Getrunken 6. Teil (ab November 2021 bis...) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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Mein Elan - er hielt über viele Jahre an - einst fast täglich, heute noch wöchentlich - ein Weinerlebnis zu beschreiben und (wenn immer möglich) eine kleine Geschichte zu erzählen, ist leicht ins Stocken geraten. Nicht nur wegen Corona, vor allem weil ich inzwischen unglaublich viele Weine kommentiert habe (rund 2'000) und sich da die Geschichten immer öfters wiederholen. Doch es geht weiter, im etwas gemütlicheren Trab,

(© Domaine Besse)
(© Domaine Besse)

Für mich ein «Erinnerungswein». Ein Wein, der Erinnerungen weckt an einen Besuch bei einem Winzer, der bei mir tiefen Eindruck hinterlassen hat: als Winzer, als Schöpfer von Weinen, die mich überzeugten. Wir waren auf einer Schweizer Weinreise mit deutschen Weinfreunden. Mit dem Glacier Express, von Chur nach Zermatt, und dann durch das Unterwallis zum Genfersee, ins Lavaux, einer der schönsten Landschaften der Schweiz. Natürlich waren wir auch in Raron – oben am Grab von Rainer Maria Rilke und verspäteten uns schrecklich – Dichterträume – um zum nächsten Ziel des Tages zu gelangen, zum Weingut von Gérald Besse. Nun, meine deutschen Weinfreunde, denen ich nebst der Landschaft und Kultur einige Weingenüsse schmackhaft machen wollte, hatten fast nur ihren Riesling (trocken) im Kopf, den sie bei fast jeder Gelegenheit als «Reparaturwein» einsetzten. Der Winzer und das Weingut – vor allem die Landschaft und die Rebberge haben ihnen tiefen Eindruck gemacht – so mein Eindruck – vielleicht etwas weniger die speziellen Walliser Weine. Der kräftige «Heida» aus der steilen Hochlage, der schmelzige, leicht salzige «Petite Arvine» und der elegante «Syrah» waren interessant und eindrücklich, doch nichts geht über einen trockenen R…. Es war (unter anderen) genau dieser Syrah 2008, den wir auf dem Weingut degustierten: Für mich einer der besten Schweizer-Syrahs, die ich je getrunken habe, saftig, kühl, elegant würzig. Einer der besten Rhône-Weine, obwohl er in der noch ganz jungen Rhone seine Heimat hat. Der Wein hat mir so gut gefallen, dass ich – schwupps - beim Winzer nebst einigen weissen Spezialitäten diesen Syrah orderte. Gut zehn Jahre später, die Weine von Besse landeten alle schon im Glas. Nur diese Flasche Syrah hat sich im Keller versteckt und wurde erst jetzt geöffnet. Er ist – so mein Eindruck – noch eleganter, harmonischer, königlicher… Oder ist es nur die Erinnerungen an einen glücklichen Besuch auf dem Weingut. N.B. Ich habe kürzlich bei einem Bekannten einen weit jüngeren Syrah von Besse getrunken: der war eindeutig kräftiger, würziger, vielleicht in den Aromen auch klarer. Ein Jungwein eben, und nicht einer dieser – von mir so geschätzten – «alten» Knaben.

Die Königin unter den «Weissen» ist der Chardonnay. Die Deutschen würden mir da heftig widersprechen. Für sie ist es der Riesling. Doch die Franzosen liefern den Beweis, im Burgund. Ein Blick in Auktionslisten: da kann eine Flasche Chardonnay schon mal fünf- oder zehntausend Dollar kosten, wenn er von einem Kultproduzenten und einer der Toplagen kommt. Nun, Königinnen können nicht am Preis gemessen werden. Es ist die Herkunft, der Adel, das «königliche Geschlecht», das Herausragende, was zum (zwar ungeschützten) Titel führen kann. Auch beim Wein. So hat der Chardonnay seinen Siegeszug durch die Weinwelt angetreten: Australien, Kalifornien, auch Chile, Neuseeland, Moldawien, China… Dabei hat er sich nicht nur dem jeweiligen Standort angepasst, auch dem Geschmack und den Moden. Er sei wandlungsfähig, sagt man. Damit pendelt er zwischen zartfruchtig und üppig, zwischen holzig und blumig, zischen trocken und süsslich, zwischen eigenwillig und verbindlich munter um die Welt. Als Vorbild wird zwar – fast gebetsmühlenhaft – das Burgund zitiert, doch die meisten Chardonnay, die ich bisher getrunken habe, haben mit dem Burgund nicht mehr viel zu tun. Das Feine und Zarte, der Charme und die eigensinnige Mineralik wurden ihm ausgetrieben. Erst als Gantenbein, der Bündner Winzer – schon vor Jahren – erstmals einen «anderen», einen originaleren Chardonnay in die Flasche brachte, habe ich – der erklärte Rotweintrinker – zum Chardonnay zurückgefundene. Und weil dieser Chardonnay so markant anders – gut und rar – ist, ist er auch teuer, inzwischen kaum mehr zu kaufen. Jetzt aber habe ich eine Alternative gefunden, im Weingut «von Tscharner» in Reichenau, wo ich in den letzten Wochen bei der «Lese» war. De junge «von Tscharner» wollte es offensichtlich wissen und hat einen Chardonnay ausgebaut, wohl so, wie er sich das Burgunder-Vorbild vorgestellt hat. Zwar mit ganz leichtem, fast flüchtigen Holz, aber keiner Zwangsverstärkung durch Bâtonnage und anderen Eingriffen im Keller. Ein Chardonnay, der seinen Charakter offenherzig darlegt, der elegant ist, aber auch aufmüpfig frisch, der seinen Körper nicht verleugnet, aber auch nicht damit prahlt. Es sei ein Terroir-Wein, sagt man, doch dieser Chardonnay verrät nicht das bergige Terroir, sondern gibt dem fast inflationär gebrauchten Begriff seine Bedeutung zurück: von der Natur ausgestattet,