In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Risikobasiertes Abwägen

von Peter Züllig

 

Es wird viel geredet. Zuviel. Es wird wenig getan. Zuwenig. Corona hat uns fest im Griff. Da können schon mal Worte fallen, die eigentlich nicht fallen dürften. Bundesrat Maurer sagte im Parlament: «Wir können uns keinen zweiten Lockdown leistenDabei meine er: «Wir wollen uns keinen zweiten Lockdown leisten.» So spricht eben ein Finanzdirektor. Beim Verb liegt der Unterschied. Wollen und Können. Beides ist in Schieflage geraten. Schief gedrückt von der Politik. Da verraten sich plötzlich Dimensionen der Wertordnung. So richtig aufdecken mag es niemand. Bestenfalls aufrechnen: Leiden gegen Wohlstand, Krankheit gegen Geld, Leben gegen Tod. Die Rechnung geht nie auf. Doch sie wird gemacht. Der Wohlstand – nicht der Mensch – ist in Gefahr. Die Spitäler – totgespart und dem politischen Willen unterworfen - erreichen ihre Grenzen. Sie zeigen schonungslos auf, wo die Verantwortung liegt. Bei den Sparern und Rationalisierern, die längst der Solidarität entschlüpft sind. Der Wohlstand wird es schon richten! Erst wenn der Wohlstand in Gefahr gerät, wird gehandelt und - wo immer möglich - mit Geld abgesichert. Dies, - nicht etwa die Toten - können wir uns nicht mehr leisten. «Wir haben das Geld nicht!», so Ueli Maurer. Seuche, Krankheit, Tod wird zu m blossen Bestandteil des «Gesundheitssystem» erklärt. Und das muss sich rechnen. Ein System lässt sich mit gezielten Massnahmen verändern. Man kann – das liegt marktwirtschaftlich nahe – zum Beispiel eine «Triage» vornehmen. Wertes Leben da, unwertes Leben dort. Früher nahm man solches als «Gottesurteil» hin, heute ist es «als risikobasiertes Abwägen», ein geläufiger marktorientierter Vorgang.

20. Dezember  2020

 

In eigener Sache:

 

Verhältnismässig tot

von Peter Züllig

 

Im Augenblick zirkulieren Schlagworte «en masse» - fast schon exponentiell – sozusagen pandemisch – durch die Coronakrise. Die «Selbstverantwortung» hat sich früh breitgemacht, als Alternative zum Lockdown. Sie wurde schnell aufgenommen und verinnerlicht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber ja nicht – auf keinen Fall – für andere. Man ist sogar bereit, für sich selbst zu protestieren und dabei alle andern zu gefährden. «Nicht mehr als eine Grippe» hält sich ebenso tapfer im Schlagwortgefecht und erschlägt damit 5000 Corona-Tote (allein in der Schweiz) und das Leid ihrer Angehörigen gleich ein zweites Mal, diesmal mit statistischen Zahlen über Sterblichkeit. Etwas vulgärer formulieren es andere, selbsternannte Corona-Experten: die verordneten Massnahmen «seien ein Witz». Besonders häufig wird nach «Freiheit» gerufen und jede «Zwangsmassnahme» abgelehnt. Das alles erinnert an eine schlecht gezimmerte Steinschleuder, die es mit modernen Repetionsgewehren – so die Schlagkraft einer Pandemie – aufnehmen möchte. «Verhältnismässigkeit» ist das aktuellste dieser schön klingendes Worte. Massnahmen müssen «angemessen» und «verhältnismässig» sein, fordert nicht nur - aber besonders lautstark – Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich verhältnismässig tot oder verhältnismässig lebend bin. Eigentlich halte ich es doch lieber mit den Bremer Stadtmusikanten, die lakonisch festgestellt haben: «etwas Besseres als den Tod finden wir überall».

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