Degustationen

27. März 2019

 

Private Weindegustation

vom 22. März 2019

 

Thema:  Jahrgänge

 

Hier die Notizen zu einer Degustationsrunde, bei der sechs Weine (alles Bordeaux, aber von ganz unterschiedlichen Châteaux) nach Jahrgang zu ordnen sind. Hier  die Auflösung.

Die grosse Überraschung war für mich "Ville Maurine" aus dem Jahr 1925. Ich hatte irgendwann in meinem Weiin-sammlerleben den Spleen, von jedem Jahrgang eine Flasche Bordeaux in den Keller zu legen. Also so etwas wie eine "Jahrgangsammlung" anzulegen. Ich kaufte also an Weinauktionen ab und zu alte Bordeaux-Weine, auch von ganz unbedeutenden Weingüter. Meist waren es Weine, für die niemand bieten wollte.

So entstand in meinem Keller - gelagert in einem Caves - eine bis zuletzt unvollständige Sammlung aus ganz unterschiedlichen Jahrgängen. Irgendwann habe ich diese Sammel-idee aufgegeben und die ältesten Weine irgendwann - meist für Degustationen - geöffnet. 

Villemaurine 1925 - Saint -Emilion Grand cru

Eines der ältesten Weingüter im Herzen von Saint-Emilion mit grossen unterirdischen "Kellergängen". Etwa 8 ha. Rebland, bepflanz vorwiegend mit Merlot (70%) und Cabernet Franc. In der Regel stark holzgeprägte Weine. 

Zum Jahrgang: Darüber ist wenig bekannte. Damals wurde 1925 von den beiden deutlich besseren Jahrgängen 1924er und 1926er Jahrgänge fast völlig in den Schatten gestellt. "Der Handel wollte von dem 1925er nichts wissen, der Export brach ein ! Die Briten tranken lieber die besseren Jahrgänge. Mit dem Alterungspotential war es nicht zum Guten gestimmt, die Weine sind heute wohl weit über den Höhepunkt und kaum noch interessant."

Die Flasche hatte ich etwa vor 20 Jahren gekauft und sehr gut gelagert. Allerdings war der Fülolstand (hohe Schulter) auch nicht über jeden Zweifel erhaben.

Und nun die Überraschung: Im Vergleich mit den anderen fünf Weinen deutliche Reifetöne und deshalb als ältester Wein sofort zu erkennen. Doch keine oxydativen Noten und in Farbe und Geschmack noch voll präsent. Liebstöckel, Gewürze, eine grosse Ruhe und eine unglaubliche verhaltene Harmonie. Der Wein hat sich offensichtlich "ausgeruht" schlafen gelegt. Es ist kein "teurer", "grosser", wie er als Jahrgaangswein durchaus noch von Spezialgeschäften angeboten wird (zum Beispiel Pétrus oder Latour 1925 zu gut 3'000 Franken). Es ist eher ein interessanter, verhaltener, aber noch präsenter Altwein, der mich selbst am anderen Tag (kleiner Rest aufbewahrt) noch überrascht und überzeugt hat.

Chateau Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1957 , Pauillac

Wenn man schon von Erwartungen spricht: hier waren sie eindeutig höher. Ist doch das Pichon-Gut seit 1855 als Deuzième klassifiziert und gilt als sogenanner "Super Seconde", Weine der zweithöchsten Klassifizierung, die "besondere Beachtung verdienen". Allerdings geniesst der Jahrgang - infolge eines extrem nassen und kalten Sommers - keinen guten Ruf. Durch den hohen Säuregehalt ist er aber recht langlebig. Dies zeigt sich auch bei der Degustation. Auch hier nichts Oxidatives, noch deutlich mehr Frucht und ansprechende Tertiär-aromen. Notiz: Crème Cassis, Pflaumen, Kirsch, sogar noch etwas Vanille (vom total aufgesogenen Holz.) Den Wein habe ich etwa vor 15 Jahren für 80 CHF. gekauft. In Hong Kong wird er gegen-wärtig füf ca. 1'100 Franken noch angeboten.. 

Mouton Rothschild 1971, Pauillac

Da sind wir bei einem Premier Cru. bei dem man vor allem den "Mythos" bezahlt Den Mythos eines Premier Crus, aber auch den Mythos des Künstlers, welcher die Etikette des Jahrgangs ziert. Hier ist es Vassili Kadinsky. Der Jahrgang ist - für das 

sonst eher schwache Jahrzehnt - noch deutlich als "Jahrgangswein" (Geburtstag) gefragt, da die Ernte damals sehr klein war (schlechte Blütenbedingungen). Bei guter Lagerung aber, kann der Wein durchaus noch Potential haben. Und das hat diese Flasche: Ein reifes Bouquet von Dörrfrüchten, Mandeln, Kirschen, Zigarren. Dies alles abewr sehr flüchtig, sehr leicht davonschwerbend, sich auflösend in fernöstliche Gewürze. Noch immer erstaunliche Länge und Spuren einstiger Frucht. Den Wein habe ich - auch etwa vor 15 Jahren - in einem Mischlot (mit Latour, Margaux und Lafite) erstanden  Heute wird er etwa für 350 CHF noch immer angeboten.

 

Les Grandes Murailles 1982, Saint-Emilion, Grand cru classé

 

Auch dieses Château gehört zu den ältesten Weingüter der Region (gegründet 1643). Es ist eines, der rund 60 als Grand Cru klassifizierten Weingüter von Saint Emilion Allerdings gehört der Jahrgang (1982) zu den besten Bordeaux-Jahrgängen es Jahrhunderts. Parker: "In nahezu jeder Appellation wurden die konzentriertesten  und potentiell komplaxesten und tiefgründigsten Weine  zwischen 1961 und 1990 erzeugt." Einige der Weine sind sogar - gemäss Parker - "unsterblich". Dazu gehört dieser "Grandes Murailles" sicher nicht, aber er zählt zu den guten, alten Weinen aus St. Emilion: Wieder vor ca. zwanzig Jahren in einem Mischlot ersteigert (pro Flasche ca. 40 CHF). Notiz: Noch sehr dicht, Kirsch und Heidelbeeren, mineralisch und erstaunlich "rund".

Arrosée 1996, Saint-Emilion

Ein Château, das es so nicht mehr gibt. Es ist aufgekauft und eingegangen in die Domäne Clarence Dillon (Château Haut Brion und Château La Mission Haut Brion). Dabei war das Château für mich so etwas wie eine "erste Entdeckung" als ich mich in 90er Jahren begann, mich mit Bordeaux intensiv zu beschäftigen. Lange Zeit - zumindest in meinen Kreisen - ein Geheimtipp. Deshalb habe ich auch im ersten wirklich guten Jahrgang nach 1990 etwas von dem Arrosée eingekellert. Das war der Jahrgang 1996, der jetzt so richtig trinkreif ist. Eigentlich - nach heutigem Massstab - ein alter Wein, aber noch immer voll präsent. Notiz: recht frisch in der Nase und sehr grazil, ein breites Bouquet, Ledertöne und samtig im Gaumen. Der Wein hat seit den 70er Jahren, bis zum letzten Jahrgang 2011 immer etwa 40 CHF gekostet. Jetzt ist er - wegen seine feinen Einmaligkeit - bereits sehr gesucht. Zu Recht, wie ich meine.

Bleibt noch der jüngste Wein,

Beau-Séjour Bécot 2009, Saint-Emilion, Prémier Grand Cru Classe

Unverkennbar der jüngste Wein der Runde, der kräftigste, der fruchtigste, der konzentrierteste. Er ist anders als die anderen Jahrgänge der Runde. Für mich noch (lang?) nicht auf dem Höhepunkt. Langsam wagt sich auch hinter der Frucht auch die Textur, der Waldboden, die Lakritze hervor. In der Nase noch immer dunkle Früchte, eher an einen Wein aus dem Napa Valley erinnernd, als an den vorher degustierten Arrosé, obwohl aus der gleichen Appellation (St.Emilion). Für mich eindeutig noch zu jung.