Getrunken 6. Teil (ab November 2021 bis...) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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Mein Elan - er hielt über viele Jahre an - einst fast täglich, heute noch wöchentlich - ein Weinerlebnis zu beschreiben und (wenn immer möglich) eine kleine Geschichte zu erzählen, ist leicht ins Stocken geraten. Nicht nur wegen Corona, vor allem weil ich inzwischen unglaublich viele Weine kommentiert habe (rund 2'000) und sich da die Geschichten immer öfters wiederholen. Doch es geht weiter, im etwas gemütlicheren Trab,

Von der Küste bis zum Himmelstor ist es ein langer Weg. Nicht steinig, nicht beschwerlich, durchaus gangbar, aber etwas teuer, wenn man ihn als Weinerlebnis definiert. «La Côte» (die Küste) ist der «Basiswein» des hochklassigen Weinguts «La Négly», ganz im Süden der Languedoc, hoch über der Mittelmeerküste. «La Porte du Ciel» (das Himmelstor) ist in diesem Fall auch im Weingut zu finden. Es ist Spitzenwein («haut de gamme») das Châteaus. Dazwischen liegt die Klippe «La Falaise», ebenfalls ein fruchtiger, intensiver und strenger Wein, im Geschmack ein «veredelter» Einheimischer, aus den Rebsorten Syrah, Grenache, Garignan und Mourvèdre. Über die beiden letzten Weine wurde schon oft – meist überschwänglich – geschrieben. Rund um den Basiswein «La Côte» ist es eher ruhig geblieben in den Weinnotizen: nicht der Rede wert, halt nur ein «Basiswein». Dieses Denken ist grundsätzlich falsch, bei «La Négly» geradezu ein Sakrileg. «La Côte» ist die Grundlage für das, was in den anderen Weinen des Châteaus – subtil entwickelt und austariert – voll zum Tragen kommt: Kraft, an Tiefe, an Raffinesse, Schönheit. Kräftig ist er, der Basiswein, voll von würzigen Kräutern des Südens und auch unglaublich «süffig», zu einem guten Stück Fleisch geradezu «himmlisch», ein Stück Weinvermächtnis der Languedoc. Und sein Preis – um 15 CHF – bereits paradiesisch, leider - in unserer Gegend (Schweiz, Deutschland) - eher schwierig zu bekommen, weil er oft schon rasch ausverkauft ist und verhältnismässig von wenigen guten Weinhandlungen angeboten wird. Der "Porte du Ciel" musste schon vor Jahren subskribieren werden, damit man ihn kaufen konnte. (Was sonst fast nur beim Bordeaux üblich ist)

Foto: Château d'Escurac
Foto: Château d'Escurac

17. April 2022

 

Château d'Escurac 2004, Cru Bourgeois, Medoc, Bordeaux, Frankreich

 

Der «Run» auf Bordeaux-Weine im Preisbereich um 15 bis 25 Franken pro Flasche hat nicht ab-, sondern deutlich zuge-nommen. Seit Spitzenweine für «Normalkonsumenten» so gut wie unerreichbar sind und

Foto: Château Escurac
Foto: Château Escurac

sich klassifizierte Châteaux immer mehr am Endpreis von 100 Franken orientieren, sind gute und noch erschwingbare Bordeaux mehr denn je gesucht. Früher waren es sie «Geheimtipps», die aber bald nicht mehr so «geheim» waren und auch «industriell» produzierte Weine - wie Mouton Cadet – immer häufiger zum Bordeaux-Groove definiert wurden. Der Bordeauxkenner – «Master of Wine» (nicht mehr der einzige in der Schweiz) – hat diese Entwicklung früh erkannt und eine ganze Palette von «günstigen» und doch eigenständigen Bordeaux zum Preis um 20 Franken in seine «Selection Bordeaux» aufgenommen. Man brauchte aber nicht auf Schwander zu warten. Schon früher war zum Beispiel Château «D`Escurac» einer dieser «günstigen» Bordeaux. Ein Wein, der regelmässig so um 88/100, ja sogar 89/100 Punkte erringen konnte. Heute «D´Escurac»  sowohl im besseren Fachgeschäft, als auch beim Discounter erhältlich. Die Frage ist nicht, ob er seinen Preis wert ist, sondern wie lange er gelagert werden kann, oder gelagert werden muss. Das Lagerungsproblem wird immer drängender in einer mobilen Gesellschaft. In der Regel sind Weine in dieser Preisklasse schon ganz jung gut zu trinken. «D´Excurac» eigentlich auch. Doch er kann auch gelagert werden und durchläuft eine Flaschenreifung, die beachtlich ist. Dieser 2004er, immerhin 18 Jahre alt, nicht der beste Jahrgang, ist jetzt auf seinem Höhepunkt. Auf dem Höhepunkt eines «alten» gut gelagerten Wein. Er wird nur noch abbauen und kaum zu einem jener gesuchten Altweine werden. Dafür hat er jetzt Reife und Frucht, dafür hat es sich fast gelohnt, ihn etwas länger im Keller zu lagern. Ich weiss nicht, ob er in den meist angegebenen drei bis vier Lagerjahre besser ist. Ich weiss jetzt aber auch, dass sein Körper doch etwas zu schmächtig ist, um mehr als 10 Jahre in der Flasche zu warten.

Die kleine Flasche, die Hälfte des Volumens einer gängigen Flasche, ist in diesem Fall eine Rarität. Nicht vorgesehen zur Lagerung, eher für den noblen Aperitif. Nicht zum Trinken, zum Nippen, zum Testen, zum Geniessen, mit «natürlicher» Restsüsse. Die Rebsorte: Pinot noir, hier «weiss» ausgebaut. Das heisst, die Trauben werden ganz gepresst, sodass sie kaum Farbe an den Saft abgeben. Es entsteht ein Weisswein, aus roten Beeren, meist in zarter Lachsfarbe und etwas Restsüsse. Der Begriff «Federweiss» ist nicht eindeutig, er wird in verschiedenen Weinregionen unterschiedlich verwendet: zum Beispiel für «Sauser», in Gärung befindlichen Traubenmost. Die französische Sprache ist wesentlich präziser und verbindlicher: «Blanc de Noir» (Weiss aus Schwarz – oder eben aus Blau/Rot). Die Entwicklung der schwach alkoholischen Weine (hier 9% Vol.) wird auf drei bis vier Jahre geschätzt. In dieser Zeit sind sie fruchtig, kräftig, beerig, gehaltvoll… Und dann? Ja, dann beginnt der Abstieg. Dann setzt das ein, was sonst bei kräftigen «Altweinen» mit neuen, verklärenden, verführerischen Aromen umschrieben wird. Ein «Altfederweisser» habe ich bisher noch nie getrunken. Diese Flasche ist im Keller «liegengeblieben», weil sie von Gantenbein ist. Damals, vor bald zwanzig Jahren hat der renommierte Schweizer-Winzer experimentiert, versucht aus verschiedenen Trauben, mit verschiedenen Techniken das Beste herauszuholen, Erfahrungen zu sammeln. Kann man mir – dem Weininteressierten – verübeln, einen «Federweisssen» aus bestem Hause, so lange aufbewahrt zu haben , bis er «untrinkbar» ist? War er wirklich untrinkbar? Er hat standgehalten, aber viel von dem verloren, was ihn einmal ausgezeichnet hat. Er ist aus der Harmonie geraten, 

hat Firnis angesetzt, die schmale Säure vermag ihn nicht mehr zu stützen. Doch – es ist das Verdienst der gekonnten, sorgfältigen Weinbereitung, der engagierten Arbeit im Weinberg, dem unbändigen Willen, jedem Wein ein «Gesicht» zu geben (auch einem Federweissen), dass der Wein trinkbarer geblieben. Und erst noch mit ganz speziellen Noten. Eigentlich ein Wein-Abenteuer.

08. April 2022


Les vignerons de Farinet: Les Sang de terre 2000, Saillon, Wallis, Schweiz

Clos Montmartre, Cuvée "Michou" 200, Montmartre, Paris, Frankreich

 

Es muss nicht immer Bordeaux sein! Warum? Weil es nebst den Namen, der sensorischen Qualität, den Preisen, dem Prestige… noch anderes gibt, das für ein Weinerlebnis vielleicht sogar wichtiger sein kann: zum Beispiel der Mythos. Der Mythos des Weins, der Reben, des Konsums, der Geschichte. Als History würde ich dies bezeichnen, als Zeitreise, zurück, wo einmal etwas begonnen hat oder geworden ist.

Etwas, das im Wein – auf natürliche Weise – erhalten geblieben ist, als kulturelles Erbe. Mythen sind Geschichten, die im Kern wahr sind, die aber ihr Kleid immer wieder wechseln, und doch zeitlos bleiben. Von so einer kleinen History-Runde möchte ich erzählen. Sie war für mich echter, weiniger, erlebnisreicher als der Erst- und Zweitwein vom Bordeaux-Giganten «Latour», den wir an diesem Abend auch noch getrunken haben.

(Foto: Gemeinde Saillon)
(Foto: Gemeinde Saillon)

Die erste Geschichte handelt vom Schmuggler und Falschmünzer Joseph-Samuel Farinet (1845-1880), einem Robin Hood im Kanton Wallis, der das Gute wollte, indem er das Böse tat. Jedenfalls wurde er von der Polizei gejagt bis er unter «ungeklärten Umständen» in der wilden, steilen Salenzschlucht, starb, dort, wo er immer und immer wieder auf der Flucht war.  Der Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz hat die Geschichte in einen Roman verpackt und Farinet so ein

Denkmal gesetzt. Ein Denkmal, das bis heute – in Form des kleinsten, grundbuchlich festgehaltenen Weinbergs der Welt – weiterhin Früchte trägt. Im «Vigne à Farinet» stehen nur drei Rebstöcke, aus ihren Trauben – vermischt mit gutem Walliser-Wein – werden jedes Jahr 1000 Flaschen abgefüllt. Betreut von Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wohlfahrt, schliesslich verkauft zugunsten «armer Leute». Der kleine Rebberg ist heute «Pilgerstätte» der «Legende Farinet», die noch immer


 

verehrt wird, weil sie für etwas steht, was Abbé Pierre (langjähriger Besitzer des Rebberges) in seinem Werk «der Nächstenliebe» geschaffen hat. Heute gehört der Rebberg – ebenso symbolträchtig – dem charismatischen Mönch Dalai Lama.

 

Die zweite Weingeschichte spielt in einer grossen Stadt, einer Weltstadt, in der auch viel Kunst und Künstler zu Hause waren und heute noch sind. Auf dem Montmartre in Paris, wo es einen Rebberg gibt. Nicht so klein, wie der von Farinet, im kleinen Dorf Saillon im Wallis (2000 Einwohner). Aber auch nicht gross und immer mehr bedrängt von einer wuchernden Grossstadt und den vielen Touristen, die das Quartier «La Butte» im 18. Arrondissement heimsuchen, Tag und Nacht. Es ist der Mythos eines «Künstlerdorfs», in dem Renoir, Degas, Cézanne, Van Gogh, Seurat, Toulouse-Lautrec und, und, und… gelebt, gemalt und auch (viel) Wein getrunken haben.

Rebberg unterhal des Museums
Rebberg unterhal des Museums

Sicher nicht nur den «Cuvée Michou» vom Clos Montmartre, der jedes Jahr aus dem Ertrag der knapp 16 Aren Reben gekeltert und dann für einen «guten Zweck» verkauft wird (das «Halbeli» zu ca. 50 Euro).


Vor 15 Jahren habe ich in einer meiner rund 220 Kolumnen im «wein-plus.magazin» über die Tradition dieses einmaligen Rebbergs geschrieben. Aus dieser Zeit stammt auch meine einzige und letzte Flasche vom Clos Montmartre, gut gelagert und gehütet im kühlen Keller. Vielleicht etwas wenig Qualität, dafür viel «History», und – man höre und staune – noch immer gut trinkbar. Etwas «sauer», doch das war er schon damals, als ich ihn zum ersten Mal getrunken habe. Sicher wenig Flaschenreifung, viel eher Bewahrung. Geschichte muss man nämlich bewahren, dann macht sie – auch beim Trinken – unglaublich viel Spass.

«Die braune Liesel kenn ich am Geläut», ein viel zitierter Spruch aus Schillers «Tell» (1. Aufzug, 1. Szene). Die «Liesel» ist eine Kuh und Hirten sprechen über ihr Verhalten, sobald ein Gewitter aufzieht. Der prägnante Satz hat sich längst verselbständigt. Die «Kuh» ist meist keine Kuh mehr, das Geläut keine Glocke und auch die Farben wandeln sich. Der Sinn aber ist der gleiche geblieben. Für mich ist dieses Zitat schon fast Leitsatz, wenn es darum geht, ein Restaurant auszuwählen, das ich nicht kenne. Die «Liesel» ist in diesem Fall die Weinkarte. Ihr Geläut: die Weine, rot, weiss, rosé, natürlich abgestimmt an das Angebot auf der Speisekarte. Was taucht da auf: nur bekannte Namen und gängige Rebsorten, geschmeidig Bekannte und schillernde Unbekannte, Zuflucht zur grossen Liste internationaler Gastroweine, Prestige- oder «Industrie»-Weine. Das Geläut, oft eine Kakofonie, die sich aus der Preiskalkulation ergeben hat. Besonders aussagekräftig ist das, was im sogenannten «Offenausschank» angeboten wird. im Vergleich zu den Speisen – allzu oft das Getränk für eine billige Imbissecke. Grund genug, dass ich kaum «offene Weine» bestelle.
In diesem Fall ist es ganz anders. Das Restaurant – früher eines meiner Lieblingslokale – war zwei Jahre geschlossen und hat einen neuen Pächter, eine neue Karte und andere Weine. Meinem «Liesel»-Grundsatz getreu, konsultiere ich also – noch zu Hause – die Weinkarte. Oh Wunder: es geht auch anders, schon bei der Auswahl. Da gibt es einen «Räuschling» auch im Offenausschank. Eine Spezialität, hier am Zürichsee. Zwar eine uralte Rebsorte, die – sorgfältig ausgebaut – eine sehr persönliche Visitenkarte sein kann. Ein Leckerschluck für Weinfreunde.

Foto: Christian Reichenbach
Foto: Christian Reichenbach

Und das Weingut: sehr persönlich, sehr individuell, sehr qualitätsbewusst. Ein Stück andere Weinwelt, eine schönere, eine typisch schweizerische Oase im Gastro-Wein-Betrieb. Sicher ist es nicht der allerbeste «Räuschling», den ich getrunken habe, aber es ist einer der besten Weissen im Offenausschank. Es ist ein Wein, den man nicht nur gerne trinkt, sondern auch gerne davon erzählt.

Ich erinnere mich an eine Aussage von drei Winzern, über ihr Ziel an einem Projekt «3R Räuschling», (zu der auch das Weingut Rütihof gehört), in der das Wesen des Rieslings mit einer Zürichsee-Stimmung umschrieben wird: «Die frische, kühle Luft über spiegelglatter Wasseroberfläche an einem Sommermorgen, die gespenstische Stimmung an nebligen Herbsttagen und die zum Greifen nah liegenden verschneiten Berggipfel an frostig-sonnigen Winter-tagen.» Etwas von dieser Stimmung vermittelt auch dieser – der «kleinere Bruder» - der beiden Räuschlinge vom Rütihof. Es ist eben «nur» der kleinere Bruder des R3 (eine Assemblage, von drei der besten Räuschling-Produzenten am Zürichsee). Aber auch kleinere Brüder wollen ernst genommen werden und wissen sich auch zu behaupten.

Allein schon der Name sollte hellhörig machen. "Pergué pas?", das ist der Ausdruck für "Pourquoi pas?" (Warum auch nicht?), ganz im Süden Frankreichs, im Pay d'oc. Da kommt der Wein auch her, aus einem Familienbetrieb (in der 6. Generation) im südlichen Teil der Appellation Fitou, nicht allzu weit von der spanischen Grenze entfernt. Ich habe das Weingut seit vielen, vielen Jahren immer wieder besucht.

Diesmal habe ich einen Wein «entdeckt», der wohl das Interessanteste ist, was ich in der letzten Zeit im Glas hatte. Die Frage ist berechtigt: „Warum auch nicht?“ Der Wein nimmt konsequent einen Trend auf, der in der letzten Zeit immer häufiger zu beobachten ist: mit weniger Sulfiden - in diesem Fall: keine bei der Verifikation zugesetzten Sulfide. Das ist in der letzten Zeit der dritte oder vierte Versuch von Sulfid reduzierten Weine, den ich wohlwollend, aber misstrauisch degustiert - nein getrunken - habe. Es ist der glücklichste «Versuch» mit nur dem natürlichen Anteil von Sulfiden im Wein auszukommen. Es zeigen sich plötzlich neue Aromen, feine, feingliedrige Nuancen im Geschmack, in der Nase, in der Harmonie - bis tief in den Abgang hinein. Die Rebsorte: 100% Grenache noir, genauer gesagt, der Grenache-Klon Lladoner (oder Lledoner), von einer sehr alten Rebe, die schon im Mittelalter (angeblich auf dem Pilgerweg von Saint-Jacques-de-Compostelle) in die Languedoc kam.


 

Heute prägt sie - vorwiegend im Verschnitt mit Mourvèdre und Syrah - den typischen Languedoc-Groove, der nur schwer zu beschreiben, aber hervorragend zu identifizieren ist: schwarze Kirschen, Beeren, getrocknete Pflaumen, Kakao, Garrigues. Hier aber dezent, fein in die Tannine gestrickt, in schlichter überzeugender Harmonie. Obwohl Grenache noir zu den meistangebauten Rebsorten der Welt gehört, ist dieser Wein anders; anders als die meisten Grenache, die ich getrunken habe. Er wandert nicht auf der Hauptstrasse der Corbières, er geht auf Nebenwege eher gemächlich, sogar eigenwillig, von sich selbst überzeugt, dahin und führt zu einem etwas anderen Weingenuss. Mich hat das überzeugt. Pourquoi pas?

 

16. März 2022

 

Mas Granier: Les Grès 2018, Sommières, Languedoc, Frankreich

 

Oft begegnet man Weinen, die man an ganz anderen Orten erwarten würde: Zum Beispiel am Bielersee, selbst eine beachtliche Schweizer Weingegend, treffe ich einen Wein aus dem Süden Frankreichs. Aus einer Gemeinde, die zwar eine lange Weintradition hat, aber in der üppigen

Weinregion der Languedoc, in Sachen Wein eher «unauffällig» ist: Sommières, ganz im Süden des Departements Gard, bereits an der Grenze zur Languedoc. Ich stand in Sommières (etwa 5'000 Einwohner) schon vor dem cave coopérative, aber nicht um Wein zu degustieren, vielmehr um zu fotografieren, eines dieser verschwinden-

La cave coopérative de Sommières
La cave coopérative de Sommières

den, alten, stolzen Gebäude aus den frühen Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich stand auch schon auf der imposanten Brücke, über die bereits die «alten Römer» den Wein transportierten . Doch ich war noch nie auf dem idyllischen Hof, wo seit Jahrhunderten Wein gemacht wird.

Mas Granier
Mas Granier

Heute, auf recht hohem Niveau. Doch Weine, die kaum «die weite Welt» erreichen, auch die Schweiz nicht. Es gibt ihrer zu viele, im immer vielfältiger werdenden internationalen Weingeschäft. Es ist kein Wein, von dem man spricht, vielmehr ein Wein, den man trinkt, gerne, mit Vergnügen. Mit seinem hohen Anteil an Syrah, orientiert er sich eher an der Rhone, denn am nahen Languedoc. Also ein Wein, der nicht aufregt, sondern anregt:. Eine herrliche, frische Nase – im Duft mehr Garten (Blumen) denn Wald – gut strukturiert, ja sogar elegant. Mit diesen Eigenschaften eigentlich ein vorzüglicher Gastrowein.


Brücke über den Vidourle (Umbau im 18. Jahrhundert)
Brücke über den Vidourle (Umbau im 18. Jahrhundert)

09. März 2022

 

Château Angélus 1999, Grand Cru Classsé. Saint Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Gelesen und dann getrunken. Oder früher getrunken, jetzt gelesen. Vielleicht auch lesend getrunken. Auch getrunken, um auf den Autor anzustossen. Oder getrunken, weil das Lesen Spass macht. Man mag es drehen und wenden, es ist immer richtig. Das Lesen und Trinken, das Buch und der Wein, machen richtig Spass.

Ich rede vom Chateau Angélus, dem grossen Bordeaux aus Saint Emilion mit dem Glöckchen und dem kleinen Buch, von dem der Autor sagt selber: «ein Nischenprodukt», das sich mit dem grossen Thema «Welterlösung» befasst, zumindest mit Welthoffnungen in Pandemiezeiten, wo längst der «Spritzenkampf»

entbrannt ist. Da kommt mir

noch ein Buch in den Sinn, von einem Angelus  der sich an die «Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge» gewagt hat, in kunstvoller Lyrik, barock, denn der Angelus Silesius hat im 17. Jahrhundert gelebt. Und jetzt, an diesem schönen, frühlingshaften Abend begegnen sich die drei so unterschiedlichen  «Engel», mit ganz unterschiedlichen Botschaften, zu ganz unterschiedlichen Zeiten. In meiner Rubrik «getrunken» steht natürlich der Wein im Mittelpunkt. Das ist der Moment, wo Angélus nach fast 23 Jahren seinen entscheidenden Gaumenauftritt hat: saftig, viel Reife, Tiefe, Fröhlichkeit, schmelzig, noch immer beerig, leicht restfruchtig – vor allem aber fröhlich-ernst. Während ich so dahin sinniere, wie man den Wein, wie man ein Buch, wie man den Augenblick beschreiben könnte, kommt mir die Erinnerung an den barocken

Dichter, Arzt und Theologen, der zuerst den Tod, dann das Gericht, die Verdammung und schliesslich die Glückseligkeit beschrie-ben hat. Bei unseren drei Engel gibt es durchaus den Tod. Im Krimi, der ein politisch-satirischer ist, entwickelt sich beim Weintrinken eine (fast) Lösung. Beim Wein ist es die Flasche, die nach sieben Deziliter «Glückseligkeit» den Weg des Irdischen gegangen ist. Auch das Gericht gibt


es, sowohl im Krimi, wo die Dosis 29 (Titel «Bittere Resignation») in einer Runde um den Angélus (Jahrgang 2017) zur fast Lösung des Falls führt, wie auch in meiner Weinbesprechung, wo schliesslich die Glückseligkeit obsiegt. Leider ist diese nicht mit Parker-Punkten zu messen, dafür zu erleben, beim switchen zwischen Büchern und Wein. 

16. Februar 2022

 

Château du Tertre 1986, cinquième Cru, Bordeaux, Frankreich

 

Auch «ausgezeichnete» Jahrgänge verlieren mit den Jahren ihre Auszeichnung. Auch sie werden alt und bauen allmählich ab. Aber wo sind die Grenzen, wo beginnt der Abstieg? Da gibt es (fast) kein Rezept. Am wichtigsten ist wohl die «gute» Lagerung und ein Korken, der standgehalten hat.

Zum 86er-Jahrgang habe ich ein besonderes Verhältnis, da kam ich nämlich zum «Bordeaux». Es ist so etwas wie das Gründerjahr meiner Bordeaux-Leidenschaft. Auf einer Reise entlang der Atlantik-Küste Frankreichs kam ich ins Bordelais und zu einem ersten spontanen Château-Besuch. Da kaufte ich meinen ersten Bordeaux – Château Beychevelle 1986 – zu damals (umgerechnet) 100 Franken, weit überteuert, da ich nicht wusste, dass man Bordeaux nicht auf den Châteaux kauft (Souvenir-Preise!)
Diese erste direkte Begegnung liess mich nicht mehr los: daraus wurden nicht nur ein Bordeaux-Keller, viel Trinkfreuden, auch eine journalistische Begleitung des Weins, vor allem des Bordeaux. Heute, mehr als dreissig Jahre später, sind es die späteren «grossen» (und weniger grossen) Jahrgänge, die in den Keller kamen, ausser dem Beychevelle 1986 (Gedenkflasche!) kaum mehr ein 86er. Diesen «Du Tertre» - ein guter, «ordentlicher» Bordeaux, aber kein Wein, den man dreissig Jahre lagert – habe ich an einer Auktion erstanden. Niemand wollte so richtig zuschlagen. Für mich reine Nostalgie, aber auch Neugier, was aus dem «kleinen» Bordeaux geworden ist. Ein verlorenes Elend, eine letzte Trinkchance oder ein Weinerlebnis. Nichts von all dem. Bräunlich, wie dies so üblich ist bei Altweinen, eher dünn und hilflos kam er ins Glas. Eigentlich wollte ich mich schon von ihm verabschieden. Das Auge kann täuschen, nach kurzer Zeit kamen Aromen in die Nase: Altweinaromen – sogar noch Fruchtklänge, geschmeidig, samtig, Tannine die den Wein sanft zusammenhalten, eine Harmonie breitet sich aus, nicht überwältigend - aber schön, nicht dicht, aber rund, angenehm. So wie ich auch mein Alter geniessen kann, selbst, wenn sich die Jahrgänge nicht decken.

16. Februar 2022

 

Grand Vin de Château Latour 1942, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Château Latour, der "Klassiker" unter den sogenannten Jahrgangsweinen. Wo immer man einen Wein sucht, der auch nach vielen Jahren - mit grösster Wahrscheinlichkeit - zumindest noch "trinkbar", vielleicht sogar  "genussvoll" - sein kann, wird auf Château Latour stossen. Eines der fünf Weingüter, die 1855 als die Besten im Médoc (Premier Cru Classé) eingestuft wurden und bis heute ihren Rang tragen dürfen, egal wie sich seither die Qualität verändert hat.

Den Ruf des «Haltbaren» hat das Château Latour bis heute bewahrt. Der Wein wird deshalb sehr oft in den Keller gelegt, um sich später, in dreissig, fünfzig, ja hundert Jahre zu erinnern, an ein Ereignis, das  stattgefunden hat, im gleichen Jahr aus dem auch der Wein stammt. Eine zeitliche Verknüpfung als besonderer Anlass, die Flasche zu öffnen, den Wein zu geniessen und meist ein Fest, eine Feier, mit einem «Jahrgangswein» zu krönen.
Dieses Ritual birgt viele Unsicherheiten, die rasch zur Enttäuschung werden kann. Schliesslich ist dann der Wein schon alt, hat sich in der Flasche entwickelt, nicht immer zum Guten und hat eine lange Lagerung hinter sich. In den meisten Fällen wurde er auch nicht vor fünfzig, hundert Jahren gekauft, sondern irgendwann an einer Auktion oder bei Händlern, die auf «Jahrgangsweine» spezialisiert sind. Eine Garantie für Qualität gibt es nicht, bestenfalls ein paar Hinweise, ob der Wein gut gelagert, mit der Flasche gut umgegangen wurde. Es sind dies der Zustand des Korkens, der Füllstand, die Herkunft, die Qualität des Jahrgangs... Viel ist es nicht, was da Sicherheit bringen kann. «Jahrgangsweine» sind immer  ein Wagnis. Kommt dazu, dass sie - allein schon, aufgrund der Rarität - auch teuer sind. Der aktuelle, durchschnittliche Verkaufspreis dieses Weins  (Jahrgang 1942) liegt bei etwa 1`000 CHF. Auch eine Sicherheit, dass es keine Fälschung ist (teure Jahrgangsweine werden immer wieder professionell gefälscht) gibt es kaum.

All das weiss ich nur zu gut. Und trotzdem habe ich irgendwann, wohl in den 90er Jahren, diesen «Latour» an einer Auktion erstanden, für knapp 100 Franken. Sein Füllstand: mittlere Schulter, überhaupt nicht vertrauenerweckend. Der Korken - soweit ersichtlich - durchtränkt (rot), die Etikette beschmutzt, eigentlich war nur der Jahrgang entscheidend. Und der war - auf den Wein bezogen - mittelmässig, mit leichten, sogar dünnen Weinen. Ein Kriegsjahr mit Auswirkung auch auf die Feldarbeit und die Verarbeitung.

Nun ruhte der Wein seit dreissig Jahren - perfekt gelagert - im klimatisierten Weinschrank, unangetastet. Hoffnung auf ein "grosses Weinerlebnis" gibt es kaum. Kein Wein für ein Galafest, auch wenn es einen 80ten Geburtstag zu feiern gilt. Wir haben den Wein deshalb zu zweit - am Vortag des Geburtstags geöffnet und...

Wir waren überrascht. Keine Oxidation und das ist schon - beim vorhandenen Füllstand - eine grosse Überraschung. Natürlich auch keine Frucht mehr (war auch nicht zu erwarten) und nur noch wenig Kraft. Trotzdem nicht schaff,  nicht ausgemergelt, vielmehr noch schwungvoll, gestützt von leichter Säure, pilzähnliche Aromen, Gewürzen, Zedern, Beinsteinnoten. Kein Wunderwein, aber eine echte Altweinerfahrung, obwohl ich aufgrund der Anzeichen eher an den Ausguss, als an den Gaumen dachte. Das besondere Erlebnis: den Wein über den ganzen Abend immer wieder und immer wieder zu verkosten, wobei sich der Gedanke verfestigte, etwas zu geniessen, das kaum zu beschreiben, aber faszinierend und - wenn auch alt - genussvoll ist. Einmalig, als Kerngedanke jedes «Jahrgangsweins»

07. Februar 2022

 

Clos de l'Obac: Costers del Siurana 2007, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 Es gibt Momente, in denen man zugreifen muss, auch bei Auktionen. Berühmte Namen, berühmte Weingegenden, berühmte Weine tauchen auf – fast stundenlang: Bordeaux, Burgund, dann etwas Italien, Kalifornien, die Schweiz… - irgendwann auch Spanien. Spanien und Portugal, nur etwa dreissig von rund 1'000 Lots.

Die meisten «Geschäfte» sind gemacht, oft zugeschlagen, das Budget meist schon überzogen. Dann tauchen 9 Priorat-Weine auf, eine Auswahl… Einen der drei Namen kenne ich, an die andern kann ich mich (im Augenblick) nicht erinnern. Schon gar nicht an ihre Qualität, an die Jahrgänge… 2007, 2008… sind es gute, sind es schlechte… an die Cépage… traditionell ausgebaut oder Vertreter modischer «Blends»? Die Einkaufsprofis schauen gelangweilt weg.

Da habe ich die Nummer hochgehalten… Schwups, das Lot gehört mir… Zugeschlagen zum Nettopreis… Brutto? 12 Prozent Kommission, 10 Franken Handling , 7.7 Prozent Mehrwertsteuer… Gross wird jetzt nicht mehr gerechnet. Schnäppchen, realer Preis oder zu viel bezahlt? Die Antwort folgt ein paar Wochen später, gestern Abend. «Costers del Siurana», ein Schmeichler. So wie ich «Schmeichler» liebe. Grenache, aber auch viel Cabernet, soviel, dass der Charakter des Spaniens noch zu spüren ist. Eine Gratwanderung zwischen Gefälligkeit und Aufmüpfigkeit, zwischen Anmut und Unverwechselbarkeit. Anders ausgedrückt: Der Wein hat eine Einheit erreicht, die faszinierend ist. Ich behaupte sogar, er hat die lange Entwicklung in der Flasche gebraucht, um das dimensionieren, was die Struktur des Weins dominieren oder gar stören könnte. Aber auch das zu vermeiden, was durch Schmeichelei an Charakter und Eigenständigkeit verdeckt wird. Eigentlich setzte ich im Priorat auf die einheimischen Rebsorten Garnacha und Cariñena (Grenache und Garignan), die dem Syrah und dem unvermeidlichen Merlot entrinnen und Anklänge an Bordeaux gar nicht aufkommen lassen. Auch Spanier haben schöne Hofdamen. Diese lass ich mir gefallen.

07. Februar 2022

 

Châteaux Margaux 1972, 1er grand cru classé, Bordeaux, Frankreich

 

Man weiss es, die 70er sind nicht besten Bordeaux-Jahrgänge. Man spürt es in den Auktionen, bei der Nachfrage uns den Preisen. Robert Parker, der zehn Jahre später bestimmend war, für die Preise im Bordelais hat seinen Newsletter «Wine Advocate» erst gestartet und ein Bewertungssystem zwischen 50 bis 100 Punkten eingeführt. Der «grosse» Jahrgang 1961 ist bereits Legende. Das neue Jahrzehnt, nach einem mässigen Start, bald schon rasch eine Katastrophe.

Parker: «Es gibt keine 72er, die für den Verbraucher auch nur noch im geringsten von Interesse wären.» Drei Jahre später: «Unbehagen im Handel und Verbrauch wegen der sinkenden Reputation». 1977 der Tiefpunkt: «Ein schrecklicher Jahrgang… der schlimmste Bordeaux-Jahrgang der siebziger Jahre». Kein Wunder, waren die Preise für den Bordeaux aus den 70ern eigentliche Schleuderpreise. Es herrschte die Stimmung: «nur weg, auch wenn es der Ausguss sein sollte». Inzwischen haben die 70er einen Status erreicht, der schon wieder interessant (und auch teuer) ist, als «Geburtstagswein». Der «schreckliche» 1972er ist gerade fünfzigj geworden und all im gleichen Jahr Geboren auch. Zum Beispiel unsere Tochter. So kam es, dass ich im Verlauf der Jahre doch einige 72er-Grand-Cru gekauft und gut gelagert habe (konstante Temperatur, Dunkelheit, kein Rütteln etc.). Und siehe da: dieser 72er Margaux – am Geburtstagsfest getrunken – war gar nicht schlecht. Mehr als «geniessbar», sogar echt gut. Ein «Altwein», sicher, die Frucht hat sich weitgehend verkrochen, Reifetöne haben sich an ihre Stelle gesetzt: Gewürze, Mandel, Haselnuss, Rauch, getrocknete Aprikose… Tertiäre Aromen, die zu einem "anderen" Weingenuss führen. Vor allem, weil sich dabei keine Oxydationsnoten bemerkbar machen und der Wein noch genügend Kraft hat, den Körper zu spüren und erleben zu lassen. Natürlich ist Margaux ein 1er-Cru und nicht irgendein mittelmässiges Gewächs. Natürlich ist der Anlass ein Jubiläum – für Vater, Tochter und Wein. Natürlich sind da andere Massstäbe anzulegen, als bei einem Jungsporn. Auch wir Menschen, wir Geniesser, haben andere Vorlieben, schätzen andere Eigenschaften als zur Zeit, als wir noch jung waren. Doch ich frage mich: Ist die Weinkritik nicht zu gnadenlos, auf bestimmte Eigenschaften getrimmt, unbarmherzig, wenn es darum geht, Neues, Anderes, Interessantes zu erleben und nicht darauf pochen, so zu sein, wie dies unseren häufigsten Erfahrungen entspricht. Jedenfalls bin ich inzwischen überzeugt, dass Bordeaux aus den 70ern – bei perfekter Lagerung – nicht nur gut, sogar sehr gut, ein Erlebnis, sein können.

Die Neugier war es, die mich in winterlich reduzierten Regalen in der kleinen Weinhandlung nach diesem Wein greifen liess. Sein Name war mir ein Rätsel, der Preis für südfranzösische Verhältnisse stattlich (rund 23 €), die Herkunft ein altes Weingebiet, aber ohne Glamour, Bezeichnung: Protégéé Pays d’oc, ursprünglich ein Label für Landweine. Diese müssen nicht bescheidener sein als AOC-Weine (Appellation d’origine contrôlée). Im Gegenteil: da wird immer wieder Neues versucht, weil die Einschränkungen nicht so drastisch sind und der önologische «Spielraum» grösser ist, als in den stark reglementierten Appellationen. So ist es auch bei diesem grossen Weingut (200 ha, jährlich 1,2 Millionen Flachen) 25 Kilometer westlich von Carcassonne. Tim Ford, ein Engländer – vorher Blumenfarmer – konnte mit seiner Frau und dem Unternehmer Anthony Record vor 18 Jahren das alte, traditionelle Weingut Gayda (gegründet 1749) in Brugairolles (Aude) erwerben und zusammen mit dem damals noch jungen Winzer  Vincent Chansault («Boekenhouskloof», Südafrika) etwas Neues aufbauen, genauer gesagt, alte Traditionen in neue Formen bringen. Das bedeutet in diesem Fall: Weg von der Massenproduktion, hin zur Qualität und Nachhaltigkeit, zur Biodynamik, konsequentes Handlesen, modernes Equipment im Keller, Ausrichtung auf die Eigenschaften der unterschiedlichen Böden…
Entstanden ist eine Palette von Weinen, die inzwischen so etwas wie einen «Kultstatus» haben.

Kein Wunder, wollte ich das einmal trinken. Natürlich machte mich auch der Name des Weins «gwundrig». Ich fand rasch heraus: «Moskau’ ist der Katastername der Grundstücke der Domaine Gayda. Der Weg, der durch die Weinberge zum Dorf hinaufführt, heißt Moskauer Weg! Die Geschichte besagt, dass oben im Hain ein Baum den Horizont überragte, der Moskauer Baum genannt wurde. Es diente als Orientierungspunkt für Flieger einschließlich Aéropostale. Seitdem ist der Baum gefällt, die Cuvée huldigt ihm und überliefert diese schöne Dorfgeschichte.» (Quelle: Domaine Gayda)

Und nun noch das wichtigste einer jeden Weinbesprechung. Wie ist der Wein? Es ist meine erste und einzige Flasche der Domaine Gayda, die ich bisher getrunken habe. Ein schönes Weinerlebnis, rund, stimmig, verführerisch, prägnant im sensorischen Bereich, aber… Aber: Gleichzeitig auch eine Enttäuschung. Vielleicht habe ich zu viel, oder etwas anderes erwartet. Mehr Languedoc, das heisst mehr Wildheit, mehr Anderssein, nicht nur die Schönheit der Landschaft, des Meers spiegelnd, auch die fast unerträgliche Hitze des Hochsommers (wo Wachstum und Leben zu stoppen scheinen), auch die bissige Kälte im Winter, der ungnädige Wind und die Wildheit der nahen Berge und die weiten unproduktiven Flächen. Das ist – in den unterschiedlichsten Schattierungen – die Gegend, wo dieser Wein herkommt. Was ich im (oder mit dem Wein), das ist hohe, sehr gekonnte, harmonische Weinmacherkunst. Fruchtig, elegant, geschliffen, oder ganz einfach wunderschön. Quasi: die «Schoggi-Seite» einer vielfältigen Weingegend.

 

Eine der schwierigsten Fragen: Wer oder was passt wirklich zusammen? Die Bildung von Paaren ist in der Regel einfach. Man sucht (und findet in der Regel) ein paar Gemeinsamkeiten, die ein gutes Zusammenwirken oder gar Zusammenleben wahrscheinlich machen. Was dann folgt, ist allzu häufig ganz anders. Auch einer Realität. Und die kann häufig und (gefühlt) immer schneller zur Trennung führen, zur  Scheidung. Die Paarbildung von Wein und Essen – Foodpairing – ist nicht anders, und auch nicht einfacher als die Paarbildung im Leben. Nur die Konsequenzen sind einfacher zu vollziehen, ohne Verlust- und andere Ängste. Man versucht es mit einer anderen Paarung. Abstumpfung, Gewöhnung und Scheidung hinterlassen kaum Spuren. Der dabei entscheidende Punkt ist der individuelle Geschmack. Und der ist – das wissen wir – weitgehend subjektiv, das heisst im Privaten beheimatet.
Die Pärchenbildung von Trinken und Essen, von Wein und Speise, ist sicher spannend, gerade für Weinliebhaber, steht aber auch in einem Meinungsfeld, das nicht so einfach durch Fakten zu ordnen und klären ist. Oft bleibt am Schluss die einfach, meist aber hilflose Feststellung: «Ist halt Geschmacksache!» Nur Geschmacksache? Es gibt zwar so etwas wie Regeln, zumindest Hinweise und mehr oder weniger fragwürdige Grundsätze für eine jede Foodpairing-Entscheidung, doch der grosse Rest bleibt den Erfahrungen und Vorlieben vorbehalten. Für Liebhaber des Weins ist Foodpairing schon eine fast eine alltägliche Angelegenheit: im Restaurant, beim Einkauf, im Keller, beim Kochen… Trotzdem, für mich noch immer «ein zu weites Feld.»
Diesmal ist es gutgegangen, verdammt gut. Paaren Sie einmal Treberwurst (geräucherte Rohwurst aus Schweinefleisch) mit Kartoffelsalat und Wein. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, beinahe so unlösbar, wie die Paarung von rohem Lachs mit Wein. Mutig habe ich zu einem Wein gegriffen, der aufgrund der Rebsorte - meine vage Vermutung: Syrah - all eine minimale Chance hat, standzuhalten. Vielleicht war es auch nur eine Assoziation an französische Esskultur, denn die charakteristische Wurst kommt vom Bieler- oder Neuenburgersee, aus der französisch-sprechenden Schweiz. Aus der Traubensorte Syrah wird kräftiger, aber auch eleganter Wein gemacht, «französische Elégance», im Gegensatz zum australischen Stil (Shiraz), der viel ausgeprägter ist, viel dominanter im Geschmack, viel prägender. Der Syrah von der Rhône – vor allem, wenn er aus dem Weingut des Spitzenwinzer Guigal kommt – muss seine Eigenständigkeit gegenüber den sehr eigenständigen Würsten nicht behaupten, sich nicht mit Geschmacksgewalt durchsetzen. Er umtänzelt vielmehr das Fleisch, spielt mit ihm, lässt ihm dort den Vortritt, wo Dominanz und Stärke gefragt sind. Diese Kombination – es war eher ein Versuch, eine Zufälligkeit – ist für mich endlich ein brauchbarer Ansatz für Foodpairing. Nur, ich kann nun nicht nur Treberwürste essen und Syrah trinken. Schade.

Château Montus (CC BY-SA4.0)
Château Montus (CC BY-SA4.0)

29. Dezember 2021

 

Alain Brumont: Château Montus, 2009, Prestige, Madiran, Frankreich

 

In kleineren Weingebieten gibt es oft einen Spitzenwinzer, der in der ganzen Region den Ton angibt. Es sind

Weinpioniere, die es schaffen, aus einem durchschnittlichen Wein, sogar aus einem «Massenwein», etwas ganz Besonderes zu machen. Einen Prestigewein, der sich neben den grossen (und berühmten) Weingebieten (und ihren ebenso berühmten Namen) durchsetzen kann. Alain Brumont in der kleinen, französischen Appellation Madrian (zwischen Bordeaux und den Pyrenäen) hat dies geschafft. Er hat aus einer Rebsorte, bekannt unter dem Namen Tannat, etwas gemacht, das einmalig ist. Nicht nur einmalig gut, auch unverkennbar einmalig im Geschmack, in der Art, ein guter Wein zu sein. Dazu braucht es viel Können, aber auch Beharrlichkeit und viel Gespür, was aus der Besonderheit einer Region zu machen ist. In diesem Fall aus der «wilden» Rebsorte Tannat, die ganz anders ist, als die «edlen» Gewächse, die immer mehr den Weingeschmack dominieren und inzwischen fast in jeder Weinregion angebaut werden, und aus dem Boden und dem Klima, hier (im Süden Frankreichs) heiss, aber auch kühl (nachts) vom Atlantik geprägt. Darin muss das Einmalige erkannt und daraus Einmaliges geschaffen werden. Für mich ist es ein «gezähmter» Wein, der den Charakter des Wilden noch in sich hat, aber adrett, häuslich, verführerisch daherkommt. Es ist ein tanninreicher Wein, der die kräftigen Gerbstoffe nutzt, um eine stimmige Gesamtarchitektur aus Frucht, Säure, Tiefe und Farbe zu schaffen, die Assoziationen auslöst: Anklänge an Zigarren, Rauch, Unterholz, Erde, Schokolade, dunkle Früchte, Pilze…  Es ist kein Wein, den man nur so in sich hinein leert, es ist ein Wein, der sich gelöst hat von seiner ursprünglichen Strenge und Tannin-Dominanz. Er ist auch schon mehr als zehn Jahre in der Flasche, hat seine «Hörner» abgestossen und ist vertraulich, elegant, aber nicht anbiedernd geworden. Ein toller Wein, der Wein sein will und es auch ist, seine Eigenheiten nicht versteckt, sondern zur Diskussion, besser noch zum Genuss anbietet.

22. November 2021

 

Château Latour 1998, 1er Cru, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Von den fünf 5 Premiers Crus der klassischen Klassifikation (Grand Cru Classé seit 1855) ist das Château Latour wohl das berühmteste, seine Weine die gesuchtesten und leider auch die teuersten.

Naturgemäss geht es da bei der Beurteilung vor allem darum: Ist der Wein seinen Preis wert? Oder etwas raffinierter ausgedrückt: wie lässt sich der Jahrgang einordnen, wie viele Kritikerpunkte erhält er? Damit wird auch gleich bekundet, dass man sich in den ranghöchsten Gefilden des Bordeaux auskennt. Dieser Tanz um das «goldene Kalb» widerstrebt mir. Die Frage, ob jeder Schluck x-Franken auch Wert ist, beruht auf ganz individuellen Wertordnungen (und dem gefüllten Portemonnaie). Bei ganz besonderen Anlässen greife ich (soweit überhaupt vorhanden) zu einem dieser «goldenen Kälber», einfach um dem Anlass noch mehr etwas Glanz und Würde zu verleihen. So war es auch bei diesem «Latour» 1998. Wir degustierten vorher noch ein paar andere Weine, mein Lieblingsbordeaux zum Beispiel, aber auch einen der besten Pinot Noir aus der Schweiz (Bündner Herrschaft). Der Gaumen war also bereits verwöhnt und die Unterschiede begannen sich zu vermischen, zumindest in der sensorischen Beurteilung. Natürlich bildete der «Latour» der Abschluss des Abends, gleichsam das krönende Feuerwerk. Solche Erwartungen sind «gefährlich», man landet allzu rasch auf dem Boden der Realität.  Und die ist – Ruhm und Preis zum Trotz – viel prosaischer, beim Wein kann man ruhig sagen: viel nüchterner. Die Erwartung wurden diesmal erfüllt. Der Wein war tatsächlich noch eine Spur «besser», prägnanter, hintergründiger, runder, harmonischer… Einbildung? Im Nachhinein habe ich die Bewertung eingesehen. Der 98er erzielte tatsächlich in der Beurteilung im Durchschnitt (von 11 Weinkritikerinnen und Weinkritiker) «nur» 92 von 100 Punkten. Mein Lieblingswein, den wir vorher eingeschenkt haben, lag zwei Punkte höher, was (in dieser Punkt-Region) bereits bedeutend ist.  Und doch war «Latour» der beste Wein des Abends, ganz einfach, weil wir des so empfunden haben. Das ist viel entscheidender als all die Punkte, die da mit ins Glas geschüttet werden.

(© Domaine Besse)
(© Domaine Besse)

Für mich ein «Erinnerungswein». Ein Wein, der Erinnerungen weckt an einen Besuch bei einem Winzer, der bei mir tiefen Eindruck hinterlassen hat: als Winzer, als Schöpfer von Weinen, die mich überzeugten. Wir waren auf einer Schweizer Weinreise mit deutschen Weinfreunden. Mit dem Glacier Express, von Chur nach Zermatt, und dann durch das Unterwallis zum Genfersee, ins Lavaux, einer der schönsten Landschaften der Schweiz. Natürlich waren wir auch in Raron – oben am Grab von Rainer Maria Rilke und verspäteten uns schrecklich – Dichterträume – um zum nächsten Ziel des Tages zu gelangen, zum Weingut von Gérald Besse. Nun, meine deutschen Weinfreunde, denen ich nebst der Landschaft und Kultur einige Weingenüsse schmackhaft machen wollte, hatten fast nur ihren Riesling (trocken) im Kopf, den sie bei fast jeder Gelegenheit als «Reparaturwein» einsetzten. Der Winzer und das Weingut – vor allem die Landschaft und die Rebberge haben ihnen tiefen Eindruck gemacht – so mein Eindruck – vielleicht etwas weniger die speziellen Walliser Weine. Der kräftige «Heida» aus der steilen Hochlage, der schmelzige, leicht salzige «Petite Arvine» und der elegante «Syrah» waren interessant und eindrücklich, doch nichts geht über einen trockenen R…. Es war (unter anderen) genau dieser Syrah 2008, den wir auf dem Weingut degustierten: Für mich einer der besten Schweizer-Syrahs, die ich je getrunken habe, saftig, kühl, elegant würzig. Einer der besten Rhône-Weine, obwohl er in der noch ganz jungen Rhone seine Heimat hat. Der Wein hat mir so gut gefallen, dass ich – schwupps - beim Winzer nebst einigen weissen Spezialitäten diesen Syrah orderte. Gut zehn Jahre später, die Weine von Besse landeten alle schon im Glas. Nur diese Flasche Syrah hat sich im Keller versteckt und wurde erst jetzt geöffnet. Er ist – so mein Eindruck – noch eleganter, harmonischer, königlicher… Oder ist es nur die Erinnerungen an einen glücklichen Besuch auf dem Weingut. N.B. Ich habe kürzlich bei einem Bekannten einen weit jüngeren Syrah von Besse getrunken: der war eindeutig kräftiger, würziger, vielleicht in den Aromen auch klarer. Ein Jungwein eben, und nicht einer dieser – von mir so geschätzten – «alten» Knaben.

Die Königin unter den «Weissen» ist der Chardonnay. Die Deutschen würden mir da heftig widersprechen. Für sie ist es der Riesling. Doch die Franzosen liefern den Beweis, im Burgund. Ein Blick in Auktionslisten: da kann eine Flasche Chardonnay schon mal fünf- oder zehntausend Dollar kosten, wenn er von einem Kultproduzenten und einer der Toplagen kommt. Nun, Königinnen können nicht am Preis gemessen werden. Es ist die Herkunft, der Adel, das «königliche Geschlecht», das Herausragende, was zum (zwar ungeschützten) Titel führen kann. Auch beim Wein. So hat der Chardonnay seinen Siegeszug durch die Weinwelt angetreten: Australien, Kalifornien, auch Chile, Neuseeland, Moldawien, China… Dabei hat er sich nicht nur dem jeweiligen Standort angepasst, auch dem Geschmack und den Moden. Er sei wandlungsfähig, sagt man. Damit pendelt er zwischen zartfruchtig und üppig, zwischen holzig und blumig, zischen trocken und süsslich, zwischen eigenwillig und verbindlich munter um die Welt. Als Vorbild wird zwar – fast gebetsmühlenhaft – das Burgund zitiert, doch die meisten Chardonnay, die ich bisher getrunken habe, haben mit dem Burgund nicht mehr viel zu tun. Das Feine und Zarte, der Charme und die eigensinnige Mineralik wurden ihm ausgetrieben. Erst als Gantenbein, der Bündner Winzer – schon vor Jahren – erstmals einen «anderen», einen originaleren Chardonnay in die Flasche brachte, habe ich – der erklärte Rotweintrinker – zum Chardonnay zurückgefundene. Und weil dieser Chardonnay so markant anders – gut und rar – ist, ist er auch teuer, inzwischen kaum mehr zu kaufen. Jetzt aber habe ich eine Alternative gefunden, im Weingut «von Tscharner» in Reichenau, wo ich in den letzten Wochen bei der «Lese» war. De junge «von Tscharner» wollte es offensichtlich wissen und hat einen Chardonnay ausgebaut, wohl so, wie er sich das Burgunder-Vorbild vorgestellt hat. Zwar mit ganz leichtem, fast flüchtigen Holz, aber keiner Zwangsverstärkung durch Bâtonnage und anderen Eingriffen im Keller. Ein Chardonnay, der seinen Charakter offenherzig darlegt, der elegant ist, aber auch aufmüpfig frisch, der seinen Körper nicht verleugnet, aber auch nicht damit prahlt. Es sei ein Terroir-Wein, sagt man, doch dieser Chardonnay verrät nicht das bergige Terroir, sondern gibt dem fast inflationär gebrauchten Begriff seine Bedeutung zurück: von der Natur ausgestattet,