In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

13. September 2022

 

Hugh!

von Peter Züllig

 

»Uff! Uff! Uff!» -  Winnetou? Nein, SVP. Die «Jungen» der einstigen Bauernpartei, BGB (Bauern-, Gewerbe- und Bürger, gegründet 1936), blicken sehnsüchtig zum grossen «Manitou» der Schweiz, Christoph Blocher, der zwar nicht den «Apachen», sondern der serbelnden SVP (Nachfolgepartei der BGB, gegründet 1971) in den frühen 90er Jahren neues Leben eingehaucht hat. Die «Jungen» haben von ihm gelernt, wie man Kämpfe angehen und Feinde besiegt. Blocher ist zwar kein «Winnetou», der bei Karl May viel zu aufrichtig, zu edel, gar nicht hinterlistig und verschlagen ist. Schon eher Old Shatterhand, der Alleskönner, der Listige, der jede Spur richtig lesen und jeden Gegner mit der Faust besiegen kann. Heldenfiguren! Diese Verwandtschaft wird dokumentiert durch der Petition der «Jungen SVP»: «Rettet Winnetou». Eine Petition, lanciert von David Trachsel, dem Präsidenten der JSVP, geboren 1994, rund 30 Jahre nach dem Hype der Karl-May-Filme und fast 100 Jahre nach dem Höhepunkt der Bucherfolge des Schriftstellers.  Vielleicht haben die Youngster irgendwann eine Wiederholung der verstaubten Karl-May-Western gesehen, aber mit ziemlicher Sicherheit keines der Karl-May-Bücher gelesen. Doch auf die Kriegsspur sind sie rasch eingeschwenkt. Ginge es dabei um die Buch- und Filmwelt von Karl May, wären sie viel vorsichtiger, zurückhaltender und nicht so lautstark aufgetreten. Bei Karl May gibt es nämlich auch einen «Santer», einen «Rollins», einen «Oelprinzen» und Werke wie «Und Frieden auf Erden»… Da gibt es so manche Themen, die viel mehr mit der Heldenverehrung und der Politik der SVP zu tun haben. Viel mehr als der «Woke-Wahnsinn» den die JSVP gerade auf ihre Fahne geschrieben haben. Bewirtschaftung eines hochemotionalen Themas. Winnetou würde sagen: «Hugh!» ("Ich habe gesprochen»).                                                                           (241)                           

03. September 2022

 

In eigener Sache:

 

Lohnt sich nicht!

von Peter Züllig

 

Tischleuchte, Chrom, elegant, «modern style» – ein Weihnachtsgeschenk, meine Wunschleuchte, vor ein, zwei Jahren erhalten. Sie steht noch immer auf dem Tisch und wird gebraucht. Doch sie leuchtet nicht mehr. Die beiden Sparlämpchen – noch nicht LED – werden noch verkauft, sind aber schwierig einzusetzen. Es leuchtet das eine Mal rechts, das andere Mal links. Wohl ein «Wackelkontakt». Leuchte eingepackt, Fahrt zum Einkaufszentrum, wo sie – noch nicht vor allzu langer Zeit, gekauft worden ist. Früher gab es im Dorf (oder in der Nachbarschaft) noch ein Elektrogeschäft, jetzt muss man (mit dem Auto) zum Einkaufszentrum auf der einst grünen Wiese.  Im ersten Geschäft – einem bekannten Warenhaus – wo die Leuchte (gemäss der Erinnerung) erstanden wurde: «Diese Marke führen wir nicht». Immerhin – im Kundendiensts - ein Griff zum Katalog: «Die Leuchte wird im Geschäft XY angeboten. Gehen Sie dahin!» Es ist in der gleichen Einkaufsmeile. Wiederum zum Kundendienst, sofort die Frage: «Haben Sie eine Kaufquittung oder das Datum des Kaufs?» - «Nein, es war ein Geschenk» - «Wir reparieren nichts, tauschen nur aus, und das nur in der Garantiezeit.» - «Aber es handelt sich nur um einen «Wackelkontakt», sonst ist die Lampe noch vollwertig.» - «Kaufen Sie sich eine neue, sie sind ohnehin günstiger geworden und erst noch LED. Vorne links, zweites Regal rechts» Es bleibt nicht viel andere übrig, als mit einem neuen Modell heimzufahren. Das alte – viel schönere, weit teurere – bleibt zurück, zur Entsorgung. Wie lange können wir uns diese Wegwerfmentalität noch leisten? (240)                            

24. August 2022

 

In eigener Sache:

 

Smartphonie

von Peter Züllig

 

Menschen jeden Alters, die an dir vorbeigehen und sprechen, intensiv, leise, mit Betonung, ja mit Gefühl. Die selig lächeln, dich aber gar nicht sehen, die die Augen schliessen, verdrehen, den Mund verziehen, die Augen rollen, ein Wort oder eine Silbe betonen oder gar laut aussprechen, etwas rufen, aber grad wieder mäuschenstill sind, die ins Leere lauschen… Sie alle haben eine Geliebte, einen Geliebten, das Smartphone und – wenn es gut geht – einen Knopf oder gar zwei Knöpfe im Ohr. Sie gehen an dir vorbei, ohne dich wahrzunehmen, setzten sich auf einen freien Platz – vor- oder neben dich, überholen dich, überrennen dich, weil sie so konzentriert, ja fixiert auf etwa sind, das nicht zu sehen ist, was man nur erahnen, sich vorstellt kann: ein Partner, ein Geliebter, ein Kind, der Vater, die Mutter… Etwas, das unendlich viel Geduld hat, ständig in den Raum hört, dem Gesäusel, dem Flüstern lauscht, präsent ist und doch nicht da. Der, der da ist, benimmt sich, als hätte er einen Astralleib, der durchaus Platz beansprucht und Raum belegt. Es gibt auch jene, ins Gespräch getauchte, versunkene Menschen – meist älteren Jahrgangs – die kein weisses Ding im Ohr haben, etwas lauter reden, auch pausenlos den zufälligen Nachbarn signalisieren: da ist noch jemand, ein Anderer, eine Andere, eine Stimme, gedämpft zwar, aber hörbar. Sie nimmt Raum ein, immer mehr, man kann sie nicht abstellen, aussperren. Sie plätschert so dahin, ruft, schimpft, lispelt, interaktiv, mal der (oder die) eine, mal der/die andere. Unsichtbares, das da ist, aber nicht gesehen werden kann und Sichtbares, das gesehen werden kann, aber nicht da ist. Ein Leib, der sich Platz schafft, für sich und den Anderen, der nur eine Stimme hat, keinen Leib hat, nur die Form eines Smartphones!                    (239)                            

12. August 2022

 

In eigener Sache:

 

Choissisez la simplicité!

von Peter Züllig

 

Noch direkter: «Vereinfachen Sie Ihr Leben!» Wer möchte dies nicht tun? Der Slogan hat mich überzeugt und verführt. Ich setzte mich an den Computer und befolgte die Ratschläge. Meistens waren es sogenannte «apps» (Applikationen), die man herunterladen kann, ja soll: Apps von der Post, der Bank, der Bahn, der Versicherung, dem Fernsehen, der Zeitung… Kurzum, sie verbinden uns rasch und gründlich mit der Welt des Konsums. So dachte ich, als ich die ersten paar Apps auf dem Handy oder Computer hatte. Doch ganz so einfach waren sie nicht, diese lebenserleichternden Applikationen. Es wurde sogar zusehends schwieriger, ein geschicktes Navigieren zwischen all den Möglichkeiten, den erforderlichen Zustimmung, Erlaubnissen (zum Beispiel auf den Computer zuzugreifen), zulässigen Passwörtern, verführerischen Hyperlinks, sinnvollen Speicherungen und, und, und… Inzwischen haben sich bei mir etwa 50 Passwörter angesammelt. Man soll ja – gemäss Sicherheitsempfehlungen kein Passwort mehrfach verwenden (sogar öfters wechseln). Etwa gleichviel Apps belagern rasche den Speicher. Allmählich entsteht ein schreckliches Durcheinander, nicht nur im Computer, auch in meinem Kopf. Apps, wie, wo, wann, was, wofür? Immer mehr Bestätigungen, Eingaben, Verknüpfungen (angeblich für mehr Sicherheit). Ohne wenigstens ein Häkchen für das Lesen der AGBs (Allgemeine Geschäftsbedingungen) geht schon gar nichts. So viel Lesen, Mir-merken und Verstehen (in elektronischer Geschwindigkeit) ist für mich die reine Überforderung. Das Schummeln mit den Häkchen bei den AGBs lohnt sich nicht, denn da stecken auch restriktive Bedingungen und Verträge für Kosten, Zustimmung zu Abonnements und Bombardements mit Werbung etc. drin. Dinge, die das Leben nicht erleichtern, sondern komplizierter, teurer, und ganz und gar nicht einfacher machen.                                 (238)        

01. August 2022

 

In eigener Sache:

 

Wie immer

von Peter Züllig

 

Ferien sind Auszeit vom Alltag, vom gewohnten «Wie-immer», vom täglichen «Tramp». Sie beginnen mit der Ortswahl. Eine aufregende Sache, meist aufregender als der Ort, der schliesslich ausgewählt wird. Es folgen die Vorbereitungen, die Planung, die Erwartungen, die Träume. Soll Neues entdeckt oder Bekanntes wiederholt werden? Eine schwierige Entscheidung, wie immer. Dann, endlich kommt der Tag, wo es – für kurze Zeit – anders werden soll. Der aufregende Start zur Flucht vom Alltag, wie immer. Im Koffer, im Rucksack, in den Taschen, das, was mitgenommen wird in die Auszeit, das Unverzichtbare. Und das ist recht viel, wie immer. Dann, der Weg, die Reise, der Flug, die Fahrt… mit Komplikationen, Aufregung, Fehlentscheiden, wie immer. Irgendwann ist man da, am Ziel, oder auf dem Weg, der das Ziel sein kann, wie immer. Doch, so schnell lässt der Alltag nicht los, es fehlt das Vertraute. Das Gewohnte muss gesucht werden, wie immer. Klick, klick, klick, das Fremde festgehalten und mitgenommen, als Erinnerung gespeichert, wie immer. Wo es an Neuem zu viel ist, wird das Alte gesucht, das, was man mitgenommen hat, vom letzten Mal, von früher, aus den Erwartungen. Kramen in verlöschenden Träumen: vergleichen, vermissen, suchen, finden, erschrecken, wie immer. Es kommt der Abschied, das Verlassen, der Start in das Zurück. Teile der Träume sind eingelöst, werden zurechtgestutzt, verschoben auf ein nächstes Mal, wie immer. Und schon sind sie wieder da, die vertrauten Zwillinge: der Alltag und die Hoffnung auf die nächste Auszeit. Ferien sind nichts anderes, als das gewohnte
«Wie-immer».                                                                                        (237)                         

23. Juli 2022

 

In eigener Sache:

 

Vive le roi!

von Peter Züllig

 

Gäste sind Kunden und Kunden sind Könige, so ein beliebtes Mantra der Geschäftswelt. Der verlockende Spruch fällt rasch in sich zusammenfällt, sobald im Königreich die Kassen klingeln. Da werden nicht mehr Könige empfangen, sondern Kunden bedient, recht und viel häufiger noch schlecht. Besonders dort, wo Kunden schnell zu lästigen Eintagsfliegen mutieren, in touristischen Gebieten, mit ihren Saisons und Hochsaisons. Die Saisons sind – gemäss französischem Wörterbuch – immer wiederkehrende Zeitabschnitte im Jahr. Jahreszeiten.  Da heute im Tourismus nur noch Jahreszeiten vermarktet werden, hat sich eine weitere Jahreszeit entwickelt, die Hochsaison. Sie richtet sich nicht nach der Vegetation und kaum nach dem Wetter, vielmehr nach dem Bedürfnis der Menschen, in andere Welten einzutauchen, meist nur kurzzeitig und wenig orttreu. Da haben Königreiche keinen Platz, da wird der König zum «Hofnarr», der nur ernst genommen wird, wenn er seinen Beutel öffnet. Der nächste Narr – womöglich mit einem noch grösseren Beutel – ist in Sicht, die Rollen haben gewechselt, der König sitzt auf dem Thron (der Kasse). Er bestimmt Angebot und Preis und jagt die Menschen, die eben noch Könige waren, durch sein Reich. Um im Hochbetrieb nicht selbst unterzugehen, werden Verbote und Einschränkungen erlassen, die – sobald das «Hoch» weg ist – rasch verschwinden. Jetzt, wo die Kundenkönige nicht mehr da sind, werden die saisonalen Könige zu Bettlern, die um milde Almosen bitten, vom Staat und den wenigen Kundenkönigen, die noch geblieben sind.
Le roi est mort, vive le roi!                                                                           (236)                  

07. Juli 2022

 

In eigener Sache:

 

Der Zahn

von Peter Züllig