In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

15. Januar 2022

 

In eigener Sache:


«Muesch nöd öppe meine!»

von Peter Züllig

 

 «Chrutzli» ist adrett, klein, «tifig», leuchtend rot und gar nicht etwa langsam. Aber auch nicht so schnell, wie seine «grossen» Geschwister. «Chrutzli» ist ein Auto, unser Auto, ein «Smart», gedacht für den Nahverkehr. Ab und zu darf es länger unterwegs sein, grössere Strecken fahren, sogar auf der Autobahn. Da kann es zeigen, was es kann! Bei seinen «grossen» Brüdern und Schwestern wird es gar nicht ernst genommen. Es erregt eher Mitleid, mitunter Trotz und das Gefühl: «dem wollen wir es zeigen». Es erweckt bei vielen, fast allen Fahrenden in grösseren Autos einen Instinkt, der den Fuss – ob kräftig oder zierlich – auf das Gaspedal drücken lässt. Ein Vorgang, der in der Natur der Dinge zu liegen scheint. Fast schon dramatisch wird es, wenn sich der kleine Verkehrsteilnehmer erdreistet, einen grösseren zu überholen. Da bricht schon eine Welt zusammen im nun zurückliegenden Fahrzeug. Nach dem ersten Schreck, bei der nächstbesten erspähten Gelegenheit, verkrampft sich der rechte Fuss der Fahrenden, das Pedal biegt sich und schon ist der Image-Schaden repariert. Ganz schwierig wird es für ein kleines «Chrutzli» bei der Eingliederung in den Verkehrsfluss. Da hat es zu warten, bis man ihm den Weg frei gibt. Verkehrsregeln hin oder her, im Zweifelsfall liegt die Macht halt doch beim Stärkeren. Da heisst es hintenanstehen. Nur beim Parkieren kann es seinen Vorteil ausspielen und beim Wenden, sonst aber löst allein schon der Anblick das Gefühl aus: «Muesch nöd öppe meine!»       (221)

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08. Januar 2022

 

In eigener Sache:


Digitaler Enkeltrick

von Peter Züllig

 

Telefonanruf eines unbekannten Verwandten: höchste Alarmstufe oder müdes Lächeln. Der Enkeltrick! Er funktioniert immer mal wieder, obwohl er so alt, einfältig und banal ist wie die Blondinenwitze. Nur viel gefährlicher. Einmal eingeschnappt, die Falle schnappt zu. Inzwischen hat sich der «Enkeltrick» ins Internet verzogen. Bedeutend weniger aufwändig für die "Enkel". Sie betteln nicht um grössere Summen, sondern versuchen Code- und Passwörter zu erhaschen. Das sieht dann etwa so aus: «Sehr geehrter Kunde, Die Post inormert Sie über ihre Zustellung: CHF/9049537876 wartet noch auf Ihre Answeivsungen.» Nach dem Datum und der Angabe einer geschuldeten kleinen Gebühr von 2.99, die ultimative Aufforderung (auf leuchtend gelbem Hintergrund) zum Anklicken: «Schicken sie mein Paket». Ist die Post wirklich so schlecht in Orthografie oder ist es nur ein missbrauchter Computer, der hier stottert? Leicht raffinierter dann die Swisscom (mit Signet und allem Drum-und-dran): «…am heutigen Tage wrden wir Sie gerne darber informieren, dass Ihre letzte Rechnung fr den Monat November doppelt bezahlt wurde. Um eine Rckerstattung zu beantragen, fllen Sie bitte das verlinkte Formular aus.» Diese «Swisscom» beherrscht offensichtlich die deutschen Umlaute nicht. Dafür hat sie es eilig: "Hinweis: Rückerstattungen  können nur bis zum ... (zwei Tage nach dieser Aufforderung) beantragt werden". Der Dank aber ist mir gewiss: "Vielen Dank für Ihre Mitarbeit in dieser Angelegenheit". (Die fehlerhafte Schreibweise hat inzwischen meine "Fehlerprogramm" korrigiert),

Ein weiterer "Enkel" droht sogar, meine Bestellung zu vernichten, wenn ich die geschuldeten Versandkosten bis … (einen Tag später) nicht bezahle. Es wimmelt nur so  von falschen «Enkeln» im Internet, die sich als hilfreiche Engel ausgeben, in Wirklichkeit aber widerliche - weil betrügerischen - Teufel sind.                                                 (220)

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28. Dezember 2021

 

In eigener Sache:


Ausgewählt

von Peter Züllig

 

«Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden ausgewählt», so steht es seit Tagen, als Botschaft in einer meiner Mails. «Ausgewählt», etwas Besonderes zu sein, eine Ehre, die nicht jedem zufällt. Eine Auswahl ist ein bewusster Entscheid. Es wird etwas anderem vorgezogen. Aufgrund bestimmter Auswahlkriterien. Bei Menschen ist dies meist Können, Wissen, Schönheit, Klugheit… Warum bin gerade ich es, der das Privileg hat, ausgewählt zu sein. Der Absender macht mich stutzig. «Kundendienst» Welcher Kundendienst hat mich auserkoren? Dahinter verbirgt sich eine Adresse. Tatsächlich, mit dem Plus hinter dem "Kundendienst" verrät sich der Absender: «johogo8641
@hagendes.com». Doch damit kann ich nichts anfangen, den «johogo8641» kenne ich nicht. Aber er vielleicht mich? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Mail zu öffnen, um zu wissen, wer mich da beglückwünscht und vor allem wofür. Der zweite Teil der Betreffzeile lässt mir keine Zeit. «Sie haben 24 Stunden Zeit, um Ihre Teilnahme zu bestätigen». Teilnahme? Wo, wann und wie soll ich teilnehmen? In der geöffneten Mail lese ich: «An einer 30-Sekunden-Marketingumfrage über Ihre Lidl-Erfahrung.» Lidl-Erfahrung? Die habe ich nur in der aggressiven Dauerwerbung, die mich nahezu bei jedem TV-Konsum anspringt. «Lidl lohnt sich!» Eine Behauptung – ohne Beweis – die mich schon bisher zum Zusatz «…nicht!» angeregt hat. Da will sich jemand anbiedern, bei mir einschmeicheln. Dazu passt auch dieses «Glückwunschmail», das mir sogar ein «exklusive Belohnung» verspricht. Woher haben die meine private Mail-Adresse? Irgendwo gekauft, denn ich war noch nie in einem Lidl-Tempel und habe meine Koordinaten niemandem von Lidl gegeben. Und werde es auch nach dieser billigen Anbiederung nicht tun. Dafür ergänze ich weiterhin den ultimativen Werbespruch, jetzt aber noch lauter, viel lauter.»    (219)

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21. Dezember 2021

 

In eigener Sache:


Die Logik des Konsums

von Peter Züllig

 

Vieles in unserer von Geld und Konsum geprägten Gesellschaft widerspricht scheinbar jeglicher Logik. Scheinbar? Nicht alles was im Gewand der Logik daher kommt, gehorcht auch den Gesetzen der Logik. Ein Beispiel: Mein elektronischer Autoschlüssel funktioniert nicht mehr. Ich suche meinen Autohändler auf: «Teure Sache, die Reparatur kostet etwa 180 Franken. Ist halt Elektronik und die ist aufwändig und teuer.» Ich rechne kurz: kostet fast ein Hundertstel des Autos. Doch, was sein muss, muss sein. Ich lasse den Schlüssel reparieren. Anderntags ruft die Garage an: «Ich habe einen neuen Schlüssel bestellt. Die Reparatur würde 240 Franken kosten, ein neuer Schlüssel hingegen nur 150 Franken.» Auf Umwegen – über Stolpersteine – kehrt eine gewisse Logik zurück. An einer Reparatur ist ein Mensch (mit Aufwand und Können) beteiligt. Ein neuer Schlüssel hingegen wird in Serie – von einer Maschine – hergestellt. Wahrscheinlich in China oder sonst wo im Fernen Osten. Die Produktion, das Material, die Reise in die Schweiz, die Automatik einer Maschine ist billiger als die Arbeit eines ausgebildeten Menschen, der den kleinen Fehler, am kleinen Gegenstand, zu reparieren hat. Da lohnt sich, das Alte gleich zu entsorgen (zahlt zudem weitgehend die Öffentlichkeit). Aus dem Billiglohnland wird schwups ein neuer Schlüssel geordert. Ist gut erklärbar – scheinbar sogar logisch – zumindest im Kontext von Geld und Konsum. Ist es aber auch sinnvoll? Werden da nicht an einem winzigen Ding Ressourcen «verschleudert», die sich in unseren Umgang mit Material, mit Wissen, mit Können und mit Konsum eingeschlichen haben. Irgendwann geht dann die Logik (schon rein rechnerisch) nicht mehr auf. Irgendwann muss auch diese Rechnung bezahlt werden. Da reichen ein paar «Fränkli» nicht mehr. Die Summe macht daraus grosse globalen Welt- und Existenzproblemen, die schon jetzt fast unlösbar erscheinen. (218)

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09. Dezember 2021

 

In eigener Sache:

 
Gespaltene Gesellschaft

von Peter Züllig

 

In Marthens Garten fragt Margarete, auch Gretchen genannt, den Gelehrten Dr. Heinrich Faust: «Versprich mir, Heinrich!» Faust: «Was ich kann!» Margarete: «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.» Faust: «Lass das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut; für meine Lieben liess‘ ich Leib und Blut, will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.» Margarete: «Das ist nicht recht, man muss dran glauben.» Faust: «Muss man?» Eine Szene, die 1788 im Kopf eines gewissen Johann Wolfgang von Goethe diese Form gefunden hat und sich seither auf der Bühne, in Büchern, in der Schule, in den Medien, aber auch im Alltag… tausend-, ja millionenfach wiederholt. Ein kleiner aber happiger Brocken, gut verankert - nicht nur im Bildungsbürgertum. Es ist die Gretchenfrage. Sie konnte sich durch alle Schichten schlängeln, durch alle Bereichen, zu allen Zeiten, und kann zu einem Störenfried werden, in besonders feierlichen Momenten. Zum Beispiel bei der Vereidigung derer, die ein öffentliches Amt antreten. Sie legen in einer öffentlichen Zeremonie das Versprechen ab, alles zum Wohl einer Gemeinschaft zu tun und deren Verfassung (zentrales Rechtsdokument) zu achten. Dieser Eid ist bis in die Wortwahl mit bestimmen Ritualen verknüpft, welche die Aussage bekräftigen sollen. Dazu gehört die alte Eidesformel «…so wahr mir Gott helfe». Schon taucht sie wieder auf, die Gretchenfrage. Nicht so direkt, naiv wie sie Gretchen gestellt hat. Aber nicht minder schwerverdaulich: bloss Floskel oder Inhalt eines Eids?  Bei der eben vollzogenen Vereidigung der deutschen Regierung, kaum vorüber, zog der Reporter Bilanz: neun Ministerinnen und Minister haben sich (formell) auf Gott berufen, sieben liessen den Satz weg, den schon der so gelehrte Faust nicht beantworten wollte. Gespaltene Gesellschaft?  (217)

28. November 2021

 

In eigener Sache:

 
Natürlich

von Peter Züllig

 

 

Eine Episode, die ich nicht selbst erlebt habe, die mir erzählt wurde: authentisch, glaubwürdig und fast logisch. Ein erfahrener Winzer, bekannt und anerkannt in der ganzen Region, hat im Rebberg den Winzer einer Nachbarparzelle getroffen.  Seine Reben hat er längst abgeerntet, im Gegensatz zu den Parzellen, wo die Lese gerade begonnen hat. Eine Frage drängt sich sofort auf: sind denn die Trauben des Nachbarn so viel früher reif? Der Nachbarwinzer ist überzeugt, er mache halt alles viel richtig, besser: dünge den Boden reichlich, setze verschiedene Pflanzenschutzmittel ein und spritze früh und immer wieder, zehn bis fünfzehn Mal im Jahr, jedenfalls bevor die ersten Schädlinge auftreten. Das sei aufwändig und koste einiges. Deshalb seien die Trauben schon früh reif und auch gesund. Notfalls helfe er eben im Keller mit Schwefel nach. Damit ist das Gespräch und die Angelegenheit erledigt.  Zwei Winzer, zwei Meinungen, zwei Philosophien. Nach ein paar weiteren freundlichen Worten über die Arbeit, das Wetter, den Ertrag und – wie könnte es anders sein – über Covid, die Pandemie und all die Einschränkungen, das Zertifikat, das Impfen. Da bricht es – wie ein Wasserfall – aus dem Nachbarwinzer heraus. Ungefiltert! Impfen? «Ich lasse mir doch nicht Gift in meinen Körper spritzen!  Man weiss ohnehin nicht, was da alles drin ist! Und welche Folgen es haben kann! Eine verdammte «Zwängerei» sei das. Er setze auf das Natürliche in der Natur und auf seine Freiheit. Da endete das Gespräch. Die beiden Winzer wünschten sich einen schönen Abend. (216)   (216)

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15. November 2021

 

In eigener Sache:

 
Geile Dorfbeiz

von Peter Züllig

 

Ein kleiner Saal in der «Dorfbeiz», etwas abseits vom Stammtisch, in der Regel von Gästen besucht, die in Ruhe essen möchten. Während in der traditionellen Wirtsstube meist überlaut geredet und diskutiert wird, herrscht im Säli gedämpfte Ruhe. Schliesslich wird da gegessen. Diesmal nicht (oder nicht mehr). Drei Männer mit ihren Frauen (oder umgekehrt) unterhalten sich über ihre Alltagserfahrungen. Sie reden über das, was so im Alltag geschieht und was ihre Meinung dazu ist. Die männlichen Stimmen dominieren und schrauben den Lärmpegel höher und höher. Als ich nicht mehr «weghören» kann, schnappe ich Wortfetzen, dann Meinungen, immer mehr Behauptungen und schliesslich Geschichten auf. Zuerst geht es um die Grünen und das «Saupack», diese Linken. Dann wird mit überlauter Überzeugung das fehlende Verständnis bekundet. Eine der Frauen wagt schliesslich ein neues Thema einzubringen: die Richter, die parteiisch sind. Die Männer haben da rasch Tritt gefunden und klären auf: es geht darum, dass bessere Richter ans Bundesgericht kommen, nur die besten… Widerspruch, es geht um die Parteien, das Los, die Qualifikation und überhaupt… Etwas Gutes kommt da nie raus, die sind ja alle korrupt, ha, ha, ha... Das Thema ist rasch erschöpft, so genau weiss man es nicht, will es gar nicht wissen… Endlich ist man aber dort, wo man (Mann) eigentlich hin will. Bei den geilen, geilen Brasilianerinnen. Jeder der drei Männer hat eine Geschichte dazu. Die von X, der jeden Monat mit «einer Neuen» aufkreuzt, die von Y, der eine Villa in Brasilien besitzt, die von Z, der mit seinem Lamborghini die geilsten Frauen spazieren führt… Schnell  ist Mann dann bei den Ausländern, die sich nicht integrieren wollen… bei den jungen Frauen, die sich vollschmieren und so kleiden, dass man beim blossen Hingucken schon ein «geiler Bock» oder gar ein Vergewaltiger ist… Fortan ist der häufigste  Begriff: «geil». Und die drei Frauen? Sie schweigen, haben nicht den Mut, ihre geilen Männer in Senkel zu stellen. Oder; sie haben ganz einfach diese Szenerie schon zu oft erlebt.  (215)  

02. November 2021

 

In eigener Sache:

 
Glauben

von Peter Züllig

 

So viel Glauben habe ich in kurzer Zeit kaum je erlebt. Dabei spreche ich nicht von  d e m  Glauben, vielmehr von  d e n  Glauben. Es sind ihrer viele geworden, sehr viele. Was heisst schon glauben? Laut Definition: «Ein Fürwahrhalten aufgrund der Autorität anderer.» Es ist nicht Wissen, das den Glauben zu Hilfe ruft, auch nicht eine eigene Erfahrung. Es ist vielmehr das Nichtwissen und fehlende Erfahrung. Dies zeigt sich besonders deutlich in ungewohnt schlechten Zeiten, so auch in der Zeit einer Pandemie. Es fehlt Wissen und Erfahrung. Da springen schnell «Autoritäten» jeder Gattung in die Lücken. Sie behaupten zu wissen und versuchen mit «Fakten» zu belegen, was sie behaupten. «Fakes» werden aber so rasch zu «Fakten», das Halbwissen oder Nichtwissen zu Wahrheiten. Bei Unsicherheit und Angst scharen sich schnell Gläubige um «Autoritäten». Gläubige, die dann lautstark – mit Fahnen, Kuhglocken und Transparenten – ihren neuerworbenen Glauben verkünden und überzeugt sind: nur sie hätten den «wahren Glauben» gefunden, den es nun zu verteidigen gilt. Sie werden rasch zu Kämpfern für… wofür eigentlich? Natürlich, für ihre eigene Freiheit, das zu glauben, was sie verkünden. Glaubensfreiheit wird das genannt. Tatsächlich, zwei wichtige soziale Begriffe, die miteinander verbunden sind und sich durchaus miteinander vertragen. Sofern man sie für das einsetzt, für das sie stehen. «Glauben», kein Wissen, sondern ein «Fürwahrhalten» aufgrund von «Autoritäten». Und «Freiheit», die es nur gibt, wenn auch die Freiheit der Andern (der Nächsten) gewahrt und geschützt wird. Nur so führt Glaubensfreiheit nicht zum verheerenden Glaubenskrieg.      (214)  

20. Oktober 2021

 

In eigener Sache:

 
Unser Dorf

von Peter Züllig

 

Das erste Buch, in das ich als ABC-Schütze meine Nase steckte – daran erinnere ich mich noch gut – hiess «Unser Dorf». Darin waren Bilder und die dazu gehörende Buchstaben aufgereiht: Strasse, Kirche, Bach, Bäcker, Post… Kurzum, mit diesem Werk lernte ich lesen und mit dem Lesen unser Dorf kennen. Vor allem lernte ich, was zum Dorf alles gehört. Strasse, Kirche… Post. Dinge, die man heute noch (möglichst in der Nähe) zum Leben braucht, um wirklich daheim zu sein. Natürlich ist inzwischen vieles anders geworden, moderner, sagt man. Die «Nähe» ist nicht mehr ein Umkreis von ein paar hundert Metern, das Unerreichbare nicht mehr Amerika. Da denkt man schon eher an Kilometer, an das Weltall, an den Mond. Auch die Technik ist anders und ein paar Grundbedürfnisse haben sich gewandelt, der Zeit angepasst. Das Telefon braucht kein Kabel mehr, sondern ist allgegenwärtig. Kinder gehen nicht mehr stundenlang zu Fuss zur Schule, sie werden gebracht, mit dem Auto. Der Metzger, der Bäcker, der Doktor… sie haben ihre Geschäfte, ihre Praxen geschlossen. Zu wenig rentabel, zu aufwändig, für die Kunden zu teuer, zu wenig Auswahl… Und so ist das Dorf nicht mehr ein Dorf, sondern ein stramm verwalteter Wohnort geworden , wo man schläft, zur Toilette geht und bestenfalls die Blumen auf dem Balkon oder im Kleingarten pflegt, den Vorplatz sauber hält und den Schmutz möglichst dem «öffentlichen Bereich»" zuschiebt. Jetzt geht auch die Post, nachdem die «Briefträger» (oder sagt man jetzt «Brieftragende»?) durch stets wechselnde, anonyme Verteilernetze vertauscht hat. Die Post, als Dienstleister, als sozialer Anker im Dorf, wird durch elektronisch gesteuerte Wäge-, Frankier- und Versandsysteme ersetzt. Selbstbedienung spart kosten. Da haben ein paar Planer und Gestalter nie ihre Nase in das Gewährbuch «Unser Dorf» gesteckt und kurzerhand den Begriff «Dienstleistung» durch wirtschaftliche Leistungsnormen und Zwänge ersetzt. Es lebe der Gewinn!    (213)  

04. Oktober 2021

 

In eigener Sache:

 
Das hör ich gar nicht gern

von Peter Züllig

 

 Das grösste Problem der Menschheit – so macht es den Eindruck – ist das «schlechte Hören». Die Hörgerät-Mobilisation ist gewaltig und gefühlt allgegenwärtig. Kaum ist das Internet offen, beginnt der Werbetanz: «Hörgeräte zum Jungfühlen, die kleinsten, die fast unsichtbaren, die eleganten, die mit dem Wow-Element…"  Ein Sturm braust nicht nur durch die Ohren, auch durch die Augen, die Sinne, den Kopf, den Verstand. Ohne das «kleinste Kind im Ohr» geht es nicht und das erst noch «zum Nulltarif». Was heisst da Nulltarif? «Zudem wissen viele Menschen gar nicht, dass sie beim Hörgeräte-Kauf jede Menge Geld sparen können» (Zitat aus der Hörgerätewerbung). Das «Sparkässeli» hat also ausgedient, jetzt wird mit Hörgeräten gespart. Und wer es immer noch nicht begriffen hat, dem wird ein alternder, blondlockiger Fernsehstar via Bildschirm ins Haus geschickt. Er bringt spot(t)end auf den Punkt: «Das hör ich gern!» Zuerst dachte ich, irregeleitete Algorithmen hätten mich ins Visier genommen, algorithmen-automatisierte Werbung hätte aus (irgendwann und irgendwo) gespeicherten Daten mein Hörmanko errechnet und besorgt festgestellt, dass ich nicht mehr gut (zu)hören kann (oder will). Die Erlösung vom eingebildeten Verfolgungswahl kam, als ich auf einem Fremdcomputer (mit dem ich überhaupt nicht auf «Du» bin) lese: «Folgendes könnte dich interessieren». Und dann das Interessante: eingeklemmt zwischen zwei Bildern mit den Schlagzeilen ("die mich interessieren müssten"): (links) «Jetzt soll es älteren Wölfen ans Fell gehen», (rechts) «Österreich kündigt Entlastungen durch ökosoziale Steuerreform an» und in der Mitte die erlösende Botschaft: «Das Hörgerät, über das 2021 jeder sprechen wird». Ich werde sicher nicht darüber reden, denn da habe ich das Hörgerät aus dem Ohr genommen und den Bildschirm ausgemacht: Ich will "es" nicht mehr hören (und nicht mehr sehen), das Kleinste, das fast Unsichtbare, das Elegante, das mit dem Wow-Effekt.     (212) 

26. September 2021

 

In eigener Sache:

 
Eigenverantwortung