Klassentreffen 2018 - Dorfgeschichten

20. April 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Kriegskinder

 

Geboren zwischen 1939 und 1942, eine Generation, die in Kriegszeiten zur Welt kam. In einem Land, das „vom Krieg verschont“ geblieben ist. Als wir zur Schule gingen, da war der Zweite Weltkrieg, der Europa verwüstete und neu ordnete hat, zu Ende. Doch, was haben wir als Sechsjährige mitbekommen? Nicht viel. Alles blieb ruhig im kleinen Dorf, abseits des grossen Weltgeschehens. Selbst die Sirenen heulten nur selten. Erinnerungen mögen unterschiedlich sein. Doch eines ist sicher: In der Schule haben wir - in den ersten Nachkriegsjahren – nichts von der Kriegs-Tragödie gehört. Unsere Lehrer glaubten wohl, Verschweigen sei der beste Weg, um zur Normalität zurückzukehren. Doch Kinder nehmen viel wahr, auch das, was sie nicht verstehen konnten.

So stand in einem nichtbenutzten Zimmer bei meiner Grossmutter eine grosse hölzerne Truhe. Neugierig wie Kinder nun mal sind, wollte ich natürlich unbedingt wissen, was  in der Truhe ist. „Wäsche, Kleider, Decken… Warum plötzlich hier und nicht im Schrank?“ Ich hörte zum ersten Mal etwas von einem Reduit, vom Verreisen in die Berge… „Juhu, verreisen!“ Mehr verstand ich nicht, wollte ich auch nicht wissen.

Später, nach 1945, ich ging in die erste Klasse, zog „Thomy“ ein Kriegskind aus Wien bei uns ein. Zur Erholung, sagte man mir. Auch das verstand ich nicht: Erholung?. Als Einzelkind hatte ich mich jetzt gegen den - etwa zwei Jahre älteren - „Bruder auf Zeit“ zu wehren. Ab und zu durchaus erfolgreich, mit „Gingen“ und Beissen. Ich hatte das Gefühl, Erholung brauche eher ich.

Dann war da auch die Fasnacht. Die älteren Kinder verkleideten sich und zogen - natürlich maskiert - bettelnd und mit „Saublasen“ um sich schlagend durch die Strassen bis hinaus nach Rapperswil. Während ich mich eher fürchtete, schleppte Thomy im Stundentakt „Bögen“ an, die alle von meiner Mutter mit Guetzli versorgt wurden. Thomy war überhaupt viel unterwegs, fast immer auf der Strasse. Das sei eben so, bei Kriegskindern, sagte man mir. Begriffen habe ich es nicht!

Eines Tages kam Thomy jubelnd nach Hause und schrie: „Die Eier sind frei, die Eier sind frei…!“ Warum dies eine Sensation sein sollte, verstand ich überhaupt nicht. Hatten wir doch Hühner – und damit auch Eier – direkt vor unserem Haus. Das gleiche passierte noch ein paar Mal, bei Butter, Milch, Seife…
Der Spuck war doch bald vorbei. Thomy kehrte nach Wien zurück und meine Begegnung mit dem Krieg war damit fast zu Ende. Nicht ganz, nur fast. In den nächsten zwei, drei Jahren ging immer wieder mal ein Raunen durchs Dorf. Man erzählte  – hinter vorgehaltener Hand – das Unglaubliche, Verschwiegene, Unfassbare. Dieser oder jener, soll ein Frontist gewesen sein. Die eine oder andere Familie soll mit Mussolini oder Hitler geliebäugelt haben. Alles nur Geflüster, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, schon gar nicht für Kinder.

Später – so in der fünften oder sechsten Klasse – begegnete ich dem Krieg noch einmal. Da durften wir bereits mit dem Schlitten oder den Skiern auf unseren Hausberg, den Etzel. Doch es war höchste Vorsicht geboten.  Auf der Abfahrt mit den Skis vom Sankt Meinrad nach Pfäffikon mussten wir höllisch aufpassen, die Spur (Piste wäre übertrieben) ja nicht verlassen, sonst landeten wir in einem Stacheldraht oder man wurde – vor allem mit dem Schlitten – von Betonklötzen jäh gebremst. Panzersperren. So habe man die Schweiz geschützt und den Feind ferngehalten. Damals glaubte ich, dies verstanden zu haben.

Später in der Sekundarschule sollte dann im Fach „Geschichte“ alles erklärt und auch die Zusammenhänge sollten aufgezeigt werden. Der Unterricht begann in der ersten Sek bei den Pfahlbauern und endete in der dritten Klasse bei Napoleon.

Schulreise 1951
Schulreise 1951

07. April 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

S'Anneli vom Rai

 

Es war schon immer alt, ein Jümpferchen, ein Dorforiginal, mit Schnürstiefeln und behänden Beinchen, immer unterwegs, s’Anneli vom Rai. Für uns war es sogar uralt, schon damals, als wir in Jona zur Schule gingen. Da war es doch schon bald siebzig und auf jeder Schulreise mit dabei. Nicht nur auf Schulreisen. Wo immer ein Verein eine Reise machte, und Frauen dabei waren, hat man s’Anneli mitgenommen, fast wie ein Dorfmaskottchen. Es stiefelte tapfer hinterher mit ihrem Schmollmündchen, mit dem es um sich schnupperte, sobald ihm etwas nicht ganz passte. Anneli  redete und schimpfte vor sich hin, frisch von der Leber weg, doch nicht alle konnten es verstehen. Die Sprache war zerhackt und «vermuselt», doch die vifen kleinen Äuglein redeten eine klare Sprache. Sie, das Fräulein Anna Zuppiger ist wieder angetreten zu einer Reise: ihr graues Haar nach hinten zu einem Knäuel geflochten, der meist unter einem einst modischen Hut versteckt waren, in Kleidern, die Alter und Gebrauch sichtbar machten und einem schwarzen Mantel, dessen Gewebe sich nächstens aufzulösen drohte… Sogar wir Kinder haben bei der Frage, wie ihr «Haushalt» in der Kellerwohnung am Rain wohl aussehen mochte, gekichert oder die gar Nase gerümpft. Damit haben wir dem kleinen vitalen Persönchen Unrecht getan und nicht gemerkt, dass mit dem ausgeprägten «Original», ein Stück Dorf-Geschichte zu Ende geht, langsam sich auflöst, in einer stetig sich verstädternden Gesellschaft. Erst Jahre später verstanden wir, was s’Anneli wirklich war: eine von Natur her sehr kleine Person, die im Leben kaum eine Chance hatte und trotzdem ihre Lebensfreude und ihren Humor bewahrte. Sie war fast noch ein Kind, im achten Schuljahren, da starb ihre Mutter. Anneli hatte nun den Haushalt für Vater und Bruder führen. Sie war dann gut zwanzig, als sie in die «Fabrik» musste, «um für 20 Rappen Stundenlohn zu arbeiten», wie sie uns oft erzählte. Dass sie schon mit gut vierzigjährig die «Fabrik» wieder verliess und sich seither mit Gelegenheitsarbeiten – Kinderhüten, Kommissionen machen, im Haushalt helfen etc. – durchs Leben schlug, darauf war sie sogar stolz. Wir haben all dies erst realisiert, als s’Anneli längst aus dem Dorfleben verschwunden war und ihre letzten Lebensjahre im Altersheim verbringen musste – notabene als älteste Jonerin. Solange sie noch gehen konnte, sah man sie beim Bahnhof in Rapperswil die Tauben füttern. Doch auch «Christeli» im Steinbock konnte nicht mehr ihr Lieblingslied spielen: «Hau der Katz den Schwanz ab, haut ihn noch nicht ganz ab…auf dass die Katze tanzen kann», während sie umherhüpfte - sie nannte es Tanz. Ein Wildfang war sie also, durch das Alter gezähmt. Doch sie hat ihre Freiheit verteidigt, wohl aber mit Einsamkeit bezahlt. Als ich sie zum letzten Mal sah – im Altersheim an ihrem 90. Geburtstag, hat sie mir, wie schon oft zuvor zugeprostet: «Freu di Gurgeli, es chunt en Schluck» und mich mit ihren müde gewordenen Äuglein angelacht: «Du, was isch das: es Or.., Ori.., Original? Das häsch du nämlich gschribe, won i achtzig worde bi!» 

27. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Sommerresidenz

 

Zwei lottrige Holzbaracken im kleinen Wäldchen, dort wo die «Jona» im Zürichsee untertaucht, waren unsere Sommerresidenzen. Auf ihren leicht schiefen Eternitdächern konnte man nicht nur bequem in der Sonne liegen, das «Bräunen» war schon damals in Mode, man genoss auch den Ausblick – sozusagen die Vogelschau – auf den Badebetrieb. Da gab es einiges zu sehen: wie die einen das Wasser scheuten, andere schwimmen lernten, «Fangis» machten  und wir beobachten - dies gaben wir nie zu - wie die Mädchen verschämt in ihre Badekleider schlüpften. Auf das Dach klettern konnten ohnehin nur die Buben, da waren wir uns so gut wie sicher. Erwachsene kamen - am Tag - kaum zur offenen Badestelle. Ab und zu vielleicht ein Lehrer, der für «Zucht und Ordnung» zu sogen hatte, oder eine ängstliche Mutter, die den Schwimmkünsten ihrer Söhnchen oder Töchter nicht vertraute. Es war ein weiter Weg, vom Dorf bis zum «Stampf» - so heisst der Residenzplatz heute noch – den man auf schmalem Weg, der Jona entlang, parallel zur Schachenstrasse, zurücklegen musste, bis man endlich unten, im kleinen Paradies am See, ankam. Paradiesisch war es ohnehin nur in unserer Phantasie, denn aus den umgebenden Büschen stank es ordentlich, den denn ein Häuschen für die «Notdurft» hatte es nicht. Im untersten Teil des Trampelpfads, nach einer kleinen Kletterübung unter der Eisenbahnbrücke, gab es auch keine Sträucher und Bäumchen mehr, die von der brütenden Sonne schützen konnten. Kein Wunder, war der der Fussmarsch gefühlte drei, vier oder noch mehr Kilometer lang. Doch man ging ja nur an schönen, heissen Tagen zum See und den Verlockungen des Bachs – zum Beispiel dem Hüpfen von Stein zu Stein – konnten wir nicht immer widerstehen. Ein eigens Velo besassen – zumindest wir Dorfkinder – kaum, denn für den Schulweg durften wir es ohnehin nicht benutzen, da war «körperliche Ertüchtigung» gefragt und  «Weicheier» wollte wir nicht sein. Die Rückkehr - auf dem gleichen Weg - war dann viel kürzer. Meist so kurz, dass wir kaum Zeit fanden, uns genügend Gründe zurechtzulegen, warum wir nicht wieder nicht rechtzeitig zu Hause waren. In dieser Beziehung waren unsere Eltern verdammt pingelig, weil der lange Weg und der unbeaufsichtigte Badestrand – in ihren Augen – einige Gefahren in sich bargen.  Dies wollten wir natürlich nicht wahrhaben, denn schliesslich war der Stampf – allen angeblichen Baggerlöchern zum Trotz, unsere Sommerresidenz, weitab von Schule und Eltern. 

27. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

                                              Max und Moriz 

 

Unsere „Witwe Bolte“ hiess Frau Högg. Auch sie war Witwe – jedenfalls nahmen wir dies an, weil sie allein lebte, auch Hühner besass und einen grossen Garten mit zwei verführerischen Bäumen, Quitte und Klarapfel, hatte. An ihren Hühnern vergriffen wir uns nie, obwohl die Streiche von Max und Moriz uns beeindruckt haben. Dafür vergriffen wir uns an ihren Früchten. Selbst die sauersten Quitten wurden honigsüss, wenn sie aus Witwe Höggs Garten kamen. Leider kamen sie nicht einfach so daher, wir mussten schon etwas nachhelfen, über den Haag klettern, die Äpfel von den untersten Ästen reissen, dann aber rasch verschwinden. Meist stürmte da schon Frau Högg herbei. Und wir: „Seht, da ist die Witwe Bolte, die das auch nicht gerne wollte». Dabei waren wir so stolz, Wilhelm Busch zitieren zu können. Unsere ganze Wonne aber lag nicht bei den Äpfeln, sondern im Geschrei unserer Witwe Bolte.

Auf der andern Strassenseite, grad gegenüber von Boltes Garten, gab es eine Haustür, eingeklemmt zwischen Schlachthaus und der Dorfmetzg. Für uns war diese genau so verlockend und wonnebringend wie Frau Boltes Hühner und Äpfel. Es gab nämlich nur ganz wenigen Türen im Dorf, bei denen Klingelknöpfe prangten und die auch gut zugänglich waren. Sie waren weit verführerischer als Quitten und Klaräpfel der Welt. Dies hat Wilhelm Busch zwar nicht beschrieben, denn er lebte zu einer Zeit, als es noch keine elektrischen Klingeln gab. Also «erfanden» den nächsten Streich selber, das Glöggli-Spiel. Es verlangte auch schnelle Beine und einigen Mut, denn rasch erschien am Fenster schimpfend die Frau des Hauses. Wehe aber, wenn ihr Mann zuhause war, dann wurden wir meist um unsere Freuden geprellt. Es öffnete sich nicht das Fenster, sondern die Tür. Schnell war er auch, meist schneller als wir. Wir trösteten uns damit, dass es hier keinen Meister Müller gab, der: »Her damit! Und in den Trichter schüttelt die Bösewichter». Eine Ohrfeige und das Verpetzen bei Vater oder Mutter, waren die höchsten Strafen.

Hingegen hatten wir im Dorf auch «einen, der sich Böck benannte. Alltagsröcke, Sonntagsröcke,

Lange Hosen, spitze Fräcke, Westen mit bequemen Taschen, warme Mäntel und Gamaschen – alle diese Kleidungssachen wusste Schneider Böck zu machen.» Er hiess zwar nicht Böck, war aber auch Schneider und entsprach nicht ganz in der Statur von «Böck». Doch die Umstände waren ähnlich wie beim dritten Streich von Max und Moriz: »He, heraus! du Ziegen-Böck! Schneider, Schneider, meck, meck, meck!!«  Alles konnte Böck – auch unser Böck - ertragen, ohne nur ein Wort zu sagen; aber wenn er dies erfuhr, ging's ihm wider die Natur.» Die Reaktion, wir kannten sie: «Schnelle springt er mit der Elle, über seines Hauses Schwelle, denn schon wieder ihm zum Schreck, tönt ein lautes: »Meck, meck, meck!!« Auch da haben wir die Vorlage von Wilhelm Buch verlassen, sind nicht weiter gegangen mit unserer Plagerei; jedenfalls nicht so weit, bis unser Böck - das Schneiderlein – in den nahen Bach – die Jona – plumpste. Uns genügte die Vorstellung, wie weitergehen und enden  könnte.  

 

26. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Salve Regina

 

Am Tag, an dem sich die Tür zur Primarschule zum ersten Mal öffnete, teilte sich das Dorf.
Es gab «Gschpändli», die gingen ins Dorfschulhaus, andere aber mussten in die Stadt zur Schule. So richtig begreifen konnten wir dies nicht. Doch man hat uns früh beigebracht: Es gibt halt zwei Arten von Menschen, die Katholen und die Protestanten. Die Protestanten gehen nach Rapperswil, die Katholen bleiben im Dorf. Das Schulhaus liegt ganz nahe bei der Kirche (oder umgekehrt), sozusagen im Zentrum unseres Kinderdaseins.
Der Herr Pfarrer war auch Schulpräsident und die Lehrer hatten Aufsicht in der Kirche. Dass das Katholischsein auch für die Erwachsenen nicht immer einfach war, ahnten wir spätestens, wenn der sprachgewaltige Pfarrer – auf versteckten Wegen – die Kanzel bestieg, losdonnerte und seinen Schäfchen ins Gewissen redete. Wenn er vom Gehorsam und den Geboten sprach, meinte er nicht uns, die Kinder. Das merkten wir bald. Das Katholischsein hatte auch seine Vorteile. Es brachte immer wiederkehrende Ereignisse ins Dorf. Zum Beispiel Fronleichnam mit seiner nicht-enden-wollenden Prozession, in und um die Gemeinde, zu vier grossen und vielen kleinen Altären, begleitet der Monstranz, dem Rosenkranz und vielen bunten Fahnen. Oder der «Weisse Sonntag», wo – natürlich nach dem Gottesdienst – ein Festessen aufgetischt wurde, entweder zu Hause oder beim «Gschpändli». Richtig spannend wurde es, wenn in der Karwoche das «Heilige Grab» im Chor aufgestellt wurde, das dann an Ostern quietschend den auferstandenen Jesus preisgab. Nicht zu vergessen, den jährlichen Pilgerzug über Damm und Etzel nach Einsiedeln, wo auf halbem Weg – oben bei Sankt Meinrad – ein Bergpreis vergeben wurde. Der Sieger (es waren immer ein Bub) durfte am Lederstrick das Glöcklein erklingen lassen.
Am liebsten aber hatte ich die Maiandacht. Da flogen die Maikäfer massenweise in die weiss-getünchte Mauer. Wir haben die Käfer gesammelt – oft sogar mit in die Kirche genommen, – um sie am nächsten Tag gegen Sackgeld abzuliefern. Doch es war noch etwas ganz anderes, was mir die Maiandacht so sehr versüsste: Das «Salve Regina», der Lobgesang an Maria, zum Abschluss des eintönigen Rosenkranz-Gebets. Allein schon die Melodie hat viel Inbrunst in sich. Da konnten wir mitsingen, aus Herzenslust: «Sei gegrüßt, o Königin…». Unter «Königin» stellte sich jeder der kleinen Sängerinnen und Sänger etwas anderes vor, eine geheime Verehrerin oder ein Verehrer, am allerwenigsten aber die «Muttergottes». Für mich – man nannte mich «Pe», der Taufname war aber Peter, Clemens – war es der Schluss der Hymne, den ich geradezu in die Kirche brüllte: «O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria.» Dass Clemens und Pia – im Gegensatz zu Maria – keine Eigennamen waren, wussten wir recht gut, schliesslich hatten wird unser dickes «Missale» zur Übersetzung. Doch das war mir völlig egal. 

20. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Villiger-Stumpen

 

Dieser dumpfe abgestandene Rauch; dieses schwere, kaum zu fassende Schweben im Raum; diese dauerhafte Erdigkeit in der Luft, treibt noch heute die Wut in mir hoch. Die Wut auf meinen Lehrer in der Dorfschule – vor siebzig Jahren. Dabei war es nicht der Rauch, der mich störte, der mich kochen liess. Es war die Ungeheuerlichkeit, dass ich nie – ich betone: nie – während des Schulbetriebs zum kleinen Laden – Kolonialwaren Rötlisberger – geschickt wurde, um Stumpen zu holen. Meist nur zwei oder drei, keine ganze Schachtel. Das war damals noch möglich: offene Stumpen kaufen, nur zwei oder drei Stück. Mehr wäre wohl – in der Nachkriegszeit eines vom Krieg verschonten Landes – gar arger Luxus gewesen. Aber «Villiger» mussten es sein, nicht etwa «Rössli» oder «Hediger». Dies wussten wir Schüler ganz genau. Villiger-Stumpen, geholt im nahen Dorfladen, kurz vor der Pause. Zu den wenigen Privilegierten, die das Schulzimmer vor der Pausenglocke verlassen durften, gehörte ich nie. Zu wenig gescheit, zu unruhig, zu schwatzhaft… Kann sich ein Lehrer überhaupt vorstellen, welche Kränkung dies für mich war? Wohl kaum, sonst hätte er mich – wenigstens einmal – losgeschickt. Denn die Zurücksetzung nahm ich ihm übel, damals, bis heute.
Doch man sagte, es sei ein guter Lehrer gewesen; er hätte sogar mich – den Unruhigen, Flatterhaften – in die «Sek» gebracht. Etwas Drill brauchte es schon. Ohne ihn wären mir die Frösche im Tägernauerweiher wichtiger gewesen als die läppischen Dreisätze auf den «freiwilligen» Übungsblättern. Doch dies habe ich ihm nie nachgetragen, dem strengen Herr Lehrer, im Gegensatz zu den verweigerten Botengängen in Sache «Villiger». Ja, streng war er und - meine Eltern sagten es mir immer wieder – erfolgreich. Auch wenn seine Disziplinierungsmethoden nicht über jeden Zweifel erhaben waren. Jedenfalls nicht aus pädagogischer Sicht. Heute hätte er längst Klagen von besorgten Eltern am Hals, «wegen körperlicher Gewalt» und so. Damals war man mit «auffälligen» Kindern nicht so zimperlich. Immer wenn wir es zu bunt trieben, gab es Striche im gefürchteten Buch des Lehrers. Der fünfte Strich – Jasser wissen dies – war ein Querstrich, der das Bündel vollgemacht hat. Dies bedeutete eine «Tatze», zwei Bündel: zwei «Tatzen»… Nur «Dali» und «Maari» waren bei diesem schmerzhaften Sport erfolgreicher als ich. Doch das war mir egal. Sobald die Handflächen ihr verräterisches Rot verloren hatten, verzieh ich ihm, dem strengen Schulmeister. Ich war ja selber schuld mit meiner Zerstreutheit und Schwatzhaftigkeit und Flüchtigkeit und …. Nein, er war ein guter Lehrer, ein sehr guter sogar. Nur die Villiger-Stumpen verzeihe ich ihm nicht. Bis heute nicht.

 

09. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Nscho-tschi

 

Ich habe Nscho-Ttschi geküsst! Sie heisst R. und ist das süsseste Mädchen in unserer Gemeinde. Es kommt mir vor, als wäre es erst ein paar Tage her, es sind aber über siebzig Jahre. Mein erster Kuss, direkt auf die Lippen eines Mädchens, eine Ungeheuerlichkeit. Ein Verrat an Old Shatterhand! Nie wäre er so sentimental gewesen, wohl aber wagemutiger. Kurz zuvor habe ich noch den Henry-Stutzen angelegt und drei Spatzen vom Tannenwipfel geholt. „Ihr habt doch sonst keine Angst und geht  sogar dem Grizzly mit dem Messer zu Leibe“, höre ich Sam Hawkens brummen. Doch das kann Nscho-tschi, alias R., nicht hören. „Vor uns färbt sich der Horizont dunkel,“ wir müssen zurück, es ist höchste Zeit.

Die Mutter steht sicher schon am Herd, zwar keine Büffellende über dem Feuer, nur ein Brei in der Pfanne. „Ich höre Nscho-tschis letzte Worte. Nun mache ich mir Vorwürfe darüber, dass ich nicht freundlicher mit ihr gewesen bin.“, denkt Old Shatterhand. Doch darüber sprechen wir nicht. Ich bin froh, dass Intschu schuna heute nicht dabei ist. Väterliche Ermahnungen haben mir so manches Abenteuer vermiest.

„Es ist nur noch eine kurze Strecke“, meint Winnetou. „Würde ich den Ort ahnen und dann das Fieber bekommen, welches nach dem tödlichen Staube strebt und die Bleichgesichter nicht eher verlässt, bis sie an Leib und Seele zu Grunde gegangen sind.“ Zwar denke ich jetzt nicht an Nuggets, doch meine Gedanken sind nicht minder kostbar.

„Es ist nicht Bangigkeit, sondern Vorsicht, wir befinden uns zu nahe bei den Feinden,“ sagt eine innere Stimme.. Natürlich sind Feinde nicht zu sehen, doch sie lauern hinter jedem Gebüsch, hinter jedem Baum. „Während ich so nachdenke, war mir, als hätte ich ein Geräusch vernommen, welches von keinem von uns verursacht worden ist; es war hinter mir, wo niemand von uns liegt.“ Wir liegen ja auch nicht, wir gehen zu Fuss nach Hause. Das Dorf liegt vor uns.  

Ich möchte den ersten Band von „Winnetou“ endlich weglegen - um fortan nur noch Santer zu jagen, den Mörder von Nscho-tschi. Ich spüre, sie hat mich verlassen: „Ihre Augen gleiten von Winnetou zu mir hinüber, und ein frohes, aber schnell ersterbendes Lächeln spielte um ihre bleichen Lippen. Old – Shatter – hand…. Du bist da!“

In Winnetou I. stirbt sie, die schöne Nscho-tschi. Hier am Dorfrand ist sie weggerannt, immer gerannt, wie eigentlich nur Old Shatterhand rennen kann: „…ich renne nicht nur, sondern ich schnelle mich förmlich weiter, in langen Sätzen wie ein Raubtier, welches sich auf seine Beute werfen will.“ Nur Sam Hawkens höre ich kichern: „Ich bin neugierig, was für einen Gedanken Ihr bringen werdet. Ja, manchmal kann ein Greenhorn auch einen Gedanken haben….“

Dann bin auch ich zu Hause. Am Tisch: die üblichen Sprüche. Ermahnungen sollten es sein: ein Zuchthäusler, ein Scharlatan… Ich wehre mich nicht, ich denke an Nscho-tschi, die heute gestorben ist.

Ich habe R. während zwei, drei Jahren noch oft gesehen, denn wir sind ins gleiche Schulhaus gegangen. Doch wir haben nie mehr auch nur ein Wort miteinander geredet. Dann ist sie verschwunden, ins Leben, wie auch Karl May, der Phantast, verschwunden ist. Jetzt sind sie – nach mehr als siebzig Jahren - zurückgekehrt, Hand in Hand, versöhnt, das süsse Mädchen R. und sein Schöpfer,  Karl May.        

07. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Kartonage

 

Eine dunkle, braune, heisse Brühe hat alles verdorben. Nicht nur einmal, immer wieder. Zuerst haben wir gemessen, geschnitten, gefaltet, geritzt, gebogen – bis alles wunderschön vor uns ausgebreitet der Karton, die bunten Papiere, der Stoff. Dann dieser schreckliche Leim, der überall klebte, an den Händen, im Gesicht, sogar an den Schuhen – nur dort nicht, wo er kleben müsste – an den dafür vorgesehenen Kartonteilen.  Am allerliebsten aber klebte er an den farbigen Stoffen, welche die Gebilde – ob Album, Schachtel, Stricknadel-Etui oder Buchzeichen – hätten verschönern sollen. Das also war «Kartonage», ein handwerkliches Tummelfeld für die Buben, als Ausgleich zum obligatorischen Nähen und «Lismen» der Mädchen. Das Schöne daran, war die Hoffnung, irgendwann einmal ein Kartongebilde nach Hause tragen zu bringen, das nützlich und schön ist und nicht nur Spot und Gelächter erntet.

Noch schöner als die Hoffnung, war die Zeit, in der die Kartonage stattgefunden hat. Nur in den Wintermonaten nach der Schule, so gegen fünf oder sechs Uhr. Da war es schon dunkel und auf dem Heimweg noch dunkler, eigentlich schon Nacht. Wir schlichen, rannten, bummelten durchs schlecht beleuchtete Dorf und fanden den Heimweg nicht. Meist landeten wir vor dem ebenerdigen Fenster des Schneidermeisters: er sass - im Schneidersitz – und hell erleuchtet, schliesslich musste er ja den Faden sehen. Draussen schlichen wir umher, im Dunkel. Quasi Nachkommen von Max und Moriz, auch wenn sie Reini, Geri oder Peter hiessen. «He, heraus! Du alter Böck! Schneider, Schneider, meck, meck, meck!« Da nahm alles seinen Lauf, wie bei Wilhelm Busch beschrieben: «Schnelle springt er mit der Elle - über seines Hauses Schwelle, denn schon wieder ihm zum Schreck. Tönt ein lautes: »Meck, meck, meck!!«

 

Wie es ausgegangen ist, erfuhren wir – blumig ausgeschmückt – erst am andern Morgen: Pausengespräch! Hat er dich erwischt? Wo bist Du untergetaucht? Wann warst Du zuhause? Und das Glockenspiel bei Frau Högg? Erwischt? Deine Eltern, sind sie aufgetaucht? Und so ging es dann weiter, bis wir nach einer Woche nichts mehr zu sagen hatten. Aber da war wieder Kartonage.

02. März 2018

 

Dorfgeschichten 

von Peter Züllig

 

Das asthmatische Harmonium

 

Noch heute fährt mir der Schreck in die Knochen. Vorsingen bei Frau Püntener. Ich sehe die gestrenge Lehrerin am asthmakranken Harmonium. Den Ton angeben. Und los…

Da soll ich einfach lossingen. Wie alle andern auch, vor mir, nach mir… Den Klassenkameradinnen und –kameraden vorgeführt. Das Liedchen durfte ich selber wählen. Ich kam nie über „Alle meine Entlein…“ oder „Hänschen klein…“ hinaus. Die Übung wurde nach ein paar schrecklichen Versuchen abgebrochen. Alles falsch, sozusagen jeder Ton daneben. „Ich hätte eben kein Musikgehör“, beschied man mir. Dabei hörte ich ganz gut, auch Musik. Besonders gut, beim Anschleichen im Wald, beim Wegschleichen vom Singen…
Es war Halbjahr für Halbjahr das gleiche. Schon Wochen zuvor hatte ich Krämpfe, Schüttelfrost, Albträume,  ich litt unter Lustlosigkeit und Angst, sobald sich das rituelle Vorsingen nur schon am Horizont ankündigte. Ein paar wenige Male hat man mir die so plötzlich auftauchenden Krankheiten abgenommen. Dann aber war es auch dem sonst so verständigen Schularzt zu viel. Ob Heiserkeit, Bauchweh, Kopfweh oder Herzbeschwerden… ich musste ran. Zum Harmonium, zum Gesangsvortrag, der für die Singnote so entscheidend war.

Ich habe gebetet, nachts, in der Kirche, auf dem Schulweg… ganze Rosenkränze und unendlich viele „Ave Maria“… Alles nützte nichts. Auch mein Angebot auf den Empfang der schlechtesten Note (ich glaube es war die vier) konnte das Ereignis nicht abwenden. Wenigstes die „kleinen Entlein“ oder „das kleine Hänschen“ mussten antraben.

Irgendwann – ich glaube es war in der vierten Klasse – bei einem andern Lehrer – kam dann das endgültige Verdikt: „Kein Musikgehör“. Ich durfte sogar mit meiner Tante ab und zu in die Oper. Da war alles so melodiös, glanzvoll, schön, gefühlsvoll. Die Königin der Nacht verlor sich in höchsten Tönen und der leidende Amfortas verkroch sich zwischen die tiefsten Noten. Wahrscheinlich hat mich meine Tante in den Musiktempel mitgenommen, damit ich das Gehör wieder finde.

 

Ich habe es nie mehr gefunden. Immer wenn ich mich zu den Entlein setzten musste  oder mit dem kleinen Hänschen stritt, ist es entschwunden, mein Musikgehör. Geblieben ist nur die Angst und der Schrecken, die mir die erste Lehrer und Lehrerinnen – mit ihrem asthmatischen Harmonium – und der musikalischen Prüfung eingejagt haben.

 

 

Dorfgeschichten
von Peter Züllig

 

Das allerbeste Znünibrot

 

Der eine der beiden Pausenplätze lag westlich des Schulhauses, begrenzt durch die Schachenstrasse und die Jona, die hier mit etwa drei Meter hohe Natursteinmauern „gebändigt“ ist. Der westliche Pausenplatz war vor allem das Paradies der Buben. Wehe, wenn ein Ball vom nördlichen Pausenplatz – wo vor allem die Mädchen spielten - nach Westen ausgerissen ist. Dann landete er nicht selten – geschupft von den Bösen Buben – im tiefliegenden Bach. Meist unrettbar verloren, denn die Mauern waren zu hoch, um rasch eingreifen zu können. Weiter unten am Bach wäre dies wohl möglich gewesen, doch wir durften in der Pause den Schulplatz ja nicht verlassen.

Irgendwann landete wieder einmal ein Ball im Bach, mutwillig von ein paar Buben, die sich stark und gross fühlten, dorthin befördert. Ich weiss noch immer nicht, was mich da gejuckt hat. Ich war weder stark noch gros und besonders mutig auch nicht. Doch das Entsetzen und die Tränen der Ballbesitzerin und das hämische Lachen meiner Spielkameraden liessen in mir Wut aufkochen. Ich kletterte an den Steinen – ein Kunststück der „Jona-Buben“, welche den Dorfbach längst zu ihrem Revier gemacht haben – hinunter, holte den Ball und brachte ihn der Besitzerin zurück.

Feindselige Blick und abfällige Bemerkungen empfingen mich. „Meitli-Schmöcker“ war noch der netteste der Kommentare. Die Ballbesitzerin nahm den „Bölle“ in Empfang drückte mir spontan ihr Pausenbrot in die Hände und verschwand auf dem andern Pausenplatz.

Das Pausenbrot, sie hat es wohl von Zuhause mitgenommen, schmeckte mir, wie mir noch nie ein Pausenbrot geschmeckt habe. Der Duft dieses Brots hat mich – man glaube es oder nicht – ein Leben lang begleitet. Immer wenn ich einer Ungerechtigkeit, einer Quälerei oder Hilflosigkeit begegnete und nicht den Mut hatte, einzugreifen, stieg der Duft des Brotes in meine Nase. Oft fasste ich mir da ein Herz, ebenso oft blieb ich aber mutlos untätig und stumm.

 

Für dieses Pausenbrot – das allerbeste in meinem Leben – möchte ich heute – rund siebzig Jahre später – dem kleinen Mädchen von damals danken.