In eigener Sache... (Kolumne).  Zweiter Teil ab Dezember 2018

11. März 2019

 

In eigener Sache:

 

Vandalen Akte

 

Da hängen sie wieder, an Bäumen, Pfählen, Kandelabern – in den grünenden Wiesen, winterharten Gärten - an lottrigen Scheunen und – weit gepflegter – auf kostenpflichtigen Plakatwänden, an Häusern, in Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen… und sie lächeln verkrampft, starren in die Welt, blecken die Zähne, bemühen sich um Ausdruck und Gesten der Entschlossenheit. Hauptprobe für den gesamtschweizerischen Wahlherbst, zumindest im Kanton Zürich. Ob Frau oder Mann oder gar kleine Rudel Konterfeis: sie ähneln im gespielten Lächeln-Ernst. Die Bedeutung ihres Plakatdaseins ist mit Händen zu greifen. Wen überrascht, dass immer öfter mit Händen gegriffen wird, um die Säulenheiligen unbotmässig zu verzieren – andere sagen: beschmutzt – oder gar von den Brettern und Wänden zu holen? Vandalen Akt, schreien vor allem jene, welche den provokativsten Stil in die Partei- und Wahl-Propaganda eingeschleppt haben. Verunglimpfung, Ausgrenzung, Schlagworte, Kriegsrufe und Einteilung der Welt in Schwarz und Weiss, in Gut und Bös… Kein Wunder, dass die zu «Gutmenschen» erklärten Bösen, die selbsternannten Guten - das eine oder andere Mal - vom Sockel holen.  Gewalt erzeugt Gewalt. Es gibt eben auch geistige Vandalen Akte und die sind leider polizeilich nicht zu ahnden.

01. März 2019

 

In eigener Sache:

 

Betrunken?

 

Bücher seien ein wertvolles Kulturgut, sagt man. Seit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert wird dies – schon in der Schule – gesagt und gelehrt. Es gab zwar immer wieder Umwälzungen, sogenannte «Medienrevolutionen», welche das Buch verdrängten, ihm stark zusetzen. Totzukriegen war es nicht. Es lebt weiter, mit oder neben all den «Neuen Medien», die sich inzwischen lawinenartig verbreiten. Allerdings, wer eine eigene Büchersammlung, zuhause sogar eine kleine Bibliothek hat, und diese «entrümpeln» oder gar entsorgen möchte (oder muss), dem wird bewusst und klipp und klar gesagt: «Wertlos», zumindest als Handels- und Verkaufsobjekt Weder Brockenstuben noch Antiquariate wollen sie (mit Ausnahme ganz alten, ganz speziellen oder raren «Schunken»).  Meist endet alles Bemühen in der Papier- oder Müllabfuhr. Gestern nun eine neue Erfahrung; in einer Online-Wein-Auktion wurden, eigentlich überraschend, zwei Positionen (Lots) Weinbücher angeboten, 12 Stück zu 10 Franken. Was ist passiert? Es wurde geboten, der Hammer fiel ist erst bei 190, respektiv 195 Franken gefallen. Auch wenn «Weinbücher» etwas teurer und vielleicht auch seltener sind (kleine Auflage, meist mit vielen Bildern), aber auch schnell, sehr schnell inhaltlich überholt sind, mein Glaube an die Kultur des Buchs wurde gestärkt. Oder waren die Bieter schon betrunken?

16. Februar 2019

 

In eigener Sache:

 

Achtung Gefahr!

 

Ein Eierkocher - einfach und bescheiden - macht mir so richtig bewusst, wie kompliziert und gefährlich das Leben geworden ist. Das kleine Gerät kann nur zwei Dinge: Eier kochen und – leicht aufwändiger – Eier pochieren. Das hat meine Mutter noch am Herd gemacht, problemlos, so nebenbei – nicht der Rede wert. Ich hingegen habe jetzt ein spezielles Gerät dafür und - um es zu bedienen - eine «Original-Bedienungsanleitung» im A5-Format, mit 84 Seiten. Ein erster Schreck? Soviel ist zu Lesen um Eier zu kochen. Doch Fehlanzeige, nur 12 Seiten davon sind Instruktionen, der Rest Wiederholungen in sechs Sprachen. Doch bereits auf den ersten Seiten ein neuer Schreck! Dick und fett prangt da in Signalfarben: «Gefahr – Warnung – Vorsicht – Hinweis», 22 mal, auf nur elf Seiten. Unter den vielen Warnungen die Feststellung: «Lebensgefahr durch elektrischen Strom!» Lebensgefahr beim Eier kochen? Wirklich? Oder steht das alles nur da, weil wir verlernt haben, reale Gefahren zu sehen, mit ihnen im Alltag zu leben, andere dafür verantwortlich machen. wenn etwas passiert und nicht unsere eigene Dummheit und unser angebliches Nichtwissen. In diesem Fall wehrt sich - in weiser Voraussicht - der Hersteller des Eierkochers, gegen den Vorwurf, nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. Nicht nur Bomben, Kugeln, Messer etc. sind lebensgefährlich. Auch Eierkocher!

02. Februar 2019

 

In eigener Sache:

 

Selfies

 

Eine Inflation von Bildern schwappt über uns. Es gibt nicht mehr nur die Wirklichkeit, es gibt auch unendlich viele Abbilder der Wirklichkeit, Interpretationen, weit häufiger bloss Abklatsch, technisch meist auf ansprechendem Niveau, inhaltlich hingegen unglaublich eintönig. Am häufigsten taucht die Aussage auf: I c h und die Welt, i c h  und die Berühmtheit,  i c h  und mein Freund, meine Freundin,  i c h  an einem bestimmten Schauplatz, i c h  bin da, i c h  bin dort; das Zauberwort: Selfies, «alle Augen auf mich!». Und dann, ab ins Internet. Bitte, möglichst viele Betätigungen, «likes» genannt. Bereits befassen sich Psychologen mit dem Phänomen der «Selfie-Manie».  Da nehme ich es weit gelassener, cooler. Nicht der «Schaden» ist entscheidend, der (laut Psychologen) die Selfie-Jugend nehmen kann. Es ist der vielmehr der «Schaden», der das Bild nimmt (und schon genommen hat). Ein Bild, reduziert auf einen fotografischen Augenblick, kann und soll (gerade durch die riesige Verbreitung des Smartphons) mehr enthalten, als die simple Orientierung: «ich bin, wann und wo  und mit wem da. Im Bild beweist sich nämlich das Hinschauen-Können, das Sehen, die Wahrnehmung. Es kann Welt erklärbar machen, viel besser als alle Worte. Das «Ich», welches in jedem Bild steckt, ist nicht das Gesicht des Knipsenden, sondern das, was der Linse anvertraut wird, an Sicht und Einsicht, an Gefühl und Interpretation, an Standort und Standpunkt.  Das sind nicht Gesichter, sondern Aussagen und Botschaften «in und zum Leben»

23. Januar 2019

 

In eigener Sache:

 

Influencer 

 

 Bin ich jetzt auch ein «Influencer»? Die Frage beschäftigt mich. Nachdem nicht nur der Markt, sondern ganze Nationen immer mehr von Influencer gesteuert – oder sagen wir: beeinflusst - werden, ist es höchste Zeit, dass ich mir die Frage stelle. Ich erinnere mich noch an die ersten Englisch-Lektionen in der Schule. Da gab es noch kein «Frühenglisch». Doch Französisch stand schon ein paar Jahre im Schulprogramm. Influence, das klingt doch so elegant und weich, verlockend im Französischen.  «InflooƏns» aber, englisch ausgesprochen, ist für mich bis heute: hart, männlich, befehlend, beherrschend. So liess ich es bei der französischen Eleganz bewenden. Nun, viele Jahrzehnte später, hat mich die Wirklichkeit eingeholt. Man hat dem männlichen englischen Influence ein noch männlicheres «er» angehängt und glaubt, damit die Welt zu bewegen. Schleichwerbung, haben wir gesagt, und wussten, dass sie verpönt, ja in öffentlich-rechtlichen Medien verboten war. Nun ist sie also zurückgekehrt, die «Schleichwerbung», in männlicher, harter Form. Durch Social Media, Blogs epidemienhaft verbreitet, durchs Internet in alle Länder getragen. Ihr Keim wird immer gemeiner und hält längst jeder Vernunft (Aufklärung!) stand. Bin ich nun auch ein Influencer, nur weil ich eine Website betreibe und mich – zurückhaltend zwar – in Social Media bewege. Nein, hat man mir versichert: «du hast ja keine hundert «Followers». Um wirklich ein «Influencer» zu sein, braucht es schon Tausende, ja Millionen von diesen gefährlichen Viren.

14. Januar 2018

 

In eigener Sache:

 

Schlachthof der Träume 

 

 

Träume, ein Star zu werden, oder gar ein Superstar, werden brutal geschlachtet. Während sich die «Grossen» der Schlagerwelt vor 12'000 Fans im Velodrom zu Berlin, von Lichtorgeln umzingelt, feiern lassen, müssen Möchtegern-Stars zuerst einmal vor eine unbarmherzige Jury treten (Castings der Sendung «Deutschland sucht den Superstar) und werden da wie Schlachtvieh behandelt. Sie müssen antraben vor einer vierköpfigen Jury – beherrscht von einer einzigen hochnäsigen, selbstgerechten Person – und kämpfen wie einst die Gladiatoren, bewaffnet nur mit Ihrer Stimme, mit ihrem Talent, mit ihrem Auftreten. Die Juroren, die eigentlich sachlich eine Leistung zu beurteilen hätte, werden – unter Anfeuerung ihres selbsternannten, widerlichen Herrschers – zu Schlächtern, die nicht nur Träume schlachten, sondern gleich die Kandidaten mit, und zwar mit Sarkasmus, Zynismus und Menschenverachtung. Im Gegensatz zu Tieren, die in den Schlachthof getrieben werden, kommen die Kandidaten ja freiwillig, weil sie davon träumen, ein «Superstar» zu werden. Und dereinst auch im Velodrom vor Tausenden von Menschen im Strahl der Scheinwerfer zu stehen. Gibt das der Jury und ihrem Anführer ein unkontrolliertes Verfügungsrecht? Zumal das, was hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im intimen Schlachthof passiert ist, dem Fernsehzuschauer später zum Frass – zur Ergötzung, Schadenfreude und zum Spott – hingeworfen wird. Wer überlebt hat eine winzige Chance, zum Superstar gekrönt zu werden und vielleicht sogar einmal im Velodrom einzuziehen. Doch die Träume sind längst geschlachtet und die Schlächter sind wieder mit dabei. 

06. Januar 2018

 

In eigener Sache:

 

Modern

 

Modern, moderner, diese Begriffe werden mir – ich gebe es zu – immer häufiger um die Ohren geschlagen. Dabei glaubte ich – bis ins Alter – immer so etwas, wie «modern» gewesen zu sein. Jedenfalls offen für Trendiges, für das, was man gern als «Zeitgeist» deklariert. Eine Nachbarin meinte aber kürzlich: Eine gemeinschaftliche Einrichtung, die wir gemeinsam nutzen, müsse jetzt dringend verändert, moderner werden. Sie sei «in die Jahre gekommen» und nicht mehr «zeitgemäss». Und heute lese ich: Eine TV-Sendung, die ich wegen ihres Inhalts schon immer antiquiert fand, werde «renoviert», werde «moderner» gemacht, aber mit dem gleichen Inhalt. Schliesslich steht im Theaterfoyer zufällig eine Gruppe junger Menschen vor mir. Chic gekleidet, Kleider mit Label, Hosen «Destroyed Jeans» und «Slim Fit» oder so ähnlich. «An dieser Mode kommt keiner vorbei», werde ich belehrt. Ich nehme all die Botschaften auf, um nicht «ummodern» zu sein, um «zeitgemäss» zu bleiben. Irgendwann aber wackeln meine Ohren so stark, dass ich nicht mehr hinhören mag, flüchten möchte. Offensichtlich gibt es Regeln, gewisse Dinge zu tun, zu tragen, zu konsumieren, zu bauen, zu schmücken…, die nur für einen gewissen Zeitraum gelten. Dieser Zeitraum wird aber immer kürzer. Wir brauchen immer mehr Zeit, um all den Regeln der Zeit hinterher zu jagen. Und wir haben immer weniger Zeit, Inhalte zeitgemäss zu machen.

30. Dezember 2018

 

In eigener Sache:

 

Stille Nacht 

 

So still war sie nicht, die Nacht vom 24. Zum 25. Dezember, «Heiliger Abend» genannt. Still ist es in der Stube, versammelt um den geschmückten Baum. Was heisst versammelt? Wir waren zu zweit, begleitet vom Lieblingsessen und einer guten Flasche: friedlich, besinnlich, still und schön. Bis kurz vor Mitternacht. Die Kerzen sind erloschen. Meine Partnerin ist müde – von der Stille? – und (wie sagt man elegant?) «zieht sich zurück». Nun bin ich allein in der Stube. Mit dem Baum, den Geschenken, mit der Stille. Da komme ich auf die unselige Idee, mich vom Fernseher in die stille Nacht hinein begleiten zu lassen. Ich denke an besinnliche Musik, fremde Weihnachtsrituale, an ein passendes (nicht kitschiges, nicht zu salbungsvolles) Wort oder an stimmige Bilder. Beim Angebot von 356 Sendern sollte etwas Passendes zu finden sein. Also beginne ich zu zappen: Was mir da an «Heiliger Nacht» präsentiert wird ist laut, schrill, grell, dröhnend oder dann triefend von Kitsch, Gefühlen, Weltschmerz und fragwürdigen Botschaften. Das Absitzen in der Fernsehkirche ist vorbei. Es starten die Filme: Parade der alten «Klassiker» entweder christkindsüss oder hart im Schiessen, Kämpfen, Bomben, Knallen und Töten… in Fiktion: auf Erden und bis weit ins Al. Immer mehr Geknall, auf immer mehr Sendern- Kontrastprogramm? Auch die vielen Verkauf- und Ratgebersender haben Hochbetrieb. Da wird alles zur einmaligen Chance gemacht, alles was man kaufen und glauben muss. Es gilt, die Stille der Nacht zu nutzen, um gehört zu werden. In diesem Sumpf der Geschmacklosigkeit endet endet meine stillnächtliche Zappeskapade. Ein vollbusige Vamp mit Silikonbusen und prall gespritzten Lippen wirft theatralisch den BH weg und verspricht: «Mehr Titten zu sehen auf www……» Da ist meine «Stille Nacht» endgültig gestillt. Ich krieche unter die Decke: da ist es wirklich still.

15. Dezember 2018

 

In eigener Sache:

Unbeweglichkeit

 

«Der menschliche Körper ist für ein Leben mit Bewegung programmiert». Soweit ein zentrales Axiom der Anatomie. Die Gesellschaft unternimmt viel, um diesem Grundsatz gerecht zu werden: Angebote für Fitness, Sport, Spiel, Aktivitäten… Anreiz und Belohnung für Leistungen… Auch Arbeiten im Haushalt, auf Reisen und in der Freizeit: Heben, Tragen, Gehen, Radfahren, Treppensteigen, Einkaufen, Tanzen… Inzwischen kann fast alles durch die Technik erledigt werden: das Heben vom Kran, das Tragen vom Rolli, das Gehen und Fahren vom Auto, das Treppensteigen vom Lift, das Einkaufen von Internet… Der Mensch ist zwar dauernd in Bewegung: aber immer mehr ohne – oder mit stark reduzierter – körperlichen Bewegung. Was geschieht, wenn die körperliche Bewegung ganz eingestellt wird: durch Verletzung, Behinderung, Krankheit, Trägheit, durch…? Die Bewegung wird zur Unbeweglichkeit, nicht nur des Körpers, auch des Geistes. Trotz Fernsehen, Netflix, WhatsApp, Twitter, Facebook… Der Geist – oder gar die Seele – verströmt sich in die Welt. Sie hat kein festes Zuhause mehr. Die viel gerühmten eigenen vier Wände, sie sind löcherig, aber aus Beton. Durch die Löcher schlüpft nur die Illusion. Man hat mir – auf Zeit - die Bewegung genommen, damit ich mich nachher wieder besser bewegen kann. Man hat mir Krücken gegeben, damit die Beine gesunden. Man hat mich ins Bett beordert, damit ich wieder stehen und gehen kann. Ohne Krücken. Tröstlich, denn alles ist nur auf Zeit. Was aber passiert mit den geistigen Krücken, die in unserer Gesellschaft immer mehr alle Bewegung lähmen? Gibt es Ärzte, die – krankenkassenversichert - die zunehmende geistige Unbeweglichkeiten beseitigen können? Es gibt immer mehr Menschen, welche meinen, geistige Krücken zu brauchen und aus lauter Angst, diese nicht wegzuwerfen, um sich ja nicht bewegen zu müssen. Nicht die Technik nimmt ihnen die Bewegung, es sind all die gesellschaftlichen und politischen Heilslehren, die als Arznei und Wundermittel angeboten werden. Doch diese lassen weder Körper noch Geist gesunden.

03. Dezember 2018

 

In eigener Sache:

 

Fake-Days

 

Rabatt ist ein Zauberwort, das – möglichst knallig angewandt – Kaufrausch auslösen und Massen in Bewegung setzen kann. «Schnäppchen» heissen die Trophäen, die es mit möglichst vielen Rabatten zu hamstern gilt. Schnäppchen, die meist eigens für Schnäppchentage hergestellt wurden, natürlich zu Schnäppchenpreisen. Tagtäglich prasselt es auf uns nieder: Rabatte, Rabatte, Rabatte… Direkt aus Amerika wurde auch der «Black Friday» importiert, der Tag nach «Thanksgiving», dem amerikanischen «Erntedanktag». Zuerst der «Dank», dann aber gleich die Jagd, der Start zum grossen Weihnachtsgeschäft. Doch das genügt schon lange nicht mehr. Der «Schwarze Freitag» wurde verlängert zum Cyber-Mondy und schliesslich zur «Cyber-Week»: «Krachende Angebote auch noch nach Black Friday!» Mit dem amerikanischen Import wurde auch der «Fake» übernommen, zu gut Schweizerdeutsch «de Bschiss». Den gab es zwar schon vor dem «Fake», doch eher verschämt, fast schon bescheiden, und nannte sich «Ausverkauf» oder «Lagerräumung». nach dem gossen Weihnachtsgeschäft. Daraus wurde der etwas knalligere «Sale», dann der «Super Sale», der «Black Friday»… und schliesslich die «Cyber-Wochen», immer beliebiger verteilt auf das ganze Jahr. Und der «Fake» ist ein braver Begleiter.  Notabene: «Fake», heisst so viel wie «Fälschung».

20 November 2018

 

In eigener Sache:

 

Alle Jahre wieder...

 

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind. Alle Jahre wieder kommt auch die Flut institutioneller Bettelei. Es ist eben die Zeit von «hoch eure Herzen in heiliger Liebe». Und da kann niemand abseitsstehen: die Bettlergilde nicht, genau so wenig wie die, bei denen die Nächstenliebe in der Hektik des alltäglichen Lebenskampfs zu kurz gekommen ist. Jetzt kann nachgeholt werden, auf einen «Chlapf». Ein, zwei, drei Einzahlungsscheine, Grosszügigkeit in den Zahlen (zweistellig muss es schon schein, lieber dreistellig) und schwupp, ein allfällig schlechtes Gewissen ist beruhigt, der gute Zweck zumindest dokumentiert. Das wissen auch die professionellen Bettler, sie tun es ja nicht für sich, einzig für den «guten Zweck», dem sie dienen. Angestellt, ausgebildet und professionalisiert von Institutionen, die zum Ziel haben, jährlich so viel Geld wie möglich einzubringen. Für Leidende, Unschuldige, Arme, Kranke, Vertriebene…, für Menschen, Tiere, Landschaften, Pflanzen…, für Gerechtigkeit, Rettung, Ertüchtigung, Erlösung… Tag für Tag ein paar mehr der Ermahnungen zur Nächstenliebe, Hilfe, Solidarität, zum Verständnis und Mitgefühle. Rasch zu erledigen auf Konto xx, quittiert von seriellen «herzlichen Dank» und der Bestätigung, ein guter Mensch zu sein. Die Bettelei hat sich industrialisiert und kämpft mit allen Tricks um Aufmerksamkeit und schwingt den Vorschlaghammer auf dem Schlachtfeld des schlechten Gewissen. Die Bettlerbranche hat sich längst aus der «direkten Hilfe» verabschiedet. Mutiert zur anonymen Erledigung der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der angemahnten moralischen Schuld. 

18,. Oktober 2018

 

In eigener Sache:

 

Spesen- und Zinswucher

 

Es ist soweit: der Kleinsparer legt sein Geld am besten in oder unter die Matratze. Da ist es vielleicht nicht ganz so sicher, doch es löst sich auch nicht einfach auf. Ohne Zutun, nur weil es da ist. Zinsen gibt es längst nicht mehr. Dafür umso mehr Spesen. Inzwischen für alles und jedes, für den kleinsten Dienst, der längst von Computern und Robotern geleistet und/oder dem Kunden erbracht wird . Die Banken und die Post sind Musterbeispiele für legitimierten Wucher. Da habe ich doch für zwei Bücher und eine Farbschachtel – Warenwert zweihundert Franken – Sammlerutensilien aus Österreich - glatte 100 Franken Gebühren und Spesen bezahlt. Die Bücher: Sammelkataloge in Kleinstauflage nicht durch den Buchhandel zu beziehen. Die alten Farbstifte – ein Sammlerobjekt nur für Liebhaber. Zuerst waren da die Postspesen. Das Paket (2 Kg) – Österreich-Schweiz 37 Euro – dann meine Geld-Überweisung – Giro International – sogenannt spesenfrei. Die Bank des Empfängers verlangte aber für die Verbuchung 10 Euro. Also nochmals Giro nach Österreich zur Deckung der Spesen des Empfängers. Jetzt ist es da, das Paket! Zoll und Abwicklungsgebühren: 42.45 Fr. Die Arbeit aber – ausser dem Warentransport - habe ich am Computer erledigt. Es war kein Büro und keine Amtsstelle beschäftigt. Nicht einmal ein Zollbeamter. NB 1: die Bank UBS hat im Sommerquartal einen Gewinn von 1,2 Milliarden Franken gemacht und ist auf gutem Weg, das Jahr mit einem Ergebnis um 5 Milliarden Gewinn abzuschliessen. NB 2: Die UBS war in diesem Beispiel nicht involviert. Aber die Post, eine ausländische Bank und der Staat, die möchten halt so viel Gewinn verbuchen. Wo immer möglich mit minimaler Leistung!                                                    

18,. Oktober 2018

 

In eigener Sache:

 

Dienstverweigerung

 

 «Hallo», hat er gesagt, «ich kann Sie nicht erkennen». Dann wird - nach ein paar Sekunden – der Bildschirm schwarz. Wieder ein paar Sekunden später werde ich ultimativ aufgefordert, einen Code einzugeben, meine Legitimation, dass ich auf diesem Computer diese Kolumne schreiben darf. Und das auf meinem Computer, den ich kürzlich gekauft und - ich schwöre – auch bezahlt habe. «Nicht erkannt», hat er gesagt und mir die Gefolgschaft verweigert. Zuerst vermutete ich, dass ich zu wenig gelächelt oder eine zu griesgrämige Miene gemacht habe. Oder hat ihm gar mein Kragen nicht gefallen? War der oberste Knopf nicht zu? (Eine Erinnerung an den Militärdienst, da wurden wir für dieses Vergehen angeschnauzt). Zuerst habe ich mich gewundert, dann empört. Dienstverweigerung aus Gewissensgründen? Oder hat er geahnt, dass ich hier – in eigener Sache – über ihn schreiben wollte? Über sein mangelndes Können, seine beschränkte Intelligenz und seine notorische Ungeduld. Dies alles veröffentlicht auf der Homepage, vielleicht sogar in den sozialen Medien! Nein das darf nicht sein. Ich, Dein Computer, weigere mich Dich zu erkennen. Den Zugriffscode hast Du ohnehin längst vergessen  oder er ist auf dem für dich jetzt unzugänglichen Computer gespeichert.

03,. Oktober 2018

 

In eigener Sache:

 

Mobilisierung der Angst

 

«Ägstliche Meschen leben länger», sagt eine medizinische Studie, die sich auf Herzkranke bezieht «Ängstliche Menschen leben aber auch schlechter», sie leben mit der Angst. Und dies ist nicht eine Frage der Medizin, sondern der Lebensqualität. Mit Angst lässt sich schlecht leben. Die Angst überlagert alles Tun, die Entscheide, die Hoffnungen, die Freuden, die Vernunft… Mit Angst lässt sich auch gut Politik machen. Undifferenzierte Politik, Schlagwortpolitik. Politik der Einschüchterung, der Verbote. Warum? Weil Angst rationale Argumente, ja sogar hieb- und stichfeste Beweise im Nu aushebeln kann. Nicht nur diese: auch einen guten Teil der Vernunft. Die Angstplakate der SVP haben es ausdrücklich demonstriert. Es wird weiterhin auf Angst gemacht, weil Angstpolitik so erfolgreich ist. Angst führt zu bizarren Entscheiden, bis hinein in die Bundesverfassung: Jesuitenverbot im 19. Jahrhundert, Minarett-Bau-Verbot vor zehn Jahren, aktuell ein «Verhüllungsverbot» im Kanton St. Gallen. Die Angst wird immer häufiger politisch bewirtschaftet, weil sie schnurgerade von der vernunftbezogenen Vorsicht, zur Angst führt. Angst, die alles ausmerzt, was an Vernunft übrig geblieben ist.

23. September 2018

 

In eigener Sache:

 

Prokrastination

 

«Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen». Das Sprichwort hat halt doch seine Richtigkeit. Auch wenn das «Morgen» - im Zeitalter der weltweiten Vernetzung, blitzschnellen Kommunikation und des Dauerdrucks sofortiger Erledigung – längst nicht mehr die Bedeutung von von einst hat. Heute und morgen vermischen sich – andere Begriffe für Zeitabschnitte haben das Szepter übernommen: sogleich, sofort, rasch, unverzüglich… Dabei geht es weniger um Zeiteinheiten, um heute und morgen, vielmehr um das chronische Aufschieben und Vertagen. «Prokrastination» heisst der Fachbegriff – so habe ich gelesen – und ist eine Störung, die besonders Studenten, Anwälte, Journalisten und Lehrer befallen soll. Betroffene leiden dauerhaft darunter. Ich bin Journalist, offensichtlich auch befallen und ab und zu auch leidend. Ob ich deshalb Journalist geworden bin, weiss ich nicht. Ich konnte ja nicht ewig Student bleiben. Lebenslang aber von Prokrastination geplagt. Und heute ganz besonders leidend. Ich habe ich vom Tod eines Freundes erfahren. Er war seit langem kränklich, dann krank, dann sehr krank. Ich habe immer wieder versprochen, ihm und mir, einmal einen Besuch zu machen. Doch die grosse Distanz zwischen unseren Wohnorten, das Getriebensein im Alltag, die Dringlichkeit von tausend Dingen, und, und, und..  haben das Versprechen auf die berühmte «lange Bank» geschoben. Bis die lange Bank heute zusammenkracht ist. Versäumt, vorbei, endgültig, für immer! Ob Sprichwort oder Fachbegriff – es hilft halt nur das Tun.

15. September 2018

 

In eigener Sache:

 

Ausser Rand und Band

 

Was nicht alles „ausser Rand und Band“ geraten kann. Kinder, die herumtollen, Fussballfans nach verlorenem Spiel, Börsenkurse die fallen, das Publikum in Festlaune… Dieses Jahr, habe ich das Gefühl, sind sogar Obstbäume ausser Rand und Band. Jedenfalls meine beiden Bäume im Wieschen vor dem Haus. Und die Bäume meiner Nachbarn auch. Alles in Überfluss: Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Pflaumen… Wohin mit dem Früchtesegen? Apfelmuss, Apfelstrudel, Apfelwähe, Apfel im Schlafrock, Apfelkuchen… Das selbe mit den Birnen, Pflaumen, Aprikosen… Nur die Kirschen sind  vorbei, sie waren noch nicht ganz so wild, wie die Früchte des Herbsts. Letztes Jahr gab es überhaupt keine Ernte, dieses Jahr weiss man nicht wohin mit dem Ertrag. Wie immer, wenn etwas ausser Rand und Band gerät, wird nach den Ursachen gefragt. Wer oder was hat da reingepfuscht in die Natur? Und weil man nicht gleich einen Schuldigen findet, taucht die Frage auf: Wie lässt es sich steuern, dass nicht das eine Jahr Überfluss, das andere Jahr Mangel herrscht? Der alte Bauernkalender aus dem Jahr 1841 hält fest: «Auf ein bis drei fruchtbare Obstjahre folgt wenigstens ein unfruchtbares und ein mageres Obstjahr». Das wissen heute nicht einmal mehr die Bauern. Sie haben längst gelernt, die Natur zu steuern. So, wie man heute so ziemlich alles steuern kann oder steuern möchte. Wenn möglich auf Knopfdruck, natürlich elektronisch. Handarbeit wird den Maschinen überlassen. Und wir Konsumenten? Uns steht – Welthandel sei Dank – jederzeit alles zur Verfügung. Auch Birnen und Äpfel, Bananen und Orangen egal wo und wie sie wachsen und reifen. Wenn die gefallenen Früchte massenweise am Boden verfaulen – weil sie sich nicht auf Knopfdruck auflesen und bearbeiten lassen – kommt der Verdacht auf, dass sich die Natur doch nicht elektronisch steuern lässt.  

Zu den bisher veröffentlichten Kolumnen

09. September 2018

 

In eigener Sache:

 

Sportmuffel

 

Fast bin ich ein Sportmuffel. Aber nur fast. Das Wenige hat man mir jetzt weggenommen. Eishockey. Nicht jeden Match möchte ich sehen. Den von meinem Lieblingsklub. Ab und zu. Vielleicht auch mal ein anderes Eisduell. Nicht mehr möglich. Die Rechte wurden für Millionen verkauft. An eine Firma, der ich vor Jahren den Rücken gekehrt habe. Weil der Service miserabel war. Weil die Leistung nicht befriedigte. Weil periodisch Ärger anstand, mit Rechnungen, nicht erbrachten Leistungen, technischen Störungen… Also wechselte ich – nach vielen Ärgerjahren - den Anbieter, liess den Anschluss plombieren. Ausgerechnet diese Firma hat nun einen guten Anteil an Sportrechten gekauft. Exklusiv. Darunter «mein» Eishockey. Empfang nur noch möglich bei diesem Anbieter. Und auch da ist es ein «Zusatz-programm» zu 25 Franken pro Monat, 9 Franken als Tagesangebot. Was tun? Zurück zum ungeliebten Anbieter? Auf den TV-Empfang verzichten und auf den Computer «umsteigen»? Da ist ein Empfang möglich, ohne Kabelanschluss, das Sportangebot etwa zum gleichen Preis. Zwangsherrschaft der Sportvermarktung. So bin ich – ohne es zu wollen – auch ein Eishockeymuffel geworden. Aber ganz!

28. August 2018

 

In eigener Sache:

 

Nie mehr!

 

Es ist ein Spiel der Verführung. Seit dem Apfel der Eva bekannt, doch immer wieder ärgerlich. Da steht man im Laden eines Discounters und sucht das Produkt, dessen Werbung man soeben als Banner – gross und fett – auf einer Website gesehen hat. Ein Produkt, das – Algorithmen sein Dank – ausgerechnet mich als potentiellen Interessenten gefunden hat. So quasi als Beigabe im Netz, wo ich gerade für ganz andere Informationen unterwegs bin. In diesem Fall sind die Verführerinnen ein Wein und eine Firma, die ich im Netz noch nie und in den Filialen so gut wie nie aufgesucht habe. Doch der Discounter weiss, dass man mich mit Wein locken, ja verführen kann. Prompt bin ich reingeplumst in die Falle. Nicht zum ersten Mal. Doch zum ersten Mal bei dieser Firma. Da quäle ich mich mühsam durch das Produktewirrwarr einer Filialen dieses Discounters, natürlich auf der Suche nach dem verlockenden Wein. Nicht zu finden! Nach längerem Warten und Aufstöbern einer zuständigen Person, dann die Auskunft: «Der Wein ist nur im Internet erhältlich!» Dies stand nirgends auf dem Banner. Ähnlichen Lockvögeln bin schon ich bei anderen Discountern begegnet. Meine Reaktion: die Produkte, die ich so beiläufig auf der Weinsuche in den Korb gelegt habe, gehen wieder zurück in die Regale. Und ich verlasse die Filiale in der festen Überzeugung, nie mehr wiederzukommen.

21. August 2018

 

In eigener Sache:

 

Fast Food oder Non Food

 

Fast Food ist Ansichts- und Geschmacksache. Offensichtlich der Geschmack vieler, wenn man das wuchernde Angebot sieht. «Essen auf die Schnelle» entspricht unserem Lebensgefühl. Das erträgt viel, alles… nur eines nicht. Non Food. Schauplatz Südfrankreich: am Weg zum Strand. Ein paar Fast-Food-Buden buhlen um die Gunst der hungrig Schwitzenden. Wir sind hungrig, möchten die Stadt vermeiden, in der Nähe des Strands essen. Essen, nicht fooden. Also studieren wir die ausgehängten «Karten» und wählen das Angebot mit mediterraner Küche. Bouillabaisse, Salade Niçoise, Gambas, Risotto mit Sepia, Tapas… Es ist halbsieben. Der Strand leert sich. Apéro-Time! Wir setzen uns an einen der acht Tische, im kleinsten der Terrassen-Restaurants, die dicht aneinandergereiht, zum Essen einladen. Wir sind die einzigen Gäste, alle anderen Terrassen sind schon gut besetzt. Wir machen es uns gemütlich. Da kommt der «Wirt»: «Wir öffnen erst um sieben!» Mürrisch, unfreundlich, ohne einen Apéro anzubieten weist er uns weg. Er sei eben keine Fast-Food-Bude, sondern ein Restaurant. «Eben», sagen wir, deswegen sind wir hier abgesessen. Nichts zu machen. Wir essen dann auf der Terrasse nebenan. Zwar fastfoodig, doch gut. Zwei Stunden später fahren wir nach Hause. Ein Blick zum unhöflichen Nachbar-Wirt. Er und die Servierdame sind noch allein, ohne einen Gast. «La République en marche!». 

Zu den bisher veröffentlichten Kolumnen

08. August 2018

 

In eigener Sache:

 

Objektivität beim Genuss

 

Meine Weinkenntnisse haben ein Erdbeben erlitten. Acht oder gar neun Richter-Magnituden sind es schon. Mit Worten: gross oder gar ganz gross. Seit dreissig Jahren befasse ich mich ernsthaft mit Wein, seit mehr als zwanzig schreib ich darüber, zehn Jahre lang verfasste ich alle 14-Tage eine Kolumne. Ich lese mindestens eine Weinzeitschrift pro Woche, besuche täglich Weinforen, habe nicht nur viele Flaschen im Keller, ebenso viele schon getrunken. Kurzum: ich fühle mich fast als Experte, zumindest sattelfest. Und jetzt dies! Ahnungslos öffnete ich einen Wein, den ich bisher noch nie getrunken habe. Kopfschütteln: untrinkbar! Meine Partnerin bestätigt: untrinkbar, Weinfehler! Kann es geben, weg in den Ausguss. Eine zweite Flasche wird nach ein paar Wochen geöffnet. Untrinkbar! Weinfehler! Ich schütte sie diesmal nicht aus, stelle sie neben mein Pult. Da steht sie, seit Monaten. Ich wollte mich nämlich erkundigen, was es mit diesem Wein auf sich hat. Jetzt die Antwort eines Weinfreundes, eines Kenners dieses Wein: «Es ist ein Amphoren-Wein!» Das wusste ich nicht. Ich erkannte es auch nicht, obwohl ich schon manchen Amphoren-Wein getrunken und auch beschrieben habe. Hätte ich es gewusst (oder erkannt), wäre er dann auch im Ausguss gelandet? Höchstwahrscheinlich nicht. Seither zweifele ich – auch dort wo ich mich sattelfest fühle – an meiner sensorischen Objektivität. Für einen Weinschreiber ein verheerende Zustand! 

30. Juli 2018

 

In eigener Sache:

 

Was für schöne Schuhe!

 

Zu den „verbotenen“ Helden meiner Jugend (50er Jahre) gehörten Rolf Torrin, Jerry Cotton, Nick Carter, Bill Jenkins, die unverwüstlichen Figuren der Trivialliteratur. Dazu auch Eddie Constantine, alias Lemmy Caution, der FBI-Agent. Als sein erster Film, „Im Banne des blonden Satans“ - 1953 erschien - da war ich gerade mal 14 Jahre alt, noch nicht „kinotauglich“, für mich also unerreichbar. Anders die Männer, die sich durch die „Schundheftchen“ kämpften. Sie  zirkulierten – unter der Hand natürlich – im Freundeskreis. Es gab Väter (und Mütter), die tolerierten die Gestalten in den meist zerfledderten Heftchen: „Die Hauptsache, unser Bub liest!“. Andere, wie meine Eltern, wachten streng über meinen Lektüre. „Winnetou“ war das  Äusserste, was noch in unser Haus kommen durfte. Schliesslich standen die Bände auch in der Pfarrbibliothek. 1955 – da war ich endlich 16 – schlich ich in die „Revolverküche“ unserer Nachbarstadt: „Rote Lippen, blaue Bohnen“ mit Eddie Constantine. Doch schon zwei Jahre später war es fertig mit den „blauen Bohnen“. „Giganten“, mit James Dean, „Vertigo“ von Hitchcock oder „Das siebente Siegel“ von Bergmann, dies war nun die „wahre“ Kinokultur. Eddi Constantine hingegen mit Verachtung bestraft.

Jetzt habe ich – nach so vielen Jahren – Lemmy Caution wieder getroffen. Er ist noch immer ein Held – ein Kinoheld. Inzwischen aber noch viel mehr: nämlich ein Kulturspiegel der frühen 50er. Whyskey in der Hand, die Zigarette im Mundwinkel, Blick ins Dekolleté einer BlondineOh, was für schöne Schuhe Sie tragen !

17. Juli 2018

 

In eigener Sache:

 

Die Like-Kultur

 

Der Daumen nach unten bedeutete – in der Arena des antiken Roms – den Tod, der Daumen hoch, das Leben. So wird es überliefert. Historiker meinen zwar, es könnte genauso gut umgekehrt gewesen sein. In den Arenen unseres Jahrhunderts ist die Definition aber klar: Daumen hoch gleich: „I like“. In den Social Media – den Arenen unserer Zeit – wird „geliked“, bis „die Schwarte kracht“. Die Schwarte? Noch so ein Begriff, der die ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Worthülsen, zuhauf, inzwischen reduziert auf möglichst simple Zeichen. Der berühmte Daumen nach oben, asls Schlüssel zur Welt, zum Leben. Die lebenserhaltenden „Likes“ werden inzwischen begleitet von den „Emojions“, jenen Einfachstgesichter, die lachen, weinen, strahlen, zürnen, den Mund verziehen, die Nase rümpfend und, und, und… auch „Smilies“ genannt. Inzwischen gibt es auch ein Lexikon (mit weit mehr als 600 Einträgen), wo die Bedeutung der Bedeutungsleere gedeutet wird. Damit in Zukunft der denkende vom zornigen, der kreischende vom schnarchenden „Emotion“ auch unterschieden werden kann. Zu den Standard-Smilies – so lass ich mich belehren - gehört auch dieser Kopf,

der mir sagen will:„darüber kann ich nicht lachen“

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01. Juli 2018

 

In eigener Sache:

 

Die Ämtchenordnung

 

In unserer Siedlung gibt es keinen Abwart, keine bezahlte Kraft, die für Ordnung im Gemeinschaftsbereich sorgt: wischen, jäten, putzen, heizen, schaufeln, überwachen, reparieren… Kurzum für alles, was es zu tun gibt in jenen Bereichen, für die sich niemand direkt verantwortlich fühlt. Die ersten Jahre – es waren mehr als zehn – ging alles gut. Man war beschäftigt, die gewählte neue Wohnform auszuloten, sich wohnlich in einer nicht ganz gewöhnlichen Siedlung einzurichten. Irgendwann aber wurde etwas zum Problem, was auch in der Politik immer wieder beschworen wird (wenn man keine einschränkenden Gesetze erlassen will): Die Selbstverantwortung. Ein wabbeliger Begriff, der von jedem anders verstanden und ausgelegt wird. Die einen möchten viel, andere möglichst wenig, die einen dies, die andern das; die einen orientieren sich an einer «streng bürgerlichen» Ordnung, andere lieben eher das «kreative Chaos»… Kurzum: in diesem freien Spiel der undefinierten «Selbstverantwortung» gibt es Gewinner und Verlierer. Was tun? Man erstellt – was man in solchen Fällen immer tut - einen Plan: wer hat was, wann, wo zu tun. Das Was und das Wo sind definiert, nur das Wann bleibt – als Spielraum – halbwegs offen. «Ämtli» nennt man es, wortkosmetisch. Jedes «Amt» aber verpflichtet. Inzwischen umfasst die Liste der Ämtchen  54 Positionen. Schön zugeteilt, in grosse und kleine Ämtchen. So wird Selbstverantwortung umgehend zur Verpflichtung, wird das Zusammenleben unversehens zur Ämtchenordnung.  

20. Juni 2018

 

In eigener Sache:

 

Über den Wolken muss die Freiheit wohl Grenzenlos sein

 

Ein Foto aus meiner Jugend erinnert an meinen ersten Flug. Das war 1952, ich war gerade mal 13 und hatte genügend Punkte gesammelt (Ich weiss nicht mehr wovon. Ovomaltine?). Jedenfalls konnte ich damit einen Alpenrundflug machen. Weder meine Mutter, noch mein Vater waren je in einem Flugzeug gesessen. Ich war nicht nur stolz, ich fühlte mich – zusammen mit den beiden Kollegen, die es ebenfalls geschafft haben – als König. König der Lüfte. Heute, 66 Jahre später, sitze ich mit 250 anderen Passagiere neun Stunden eingepfercht in einem Riesenvogel, Flugzeug genannt. Eng, stickig, angeschnallt, eingeklemmt in eine Viererreihe. Vor mir ein Bildschirm mit dauernd wechselnden Flugangaben und eine Wand. Die kleine Lucke nach aussen ist weit weg. Es werden zwei Mahlzeiten serviert. Schlechtester Fastfood. Hygienisch verpackt, doch ungeniessbar. Zu trinken gibt es auch: vom Wasser, über Cola bis schlechtem Wein. Ich kann mich kaum bewegen beim Essen, zum Nachdenken reicht es gerade noch: Distanzfressen, Zeit gewinnen und verlieren. Eine Stunde Autofahrt zum Flughafen, Sicherheitskontrollen, Check-in, muffige Beamte, Rolltreppen, Weg-Labyrinthe bepflastert mit Reklame. Vorbei das Königsgefühl, ein Gefangener bin ich geworden. Leidensstunden als Preis an die globalisierte Welt

27. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Ehrfurcht vor dem Leben

 

Ein Zirkus ohne Tiere ist wie ein Fussballspiel ohne Ball. Ich weiss, der Vergleich hinkt, denn ein Ball ist kein Lebewesen. Zirkustiere sind es aber. Da hat der Mensch – das ist unbestritten – eine Verantwortung. «Ehrfurcht vor dem Leben», formulierte Albert Schweitzer seine Ethik, angesichts des Massenmordens im ersten Weltkrieg. Die Ehrfurcht vor dem Leben hat - zumindest unter den Menschen – nicht zugenommen. Im Gegenteil. Kriege, Gewaltherrschaft, religiöser Wahn, Terror sind  näher gerückt. Wir kämpfen auch mit ihren Folgen: Flüchtlingselend, Armut, Leiden Tod. Eine zivilisierte Welt steht all dem machtlos gegenüber. Mir scheint, als habe man Schweitzers Ethik deshalb auf Tiere begrenzt: Tierschutz. Gut so! Auch Tiere dürfen durch Menschen nicht leiden. Aber müssen wir sie auch klassifizieren? Brave und böse Tiere, nützliche und lebensunwerte, Schosstiere, Geliebte, Freunde und Feinde? Gerade so, wie wir es unter Menschen tun. Dürfen wir die einen töten, müssen wir andere schützen? Ist das Staunen, das Erleben, das Bewundern, das Lernen von Tieren, das Spielen mit Tieren ehrfurchtslos? Militante Tierschützer delegieren so gern den Lebenskampf auf Tiere und vergessen dabei die Menschen.

19. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Wohin mein Auto entschwunden ist

 

Mein Auto war alt, es hat viele Jahre seinen Dienst getan. Die Kosten, um es immer wieder „verkehrstauglich“ zu machen, werden immer grösser. Die Abgase sind – im Verhältnis zur den heutigen technischen Möglichkeiten – horrend, zwar altershalber gerade noch toleriert, aber kaum mehr zu verantworten. Also muss das Auto weg. Aber wohin? Ab und zu – sehr regelmässig – finde ich kleine Kärtchen (Visitenkartengrösse) im Briefkasten. Etwa mit folgendem Text: „Ankauf von Gebrauchtwagen… auch Unfall – oder Motorschaden, ohne TÜV/Kat. – viele KM – ein Anruf lohnt sich“ Eine Adresse oder einen Firmennamen gibt es nicht. Nur eine Handy-Nummer. „Kauf Occasionen ab Platz, alle Autos… Unfall oder Zustand sind egal…“ Was geschieht mit diesen „alten Karren?“ Auf einer anderen dieser Karten steht es unverblümt: „kaufe Autos für den Export nach Afrika“. Anstatt auf die Schrotthalde also Recycling. Lobenswert? Wenn ich daran denke, dass mein ausgedientes Auto, das ich vor allem wegen seiner Umweltbelastung aus dem Verkehr ziehen will, nun weitere x-Jahre in Betrieb sein wird, ohne TÜF, ohne Abgaskontrolle, immer mehr Schmutz ausstossend, nur eben weit weg, an einem anderen Ort, wo man sich den „Luxus“ umweltschonender Fahrzeuge nicht leisten kann, da packt mich die Wut. Leben wir nicht unter dem gleichen Himmel? Rettet uns nicht die gleiche Ozonschicht, die immer dünner und löchriger wird? „Après nous le déluge“. Die Hauptsache: Gewinn.

10. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Sprüche klopfen

 

«Es gibt nicht den Bauch. Es gibt nicht den Kunden, deshalb ist die CSS keine Krankenversicherung für Kunden. Sondern für Menschen». Ich gehöre – seit mehr als 75 Jahren – zu den Personen, die – gemäss der CSS (Christlichsoziale Krankenkasse der Schweiz) nicht Kunden, sondern Menschen sind. «Ganz persönlich», dieses Sprücheklopfen habe ich satt. Ich bin indirekt «Kunde» von drei Krankenkassen; zumindest habe ich Erfahrung mit drei unterschiedlichen Versicherungen, da meine Tochter und meine Partnerin «Kunden» anderer Kassen sind. Ich habe nicht nur das Gefühl – sondern auch viele Belege – dass ich nicht nur der «beste Kunde» bin (mit den höchsten Prämien für etwa die gleichen Leistungen), sondern auch der «schlechteste Mensch». Denn das, was ich mit der CSS erfahre, ist - im Vergleich zu den anderen Kassen - weder kunden- noch menschenfreundlich. Und dies über viele Jahre und viele Beispiele. Jüngstes Müsterchen: Zurückführungskosten bei Krankheit (oder Unfall) im Ausland. Als Journalist (mit «menschlichem» Beruf) erfahre ich erst jetzt – längst nach meiner Pensionierung – dass ich dafür nicht versichert bin, nie versichert war. Zusatzversicherung – jetzt für 16 Tage Russland - 30 Franken. Während dies, bei meiner Partnerin – mit der ich reise – selbstverständlich in ihrer Versicherung eingeschlossen ist. Sprüche klopfen, satt Leistung (und individuelle) Beratung. «Ganz persönlich», ich empfinde dies – weil es nicht ein, sondern einer von vielen Fällen ist - als Skandal.

03. Mai 2018

 

In eigener Sache:

 

Kartensalat

 

Das Sammeln ist des Sammlers Lust. Allerdings nicht immer, nicht überall. Und nicht alles, was man sammeln sollte, macht auch wirklich Freude. Es bereitet genauso oft auch Ärger, Unlust und sogar Wut. Zum Beispiel, die x-Duzend Plastikkärtchen, die man sammeln und mit sich tragen sollte. Immer und überall, sonst hat man sie nicht zur Hand, wenn man sie zur Hand haben müsste. Automaten lieben sie heiss, von Bargeld wollen sie meist nichts mehr wissen. Automaten sind eben Automaten, keine Menschen. Wer zum Beispiel nur eine Bankkarte hat, ist sicher schon morgen «aufgeschmissen». Irgendein Automat verweigert die Annahme – warum auch immer. Ist ihm völlig egal, ob man Geld, zu Essen, eine Fahrkarte oder was immer braucht oder gar dringend auf die Toilette muss. Eine gültige Karte muss her. Doch seine häufigste Reaktion: «Diese Karte ist ungültig» Wenn es nur das wäre! Da sind auch die amtlichen «Papiere», der Führerschein, die Identitätskarte, die Krankenkassenkarte, die Versicherungskarte, die Fahrkarte und, und, und… Ohne sie - im Einheitsformat, 4,5x8.5, vollgestopft mit Codes und Sicherheitscodes – lässt sich nicht mehr gut leben. Wehe, wenn man aber eine der Karten verliert oder sie gestohlen wird, dann ist der Teufel los. Sperren, Erklären, Begründen, Neubestellen, Warten, Warten… Ein ordentliches Stück Arbeit und viel Ärger. Auch wenn man sie nur – im Wirrnis des Codes-Salates – in die falsche Tasche gesteckt hat. Sind Peinlichkeit und Ärger programmiert. Karten dienen auch der Kundenregistrierung und Lockvogel für Rabatte. Für jede Firma eine andere Karte. Die neueste (sicher nicht letzte) Kartenidee sind die «Geschenkkarten». Genauso unhandlich und zerbrechlich wie die anderen Karten, genauso so ungebraucht wie an den meisten Tagen im Jahr. Nur konzipiert für den Tag und den Fall, wo man sie unbedingt braucht und garantiert nicht bei sich hat.

20. April 2018

 

In eigener Sache:

 

Wortbeschönigung

 

Man möchte den Alltag hinter sich lassen, verreisen, die Welt erleben… Ferienträume, der Gang zum Reisebüro. Da können die Flüge gebucht, das Auto gemietet, die Hotels reserviert, die Insel gewählt werden. Ein freundlicher  Empfang, ein Herr, eine nette Dame hinter bequemen Tischen. Vor sich eine Tastatur, einen grossen Bildschirm, etwas abgerückt, damit er nichts verdeckt, ein schnittiges Flugzeugmodell, ein, zwei farbige Wimpel, unübersehbar ein Namensschild. Träume sollen in Erfüllung gehen. Das ist viel angenehmer, als am Bildschirm zu surfen, den besten Preis zu eruieren, den schönsten Ort zu finden…und sich durch die Fallstricke von Computerprogrammen zu quälen. Das überlässt man gerne dem freundlichen Herrn, der netten Dame, auf der anderen Seite des Tischs. Ihr Beruf – hochoffiziell, gelernt und geprüft – Reiseverkehrskaufman oder –frau. Eine Berufsbezeichnung, die mit einem Schlag alle Träume zerstören kann: Kaufen, Verkehr... Das geht doch nicht! Flugs wird aus dem Reiseverkehrskaufmann ein Reisedesigner oder eine Reisedesignerin. Ein Designer, das ist doch ein Gestalter,  ein Entwerfer, ein Künstler – kreativ und nur um das Schöne bemüht. Nein, ein Designer ist den Träumen und Wünschen von Kunden viel näher. Euphemismus heisst das griechische Fremdwort für diesen Wortwandel, zu deutsch Wortbeschönigung. Der Duden gibt dafür gleich ein Beispiel: das Bordell wird zum Freudenhaus. Und alle ist viel schöner, eben designed.

09. April 2018

 

In eigener Sache:

 

Lehrstück der Marktwirtschaft

 

Mächtig geärgert habe ich mich, als ich das sportliche Ereignis – wollte ich dabeisen - lesen musste. Häppchenweise lesen, so alle Minute eine Meldung, bis zum Schlusspfiff: S i e g! Live-Stream nennt sich das, ein Bildersatz für Sportereignisse, die «exklusiv» verkauft wurden und bis zum Geht-nicht-mehr gesponsert werden. Direkt und indirekt auch von der Öffentlichkeit. Das Dabeisein kostet, Eintritt natürlich, auch nicht gerade wenig. Inzwischen hat sich das Dabeisein erweitert zum Pseudodabeisein am Bildschirm. Die Angst der Veranstalter, die Leute würden nicht mehr kommen, hat sich nicht bewahrheitet. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Sportstätten füllen sich nur, weil das Fernsehen dabei ist. Für das Fernsehen ist «Dabeisein» auch Werbung für den Medienauftritt. Dieser wird jährliche durch Gebühren bezahlt, politisch ausgehandelt, staatlich abgesegnet. Das haben private Anbieter recht gut verstanden. Mit verlockenden Angeboten haben sie Exklusivrechte erworben. Das Dabeisein ist zum Bezahlfernsehen mutiert. Nicht nur das: Auch zum Zwang ein privates Unternehmen zu nutzen, das die Vorleistung von Gemeinden und öffentlichen Institutionen zur Verkabelung der Schweiz schamlos verhökert hat, mit miserablen Leistungen und einem noch miserableren Service. So sehr verärgert, dass ich – nach mehr als 20 Jahren - den Kabelanschluss plombieren liess und den Anbieter gewechselt habe. Jetzt tritt dieses Unternehmen «neu aufgestellt» mit exklusiven Angeboten – Mark tauschliessend – auf den Plan. Ihr einziges Bekenntnis. Bezahlen oder Verzichten (was bisher ein Teil der Leistung des öffentlichen TV-Angebot war). Lehrstück des sogenannt «freien Marktes»!

29. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Sprachirrungen und -verwirrungenn

 

Unter den Gaben, die Gott den Menschen geschenkt hat, ist auch die Sprache. Indem er Adam mit göttlichem Geist ausstattete, übertrug er ihm auch die Sprachfähigkeit (1. Mose 2,7). Auch wer mit dem christlichen Gott und der Bibel Mühe hat und Sprache eher einer Kulturleistung als der Gottesgabe zuordnet, versteht die Geschichte der Babylonischen Sprachverwirrung und das Bild des Turmbaus zu Babel (Gen 11,1–9). Babel hat sich nämlich bis heute erhalten. Ein babylonischer Turm wird immer auch dann gebaut, wenn Wahlen anstehen. Da ist Sprachverwirrung und -irrung gewünscht. Man soll aus den viele Versprechungen möglichst viel – alles (oder auch nichts) – verstehen können. Leerformeln statt Verbindlichkeit. Es ist die Sprache der plakativen Werbung, der wir eigentlich skeptische gegenüberstehen, weil wir alle schon unsere schlechten Erfahrungen gemacht haben. Eine kaum zu überbietende Leerformel prangt zum Beispiel auf der Werbung der SVP: «Mehr Schweiz». Dafür müssen natürlich zwei - auf Glanzfolie abgebildeten - Köpfe in den Gemeinderat. Die sich als liberal-sozial bezeichnende CVP möchte hingegen «mehr Bubikon». Dies erinnert mich an zwängende Kinder, die schreien, wenn ihnen etwas gefällt: «No meh!» Doch sie sind entschuldigt, sie müssen das Denken halt noch lernen.

19. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Sporttabelle

 

Meine Sportbegeisterung ist einseitig. Ein «echter» Sportfan würde sogar sagen: gar nicht vorhanden! Da gibt es zwar - seit ich als Jugendlicher selber auf Schlittschuhen stand - einen Eishockeyklub, der meine «bevorzugte» Mannschaft bezahlt. Eigentlich nur interessant, wenn man dafür jubeln und leiden kann. Ich hasse beides, das Jubeln und das Leiden. Also gehe ich eher auf sportfernen Pfaden. Da gibt es aber noch die Tennisbälle – obwohl ich nie im Leben einen in der Hand gehalten habe – denen ich fasziniert nachschaue, auch wenn sie nicht von Göttern geschlagen werden. Der Winter bringt Schnee und Eis, auf denen verbissen um Ränge und Punkte gerast, gefahren und geschossen wird. Schliesslich sind – alle vier Jahre -  olympische Spiele, an denen  Nationen zu Gold, Silber und Bronze schmilzen. Ab und zu treten auch Nationen mit elf Männern oder Frauen zum 90-Minuten-Kampf an, als wäre es ein Krieg der Nationen. Gegenüber all dem – und noch ein paar Sachen mehr - stehe ich gelasssen gegenüber. Doch ich kann ich mich nicht (ganz) entziehen. Am Bildschirm juble und leide ich mit. Jedenfalls so lange, bis mir wieder bewusst wird: Da treten zehn, fünfzig oder gar hundert Menschen zum «friedlichen» Kampf an, um auf einer Rangliste ganz oben zu stehen. Diese leuchtet – am Bildschirm – kurz auf, wird staunend, lobend, anerkennend oder fluchend zur Kenntnis genommen. Die Namen, die zuoberst stehen, werden bejubelt, gelobt, andere vermisst. Über die ersten auf der Sporttabelle wird gesprochen. Und die anderen 9, 49 oder 99.? Sie verschwinden blitzschnell aus der Tabelle und  rasch aus unserem Gedächtnis. 

13. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Den Stecker ziehen

 

«Bleiben Sie mit Ihren Freunden in Kontakt. Immer. Überall.» Das Bild einer strahlenden jungen Frau. Darauf der Stempel: «-50%». So die Werbebotschaft eines Netzanbieters. Minus fünfzig Prozent! Worauf bezieht sich dies? Ich bin der festen Überzeugung: Auf die Lebensqualität! Immer erreichbar, überall! Muss das sein? Will ich das überhaupt? Der «Segen» der immer dichteren Netze hat sich längst in einen «Fluch» verwandelt: Handy-Netz, Internet-Netz, Video-Netz, eMail-Netz, Social-Media-Netz… Sie alle umgarnen uns. Immer und Überall!  Es sind nicht nur die Freunde, welche sich darin tummeln. Es sind Werbende, Verlangende, Ungeduldige, Fragende, Schmeichelnde, Behauptende… Darunter viele «falsche Freunde»! Sie alle rennen durch die Netze. Kommunikation ist nur ein Klack. Ohne Gesicht. Ohne Stimme. Ohne Empathie. Ohne unterschied für das was wichtig ist, was unwichtig, was Anmassung, Belästigung. Nicht nur das. Alle verlangen Beachtung, eine Reaktion, eine Antwort. Sofort, immer, überall! Jedes Netz ist ein Flächengebilde mit Öffnungen. Auch wenn es immer engmaschiger wird, versuche ich immer häufiger durchzuschlüpfen. Wenn dies nicht mehr geht, zerreisse ich es. Oder ziehe einfach den Stecker. 

04. März 2018

 

In eigener Sache:

 

Nur ein Satz

 

Eigentlich wollte ich den Ausspruch unkommentiert, dem Vergessen anheimfallen lassen. Der Anlass – der Abstimmungskampf um die No-Billag –Initiative – ist  morgen vorbei. Durch eine Mehrheit entschieden. Doch der Satz – so fürchte ich – wird weiterleben, sich durch die Köpfe robben und recht bald wieder auftauchen, wo und wann er nützlich ist. Es ist der Satz, oder besser das Bekenntnis, einer unglaublich kulturlosen Geisteshaltung. Ein Satz, der nur die eigene Person umkreist, und den eigenen Vorteil, die eigene Welt in sich birgt. Es ist der Satz einer bankrotten Gesellschaft, die glaubt am Bankschalter das Leben – auch das Zusammenleben – kaufen zu können. Und dabei nur so viel zu bezahlen bereit ist, wie er  für sich selber braucht. Unten und oben, rechts und links, da sind nur die anderen, die - so wird vorausgesetzt  gleich denken und handeln. Jede Kultur, jede Solidarität, jede Gemeinschaft, jede Humanität wird dem eigenen Ego unterworfen. Eigentlich ist der Satz: „Ich bezahle nur das, was ich auch brauche“, strohdumm. Eigentlich! Aber er ist auch brandgefährlich, weil er Gemeinschaft leugnet und jede Gesellschaft vernichtet. 

23.  Februar 2018

 

In eigener Sache:

 

Freundlichkeit statt Arroganz

 

Behinderte wollen nicht Mitleid, vielmehr Akzeptanz. Sie setzen auf eine Welt voll Rücksicht und jenen Erleichterungen, die ihnen das Dabeisein erst möglich macht. Diese Einsicht ist nicht neu, doch sie wird immer mehr institutionalisiert, delegiert an Vorschriften, Forderungen, Gesetze, und damit dem entzogen, was eine Gesellschaft ausgezeichnet. Das Miteinander, das Verständnis, das Füreinanderdasein. Dazu gehören auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Zum Beispiel das Anbieten eines Platzes in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn ein älterer Mensch oder ein Behinderter keinen Sitzplatz findet. Die Hilfe beim Überqueren einer Strasse. Das Mit-Tragen einer Tasche oder eines Koffers, wenn die Kräfte nicht mehr reichen. Selbstverständlichkeiten, würde man meinen. Weit gefehlt! Alles muss reglementiert werden. Sitzgelegenheit für Behinderte im Zug. Da haben Behinderte das Recht, den Platz in Anspruch zu nehmen, andere Menschen wegzuweisen. Ein Recht, das oft erstritten wird mit Pochen auf das Recht, mit Einforderung auf Rücksicht. Dies aber funktioniert nur schlecht und wirkt rasch einmal arrogant. Gefragt wäre Freundlichkeit statt Arroganz. Alles ginge viel leichter, auch ohne Reglementierung. Eigentlich ganz einfach.

07.  Februar 2018

 

In eigener Sache:

 

Umdefinitionen

 

Rhetorik, die Kunst der Rede, ist ein wichtiges Instrument der Macht. Schon dort, wo der Begriff geprägt wurde, in der griechischen Antike, spielte sie eine entscheidende Rolle, wenn es um politische Meinungsbildung ging. Das ist noch immer so. Menschen, welche die Rhetorik beherrschen und gezielt anwenden, beeinflussen das Verhalten der Menschen. Nicht nur ihre Meinung, auch ihre Befindlichkeit. «Wir sind Papst», in tausendfacher Abwandlung, ist ein Beispiel für den Kult der Schlagzeilen. Zur Rhetorik gehören aber nicht nur Schlagworte; es gibt ein ganzes Arsenal von Methoden, Tricks und Kniffs, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Die «Umdefinition» ist so ein Trick. Nach Abstimmungen, aber auch im Sport, im Beruf, im Alltag, wird das Verlieren zur «echten Chance», die Trauer zur «grossen Hoffnung», der Krieg zur «Befriedung». Oder - aktuell - werden Gebühren zu «Zwangsabgaben». Rhetorik kann – sie muss aber nicht – Demagogie sein. Umdefiniert heisst dies: sie wird sie zur «Klärung», zur «Aufklärung», oder zur "Selbstbestimmung".

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29  Januar 2018

 

In eigener Sache:

 

Macht und Unsterblichkeit

  

Alle reden über ihn. Seit Tagen, seit Wochen. Die Berufsschreiber schreiben, die Schreibfaulen twittern. Meist nicht sehr freundlich, eher ordinär; so ordinär, wie er sich gibt. Eine Schleimspur zieht sich durch die Schweiz.  Er ist der Mann, «dessen Namen man nicht nennen darf», oder nicht sollte, oder nicht möchte. Selbst wenn seine Anhänger ehrfurchtsvoll von ihm reden, wenn er eine Unterschrift auf ein Machtdokument setzt, wird sein Name umschrieben. Alle zucken zusammen, wenn er im Klartext ausgesprochen wird. Natürlich rede ich von Lord Voldemort, dem «Dunklen Lord» (im Originaltext: «Dark Lord»), dem Widersacher von Harry Potter, dem machtbewussten Zauberer der sieben Büchern von Joanne Kathleen Rowling. Zehn Jahre lang geistert er durch die Phantasien von Jung und Alt. Immer wieder mit neuen schrecklichen Taten und düsteren Plänen. Dann aber muss auch er - mit letzten Potter-Band - das Geisterreich verlassen. Sein Zauberwort hat keine Kraft mehr, nur sein Erbe lebt weiter. Kurze Zeit in den Köpfen, dann nur noch in sieben Büchern, die allmählich verstauben und in Vergessenheit geraten. Vorbei das Zittern, vorbei der Spuck.  Niemand redet mehr über ihn..

19  Januar 2017

 

In eigener Sache:

 

Ein bequemes Leben

 

 

Es wäre doch so einfach, würde ich all den Aufforderungen folgen, die jeden Tag in meinem elektronischen Briefkasten landen. Oder doch nicht? Zum Beispiel:  «Reite auf der Bitcoin Bitcoin Welle und verdiene garantiert €13.000 in genau 24 Stunden.» Kann ich das glauben? Das, mit dem Glauben, ist so eine Sache. Leichtgläubig – so glaube ich – bin ich nicht. Aber wenn es um 13'000 Euro geht – und zwar in genau 24 Stunden – könnte man doch all die Lebenserfahrungen (für einmal) beiseiteschieben… Aber halt! Reiten kann ich nicht. Wie soll ich da mit Reiten Geld verdienen? Für solche Überlegungen bleibt keine Zeit. Der nächste elektronische Wurf ist schon da: «Nach unserem Besuch Ihrer Homepage möchten wir Ihnen ein Angebot von Produkten vorstellen, das Ihnen ermöglichen wird, den Verkauf Ihrer Produkte deutlich zu erhöhen». Welche Produkte? Ich verkaufe keine Produkte auf meiner Homepage. Nicht einmal Dienstleistungen. Hat das der «Besucher» denn nicht bemerkt. Ein Roboter hat nur einen beschränkten Verstand. Er kennt nämlich nur den Gewinn (seinen) und den Verlust (meinen). Gottseidank brauche keine teure Armee, um ihn mir vom Leibe zu halten. Nur ein guter Spam-Filter.

09  Januar 2017

 

In eigener Sache:

 

Mühe mit Traditionen

 

Traditionen sind ein Stück Kultur. Darin verpackt – oft kaum zu erkennen oder gar einzuordnen: vergangener Zeitgeist, Brauchtum, Geschichte, Lebensumstände und nicht zuletzt auch Glaube und Aberglaube. Rund um Weihnachten und Neujahr häufen sich – weltweit – die Rituale, Bräuche und Traditionen. Dazu gehört der Brauch des Dreikönigkuchens und die damit verbundene Königswürde für einen Tag. Schon in vorchristlicher Zeit wurde zu Ehren des „Gottes der Aussaat“ (Saturnus) an einem Festmahl im Januar um eine zeitlich begrenzte Königswürde gewürfelt. Im nordischen Brauchtum erfüllten spezielle Kuchen mit eingebackenen Bohnen die Wünsche von Menschen. Im Christentum tauchten dann die drei Könige aus dem Morgenland auf. Die Vermischung heidnischer Bräuche und christlicher Deutung führte schliesslich zum Dreikönigskult. Der Kuchen und die Krone sind bis heute geblieben. Doch mit den Königen – gar mit den Heiligen Dreikönigen – hat man heute Mühe. So ist aus meinem Dreikönigskuchen nicht etwa ein König, schon gar kein heiliger, gestiegen, sondern „Peppa Pig“ eine britische Comic-Figur. Was hat die hier zu suchen? Etwas Aberglaube (ein vermenschlichtes Säuli), viel Zeitgeist (Comic-Figur) und das Unverständnis für Brauchtum, haben das ersetzt, was an kulturellen Werten verloren gegangen, ideologisch missbraucht und tüchtig kommerzialisiert worden ist .Die bisherigen Kolumnen hier

16  Dezember 2017

 

In eigener Sache:

 

Nachhilfeunterricht

 

Auch das Bundeshaus in Bern – mit den beiden nationalen Parlamenten – wird nicht verschont von weltweiten Grabsch-Enthüllungs-Welle. Zuerst war es ein Parlamentarier, der Frauen zu nahegekommen sein soll. Dann ging sie los, die nationale Empörung. Ob Hinterbänklerinnen oder Vorderbänklerinnen, viele hatten etwas dazu beizutragen. Statt sich zu empören - zum Beispiel über die Verweigerung, freigewordene Millionen der kränkelnden AHV zuzuschieben oder anderen Entscheiden, die das Wohl der Schweiz betreffen – empört man sich lieber über Grabscher im Bundeshaus. Habe ich richtig verstanden: erwachsene Frauen, Politikerinnen, die gewählt wurden, für Lösung nationaler Probleme zu kämpfen, sind nicht in der Lage – an Ort und Stelle, wo auch immer im Bundeshaus – allfällige Grabscher direkt in den Senkel zu stellen? Da herrscht kein Abhängigkeits- oder Arbeitsverhältnis, das geschützt werden muss. Da begegnen sich selbstbewusste Menschen, die über das Wohl der Schweiz bestimmen, nicht anonym, gut vernetzt in Partei und Fraktion. Im Bundehaus – so wird berichtet – sorgte während Tagen ein Thema für grosse Unruhe: ein Merkblatt der «Verwaltungsdelegation» des Rates , das den Parlamentariern und Parlamentarierinnen den Unterschied zwischen Flirten und Grapschen erklärt. Nachhilfeunterricht für Schwererziehbare?

02  Dezember 2017

 

In eigener Sache:

 

Rites de Passage

 

Sind wir ganz befreit vom Aberglauben? Diese Frage stellt sich bei allen Übergängen im Leben, vom Einen zum Anderen, vom Alten zum Neuen, vom Vertrauten zum Unbekannten. Solche Situationen – so der Soziologe – werden auch in modernen Gesellschaften als potentielle Gefahr erlebt. Sie seien am besten rituell zu bewältigen, in sogenannten „Rites de Passage“, Übergangsriten. Sie entspringen weniger einem Aberglauben als der Dokumentation und Absicherung eines Übergangs von einer bekannten zu einer unbekannten, von einer gesicherten in eine ungesicherte Lebenssituation. So beginnt bei mir – seit bald fünfzig Jahren – jedes Jahr mit 12 Traubenbeeren, die ich um Mitternacht bei jedem der 12 Glockenschläge zu mir nehme, jede Beere von einem Wunsch begleitet. Dies sei ein spanisches Ritual, habe ich mir sagen lassen. Doch in diesem Jahr hat das Ritual bei mir nicht stattgefunden. Ich habe schlicht und einfach vergessen, Trauben zu kaufen. Ein paar Minuten vor Mitternacht kam es mir in den Sinn. Zu spät! In all den vielen Jahren – wo immer in der Welt ich gerade war – ist mir dies kaum je passiert. Ein schlechtes Omen? Aberglaube? Nein, daran glaube ich nicht, aber an die Tatsache, den ersten vertrauten Schritt im neuen Jahr verpasst zu haben. Alle bisherigen Kolumnen hier