In eigener Sache... (Kolumne).  Zweiter Teil ab Dezember 2017

Zum ersten Teil der Kolumnen "In eigener Sache)
(Sie erscheint in Abständen von ca. zehn Tagen auf der Frontpage der Website)

12. November  2020

 

In eigener Sache:

 

Plastik

von Peter Züllig

 

Zum Kunststoff – umgangssprachlich Plastik - habe ich eine wechselvolle Beziehung. Da gabs die Zeit – ich habe mich gerade von der Kindheit gelöst und in die Jugend gerettet – wo alles viel glänzender, sauberer, farbiger, formiger geworden ist. Plastik! Dann kam die Zeit der Verführung: Möbel, Mode, Schmuck, Designe, Kunst… Plastik! Mit ihr kam auch mein erster Widerstand: «Jute statt Plastik». Dies ging so weit, dass wir ein sogenantes "Bio-Haus" bauten, in welchem Bauteile aus Kunststoff möglichst vermieden wurden: Türfallen, Wasserhähne, Isolationen, Bodenbeläge… Kein Plastik!

Nun hatten wir zwar ein plastikarmes Zuhause, doch das Umfeld wandelte sich. Die kleinen Geschäfte «um die Ecke» - die Tante-Emma-Läden - gingen ein. Es kamen die  Einkaufszentren, die Grossverteiler, die Fertigwaren… und mit ihnen immer mehr Plastik. Unser Alltag in ist in Plastik verschweiss, so dass fast jedem Tun ein mühsames Ausschälen, Befreien vorangeht. Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht mehrmals rot, blau und grün ärgere über hartnäckigen Widerstand der Verpakungen. So richtig sinnlich wurde mir die Plastikdominanz auf einer Reise in Armenien vor Augen geführt: Eine Landschaft mit Bäumen, Sträuchern, Kandelabern, Zäunen: überall hingen Plastikfetzen, -tüten, -schnippeln, -lumpen, kilometerweit. Seit diesem Schockerlebnis gibt es in unserem Haushalt einen weiteren neuen Müll-Trennbefehl: Plastik separieren!  Und? Woche für Woche wiederholt sich die Erinnerung an die plastikübersäte Landschaft in Armenien. Der klassische Kehrichtkübel in der Küche ist fast leer, das Gefäss für Plastik aber überquillt, oft verstreut, zwar etwas gesitteter und geordneter, aber nicht weniger erschreckend.

02. November  2020

 

In eigener Sache:

 

Exponentiell

von Peter Züllig

 

«Exponentiell» ist in aller Munde. Für die meisten bedeutet dies einfach nur gross, sehr gross, ja riesig. In Zusammenhang mit dem Corona-Virus und seiner Verbreitung geistert der Begriff fast schon inflationär durch unseren Wortschatz. Das exponentielle Wachstum, davon spricht man schon lange, wenn es um Umwelt, Natur, Wirtschaft, Gewinn… geht. Aber eine sich «exponentiell entwickelnde» Gefahr ist schwer einzuordnen. Erst wenn alles stille steht – sozusagen von einem Tag auf den andern – wird mühsam altes Schulwissen hervorgeklaubt: Das Rechnen mit «Potenzen». Für viele – trotz Unterricht in Mathematik – ein Buch mit vielen Siegeln. Erst recht, seit nicht mehr Zahlen gerechnet werden muss und schon gar nicht mit «Wurzeln», um die Potenzen zu ermitteln. Erledigt heute der Computer. Doch jetzt, wo die Quantifizierung unserer Alltagserfahrung gründlich «ausser Rand und Band» geraten, erinnert man sich vage an den mathematischen Begriff der Potenzierung. Es taucht auch rasch – zur Veranschaulichung – eine indische Legende auf. Der Erfinder des Schachspiels erbittet sich – auf eigenen Wunsch – als Belohnung Reiskörner vom König. Und zwar so viel, dass auf dem ersten Feld ein einziges Korn liegt, dann auf jedem weiteren Feld doppelt so viele Reiskörner, wie auf dem vorangehenden. Dies also 64 Mal. Die Geschichte ist eine Legende, das Resultat aber ein Faktum. Mathematisch errechnet: Die Summe der Potenzen von 20 bis 264 – 1. Eine einfache Formel. Mit einer unglaublichen Wirkung. Das Resultat (mit für uns begreiflichen Grössen): dreihundertsiebzig Millionen Züge (à je 30 Wagen) mit Reis. Keine Legende sind auch die Covid-19 Viren, die sich exponentiell ausbreiten. Und keine Legende sind auch die mehr als eine Million Menschen, die an oder mit diesem Virus bisher gestorben sind.

24. Oktober 2020

 

In eigener Sache:

 

Botschaften des Leidens

von Peter Züllig

 

Weihnacht naht und mit ihr die Zeit jubelbegründeten Konsums, auch des delegierten Bettelns. Delegiert? Ja, delegiert an professionelle Werber, Schmusekatzen für gute Taten im Umfeld des schlechten Gewissens. Jeden Tag verstopfen Bettelbriefe die Postablage. Bettelbriefe? Wenn es nur Briefe wären, jammernde Worte begleitet von einem Einzahlungsschein. Heutzutage meist bestückt mit ungebetenen Begleitern. Von der Kunstkarte (die meist gar nicht meinen Geschmack trifft), über Kugelschreiber, Led-Lampen, Einkaufstaschen, USB-Sticks, Farbstifte, Portemonnaies, Adressaufkleber, Kuscheltierchen… bis zu «Give-aways», die mich in - mir bisher verborgene - Welten entführen möchten. Am ärgerlichsten finde ich dabei die Unformate vieler Bettelsendungen: bauchige Kuverts, unförmige Kartons, gerollte, gefaltete, genietete, geklebte «Päckli», mit und ohne «Mäscheli». Ein Entsorgungshorror. Täglich dieser Kampf um Aufmerksamkeit. Und der Einzahlungsschein: Betrag bereits aufgedruckt. Dreissig, fünfzig Franken, sonst bist du ein jämmerlicher «Knauseri», weit unter dem Durchschnitt eines grosszügigen Spenders. Danke für diese Art der Botschaft des «Leidens».

14. Oktober 2020

 

In eigener Sache:

 

Kunden als Melkobjekte

von Peter Züllig

 

Schon wieder ein Aktivierungsbrief. Vier Seiten (A4) mit Anleitungen, Grafik und Bildchen. Es ist wieder Schluss mit der „alten“ Sicherheit. Eine „neue“ Sicherheit wird vorgegaukelt. Seit vielen Jahren immer wieder die gleiche Botschaft: „Um den hohen Sicherheitsstandards Rechnung zu tragen, lösen wir das bisherige System ab durch…“ Dann gehts zur Aktivierung: Punkt für Punkt bis acht. Dann das erlösende „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben … aktiviert“. Jetzt ist alles besser, einfacher, sicherer… Die Bank schützt sich damit selber – nicht etwa ihre Kunden. Sie wälzt immer mehr Dienste und Arbeiten auf ihre Kunden ab. Diese haben mal für mal mehr zu tun. Nicht nur neue Apps zu laden, neue Software zu installieren (Zahlungssoftware), ein neueres Smartphone zu kaufen und einen neuen noch komplizierteren Zugang zum eigenen Konto zu erlernen. Derweil wird Bankfiliale um Bankfiliale geschlossen, der Service und Kundenkontakt in den Computer verlagert. Die Arbeit erledigt nicht mehr die Bank. Der Kunde selbst hat dies gefälligst zu tun. Zur eigenen Sicherheit! Verlogener ist wohl kaum eine andere Branche im Dienstleistungssektor. Da wird unter dem Motto «Sicherheit und Rationalisierung» gespart und gespart und ausgelagert. Wohin? Zu den Kunden natürlich: Bankabrechnung, Kontostand, Ein- und Auszahlungen, Informationen, Antworten auf Fragen… Alles einst selbstverständliche Dienstleistungen der Bank. Möglichst viel – am liebsten alles - hat inzwischen die Kundschaft zu übernehmen. Die Bank ist nur noch eine möglichst lukrative Institution für Aktionäre. Ihre Dividende ist das Mass der Dinge. Die Kunden – von den Jüngsten, die einst lernten die Sparbüchse zu fütterten bis zu den älteren Semestern, die ihre Ersparnisse zur Bank tragen – sind nur noch Melkobjekte, bestenfalls mit «Zufriedenheitsgarantie» der zackigen Werbung und der «grosszügigen» Sponsorings zur Aufpolierung des ramponierten Banken-Images

03. Oktober 2020

 

In eigener Sache:

 

Verworben

von Peter Züllig

 

Das Verb «verworben» gibt es – laut Duden – nicht, wohl aber seine Wirkung. «Ver…» - wie verärgert, verstimmt, verblödet. So meine Erfahrung bei der Fernsehwerbung. In den Programmen der «Öffentlich-rechtlichen» hält es sich noch in Grenzen. Vertretbar! Das Unerträgliche wird da durch Konzessionsgebühren vermieden - oder wenigstens vermindert. Das Schmerzvermeidungsgeld bezahle ich sogar gerne – um meine Gesundheit zu schonen. Doch die Privaten – die erdrückende Mehrheit der Sender – locken ab und zu mit durchaus verträglichen Programmen. Schalte ich diese ein, wird mein Spass – oder mein Interesse – schon bald jäh unterbrochen. Werbung! Nicht eine kurze Werbung – viele lange, minutenlange. Werbebotschaften, geheuchelt, gesäuselt, geflunkert – meist im Stil des Blödelns, Behauptens, Schreiens. Anfänglich habe ich sie einfach aus meiner Beachtung gewischt. Als sie sich immer häufiger wiederholten, bin ich weggezappt, ausgewichen und schliesslich wutentbrannt – mit überhöhtem Blutdruck ausgestiegen. Die Werbung hat mich «verworben». Seither gibt es – bei mir – diesen Begriff. Er besteht aus einer - inzwischen langen  - Liste von Produkten, die ich nie, wirklich nie kaufen werde. Selbst wenn sie – Zitat - «vierzig Prozent günstiger sind.»

16. September 2020

 

In eigener Sache:

 

Familiensilber verscherbeln

von Peter Züllig