In eigener Sache... (Kolumne).  Zweiter Teil ab Dezember 2018

10. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Sprüche klopfen

 

«Es gibt nicht den Bauch. Es gibt nicht den Kunden, deshalb ist die CSS keine Krankenversicherung für Kunden. Sondern für Menschen». Ich gehöre – seit mehr als 75 Jahren – zu den Personen, die – gemäss der CSS (Christlichsoziale Krankenkasse der Schweiz) nicht Kunden, sondern Menschen sind. «Ganz persönlich», dieses Sprücheklopfen habe ich satt. Ich bin indirekt «Kunde» von drei Krankenkassen; zumindest habe ich Erfahrung mit drei unterschiedlichen Versicherungen, da meine Tochter und meine Partnerin «Kunden» anderer Kassen sind. Ich habe nicht nur das Gefühl – sondern auch viele Belege – dass ich nicht nur der «beste Kunde» bin (mit den höchsten Prämien für etwa die gleichen Leistungen), sondern auch der «schlechteste Mensch». Denn das, was ich mit der CSS erfahre, ist - im Vergleich zu den anderen Kassen - weder kunden- noch menschenfreundlich. Und dies über viele Jahre und viele Beispiele. Jüngstes Müsterchen: Zurückführungskosten bei Krankheit (oder Unfall) im Ausland. Als Journalist (mit «menschlichem» Beruf) erfahre ich erst jetzt – längst nach meiner Pensionierung – dass ich dafür nicht versichert bin, nie versichert war. Zusatzversicherung – jetzt für 16 Tage Russland - 30 Franken. Während dies, bei meiner Partnerin – mit der ich reise – selbstverständlich in ihrer Versicherung eingeschlossen ist. Sprüche klopfen, satt Leistung (und individuelle) Beratung. «Ganz persönlich», ich empfinde dies – weil es nicht ein, sondern einer von vielen Fällen ist - als Skandal.

03. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Kartensalat

 

Das Sammeln ist des Sammlers Lust. Allerdings nicht immer, nicht überall. Und nicht alles, was man sammeln sollte, macht auch wirklich Freude. Es bereitet genauso oft auch Ärger, Unlust und sogar Wut. Zum Beispiel, die x-Duzend Plastikkärtchen, die man sammeln und mit sich tragen sollte. Immer und überall, sonst hat man sie nicht zur Hand, wenn man sie zur Hand haben müsste. Automaten lieben sie heiss, von Bargeld wollen sie meist nichts mehr wissen. Automaten sind eben Automaten, keine Menschen. Wer zum Beispiel nur eine Bankkarte hat, ist sicher schon morgen «aufgeschmissen». Irgendein Automat verweigert die Annahme – warum auch immer. Ist ihm völlig egal, ob man Geld, zu Essen, eine Fahrkarte oder was immer braucht oder gar dringend auf die Toilette muss. Eine gültige Karte muss her. Doch seine häufigste Reaktion: «Diese Karte ist ungültig» Wenn es nur das wäre! Da sind auch die amtlichen «Papiere», der Führerschein, die Identitätskarte, die Krankenkassenkarte, die Versicherungskarte, die Fahrkarte und, und, und… Ohne sie - im Einheitsformat, 4,5x8.5, vollgestopft mit Codes und Sicherheitscodes – lässt sich nicht mehr gut leben. Wehe, wenn man aber eine der Karten verliert oder sie gestohlen wird, dann ist der Teufel los. Sperren, Erklären, Begründen, Neubestellen, Warten, Warten… Ein ordentliches Stück Arbeit und viel Ärger. Auch wenn man sie nur – im Wirrnis des Codes-Salates – in die falsche Tasche gesteckt hat. Sind Peinlichkeit und Ärger programmiert. Karten dienen auch der Kundenregistrierung und Lockvogel für Rabatte. Für jede Firma eine andere Karte. Die neueste (sicher nicht letzte) Kartenidee sind die «Geschenkkarten». Genauso unhandlich und zerbrechlich wie die anderen Karten, genauso so ungebraucht wie an den meisten Tagen im Jahr. Nur konzipiert für den Tag und den Fall, wo man sie unbedingt braucht und garantiert nicht bei sich hat.

20. April 2018

 

In eigener Sache:

 

Wortbeschönigung

 

Man möchte den Alltag hinter sich lassen, verreisen, die Welt erleben… Ferienträume, der Gang zum Reisebüro. Da können die Flüge gebucht, das Auto gemietet, die Hotels reserviert, die Insel gewählt werden. Ein freundlicher  Empfang, ein Herr, eine nette Dame hinter bequemen Tischen. Vor sich eine Tastatur, einen grossen Bildschirm, etwas abgerückt, damit er nichts verdeckt, ein schnittiges Flugzeugmodell, ein, zwei farbige Wimpel, unübersehbar ein Namensschild. Träume sollen in Erfüllung gehen. Das ist viel angenehmer, als am Bildschirm zu surfen, den besten Preis zu eruieren, den schönsten Ort zu finden…und sich durch die Fallstricke von Computerprogrammen zu quälen. Das überlässt man gerne dem freundlichen Herrn, der netten Dame, auf der anderen Seite des Tischs. Ihr Beruf – hochoffiziell, gelernt und geprüft – Reiseverkehrskaufman oder –frau. Eine Berufsbezeichnung, die mit einem Schlag alle Träume zerstören kann: Kaufen, Verkehr... Das geht doch nicht! Flugs wird aus dem Reiseverkehrskaufmann ein Reisedesigner oder eine Reisedesignerin. Ein Designer, das ist doch ein Gestalter,  ein Entwerfer, ein Künstler – kreativ und nur um das Schöne bemüht. Nein, ein Designer ist den Träumen und Wünschen von Kunden viel näher. Euphemismus heisst das griechische Fremdwort für diesen Wortwandel, zu deutsch Wortbeschönigung. Der Duden gibt dafür gleich ein Beispiel: das Bordell wird zum Freudenhaus. Und alle ist viel schöner, eben designed.

09. April 2018

 

In eigener Sache:

 

Lehrstück der Marktwirtschaft

 

Mächtig geärgert habe ich mich, als ich das sportliche Ereignis – wollte ich dabeisen - lesen musste. Häppchenweise lesen, so alle Minute eine Meldung, bis zum Schlusspfiff: S i e g! Live-Stream nennt sich das, ein Bildersatz für Sportereignisse, die «exklusiv» verkauft wurden und bis zum Geht-nicht-mehr gesponsert werden. Direkt und indirekt auch von der Öffentlichkeit. Das Dabeisein kostet, Eintritt natürlich, auch nicht gerade wenig. Inzwischen hat sich das Dabeisein erweitert zum Pseudodabeisein am Bildschirm. Die Angst der Veranstalter, die Leute würden nicht mehr kommen, hat sich nicht bewahrheitet. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Sportstätten füllen sich nur, weil das Fernsehen dabei ist. Für das Fernsehen ist «Dabeisein» auch Werbung für den Medienauftritt. Dieser wird jährliche durch Gebühren bezahlt, politisch ausgehandelt, staatlich abgesegnet. Das haben private Anbieter recht gut verstanden. Mit verlockenden Angeboten haben sie Exklusivrechte erworben. Das Dabeisein ist zum Bezahlfernsehen mutiert. Nicht nur das: Auch zum Zwang ein privates Unternehmen zu nutzen, das die Vorleistung von Gemeinden und öffentlichen Institutionen zur Verkabelung der Schweiz schamlos verhökert hat, mit miserablen Leistungen und einem noch miserableren Service. So sehr verärgert, dass ich – nach mehr als 20 Jahren - den Kabelanschluss plombieren liess und den Anbieter gewechselt habe. Jetzt tritt dieses Unternehmen «neu aufgestellt» mit exklusiven Angeboten – Mark tauschliessend – auf den Plan. Ihr einziges Bekenntnis. Bezahlen oder Verzichten (was bisher ein Teil der Leistung des öffentlichen TV-Angebot war). Lehrstück des sogenannt «freien Marktes»!

29. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Sprachirrungen und -verwirrungenn

 

Unter den Gaben, die Gott den Menschen geschenkt hat, ist auch die Sprache. Indem er Adam mit göttlichem Geist ausstattete, übertrug er ihm auch die Sprachfähigkeit (1. Mose 2,7). Auch wer mit dem christlichen Gott und der Bibel Mühe hat und Sprache eher einer Kulturleistung als der Gottesgabe zuordnet, versteht die Geschichte der Babylonischen Sprachverwirrung und das Bild des Turmbaus zu Babel (Gen 11,1–9). Babel hat sich nämlich bis heute erhalten. Ein babylonischer Turm wird immer auch dann gebaut, wenn Wahlen anstehen. Da ist Sprachverwirrung und -irrung gewünscht. Man soll aus den viele Versprechungen möglichst viel – alles (oder auch nichts) – verstehen können. Leerformeln statt Verbindlichkeit. Es ist die Sprache der plakativen Werbung, der wir eigentlich skeptische gegenüberstehen, weil wir alle schon unsere schlechten Erfahrungen gemacht haben. Eine kaum zu überbietende Leerformel prangt zum Beispiel auf der Werbung der SVP: «Mehr Schweiz». Dafür müssen natürlich zwei - auf Glanzfolie abgebildeten - Köpfe in den Gemeinderat. Die sich als liberal-sozial bezeichnende CVP möchte hingegen «mehr Bubikon». Dies erinnert mich an zwängende Kinder, die schreien, wenn ihnen etwas gefällt: «No meh!» Doch sie sind entschuldigt, sie müssen das Denken halt noch lernen.

19. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Sporttabelle

 

Meine Sportbegeisterung ist einseitig. Ein «echter» Sportfan würde sogar sagen: gar nicht vorhanden! Da gibt es zwar - seit ich als Jugendlicher selber auf Schlittschuhen stand - einen Eishockeyklub, der meine «bevorzugte» Mannschaft bezahlt. Eigentlich nur interessant, wenn man dafür jubeln und leiden kann. Ich hasse beides, das Jubeln und das Leiden. Also gehe ich eher auf sportfernen Pfaden. Da gibt es aber noch die Tennisbälle – obwohl ich nie im Leben einen in der Hand gehalten habe – denen ich fasziniert nachschaue, auch wenn sie nicht von Göttern geschlagen werden. Der Winter bringt Schnee und Eis, auf denen verbissen um Ränge und Punkte gerast, gefahren und geschossen wird. Schliesslich sind – alle vier Jahre -  olympische Spiele, an denen  Nationen zu Gold, Silber und Bronze schmilzen. Ab und zu treten auch Nationen mit elf Männern oder Frauen zum 90-Minuten-Kampf an, als wäre es ein Krieg der Nationen. Gegenüber all dem – und noch ein paar Sachen mehr - stehe ich gelasssen gegenüber. Doch ich kann ich mich nicht (ganz) entziehen. Am Bildschirm juble und leide ich mit. Jedenfalls so lange, bis mir wieder bewusst wird: Da treten zehn, fünfzig oder gar hundert Menschen zum «friedlichen» Kampf an, um auf einer Rangliste ganz oben zu stehen. Diese leuchtet – am Bildschirm – kurz auf, wird staunend, lobend, anerkennend oder fluchend zur Kenntnis genommen. Die Namen, die zuoberst stehen, werden bejubelt, gelobt, andere vermisst. Über die ersten auf der Sporttabelle wird gesprochen. Und die anderen 9, 49 oder 99.? Sie verschwinden blitzschnell aus der Tabelle und  rasch aus unserem Gedächtnis. 

13. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Den Stecker ziehen

 

«Bleiben Sie mit Ihren Freunden in Kontakt. Immer. Überall.» Das Bild einer strahlenden jungen Frau. Darauf der Stempel: «-50%». So die Werbebotschaft eines Netzanbieters. Minus fünfzig Prozent! Worauf bezieht sich dies? Ich bin der festen Überzeugung: Auf die Lebensqualität! Immer erreichbar, überall! Muss das sein? Will ich das überhaupt? Der «Segen» der immer dichteren Netze hat sich längst in einen «Fluch» verwandelt: Handy-Netz, Internet-Netz, Video-Netz, eMail-Netz, Social-Media-Netz… Sie alle umgarnen uns. Immer und Überall!  Es sind nicht nur die Freunde, welche sich darin tummeln. Es sind Werbende, Verlangende, Ungeduldige, Fragende, Schmeichelnde, Behauptende… Darunter viele «falsche Freunde»! Sie alle rennen durch die Netze. Kommunikation ist nur ein Klack. Ohne Gesicht. Ohne Stimme. Ohne Empathie. Ohne unterschied für das was wichtig ist, was unwichtig, was Anmassung, Belästigung. Nicht nur das. Alle verlangen Beachtung, eine Reaktion, eine Antwort. Sofort, immer, überall! Jedes Netz ist ein Flächengebilde mit Öffnungen. Auch wenn es immer engmaschiger wird, versuche ich immer häufiger durchzuschlüpfen. Wenn dies nicht mehr geht, zerreisse ich es. Oder ziehe einfach den Stecker. 

04. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Nur ein Satz

 

Eigentlich wollte ich den Ausspruch unkommentiert, dem Vergessen anheimfallen lassen. Der Anlass – der Abstimmungskampf um die No-Billag –Initiative – ist  morgen vorbei. Durch eine Mehrheit entschieden. Doch der Satz – so fürchte ich – wird weiterleben, sich durch die Köpfe robben und recht bald wieder auftauchen, wo und wann er nützlich ist. Es ist der Satz, oder besser das Bekenntnis, einer unglaublich kulturlosen Geisteshaltung. Ein Satz, der nur die eigene Person umkreist, und den eigenen Vorteil, die eigene Welt in sich birgt. Es ist der Satz einer bankrotten Gesellschaft, die glaubt am Bankschalter das Leben – auch das Zusammenleben – kaufen zu können. Und dabei nur so viel zu bezahlen bereit ist, wie er  für sich selber braucht. Unten und oben, rechts und links, da sind nur die anderen, die - so wird vorausgesetzt  gleich denken und handeln. Jede Kultur, jede Solidarität, jede Gemeinschaft, jede Humanität wird dem eigenen Ego unterworfen. Eigentlich ist der Satz: „Ich bezahle nur das, was ich auch brauche“, strohdumm. Eigentlich! Aber er ist auch brandgefährlich, weil er Gemeinschaft leugnet und jede Gesellschaft vernichtet. 

23.  Februar 2018

 

In eigener Sache:

 

Freundlichkeit statt Arroganz

 

Behinderte wollen nicht Mitleid, vielmehr Akzeptanz. Sie setzen auf eine Welt voll Rücksicht und jenen Erleichterungen, die ihnen das Dabeisein erst möglich macht. Diese Einsicht ist nicht neu, doch sie wird immer mehr institutionalisiert, delegiert an Vorschriften, Forderungen, Gesetze, und damit dem entzogen, was eine Gesellschaft ausgezeichnet. Das Miteinander, das Verständnis, das Füreinanderdasein. Dazu gehören auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Zum Beispiel das Anbieten eines Platzes in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn ein älterer Mensch oder ein Behinderter keinen Sitzplatz findet. Die Hilfe beim Überqueren einer Strasse. Das Mit-Tragen einer Tasche oder eines Koffers, wenn die Kräfte nicht mehr reichen. Selbstverständlichkeiten, würde man meinen. Weit gefehlt! Alles muss reglementiert werden. Sitzgelegenheit für Behinderte im Zug. Da haben Behinderte das Recht, den Platz in Anspruch zu nehmen, andere Menschen wegzuweisen. Ein Recht, das oft erstritten wird mit Pochen auf das Recht, mit Einforderung auf Rücksicht. Dies aber funktioniert nur schlecht und wirkt rasch einmal arrogant. Gefragt wäre Freundlichkeit statt Arroganz. Alles ginge viel leichter, auch ohne Reglementierung. Eigentlich ganz einfach.

07.  Februar 2018

 

In eigener Sache:

 

Umdefinitionen

 

Rhetorik, die Kunst der Rede, ist ein wichtiges Instrument der Macht. Schon dort, wo der Begriff geprägt wurde, in der griechischen Antike, spielte sie eine entscheidende Rolle, wenn es um politische Meinungsbildung ging. Das ist noch immer so. Menschen, welche die Rhetorik beherrschen und gezielt anwenden, beeinflussen das Verhalten der Menschen. Nicht nur ihre Meinung, auch ihre Befindlichkeit. «Wir sind Papst», in tausendfacher Abwandlung, ist ein Beispiel für den Kult der Schlagzeilen. Zur Rhetorik gehören aber nicht nur Schlagworte; es gibt ein ganzes Arsenal von Methoden, Tricks und Kniffs, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Die «Umdefinition» ist so ein Trick. Nach Abstimmungen, aber auch im Sport, im Beruf, im Alltag, wird das Verlieren zur «echten Chance», die Trauer zur «grossen Hoffnung», der Krieg zur «Befriedung». Oder - aktuell - werden Gebühren zu «Zwangsabgaben». Rhetorik kann – sie muss aber nicht – Demagogie sein. Umdefiniert heisst dies: sie wird sie zur «Klärung», zur «Aufklärung», oder zur "Selbstbestimmung".

Die bisherigen Kolumnen hier

29  Januar 2018

 

In eigener Sache:

 

Macht und Unsterblichkeit

  

Alle reden über ihn. Seit Tagen, seit Wochen. Die Berufsschreiber schreiben, die Schreibfaulen twittern. Meist nicht sehr freundlich, eher ordinär; so ordinär, wie er sich gibt. Eine Schleimspur zieht sich durch die Schweiz.  Er ist der Mann, «dessen Namen man nicht nennen darf», oder nicht sollte, oder nicht möchte. Selbst wenn seine Anhänger ehrfurchtsvoll von ihm reden, wenn er eine Unterschrift auf ein Machtdokument setzt, wird sein Name umschrieben. Alle zucken zusammen, wenn er im Klartext ausgesprochen wird. Natürlich rede ich von Lord Voldemort, dem «Dunklen Lord» (im Originaltext: «Dark Lord»), dem Widersacher von Harry Potter, dem machtbewussten Zauberer der sieben Büchern von Joanne Kathleen Rowling. Zehn Jahre lang geistert er durch die Phantasien von Jung und Alt. Immer wieder mit neuen schrecklichen Taten und düsteren Plänen. Dann aber muss auch er - mit letzten Potter-Band - das Geisterreich verlassen. Sein Zauberwort hat keine Kraft mehr, nur sein Erbe lebt weiter. Kurze Zeit in den Köpfen, dann nur noch in sieben Büchern, die allmählich verstauben und in Vergessenheit geraten. Vorbei das Zittern, vorbei der Spuck.  Niemand redet mehr über ihn..

19  Januar 2017

 

In eigener Sache:

 

Ein bequemes Leben

 

 

Es wäre doch so einfach, würde ich all den Aufforderungen folgen, die jeden Tag in meinem elektronischen Briefkasten landen. Oder doch nicht? Zum Beispiel:  «Reite auf der Bitcoin Bitcoin Welle und verdiene garantiert €13.000 in genau 24 Stunden.» Kann ich das glauben? Das, mit dem Glauben, ist so eine Sache. Leichtgläubig – so glaube ich – bin ich nicht. Aber wenn es um 13'000 Euro geht – und zwar in genau 24 Stunden – könnte man doch all die Lebenserfahrungen (für einmal) beiseiteschieben… Aber halt! Reiten kann ich nicht. Wie soll ich da mit Reiten Geld verdienen? Für solche Überlegungen bleibt keine Zeit. Der nächste elektronische Wurf ist schon da: «Nach unserem Besuch Ihrer Homepage möchten wir Ihnen ein Angebot von Produkten vorstellen, das Ihnen ermöglichen wird, den Verkauf Ihrer Produkte deutlich zu erhöhen». Welche Produkte? Ich verkaufe keine Produkte auf meiner Homepage. Nicht einmal Dienstleistungen. Hat das der «Besucher» denn nicht bemerkt. Ein Roboter hat nur einen beschränkten Verstand. Er kennt nämlich nur den Gewinn (seinen) und den Verlust (meinen). Gottseidank brauche keine teure Armee, um ihn mir vom Leibe zu halten. Nur ein guter Spam-Filter.

09  Januar 2017

 

In eigener Sache:

 

Mühe mit Traditionen

 

Traditionen sind ein Stück Kultur. Darin verpackt – oft kaum zu erkennen oder gar einzuordnen: vergangener Zeitgeist, Brauchtum, Geschichte, Lebensumstände und nicht zuletzt auch Glaube und Aberglaube. Rund um Weihnachten und Neujahr häufen sich – weltweit – die Rituale, Bräuche und Traditionen. Dazu gehört der Brauch des Dreikönigkuchens und die damit verbundene Königswürde für einen Tag. Schon in vorchristlicher Zeit wurde zu Ehren des „Gottes der Aussaat“ (Saturnus) an einem Festmahl im Januar um eine zeitlich begrenzte Königswürde gewürfelt. Im nordischen Brauchtum erfüllten spezielle Kuchen mit eingebackenen Bohnen die Wünsche von Menschen. Im Christentum tauchten dann die drei Könige aus dem Morgenland auf. Die Vermischung heidnischer Bräuche und christlicher Deutung führte schliesslich zum Dreikönigskult. Der Kuchen und die Krone sind bis heute geblieben. Doch mit den Königen – gar mit den Heiligen Dreikönigen – hat man heute Mühe. So ist aus meinem Dreikönigskuchen nicht etwa ein König, schon gar kein heiliger, gestiegen, sondern „Peppa Pig“ eine britische Comic-Figur. Was hat die hier zu suchen? Etwas Aberglaube (ein vermenschlichtes Säuli), viel Zeitgeist (Comic-Figur) und das Unverständnis für Brauchtum, haben das ersetzt, was an kulturellen Werten verloren gegangen, ideologisch missbraucht und tüchtig kommerzialisiert worden ist .Die bisherigen Kolumnen hier

16  Dezember 2017

 

In eigener Sache:

 

Nachhilfeunterricht

 

Auch das Bundeshaus in Bern – mit den beiden nationalen Parlamenten – wird nicht verschont von weltweiten Grabsch-Enthüllungs-Welle. Zuerst war es ein Parlamentarier, der Frauen zu nahegekommen sein soll. Dann ging sie los, die nationale Empörung. Ob Hinterbänklerinnen oder Vorderbänklerinnen, viele hatten etwas dazu beizutragen. Statt sich zu empören - zum Beispiel über die Verweigerung, freigewordene Millionen der kränkelnden AHV zuzuschieben oder anderen Entscheiden, die das Wohl der Schweiz betreffen – empört man sich lieber über Grabscher im Bundeshaus. Habe ich richtig verstanden: erwachsene Frauen, Politikerinnen, die gewählt wurden, für Lösung nationaler Probleme zu kämpfen, sind nicht in der Lage – an Ort und Stelle, wo auch immer im Bundeshaus – allfällige Grabscher direkt in den Senkel zu stellen? Da herrscht kein Abhängigkeits- oder Arbeitsverhältnis, das geschützt werden muss. Da begegnen sich selbstbewusste Menschen, die über das Wohl der Schweiz bestimmen, nicht anonym, gut vernetzt in Partei und Fraktion. Im Bundehaus – so wird berichtet – sorgte während Tagen ein Thema für grosse Unruhe: ein Merkblatt der «Verwaltungsdelegation» des Rates , das den Parlamentariern und Parlamentarierinnen den Unterschied zwischen Flirten und Grapschen erklärt. Nachhilfeunterricht für Schwererziehbare?

02  Dezember 2017

 

In eigener Sache:

 

Rites de Passage

 

Sind wir ganz befreit vom Aberglauben? Diese Frage stellt sich bei allen Übergängen im Leben, vom Einen zum Anderen, vom Alten zum Neuen, vom Vertrauten zum Unbekannten. Solche Situationen – so der Soziologe – werden auch in modernen Gesellschaften als potentielle Gefahr erlebt. Sie seien am besten rituell zu bewältigen, in sogenannten „Rites de Passage“, Übergangsriten. Sie entspringen weniger einem Aberglauben als der Dokumentation und Absicherung eines Übergangs von einer bekannten zu einer unbekannten, von einer gesicherten in eine ungesicherte Lebenssituation. So beginnt bei mir – seit bald fünfzig Jahren – jedes Jahr mit 12 Traubenbeeren, die ich um Mitternacht bei jedem der 12 Glockenschläge zu mir nehme, jede Beere von einem Wunsch begleitet. Dies sei ein spanisches Ritual, habe ich mir sagen lassen. Doch in diesem Jahr hat das Ritual bei mir nicht stattgefunden. Ich habe schlicht und einfach vergessen, Trauben zu kaufen. Ein paar Minuten vor Mitternacht kam es mir in den Sinn. Zu spät! In all den vielen Jahren – wo immer in der Welt ich gerade war – ist mir dies kaum je passiert. Ein schlechtes Omen? Aberglaube? Nein, daran glaube ich nicht, aber an die Tatsache, den ersten vertrauten Schritt im neuen Jahr verpasst zu haben. Alle bisherigen Kolumnen hier