In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

30. April 2021

 

In eigener Sache:

 
Fotoalben

von Peter Züllig

 

Erinnerungen werden festgehalten: die schönen und die schlechten. Bisher auf Fotopapier, meist fantasievoll eingeklebt in Alben. Heute fast nur noch digital gespeichert, routinemässig im Handy oder auf einer «Wolke». Wer seine Bilder noch immer auf Facebook zeigt, kann sich ein Album vom Computer zusammenschustern lassen. Kommentar: «Du hast viele tolle Erinnerungen… wir haben 351 grossartige Momente gefunden…Dein Album wird grossartig.» Erinnerungen als industrielle Bildprodukte. Zusammengestellt nach einem empathielosen Algorithmus, «Kraut und Rüebli» beieinander, nur einer Form gehorchend, nicht einem Inhalt. Kein Wunder, dass einstigen Bild-Erinnerungen wertlos geworden sind, altmodisch, verstaubt… Ein Relikt aus vergangenen Tagen. Leben lebt sich nur in der Gegenwart. In der Vergangenheit ist Gelebtes vorbei. Schnell ausgeschlossen aus der Erinnerung, und dem Wissen um das Werden und Sich-Entwickeln. Rückbesinnung bedeutet: Gestrig-Sein, bestenfalls gefragt bei nostalgischen Alten, zur Verklärung des Gewesenen. Der Begriff «historisches Bewusstsein» hat sich in das Lexikon verkrochen und wird ab und zu – fast schon verzweifelt – in Parolen erinnert: «Nie vergessen!». Doch da muss es schon um etwas ganz Grosses gehen, um den «Holocaust» zum Beispiel, den «Mauerfall» oder «Nine-Eleven». Sollte die Erinnerung aber nicht angenehm sein, lässt sie sich immer noch verdrängen oder gar leugnen. «Erinnerungs-Alben» gehören deshalb in die Mülltonne, auch wenn sie nicht nur «Privates» aufleben lassen, sondern gesellschaftliche, technische, politische Entwicklungen dokumentieren. Könnte ja sein, dass Bilder nicht nur in Nostalgie schwelgen, sondern auch «historisches Bewusstsein» wecken. Etwas, das immer mehr aus dem Leben verbannt wird.  (298)

Die bisher hier veröffentlichten Kolumnen

19. April 2021

 

In eigener Sache:

 
Vorauseilende Gefühle

von Peter Züllig

 

Vorauseilender Gehorsam, den kennen wir – besonders in Wirtschaft und Politik - als willfährige Geste, verpönt und meist verachtet. Aber was sind vorauseilende Gefühle? Gefühle der Zukunft? Wer kann diese schon kennen? Vorausahnen, bestenfalls? Reporter des ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) sind aber – glaubt man der Trailer-Redaktion – mit einer prophetischen Gabe ausgestattet. Seit Tagen wird in einer – immer mal wiederholten Vorschau - verkündet: zwei Kommentatoren «berichten live über die bewegende Trauerfeier in London.» Von einer Feier, die erst in ein paar Tagen stattfindet. Eine Reportage – so die Definition – enthält «subjektive Eindrücke von professionellen Beobachterinnen oder Beobachtern» – die meist auch vor Ort sind (oder im Studio ein Geschehen verfolgen). Sie berichten, was sie gerade sehen und erleben, besonders wenn es sich um eine «Live»-Übertragung handelt. Wie kann da ein Reporter- oder Kommentatoren-Team bereits Tage zuvor wissen, dass es sich um eine «bewegende Trauerfeier» handelt, dass sie – bei der Kommentierung – bewegt sind? Ich habe sie dann – die Trauerfeier – am Bildschirm erlebt und mich dauernd überprüft: bin ich jetzt bewegt oder berührt oder: wie konnte der Sender voraussehen, ob ich bewegt sein werde oder eben nicht? «Bewegende Trauerfeier», ein falscher Ausdruck nur, in einer Vorschau wo er nichts zu suchen hat? Vorauseilende – anders ausgedrückt: erwartete Gefühle – die zu Werbezwecken suggeriert werden. Grosse Worte – auf Wunschwolken - ohne Verankerung in der Realität. Vielleicht zutreffend, vielleicht auch nicht. Nicht informierend, fabulierend, nicht erzählend, sondern erdacht. Das ist in der TV-Werbung heute üblich, über weite Strecken. Geradezu eine Maxime. Doch achten Sie selber einmal darauf, wenn Sie das nächste Mal von Werbebotschaften überschüttet werden. (297)

05. April 2021

 

In eigener Sache:

 
Plääästic

von Peter Züllig

 

 Eine Plastikhülle, noch eine Plastikhülle, und noch eine, und noch eine, noch eine… Ich bin am Kochen, gerade daran die Zutaten zu bereit. Das grösste Problem zuerst: Plastik. Auf dem Tisch ein Haufen von Plastik. Weit grösser als das, was ich zum Kochen brauche. Plastikmüll, der zu entsorgen ist. Aber wie? Weg in den Kehricht? Da und dort – leider nur in wenigen Gemeinden – wird auch Plastik getrennt und getrennt entsorgt. Seit meine Gemeinde – zwar widerwillig  und aufwändig – auch spezielle Entsorgungssäcke für Plastik anbietet, trenne ich im Haushalt nicht nur Grünzeug, Glas, Papier und Karton, sondern auch Plastik. Die Erfahrung: umwerfend. Während sich der Kehrichtsack kaum füllt, überquillt der Plastiksack unglaublich schnell. Verhältnis: bald einmal eins zu zehn. In der Zeit von Corona exponentiell steigend (Hygiene!). Warum wird nicht mehr getrennt entsorgt? Die Antwort (wie aus der Maschine geschossen): rentiert nicht, zu aufwändig, zu wenig wirtschaftlich. Sogar die Greenpeace Krieger ketten sich lieber effekthaschend und publikumswirksam irgendwo an, als dass sie ein alltägliches Problem, das uns alle betrifft (Mensch und Tier), ernsthaft angehen. Im Gegenteil: sie weisen darauf hin, «dass Plastikrecycling erstaunlich ineffizient sei und in der CO2 Bilanz kaum zu Buche schlage.» Wo nur noch Bilanzen und Rentabilität massgebende Kriterien sind, um für die Umwelt zu sorgen, verlieren Mensch und Tier immer mehr Lebensraum und bezahlen mit ihrer Gesundheit und dem Wohlsein. Wo Welt zu einem berechenbaren Produkt degeneriert und Schäden an Leben einer errechenbaren Grössen, da wird nur noch nach wirtschaftlichen Kriterien gehandelt.  Das Reduzieren von Schäden muss sich lohnen, rechnen oder – noch weit häufiger – politisch ausbezahlen.  (296)

26. März 2021

 

In eigener Sache:

 
Warten auf Swisscom

von Peter Züllig

 

Absurdes Theater: «Warten auf Godot», damit wurde Samuel Beckett weltberühmt. «Estragon» - in diesem Fall heisst er Peter – wartet. Wartet auf Swisscom. Zuerst einmal in der Warteschlange. Ist auch nicht verwunderlich, schliesslich nennt sie sich Warteschlange und erweist ihrem Namen alle Ehre. Als dann das Warten vorüber ist, meldet sich nicht Godot, vielmehr eine Stimme: «Was kann ich für sie tun?» Vor lauter Schreck habe ich fast vergessen, was ich eigentlich wollte. «Mein Telefon geht nicht mehr», staggele ich, «das heisst, es geht schon, aber ich höre nichts.» Irgendwie – nach einiger wartebedingten Verwirrung – haben wir uns dann geeinigt. «Da muss ein Spezialist her, warten sie!» Und ich wartete wieder, auf Godot, pardon auf Swisscom. Eigentlich müsste jetzt Waldimir auftauchen, damit wir gemeinsam auf Godot – pardon Swisscom – warten können. In dieser langen Wartezeit – sie dauert inzwischen schon 24 Stunden – taucht Swisscom – zeitgemäss verkleidet in eine Botschaft namens «eMail» - zweimal auf. «Volle Kontrolle behalten, auf ein Abo wechseln!». Es geht mir wie Becketts Estragon. Ich weiss nicht mehr wo und warum und wie ich auf Godot zu warten habe. Was geht mich dieser Godot an? Die Swisscom brauch ich, die Swisscom. Oder vielleicht doch Godot? Kann der mir helfen? Dann, eine neue Botschaft von Swisscom: «…wir arbeiten an der Behebung der Störung… Grüsse Swisscom.» Immerhin – seit dem ersten Warten auf Godot hat sich etwas verändert. Der ersten Meldung ist nun ein Link beigefügt. «Verfolgen Sie den aktuellen Stand unter…» Seither verfolge ich, doch da tut sich nichts. Die von der Swisscom warten offensichtlich auch auf Godot. Gott sei Dank kenne ich den zweiten Akt von Becketts Theater. Er ist fast deckungsgleich mit dem ersten. Das wird wohl beim Warten auf Swisscom nicht anders sein.  (295)

15. März 2021

 

In eigener Sache:

 
Aufregung ohne Aufregung

von Peter Züllig

 

Nein, ein «Aufreger» war er nicht. Auch kein guter Krimi. Aber ein guter Film. Ja, ich spreche vom Tatort «Schoggiläbe», der trotz diagnostizierter Langweile, noch immer mit viel Aufregung nachhallt, in Leserbriefen, den Social Media, in der Presse. Im «TagesAnzeiger» – zum Beispiel – und den mit ihm gekoppelten Blättern. Da wird der Hauptverantwortliche zur Brust genommen. Er soll die Entstehung der Zürcher Episoden des Tatorts «vom Konzept bis zum Dreh», Punkt für Punkt, erklären. Und es wird das zelebriert, was man dem Zürcher Tatort anlastet: Kopflastigkeit. Punkt für Punkt, wie vor einem Gericht. «Warum kann dies nur schiefgehen?» so die aufgeregte Frage. Der Film war tatsächlich auch ein Aufreger, aber kein kriminalistischer. Ein ästhetischer, ein filmsprachlicher, ein gestalterischer. Es war kein Krimi, es war ein filmisches Kunstwerk, dem die Erwartungen, die Sehgewohnheiten und die ultimative Forderung nach Spannung in die Quere gekommen sind. Ein Krimi darf nämlich auch schön sein, in den Bildern (faszinierende Gemälde waren es), im Licht, in der Stimmung (die immer und immer wieder aufgebaut wurde), in der filmischen Umsetzung (die sich der Clip-Sprache bediente), in der schauspielerischen Leistung, die sich ganz in die Form und Ästhetik der Geschichte einfügte. Davon sollte die Kritik einer visuell und akustisch am Bildschirm dargebotenen Geschichte – zumindest - auch sprechen. Schliesslich geht es am Fernsehen vorab um das Sehen und Hören, und nicht allein um Aufregung, die sich aber – siehe TagesAnzeiger – viel, viel besser verkaufen lässt.  (294)

05. März 2021

 

In eigener Sache:

 

Clowns im Bundeshaus

von Peter Züllig

 

Es ist erwiesen: Alain Berset hat Covid-19 weder erfunden noch ins Land gebracht. Genauso wenig wie seine Bundesratskolleginnen und -kollegen. Er, respektive sie, sind – in Funktion ihrer Ämter – dazu verpflichtet, für die Schweiz Lösungen zu suchen, wie sie jetzt auf der ganzen Welt gesucht, erprobt und immer wieder neu beurteilt werden. Keine politische Frage; eine Frage der Menschlichkeit, des Zusammenlebens, des Lebens schlechthin. Derweil treten unter der Kuppel des Bundeshauses Politclowns auf, verwechseln den Ratssaal mit einer Zirkusarena und beschliessen (mit sieben Stimmen Mehrheit): am 20. März ist Corona verschwunden, alles ist wieder normal. Es ist wie die Überzeugung von Sekten, die prophezeien: «Am 30. Mai ist Weltuntergang». Variationen waren schon immer möglich, auch Dauer-Verschiebungen und Themenwechsel. Diesmal geht es nicht um Untergang, sondern um Errettung. Selbst bis zum 30. Mai mögen sie nicht warten, es muss viel schneller gehen.  Ein neues Datum wird festgesetzt und mit einfacher Mehrheit beschlossen. Eine der Wortführerinnen, die Pfarrers-Enkelin, lebt ihren Glauben vor, den sie so gern zur Schau trägt. Vor einem Jahr, als die Pandemie eben erst die Schweiz erreicht hat, zeigte sie sich als einzige im Ratssaal mit Maske. Jetzt wo es die Maske braucht, reisst sie sich diese vom Gesicht. Während sich die Glaubensbrüder und -schwestern als Clowns outen, reisst sie die Maske vom Gesicht und stürzt sich mutig in den Kampf: "Ich bin die Tellin und kämpfe gegen die Tyrannei des Bundesrats.(293)

24. Februar 2021

 

In eigener Sache:

 

Eine unglaubliche Wut

von Peter Züllig

 

 «Zaff» - ein Fingerdruck auf die Fernbedienung – es ist still im Raum. Vor gut einer Stunde habe ich es mir gemütlich gemacht vor der Flimmerkiste. Abschlaffen bei der wohl bekanntesten Quizsendung «Wer wird Millionär?», die seit zwanzig Jahren im gleichen Privatsender, am gleichen Sendeplatz, in der gleichen Manier, mit dem gleichen Moderator abgespult wird. Die Spannung liegt einzig in den Fragen und bei den Menschen, die sie beantworten müssen. Es winkt immerhin eine Million, für die, die es ins Ziel schaffen. Die Unterhaltung besteht aus einem Gemisch an Gefühlen: Bewunderung, Schadenfreude, Genugtuung, Neid, Erkenntnissen, Staunen, Anerkennung… zwei Stunden lang eingebettet in das eigene Denk-Vermögen und -Unvermögen, das eigene Wissen und Nichtwissen. Eigentlich ein sympathischer Ansatz für sanftes Zurückfinden zu sich selbst, für sinnvolles Abdriften (in eine meist nicht erinnerbare) Selbstdefinition im Traum. Doch das alles hat einen Haken, eine Fallmasche oder es bauscht sich gar zu einem brutalen Ärgernis auf. Periodisch – so jede halbe Stunde – wird das Publikum aus der Quizwelt ausgeschlossen, schlägt ihm Produkt um Produkt ins Gesicht, gaukelt vor, die Welt sei gut und schön, man müsse sie nur kaufen. Eine Flut an Behauptungen, Schmeicheltönen, geschönten Bildern, «alternativen Fakten» ergiesst sich in den Raum. Publikumsbeschimpfung im Werbekleid. Drei der brutalen Eingriffe – sie dauern immerhin an die 10 Minuten – habe ich überstanden (Herumgehen im Raum, Toilette, Getränkeholen, Umschalten auf einen anderen Sender etc.). Doch die vierte Attacke – kurz vor Schluss - war dann doch zu viel. «Zaff». ein Fingerdruck, es ist still im Raum. Geblieben ist eine unglaubliche Wut auf den Sender, auf die Sendung, auf all die Produkte, die mir soeben - pausenlos, in Wiederholung - an den Kopf geschmissen wurden. Die Wut ist inzwischen so gross, dass ich all das meide, was an geschöntem Unrat beim Fernsehschauern, mitgeliefert wird  (292)

09. Februar 2021

 

In eigener Sache:

 

Das Wunderding im Sack

von Peter Züllig

 

Eidesstattliche Erklärung: Mit meinem Handy kann man auch telefonieren. Ist ja auch logisch, man hat ja einen Verbindungs-Vertrag im Sack und eine raffinierte Technik in der Hand. In der Hand? Ganz so einfach ist das nicht, es ist ja auch kein Handy mehr, sondern ein Smartphone, ein «schlaues» Telefon, so unhandlich und schwer, dass ich mir den alten «Knochen» herbeiwünsche. Da wusste man noch, wohin man sprechen und wo man hören musste beim Telefonieren. Ach ja, das Telefonieren! Das geht ja noch, da kann man sich vorbereiten, Nerven tanken und notfalls Aktionen wiederholen, wenn man einmal zu flüchtig oder zu fest den grünen «Knochen» auf dem Display streichelt. Für mich, trotz vielen Annäherungsversuchen, noch keine innige Liebe, eher eine flüchtige Zwangsbegegnung mit einer kalten Berührung am Ohr. Nicht etwa so, dass es mit süsser Stimme säuselt würde. Vielmehr ächzt und krächzt es, weil es partout nicht dort spricht, wo mein Gehör seinen Eingang hat. Viel schwieriger noch ist die Ankunft eines Anrufs. Es läutet oder klingelt nicht mehr, wenn er sich ankündigt. Das gibt es nur noch in älteren Filmen. Jetzt werde ich bezirzt durch meine individuelle Musik. Erschrocken greife ich erschrocken in Hosentasche (eine Weste oder eine zusätzlich Tasche trage ich nur ganz selten). Das Ding aber liegt quer im Sacke, will nicht herauskommen, zu eng ist der Ein- und Ausgang, dimensioniert für Zigaretten oder   Sackmesser, nicht für Telefonmonster. Endlich befreit! Da ist es zuerst einmal gesperrt, damit es «nicht unbeabsichtigt in Funktion tritt». Schon fast verzweifelt greife ich ins Display. Daneben! Es verkündet stolz: «Wollen sie die App laden». Ja, ich will telefonieren. Zu spät! Ich werde zwar verbunden, nicht aber mit dem Anrufenden.  Vielmehr mit Denner, Aldi, Coop oder sonst einer Adresse mit intensiver, Werbung. Das geht dann auch rasch und mühelos, ein Tor zu einem Wunderland. Fortan ist das Wunderland auch fest verankert auf meinem Handy. Doch der Anrufer hat längst «aufgehängt» oder besser, den richtigen Knopf gedrückt, den roten Knochen. (291)

30. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Traktat-Mission

von Peter Züllig

 

Das musste ja kommen! Inzwischen lässt kaum mehr an Corona, als "eine harmlose kleine Grippe", festhalten - angesichts der an und mit der Seuche gestorbenen Menschen (in der Schweiz mehr als 2'000 Tote, weltweit über 2,2 Millionen). Gebetsmühlenartig werden immer wieder die gleichen Argumente wiederholt. Zum Beispiel: "Es sind ja nur die «Alten und Kranken», die gefährdet sind und wegsterben". Euthanasie (Vernichtung unwerten Lebens) bezeichnet man diese Haltung, auch heute noch. Obwohl die einst zur Vernichtung eingesetzten Gasöfen jetzt nur noch Winzlinge sind, unsichtbar, nur unter dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Die Leid- und Todgeweihten müssen nicht mehr von Schergen deportiert werden, nur angesteckt, irgendwo, irgendwann, von irgendwem, irgendwie. Begleitet von gut klingenden Worten, wie «Selbstverantwortung». Und all die, welch durch die Missachtung ihres Verstandes mitverantwortlich sind, errichten jetzt eine neue Front mit ihrer Initiative für «Freiheit und körperliche Unversehrtheit». Es sind die missionarischen Impfgegner, die verlangen, dass «jeder Mensch selbst bestimmen soll, ob etwas und was in seinen Körper gespritzt wird». Fast schon epidemisch breiten sich neue Schlagworte aus, festgehalten und illustriert auf Traktätchen, die in viele Briefkästen flattern. Traktätchen waren schon immer das dominierende Kampfmittel für Missionierung und Bekehrung, meist durch religiöse Sekten. Jetzt sind es vor allem Corona-Leugner und Impfgegner, die ihre Botschaften so verbreiten. Die «eigene Freiheit und Unversehrtheit» hat sich brutal in ihre Mission eingenistet und vor jede Verantwortung gestellt, auch vor die inflationär zitierte Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. (290)

20. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Ein gehöriges Problem

von Peter Züllig

 

Wer im Internet unterwegs ist, stösst seit Wochen - ja Monaten - auf ein gehöriges Problem. Der ultimative Appell: «besser hören, dank…» Und schon prasseln Werbesprüche daher: «mit Jungfühl-Garantie», «das Hörgerät zum Jungfühlen», «das Kind im Ohr», «Kontaktlinse im Ohr», «das neue Wow-Gefühl», «ganz Ohr»… Eine unglaubliche Armada – eine Flottenstreitmacht – dringt auf uns ein und will gehört werden. Höroffensive! Das Perfide daran: die kleinen, meist sehr teuren Dinger verstecken sich meist verschämt hinter redaktionellen Texten: «Endlich ist es auch hier in der Schweiz erhältlich» oder «innovative Neuheit» oder «aktuelle Erfindung» oder «vom Hörrohr zum Mikro-Chip» oder «So hätte auch Beethoven seine Kompositionen hören können.» Nur ich kann sie nicht mehr hören, die aktuelle Höroffensive. Zu laut, zu schrill, ohrenbetäubend, in der Regel aber ohne einen Laut von sich zu geben. Auch Schlagworte können laut sein, auch wenn sie stumm sind und wie wild umsichballern. Mit einer Aufzählung an Worthülsen, die inhaltlich nichts (oder wenig) sagen. Nicht nur bei Hörgeräten, überall dort, wo alle das Gleiche sagen, zum Beispiel in der Fernsehwerbeflut. Wo jeder hofft, nur er werde gehört und immer mehr im Lärm untergeht. (289)

11. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Was er sagen wollte

von Peter Züllig

 

Wer? Er? Mein Vater. Er ist vor bald fünfzig Jahren gestorben. Plötzlich, ohne Adieu zu sagen. Er war ein Sammler. Sammler von Zeitungsartikeln. Alles akribisch unterstrichen, was ihn bewegt hat, gerade diesem Ausschnitt aufzubewahren und in die Sammlung einzuordnen. Ordnung zu schaffen war gar nicht so einfach, denn da gab es noch keine Computer und seine selbst gebastelten Ordnungs-Systeme wurden immer wieder vom aktuellen Geschehen überrollt. Seine Interessen waren weit gesteckt, vieles änderte sich immer wieder, fundamental: Vorkriegszeit, Krieg, weltpolitische und familiäre Veränderungen, neue Medien… All das spiegelt sich in seiner Dokumentensammlung. Subjektiv ausgewählt, subjektiv mit Lob und Tadel versehen, subjektiv gewichtet. Als Hobbysammler war er niemandem verpflichtet. Nur seinen Interessen, seinen Kenntnissen, seinen Ansichten… Als er starb, wusste eigentlich niemand so genau, was er alles gesammelt hat. Die Pietät und – ich gebe dies zu – meine eigene Sammelleidenschaft führten dazu, dass ich die Schachteln und Stapeln, die Zeitungen und Zeitschriften nicht entsorgte, sondern im Estrich bis heute aufbewahrte. Fünfzig Jahre lang, immer wieder begleitet von der festen Absicht, einmal doch hineinzuschauen, zu analysieren und zu erfahren, was der Sammler, mein Vater, dachte und nie - oder kaum je - gesagt hat. Und das war viel, unglaublich viel. So mein Eindruck und eine Erkenntnis bereits nach den ersten Dossiers. Viele der Dokumente – vielleicht sogar die meisten – waren mit einem Zeichen markiert. Das Zeichen, wem er eigentlich was sagen wollte. Ich bin sicher, er hat das allermeiste nie gesagt. Aber gedacht, vertreten, gefühlt. Eine Sammlung, ein «Seelenbild» meines Vaters. Darunter die Zuordnung zu «P». Das bin ich. Zum ersten Mal – im fortgeschrittenen Alter – erfahre ich,

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Risikobasiertes Abwägen

von Peter Züllig

 

Es wird viel geredet. Zuviel. Es wird wenig getan. Zuwenig. Corona hat uns fest im Griff. Da können schon mal Worte fallen, die eigentlich nicht fallen dürften. Bundesrat Maurer sagte im Parlament: «Wir können uns keinen zweiten Lockdown leistenDabei meine er: «Wir wollen uns keinen zweiten Lockdown leisten.» So spricht eben ein Finanzdirektor. Beim Verb liegt der Unterschied. Wollen und Können. Beides ist in Schieflage geraten. Schief gedrückt von der Politik. Da verraten sich plötzlich Dimensionen der Wertordnung. So richtig aufdecken mag es niemand. Bestenfalls aufrechnen: Leiden gegen Wohlstand, Krankheit gegen Geld, Leben gegen Tod. Die Rechnung geht nie auf. Doch sie wird gemacht. Der Wohlstand – nicht der Mensch – ist in Gefahr. Die Spitäler – totgespart und dem politischen Willen unterworfen - erreichen ihre Grenzen. Sie zeigen schonungslos auf, wo die Verantwortung liegt. Bei den Sparern und Rationalisierern, die längst der Solidarität entschlüpft sind. Der Wohlstand wird es schon richten! Erst wenn der Wohlstand in Gefahr gerät, wird gehandelt und - wo immer möglich - mit Geld abgesichert. Dies, - nicht etwa die Toten - können wir uns nicht mehr leisten. «Wir haben das Geld nicht!», so Ueli Maurer. Seuche, Krankheit, Tod wird zu m blossen Bestandteil des «Gesundheitssystem» erklärt. Und das muss sich rechnen. Ein System lässt sich mit gezielten Massnahmen verändern. Man kann – das liegt marktwirtschaftlich nahe – zum Beispiel eine «Triage» vornehmen. Wertes Leben da, unwertes Leben dort. Früher nahm man solches als «Gottesurteil» hin, heute ist es «als risikobasiertes Abwägen», ein geläufiger marktorientierter Vorgang.

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Verhältnismässig tot

von Peter Züllig

 

Im Augenblick zirkulieren Schlagworte «en masse» - fast schon exponentiell – sozusagen pandemisch – durch die Coronakrise. Die «Selbstverantwortung» hat sich früh breitgemacht, als Alternative zum Lockdown. Sie wurde schnell aufgenommen und verinnerlicht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber ja nicht – auf keinen Fall – für andere. Man ist sogar bereit, für sich selbst zu protestieren und dabei alle andern zu gefährden. «Nicht mehr als eine Grippe» hält sich ebenso tapfer im Schlagwortgefecht und erschlägt damit 5000 Corona-Tote (allein in der Schweiz) und das Leid ihrer Angehörigen gleich ein zweites Mal, diesmal mit statistischen Zahlen über Sterblichkeit. Etwas vulgärer formulieren es andere, selbsternannte Corona-Experten: die verordneten Massnahmen «seien ein Witz». Besonders häufig wird nach «Freiheit» gerufen und jede «Zwangsmassnahme» abgelehnt. Das alles erinnert an eine schlecht gezimmerte Steinschleuder, die es mit modernen Repetionsgewehren – so die Schlagkraft einer Pandemie – aufnehmen möchte. «Verhältnismässigkeit» ist das aktuellste dieser schön klingendes Worte. Massnahmen müssen «angemessen» und «verhältnismässig» sein, fordert nicht nur - aber besonders lautstark – Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich verhältnismässig tot oder verhältnismässig lebend bin. Eigentlich halte ich es doch lieber mit den Bremer Stadtmusikanten, die lakonisch festgestellt haben: «etwas Besseres als den Tod finden wir überall».

18. November  2020

 

In eigener Sache:

 

Schlangenfänger

von Peter Züllig

 

Das Internet bringt nicht nur Glück und Segen, da sind auch schwarze Tage mit dabei. Schwarze Tage? In unserer Tradition, in unserem Sprachgebrauch sind "schwarze Tage" Unglückstage, Tage voll Pech und Pannen. Kurzum: etwas, das man sich nicht und nie wünscht. Unsere globalisierte Umgangssprache zaubert häufig - schwups - ein Gegenteil hervor. Aus dem schwarzen Hut krabbelt plötzlich ein weisses Kaninchen. Als Kinder haben wir da gestaunt, später gelernt: dahinter versteckt sich immer ein Trick. Der Trick der Zauberer, meist geschickt gemacht, hundertfach geübt, verblüffend für die, die zusehen und sich der Illusion hingeben. Auch bei uns verfängt seit ein paar Jahren ein einfacher Trick: aus schwarz wird black. Absolut korrekt - kein Übersetzungsfehler. Nur der Inhalt hat sich gewandelt: ins pure Gegenteil. Aus Unglück wird Glück, aus Verlust Gewinn. Damit alles auch wirklich gut wirkt, hat man die Schimäre auf einen einzigen Tag gelegt, den Black Friday, zu Deutsch: den Schwarzen Freitag. Da purzeln Angebote zu Sensationspreisen in grosser Menge, in schwarzen Massen nur so aus dem Zylinder. "Satte Rabatte", "magische Rabatte", "Rabattschlacht"... Wer sich da nicht sogleich ins Kampfgetümmel stürzt, der ist ein Depp. Weil es so viele Deppen gibt, wird der Schwarze Freitag hurtig noch erweitert, zur Black Week, zur schwarzen Woche. Eine mehr oder weniger konzentrierte Schnäppchenjagd. Sie ergiesst sich über das Internet und die gebeutelte Fernsehwerbung. "Dreissig Prozent billiger", "zum halben Preis", "zwanzig Prozent günstiger"...  Es sind nicht die Tricks der Zauberer, es sind die der Schlangenfänger. Sie spielen mit der Angst der Menschen etwas zu verpassen. Und seien es nur ein paar Prozente.