In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

04. Oktober 2021

 

In eigener Sache:

 
Das hör ich gar nicht gern

von Peter Züllig

 

 Das grösste Problem der Menschheit – so macht es den Eindruck – ist das «schlechte Hören». Die Hörgerät-Mobilisation ist gewaltig und gefühlt allgegenwärtig. Kaum ist das Internet offen, beginnt der Werbetanz: «Hörgeräte zum Jungfühlen, die kleinsten, die fast unsichtbaren, die eleganten, die mit dem Wow-Element…"  Ein Sturm braust nicht nur durch die Ohren, auch durch die Augen, die Sinne, den Kopf, den Verstand. Ohne das «kleinste Kind im Ohr» geht es nicht und das erst noch «zum Nulltarif». Was heisst da Nulltarif? «Zudem wissen viele Menschen gar nicht, dass sie beim Hörgeräte-Kauf jede Menge Geld sparen können» (Zitat aus der Hörgerätewerbung). Das «Sparkässeli» hat also ausgedient, jetzt wird mit Hörgeräten gespart. Und wer es immer noch nicht begriffen hat, dem wird ein alternder, blondlockiger Fernsehstar via Bildschirm ins Haus geschickt. Er bringt spot(t)end auf den Punkt: «Das hör ich gern!» Zuerst dachte ich, irregeleitete Algorithmen hätten mich ins Visier genommen, algorithmen-automatisierte Werbung hätte aus (irgendwann und irgendwo) gespeicherten Daten mein Hörmanko errechnet und besorgt festgestellt, dass ich nicht mehr gut (zu)hören kann (oder will). Die Erlösung vom eingebildeten Verfolgungswahl kam, als ich auf einem Fremdcomputer (mit dem ich überhaupt nicht auf «Du» bin) lese: «Folgendes könnte dich interessieren». Und dann das Interessante: eingeklemmt zwischen zwei Bildern mit den Schlagzeilen ("die mich interessieren müssten"): (links) «Jetzt soll es älteren Wölfen ans Fell gehen», (rechts) «Österreich kündigt Entlastungen durch ökosoziale Steuerreform an» und in der Mitte die erlösende Botschaft: «Das Hörgerät, über das 2021 jeder sprechen wird». Ich werde sicher nicht darüber reden, denn da habe ich das Hörgerät aus dem Ohr genommen und den Bildschirm ausgemacht: Ich will "es" nicht mehr hören (und nicht mehr sehen), das Kleinste, das fast Unsichtbare, das Elegante, das mit dem Wow-Effekt.     (212) 

26. September 2021

 

In eigener Sache:

 
Eigenverantwortung

von Peter Züllig

 

Ein immer wieder zitierter Begriff, sozusagen das «Wort der Pandemie», heisst «Eigen- oder Selbstverantwortung». Der erste Teil des Doppelbegriffs  - «eigen» oder «selbst» - wird freudig aufgenommen, denn er bezieht sich auf zentrale Werte im Leben, wie Freiheit, Selbstbestimmung, Eigenständigkeit · Mündigkeit · Selbständigkeit und überstrahlt den zweiten Teil des Doppelbegriffs, die «Verantwortung», die – wenn überhaupt - als Einengung, Grenze, Gebot, Pflicht wahrgenommen wird. Kein Wunder, hausieren Menschen in einer «gespaltenen» Gesellschaft, mit dem einprägsamen gleichen Begriff, der sich nur darin unterscheidet, wo die Betonung liegt und wie die beiden Teile des Worts interpretiert werden. Die Pandemie und unser Umgang mit ihr hat vieles freigelegt und vor allem auch zugespitzt, was vorher kaum jemand ernsthaft gedacht, geschweige denn gesagt oder gar geschrien hat. Zum Beispiel das Wort «Diktatur». Die Schweiz eine Diktatur? Jetzt wird der Begriff auf Strassen und Plätzen skandiert, auf Plakaten mitgetragen und in anonyme – im Namen der Freiheit – zusammengetrommelte Menschenmassen geworfen. Doch damit nicht genug: Parteigrössen und gewählte Volksvertreter übernehmen die seltsame Begriffswandlung, Verantwortung wird Diktatur, unversehens in ihr Programm. Und das «Selbst», das «Eigen» wird zur absoluten Freiheit, die jedes andere «Selbst» und «Eigen» in Ketten legt. Aus der «Eigenverantwortung» wird «Selbstliebe», aus «Verantwortung» eine «andere Meinung», aus lauten Meinungs-machern «ehrsame Bürger wie zum Beispiel die Freiheitstrychler, die verdammt werden, weil sie eine andere Meinung haben» (Originalzitat Blocher). Begriffswandler im (Partei-)politischen Dienst.      (211)

12. September 2021

 

In eigener Sache:

 
Wer bin ich?

von Peter Züllig

 

Sie ist legendär, die Frage, mit der Roger Schawinski seine Talksendung immer begonnen hat: «Wer sind Sie?» Schon nach kurzer Zeit war dies keine Überraschung mehr. Die Gäste konnten sich vorbereiten und bei der ersten Frage bereits ihre Originalität unter Beweis stellen. Im Alltag stellt sich die Frage – viel nüchterner – auf Schritt und Tritt. Und zwar erbarmungslos. Ich bin 836.4844.6596.13, jedenfalls immer dann, wenn ich es mit dem Staat, den Ämtern, den Steuern zu tun habe. Ich bin aber auch 386493 wenn ich mit der Kreditkarte bezahlen oder einem Automaten Geld entlocken will. Und ich bin 69004297177438936, sobald ich ärztlich versorgt werden muss. Ohne die richtige Nummer, die richtige Karte, auf der die richtige Nummer steht, geht gar nichts mehr. Wahrscheinlich wird man nicht einmal mehr beerdigt. Es sind die Nummern und Codeworte, elektronisch geladenen Karten, QR-Codes, Finger- und Gesichtserkennung, welche Persönlichkeit schaffen, die zwar einen Namen haben, mit dem sie aber in der Öffentlichkeit nicht mehr bestehen können. Vieles von dem was man ist, was man tut, was man getan hat, ist längst auf Computern registriert und als informelle Persönlichkeit ausgelagert und gespeichert. Zugang – wenn überhaupt – nur noch mit Nummern, Karten und Codes. Anstatt «Willkommen!», die Begrüssung: «Haben Sie das Kärtchen dabei?»                                                                                                                          (210)

04. September 2021

 

In eigener Sache:

 
Palmströms Erbe

von Peter Züllig

 

Noch nie – in all den Lebensjahren – bekam ich so viele Schlagworte um die Ohren gehauen, wie jetzt in den Tagen, Monaten und Jahren der Pandemie: Es müssen neue Menschen geworden sein, die lautstark durch Medien und Strassen ziehen: Selbstverantwortung, Freiheit, Diktatur, Zweiklassengesellschaft, Zwang, Verschwörung, Bevormundung… Schlagworte, die gebraucht und missbraucht werden. Missbraucht für etwas, das uns bedroht, das uns Angst macht, verunsichert, nicht so recht ins eigene Weltbild passen will. Dafür gibt es ein seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, genutztes «Heilmittel», der Glaube. Eine rettende Kraft, die «Berge versetzen kann» (in der christlichen Tradition nach Kor. 13.2) Früher waren es die Götter, der Aberglaube, die Natur, Heilslehren… Spätestens nach der Aufklärung wollte das aber nicht mehr so recht funktionieren. Wo der eigene Glaube schwindet, tauchen neue Missionare auf; neue Pläne, nach der der Mensch oder gar die Menschheit «gerettet» werden kann. «Ismen» im Multipack, wohlfeile und einfache, aber auch verschlungene und komplizierte, rettende und zerstörende… Und alle haben ihre eigenen Verkünder, ihre eigenen Missionare. In Krisenzeiten, wie Krieg, Katastrophen, Seuchen etc. treten sie besonders häufig und lautstark auf. Jede erlebte Verunsicherung wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Scheinbar unvereinbare «Ismen» vereinigen sich zum schlagkräftigen Glauben, mit der der Gefahr zu trotzen ist. Anstatt die Ratio zu Hilfe zu rufen (wie in der Aufklärung) wird ein guter Teil des Verstands ersetzt. Zum Beispiel mit der Kunstfigur «Palmström» von Christian Morgenstern (1871-1914), und der «kommt zum Ergebnis, nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." Nur, es gibt einen entscheidenden Unterschied bei dieser lapidaren Erkenntnis. Morgensterns «Palmström» macht nur sich selbst etwas vor, schadet aber anderen damit nicht.  (209)  

30. August 2021

 

In eigener Sache:

 
Magie der Vergangenheit

von Peter Züllig

 

«Chasch di no erinnere?» Eine Frage, die immer wieder auftaucht, wenn man von «Früher» spricht. Erinnerung als geistige Leistung also, als bewundernswertes Können, als Talent in die Vergangenheit zurückzukehren. Auch eine Fähigkeit, Wissen zu speichern und immer wieder abzurufen. Ein gutes Gedächtnis wird sogar benotet und belohnt, ist meist ein Garant für Erfolg. Doch diese Art von Erinnerung meint der eingangs zitierte Spruch nicht. Es ist vielmehr die Frage nach einer «episodischen» Erinnerung, die mehr vom Gefühl als vom Verstand gelenkt wird. Vom Gefühl das an bestimmten Orten, bei bestimmten Taten, Ereignissen und Erlebnisse… aufgetaucht ist. Es ist eine subjektive Erinnerung an das, was gewesen ist, was erlebt wurde. Dafür gibt es weder Noten, noch ein «Richtig» oder «Falsch».  Es ist ein Stück Vergangenheit in der Gegenwart, ein Stück Weiterleben von dem, was die Zeit zurückgelassen und vielleicht sogar begraben hat. Sind diese Erinnerungen also weniger real als die Realität. Weniger Wert, als das was uns gerade jetzt erfreut, ärgert, bedroht, rettet, traurig oder glücklich macht? Erinnerungen sind nicht bloss eine – oft störende – Alterserscheinung, sondern ein Geschenk des Lebens. Die Magie der Vergangenheit in der Gegenwart, die sogar in die Zukunft mitgenommen werden kann.   (208)

Die bisher veröffentlichten Kolumnen

18. August 2021

 

In eigener Sache:

 
Der Zahnwurm

von Peter Züllig

 

Der «Zahnwurm» hat ausgedient, der Zahnbrecher Doktor Eisenbart auch, nicht aber die Angst vor dem Zahnarzt. Mulmig – ich gebe es zu – wird auch mir, wenn ich den Gang zur Zahnarztpraxis antreten muss. Also lass ich dies – wenn immer möglich – bleiben. Doch irgendwann ist der Zahnschmerz da. Der Gang zum Zahnarzt, zur Zahnärztin unausweichlich. Doch Angst ist der schlechteste Ratgeber, im Leben ganz allgemein, und in der Zahnarztpraxis ganz besonders. Also packte ich – kurzentschlossen – den Teufel bei den nichtexistierenden Hörnern. Schon beim Eintritt in die Zahnpraxis, keine Spur vom gefürchteten Doktor Eisenbart. Helle, moderne Räume, ein freundlich-herzlicher Empfang. Dann auf der angst-belegten Liege: Die charmante Dame, eine Zahnärztin, hat dann – nach einem Vorgeplänkel in meinem weit aufgesperrte Maul – doch den Bohrer angesetzt und ist entschlossen dem «Zahnwurm» (es waren – der imaginären Angst geschuldet – viele Würmer) entgegengetreten. Blöd, sagte ich mir, noch immer mit aufgerissenem Mund. Das Mittelalter ist längst vorbei. Die Neuzeit, mit all dem technischen Glanz, hat Einzug gehalten, auch in der Zahnpraxis. Nicht aber bei der Angst. Da herrscht meist noch grimmiges Mittelalter. Das darf nicht sein! Mutig schaue ich in den kleinen Spiegel, der die Sicht freigibt, auf das, was die imaginäre Angst auslöst, die zu behandelnden Zähne. Ich sehe weder einen «Zahnwurm», noch einen Zahnbrecher, vielmehr ein sauberes, geschicktes, kunstvolles, faszinierendes Arbeiten an und zwischen den Zähnen. Das unangenehme Gefühl – Schmerz ist es nicht, dafür hat die Ärztin gesorgt – ist weg. Weggeblasen von der Neugier, was da in meinem Mund – quasi in meinem Intimbereich – so alles geschieht. Weggeblasen von der Faszination, was sich da alles reparieren, erneuern, verschönern lässt. Die Behandlung wurde zur interessanten Lektion, von der ich mich trennte, mit der Bemerkung: «Ich komme gerne wieder!» Doktor Eisenbart und der Zahnwurm sind – so hoffe ich – für immer ins Mittelalter zurückgedrängt.  (207)

Zur Kolumne "Der Zahnwurm" eine Illustration, die ich zufällig gefunden habe. "Im Saloon von LfC. ... mal keine Schiesserei... .aber Schmerzen kann hier jeder haben...." Aufgeschnappt im Forum "Figurenreport" vom 27. August 2021.

08. August 2021

 

In eigener Sache:

 
Ringe um die Augen

von Peter Züllig