordeaux vorgemacht hat – auch tüchtig eingekellert, im Gedanken an die Flaschenreifung und Wertsteigerung. Doch Moden – die haben es so an sich – sind eben Moden und nicht immer und jederzeit «in». Die Weine blieben liegen, im Keller – neue Moden haben sie in die hinterste Ecke – oder gar in die Vergessenheit gedrängt. Die Erfahrung, wie sich australische Kult-Weine in «Bordeaux-Langsamkeit» entwickeln, fehlt, der Glaube an Kraft und Potenz (wie ihn Parker uns seit Jahrzehnten eingeimpft hat) hat Brüche bekommen: filigrane Weine, differenzierte Weine, spielerische Weine, geheimnisvolle Weine… Der Modetrend hat gekehrt, die Keller der Weinliebhaber sehen heute anders aus. So also – über Kellerauflösung – bin ich zu diesem Spitzenwein von Wolf Blass gekommen. Ein Wein, der noch immer um 100 CHF kostet (schliesslich ist es ein Monument!) und – dies sei verraten: hervorragend gealtert hat. Er hat seine Strenge (Black Label) verloren, ist zugänglicher, gemütlicher geworden und verlockt mit seinem old-fashioned Charme. Irgendwie erinnert mich der Wein an alt gewordene Monumente des Jazz. (Zweite Verkostung in diesem Jahr)

09. August 2016

 

 James & Marjorie Irvine: Grand Merlot 1994, Eden Valley, Australien

 

Es macht mir riesigen Spass: ein Wein im Glas, den ich wohl kannte, aber noch nie im Glas hatte. Und erst noch ein alter – für einen australischen Merlot - schon fast ein uralter Jahrgang: 1994. Ein Experiment, auf für mich. Ich habe den Wein ersteigert – für wenig Geld, so quasi als «Restposten», gar nicht gefragt und deshalb besonders interessant. Hat der Wein «überlebt»? Es geht nicht darum, ob man ihn noch trinken kann, ob er noch etwas zu bieten hat, ob er noch Spass machen kann. Davon gehe ich aus. Es geht darum, was aus dem kräftigen, fruchtigen, verführerischen Wein des «King of Merlot», James Irvine geworden ist: Aromen von Pflaumen, aber auch Zedern, Spuren von Feigen, ja aromatisch noch leicht durchschimmernde rote Beeren, das starke Holz (französische Eiche) hat sich aufgelöst in einem «Gesamtkunstwerk». Es kommen Erinnerungen an den Kult-Merlot aus Pommerol – Pétrus – den ich natürlich genau so selten im Glas habe, aber doch von diversen Degustationen her kenne. Der kann doch nicht besser sein. Oder darf er nicht besser sein (weil wesentlich teurer)? Ein Modewein, habe ich irgendwo gelesen. Wenn Mode so gut ist – Mode aus den Neunzigern – dann rapple ich mich gerne auf zum «Modeaffen». Der Wein – bei uns so um knapp 100 Franken im Weinhandel – habe ich an einer Auktion für die Hälfte dieses Preises erworben. Risikoabzug! In diesem Fall dürfte man – wüsste man es so genau – Risikozuschlag verlangen, denn der Wein präsentiert sich jetzt -  in allerbesten «Altform», nicht mehr der kräftige – fast schon aufdringliche – Kraftwein, vielmehr ein verführerischer, abgeklärter, tiefgreifender, nachhallender Spitzenwein. Jetzt wo ich dies schreibe – der Wein ist längst getrunken – verklärt getrunken – bin ich versucht zu kommentieren – schau ich mich doch in Weinsuchprogrammen um: Jahrgang 1994, nur ein Angebot in einem australischen Weinhaus, für (umgerechnet) 900 CHF. Auch dies sind Weingeschichten, schöne!

05. August 2016

 

Groot Constantia: Pinotage 2012, ConstantiaDiemersdal: Pinotage, 2013 DurbanvilleLanzerac: Pinotage 2010, Stellenbosch Südafrika

 

Drei (leere) Flaschen Pinotage stehen vor mir: «Groot Constantia» (2012), «Lanzerac» (2010) und Diemersdal (2013). Getrunken! Die Versuchung, jetzt zu werten, den einen gegen den anderen auszuspielen um – mindestens für mich – den besten zu erküren. Ein Spiel, das dem Weinliebhaber liegt und auch Spasst macht. So quasi: Wer ist der Beste? Und als letzte (mögliche) Konsequenz: was wird am besten eingekellert? Hier geht es mir aber um etwas ganz anderes; es geht um die Tatsache, dass an schönen, heissen Sommertagen der «Pinotage» zum Sommerwein mutiert; zum Wein, der der Hitze, sogar der Grillade im Garten, standhalten kann. Viele meiner Weinfreunde – ich weiss es – schütteln jetzt den Kopf, vor allem in Deutschland, wo in dieser Situation ein trockener Riesling so etwas wie eine «ultima Ratio» darstellt, während es für einen Südfranzosen ganz klar ist:  da muss ein Rosé her! Ob Rosé, Riesling oder Pinotage – «Hundstage» unterscheiden sich kaum, was dazu getrunken wird, aber schon! Entscheiden tun einzig und allein die Durstigen. Als «Durstiger» habe ich da eine klare Meinung: Pinotage! Die leicht bitteren Noten, der ruhige Trinkfluss, die Unaufgeregtheit des Weins und nicht zuletzt eine moderate kühle - nicht kalte - Temperatur bringen Struktur und Festigkeit in den Gaumen und erzeugen gleichzeitig eine feine, fast schon perlende Wirkung. Fantastisch! Ich höre etwas von Rosé – Pinotage-Rosé –, wie er als sogenannter Sommerwein angeboten wird. Dies meine ich nicht, dies ist schon fast doppelt-gemoppelt. In diesem Fall bevorzuge ich es ich es einfach: einfach Pinotage – angenehm temperiert – harmonisch, rund, spritzig (nicht spitzig!) und fruchtig. Wer jetzt doch noch wissen möchte, welchen der drei Weine – unabhängig von Hundstagen – ich generell bevorzuge: Schwer zu sagen! «Groot Constantia», klassisch, eindeutig, wenig verspielt, eher beständig, traditionell. Ganz anders «Lanzerac»: eleganter, feiner, verspielt, inovativ, modern, reife Beeren und Pflaumen in der Nase und im Gaumen, mit lange anhaltendem Nachgeschmack. 

Malans  (Bild: Schweizer Tourismus)
Malans (Bild: Schweizer Tourismus)

03. August 2016

 

Georg und Ruth Fromm: Malanser 2001, Pinot Noir, Malans, Bündner Herrschaft, Schweiz

 

Ein renommierter Winzer, einer der besten in der Schweiz, Bündner Herrschaft, Hochburg des Pinot Noir oder eben des Blauburgunders, Weine von Gantenbein, Fromm, Grünenfelder, Donatsch und wie sie alle heissen, eine Referenz für hohe Weinkultur, für einen Trinkspass auch am ersten August, dem Schweizer Nationalfeiertag. Es sollte nicht sein. Zuerst war meine Frau enttäuscht, sie hat die Flasche aus dem Keller geholt. Ich habe ihr Gesicht gesehen und gleich gespürt, da stimmt etwas nicht. Kein fröhliches Strahlen, keine spontanen Kommentare, vielmehr ein leicht verzogenes Gesicht, analog dem Wein bitter: kraftlos, brutal gesagt: vorbei. Natürlich musste ich sofort in meinem Glas nachfassen: stimmt, in der Nase leicht oxidative Noten, nichts von der eleganten Wolke eines Pinots aus der Herrschaft. Kein Trinkfluss, irgendetwas Verzahntes zwischen Reife und Abgestandenheit, allerdings Spuren von dem, was da wohl einmal in der Flasche war. Ein Wein, der von feinen Pinot Noten – sozusagen filigranen – lebt, oder besser gelebt hat. Tannine jaulen noch auf, doch nicht als Stütze, nicht als festes, zusammenfügendes Gerüst. Primärnoten – die Frucht – sind fast weg. Da kommt mir in den Sinn, den Jahrgang etwas genauer anzusehen: 2001, also ein Weinjahr vor 15 Jahren. War es ein gutes, war es ein schlechtes? Ich weiss nicht (mehr); es tut auch nichts zu Sache. Der Wein hat nicht überlebt. Ich rege an, eine andere Flasche aus dem Keller zu holen. Wird abgelehnt, wir beissen uns durch den Wein. Am Schluss bleibt die halbe Flasche vor. Ich habe schon so manchen fünfzehnjährigen Pinot aus der Herrschaft getrunken (und auch ältere!), die noch gut aufgestellt waren. Doch dieser Malanser ist es eindeutig nicht. Fazit: Auch Topweine haben ihre Vergänglichkeit, warten lohnt sich ab und zu, aber noch lange nicht immer. Nicht alles was alt ist, ist auch gut. Dies gilt auch für Weine.

31. Juli 2016

 

Château La Gaffelière: La Gaffelière 1996, Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

  

Es gibt in Bordeaux eine Rufhierarchie – so ausgeprägt wie in kaum einem anderen Weingebiet – die Weingüter über Jahre, ja Jahrzehnte begleitet – im Guten und im Schlechten. Vielleicht hat dies schon mit einer Qualitätsperiode zu tun, mit ein paar Jahren der Anstrengung oder des Nachlassens, mit Erneuerungen und Investitionen. Mag im einzelnen Fall alles so sein. Doch ein Ruf ist meist so resistent, dass es daraus kaum ein Entrinnen gibt. Da können Weinkritiker – selbst Parker – noch so stark anrennen, es bleibt oft viel vom «Hintergrundruf» (hat nichts oder wenig mit der Klassifizierung zu tun) hängen, da hilft eigentlich nur dagegen antrinken. Ich habe dies nun schon so oft erlebt. Château Pédesclaux ist oder war so ein Weingut. Zwar «nur» 5ème Cru (Pauillac), doch die renommierten Kritiker reden sich meist darum herum. Ich habe in meiner «Sammelwut» vor Jahren den ersten Pédesclaux gekauft (um von jedem Grand Cru Classé ein paar Flaschen im Keller zu haben) und dabei erstaunt festgestellt:  So schlecht ist er gar nicht, wie sein Ruf, aber fast immer tief in den 80ern Punkten (Parker). Selbst in Jahrhundert-Jahrgängen wie 2009 und 2010 (auch bei Pédesclaux wirklich ein grossartiger Wein – und erst noch günstig zu kaufen) überkletterte er bei Parker die 89 Punkte nicht. Ähnlich geht es seit Jahren dem Rauzan-Gassies (2ème Crulassé, Margaux), das zwar seit etwa 10 Jahren durch Kellererneuerungen kräftig zugelegt hat, doch noch immer gegenüber seinem hochangesehenen Nachbarn Rauzan-Ségla bei Gabriel noch immer um 16/20 Punkten dümpelt. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen: Rufhierarchie eben! Bei La Gaffelière ist es zwar nicht ganz so krass, doch der (fast) Nachbar, Canon La Gaffelière (Graf von Neipperg), stiehlt ihm seit Jahren die Show. Canon la Gaffelière in den letzten zwanzig Jahren kaum weniger als 90 Parker-Punkte, La Gaffelière hingegen kaum mehr als 90. 1996 – dieser Jahrgang also – Canon La Gaffelière 90 PP, La Gaffelière hingegen 87 PP. Ob dies immer mit der Qualität zu begründen ist? Ich habe da meine ernsthaften Zweifel. Gerade bei diesem 96er La Gaffelière bestechen Kraft und Aromen (noch nach 20 Jahren!) entwickeln vielleicht nicht den Charme eines jüngeren Canon la Gaffelière, dafür behält er Zuverlässigkeit, Typizität (Merlot) und ist noch immer mit einem eigenwilligen, aber fast umwerfenden Bouquet «gesegnet».

26. Juli 2016

 

Torre Raone: Raone Rosso 2006, Colline Pescaresi, Biowein, Abruzzen, Italien

 

Die leere Flasche steht schon lange in meinem Büro, nicht einmal im Büchergestell, wo die Weinbücher stehen. Nein, dort wo täglich, fast stündlich hinschaue, neben dem Fernseher, über der Kamera, neben Medienliteratur. Warum steht er da? Eine leere Flasche! Die Erinnerung ist verblasst, Notizen diesmal nicht vorhanden. Wie soll ich da eine Geschichte schreiben? Wichtig war für mich der Wein, sonst wäre die leere Flasche längst in der Glasabfuhr. Aber warum war er wichtig? Was ist eine (seine) Geschichte. Also doch entsorgen, nicht mehr darüber sinnieren, aus dem Bereich der Weinerlebnisse – der Weingeschichten – tilgen? Wie so oft, bringe ich es nicht übers Herz. War es nicht doch ein schöner Moment – ein schöner Weinabend – als sein Inhalt im Glas war? Ein Reinfall war es jedenfalls nicht, das wüsste ich bestimmt. Die Flaschenleiche wäre weg. Vielleicht war es das Label «Bio», das bei und in mir noch immer Skepsis und Fragen auslöst. Ein Modetrend, der oft so etwas wie eine Mogelpackung ist. Wer hat nicht alles in den letzten Jahren auf «Bio» (in den verschiedenen Ausprägungen und in unterschiedlichem Verständnis) umgesattelt. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil sich so ein Wein und sein Image besser verkaufen lässt. Nachdem ich nach dem Besuch des Premiergutes «Latour» (Pauillac, Bordeaux) - mit den modernsten hochtechnisierten Anlagen zu Vinifikation – in den Reben das Arbeiten mit Ross und Pflug gesehen und erlebt habe, sind meine Zweifel noch gewachsen.  Ist vielleicht dieser Raone Rosso eine echte Alternative, ein «echter» Biowein und nicht nur ein potemkinsches Bio-Dorf. Vielleicht ist dies die Geschichte? Kurzum: ich weiss es nicht (mehr). Und doch gibt es nach den vielen Überlegungen jetzt eine «neue» Geschichte. Die Geschichte von «vergessenen Weinen», von «vergessenen Weinerinnerungen». Da trinken wir – sozusagen Tag für Tag – vor allem am Abend – einen Wein. Nicht einfach nur, weil wir Durst haben. Nein, weil wir den Genuss, das Weinerlebnis suchen und meist auch finden (die Auswahl ist ja nicht zufällig!). Und dann? Meist ist der Nachhall etwas länger als der Wein im Gaumen! Aber wie lange? Die erinnerten Erlebnisse reduzieren sich. War angenehm, war schön, war genüsslich! Ich meine: auch Genusserlebnisse sollten Nachhaltig sein, jedenfalls nachhaltiger als das zehn Weinflaschen, die noch für – wohl verdrängte Geschichten – in der Küche am Boden stehen. Gleichsam als materialisierte Erinnerung an Weine, die einmal zum Genuss in meinem Glas waren. Die standardisierten Beschreibungen wie: «Aromen von schwarzen Beeren und roten Kirschen, dunkle Schokolade und Tabak; im Gaumen geschmeidig und voll, viel Frucht… « kommen mir schon etwas eintönig vor. Jedenfalls nicht zum Erinnern. Eigentlich können nur Geschichten gut erinnert werden. Weingeschichten. Dies ist also die Geschichte eines nicht-erinnerten Weins.

22. Juli 2016

 

Hospices de Beaune: Savigny-les-Beaune 1993, Cuvée Forneret, Burgund, Frankreich

 

 

Es sind die Geschichte, der Name, der Mythos, die Tradition, welche diesen Wein prägen, viel mehr noch als die Qualität. Ein 1931er – habe ich gesehen – wird für 750 Franken angeboten, vielleicht ist er gar nicht mehr (mit Genuss) zu Trinken, bestimmt aber eine Rarität. Das Hospitz de Beaune, 1443 gegründet, war bis 1971 ein Krankenhaus; eine Pionierinstitution der Krankenpflege; ein Spital, das vor allem aus dem Erlös der Weine aus den eigenen Weinbergen finanziert wurde. Noch heute findet einmal im Jahr (während der «Trois Glorieuses») eine Auktion statt, wo viele der bekanntesten Weinhäuser Frankreichs ein Fass ersteigern – um dann eine eigene (firmeneigene) Abfüllung zu machen, gleichsam als Visitenkarte des Unternehmens. «Wenn Beaune hohe Preise bei der Hospiz-Auktion erzielt, so wird der gesamte Burgunder-Jahrgang teurer». (Wikipedia) Das Hospiz selber füllt einen Teil seiner Weine auch selber ab und verkauft sie unter dem eigenen Namen. Unsere Cuvée hier wurde von Coop Suisse angekauft; ausgebaut und abgefüllt aber von Patriarche Père et Fils au Couvent des Visitandines. Es ist also nicht ganz gleichgültig, aus welchem Haus de Wein kommt (auch wenn es letztlich die Weinberge sind). Patriarche ist einer der grössten Weinhändler von Burgund, mit einem alten Weinkeller, der jährlich von über 50'000 Menschen besucht wird. Dies sagt zwar wenig in Bezug auf die Qualität, umso mehr über das Ansehen und den Stellenwert der Weine aus den Hospices. Tatsächlich gebietet dem Wein – immerhin 23 Jahre alt – eher Ehrfrucht als Weinbegeisterung. Trinkbar ist er aber immer noch – sogar mit Genuss trinkbar – , doch es gibt weit bessere Burgunder. Da haben sich bereits Firnisse eingeschlichen und – beim Menschen würde man sagen – die grauen Haare überwiegen. Und die Säure? Auch die hat sich verkrochen. Trotzdem: Es ist ein Wein, der durchaus als Monument gehandelt werden kann, wenn man die paar altersbedingten Ecken und Kanten nicht sieht.