In eigener Sache... (Kolumne).  Zweiter Teil ab Dezember 2017

Zum ersten Teil der Kolumnen "In eigener Sache)
(Sie erscheint in Abständen von ca. zehn Tagen auf der Frontpage der Website)

13. Mai 2020

 

In eigener Sache:

 

Corona Refrain

von Peter Züllig

 

Das Lied war nicht ein «Ständchen» vor meinem Fenster. Es waren Reime, die anonym in meinem Briefkasten lagen. Knittelreime zum Thema Corona. So grob, wirr und plakativ, wie Werbung eben sein kann, nur viel dümmer: «…eingesperrt in grossen Städten, sollen wir verarmt verrecken», ist da zu lesen. Oder: «…sind gefallen unsere Bürgerrechte, erwarten uns die dunklen Mächte…» Und wer ist schuld daran? Natürlich die vereinten Bösewichte, Somaruga, Merkel, Bill Gates, die WHO… Man muss nicht einmal klug-, sondern einfach nur denken, um den Song dort zu deponieren, wo durch ähnlichen Denkmangel das WC-Papier überquellt. Läge da nicht, am gleichen Tag, in meinem elektronischen Briefkasten – nicht anonym – der verzweifelte Schrei einer Bekannten: «Meine Freundin ist, nicht vorbelastet durch Krankheiten, dreissig jährig, an Corona gestorben.» Ich erspare die nun folgende Schilderung, ziehe einfach nur Bilanz:  1’564 registrierte Corona-Tote in der Schweiz, 286'000 weltweit. Ob diese Statistik richtig ist, drüber zu Streiten ist müssig – den Kranken kann nicht mehr geholfen werden, sie sind schon tot. Ob sie ohne Corona auch gestorben wären? Sicher, irgendwann, früher oder später. Hoffentlich friedlich und nicht an Schläuchen, ruhig gestellt mit Morphium. Sterben müssen ja alle, auch die Verfasser und Verbreiter von krusen Ungereimtheiten. Vorher dürfen sie sogar – Bürgerrechte – gegen ihren eigenen Schutz und ihre eigene Sicherheit öffentlich demonstrieren.

03. Mai 2020

 

In eigener Sache:

 

Tote zählen

von Peter Züllig

 

 

Es sind inzwischen 1463 Tote in der Schweiz. Weltweit sogar 250'000 Menschen, die an Covid-19 gestorben sind. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein! Lautstark erschallt der Ruf: «Die Zahlen stimmen nicht!». Jetzt werden Erbsen gezählt, Entschuldigung: Tote. Viele dieser Toten waren alt und vorbelastet mit Krankheiten, wären also auch ohne Virus gestorben, bald. Nun wird also neu gerechnet: der Bund habe falsch orientiert, seine Bilanz stimme nicht. Die Kurve sieht anders aus, also sind Einschränkungen weit übertrieben. Zurück zu «cours normal», der Marktpreis: ein paar Tote. Dafür kann man doch die Wirtschaft nicht so beuteln, die Volkswirtschaft nicht schädigen, die Freiheit nicht so einschränken. Dass jeder Tote elend erstickt ist, bleibt Schicksal, eine böse Laune der Natur. Der Schmerz, das Elend, der Todeskampf gelindert durch Opiate, immerhin «medizinisch» betreut. Hauptsache die Kurven flachen ab, unser «Gesundheitssystem» bricht nicht zusammen, das Geschäft kann weitergehen. Das ist für mich geistige Euthanasie. Krankes, unrentables Leben hat zu verschwinden, nicht im Gasofen, viel humaner in gut ausgebauten Intensivstationen. Was mich dabei am meisten erschreckt, ist die Kaltschnäuzigkeit mit der – kaum sind die erschreckenden Zahlen bereinigt (oder frisiert) – wieder knallhart Politik betrieben wird. Immer vom so schönen Geisterwort «Solidarität» begleitet.

21. April 2020

 

In eigener Sache:

 

Der freie Markt

von Peter Züllig

 

 Das hohe Lied der freien Marktwirtschaft erklingt, vor allem in «guten Zeiten». Der Markt allein bestimmt, welche Produkte und Dienstleistungen in welcher Menge und zu welchem Preis angeboten werden. Jeder fremde Eingriff in dieses Machtgefüge ist schädlich und verwerflich, so die hohen Priester der freien Marktwirtschaft Doch der Markt, der kennt keine Moral. Eine Gesellschaft ohne Moral ist aber keine Gesellschaft, nur Horde machtgelenkter – in diesem Fall: marktgelenkter – Menschen. Bei jedem heftigeren Windstoss springt der Markt-Macht-Zug aus den Geleisen. Der Staat ist plötzlich für die Moral zuständig. Hautnah zu erleben jetzt, in der Corona-Krise. Da ergreift ein gefährlicher Virus die Macht und stört den Markt. Der erste Ruf aller Politiker: «Leben retten». Doch das ist kein Marktgesetz, vielmehr ein moralische Appell. Kaum ist der erste Scheck überwunden, dass die Moral plötzlich mitredet, beginnt auch schon die Empörung: «Es darf nicht sein, dass sich Hersteller von Schutzmaterial an der Not der Schweizer Bevölkerung bereichern», posaunt der SVP Politiker (und Unternehmer), Hans Grüter, in das von ihm und seiner Partei gebetsmühlenartig heruntergeleierten Bekenntnis zum freien Markt. Der Markt hat nichts anderes getan, als seine Maxime hochgehalten, den Markt geregelt. Die Schutzmaterialien sind jetzt dreimal so teuer, als zu Zeiten «ohne Not». Doch der freie Markt kennt eben keine Moral, weder in guten noch in schlechten Zeiten.

10. April 2020

 

In eigener Sache:

 

Der Glaube kann Berge versetzen

von Peter Züllig

 

Aufgewachsen in einem streng katholischen Milieu bin ich mit Heilslehren, dem Missionieren und sogar mit Verschwörungstheorien gross geworden. Zugegeben, sie haben mich anfänglich beeindruckt, dann aber immer mehr bedrückt. An die Maxime: «Der Glaube kann Berge versetzen», glaubte ich schon bald nicht mehr und das «Missionieren» habe ich nach den 68ern rasch eingestellt. Seither lebe ich – obwohl in vielen Dingen durchaus «gläubig» - ohne jegliche Ambition, andere zu bekehren. Und ich hüte mich, den vielen selbsternannten Aposteln zu folgen, ihren Heilslehren zu glauben und Verstand und Vernunft auszusperren. Jetzt aber – in Zeiten von Corona – fühle ich mich zurückgesetzt, in die Jahre meiner Kindheit. Umzingelt von Heilslehren, Ignoranz und üppig wuchernden Verschwörungstheorien, werde ich immer wieder in eine mittelalterlich anmutende «Glaubenswelt» versetzt. Homeoffice und zwei Meter Abstand können auch zur Glaubensfrage werden, genau so wie das berühmte «Brett vor dem Kopf». Die Frage ist nur: was ist erfolgreicher in einer «aufgeklärten» Zeit.

30. März 2020

 

In eigener Sache:

 

Flucht in die Realität

von Peter Züllig

 

Fluchtwege aus der Wirklichkeit sind so allgegenwärtig wie die Wirklichkeit selbst. Wohin fliehen? In eine andere Realität? In Träume? In Phantasien? In andere Welten?  Ein riesiges Angebot steht den Flüchtenden zur Verfügung: Von illegalen Drogen bis zu den legalen Traumwelten der Medien. Dazu gehört auch die berühmteste Phantasiestrasse, die «Lindenstrasse». Fast 35 Jahre war sie eine Wirklichkeit, die es gibt und doch nicht gibt. Programmiert: jeden Sonntag, dreissig Minuten, dann  – mit einem Cliffhanger – angehalten. Die Flüchtenden werden – für eine Woche - in ihre eigene Realität entlassen. Doch damit ist jetzt Schluss. Das Fernsehen (der WDR) spielt «Gottvater». Was in der Realität nicht geht, Realität wird abgebrochen, eingestellt. Es gibt – ab sofort - keine Mutter Beimer, kein Haus Nr. 3 und kein griechisches Restaurant «Akropolis“ mehr an der Lindenstrasse. Nach 879 Stunden der Realität – verteilt auf 1757 Tage – bleibt nur die Erinnerung und viele Bilder, die reale Geschichten dokumentieren. Abgebrochen wird nicht etwa, weil die Realität an der Lindenstrasse nicht weitergeht, sondern weil das Interesse erlahmt ist. Nur, die Lindenstrasse heisst nicht mehr Lindenstrasse, sondern hat viele andere Namen. So, wie der «Lindenstrasse» geht es allen «Strassen» der Welt. Irgendwann erlahmt das Interesse am Leben der Bewohner, an ihren Problemen, an ihrer Realität. Doch weil es eine andere Art von Realität ist, kann sie nicht durch Programmbeschluss und Knopfdruck beseitigt werden, wenn das Interesse der Öffentlichkeit erloschen ist.

18. März 2020

 

In eigener Sache:

 

Vulnerabel

von Peter Züllig

 

 Noch nie ist mir so schwergefallen meine Kolumne zu schreiben. In Zeiten des Notstands verschwinden die kleinen und grossen Probleme, der Alltag verändert sich, rückt weg, und mit ihnen viele Beobachtungen, die Fragen und Erlebnisse. All das, was sich in der Regel in meinen Kolumnen niederschlägt. Es gibt im Augenblick nur ein Thema: und das heisst Corona und seine Auswirkungen. Darüber hier zu schreiben, ist vermessen oder und kann nicht mehr bringen, als ohnehin schon gesagt, geschrieben und verordnet wurde.  Doch ein Wort, das dauernd auftaucht und dauernd wiederholt wird, beschäftigt mich. Ein Wort, das ich bisher zwar kannte (vulnus = die Wunde, versuchte mir der Lateinlehrer einst beizubringen), ein Wort, das ich aber kaum je gebraucht habe. Vulnerabel gleich «verwundbar» oder «verletzbar».

In der Krise stellt die Gesellschaft fest: es gibt besonders «vulnerablen Menschen». Sie werden in Bezug auf Corona  definiert: alte Menschen, kranke Menschen, Menschen mit «Vorerkrankungen». Sie alle sind besonders «vulnerabel» und sollen besonders geschützt werden. Da setzt mein Kolumnen-Sinnieren ein. Ich gehöre selber zu diesen Menschen. Zwangsverurteilt durch Alter und «Vorerkrankungen». Also werde ich gebeten, mich wegzusperren. Denn, wenn alle «vulnerablen» Menschen wirklich verletzt sind, bricht ein wichtiger Teil der Gesellschaft kartenhausähnlich zusammen: Das Gesundheitswesen, das eigentlich Krankenwesen heissen sollte. Die Medizin, die Pflege, die Spitäler… Ich ziehe mich zurück in meine «verordnete» Isolation und lasse meinen Gedanken freien lauf, über unsere «vulnerable» Gesellschaft, die so vieles kann und an so winzigkleinen Dingen - wie Viren - scheitert.

06. März 2020

 

In eigener Sache:

 

Geisterspiele

von Peter Züllig