Gelesen: Elena Ferrante

12. August 2017

 

Neapel und seine geniale Freundin

Auf den Spuren von Elena Ferrantes literarischem Welterfolg

 

 Aufgeschnappt in der NZZ vom 20, Juli 2018 ((Wochenende)

Die Stadt und ihre Unbekannte

 

"Die besten Reiseführer über Neapel sind die Romane von Elena Ferrante. Wir suchen die weltberühmte Autorin, die niemand kennt, weil sie sich aller Öfentlichkeit verbirgt. 
Von Brigit Schmid (Text) 
und Ottavio Sellitti (Bilder)"

Ein hervorragender Bericht in der NZZ zu den Büchern von Elena Ferantes. Die erstem beiden Bücher des vierbändigen Romans wurden hier in der Rubrik "Gelesen" bereits kurz besprochen. 

Die Online-Version dieses Berichts ist hier abzurufen.

 

Die eigene Besprechung von Band 3 und vier folgen auf dieser Website später.


23. Oktober 2018

 

Elena Ferrante

 

Die Geschichte der getrennten Wege
Erwachsenenjahre

 

Verbunden mit ihrer Freundin Lila – die im mafiaverseuchten Neapel geblieben ist und dort ihren eigenen Kampf ums Leben und Überleben austrägt – ist der Stoff für eine Familiengeschichte, vor allem, wenn die Wirren der Beziehungen und Liebe miteingeflochten werden. Doch dieser – der dritte Band – ist weit mehr als eine Familiengeschichte. Er dokumentiert den gesellschaftlichen Umbruch, den wir inzwischen als die 68er-Bewegung bezeichnen. Eher ein Sturm als eine Bewegung, auch in Italien, mit Drogen, Rebellion,

 

Studenten-Protesten, politischen Ränken, bis hin zum politisch motivierten Mord (Aldo Moro 1978). Doch dies alles ist nur der Hintergrund, das Szenario. Das Buch bleibt bei der Geschichte der zwei Frauen, die im ersten Band noch Kinder, im zweiten Teenies waren und jetzt Erwachsene geworden sind. Auf ihren getrennten Wegen erleben sie andere Welten, ein anderes Italien, anderen Zeitgeist, und doch verbindet sich das Unterschiedliche immer wieder zu einem Ganzen, das sich Italien nennt. Ein Italien, reduziert auf das Erleben von zwei Frauen, mal Freundinnen, mal sich spinnefeind, mal mit viel Nähe, mal in unglaublicher Distanz. Vermittelt wird eine subjektive Sicht, die Sicht von innen,  in einem Panoptikum der Gefühle, des Verstehens und Nichtverstehens. Unverschroben ausgedrückt: es ist die Geschichte von Menschen, die so leben, so denken, so handeln könnten, wären sie nicht Romanfiguren, und zwar in einer präzis charakterisierten Zeit von etwa zehn Jahren (1968 bis 1978) und ebenso präzis gezeichneten Umstände von ganz persönlicher, individueller Verstrickung. 

Quartiere Stella, Neapel, Italien (Bild: tripadvisor)
Quartiere Stella, Neapel, Italien (Bild: tripadvisor)

Rione, das ärmliche Viertel von Neapel, wo die beiden Frauen aufgewachsen sind, reduziert sich auf eines der Probleme des Umbruchs. Im Mittelpunkt steht jetzt der Zeitgeist, der nicht nur Italien, auch andere Länder Europas, Frankreich und Deutschland zum Beispiel, erfasst hat. Und der hier nicht als Fakten, sondern als Atmosphäre, als hoffnungsvolles und deprimiertes Erleben beschrieben wird. Unspektakulär, aber sensationell gut. 

Zu der Verlagsankündigung

05. August 2018

 

Elena Ferrante

 

Die Geschichte eines neuen Namens

 

Jugendjahre
Band 2 der Neapolitanischen Saga 
Roman, aus dem Italienischen von Karin Krieger 


2017 Suhrkamp Verlag,  622 Seiten,
ISBN 978-3-518-42745-9

 

Die Frage ist einfach: was fasziniert denn an diesem Buch- an dieser Geschichte? Da steht, wie es fast überall steht, in den Vorbemerkungen von Romanen, die in Bezug auf Personen, Ort und Zeit fixiert sind.: "Die Personen und die Handlungen des vorliegenden Werkes sowie alle darin enthaltenen Namen und Dialoge sind erfunden,,," Und es ist so - wie in vielen vergleichbaren "Geschichten", dass zwar Namens- und Beziehungskosmetik betrieben wird, die "Geschichte" aber nicht unwahrer werden. Im Gegenteil - durch ihre Verdichtung -werden sie sogar wahrer als die Realität,.

Ab und zu habe ich das Gefühl, man hätte vieles zwar nicht einfacher, aber kürzer erzählen können. Vielleicht hätte man mich dann vielleicht um  hundert, vielleicht um zweihundert Seiten Spass betrogen. Einiges ist auch voraussehbar. Es kommt, wie es kommen muss. Es taucht auf, wer auftauchen muss. Sieger und Verlierer gibt es nur vorübergehend, Dann wechseln sie ihren Status. Verstecken sich in historischen Ereignissen, oft auch nur in Andeutungen. Die Sechzigerjahre, die atomare Bedrohung, das sich abzeichnende Computerzeitalter...Und über allem schwebt der Begriff "lernen", als Hoffnung, als Bestätigung, als Niederlage...Jedenfalls erinnert mich der Roman dauernd an Fernsehserien. An gut gemachte an die Besten. Oder an Wäsche, die vors Fenster gehängt wird, zum trocknen...

Er musste mich ja erreichen, der Ruf dieser monumentalen Geschichte, aus dem Süden Italiens.Ich weiss nicht, ob sie bei mir auch angekommen wäre, ohne den Wirbel, den sie gemacht hat. Ferrante, wer ist das? Da geht es schon los, das Werweissen um die Autorenschaft. Elena Ferrante, ein Künstlername, ein Pseudonym Wer könnte es sein. Dann der erste Band, der Literaturkritikern eingeschlagen hat. Dann die Bestsellerliste, die Ankündigung von vier Bänden, die Direktheit in Sprache und Ausduck, vor allem aber: die Form. Es sind Geschichten, viele Geschichten, die schließsslich zu einer Geschichte verschmelzen, über 2'000 Seiten.

23. Juni 2018

 

Gelesen: 

 

Elena Ferrante
«Meine geniale Freundin »

 

Roman, Band 1 der Neapolitanischen Saga, aus dem Italienischen von Karin Krieger

 

9. Auflage 2017 –  Suhrkamp Verlag Berlin,  ISBN 978-3-518-42553-4, Original: 2011 «L’amica geniale» Edizione e/o, Rom

Sie ist jetzt auch bei mir angekommen, Elena Ferrante, die grosse bekannte Unbekannte der italienischen Gegenwartsliteratur. Eigentlich entziehe ich mich gerne allen Hypes, auch den literarischen. «Eine solche weltweite Erfolgsgeschichte hat es in der italienischen Literatur noch nie gegeben, nicht einmal mit Umberto Ecos Roman ’Der Name der Rose’ (1980)», schrieb die in literarischen Fragen selbstbewusste NZZ (Neue Zürcher Zeitung). Zugegeben, neugierig war ich schon, doch hatte ich nicht schon bei Eco standgehalten, zumindest bis zur Verfilmung von «Der Name der Rose». So sollte es mich nicht nochmals ergehen, denn inzwischen ist für nächstes Jahr bereits eine TV-Serie nach dem Stoff der vierteiligen Serie angekündigt. Inzwischen ist auch der vierte, der letzte Band dieser napolita-nischen Sage (in deutsch Übersetzung) erschienen. Höchste Zeit wenigstens die Nase ins Buch zu stecken. Ich kann es ja beim dem ersten Band belassen. Nein, ich kann und will es nicht lassen. Das erste Buch des Vierteilers – ich gebe es zu – hat mich gepackt, mitgenommen in die Welt der eleganten Formulierungen und leisen, unaufgeregten Schilderungen: «In den darauffolgenden Tagen entdeckte ich, dass meine Akne austrocknete. ‘Du siehst wirklich gut aus, das ist die Zufriedenheit, die dir die Schule verschafft, das ist die Liebe’, sagte Lila und ich spürte, dass sie ein wenig traurig war.»  Die ausgetrocknete Akne und die angedeutete Stimmung von «Bonjour Tristesse» umschreibt beschreibt besser als hochtrabende Erklärungen das Glück und die Sorgen von Teenagern in einer «geschlossenen» Gesellschaft, von Armut, Lebenskampf und Tradition beherrscht Zwei Mädchen – am Schluss des ersten Bandes 

(Foto  Il Sistemone)
(Foto Il Sistemone)

etwa sechtzehn - sind hineingeboren in ein ärmliches Viertel von Neapel, in ein Leben, das von Gewalt, Streitigkeiten und Rivalitäten geprägt ist, wo die Camorra wie ein unsichtbares Gespenst die Fäden sieht, wo sich die innere Emigration anbietet, als Weg zum Überleben, wo Auswanderung nur schwer vorstellbar ist, weil ein Netz von Tradition, Familie, Zwang, Gewohnheit, Unterwürfigkeit, Verpflichtung das Leben einschnürt. Wer denkt da nicht an einen Sozialreport, wo Tod und Mordschlag die Szenarien prägen? Nicht so in diesem Buch, das die Freundschaft zweier Kinder, später zweier junger Frauen beschreibt, aber so, dass «Mord und Totschlag» zwar präsent sind, sich aber in kindliche Träume und jugendliches Schwärmereien auflösen. Irgendwo – so Mitte vom Buch – wird deutlich, wie viel soziale, gesellschaftliche, wirtschaftliche Realität schon im Kinderspiel enthalten ist, und wie sehr zwei junge Menschen – Lila, die eine – heiratet und - Elena, die andere – geht weiterhin zur Schule, versuchen sich ihr Leben einzurichten.  Daraus entwickelt sich ein eine Geschichte, die berührt - 

sowohl das Gefühl, als auch den Verstand. Und immer wieder – geschickt gemacht – treiben Cliffhanger die Stroy und die Emotionen unerbittlich weiter. Sogar über drei weiteren Bücher des einen Romans? So sehen es jedenfalls die meisten, der längst vorliegenden Buchbesprechungen und Lesermeinungen. Ich werde den zweiten Band mit hohen Erwartungen lesen, in der Hoffnung, die gleiche sprachliche und dramaturgische Munterkeit anzutreffen, welche den ersten Band prägen und auszeichnen, als Sozialanalyse verbunden mit Genuss und Ergriffenheit. Ist so etwas  in der vorliegenden epischen Länge möglich? Wohl möglich, weil es vier Geschichten sind, die nächste: «Die Geschichte eines neuen Namens».      

Sie werden zu einem Spiegel, der nicht kalt und seelenlos zurück wirft. Wo Emotionen - und nicht die Handlung - zum Träger der Geschichte wird. Es ist kein feines, behutsames Buch. Manchmal ist es brutal, krass, sogar vulgär, "Gewagt" übersetzt es die Ich-Erzählerin, die im Buch  auch Elena heisst und zum Schluss ihren Erstling veröffentlicht. 

Für mich ist es vor allem die Sprache, welche  der Klang der Sprache, welche mich fasziniert und dazu treibt, immer weiter zu lesen. Auch wenn sich auch die Seelennöte spiegeln, sogar oft wiederholen.  Ich weiss, es ist ein Übersetzung. Das Original kenne ich nicht. Doch auch die Übersetzung ist sprachlich hervorragend, ist sprachlich ein Vergnügen. Selbst dort, wo sich die Autorin im Teenagergepläkel verliert.