In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

14. Juli 2021

 

In eigener Sache:

 
Emotionen
von Peter Züllg

 

Fehlentscheid“, „falscher Schütze“, „haltbar“… Wörter und Worte, die nachklingen, nicht nur in Social Media, auch im Alltag, auf der Strasse, Tage - wohl auch Wochen - nach den Ereignissen, die sie ausgelöst haben. „Italien im Freudentaumel!“ oder „Warum Fussball glücklich macht?», Schlagzeilen, Dokumente emotionaler Erregung, landes-, europa-, welweit! Italien-Fans lagen sich in den Armen, rissen sich Trikots vom Leib und vergossen Freudentränen, nachdem ihre Azzurri den EM-Titel nach Italien holten. Diesmal war es Italien, das nächste Mal England, Frankreich, vielleicht sogar die Schweiz. Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Enttäuschungen, verpackt (und versteckt) in einem ledernen Ball von 70 cm. Umfang und vielen Regeln (Spielregeln), die natürlich jeder kennt, besser als alle Schiedsrichter der Welt. Das bewegende Zauberwort heisst: Emotionen. Diese werden immer mehr aus dem gesitteten Alltag verbannt, abgeschoben in die Leserbriefspalten und ins Internet, wo sie sich dann – vorwiegend – in Hasstiraden Luft verschaffen, wo die Schranken des Gesittetseins» einbrechen und Worte und Wörter zu Waffen werden. Sowohl Macht, als auch Wert der Gefühle werden unterschätzt und/oder denen überlassen, die daraus Profit erwirtschaften. Die sogenannte Boulevard-Presse ist ein Beispiel dafür, aber auch die Werbung, die Politik, der Sport… Angst, Wut, Liebe, Hass, Neid, Schmerz, Freude, Trauer… Gefühle, die zurückgestutzt werden ins Private, aber immer dann ausbrechen, wenn mit ihrer Macht Ziele zu erreichen sind. Ziele, die nicht so harmlos und folgenlos sind, wie bei der schönsten Nebensächlichkeit der Welt, dem Sport.    (203)

04. Juli 2021

 

In eigener Sache:

 
Den Gebetsmühlen abgeguckt
von Peter Züllig

 

Es gibt eine bekannte, eigentlich schon alte rhetorische Regel, die viele Wortführer - zum Beispiel Herr Blocher - längst verinnerlicht haben: Immer wieder die gleiche Behauptung wiederholen, ob sie richtig ist oder falsch, ob es Beweise dafür gibt oder nicht, ob sie populär ist oder abwegig, ob sie verstanden wird oder nicht, ob sie… Eine Behauptung, die sich so zum «Perpetuum mobile» entwickelt und immer weniger hinterfragt wird. Wozu auch? Die Antwort ist ja bekannt. In der Wiederholung wird vieles anders wahrgenommen, scheinbar richtiger, wahrer, unbestrittener, glaubwürdiger… Je prominenter die Behauptenden sind, je öfters und lauter sie das gleiche wiederholen, desto schneller und radikaler entsteht eine «neue Wahrheit». Auch Donald Trump, der abgewählte amerikanische Präsident, hat dieses System meisterlich beherrscht, so gut, dass er sogar seine Abwahl zum grossen Wahlsieg umfunktionieren wollte. Nur die Fakten, die Beweise, wollten da nicht mitmachen. Doch das stört Trump wenig, er bleibt dabei: «ich bin der grosse Sieger» und spricht unbeirrt weiter von einem «politischen Jahrhundertbetrug». Und seine Partei vermag ihm nicht zu widersprechen und das in Gang gesetzte «Perpetuum mobile» zu stoppen. Damit wird der rhetorische Trick, der in den Gebetsmühlen sogar hohe Weihen erhalten hat, zu einem immer häufiger angewandten Modell. Vor allem dann, wenn es um Emotionen geht. So sollte – zum Beispiel - der Match Schweiz-Frankreich bei der Europameisterschaft – gemäss einer Petition – wiederholt werden, weil angeblich eine Regel verletzt wurde. Innerhalb weniger Stunden unterschrieb eine Viertelmillion Menschen die Petition und behaupteten, sie hätten es auch so gesehen. In diesem Fall war der Fotobeweis doch stärker. (202)

Die bisher hier veröffentlichten Kolumnen

27. Juni 2021

 

In eigener Sache:

 
Schwarz
von Peter Züllig

 

 Nichts ist so „farbig“, wie das Fehlen der Farben: schwarz. Da hat die Fantasie viel Platz. Schwarzer Mensch – Rassismus; schwarze Katze – Aberglaube; Kaminfeger – Glück; schwarzes Kleid -Trauer; schwarzer Tag - Pechsträhne. So einen schwarzen Tag hatte ich. Er beginnt mit einem kleinen funktionsmüden, schwarzen Kästchen, der Schaltzentrale für Kommunikation. Sie funktioniert nicht und mit ihr weder Telefon, noch Computer, Radio oder Fernsehen. Wie soll ich da den Zuständigen suchen, finden oder gar motivieren, sich dem Problem anzunehmen? Die ersten Versuche scheitern: nicht zuständig, mit dem Handy (angemeldet in der Schweiz) im Ausland nicht erreichbar, falsche Adresse… schliesslich lande ich in Paris (etwa 800 Kilometer von meinem Standort entfernt). Nach vielen Schaltungen, aufgelockert durch Musik, die ultimative Auskunft: Kein Techniker da: „Rufen Sie morgen wieder an. Nach neun Uhr!“ Da ist der Tag noch grau, gespickt mit viel Hoffnung. Also mache ich mich anderntags auf den Weg zum Shop, wo man für dieses Problem zuständig sei, rund dreissig Kilometer entfernt, nur eine Bahnstation. Das Geschäft liegt unmittelbar neben dem Bahnhof. Warum nicht den Zug nehmen? Nach längerer Wartezeit (der erste Zug kommt gar nicht, der nächste hat Verspätung) steh ich vor dem Shop. Geschlossen: „en Grève“, im Streik. Kurz entschlossen: zurück zum Bahnhof, Taxi, Fahrt zum zweiten zuständigen Ort in der Stadt. Warten, warten, warten. Dann die strahlende Bedienung, mit einem neuen Gerät in der Hand. Wie aber zurück zum Bahnhof? Taxizentrale; „wir kommen!“. Warten, eine halbe, eine ganz Stunde. Nach mehreren Anrufen ist er endlich da und bald am Bahnhof. Der nächster Zug fährt in einer Viertelstunde. Ob er an der nächsten Station auch hält? „Ja“, die Auskunft der Billetverkäuferin. Doch er hält nicht. Noch rechtzeitig bemerke ich dies, auf Grund eines Faltplans, der im Shop aufliegt. Also eine weitere halbe Stunde Wartezeit. Dann kommt ein eleganter Zug, mit einer elegant uniformierten Dame, die wie der Argus den Einstieg bewacht. Kein Zutritt! Falsches Ticket, zwar richtig ausgestellt, an den richtigen Ort, zum richtigen Preis. Aber mit der anderen Bahngesellschaft, der weniger schnellen, der weniger noblen. Ich bleibe draussen (eine Station vom Zielort entfernt) und warte, warte… bis der „richtige“ Zug kommt. Spätestens da ist der Tag nicht mehr grau, sondern schwarz geworden. (201)

17. Juni 2021

 

In eigener Sache:

 
Ein winziges kleines Blatt
von Peter Züllig

 

Ein winziges kleines Blatt signalisiert Leben. Leben an kleinen scheinbar dürren Strauchresten im Topf auf der Veranda. Der Mönchspfeffer – eine Heilpflanze übrigens – hat den Winter nicht überlebt. Zwar ragen noch zwei, drei nackte, verholzte Stiele aus der Erde, seit Monaten, seit den Wintertagen. Die Pflanzen in den anderen Töpfen (mit Blumen und Gewürzen) spriessen längst, auch wenn sie – weil einjährig – nach den kalten Tagen neu eingepflanzt wurden. Hundertmal habe ich mir – und haben mir auch andere – gesagt: Reiss sie aus, da wächst nichts mehr. Irgendwie konnte ich es nicht, ich weiss auch nicht warum, vielleicht taten mir die abgestorbenen «Ästchen» leid, sie wirkten auf mich, wie eine zerstörte, öde Welt. Im Kleinen ein Mahnmal für das, was übrigbleibt, wenn wir die Natur weiterhin ausbeuten, plagen, vergewaltigen. Wenn wir ihr keinen Schutz, keinen Raum geben. So blieb der Topf inmitten der spriessenden, grünen, blühenden, wachsenden Sommerpracht allein, etwas abseits gestellt, von den Vorbeigehenden wohl auch verachtet, nicht einmal mehr unwertes Leben, abgestorben, bereits tot, ausgemustert. Und jetzt dies: Gestern war es erst ein winzig kleines Blatt, das sich aus dem dürren braunen Ästchen löste. Heute sind es schon zwei, drei Blättchen, bereits etwas grösser. In ein paar Tagen werden es Blätter sein, bald einmal Knospen und Blüten. Eine Pflanze, die lebt. Das kleine Blatt hat mich gelernt, demütiger zu sein, wenn es um Leben und seine Kraft geht. (200)

13. Juni 2021

 

In eigener Sache:

 
Vom Erzählen und Aufzählen

von Peter Züllig

 

Haben wir das Erzählen verlernt? Wir? Ja, wir alle, vor allem die Generation, welche mit Zippen und Zappen, Klicken und Klacken aufgewachsen ist, und dies immer und überall einsetzt, auch dort wo Folgen, Abfolgen, Wege, Abläufe gefragt wären, wo es ein Vorher, ein Nachher, ein Miteinander gibt, immer eingebettet in die Zeit und geprägt von Ursache und Wirkung. Sprachlich definiert sich dies als: Erzählen. Nicht umsonst ist Erzählen die Grundform jeder Kommunikation. Eine Form, die dem Leben entspricht, das Werden, Sein und Vergehen abbildet und auch allen Kommunizierenden (aus eigener Erfahrung) vertraut ist. Erzählen mit Worten, aber auch Erzählen in Bildern, mit Tönen, ja sogar mit Zeichen. Immer entscheidet dabei die Abfolge. Sie gibt der Kommunikation einen Sinn, vermittelt und erklärt Inhalte, transportiert Botschaften, weckt Interesse, schafft Spannung und macht letztlich ein geordnetes (Zusammen-)Leben erst möglich. Institutionelle «Erzähler» sind die Medien: Sie leiten und prägen unseren Alltag. Erzählen mit Worten lernt schon das Kleinkind, das Erzählen mit der Schrift spätestes in der Schule. Wo aber wird das Erzählen in und mit Bildern gelernt? Fotografie, Film, Fernsehen und das fast immer und überall zugängliche Internet haben dem «Erzählen in Bilden» fast uneingeschränkte Macht gegeben, jedenfalls eine Dominanz in fast jeder Kommunikation. Die Werbung hat diese Macht als rasch erkannt (und eingesetzt), dann auch das Fernsehen, als es noch Leitmedium war. Heute, so scheint mir, schüttet es nur noch Bilder aus, als Aufzählung, als Dokument, als Attraktion, als Vehikel zur Aufmerksamkeit. Verlorengegangen ist das Erzählen in Bildern. Ein Beweis dafür liefert – sozusagen jeden Tag – die Tagesschau von SRF. Da sind mehrheitlich "Aufzähler" am Werk, im besten Fall noch Erklärer, meist nur Bildlieferanten, kaum noch Erzähler. Dabei ist das Fernsehen – aufgrund seiner Struktur und Technik – das grösste und wichtigste «Bilderzählungs-Medium».  (299)

22. Mai 2021

 

In eigener Sache:

 
Trolle unterwegs

von Peter Züllig

 

Spätestens seit Ihre Digitale Hoheit – Internet – den Takt bestimmt, nachdem wir unser Leben zu richten haben, sind auch Trolle unterwegs. «Trolle» sind – gemäss Lexikon – «unberechenbare Fabelwesen der nordischen Mythologie, welche Naturkräfte verkörpern». Im Reich des Internets wurden sie aus der Mythologie und dem Hohen Norden in die Welt entsandt, um möglichst viele «Naturkräfte» zu wecken und am Leben zu erhalten. Zu diesen «Naturkräften» gehören auch List und Betrug, neudeutsch: Fakes. Sie kommen daher im Gewand des Wohltäters oder guten Freunds, dankbar und selbstlos. Etwa so: «Vielen Dank, dass Sie Swisscom verwenden.» Am Anfang steht, werbegewohnt der Dank, plakativ, in übergrosser Schrift. Es folgt die Meldung, etwas kleiner zwar, in Grossbuchstaben und fett: «WICHTIGE INFORMATIONEN». Jetzt die Anrede: «Sehr Geehrter Liebe,» Ich reibe mir die Augen, überprüfe den Absender «Swisscom (Schweiz) AG, Alte Tiefenaustrasse 6, CH-3050 Bern». Haben die – in Bern – jetzt Sprachidioten an der Strippe? Oder ist es ein Computer mit einem unbeholfenen Übersetzungsprogramm? Jetzt kommt die entscheidende «wichtige Information»: «Wir teilen Ihnen schriftlich mit, dass die letzte Abrechnung Ihrer Rechnung für May 2021 zweimal bezahlt wurde». Ich sehe Mays Helden daher galoppieren. Winnetou macht solche Fehler nicht und fühle mich wie Old Shatterhand: klug, listig, auf falscher Fährte. Die wichtige Meldung weiter: «Wir laden Sie ein, eine Rückerstattung zu beantragen, indem Sie auf den folgenden Link klicken». Anstelle des offerierten Links nutze ich das Kundenportal der Swissecom (mit Sicherheitscheck) und erfahre: Die Mai-Rechnung wurde noch gar nicht ausgestellt. Also «Trolle» unterwegs Doch die echten, nordischen «Trolle» sind nicht so betrügerisch, erst noch viel schlauer vor allem nicht falsch und gefährlich.   (298)

11. Mai 2021

 

In eigener Sache:

 
Von Kälbern und Metzgern

von Peter Züllig

 

Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber(Bertold Brecht). Bei diesem Spruch müssten sich die Bauern ja auskennen. Der Umgang mit Kälbern und Metzgern gehört zu ihrem Beruf. Was, wenn die Kälber gescheiter sind als die Bauern, die den Metzger freiwillig und mutwillig ins Haus bitten, auch wenn es keine Kälber zu schlachten gibt? Dann geschieht das, was jetzt passiert. Geschlachtet wird der Ruf des Bauern, geschlachtet wird das Vertrauen in eine gesunde und umweltverträgliche Landwirtschaft, geschlachtet wird die Illusion, Bauern seien eigenständige Unternehmer, die alles tun, um die Natur, die Grundlage ihrer Arbeit und ihres Einkommens, zu pflegen und schützen. Geschlachtet wird vor allem der Mythos der schweizerischen Eigenständigkeit und Eigenverantwortung in der Landwirtschaft, der seit der «Anbauschlacht» (vor rund achtzig Jahren!) mit Milliarden von Steuergeldern im Umlauf gehalten wird.
Da gibt es Menschen – und es immer mehr – die kaufen «regionale Produkte», auf dem Markt, bei den Produzenten, an Ständen an der Strasse, in den Dorfläden. Sie meiden die in Plastik geschweissten Gemüse, Früchte, Beeren… der Grossisten. Sie gehen lieber direkt zu den Produzenten, «aus Liebe zum Dorf, wo der Bauer nicht allein den Acker pflügt.» Ein böses Erwachen, wer jetzt auf und durch das Land geht, auf Schritt und Tritt beworfen, belästigt, bedrängt mit Parolen, die den Untergang der schweizerischen Landwirtschaft beschwören, sollten die beiden Umwelt-Initiativen (13. Juni) angenommen werden. Und ich «Kalb» gehe direkt zum Produzenten (wo der Metzger lauert), um meine Kartoffeln, meinen Salat, mein Gemüse, mein Brot, mein Fleisch, dort zu kaufen, wo ich bisher glaubte, am nächsten bei der Natur und der gesunden Ernährung zu sein. Doch da werden Parolen verkauft und die Trommel gerührt – angeführt von den Bauern-Verbänden und Agrarfirmen (Fenaco) – für ihr «ultimatives Nein» zu mehr Verantwortung gegenüber Natur und Leben. Und «hinter der Trommel trotten die Kälber. Das Fell für die Trommel liefern sie selber.“    (197)

30. April 2021

 

In eigener Sache:

 
Fotoalben

von Peter Züllig