10. Dezember 2020

 

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Ravi im Dorf

 

Das "Dorf" ist in diesem Fall mit ein paar wenigen Figuren angedeutet, die in der Tradition und in den Ritualen der südfranzösischer Dörfer tief verwurzelt sind. Da haben wir (ganz links) den Ravi, den "reinen Tor", der sich kindlich freut, wenn es etwas zu erleben gibt. Und das gibt es hier. Da steht Jean de l'Ours mit seinem Tanzbären, den er heute Abend tanzen lassen wird. In der Mitte mit dem Sonnen- oder Regenschirm ein Paar in der einfachen Dorftracht, die wohl vom Markt kommt. Er hat einen Kürbis in der Hand, sie ein "Fougasse", eine Spezialität der Provence. Rechts davon der Briefträger, der so gern mit den Leuten plaudert, wenn er den Leuten Neuigkeiten bringt. Und schliesslich rechts aussen, im typischen Arbeitskleid der Arbeiter auf dem Feld, mit einer grossen «cucurbitacée».unter dem Arm.

Die interessanteste, "provenzalschste" Figur ist der Ravi. Er hebt seine Arme zum Himmel als Zeichen der Freude und des Glücks. Es ist eine Körpersprache, die vor allem im Mittelmeerraum wohlbekannt ist. Man muss nicht sprechen, ums seine Gefühle zu zeigen.

Der Ravi hat einen liebenswerten Charak-ter. Er wird oft auch als "einfältig" bezeichnet, als *Dorfidioten". Doch er ist eher ein  liebenswürdiges "Dorforiginal". Er hat nichts anzubieten als sich selber. Im Dorf kümmert er sich um kleine Arbeiten (im Hof oder auf dem Feld). Sein Charakter ist von Bescheidenheit geprägt, von liebenswürdiger Naivität. Er ist einfach gekleidet, mit einer Mütze oder einen Hut auf dem Kopf.

Den Ravi gibt es so nur noch in der provenzalischen Krippe. Er ist ganz nahe beim Geschehen, auch bei der Geburt Christi im Stall und zwar fröhlicher Zuneigung, ohne Geschenke zu bringen. Er selber ist das Geschenk.

Die Typografie der Santons-Figuren macht . der Ravi ist nur eines der vielen Beispiele - macht die Santons-Krippe besonders interessant und ist auch eine "Spielwiese" für Sammler. Obwohl es sehr viele "Santonniers" (Gestalter von Figuren) im Süden Frankreichs gibt, sind es immer die gleichen Figuren, die seit zweihundert Jahren an Weihnachten auftreten und die Krippenszenen bevölkern. Und so etwas wie eine

CC BY-SA 4.0
CC BY-SA 4.0

Verbindung vom Früher zum Heute schaffen. Jedes Jahr werden auch wieder neue Figuren erfunden und in die Krippe gestellt. Zum Beispiel Berufe, die es einst noch nicht (in der heutigen Form) gab. Zum Beispiel der Feuerwehrmann, der Astronaut oder - eine Besonder-heit: eine berühmte Person  wie ein Dichter, Schauspieler, Künstler, Politiker.,,

So ist es auch nicht weiter erstaunlich - wohl dem Zeitgeist geschuldet, dass es inzwischen auch den weiblichen Ravi gibt. Er - respektive sie - heisst "Ravido" und möchte - wie ihr Mann "Rav" zum Ausdruck bringen: "Aber mein Herz ist voller Unschuld und Freude, die ich so lange nicht gekannt hatte!"

Wie populär die Santons-Tradition in der Provence ist, zeigt auch ein Mode-Label der Luxusklasse: "Jacquemus", von einem Provencale gegründet. Vieles an seinen Collectionen erinnert stark an den Auftritt, die Gesten und die Kleider der "Kleinen Heiligen" in der Santons-Krippe.

 

Aus der Werbung des Modehauses:

 

"«Die Santons de Provence», das sind die für die Provence typischen Krippen-Figuren, die das Projekt inspiriert hatten. Für Simon Porte, den Creative Director des Modehauses, sind es nostalgische Kindheitserinnerung und die Kollektion eine Hommage an den Ort, wo er seine Kindheit verbrachte: Die Kleider sind durch ländliche Elemente gekennzeichnet und Jacquemus zeigt Merkmale vom südlichen Frankreich wie Ähren oder Terrakottatöpfe als Accessoires."