Russland, unser Bild von Russland, mein Russland

17. Juni 2018

 

Hier entsteht der ganz persönliche Bericht einer Reise von Moskau nach Wladiwostok mit der Transssibirischen Eisenbahn. Autor: Peter Züllig.


Die Serie wird dauernd ergänzt und am Schluss etwa 15 Kapitel umfassen. Kein Reisebericht, vielmehr Feuilletons und persönliche Gedanken. Zur Illustration einige wenige Bilder als Ergänzung zum grossen Bildbericht.

30. Juni 2018

 

Erstes Kapitel:

 

Sehnsuchtsort Transsibirische Eisenbahn

 

Mein Vater war Kondukteur (Schaffner), also ein Eisenbähnler. Meine frühsten Erinnerungen waren uuh-lange Bahnfahrten, an die Grenze der Schweiz, wo Stacheldraht und Panzersperren uns vor dem bösen Feind schützten. Der Ort: Kreuzlingen. Meine Grossmama und eine Tante lebten dort. Mein Vater – so die noch immer präsente Erinnerung - war ein grosser Mann, mit einer mächtigen steifen Kappe, eingekleidet, nein eingepfercht in eine dunkle, hochgeschlossene Uniform.

So war mir sein Bild – währen der ganzen Jugendzeit - präsent, mehr als das des Vaters. Seine ausführlichen Erzählungen liebte ich, auch jene von einer Bahn, die viel länger ist als man sich überhaupt vorstellen kann. Es sei die längste Bahn der Welt, die dorthin führt, wo Anfang und Ende der Zeit zuhause ist. Dies konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Es blieb ein Geheimnis und wurde zu einem Ort  der geheimnisvollen Sehnsucht.
Der Wunsch meines Vaters – wie ich später herausgefunden habe – war es, einmal im Leben diesen Zug zu besteigen und ans Ende der Zeit zu fahren. Der Krieg, Stalin, der Kommunismus und der niederrasselnde Eiserne Vorhang haben es verhindert. Ich aber habe - ohne mir bewusst zu sein - seinen Traum, seine Sehnsucht weiter getragen.

Als in den 60er Jahren die staatliche Reiseagentur „Intourist“ die ersten Schlupflöcher durch den Eisernen Vorhang baute, gehörte ich zu den ersten, die hindurchschlüpften, allerdings verbunden mit viel Papierkrieg und riesigen Stempeln in meinem Pass.
Ich nutzte die Einladung zum Filmfestival in Moskau, wohl auch um einmal jenen Zug zu sehen - vielleicht sogar eine kleine Strecke zu fahren - der zum Anfang und Ende der Zeit führen soll. Inzwischen war ich 28 und konnte die seltsame Definition „zum Ende oder Anfang der Zeit" auch verstehen. Damals habe ich Moskau und Leningrad (Petersburg) erkundet, nicht aber den Bahnhof, wo die Züge nach Sibirien fahren. Es war Sperrzone für alle Ausländer
!
Es ging wieder fast vierzig Jahre – das Ende des Ostblocks war längst Tatsache geworden – da kehrte ich nach Moskau zurück, eingeladen von einem Freund, der lange Zeit beruflich in Russland gelebt hat. Die Transsibirische Eisenbahn – sowohl Bahnhof als auch Zug – blieben mir wider verborgen. Diesmal hinderte mich kein Sperrgebiet, sondern es war kein Punkt des umfassenden Besichtigungsprogramms.  Durchgesetzt habe ich meinem geheimen Wunsch nicht, zumal mein Freund die unendlich lange Fahrt mit der Transsib mit «langweilig» taxierte..

 

Nochmals gut 15 Jahre später – jetzt knapp 80jährig – bereits "schlecht zu Fuss" - habe ich mich endlich durchgesetzt, gegen mich selbst, gegen meine Angst, eine Sehnsucht zu verlieren. Sehnsuchtsorte - so irreal sie auch sein mögen - soll man nicht mit ins Grab mitnehmen, sie zu Lebzeiten aufsuchen. Nur so können sie sich wandeln, vom Traum zur zur Realität. Zur Realität in dieser Welt, in den eigenen Gedanken und in den Gefühlen. 

Wir sind tatsächlich am dritten Juni 2018 in den Zug gestiegen, der für mich so lange  Sehnsuchtsort war.

Wurde diese Sehnsucht gestillt? War die Realität so, wie ich sie als Traum ausgedeutet habe?

 

( Die Fortsetzung, zweites Kapitel, hier in ein paar Tagen)