In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

09. Februar 2021

 

In eigener Sache:

 

Das Wunderding im Sack

von Peter Züllig

 

Eidesstattliche Erklärung: Mit meinem Handy kann man auch telefonieren. Ist ja auch logisch, man hat ja einen Verbindungs-Vertrag im Sack und eine raffinierte Technik in der Hand. In der Hand? Ganz so einfach ist das nicht, es ist ja auch kein Handy mehr, sondern ein Smartphone, ein «schlaues» Telefon, so unhandlich und schwer, dass ich mir den alten «Knochen» herbeiwünsche. Da wusste man noch, wohin man sprechen und wo man hören musste beim Telefonieren. Ach ja, das Telefonieren! Das geht ja noch, da kann man sich vorbereiten, Nerven tanken und notfalls Aktionen wiederholen, wenn man einmal zu flüchtig oder zu fest den grünen «Knochen» auf dem Display streichelt. Für mich, trotz vielen Annäherungsversuchen, noch keine innige Liebe, eher eine flüchtige Zwangsbegegnung mit einer kalten Berührung am Ohr. Nicht etwa so, dass es mit süsser Stimme säuselt würde. Vielmehr ächzt und krächzt es, weil es partout nicht dort spricht, wo mein Gehör seinen Eingang hat. Viel schwieriger noch ist die Ankunft eines Anrufs. Es läutet oder klingelt nicht mehr, wenn er sich ankündigt. Das gibt es nur noch in älteren Filmen. Jetzt werde ich bezirzt durch meine individuelle Musik. Erschrocken greife ich erschrocken in Hosentasche (eine Weste oder eine zusätzlich Tasche trage ich nur ganz selten). Das Ding aber liegt quer im Sacke, will nicht herauskommen, zu eng ist der Ein- und Ausgang, dimensioniert für Zigaretten oder   Sackmesser, nicht für Telefonmonster. Endlich befreit! Da ist es zuerst einmal gesperrt, damit es «nicht unbeabsichtigt in Funktion tritt». Schon fast verzweifelt greife ich ins Display. Daneben! Es verkündet stolz: «Wollen sie die App laden». Ja, ich will telefonieren. Zu spät! Ich werde zwar verbunden, nicht aber mit dem Anrufenden.  Vielmehr mit Denner, Aldi, Coop oder sonst einer Adresse mit intensiver, Werbung. Das geht dann auch rasch und mühelos, ein Tor zu einem Wunderland. Fortan ist das Wunderland auch fest verankert auf meinem Handy. Doch der Anrufer hat längst «aufgehängt» oder besser, den richtigen Knopf gedrückt, den roten Knochen. (291)

30. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Traktat-Mission

von Peter Züllig

 

Das musste ja kommen! Inzwischen lässt kaum mehr an Corona, als "eine harmlose kleine Grippe", festhalten - angesichts der an und mit der Seuche gestorbenen Menschen (in der Schweiz mehr als 2'000 Tote, weltweit über 2,2 Millionen). Gebetsmühlenartig werden immer wieder die gleichen Argumente wiederholt. Zum Beispiel: "Es sind ja nur die «Alten und Kranken», die gefährdet sind und wegsterben". Euthanasie (Vernichtung unwerten Lebens) bezeichnet man diese Haltung, auch heute noch. Obwohl die einst zur Vernichtung eingesetzten Gasöfen jetzt nur noch Winzlinge sind, unsichtbar, nur unter dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Die Leid- und Todgeweihten müssen nicht mehr von Schergen deportiert werden, nur angesteckt, irgendwo, irgendwann, von irgendwem, irgendwie. Begleitet von gut klingenden Worten, wie «Selbstverantwortung». Und all die, welch durch die Missachtung ihres Verstandes mitverantwortlich sind, errichten jetzt eine neue Front mit ihrer Initiative für «Freiheit und körperliche Unversehrtheit». Es sind die missionarischen Impfgegner, die verlangen, dass «jeder Mensch selbst bestimmen soll, ob etwas und was in seinen Körper gespritzt wird». Fast schon epidemisch breiten sich neue Schlagworte aus, festgehalten und illustriert auf Traktätchen, die in viele Briefkästen flattern. Traktätchen waren schon immer das dominierende Kampfmittel für Missionierung und Bekehrung, meist durch religiöse Sekten. Jetzt sind es vor allem Corona-Leugner und Impfgegner, die ihre Botschaften so verbreiten. Die «eigene Freiheit und Unversehrtheit» hat sich brutal in ihre Mission eingenistet und vor jede Verantwortung gestellt, auch vor die inflationär zitierte Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. (290)

Die bisher hier veröffentlichten Kolumnen

20. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Ein gehöriges Problem

von Peter Züllig

 

Wer im Internet unterwegs ist, stösst seit Wochen - ja Monaten - auf ein gehöriges Problem. Der ultimative Appell: «besser hören, dank…» Und schon prasseln Werbesprüche daher: «mit Jungfühl-Garantie», «das Hörgerät zum Jungfühlen», «das Kind im Ohr», «Kontaktlinse im Ohr», «das neue Wow-Gefühl», «ganz Ohr»… Eine unglaubliche Armada – eine Flottenstreitmacht – dringt auf uns ein und will gehört werden. Höroffensive! Das Perfide daran: die kleinen, meist sehr teuren Dinger verstecken sich meist verschämt hinter redaktionellen Texten: «Endlich ist es auch hier in der Schweiz erhältlich» oder «innovative Neuheit» oder «aktuelle Erfindung» oder «vom Hörrohr zum Mikro-Chip» oder «So hätte auch Beethoven seine Kompositionen hören können.» Nur ich kann sie nicht mehr hören, die aktuelle Höroffensive. Zu laut, zu schrill, ohrenbetäubend, in der Regel aber ohne einen Laut von sich zu geben. Auch Schlagworte können laut sein, auch wenn sie stumm sind und wie wild umsichballern. Mit einer Aufzählung an Worthülsen, die inhaltlich nichts (oder wenig) sagen. Nicht nur bei Hörgeräten, überall dort, wo alle das Gleiche sagen, zum Beispiel in der Fernsehwerbeflut. Wo jeder hofft, nur er werde gehört und immer mehr im Lärm untergeht. (289)

11. Januar  2021

 

In eigener Sache:

 

Was er sagen wollte

von Peter Züllig

 

Wer? Er? Mein Vater. Er ist vor bald fünfzig Jahren gestorben. Plötzlich, ohne Adieu zu sagen. Er war ein Sammler. Sammler von Zeitungsartikeln. Alles akribisch unterstrichen, was ihn bewegt hat, gerade diesem Ausschnitt aufzubewahren und in die Sammlung einzuordnen. Ordnung zu schaffen war gar nicht so einfach, denn da gab es noch keine Computer und seine selbst gebastelten Ordnungs-Systeme wurden immer wieder vom aktuellen Geschehen überrollt. Seine Interessen waren weit gesteckt, vieles änderte sich immer wieder, fundamental: Vorkriegszeit, Krieg, weltpolitische und familiäre Veränderungen, neue Medien… All das spiegelt sich in seiner Dokumentensammlung. Subjektiv ausgewählt, subjektiv mit Lob und Tadel versehen, subjektiv gewichtet. Als Hobbysammler war er niemandem verpflichtet. Nur seinen Interessen, seinen Kenntnissen, seinen Ansichten… Als er starb, wusste eigentlich niemand so genau, was er alles gesammelt hat. Die Pietät und – ich gebe dies zu – meine eigene Sammelleidenschaft führten dazu, dass ich die Schachteln und Stapeln, die Zeitungen und Zeitschriften nicht entsorgte, sondern im Estrich bis heute aufbewahrte. Fünfzig Jahre lang, immer wieder begleitet von der festen Absicht, einmal doch hineinzuschauen, zu analysieren und zu erfahren, was der Sammler, mein Vater, dachte und nie - oder kaum je - gesagt hat. Und das war viel, unglaublich viel. So mein Eindruck und eine Erkenntnis bereits nach den ersten Dossiers. Viele der Dokumente – vielleicht sogar die meisten – waren mit einem Zeichen markiert. Das Zeichen, wem er eigentlich was sagen wollte. Ich bin sicher, er hat das allermeiste nie gesagt. Aber gedacht, vertreten, gefühlt. Eine Sammlung, ein «Seelenbild» meines Vaters. Darunter die Zuordnung zu «P». Das bin ich. Zum ersten Mal – im fortgeschrittenen Alter – erfahre ich,

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Risikobasiertes Abwägen

von Peter Züllig

 

Es wird viel geredet. Zuviel. Es wird wenig getan. Zuwenig. Corona hat uns fest im Griff. Da können schon mal Worte fallen, die eigentlich nicht fallen dürften. Bundesrat Maurer sagte im Parlament: «Wir können uns keinen zweiten Lockdown leistenDabei meine er: «Wir wollen uns keinen zweiten Lockdown leisten.» So spricht eben ein Finanzdirektor. Beim Verb liegt der Unterschied. Wollen und Können. Beides ist in Schieflage geraten. Schief gedrückt von der Politik. Da verraten sich plötzlich Dimensionen der Wertordnung. So richtig aufdecken mag es niemand. Bestenfalls aufrechnen: Leiden gegen Wohlstand, Krankheit gegen Geld, Leben gegen Tod. Die Rechnung geht nie auf. Doch sie wird gemacht. Der Wohlstand – nicht der Mensch – ist in Gefahr. Die Spitäler – totgespart und dem politischen Willen unterworfen - erreichen ihre Grenzen. Sie zeigen schonungslos auf, wo die Verantwortung liegt. Bei den Sparern und Rationalisierern, die längst der Solidarität entschlüpft sind. Der Wohlstand wird es schon richten! Erst wenn der Wohlstand in Gefahr gerät, wird gehandelt und - wo immer möglich - mit Geld abgesichert. Dies, - nicht etwa die Toten - können wir uns nicht mehr leisten. «Wir haben das Geld nicht!», so Ueli Maurer. Seuche, Krankheit, Tod wird zu m blossen Bestandteil des «Gesundheitssystem» erklärt. Und das muss sich rechnen. Ein System lässt sich mit gezielten Massnahmen verändern. Man kann – das liegt marktwirtschaftlich nahe – zum Beispiel eine «Triage» vornehmen. Wertes Leben da, unwertes Leben dort. Früher nahm man solches als «Gottesurteil» hin, heute ist es «als risikobasiertes Abwägen», ein geläufiger marktorientierter Vorgang.

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Verhältnismässig tot

von Peter Züllig

 

Im Augenblick zirkulieren Schlagworte «en masse» - fast schon exponentiell – sozusagen pandemisch – durch die Coronakrise. Die «Selbstverantwortung» hat sich früh breitgemacht, als Alternative zum Lockdown. Sie wurde schnell aufgenommen und verinnerlicht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber ja nicht – auf keinen Fall – für andere. Man ist sogar bereit, für sich selbst zu protestieren und dabei alle andern zu gefährden. «Nicht mehr als eine Grippe» hält sich ebenso tapfer im Schlagwortgefecht und erschlägt damit 5000 Corona-Tote (allein in der Schweiz) und das Leid ihrer Angehörigen gleich ein zweites Mal, diesmal mit statistischen Zahlen über Sterblichkeit. Etwas vulgärer formulieren es andere, selbsternannte Corona-Experten: die verordneten Massnahmen «seien ein Witz». Besonders häufig wird nach «Freiheit» gerufen und jede «Zwangsmassnahme» abgelehnt. Das alles erinnert an eine schlecht gezimmerte Steinschleuder, die es mit modernen Repetionsgewehren – so die Schlagkraft einer Pandemie – aufnehmen möchte. «Verhältnismässigkeit» ist das aktuellste dieser schön klingendes Worte. Massnahmen müssen «angemessen» und «verhältnismässig» sein, fordert nicht nur - aber besonders lautstark – Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich verhältnismässig tot oder verhältnismässig lebend bin. Eigentlich halte ich es doch lieber mit den Bremer Stadtmusikanten, die lakonisch festgestellt haben: «etwas Besseres als den Tod finden wir überall».

18. November  2020

 

In eigener Sache:

 

Schlangenfänger

von Peter Züllig

 

Das Internet bringt nicht nur Glück und Segen, da sind auch schwarze Tage mit dabei. Schwarze Tage? In unserer Tradition, in unserem Sprachgebrauch sind "schwarze Tage" Unglückstage, Tage voll Pech und Pannen. Kurzum: etwas, das man sich nicht und nie wünscht. Unsere globalisierte Umgangssprache zaubert häufig - schwups - ein Gegenteil hervor. Aus dem schwarzen Hut krabbelt plötzlich ein weisses Kaninchen. Als Kinder haben wir da gestaunt, später gelernt: dahinter versteckt sich immer ein Trick. Der Trick der Zauberer, meist geschickt gemacht, hundertfach geübt, verblüffend für die, die zusehen und sich der Illusion hingeben. Auch bei uns verfängt seit ein paar Jahren ein einfacher Trick: aus schwarz wird black. Absolut korrekt - kein Übersetzungsfehler. Nur der Inhalt hat sich gewandelt: ins pure Gegenteil. Aus Unglück wird Glück, aus Verlust Gewinn. Damit alles auch wirklich gut wirkt, hat man die Schimäre auf einen einzigen Tag gelegt, den Black Friday, zu Deutsch: den Schwarzen Freitag. Da purzeln Angebote zu Sensationspreisen in grosser Menge, in schwarzen Massen nur so aus dem Zylinder. "Satte Rabatte", "magische Rabatte", "Rabattschlacht"... Wer sich da nicht sogleich ins Kampfgetümmel stürzt, der ist ein Depp. Weil es so viele Deppen gibt, wird der Schwarze Freitag hurtig noch erweitert, zur Black Week, zur schwarzen Woche. Eine mehr oder weniger konzentrierte Schnäppchenjagd. Sie ergiesst sich über das Internet und die gebeutelte Fernsehwerbung. "Dreissig Prozent billiger", "zum halben Preis", "zwanzig Prozent günstiger"...  Es sind nicht die Tricks der Zauberer, es sind die der Schlangenfänger. Sie spielen mit der Angst der Menschen etwas zu verpassen. Und seien es nur ein paar Prozente.