In eigener Sache... (Kolumne). Dritter Teil ab Dezember 2020

15. Mai 2022

 

In eigener Sache:

 

Wir sagen nein!

von Peter Züllig

 

Sie müssen es falsch verstanden haben. Das postulierte «Nein heisst Nein» steht zur Diskussion für ein revidiertes Sexualstrafrecht und nicht für ein Parteiprogramm. Auch nicht für das, was die Politik, das Parlament, in aufwändiger Arbeit als Kompromiss (Kleinster Gemeinsamer Nenner) erarbeitet und «dem Volk» zur Beurteilung - an der Urne – vorlegt. Die Parlamente – zum grössten Teil auch die Behörden – sind so zusammengesetzt, dass (nach Proporz) möglichst viele Meinungen, Ansichten, Denkweisen in die Vorlagen einfliessen. Erst am Schluss wird an der Urne abgestimmt. Erst dann entscheidet – das meist knappe (denn die Vorlagen sind ja bereits Kompromisse) - «Ja» oder «Nein» über Annahme oder Ablehnung. Die Parolen der Parteien spiegeln diese, mal ist es ein «Ja», mal ein «Nein». Nur die SVP hält stur an ihren notorischen «Nein» fest. Am gestrigen Abstimmungssonntag waren es - bei den drei eidgenössischen Vorlagen - zwei «Nein», bei den vier kantonalen Vorlagen (Kanton Zürich) alle vier. Die SVP – im Proporz-Denken Mehrheitspartei – Ist zur Neinsagerpartei verkommen. Ein geistiges «Nein» beherrscht diese Partei: Abwehr, Angst, Schutz, Gefahr, nein, nein, nein… Dies ist die Sprache der Opposition, des Ausscherens aus der gemeinsamen Arbeit, an der man als grösste Partei (mit zwei Bundesräten) mitverantwortlich ist. Denkfehler oder bewusste Zerstörungspolitik?                   (232)
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06. Mai 2022

 

In eigener Sache:

 

Liebe Post,

von Peter Züllig

 

 So hätte ich diesen Brief begonnen, wäre da in letzten Jahren nicht so vieles schiefgelaufen, das nicht einmal mehr die förmliche Anrede «Sehr geehrte Post» erlaubt. Es ist nicht nur Enttäuschung, es ist unglaubliche Wut, auf etwas, was mich ein Leben lang begleitet und meine höchste Achtung, Anerkennung, ja Vertrautheit und Liebe erworben hat. Nicht zuletzt, weil der letzte Posthalter unseres grösser werdenden Dorfes immer eine Lösung gefunden hat, auch wenn meine berufsbedingten Anliegen ab und zu ausser der Norm lagen. Nicht zuletzt, weil an unserem Ferienort der «Pöstler» 20 Kilometer zurücklegte, um auch uns (oft mit kleineren Paketen) täglich zu erreichen. Nicht zuletzt, weil der vertraute Postbote (der jeden Briefkasten im Traum finden würde) mit fröhlichen Pfeifen und netten Worten den Tagesablauf markierte. Nicht zuletzt, weil freundliche Menschen am Schalter für mich da waren.
Alles vorbei. Jeden Tag sucht ein anderer «Pöstler» unglaublich lange nach dem «richtigen Briefkasten», nach der richtigen Adresse. Das Pfeifen ist vergangen. Es pfeift ein anderer Wind. Rationalisierung, Rationalisierung, Rationalisierung… Computer erledigen herzlos, unkorrekt, die nicht immer ganz einfache Beziehung zur Post. Und vor dem Schalter warten fünf, ja zehn Postkunden – in einer Schlange – auf Bedienung und Beratung, denn nur ein einziger Schalter ist noch offen. Öffnungszeiten so eingeschränkt, wie in keinem anderen Geschäft im Dorf. Und dies soll, in ein paar Monaten auch vorbei sein. Die Post wird in die Ecke gestellt, im Dorfladen, zur blossen Manipulation verdammt. Wehe der Kunde drückt die falschen Knöpfe oder hat Mühe mit dem technischen Ablauf. Dann muss das Ladenpersonal – für ganz anderes ausgebildet – Erste Hilfe leisten.
Ja, einst geliebte Post, ich finde (ausser unziemlichen Schmähungen), leider keine passende Anrede mehr.                                                                          (231)                       

25. April 2022

 

In eigener Sache:

 

P-Versteher

von Peter Züllig

 

Verstehen (begreifen, erfassen, deuten etc.) hat mit dem Verstand, dem Intellekt, der Analyse, leider auch – bewusst oder unbewusst - mit der Neigung, der Erziehung, dem Weltbild zu tun. Man kann verstehen, debattieren, infrage stellen, nach Antworten suchen… Da reihe ich mich gerne ein, in die Gilde der Versteher und Versteherinnen (aller Art), selbst in die Reihe der P-Versteher. Doch jedes «Verstehen» hat dort seine Grenzen, wo es um Gewalt, Leid, Tod, Zerstörung, Krieg geht. Das hat mit Verstehen (eine Tätigkeit des Geistes!) nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun. Vielmehr mit Machtausübung, mit Zwang, der Durchsetzung (des scheinbar Verstandenen) mit vernichtenden Mitteln, mit Gewalt, Bedrohung, Zerstörung und Tod. Mit der Vernichtung des Kostbarsten, das der Mensch hat, des Lebens. Das Verstehen wird von denen, die Verstanden-sein-wollen, delegiert an «Handwerker». Kriegshandwerker, welche ausüben, wofür sie bezahlt oder gezwungen werden. Die Versteher halten sich da draussen. In sicherem Abstand «verstehen» sie im Geist, mit Worten und, wenn sie Macht haben, mit Befehlen. Befehle zum Zerstören, zum Töten, zum Vernichten. Verstehen ist ein Akt des Abwägens, des Ausgleichens, des Erfassens, des Verhandelns… nie aber der Ausübung von Gewalt, der Durchsetzung von eigenen Interessen. Da kippt jedes Verstehen meist erst in beschönigende Lügen – mit «Narrativ»                                      umschrieben – bald aber in Durchsetzung von Macht (und auch Ohnmacht). Macht gegenüber über dem Leben – auch dem Hab und Gut – anderer. Aber auch in die Ohnmacht, diesen «Anderen» (jenen mit weniger Macht) zu helfen, sie zu beschützen. Scheinbar einzige Lösung: Krieg, ein «mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt», der brutal - mit allen Konsequenzen (Flucht, Leid, Tod, Zerstörung) – durchgezogen wird. In der Sprache der Versteher: eine «militärische Sonderoperation». In den Worten der Macht: Ausrottung. In der Realität: Unterjochung.                                   (230)                      

14. April 2022

 

In eigener Sache:

 

Macht der Erinnerung

von Peter Züllig

 

Seit den frühen 70ern gibt es für mich kein Ostern ohne Osterhas und ohne Emils Ogtern. Es ist die Macht der Erinnerung, der Gewohnheit, der Vertrautheit und der fast schon «unendlichen» Wiederholung. Der Osterhas hat immer Eier gelegt, auch als ich schon längst wusste, dass kein Hase der Welt Eier legen kann, schon gar nicht in unseren Garten, auch nicht an Ostern. Wenn schon, dann an Pfingsten, wo eher etwas Magisches mit im Spiel ist. Gottes Geist oder eben Magie, für all jene, die eher auf Mutter Erde, als in himmlischen Fantasien zugange sind. Doch, da gibt es – seit gut fünfzig Jahren - auch noch Ogtern, dass es eigentlich nicht gibt, im Moment aber so gesucht ist. Jetzt, nur jetzt, kann es die Erlösung bringen. Ogtern ist ein Fantasiegebilde, das es weder real, noch sprachlich gibt und auch kein unerforschtes Fabelwesen ist. Ein Kunstprodukt, entstanden aus der Beschränktheit von Wissen, mehr aber noch aus dem Zwang, unbedingt etwas liefern zu müssen, was man im Augenblick nicht liefern kann, eingeschnürt vom Zwang einer bestimmten Buchstabenfolge und dem, was man zuvor schon erdacht hat und gefunden hat. Es ist der Moment allergrösster Hilflosigkeit, die man weder zuvor, noch darnach begreifen kann. Unsicherheit, Versagen, Verbohrtheit… kurzum, Menschlichkeit. Darum wünsche ich mir und allen immer wieder schöne
Ogtern. (230)

03. April 2022

 

In eigener Sache:

 

Vorbei!

von Peter Züllig

 

Die Pandemie wurde als beendet erklärt.  Zuerst – vor Monaten - vom Volkstribun Blocher, jetzt - etwas zögerlicher – auch von der Politik. Die «Selbstverantwortung» muss fortan die Führung übernehmen bei der Bewältigung der noch immer hohen Ansteckungszahlen. Das mag gut gehen, wenn mit der «Eigenverantwortung» auch Ehrlichkeit verknüpft ist, die «Pflicht» für das eigene Handeln und Unterlassen sowohl Verantwortung als auch Konsequenzen zu übernehmen. Das ist der Moment, wo Leugnen und Lügen Hochkonjunktur haben. Zwei moralische (auch rechtliche) Begriffe, die verpönt, ja geächtet sind. Also werden sie, wo immer möglich, in Märchen verpackt. Märchen aber lassen sich nicht widerlegen. Märchen haben immer eine ähnliche Grundstruktur: Da gibt es die Bösen, da sind auch ihre Opfer und immer ist eine rettende Figur da, die wahre Wunder verbringen kann. Weil wir dieses Erzählmuster seit unserer Kindheit kennen, ist es vertraut, wirkt glaubwürdig und endet im Glück oder der Katastrophe, immer auch mit einem belehrenden Appell. Märchen folgen der vorgegebenen Strukturen, nicht irgendwelchen Fakten. Denn Fakten gibt es in der Fantasie der Märchen nicht, diese gehören in eine andere, in die reale Welt. Beliebte Märchen der Erwachsenen sind die vielen Varianten von Verschwörungstheorien. Sie lassen sich – wie Märchen – nicht widerlegen. Doch mit ihnen kann «Eigenverantwortung» (und die damit verknüpfte Ehrlichkeit) in eine andere Welt geschoben werden. Weg aus der Realität.   (229)

24. März 2022

 

In eigener Sache:

 

Widerlich

von Peter Züllig

 

Fliehende Menschen, durch den Krieg vertrieben – anderthalb Millionen sollen es sein. Menschen, die leiden; Kinder, die leiden; Mütter und Väter, die kämpfen; Soldaten, die sterben; als Angreifer, als Verteidiger. Die Zahl kennt man nicht. Doch es sind viele, die tot sein werden und später auf Gedenk- und Heldentafeln stehen.  Krieg. Trotz der Nähe weit weg, rund 1'700 Kilometer, Luftlinie. Doch die Fliehenden sind da, auch in der Schweiz. 12'000 sollen es bisher sein. Und es kommen noch mehr, jeden Tag, denn es ist Krieg. Darauf muss jeder Einzelne eine Antwort finden. Allein in der Schweiz. 8,7 Millionen Antworten, divergierende, von Hoffnung und Angst geprägten, auch von Ungewissheit und Zweifel, von Wut und Gleichgültigkeit… Und was machen Politik, Parteien, die Meinungsträger, die Gewählten, die Regierenden…? Nicht nichts. Sie beraten, diskutieren, unterstützen mit Geld, mit Krediten, mit markigen Worten, mit Resolutionen, mit Hilfspakten und Menschen, die man zum Helfen ermutigt und delegiert. Das ist nicht nichts. Ist es aber genug, oder gar das Falsche? Das sind die dringendsten Fragen, die sich jetzt stellen. Stattdessen werden Forderungen laut: Aufrüstung, mehr Geld fürs Militär, endlich moderne, schellen Flieger. Im ganz unschweizerisch raschen Tempo werden Postulate durch die Kommissionen gepeitscht, die vor Wochen noch kaum eine Chance hatten. Die FP, die SVP und die Mitte (die sich bis vor kurzem als christlich bezeichnete) nutzen die Angst der Bürger, nutzen den schrecklichen Krieg für ihre Politik. Nutzen die Gunst der Stunde, instrumentalisieren die Gräuel eines Krieges, um sie für ihre Parteipolitik einzusetzen; vergreifen sich verbal in Ton und Inhalt. Öffentlich und in Parlamenten. Der blutige Krieg ist zum unblutigen Krieg der Parteien und ihrer Politiker geworden. Schliesslich ist in der Schweiz nicht Krieg, sondern bald Wahlkampfzeit. Dieses Verhalten ist – ich finde kein anderes Wort – einfach nur widerlich.      (228)

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15. März 2022

 

In eigener Sache:

 

Information zum Ersten...

von Peter Züllig

 

und zum Zweiten? Information ist zum heiss umstrittenen Gut geworden. In Friedenszeiten, noch mehr im Krieg. Sorge getragen wird ihr kaum. Im Gegenteil. Sie wird ausgebeutet, nach Strich und Faden, angepriesen, als wäre sie Ware des eine «billigen Jakobs» auf dem Jahrmarkt. Sie wird gebogen, gedreht, geschüttelt, als wäre sie ein Spielball. Ungeschützt. Da sie wertvoll ist, wird sie vermarktet, verkauft, dem Meistbietenden angeboten. Und verliert dadurch ihren Wert, nicht ihren Preis. Die Möglichkeit Information zu verbreiten, ist riesig geworden und unglaublich schnell, flüchtig, immer schwerer zu messen. Der Massstab kann nur die Wahrheit sein, ihre Substanz die Wirklichkeit. Information macht Leben lebbar, ermöglicht Gefahren zu bestehen. Weil sich Information und Werbung gleichen, anerkennt der Journalismus die strikte Trennung. Doch die trennende Mauer ist zerbröckelt, niedergerissen. Zu verlockend der Erlös: Geld, Macht, Sieg, Gewinn. Jetzt oft zitiert: «Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit». Nicht nur im Krieg. Wo immer es darum geht, Macht zu erlangen, verliert Wahrheit sein Standbein. Die Lüge übernimmt. Für ihre Macht wurde ein Begriff kreiert, der nicht so brutal verwerflich ist und weniger moralisch klingt: „Fake News“, zu deutsch: bewusst manipulierten Lügen».  (227)

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26. Februar 2022

 

In eigener Sache:

 

"Chlüttere"

von Peter Züllig

 

Heute schreibe ich keinen Text, ich «chlüttere» ihn zusammen, zu einer (hoffentlich) verständlichen Kolumne. «Chlüttere», ein Verb, das nicht nur eine Tätigkeit bezeichnet, sondern ihr auch einen Charakter gibt. Chlüttere, etwa  «kleine Arbeit machen, flicken, in Ordnung bringen, hantieren, pfuschen…». Dies jedenfalls erklärt das «Schweizerische Idiotikon», das Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, das schon jetzt sechzehn Bände umfasst, am siebzehnten wird gearbeitet (Buchstabe «Z»). Allein schon der Name «Idiot-ikon» ist Hinweis auf sprachliche Entwicklung. Der «Idiot», im heutigen Sprachverständnis ein Schimpfwort, bezeichnet einen dummen Menschen. Doch das «Idiotikon» ist alles andere als dumm, denn der Begriff kommt nicht vom «Idioten», sondern vom griechischen Wort «idios», was so viel bedeutet wie «abgesondert, eigen, privat». Das sind auch Eigenschaften der Mundart, die nicht einem Regelwerk verpflichtet ist, sondern sich langsam entwickelt hat aus dem Umgang mit Sprache bei der täglichen Kommunikation. Und dies zum Teil über Jahrhunderte. Doch zurück zum «Chlüttere». «Bis jetzt hani bemeid nöd klütteret», scho meh brav «verzellt», fascht «gschmörzelt» mit dem was ich eigentlich sagen wollte, nämlich: Sprache ist nicht neutral, vor allem nicht die Mundart.  Sie ist viel eigener als jede normierte Sprache, viel privater. Und da gibt es mehr Raum für Betonungen, für Wertungen, für Differenzierungen, für Privates, ohne dass man dies sagen muss, einfach indem man es so sagt, «wie der Schnabel gwachse isch». Auch wenn die Begriffe häufig überholt, und aus dem Duden gestrichen sind.    (226)

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27. Februar 2022

 

In eigener Sache:

 

Angst

von Peter Züllig

 

Angst vor Krieg, Angst vor der Bombe, Angst vor Corona, Angst vor der Klimakatastrophe, Angst vor dem Fremden, Angst vor… Angst ist ein Gefühl, das uns hemmt, aber auch schützt; das immer wieder auftaucht und nicht zu vermeiden ist. Es ist nicht schlimm, nicht gefährlich, nicht entwürdigend, Angst zu haben. Schlimm, gefährlich und entwürdigend ist nur, wenn Angst bewusst und gezielt bewirtschaftet wird. Kaum taucht eine Gefahr, ein Angstvehikel auf – wenn auch erst am Horizont  – sind auch die Angstbewirtschafter da! Sie nutzen das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, um ihre eigenen Interessen aufzugleisen. Nicht um den Menschen zu helfen, vielmehr um Lösungen anzubieten, mit denen Angst an einen vermeintlichen «Erlöser» delegiert werden kann. Ein vorsätzliche, ein perfides Spiel. Die SVP hat sich als Bewirtschafterin der Angst hochgedient. Zeugnis dafür sind die immer wieder aufgelegten Angstplakate. Aber auch die Angst vor Corona wurde gründlich bewirtschaftet, von Kreisen, die den Staat und ihre Instruktionen zerstören möchten. Die Pandemie ist zwar noch nicht vorbei, doch sie lässt sich immer schlechter bewirtschaften. Da taucht neue Ängste auf und findet sofort ihre Bewirtschafter. Zum Beispiel die Energieknappheit: «Droht im Winter die ’Dunkelflaute ’?» Die Lösung ist schon da: neue AKWs auf der politischen Agenda. Eine neue Angst ist schon da: Krieg. Da kennt plötzlich niemand eine Lösung. Nur der Angsttreiber bewirtschaftet sie. Er treibt damit Menschen in Elend, Not und Tod. Berechnende Angst zeigt da ihr wahres, fratzenhaftes Gesicht.    (225)

14. Februar 2022

 

In eigener Sache:

 

Das häufigste Wort

von Peter Züllig

 

Eine interessante Frage: Welches Wort ist bei den Übertragungen der Olympischen Spiele am häufigsten gefallen? «Sieg», «Niederlage», «Freude», «Tränen», «Überraschung», «Enttäuschung»? Weit gefehlt! Es ist ein Wort, das bei jeder Kommunikation, in jedem Gespräch, in jeder Unterhaltung wichtig, ja entscheidend ist. Es ist ein Wort, das nicht einen Inhalt, sondern eine Form, ein System umschreibt. Das System Leben. Da gibt es ein Früher, ein Jetzt (immer wieder einen Augenblick) und ein Nachher. Es gibt wenig planbare Momente im Leben, wo das «Jetzt» so entscheidend ist, wie der Augenblick des Siegs oder der Niederlage im sportlichen Wettbewerb. Es ist die hundertstel Sekunde, es sind die paar Millimeter oder Zentimeter, die das «Jetzt» prägen und zum Ereignis machen. Ein Ereignis, von dem man spricht, noch über lange Zeit: Monate, Jahre, Jahrzehnte. Warum? Weil sich im geplanten und geglückten «Jetzt», das «Vorher» und das «Nachher» zusammenfügt, Zu was? Zu einer Geschichte. Einer Geschichte, die verstanden, miterlebt, erhofft, auch erträumt werden kann. Es ist ein Abbild des Lebens, wie wir es in tausend Varianten immer wieder durchleben. Ein Abbild von dem Augenblick, wo Gefühle dominieren und das «Jetzt» beherrschen. Und zwar, weil es immer von einem «Vorher» und «Nachher» um rahmt wird. Kein Wunder, taucht in der Berichterstattung von sportlichen Anlässen das Wort «Geschichte» immer und immer wieder auf. «Welch eine Geschichte? Eine grossartige Geschichte, eine sensationelle Geschichte, eine einmalige Geschichte…» Da purzeln sie nur so durcheinander, die Geschichten. Es sind nicht Fakten, die jede Erzählung nachvollziehbar, menschlich, spannend und erlebbar machen. Es sind dies die «Geschichten».                                                                             (224)

05. Februar 2022

 

In eigener Sache:


«Soldes»

von Peter Züllig

 

«Solde» oder «Sale» tönt viel besser als «Saisonschluss-verkauf». Die beiden Fremdwörter sind chicer, als der leicht schmuddelige deutsche Begriff «Ausverkauf», der an den «billigen Jakob» erinnert. Um diese Jahreszeit buhlen sie alle mit den berühmten Prozenten «Billiger», mit denen die Kunden in die Läden gelockt werden. «Billiger!», kaum jemand stellt die Frage: «billiger als was?» Als Fantasiepreise, als überhöhte Marktpreise, als Preisempfehlungen, die längst nicht mehr eingehalten werden? Hauptsache: etwas ist billiger. Minus 30% war es früher, minus 50% heute üblich, bereits finden wir Angebote zu minus 70% billiger. Doch kein «kaufmännisch» rechnender Verkäufer gibt seine Ware unter dem Einstandspreis ab. Da stellt sich die Frage, was wird in nicht «Solde»-Zeiten im Warengeschäft verdient? Ich weiss, es gibt da recht komplizierte Mischrechnungen mit Lagerkosten, flauen Zeiten, Abschreibungen, Löhnen, Mieten, Werbung, Rabatten etc. Dies wird alles nebst dem Gewinn - anteilmässig - auf die Ware geschlagen. Für kurze Zeit kann der Verkäufer – teilweise oder ganz – darauf verzichten. Doch all das macht keine 50 und schon gar keine 70 Prozent aus. Es gibt nur drei plausible Antworten, wie «Soldes», «Sale» oder «Ausverkauf» zu finanzieren ist. Reduktion oder gar Verzicht auf den Gewinn. Dies macht – kaufmännisch gesehen – wenig oder keinen Sinn. Schon zielstrebiger ist da der Einkauf spezieller Ware, nur für den «Ausverkauf», mit deutlicher Qualitäts- oder Komforteinbusse. Dann ist das so verlockende «billiger» eine Irreführung der Kunden. Oder drittens: Der Lieferant wird unter Druck gesetzt, die Ware billiger abzugeben. Da niemand in einer Verkaufskette auf möglichst grossen Gewinn verzichten will, trägt das schwächste Glied den Verlust. Und dies sind die Lohnempfänger, fast ausschliesslich in den Billiglohnländern. Deshalb wuchert «Solde», «Sale», «Ausverkauf» besonders stark in der Kleider- und Modebranche. Wie wäre es sonst möglich, dass ein Hemd, eine Hose oder eine Jacke zum Preis von einem Pack Zigaretten zu kaufen ist?    (223)

24. Januar 2022

 

In eigener Sache:


«Covid ist vorbei!»

von Peter Züllig

 

Über Covid ist schon längst viel mehr als alles gesagt, geschrieben und behauptet worden. Kein Grund also, das Thema hier noch einmal aufzugreifen. Die Meinungen sind gemacht, die Positionen bezogen, gelitten, genesen, aber auch gestorben wird weiterhin. In Häusern, auch in Krankenhäusern, nicht auf der Strasse wo sich die Lauten bemerkbar machen. Zuletzt wieder in Bern, wo etwa 2000 Menschen einem kleinen Trupp von Rechtsextremen, Neonazis, «Jungen Tätern» – mehr oder weniger ahnungslos – folgten, überzeugt für eine «gute Sache» - mehr Freiheit - zu marschieren. Aber schön brav maskierten Schreihälsen nach trotteten. Maskiert, nicht zum Schutz vor Corona, vielmehr zum Eigenschutz, um nicht als Gesinnungstäter erkannt zu werden. Ein «schwarzer Block» (wie oft am 1. Mai in Zürich), doch nicht links, vielmehr ganz rechts beheimatet. Die kleinen mitgeführten Kantons- und Schweizerfahnen wirken da wie blanker Hohn. Vorne träumt man von Idolen, die einst für Krieg und Not verantwortlich waren, hinten hat man es bereits gehört: «Covid ist vorbei». Ausgerufen nicht etwa von einem kompetenten Virologen, vielmehr von einem Politiker, der glaubt alles zu beherrschen, alles zu bestimmen, alles für seine politischen Ideen zu nutzen. Selbst eine tödliche Pandemie (weltweit 5,6 Millionen Tote, 12`500 in der Schweiz). Die Bibel warnte - schon vor rund 2000 Jahren - von «falschen Propheten». Das Zitat kennt ein Pfarrerssohn bestimmt. Vielleicht auch eine Studie Leo Löwenthal mit dem Titel: «Falsche Propheten». Darin geht es nicht um christliche Propheten, sondern um politische Agitation. In Blütezeiten von Verschwörungstheorien sehr zu empfehlen.            (222)

15. Januar 2022

 

In eigener Sache:


«Muesch nöd öppe meine!»

von Peter Züllig

 

 «Chrutzli» ist adrett, klein, «tifig», leuchtend rot und gar nicht etwa langsam. Aber auch nicht so schnell, wie seine «grossen» Geschwister. «Chrutzli» ist ein Auto, unser Auto, ein «Smart», gedacht für den Nahverkehr. Ab und zu darf es länger unterwegs sein, grössere Strecken fahren, sogar auf der Autobahn. Da kann es zeigen, was es kann! Bei seinen «grossen» Brüdern und Schwestern wird es gar nicht ernst genommen. Es erregt eher Mitleid, mitunter Trotz und das Gefühl: «dem wollen wir es zeigen». Es erweckt bei vielen, fast allen Fahrenden in grösseren Autos einen Instinkt, der den Fuss – ob kräftig oder zierlich – auf das Gaspedal drücken lässt. Ein Vorgang, der in der Natur der Dinge zu liegen scheint. Fast schon dramatisch wird es, wenn sich der kleine Verkehrsteilnehmer erdreistet, einen grösseren zu überholen. Da bricht schon eine Welt zusammen im nun zurückliegenden Fahrzeug. Nach dem ersten Schreck, bei der nächstbesten erspähten Gelegenheit, verkrampft sich der rechte Fuss der Fahrenden, das Pedal biegt sich und schon ist der Image-Schaden repariert. Ganz schwierig wird es für ein kleines «Chrutzli» bei der Eingliederung in den Verkehrsfluss. Da hat es zu warten, bis man ihm den Weg frei gibt. Verkehrsregeln hin oder her, im Zweifelsfall liegt die Macht halt doch beim Stärkeren. Da heisst es hintenanstehen. Nur beim Parkieren kann es seinen Vorteil ausspielen und beim Wenden, sonst aber löst allein schon der Anblick das Gefühl aus: «Muesch nöd öppe meine!»       (221)

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08. Januar 2022

 

In eigener Sache:


Digitaler Enkeltrick

von Peter Züllig

 

Telefonanruf eines unbekannten Verwandten: höchste Alarmstufe oder müdes Lächeln. Der Enkeltrick! Er funktioniert immer mal wieder, obwohl er so alt, einfältig und banal ist wie die Blondinenwitze. Nur viel gefährlicher. Einmal eingeschnappt, die Falle schnappt zu. Inzwischen hat sich der «Enkeltrick» ins Internet verzogen. Bedeutend weniger aufwändig für die "Enkel". Sie betteln nicht um grössere Summen, sondern versuchen Code- und Passwörter zu erhaschen. Das sieht dann etwa so aus: «Sehr geehrter Kunde, Die Post inormert Sie über ihre Zustellung: CHF/9049537876 wartet noch auf Ihre Answeivsungen.» Nach dem Datum und der Angabe einer geschuldeten kleinen Gebühr von 2.99, die ultimative Aufforderung (auf leuchtend gelbem Hintergrund) zum Anklicken: «Schicken sie mein Paket». Ist die Post wirklich so schlecht in Orthografie oder ist es nur ein missbrauchter Computer, der hier stottert? Leicht raffinierter dann die Swisscom (mit Signet und allem Drum-und-dran): «…am heutigen Tage wrden wir Sie gerne darber informieren, dass Ihre letzte Rechnung fr den Monat November doppelt bezahlt wurde. Um eine Rckerstattung zu beantragen, fllen Sie bitte das verlinkte Formular aus.» Diese «Swisscom» beherrscht offensichtlich die deutschen Umlaute nicht. Dafür hat sie es eilig: "Hinweis: Rückerstattungen  können nur bis zum ... (zwei Tage nach dieser Aufforderung) beantragt werden". Der Dank aber ist mir gewiss: "Vielen Dank für Ihre Mitarbeit in dieser Angelegenheit". (Die fehlerhafte Schreibweise hat inzwischen meine "Fehlerprogramm" korrigiert),

Ein weiterer "Enkel" droht sogar, meine Bestellung zu vernichten, wenn ich die geschuldeten Versandkosten bis … (einen Tag später) nicht bezahle. Es wimmelt nur so  von falschen «Enkeln» im Internet, die sich als hilfreiche Engel ausgeben, in Wirklichkeit aber widerliche - weil betrügerischen - Teufel sind.                                                 (220)

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