Medien: gelesen (Bücher 2)

07. November 2020

 

Arno Geiger

«Der alte König in seinem Exil»

2012, dtv Verlagsgesellschaft, München.
9. Auflage 2017,
Paperback, 189 Seiten,
ISBN 978-3-423-14154-3

(Foto: Tagesspiegel, Wonge Bergmann)
(Foto: Tagesspiegel, Wonge Bergmann)

Aus dem unauffälligen Gemeindeschreiber von Wolfurt (Vorarlberg) wird ein «König», dessen Reich wir nicht mehr deuten können: bizarr, abstrus, oft kindlich, kindisch, jeder - von uns so hochkotierten – Logik entbunden. Aus dem Vater wird ein Heimkehrer, heimgekehrt in eine zusehends verwirrlichere Welt. Dabei hat der Vater seine Heimat, sein Dorf, seinen Alltag nie verlassen, mit Ausnahme, als er 18jährig, kurz vor Kriegsende, noch an die Ostfront in den Krieg geschickt wurde und krank, zermürbt, einsam heimgekehrt ist. Ein Erlebnis, von dem er fortan, bis ins Alter. kaum je gesprochen hat, das ihn aber jetzt, in seiner anderen Welt – in seinem «Exil» - wider umtreibt, heimtreibt, obwohl er längst daheim ist. Diese Unlogik – in einer Welt der Logik – bereitet uns Mühe, wenn wir einem demenzerkrankten Menschen begegnen oder ihn sogar ein Stück begleiten. Der Umgang mit der Unlogik in der Logik oder umgekehrt (Logik in der Unlogik), macht uns, fassungslos, verständnislos, wütend oder sie wirken lächerlich: «Ich fragte ihn aufgeregt, wie es ihm gehe. Er zuckte die Achseln und sagte «Hoffentlich gut.»

 

(Foto: böhringer friedrich - CC BY-SA 2.5)
(Foto: böhringer friedrich - CC BY-SA 2.5)

Diese sehr intime Erzählung beschreibt den Weg des Wertwandels, der sich ganz, ganz langsam vollzieht und zuerst selbst von den Angehörigen kaum beachtet, schon gar nicht ernst genommen wird, bis, ja bis die heranschleichende Krankheit lebensbedrohend auftritt, weniger für den «Kranken», als vielmehr für seine Nächsten, für die, welche in eine andere Welt gestossen wurden, dort sein müssen, gleichzeitig aber in einer anderen   Welt – in der normalen – leben  und handeln. Für den Sohn des dementen Vaters – der Schriftsteller ist und der «Geschichten» schreibt – der in der Sprache eine Erfüllung sieht -  ist die Welt der Wertverschiebung belastend, ja nahezu tödlich, bis er mit einem Befreiungsschlag zur Einsicht kommt: Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm (dem Vater) geben, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest.»

«Diese Kraft des Festhaltens – in einer neuen der Beziehung zwischen Vater und erwachsenem Sohn, liegt der Wert dieser Erzählung. Ja, der Schlüssel um aus unserer wertdefinierten Welt in eine uns krank erscheinende Welt einzutreten und dem, den man einst als Vater und Autorität erlebt hat, nun auch als Mensch zu erleben. Zwar krank, im geistigen Exil, scheinbar in einer anderen Welt. Daraus ist eine  Biographie der Gefühle, der Sprache, der Grenzüberschreitung entstanden. Der Autor: «Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen. Ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können, bevor der der Vater stirbt». Und nun, ich als Leser: Es hat sich gelohnt, weil nur nach ein paar Lesestunden ein «Exil» nicht seinen Schrecken verloren, ihn aber verständlicher, menschlicher, erträglicher gemacht hat. Ja, vielleicht eine gewagte These, dass dieses «Exil» nicht einfach ein exotisches Reich ist, sondern ein anderer Teil des Lebens ist.

Peter Züllig 

23. Oktober 2020

 

Saša Stanišić

Herkunft

 

2019, Luchterhand Literaturverlag, München

365 Seiten, ISBN 978-3-630-87473-9
 9. Auflage

 

Viel Autobiographisches verbindet sich mit viel Erfundenem, Gedachtem, Geträumtem und er stellt fest: «Meine Erinnerungen sind Variablen der Sehnsucht», während Grossmutters Erinnerungen «Variablen ihrer Krankheit» sind. Zwischen diesen «Variablen» pendelt der Roman hin und her: zwischen Leben, Sehnsucht und Krankheit. Krankheit auch dort, wo er aus einem kranken Bosnien hin geflohen ist In Deutschland, wo gerade Neonazis

 

(CC BY-SA 4.0)
(CC BY-SA 4.0)

Molotow-Cocktails in ein Wohnheim für vier vietnamesische Vertragsarbeite werfen. «Ich bekam von der Sache nichts mit. Besser sao. Wir waren in Deutschland gerade angekommen und mit uns selbst beschäftigt…» Diese «Mit-sich-selbst-beschäftigt» zieht sich durch den Roman, der – genau genommen – kein Roman ist, sondern Essays über das Daheimsein.

Daheim kann man auch in der Phantasiewelt sein. Selbst bei den Orks, die den Mächten des Bösen dienen oder bei der «Waldfee», mit Brüsten einer «Matrosin auf dem Cover einer Illustrierten.» Zwei Beispiele nur, die zeigen, mit welcher Leichtigkeit und Fabulierlust der Autor Wirklichkeit und Phantasie verbinden kann, selbst dort, wo es um Krankheit und Tod, um Flucht und Not, um Erinnerung und Vergessen geht. «Es zählt nicht, wo was ist. Oder woher man ist. Es zählt, wohin du gehst. Und am Ende zählt nicht mal das.» Sasa Stanisic schreibt «modern», das heisst: er jongliert mit der Sprache von Twitter, den Sprachfetzen in den Social Media, jongliert aber so, bis er «Gefallen daran findet, wie Eichendorff die Welt hofiert. Wie freundlich er ihr gegenübertritt. Ihr, auch dem Mystischen in ihr, zugewandt...» Er findet einen eigenen, ja eigenwilligen Weg von Heidelberg, der «Stadt der Romantik» - wohin ihn die Flucht aus Ex-Jugoslawien verschlagen hat - bis in die Hansestadt Hamburg – wo er heute lebt und arbeitet – und wo Wolfgang Borchert sein «Nein» in eine zerstörte Welt geschrien hat.                                                                              Peter Züllig

14. Juli 2020

 

Arno Geiger

 

Unter der Drachenwand

Roman

2019, dtv Verlagsgesellschaft, München
3. Auflage, Lizenzausgabe. Erstveröffent-lichung 2018 im Hanser Verlag, München

480 Seiten, ISBN978-3-423-14701-9

Als "innerlich" würde ich sie bezeichnen, die Sprache, die so einfach, alltäglich, leicht dahingeworfen und lebensnah wirkt, aber unglaublich raffiniert gesponnen ist. Anstatt Kriegslärm und Untergangsstimmung - es ist das letzte Jahr eines verlorenen Krieges - wird das "Innenleben" von ein paar (wenigen) Menschen skizziert, ja seziert. Menschen,  welche die gleiche Zeit, den gleichen Krieg, an verschiedenen Orten, unter verschiedenen Umständen, ähnlich und doch ganz verschieden erlebt haben. Allen gemeinsam ist die Angst, das Hoffen und Bangen, das Glauben und Verdrängen, die Enttäuschung und die Resignation. Krieg, nicht an der Front, sondern in "rückwärtigen Diensten". Ein Geflecht aus minutiösen Beschreibungen und skizzenhaften Notizen. Tagebuchartig, ohne die übliche Einteilung in Tage, mit wenigen Begegnungen und Überraschungen, aber voll von Konflikten des Alltags, die sich vor dem Hintergrund der geschichtlichen Tragödie des Zweiten Weltkrieg gerdezu banal sind und ohne grössere  Aufregung hingenommen

Die Drachenwand   (Bild: Neumayr)
Die Drachenwand (Bild: Neumayr)

werden. Der zentrale Schauplatz ist ein Dorf am Mondsee, zu Füssen der steilen, Schrecken einflössenden Drachenwand, immer wieder eingehüllt in das Brummen der Bomber, die ihre tödliche Last irgendwo und überall abwerfen können. In Mondsee bleibt es beim Lärm der Flieger, von den anderen Schauplätzen (Wien und Darmstadt) wird in Gedanken (und Briefen) die Not, die Angst und das Leid des Krieges festgehalten.

17. August 2020

 

Michelle Halbheer

 

Platzspitzbaby

 

Meine Mutter, ihre Drogen und ich
Geschrieben von Franziska K. Müller

 

2013, Verlag Wörterseh, Lachen

 

Das Buch hat schon Furore gemacht, als es 2013 erschien, Hardcover mit Schutzumschlag, gleichsam eine schweizerische Version von «Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo». Der «Bahnhofzoo» ist in diesem Fall der «Platzspitz» in Zürich. Erzählt wird das Leben (und Erwachsenwerden) eines Kindes im Umfeld von harten Drogen und der damit verbundenen Verwahrlosung. Dies ist das schwierige am Buch: der permanente Wechsel von der Ich-Person als Kind und der Ich-Person als Erwachsene, die auf ein Geschehen zurückblickt, das zwanzig und mehr Jahre zurückliegt (mit Kursiv-Schrift gekennzeichnet)

Der Unterschied zu Christiane F. Michelle Halbheer – von der die Autobiographie handelt - wird nie selber Drogensüchtig, sondern schafft den scheinbar unmöglichen Weg zur erwachsenen Person, «die Verantwortung für mich und meine Handlungen» übernimmt, und sich weigert «geplatzte Träume und Schicksalsschläge als Legitimation für den Untergang zu nutzen.» Genau das hat Michelles Mutter nicht geschafft, sie, nicht ihr Kind ist schliesslich untergegangen. «Ich besuchte si noch einmal in ihrer kleinen Wohnung, die ich als letzte Hilfeleistung organisiert hatte. Trotz der staatlich verordneten Heroinabgabe und dem Methadon konsumiert sie weiterhin Kokain.» Die schweizerische Michelle K. ist also – im Gegensatz zu den meisten ihrer Jugendfreunde – aus dem gleichen Elendsmilieu – «davongekommen» und erhebt jetzt – mit der Stimme der Autorin (und Fachleuten) Anklage. 

Verstärkt wird das Switchen zwischen verschiedenen Ebenen, durch Statements von beteiligten Personen, die unabhängig des eigentlichen Erzählstrangs – analog zu «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» - eingestreut werden, auch hier durcDas Buch habe ich damals – vor sieben Jahren – nicht gelesen. Die Bilder – denen ich in meinem Beruf immer wieder begegnet bin – wollte ich offenbar hinter mir lassen. Bis der Film von Pierre Monnard – nach dem Vorbild der gleichnamigen Autobiographie – in die Kinos kam. Das wollte ich das Buch lesen, das Thema aus hundert Film-Minuten lösen, das Kinoerlebte vertiefen. Doch das Buch war vergriffen, es lag nicht auf, in den Kinos, es stand nicht in den Schaufenstern der Buchhandlungen. Erst jetzt – das Filmerlebnis schon fast verblasst – wurde die Taschenbuchausgabe neu aufgelegt, als «Buch, das den Film Platzspitzbaby inspirierte». Fehleinschätzung des Verlags oder Schlamperei? Schwer zu sagen, denn der Film ist einiges besser als das Buch. Etwas, was nicht allzu häufig der Fall ist.

Drogenszene  (Screenshot SRF)
Drogenszene (Screenshot SRF)

 Doch der Zwang, eine Erzählung in eine stringente, dramaturgisch (nach) erlebbare Form zu bringen, ohne direkte Anklage, ohne Erklärungen zur Drogensituation, ohne die Hilflosigkeit vieler Beteiligter der traurigen Geschichte gutgetan. Der Film hat aus einem schwerverdaulichen Stoff, aus einer oft fast hilflosen Beschreibung, eine Anklage gemacht, die weit stärker ist als das Bemühen auf die gut 200 Buchseiten, die nicht mit Betroffenheit endet, sondern mit den Erfahrungen und Erklärungen einer Fachperson.

14. Juli 2020

 

Arno Geiger

 

Unter der Drachenwand

Roman

 

2019, dtv Verlagsgesellschaft, München
3. Auflage, Lizenzausgabe. Erstveröffent-lichung 2018 im Hanser Verlag, München

480 Seiten, ISBN978-3-423-14701-9

 

 

 

Als "genialen Authentizitätsfiktion" bezeichnet die Literatur-Kritikerin, Iris Radisch, ("Zeit") den Stil des Romans und trifft damit den Kern der erzählerischen, sprachlichen und dramaturgischen. Der Soldat Veit erzählt seine Geschichte von der Kindheit bis zur Verwundung im Krieg und der angeordneten Auszeit am idyllischen Mondsee.

Schriftsteller Arno Geiger  (Bild: Marco Flammang II)
Schriftsteller Arno Geiger (Bild: Marco Flammang II)

Die Sprache schlägt keine Kapriolen, sie ist eher schlicht und ganz auf den erzählenden Menschen und seinen Charakter zugeschnitten: herrisch, besorgt, ängstlich, zweifelnd, erlebend… Und die Dramaturgie vertuscht erfolgreich die Tatsache, dass es weder die Figuren noch ihre Geschichten so gegeben hat, es sei denn in der Phantasie des Autors. Es gibt keine Vorlage, keine Aufzeichnungen, keine Augenzeugen. Nur die harten Fakten des Kriegs in welche die Erzählung eingebettet ist. Der Autor – Jahrgang 1968 – hat nichts von dem erlebt, was er in Bezug auf Krieg so lebensnah und authentisch schildert. Es fällt nicht auf, dass das vermeintlich Autobiographische zwar historisch präzise einzuordnen, aber letztlich doch eine Fiktion ist. Die «Langatmigkeit» in den vielen detaillierten Beschreibungen wird von der Knappheit und Unmittelbarkeit in Briefen und Notizen immer wieder durchbrochen.

 

Zerstörtes Darmstadt (Bild: Stadtarchiv)
Zerstörtes Darmstadt (Bild: Stadtarchiv)

Die vielen unterschiedlichen Erzähler – die im Geschehen als Figuren kaum oder nie selber auftreten – lassen ein Sprach- und Gefühlsgemälde entstehen, das ins seiner Stimmigkeit schon als genial bezeichnet werden kann. Das Spiel der Erzähler wird so weit getrieben, dass am Schluss auch noch der Autor noch selber auftritt und seine Figuren und ihr weiteres Schicksal dokumentarisch kurz aufzeichnet und quasi in das Zeitgeschehen seit Kriegsende einbettet. Die Hauptfigur, die ein Leben nach dem Krieg hatte, ist am 3. Juni 2003 gestorben, seine Freundin – inzwischen eine Frau – ist zum Zeitpunkt, als der Niederschrift fünfundneunzig Jahre alt.

10 Juni 2020

 

Simone Meier

Kuss

 

Kein & Aber, Zürich

2019, 252 Seiten, ISBN 978-3-0369-5794-4

 

Es ist ein "Szenen-Roman", ein "In"-Buch, zeitgeistig, trendig, kalt beobachtend. Nicht kühl: kalt! Liebe und Romantik wird durch Ficken ersetzt und taucht nur in Fantasien auf. Sprachlich heimatlos, durchzogen von englischen Wortfetzen und viraler Sprachlosigkeit, umzingelt von Klischees und Versatzstücken aus Lifestyle, Literatur und Medienwelt. Zelebriert wird da vorallem Langeweile. Doch wie lässt sich Langeweile darstellen, ohne langweilig zu sein.

Auf Valeries Grabstein sollte einmal stehen – so der Roman von Simone Meier – «Dirty old woman» Und die Begründung: «Das hatte sie sich verdient, Sie war hart im Ton und hart im Nehmen…» Dann zum Beweis ihre Lieblings-E-Mail: «Sehr geehrter Herr S. Ich bin leider nicht in der Lage, Ihre gestrige Premiere zu besprechen. In den fünfundzwanzig Jahren meiner Karriere habe ich nämlich noch nie eine in jeder Sekunde derart miserable Inszenierung gesehen. Was auch eine Leistung.» Spott? Satire? Sarkasmus? Ironie? Die Stelle taucht schon auf Seite 26 auf und dient der Beschreibung einer «Fifty-Plus», gealterte Journalistin, die versucht mit ihrem verblassten Ruhm und dem Alter zurechtzukommen. Die Stelle – ein Stück überzeichneter Journalisten-Arroganz – verwirrt, erschreckt, schockiert mich. Doch dann vergesse ich den kurzen Abschnitt, die knapp sechs Zeilen. Bis am Schluss. Da taucht sie wieder auf, nicht im Buch, bei mir.

Simone Meier  (Bild: André Wunstorf)
Simone Meier (Bild: André Wunstorf)

Da müssen eben Regietricks her: eine verbittert böse Mutter, ein steinreicher Vater mit rebellierendem Sohn, eine durch Betten und Beziehungen hüpfende Schwester, ein alternder Schmachtfetzen von Schauspieler, ein «bisschen» trostlose Bünzligkeit, Wein en-vrac und Whisky in der Bar… Ein Gemisch von moderner Unappetitlichkeit mit vorprogrammierter Katastrophe. Kann das gut gehen, die Langeweile (beim Lesen) überbrücken? Bei mir nicht! Ich bin halt ein «Oldie», doppelt so alt wie die urbanen «Thirtysomethings» und «Fortysomethings, die im Roman sich in Fantasien und Projektionen ergiessen: man müsste, könnte, dächte, dürfte, sollte, wollte. Der Konjunktiv feiert Orgien und Begleitet von Fragezeichen. Immer wieder diese Fragezeichen statt Fragen.
Nach dem zwar konsequenten und fast schon fulminanten Schluss tauch in mir die zitierte Stelle auf Seite 26 wieder auf, leicht variiert und ich mache es mir einfach:

(Bild: DPA)
(Bild: DPA)

«Sehr geehrte Frau M. Ich bin leider nicht in der Lage, Ihr Buch zu besprechen. In den fünfundfünfzig Jahren meiner Karriere habe ich nämlich noch nie eine in jeder Sekunde derart miserable Inszenierung gesehen. Was auch eine Leistung ist.» Ob dies sarkastisch, ironisch spöttisch oder real gedacht ist, muss jede Leserin, jeder Leser halt selber entscheiden.

23. April 2020

 

Albert Camus:

Die Pest

 

La Peste, ein Roman aus dem Jahr 1947
Deutsch von Uli Aumüller
                                                 Rowohlt Taschenbuch 90. Auflage März 2020
                                                 350 Seiten,  ISBN 978-3-499-22500-0

Am Abend des 14. März wurde der Smart ZH 675 983 drei Kilometer vor Genf angehalten. Grenze geschlossen! Drei Stunden Wartezeit – in der Kolonne  – im kleinen, engen Auto. Auch die Schweiz ist abgeriegelt. Da tauchte zum ersten Mal der Gedanke auf: «La peste» von Albert Camus. Erinnerung an ein Buch der Weltliteratur – so quasi Pflichtstoff zu Gymnasialzeiten; Erinnerungen an den Französischunterricht. Ein paar Tage später habe ich im Büchergestell – C = Camus – das abgegriffene Taschenbuch, «La peste» in der Originalsprache Französisch gefunden, mit vielen Unterstreichungen, Anmerkungen und ins Deutsch übersetzten Wörtern. Ich setzte mich hin und begann zu lesen: «Le matin du 16. April, le docteur Bernard Rieux sortit de son cabinet e buta (da die erste Notiz: buta = stolperte) sur un rat mort, au milieu du palier.»

Vom ersten Augenblick an bin ich fasziniert – vielleicht sogar zum ersten Mal, ich weiss es nicht mehr. Zu weit liegt die Schulzeit zurück. Doch ich erinnere mich: «Die seltsamen Ereignisse, die Gegenstand dieser Chronik sind, haben sich 194’ zugetragen. Nach allgemeiner Ansicht passten sie nicht dorthin, da sie etwas aus dem Rahmen des gewöhnlichen fielen…» 
(Weiterlesen hier)

13. April 2020

 

Lukas Bärfuss

 

Koala

Roman

 

Taschenbuchausgabe März 2016
btB-VwelG (Random House) München, 6. Auflage

©  2014 by Wallstein Vwelag, Göttingen, 182 Seiten

ISBN 978-3-442-74908-9

 

Ob es wirklich klug war, den Roman «Koala» von Lukas Bärfuss jetzt – in Zeiten des tödlichen Virus - zu lesen, weiss ich nicht. Handelt er doch vom Tod, genauer gesagt vom Selbstmord seines Bruders, von der Frage nach dem Warum und der Umkehr der Frage: «Warum lebe ich noch immer?» Und immer, wenn eine Antwort zu erwarten war, blieb sie aus, bis am Schluss der Ich-Erzähler «in den Wagen stieg, nach Hause fuhr, sich an den Schreibtisch setzte und an die Arbeit machte.» Mich, den Leser, lässt er ratlos zurück. Seine Spurensuche führen durch Jahrhunderte, durch die Kulturgeschichte, vorbei an berühmten Selbstmorden, zurück in die Zeit der Kolonialisierung Australiens, zur Evolution im Tierreich und noch ein paar Dingen mehr. Alles präzis – in Faktentreue gekleidet – spannend erzählt. Ich frage mich, hätte ich den Roman anders wahrgenommen, anders interpretiert, besser verständen, wäre nicht der Corona-Tod und der Stillstand des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft, der Kultur im Augenblick omnipräsent? Wenn von Tod und Leben, von Erfolg und Versagen, von Schuld und Bestrafung die Rede ist – das im Buch ist fast immer der Fall – geht es recht brachial, so gar nicht zimperlich zu und her, mitunter sogar recht grobschlächtig, bis in die sprachlichen Formulierungen hinein.

© Wallstein Verlag, Lea Meienberg
© Wallstein Verlag, Lea Meienberg

Warum habe ich das Buch überhaupt aufgeschla-gen, gelesen, mit viel Interesse und sogar Bewund-erung durchgewürgt, es nicht weggelegt, nicht den Deckel vor dem letzten Satz zugeschlagen. Einmal weil es spannend war durch ein Tabuthema – den Selbstmord – geführt zu werden und weil ich fasziniert war, vom breiten, immer wieder abschweifenden Erzählstil. Doch es blieb bis zum Schluss schwierige, die einzelnen Teile – die vielen Abschweifungen – irgendwie zusammenzubringen, auf die eine, zentrale Frage: Selbstmord! – warum?

Zugegeben, ich habe auch zu diesem – inzwischen schon älteren - Roman gegriffen -, weil sich der 1971 geborene Schweizer Schriftsteller nicht nur als Dramatiker einen Namen gemacht hat, sondern zur Zeit immer häufiger als «Stimme der Zeit» in der Kultur- Polit- und Wirtschaftswelt zitiert wird. Und weil ich bis heute nur Fragmente – zum Beispiel seiner Rede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises (2019) oder ein Interview zum Zustand der Schweiz («Republik») – beachtet  habe. Jetzt wollte ich endlich auch den Erzähler Bärfuss kennen lernen, der oft mit der rohen Keule dreinschlägt, aber auch ein stiller, sinnlicher Erzähler sein kann. Vielleicht habe ich doch das falsche Buch gewählt. Zur sinnvollen Ergänzung werde ich jetzt seinen letzten Erzählband «Malinois» lesen und hier darüber berichten.

(Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz. Dramatiker und Romancier, Essayist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in etwa zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

"Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz. Dramatiker und Romancier, Essayist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in etwa zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich." (Wallstein-Verlag) www.lukasbaerfuss.ch

22. Mai 2020

 

Gelesen:

 

Gerold Späth

 

Das Spiel des Sommers
neunundneunzig

2009, Lenos Verlag (erstmals erschienen 1993)

177 Seiten (erstmals veröffentlicht 1993)
ISBN 978 3 85787 405 5

 

Umschlagfoto: Gerold Späth

Es ist die Sprache, die fasziniert, die begeistert, die den Leser auf einer wilden Berg- und Talfahrt begleitet. Es ist die Sprache, welche die Phantasie in die Wirklichkeit presst und die Wirklichkeit in der Phantasie auflösen lässt. Kurz und knapp und doch prall, immer wieder Situation wie diese:«Iris Lefèbre, behütet und begütert, Töchterchen und Prinzesschen, heiratet mit achtzehn spanischen Witwer, adelig, reich und versucht in weitläufigem Schloss inmitten weitläufiger  Ländereien weit draussen im weiten spanischen Land Madame la Marquesa zu spielen - …» Anderthalb Seiten nur die Beschreibung eines Lebens, das in einem «Sack voll Menschenfleisch und Gestank" endet.

Dies eine der Geschichten im «Spiel des Sommers neunundneunzig», beiläufig erzählt, als Notiz im Tagebuch von «Heiri R», festgehalten, der sich am «Rande der westlichen Welt». Wo sich der Erzähler – ärztlich verordnet - zu erholen hat und immer wieder in den Strudel alltäglicher Begebenheiten gerät, wo sich Spuck und Realität vermengen.

Es ist das beste Buch – nicht einmal zweihundert Seiten dünn – das ich in der letzten Zeit gelesen habe. Warum das beste? Weil es bildsprachlich erzählt, üppig und doch knapp, nicht Wörter stapelnd, sondern in Wörtern und Begriffen malend. Ein Gemälde des «barocke Späth» der 60er-, 70er und 80er-Jahre, nicht weniger Barock als früher, jetzt aber unglaublich sparsam, fast schon zeitraffend. Eine Wohltat in der Literaturszene, wo die Nabelschau meist Orgien feiert oder von Dingen erzählt, die mich nicht oder berühren berühren.

Und. Es ist ein Buch, das nicht ein Leben erzählt, sich nicht durch mehr oder weniger ausgewälzte Geschichten hangelt, sondern viele Leben und viele Geschichten in eine Welt stellt, die handfest, konkret und real ist. Eine Welt in Irland, wo die Zeit scheinbar stillgestanden ist und über die ich mehr erfahre als der beste Reiseführer zu sagenweiss.

 

Peter Züllig  

09. Mai 2020

 

Martin Walker

 

Connaisseur

Zwölfter Fall für Bruno, Chef de Police.
Roman

2020 Deutsche Erstausgabe, Diogenes Verlag, Zürich, 437 Seiten, SBN 978-357-07128-3

"Kult" - eigentlich "Götterverehrung" - ist längst nicht mehr auf religiöse Vorstellungen und Handlungen beschränkt. Kult gibt es auch im Alltag, dort, wo sich der Alltag abhebt vom Gewöhnlichen, wo sich Menschen um einen Ort, eine Handlung oder Person scharen, um immer wieder das gleiche Gemeinschaftsgefühl, die gleiche Vertrautheit und Erinnerung zu

Le Bugue alias Saint-Denis
Le Bugue alias Saint-Denis

erleben.  Auch Roman-Figuren können Kultstatus erreichen, wenn sie immer wieder als "Vertraute" - als grosse oder kleine Helden - auftauchen und den


Alltag mit ihren Handlun-gen, mit ihrem Charakter - oft auch mit ihrer Kraft und Macht, ihrer Gesinnung und einem besondern Können, - meistern und bereichern.Buno Courrège, Dorfpolizist von Saint-Denise im Périord (im Südwesten Frankreichs, dort wo sich die Vézère mit der Dordogne vereinigen). Doch Saint-Denis gibt es nicht. Und doch, es existiert, nicht nur in den Büchern von Martin Walker, auch im Périgord an der am Vézère und nennt sich Le Bugue. Das reale und das fiktionale Dorf sind sich so ähnlich, dass das reale Le Buegue bereits zur Kultstätte des fiktionalen "Sait-Denis" geworden ist. Dabei macht der Autor das, was er in seinen 12 Bruno-Krimis immer wieder tut. Er bleibt in Bezug auf Landschaft, geschichtliche Fakten, aber auch dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen in der Dordogne realitätsnah. Nur Namen und Figuren schlüpfen in eine Roman-Realität, bei der ein historischer Hintergrund das Szenario immer auch prägt.

 

Als da sind - immer wiederkehrend - die "Pied-Noir" - jene Franzosen, die zurück nach Frankreich flüchten mussten (Valise ou cercueil - Koffer oder Sarg), als Frankreich unter De Gaulle 1962 Algerien in die Unabhängigkeit entliess. Und - meist noch dominierender – die Erinnerungen an ein «verratenes» Frankreich zur Zeit der Vichy-Regierung und der Widerstand gegen die deutsche Besatzung (die Résistance), die in den abgelegenen ländlichen Gebieten besonders aktiv war.

 

Bruno - der bescheidene Held - ist auch - wie könnte es anders sein! - ein begnadeter Koch und Weinlieb-haber, der mit seinen Einladungen geschickt durch das kulinarische Périgod führt und auch in Sachen Wein dem nicht weit entfernten Bordeaux (fast) ebenbürtig ist.

(Foto: Screenshot SRG)
(Foto: Screenshot SRG)

Welcher Weinkenner und Gourmet kann schon einem Monbazillac und einem köstlichen Croissant widerstehen, "das viel besser schmeckt als die in Paris"? Die Bruno-Romane werden so zu einer vergnüglichen Mischung aus Genuss, Belehrung und Spannung und zu einem Widersehen mit bekannten Gesichtern und Charakteren. Es bleibt aber nicht beim rein atmosphärischer Frankreich-Krimi, die Bruno-Romane windet sich - fast unbemerkt - zu einer vergnüglichen Belehrung in Sachen Geschichte und Kultur einer der schönsten Gegenden Frankreichs.

Zur Ergänzung ein Besuch bei Martin Walker ausgestrahlt 2013 in der Sendung "Kulturplatz" im Schweizer Fernsehen.

30. April 2020

 

Monique Schwitter

 

«Eins im Andern»
   Roman

 

2015 Literaturverlag Dorschl, Graz
232 Seiten, 5. Auflage, ISBN 978-3-85420-969-0

Eigentlich wollte ich mich nur zurückmelden im Kreis der an Schweizer-Literatur interessierten Leser. Etwas zu lange habe ich kein aktuelles Buch mit literarischem Anspruch Bücher gelesen. Da kam mir Monique Schwitters Liebesbiographie «Eins im Andern» wie gerufen. Etwas prickeln darf es ja schon sein und autobiographische Ansätze versprechen «Lebensnähe». Darüber, dass der Roman schon vor fünf Jahren erschienen ist und die Autorin den Schweizer Buchpreis 2015 erhalten hat, sehe ich – der immer auf dem «neusten Stand» sein möchte – für einmal hinweg. Selbst Schuld, dass ich in den letzten Jahren den Literatur-Marathon in Klagenfurt vernachlässigt habe. Da wäre ich ihr begegnet, beim Vortrag von «Esche», einem Text aus ihrem damals neuesten Roman. Also nichts wie los, verpasstes nachholen.

(Weiterlesen hier)

 

30. April 2020

 

Monique Schwitter

 

«Eins im Andern»
Roman

 

2015 Literaturverlag Dorschl, Graz
232 Seiten, 5. Auflage, ISBN 978-3-85420-969-0

 

Ein kleines Geständnis: Ich war so neugierig, dass ich – was ich sonst nie mache  - vor dem Lesen die Rezensionen in den grossen Zeitungen kurz überflogen habe. Dabei musste ich feststellen, dass dieser Roman von den männlichen Rezensent fast durchwegs gelobt, ja bejubelt wurde, während die Frauen eher Mühe bekundeten. Etwa so: «Die Lektüre mag für Männer bauchpinselnd sein, für Frauen ist

 

Monique Schwitter (Foto: Verlag Droschl)
Monique Schwitter (Foto: Verlag Droschl)

sie enttäuschend», urteilte die Rezensentin in der «Süddeutschen Zeitung».

 

Nun aber wollte ich es wissen: Ich stürzte mich auf, in den Roman – und blieb, bis zur letzten Seite – dran, am Text, bei den Irren und Wirren der Liebe. Zwölf Männer waren es und eine Protagonistin. Die Männer schlüpften immer wieder aus der Realität in die Phantasie, von der Anspielung auf die Zwölf Apostel in zurück in die Wirklichkeit, mal verrückt, versponnen, dann wieder unglaublich realitätsbezogen. Sogar Zürcher Tramlinien und Haltestellen werden korrekt wiedergegeben. Doch weder Zürich, noch Hamburg (wo die Autorin heute lebt) sind wichtig als Schauplätz, sie sind bestenfalls Orte, wo der Anker ausgeworfen wird, um nicht abzudriften, auszutreten aus dem Reigen der tanzenden «Apostel-Runde». Ein paar hervorragende Einfälle, wie das Pochen im Kopf,

 

Klopfgeräuche = Morsezeichen
Klopfgeräuche = Morsezeichen

das zu Morsezeichen mutiert; Flucht in wetterbestimmte Landschaften: Schnee, Regen, Nebel; Heimkehr zu Erinnerungen aus der Kindheit, aus der Zeit des Erwachsenwerdens, der Lebensexzesse; Steifen durch Moral und Unmoral, durch Liebe und Leid, durch Hörigkeit und Selbstbestimmung. Vielleicht das grösste Verdienst: trotz beängstigender Nähe, kein Abgleiten in den Kitsch; einige treffende literarische Attitüden, aber immer mal begleitet von Banalitäten. Ein Lebens- und Liebespotpourri eben.

 

An diesem Punkt beginnen meine Zweifel, meine immer häufiger gestellte Frage angesichts literarischer Entwürfe. Eine vorerst für mich uninteressante Erzählerin (vielleicht schaffen sie es als Persönlichkeiten «interessant» zu werden) erzählt (und fabuliert) - leicht oder stark verschlüsselt – von ihren (vorerst) uninteressanten Begegnungen. Genügt das, um interessant zu sein? Um ein Stück anderes Leben in meins zu bringen, literarisch? Um den Aufwand des Lesens, Miterlebens, der Entführung aufzuwiegen?
Thomas war ein Apostel. Aber ein zweifelnder.

 

Peter Züllig

 

Monique Schwitter

"1972 in Zürich geboren, lebt seit 2005 in Hamburg. Sie hat in Salzburg Schauspiel und Regie studiert und war unter anderem an den Theaterhäusern in Zürich, Frankfurt, Graz und Hamburg engagiert. Seit 2012 ist sie Mitglied der Hamburger Freien Akademie der Künste."

23. April 2020

Albert Camus:
Die Pest


La Peste, ein Roman aus dem Jahr 1947
                                             
Deutsch von Uli Aumüller
                                              Rowohlt Taschenbuch 90. Auflage März 2020
                                              350 Seiten,  ISBN 978-3-499-22500-0.

Das Buch habe ich mir dann – in Selbstisolation – in deutscher Übersetzung neu besorgt – soeben in der 90. Auflage als Taschenbuch erschienen. Und erst – nach 350 Seiten – weggelegt, in der festen Überzeugung, soeben das aktuellste Buch gelesen zu haben. Corona oder Pest – Realität und Imagination eines Schriftstellers – sie überschneiden sich. Zum Beispiel, wenn Doktor Rieux in Sachen Pest als Arzt bei den Behörden interveniert: „Also hatte er eine ganze Menge Beamte und Leute aufgesucht, deren Kompetenz normalerweise nicht in Frage stand. Aber im vorliegenden Fall nützte ihnen diese Kompetenz nichts. Meistens waren es Männer, die genaue und wohlgeordnete Vorstellungen von allem hatten, was das Bankwesen oder den Exportoder auch den Weinhandel betraf; die unbestreit-bare Kenntnisse in Prozessangelegenheiten oder Versiche-rungsfragen besitzen, ganz abgesehen von gediegenen Diplomen und einem offen-ichtlichen guten Willen… Aber in Sachen Pest waren ihre Kenntnisse fast gleich null.“

Die algerische Stadt Oran
Die algerische Stadt Oran

Umso schneller sich die Pest im Roman von Camus verbreitet, anschwillt und endlich, endlich zurückgeht, desto klarer lässt sich das menschliche Verhalten während der Seuche „klassifizieren“. Da sind zum Beispiel: „die Rechthaber, besonders in der Kategorie der Formalisten. Daneben die Schönredner, die versichern, das alles könne nicht lange dauern… und mit dem Bescheid trösten, es handle sich nur um eine vorübergehende Unannehmlichkeit. Ausserdem gibt es die Wichtigtuer“, die sich einen Bericht oder eine Zusammenfassung wünschen und versprechen, dann „über den Fall“ zu befinden; „die Oberflächlichen“, die billige Ratschläge und Adressen anbieten. „Die Überlasteten, die die Arme heben und die Belästigten, die wegschauen; … schliesslich die Herkömmlichen, die auf Dienststellen oder mögliche Vorstösse hinweisen…“

 

Dies alles und noch viel mehr, sozusagen ein ganzes Buch, lässt sich auf die aktuelle Situation – auf den Verlauf der Corona-Kriese – mühelos übertragen. Zum Beispiel: „Man kam auf die Idee, bestimmte besonders stark betroffene Viertel zu isolieren und nur den Menschen deren Dienste unentbehrlich waren, zu erlauben, sie zu verlassen.“ Die Betroffenen empfanden „diese Massnahme als eine gezielt gegen sie gerichtete Schikane… und hielten die Bewohner der anderen Viertel für freie Menschen. Diese wiederum fanden in ihren schweren Stunden Trost in der Vorstellung, dass andere noch weniger frei waren als sie. ‘Es gibt immer einen, der noch mehr Gefangener ist als ich’, war der Satz, der damals die einzige mögliche Hoffnung zusammenfasste.»Es sind nicht nur – oder nicht – die Parallelen, die den vor mehr als 70

Jahren geschriebenen Roman noch heute so lebendig, wahr und aktuell erscheinen lassen. Es ist die «Parabel des Widerstands» und der Aufruf zu Solidarität unter den Menschen in ihrem Kampf für das Leben, das Überlebens und die Angst vor dem Tod. Unabänderliche Schicksalsmächte seien nicht Ereignisse, „bei denen man nur noch auf die Knie fallen kann“, sondern Momente des Widerstands, wo Menschen auch bei und nach Niederlagen „noch Zeugnis dessen sein können „was vollbracht werden muss und was ohne Zweifel noch alle Menschen vollbringen müssen, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen den Schrecken und seine unermüdliche Waffe ankämpfen… und Plagen nicht zulassen wollen, sich aber bemühen, Ärzte zu sein.“ Ärzte, die heilen, und jedem Krieg nicht einfach nur Waffen, sondern die Liebe entgegensetzen.

Peter Züllig