In eigener Sache... (Kolumne).  Zweiter Teil ab Dezember 2017

Zum ersten Teil der Kolumnen "In eigener Sache)
(Sie erscheint in Abständen von ca. zehn Tagen auf der Frontpage der Website)

05. September 2020

 

In eigener Sache:

 

Süsser unschuldiger Mohrenkopf

von Peter Züllig

 

 Ein Satz hat mir keine Ruhe gelassen. Ein Satz aus einem Interview mit Nationalrat Alfred Heer (der fast SVP-Präsident wurde): «Die SVP ist keine rassistische Partei», sagte er, der prominenter SVP-Politiker (der es eigentlich wissen muss). Dann die Begründung: «Aber gäbe es eine relevante Partei in der Schweiz, die offensichtlich rassistisch wäre, könntest du natürlich nicht Mitglied einer solchen Partei sein. Ist ja logisch.» Ja, das ist logisch, selbst für einen SVP-Mann, der sich weit weg von jedem Rassismus Verdacht wähnt. Da bekommt die Logik aber arge Brüche. Ich erinnere mich an all die schreienden Plakate mit Messerstechern, schwarzen Schafen, grusligen Würmern, entsetzt schreienden Gesichtern, verschleierten Gestalten, die an Verbrecher erinnern; an die Slogans von Kosovaren, die Schweizer aufschlitzen, Muslime, die die Schweiz unterwandern, Parolen wie «Ausländer raus», ‘Nettikeiten’ wie «Sau Türken» und «Dreck Jugos». Bei jeder Abstimmung, in der es um Anliegen der «nichtrassistischen» SVP geht, werden die Wähler in aller Öffentlichkeit mit solchen Parolen umzingelt und umgarnt: laut, grell, pausenlos. Abgesegnet, ja lanciert von der Parteileitung, die sich so gern hinter einem «Sünneli» versteckt. Was ist das anders als Rassismus? Es gibt also doch eine «relevante Partei», die «offensichtlich rassistisch» ist. Und was sagt da die Logik des SVP-Politikers? Man kann  «natürlich nicht Mitglied einer rassistischen Partei sein. Ist ja logisch.» Der «blinde Fleck» in dieser Logik ist nur die Tatsache, dass öffentlicher Rassismus eben kein Rassismus ist (wenn er von einer «relevanten» Partei serviert wird), während der kleine Mohrenkopf, versteckt in Regalen mit Süssigkeiten, ein schrecklicher Auswuchs von Rassismus darstellt.

0423. August 2020

 

In eigener Sache:

 

La poubelle

von Peter Züllig

 

 «Poubelle» tönt eigentlich ganz elegant, sogar schön. Eine sprachliche Täuschung, denn das Wort bedeutet so viel wie «Abfallkübel», «Mülleimer». Mein Briefkasten hat sich zu einem öffentlichen «Poubelle» moutiert Ihn entsorge ich jeden Tag, mit wachsendem Ärger. Da scheinen ein paar Leute, Institutionen, Verkünder, Werber… etwas gründlich missverstanden zu haben. Fast täglich erhalte ich «Erweckungsliteratur». Da wird mir – meist anonym - die Welt erklärt und gesagt, was ich von der Welt zu halten habe. Zum Beispiel: Auf Glanzpapier, schneidig, gar nicht etwa schmuddelig, mit fünf QR-Codes versehen und vielen Behauptungen wie: «Es gibt keinen relevanten Anstieg der Fallzahlen und keine zweite Welle», dazu ein Link zum BAG. Die andern vier Codes sind dubioser – zum Teil wegen «Richtlinien-Verletzung» bereits gesperrt, resp. entfernt. Müll für Leichtgläubige. Der gehört in den Abfallkübel, nicht in den Briefkasten. Doch nicht nur zweifelhafte Belehrungsliteratur findet den Weg in den vermeintlich öffentlichen Poubelle. Ebenso häufig schriftliche Bettler. Sie wenden sich  weniger an den Verstand, als vielmehr an das Herz: Ein Herz für die Natur, ein Herz für die Vögel, ein Herz für Menschen, ein Herz für Anliegen aller Art…  Auch wenn das Herz ein lebenswichtiges Organ ist: so viel Herzen habe ich nicht! Doch ich weiss, wo es schlägt, für wen es schlägt, wie es schlägt… auch da brauche ich keine Belehrung, die sich an das «schlechte Gewissen» klammert. Am schlimmsten aber wird mein «Poubelle», pardon mein «Briefkasten», mit Werbung verstopft. Oft gebündelt zu «Gratiszeitungen», «Trendmagazinen», auf bunten Flyern (meist mit Wettbewerb!) dargeboten oder in (auf individuell getrimmte) Schreiben verpackt. Müllbelästigung, Tag für Tag. Sponsoring für die darbende Post und schlecht bezahlte private Verteiler. Alles andere als "belle".

12. August 2020

 

In eigener Sache:

 

Die Kultur des Erinnerns

von Peter Züllig

 

Da steh ich hoch über dem Rheintal vor einem Appenzeller-Bauernhaus, einem «Hämetli», das stolz – bereits etwas schief - seine bewegte Geschichte dokumentiert. Stumm zwar, aber eindrucksvoll. Mit seinen vielen kleinen, weissen Fenstern, den Fassaden-Schindeln, die langsam wegbröckeln und einem angebauten Stall, wo nebst Hühnern und «Chüngeln», zwei, drei «Chuli» Platz hatten. Alles veraltet, aus der Zeit gefallen. Der immer-feuchte Webkeller unter der «Stobe» weckt noch ein paar Erinnerungen. Bestenfalls im Heimatmuseum dem Vergessen entrissen. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in den Häusern und Höfen Leinen, später Baumwolle gewoben, ein lebenswichtiger, zusätzlicher Erwerb in der bäuerlichen Bevölkerung. Die Höfe waren nicht gross, der Boden karg, Wetter und Natur oft bedrohlich. Aus dieser Zeit ist auch dieses «Hämetli» übriggeblieben. Zwar oft geflickt, umgebaut, immer wieder der «neuen» Zeit leicht angepasst. Kein Kulturobjekt, eher ein altgewordenes, fast schon baufälliges Haus, zwar mit einem Hauch von Romantik, für Vergangenes. Rein materiell ist es heute aber eine Baugarantie. Hier kann - auf nicht eingezontem Land – an schönster Lage – neu gebaut werden. Zwar mit strengen Auflagen, in Bezug auf die Form, die Ästhetik und mit vielen Details, mit denen man Vergangenes, «zeitgemäss» zurechtstutzen - den heutigen Lebensformen anpassen, erhalten oder zurückholen möchte. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Kultur – auch Lebens- und Wohnkultur – kann nur in der Erneuerung und Anpassung weiter gedeihen. Dabei wird aber rasch vergessen, dass dann mehr als nur morsche Balken, Spalten und Ritzen, zerfranste Schindeln und klemmende Fenster, defekte Läden weggehobelt, ja ersetzt werden. Mit ihnen auch historisches Bewusstsein. Hier steht ein Haus – noch begehbar, bewohnbar, beschützend – das schon zur Zeit von Friedrich II. (der die Todesstrafe abgeschafft und die Kartoffel als «Volksnahrung» eingeführt hat) dagestanden ist. Zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs, wo auf den Schlachtfeldern um die Vorherrschaft in Europa gekämpft wurde, die Schweiz aber verschont blieb. Zur Zeit blutiger Bauernkriege in der Schweiz und der Abwanderung aus armen Berggebieten, um als Söldner fremden Mächten zu dienen. Zahlen nur? Verblasste Erinnerungen kaum mehr in Schulbüchern und Museen zu finden, auf Denkmälern und in Chroniken. Hier aber steht ein altes Haus, zwei-, dreihundert Jahre da gestanden, geliebt und geschunden, ein echter Zeuge für den nebulösen und oft vergewaltigten Begriff «Heimat». Eine kaum wahrgenommene Kulturstätte des historischen Gedächtnisses, als solche zum blossen Bauplatz entwürdigt. Allzu oft und allzu leicht wird mit einem Abriss, Um- oder Neubau auch «die Kultur der Erinnerung» ausgemistet. Nicht nur ein altes Haus «renoviert», sondern ein «Zeitzeuge» der Geschichte dem «Zeitgeist» geopfert.

30. Juli 2020

 

In eigener Sache:

 

 Masken statt Gesichter

 von Peter Züllig

 

Gepresst, scherbelnd, quietschend, zischend – die Stimme, nur schwer zu verstehen. Blick in die Leere, gegen den Himmel oder zu Boden. Das Gesicht verformt, verzerrt, bedrohlich nah, verkrampft und verunsichert. So präsentieren sich immer häufiger Menschen in Informationssendungen, auf fast allen Kanälen, selbst in der hochangesehenen SF-Tagesschau. Seit Corona den Wettlauf – mitten in der Zeit des verordneten Homeoffice - um möglichst authentische Quoten angekurbelt hat und die Kommunikation per Computer - in Bild und Ton - schon zum Alltag gehört, werden Gesichter immer häutiger zu Masken, sprechend zwar und sich bewegend, doch – wenn überhaupt verständlich – nicht berührend. Die Begegnung am Bildschirm mit Menschen, welche etwas zu sagen haben (deshalb lässt man sie am Bildschirm ja zu Worte kommen) wird entmenschlicht. Zu verzerrten Robotern gewandelt, zu Lieferanten von schlechtem Ton und schlechtem Bild gemacht. Informationsträger, die oft verzweifelt um Glaubwürdigkeit ringen, weil Bild- und Ton ihnen die Glaubwürdigkeit rauben. Muss das sein? Siebzig Jahre nach Einführung des Fernsehens? Nach einer technischen Entwicklung, die Bild und Ton jederzeit in Höchstqualität in jede Stube, in den hintersten «Krachen» bringen. Zu Zeiten des Lockout mag dies – als Notlösung - gehen. Nicht aber als Sparmassnahme, indem man auf professionelle Bild- und Tongestaltung verzichtet. Ausgerechnet bei Menschen, die es Wert wären, gehört und verstanden zu werden.

Die bisher hier veröffentlichten Kolumnen

17. Juli 2020

 

In eigener Sache:

 

Zwei Welten

von Peter Züllig

 

Wir leben in einer weltweiten Gegenwart. Was auch immer irgendwo auf der Welt passiert, wird schneller als in Windeseile publik, überall in der Welt, als Nachricht, in Bild und Ton, als Information, als Geschehen… Die Technik macht es möglich. Wer will, der kann alles sofort erfahren. Alles? Sicher, auf lange Sicht! Kurzzeitlich gibt es allerdings Barrieren: politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, rechtliche, technische…. Der Corona bedingte Lockdown hat dies wunderschön demonstriert. Während im Informations- und Nachrichtenbereich stündlich neuste Fallzahlen und weltweite Massnahmen kommuniziert werden, bleibt die Unterhaltung – vor allem in den visuellen Medien –abgeschottet von der Aktualität. In den Traum und Unterhaltungswelten – täglich millionenfach konsumiert - gibt es kein Lockdown. Während die Menschen in der Realität zuhause bleiben, Masken tragen, Abstand halten müssen, und, und, und, bewegen sich ihre Abbilder, Vorbilder, Ebenbilder in den virtuellen Konsumwelten als gäbe es keine weltweite Pandemie, als hätte es nie einen Lockdown gegeben. Wir leben also in zwei Welten, jener der allgegenwärtigen Gegenwart und jener der allgegenwärtigen Illusion. Sie liegt berührungsnahe beieinander, fühlt sich an wie eine einzige Wirklichkeit. Nicht nur in Corona-Zeiten.

03. Juli 2020

 

In eigener Sache:

 

Schon immer

von Peter Züllig

 

 Die wohl am häufigsten gestellte Interviewfrage: „Wie sind Sie dazu gekommen…?“ Und die noch häufigere Antwort: „Ich habe (war, konnte, machte, interessierte mich…) schon immer für…!“ Ja, dieses gern und rasch zitierte „Schon immer“ scheint eine ganz knifflige Frage im nu zu klären. Warum tut man etwas ganz Bestimmtes (vielleicht sogar Ausgefallenes),? Und – warum hat man dafür gar eine besondere Leidenschaft entwickelt hat? Vielleicht ist die Frage, wenn man ihr auf den Grund geht, schwierig, viel zu schwierig zu beantworten: Neigung, Gewohnheit, Faszination, Zufall…? Meist versteckt sich dahinter – bewusst oder unbewusst - ein ganzer Lebensentwurf. Und den kann (oder will) man nicht so gerne der Öffentlichkeit preisgeben. Also, die stereotype Verlegenheits-Antwort „Schon-immer“ auf eine stereotype (aber interessante) Frage: Warum man für dies oder jenes eine besondere Begeisterung entwickelt hat. Warum man für dies oder jenes so viel Zeit (Lebenszeit!) oder Energie oder Geld oder Aufwand mobilisieren kann? Es lohnt sich, der Frage einmal nachzugehen, warum man – oft sogar verbissen, über längere oder lange Zeit – ein Interesse, eine Leidenschaft entwickelt hat, ein «Freak» geworden ist. Gedanken - in eigener Sache - eines Sammlerfreaks.

26. Juni 2020

 

In eigener Sache:

 

Schon immer

von Peter Züllig

 

Die wohl am häufigsten gestellte Interviewfrage: „Wie sind Sie dazu gekommen…?“ Und die noch häufigere Antwort: „Ich habe (war, konnte, machte, interessierte mich…) schon immer für…!“ Ja, dieses gern und rasch zitierte „Schon immer“ scheint eine ganz knifflige Frage im nu zu klären. Warum tut man etwas ganz Bestimmtes (vielleicht sogar Ausgefallenes),? Und – warum hat man dafür gar eine besondere Leidenschaft entwickelt hat? Vielleicht ist die Frage, wenn man ihr auf den Grund geht, schwierig, viel zu schwierig zu beantworten: Neigung, Gewohnheit, Faszination, Zufall…? Meist versteckt sich dahinter – bewusst oder unbewusst - ein ganzer Lebensentwurf. Und den kann (oder will) man nicht so gerne der Öffentlichkeit preisgeben. Also, die stereotype Verlegenheits-Antwort „Schon-immer“ auf eine stereotype (aber interessante) Frage: Warum man für dies oder jenes eine besondere Begeisterung entwickelt hat. Warum man für dies oder jenes so viel Zeit (Lebenszeit!) oder Energie oder Geld oder Aufwand mobilisieren kann? Es lohnt sich, der Frage einmal nachzugehen, warum man – oft sogar verbissen, über längere oder lange Zeit – ein Interesse, eine Leidenschaft entwickelt hat, ein «Freak» geworden ist. Gedanken - in eigener Sache - eines Sammlerfreaks.

Die bisher hier veröffentlichten Kolumnen

18. Juni 2020

 

In eigener Sache:

 

Sprachkosmetik

von Peter Züllig

 

 

Die süssen Mohrenköpfe haben (nicht zum ersten Mal) einen bitteren Kampf ausgelöst. Den Kampf um die richtigen Worte, den richtigen Sprachgebrauch. Tatsächlich liegt in der Sprache ein gutes Stück Zeitgeist, formuliertes Denken. Nur, die Sprache ist viel träger, undifferenzierter als das Denken, aber auch viel beständiger und nachhaltiger. Elemente der Sprache stehen auch für Gefühle, für Wertvorstellungen, für vieles, was nicht gesagt wird. Nicht verwunderlich, dass so auch Sprache schnell zum Steigbügelhalter oder zum Prügelknaben mutiert. Man denkt an ein bestimmtes Verhalten, einen Zustand, eine ungerechte Sache und kämpft verbissen um Wörter. Nicht etwa um Worte, vielmehr um einzelne Wörter, losgelöst von Inhalt, Tradition und Sprachverständnis. Der Feind ist in der Sprache, nicht im eigenen Denken und Verhalten. Der Feind lauert draussen, überall. Man ist empört über Zustände, pocht auf Veränderungen, verlangt menschenwürdigeres Verhalten. Es wären Taten angebracht. Zum Beispiel anderes Verhalten in vielen alltäglichen Dingen, auch wenn es wehtut; bewusstes  Mitentscheiden bei politischen Fragen, an der Urne; Handeln, auf Grund des Gemeinwohls und nicht von wirtschaftlichen Vorteilen bestimmt; umweltfreundliches Konsumieren… Da ist es doch viel bequemer, Schuldige in Wörtern zu suchen und sie zu verbannen. Kosmetik funktioniert auch in der Sprache.