In eigener Sache... (Kolumne). Vierter Teil ab Dezember 2023

09. Februar  2024

 

Ein Kind im Ohr?

von Peter Züllig

 

Nein, ich habe kein Kind im Ohr. Aber ein Hörgerät. Weil es schon in die Jahre gekommen ist, überlege ich mir, gelegentlich einen Ersatz zu kaufen. Da kommt mir eine Schlagzeile auf „Bluewin“ gerade recht. Nicht wörtlich, sinngemäss: Was kann ich tun, um das richtige Gerät zu finden? Der berühmte Akustiker X.Y. gibt Auskunft. Er lüftet sein Geheimnis. Ich klicke an. Mitnichten kommt ein Akustiker, vielmehr ein Werbetext mit hochtrabenden Worten und von unglaublicher Banalität. Das kann weder ein Akustiker noch ein Journalist geschrieben haben, nur ein Werbetexter. Als „Beraterin“ begleitet mich das Porträt einer jungen Frau, mit wallenden, langen Haaren und freundlichem Gesicht. Sie stellt Fragen, ganz unverbindlich natürlich: „Besitzen sie bereits ein Hörgerät?“ Meine Antwort: Ja.  Pause, die Antwort wird verarbeitet. Die nächste Frage taucht auf, jetzt in Multiple Choice: „Wie alt sind ihre Hörgeräte“. Ich möchte sage: schon alt, deshalb habe ich ja das Gespräch begonnen! Doch zur Wahl steht nur 1 bis 5 Jahre. Also fünf, weiter! Jetzt wird es noch persönlicher: „Tragen Sie ihre Hörgeräte regelmässig?“ Möglichkeiten einer Antwort: von „Ja, jeden Tag“, bis zu „Nein, ich habe sie verloren“. Also weiter: „Wie sind Sie zufrieden mit Ihren aktuellen Hörgeräten?“ Jetzt eine Frage formulieren: „Was hat das mit einem Test oder Rat zu tun?“ Da fehlt leider die Möglichkeit, eine Frage zu stellen. Vielleicht wäre die KI-Dame auf dem Bildschirm jetzt rot geworden. Also weiter: Jetzt will sie sogar die Koste der „alten“ Hörgeräte wissen und stellt die rhetorische Frage: Was kann ich für Sie tun? Die Antwort wäre das Versprechen in der Schlagzeile: en Rat eines anerkannten Fachmanns der Akustik zu erhalten und stattdessen zu einem Techtelmechtel mit einer KI-Schönheit führte. Als schliesslich mein Alter, mein Name, meine Telefonnummer erfragt wurde, habe ich wütend aufgehängt respektive abgestellt. Kinder gehören eben nicht ins Ohr, vor allem dann nicht, wenn sie keine Kinder, sondern raffinierte Verführer sind.                                                                                  (280)

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29. Januar  2024

 

Wer denn sonst?

von Peter Züllig

 

Es sind nicht die Spatzen, die es verkünden, nicht zwitschernd, vielmehr lautstark, von fünfzig und mehr PS begleitet: Der Zorn der Bauern. Die Schlagzeilen, jeden Tag etwas grösser, etwas länger, etwas kräftiger: „La colère des agrigulteurs monte“. Nicht die Wiesen, Felder und Äcker sind bevölkert von wütenden Bauern. Die Strassen sind es, die Autobahnen, die städtischen Plätze. Paris, Berlin… Zürich, Genf und Bern (noch) nicht. Die Schweiz hat eben keine Streik- und Protesttradition. Dafür unsere nächsten Nachbarn: Deutschland und Frankreich. In Frankreich sind sie, die Bauern mit ihren lauten Traktoren, am Ziel, zumindest geografisch: „Les agriculteurs encerclent Paris.“ Was sie genau wollen, ist schwer auszumachen: mehr Geld, weniger Vorschriften, besseren Schutz vor dem Eindringen ausländischer Konkurrenz. Der „Normalbürger“ staunt, ist fassungslos. Wird nicht die Landwirtschaft subventioniert, wie kein anderes Gewerbe, geschützt, bevorzugt, mit Samthandschuhen ins politische System eingegliedert. In den Köpfen dominiert noch das Bild des Bauern mit Pflug und Sense, das – vor hundert Jahren – Ferdinand Hodler in der Schweiz bis ins Bundeshaus gebracht hat. Böses Erwachen, nicht nur in der Schweiz. Die Bauern haben längst keine Sensen mehr, keine Ackergäule, die brav Furche um Furche ziehen. Maschinen sind es, tonnenschwere, teure Diese müssen gekauft, bedient, gewartet, „gefüttert“ werden. Im Zeitalter der Maxime: „The Best Price“, auch in der Politik kann nur noch der Staat helfen. Wer denn sonst?                                                   (279)

16. Januar  2024

 

"Vordenker"
von Peter Züllig

 

Ich habe ernstlich gelobt, ja geschworen, hier nie mehr über den Schweizer Diktator, genannt Christoph Blocher, zu schreiben. Gelübde oder gar Schwüre sollte man halten. Grundsätzlich. Doch, wenn er, der so «grundsätzlich» argumentierende Despot, wieder einmal versucht, mit Rhetorik die Sicht einer ihm genehmeren Schweiz durchzusetzen, dann kann ich nicht schweigen.
«Ich wäre grundsätzlich für eine 13. AHV-Rente, sogar für eine 14.», schwadroniert der sogenannte «Vordenker». Er, der Multimillionär, sei «grundsätzlich» für eine 13. AHV-Rente! Dies ist eine der vielen «grundsätzlichen» Lügen, Verdrehungen, Unwahrheiten, mit denen Blocher, abgewählter Bundesrat, immer wieder in eine verquere Rhetorik flüchtet und damit jetzt auch die Menschen beleidigt, die Angesichts der rasanten Kostensteigerung auf etwas mehr Geld im Alter, auf eine etwas grössere Rente, angewiesen sind. Es ist unglaublich, was Blocher mit seiner «Grundsätzlichkeit» anrichtet. Einer «Grundsätzlichkeit», mit der er vielen Menschen direkt ins Gesicht spuckt oder gar brutal ins Gesicht schlägt. Das ist Demagogie und hat nichts mit politischer Diskussion zu tun. «Man könne es sich eben nicht leisten», sagt ausgerechnet er, der sich mit Geld und hohler Rhetorik, alles leistet, was seiner politischen Gesinnung dient. Dabei duckt er sich immer wieder hinter dem abstrakten Schutzschild «Schweiz», wenn es darum geht, nicht nur den Reichen, sondern auch denen zu helfen, die im Leben nicht so viel Geld raffen konnten. Über das Wie, Wann, Wo und Wieviel dieser Hilfe lässt sich durchaus politisch streiten. Es gehört zum üblichen politischen «Verteilungskampf». Hingegen können wir uns sogenannte «Vordenker», die eigentlich rhetorische Despoten sind, schon lange nicht mehr leisten.                                                                                                 (278)

01. Januar  2024

 

Jahreswechsel
von Peter Züllig

 

Zu den Ritualen, mit denen man Rechnung en (nach der Bezahlung) abschliesst, gehört die Bilanz: Es ist die Frage: Was ist unter dem «berühmten Strich» geblieben, an Gewinn, an Verlust oder an Gleichstand? Dies gilt nicht nur für die Buchhaltung, die im Geschäftsbereich vorgeschrieben ist und gesetzlich vorgelegt werden muss (zumindest dem Steueramt). Dies gilt auch für Abschnitte im Leben. Der Jahreswechsel ist so ein Abschnitt. Ihn begehen die einen still und leise, als wäre nichts geschehen. Andere lassen lautstark Pfropfen und Feuerwerk knallen. Besonders Berechnende versuchen, mit Daten und Zahlen, Bilanz zu ziehen, als wären Kosten des Lebens so einfach zu berechnen und auch in Zahlen festzuhalten. Das Leben als Buchhaltung hat sich in unserer Kultur der Marktwirtschaft festgesetzt. Unterstützt von der göttlichen Buchhaltung, die seit Jahrhunderten, Schuld und Sühne aufrechnet und das Resultat mit Verheissung (Himmel und Hölle) belohnt oder bestraft. Weil dies so gar nicht marktkonform ist, haben Glaubensakrobatiker noch ein Zwischending eingeschoben, das Fegefeuer, die Möglichkeit der Reinigung. Ob Glaube an Gott, an das Geld, die Marktwirtschaft, das Gute und Böse, Buchhaltung begleitet unser Leben auf Schritt und Tritt. Nicht nur – aber auch – am Jahreswechsel. Das Leben als Buchhaltung ist nicht nur ein armes, vielleicht ist es sogar ein verlorenes Leben.                                          (277)

Hier die bisher eingestellten Kolumne  

18. Dezember  2023

 

Weibelnde
von Peter Züllig

 

Die Genderdiskussion hat nicht nur sensibilisiert, sondern auch die Sprache tüchtig durcheinandergebracht. Die «Lesenden, die Schreibenden, die Politisierenden… Dies waren bisher Personen, die gerade dabei sind, etwas zu tun: zu lesen, zu schreiben zu politisieren etc.. Nicht durch ihr Geschlecht definiert, sondern durch die Tätigkeit, die sie gerade ausführen. Deshalb bin ich jetzt ein Schreibender, hoffentlich auch ein Denkender, der (weil der Magen knurrt) sich langsam zum Hungernden wandelt und dann als In-die-Küchegehender zum Ausschauhaltenden wird, ein glücklicher Kuchenfindender, der als Essender - hoffentlich – etwas Ruhe hat, bis er wieder als Schreibender vor dem Computer sitzt.

Ein So-Denkender hat sich in mir entwickelt – hoffentlich nicht dauerhaft – nachdem ich stundenlang am Fernsehen die Bundesratswahlen mitverfolgt habe: Voten, Erklärungen, Rituale, Kommentare. Da war das Bemühen um dauernde Geschlechtsergänzung omnipräsent. Jedem Mann wurde gleich eine Frau beigesetzt, meist «eine  …In» (Mehrzahl: «…Innen»). Oder es wird eine genderneutrale Alternative gesucht. «Ich bitte die Stimmenzählenden die Wahlzettel auszuteilen». So der Vorsitzende. Dabei sind in diesem Moment die Stimmenzählenden noch gar keine Stimmenzählenden, vielmehr Wartende, die erst nach dem Einsammeln der Wahlzettel Stimmenzählende sein werden. Zuvor haben aber noch die Weibel – jetzt erlebt die Gendersensibilisierung totalen Schiffbruch – die Stimmzettel einzusammeln und in Urnen zu den Simmenzählenden zu bringen. Unter den «Weibeln» sind – ganz offensichtlich – auch Frauen. Der Kommentator sucht deshalb verzweifelt das weiblich Pendent zum männlichen Wesen «Weibel»: Weibelinnen oder gar Weibelnde? Eigentlich weibelt das Gendern längst um die Gunst einer korrekten und verständlichen Sprache. Egal ob männlich oder weiblich.                        (276)

04. Dezember  2023

 

"So ein Käse!"
von Peter Züllig

 

„Volg“, unser Dorfladen, hat fantasievolle Werbeslogans: „Wo auch … aus Liebe zum Dorf“. Aus Liebe zum Dorf gabt es da auch eine wunderbare Käseecke. Doch das war einmal! Der Laden mit der „Liebe zum Dorf“ wurde kürzlich umgebaut. Businesslike. Vieles bezeugt jetzt nicht mehr „die Liebe zum Dorf“, als vielmehr ein rationales Geschäftsmodell. Da musste auch die Käseecke weichen. Wohl für die Minipost, die jetzt hier – nicht aus Liebe zum Dorf – abgemagert und ausgezehrt - untergebracht wurde. Eben businesslike! Die vorgegebene Dorfliebe hat – zumindest bei mir, als Dorfkunde, einen gewaltigen Dämpfer erhalten. Doch dem Bauernstand, der einheimischen Landwirtschaft, wird da wenigstens noch die Ehre erwiesen. Dachte ich, weil „Volg“ zur landwirtschaftlichen Genossenschaft „fenaco“ gehört, die sich aggressiv und lautstark für die Interessen der Landwirtschaft einsetzt. Businesslike, nicht gerade mit Liebe – schon gar nicht mit Liebe zur Natur. Die Umwelt – auch das Dorf – muss dem Geschäft dienen. Die verschwundene Käseecke ist nur ein Symptom, ein Beispiel. Abgepackt und eingeschweisst ist jetzt auch der Käse, die Funduemischung, die Käseplatte… und vieles mehr (sogar die Gurke!) Der Plastik-Abfall in unserem Haushalt hat sich seither verdoppelt, verdreifacht, nicht aus „Liebe zum Dorf“ und schon gar nicht zur Natur. Businesslike, so ein Käse!                                  (275)