Getrunken 4. Teil (ab Januar 2018 -   ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

www.facebook.com/sammlerfreak

Foto: Enoturismo
Foto: Enoturismo

18. Mai 2018

 

Rucahue Malbec Single Vineyard : Malbec 2013, Loncomilla Valley, Chile

 

Es gibt Weine, von den man kaum spricht. Man trinkt sie. Man trinkt sie sogar gerne. Es sind Weine der «vernünftigen» Preisklasse. Was heisst da «vernünftig»? Wein – ein Genussprodukt – hat, wie alle Genussprodukte, oft wenig mit Vernunft zu tun: eher mit Zuneigung, mit Liebe, mit Leidenschaft und – dies darf nicht übersehen werden – mit Prestige. So gibt es beim Wein – wie bei allen sogenannten Luxusgütern – so etwas wie eine Klasseneinteilung:
Weine des Alltags, meist als Begleitung beim Essen, Weine der Beiläufigkeit. Kriterium: Sie müssen «schmecken» und im preislich im Verhältnis zur Mahlzeit stehen. Es sind Weine, die vor allem bei Discountern oder im Dorf- oder Quartierladen gekauft werden. Die Frage nach Produktion, Traubensorte, Winzer oder gar Qualität taucht kaum auf, von Luxus redet da niemand.
Dann die Weine des Genusses, meist ausgesuchte Weine, in der Regel auch mit mehr oder weniger «Prestige» behaftet. Sie sollen etwas Besonderes sein. Weine, die man nicht einfach nur trinkt, sondern geniesst, auch darüber spricht. Die nicht in einfach in einem Gestell aufgereiht sind , sondern bewusst gewählt, ausgewählt wurden. Ausgewählt, mit mehr oder weniger Weinkenntnissen.
Schliesslich sind da noch die Weine der «Luxusklasse». Weine, für die man bereit ist, mehr zu bezahlen, viel, je nach dem auch mal zu viel. Es sind Weine der Leidenschaft. Für Weinliebhaber: Weine des höchsten Genusses. Dieser Genuss ist zu steigern (real oder eingebildet) bis man dafür kaum mehr Worte findet. «Geil», ist da der in Mode gekommene Ausdruck. Es sind Weine, die meist auch einen «Handelswert» haben, auch mal Investitionsweine, die sich nach dem Prinzip «Angebot und Nachfrage» ihren Wert erobern.
Zurück zu meinem Chilenen. Er fällt wohl – wie so mancher Wein – aus diesen drei Kategorien. Preislich liegt er eher im Segment der Alltagsweine. Auch mit wenig mit Prestige behaftet. Die Traubensorte «Malbec» ist hierzulande geschmacklich nicht massenkonform. Wenn schon Malbec, dann müsste er aus Argentinien stammen, nicht aus Chile, einem Land, das eher der Massenproduktion zuordnet wird (obwohl dies längst nicht mehr stimmt). Also ein Wein, der durch die «Maschen fällt». Zumindest in der Weinkritik und im Bewusstsein der Weinliebhaber. Schade, denn der Wein ist gut. Eher eigenständig als elegant, eher charaktervoll als geschmeidig, eher aussagekräftig als beiläufig, eher bestimmt als nebulös in den Aromen und im Gesamteindruck. Ich liebe diese Art von «Alltagsweinen», weil sie sich dem Alltag entziehen und doch nicht auf das Podest der «Fest- oder Genussweine» gestellt werden. An unserem Alltagstisch ist der Ausdruck gefallen: «ein gutes Weinchen».

15. Mai 2018

 

Vinyes de Manyetes: Solertia 2008, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Meine «Entdeckungsreise» durchs Priorat geht weiter. Dieses Mal mit dem Wörterbuch in der Hand: «Solertia» oder «Sollerita» bedeutet so viel wie «die Schläue, geistige Gewandtheit, Geschicklichkeit, Anstelligkeit». Mühsam hervorgekramt aus alten (verhassten) Lateinerzeiten. Doch irgendwie gefällt mir der Begriff, auch wenn er so eindeutig nicht ist. Irgendwie vermittelt er den Eindruck von etwas Geheimnisvollem, vielleicht sogar (abgeleitet): von Bauernschläue. Jedenfalls ist der Wein kein «gewöhnlicher» Wein, keine Garnacha-Bombe. Er bewegt sich auch nicht am oberen Limit des Alkoholvolumens (Vol.%), zeigt viel Mineralik, Fleisch und Schmelz. Ein fleischiger Wein also: nein, ganz und gar nicht. Eher auf der fröhlichen, «luftigen», verführerischen Seite. Man darf sich nicht täuschen lassen vom Auge, das den Wein in die dunkelste Ecke schiebt: schon fast schwarz, blauschwarz. Beim ersten Schluck meint man, der Wein müsse die Zunge belasten, die Schwere in den Gaumen tragen. Nichts von dem: vielmehr fröhliche, bestimmte Harmonie. Ein Genusswerk, das tief und fein gewoben ist. Ich gebe zu, dass mir Cabernet Sauvignon- und/oder Syrah-Anteile eher im Garnacha eher suspekt sind. Ich meine die Eigenständigkeit einer Rebsorte «verbindlich», nehmen ihm die Originalität. Aber nicht hier, in diesem gereiften, eigenständigen bis eigenwilligen Wein. Also doch Schläue? Vielleicht doch die Schlauheit von René Barbier (Clos Mogador), der dem Wein in den «Geburtsjahren» (aus dem dieser 2008er stammt) noch Pate gestanden ist. Ehrlich gesagt, ich würde jetzt gerne einen halb-so-alten «Solertia» zum Vergleich herbeiziehen. Weine aus der Kategorie «zehn Jahre darnach» sind gar nicht so einfach zu bewerten. Die sonst übliche «^Momentaufnahme» hat sich da meist zum festen Charakter entwickelt. 

12. Mai 2018

 

Château Lagrange 1982, 3ème cru classé, Saint-Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Diese Flasche habe ich gehütet wie meinen Augapfel. Es war der erste 82er-Bordeaux in meinem Keller. Ein Wein aus einem sogenannten «Jahrhundert-Weinjahr». Er war so etwas wie das Grundinventar zu meiner Bordeaux-Sammlung, mit der ich in den späten Achzigerjahren begonnen habe. Damals wusste ich noch so gut wie nichts von «Urbi und Orbi», den der Bordeaux-Papst Parker Jahr für Jahr verkündet: «Als ich im April 1983 im ‘Wine Advocate’ meinen Bericht über den 1982er veröffentlichte, brach ich zum Ausdruck, dass ich nie zuvor reichhaltigere, konzentriertere, vielversprechendere Weine gekostet habe…er ist nach wie vor der Bezugspunkt für die Grösse, die ein Bordeaux erreichen kann.» Sein Punktesegen labte damals noch nicht mein Herz und sprengte nicht mein Portemonnaie. Es war einfach ein Wein aus einem guten Jahr, der meiner miserablen Startphase in Sachen Bordeaux (in den frühen 90er-Jahren) etwas Hoffnung gab. Doch ich musste noch lange warten, bis ich von einem vergleichbaren Jahr mehr Flaschen subskribieren konnte. Denn das vergleichbare Jahr 1990, war für mich damals einfach unerschwinglich, zu teuer. So blieb dieser 82er aus Saint-Julien für lange Zeit so etwas wie das Prunkstück im Keller. Unangetastet bis gestern, obwohl ich später erfahren musste, dass dieser Wein dem Bordeaux-Papst nur 85 oder 86 Punkte Wert war. Doch, was scheren mich Punkte, wenn es um einen Mythos geht, den Mythos vom Jahrhundert-Jahrgang. Jetzt, gut dreissig Jahre später wollte ich es doch wissen. Inzwischen ist es ja ein «alter Wein» geworden. Er ist mit mir zusammen gealtert. Als gestern Freunde – auch Weinliebhaber – zu Besuch kamen, holte ich auch diese Flasche aus dem Keller. Wir begannen einen kleinen «Tour d'horizon» - mit vier ganz unterschiedlichen Bordeaux – mit dem altgedienten Lagrange 1082: Noch immer leicht fruchtige Noten, voll ausgereift, harmonisch, offen – ja charmant, ausdrucksstark, mit vibrierendem, halligem Abgang. Ein guter Altwein. Ein hervorragendes Beispiel, was aus einem Wein werden kann, wenn man ihn werden lässt. Und er blieb der Wein der Runde, auch als angeblich höherwertige Weine ins Glas kamen: ein Sechsundachtziger, ein Neunziger, ein Zweitausender. Berühmtere Namen, doch keiner war überzeugender.

07. Mai 2018

 

Cave Rhodan, Olivier und Sandra Mounir: Cornlin 2016, Salgesch, Wallis, Schweiz

 

Mein «Dauerkampf» um gute Weine in Speise-Restaurants (zu «moderaten» Preisen) ist nicht ganz neu. Es scheint einfach unglaublich schwer zu sein, dass Wirte auf ihr Angebot an guten Tischweinen ihr besonderes Augenmerk richten. Oft wird angeboten, was ihre Getränkelieferanten an Wein im Programm haben oder es wird – einzig auf den guten Preis achtend - von Wein-Grosslieferanten bezogen, die nicht selten auch die Kalkulation und die Weinkarte mitliefern. Vielen Wirten fehlen auch spezielle Sommelier-Kenntnisse, so dass beim Tischwein eine unglaubliche Beliebigkeit die Regel ist. Auch der Irrglaube, es müsse ein möglichst breites Regionen-Spektrum sein, führt zu unbefriedigenden Weinangeboten. Anders in einem Lokal meiner Region, das eigentlich vor allem eine Bäckerei und kein ausgesprochenes Speiserestaurant ist. Hier werden (fast ausschliesslich) Weine von einem einzigen Weingut angeboten. Keine riesige Auswahl, nur eine oder zwei der üblichen Rebsorten (aus der der Schweiz). Beim Weissen: einen Fendant (Johnannisberg) und zwei Spezialitäten aus dem Wallis: Heida und Petite Arvine; bei den Roten: Pinet noir und ein Dòle, dazu die autochthone Rebsorte «Cornalin». Also keine grosse Auswahl, dafür eine ausgezeichnete, auch qualitativ beachtlich. Als Organisator eines Banketts habe ich den «Cornalin» gewählt. Warum? Weil es kein Wein ist, der überall auf der Karte steht und doch «mehrheitsfähig» ist. Es ist eine der ältesten Rebsorten der Schweiz: dunkel, mit konzentrierter Frucht, milder Säure und weichen Tanninen. Gerade als junger Weine – im Restaurant sind es fast immer junge Weine, die angeboten werden – hat er vertraute Aromen: Sauerkirschen, Waldbeeren, Nelken. Vor allem aber ist er kräftig und trotz seiner Verbindlichkeit von eigenwilligem Charakter. Nicht nur die Tischrunde war voller Lob, ich auch. Meine neue Erfahrung: geht halt doch, auch in nicht auf Wein spezialisierten Gaststätten.

03. Mai 2018

 

Bernard Magrez: Château Pape Clément 1996, Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich

 

Die Unterscheidung zwischen Alltagswein und Sonntags- oder Festtagswein ist eher albern und gar nicht wein- und genusskonform. Sie bezieht sich - im Grunde genommen - ausschliesslich auf den Preis. An besonderen Tagen – zum Beispiel an Sonn- und Festtagen – ist man eher bereit, etwas auszugeben für den Genuss, etwas grosszügiger zu sein – auch mit sich selbst. An Werktagen, das ist der Alltag, für den hat man in der Regel auch ein imaginäres Wein-Budget, selbst wenn ein Wein längst bezahlt ist und im Keller liegt. Ich ertappe mich selber bei diesem Denken, obwohl ich dies – nicht nur nach aussen – vehement bestreiten würde. Die Logik ist aber einfach: besondere Tage rufen nach etwas Besonderem, auch – oder vor allem – beim Wein. Bei einem guten Glas mit einem Gast oder an einem geschäftlich oder prestigebeladenen Anlass ist dies klar. Da muss etwas Besonderes ins her. Aber, was ist besonders? Da spielen auch das Prestigedenken mit, eine besondere Wertschätzung oder berechnende Überlegungen. Das ist verständlich und durchaus auch «menschlich». Gerade beim ist das Renommee einer «guten Flasche» ein beliebtes Tummel- und Spielfeld. Die Bordeaux sind grundsätzlich dazu geeignet. Prestige-Weine für Festanlässe. Vor allem jene aus Châteaux mit hohem Ansehen (die verhältnismässig viel – oder mehr – kosten). Pape Clément ist so ein Wein. Vorbehalten für besondere Momente, also ein klassischer «Festtagswein». Nicht ganz so teuer wie die Weine aus dem fast benachbarten Haut-Brion, sein Preis: in «guten Jahren» deutlich über hundert Franken. Trotzdem kam er gestern – an einem ganz gewöhnlichen Tag – bei uns auf den Tisch. Irgendwie schauten wir schon andächtig oder ehrfurchtsvoll drein. Der letzte Besuch auf dem Schloss, die wunderschöne Anlage mitten in der Vorstadt, die edle Präsentation, der grosse Park, das Glashaus von Gustave Eiffel in bestem Jugendstil – all das kam mir in den Sinn und wurde so quasi mitgeliefert mit dem Wein. Und der Wein selber? Ein hervorragender Wein, sicher. Trotz des Alters mit tiefdringender Frucht, in fast zärtliche Reinheit und Finesse. Kein Bluffer, auch nicht allzu kräftig, vielmehr elegant und vornehm. Doch ich frage mich: was wäre der Wein ohne sein Renommee, ohne seinen prestigeträchtigen Ruf? Er wäre das, was er ist: ein sehr guter Wein, der mir durchaus an dem einen Tag Festtagsfreuden bringen kann; an einem anderen aber ganz anders ankommt: unauffällig, sogar bescheiden, alltäglich. Die Tatsache aber bleibt:: es ist einer der besten 96er, der sich in mehr als zwanzig Jahre hervorragend entwickelt hat. Mit seinem eigenen Stil. «Alte Schule» habe ich irgendwo gelesen, ist durchaus nachzuvollziehen. Ein richtiger Festtagswein?  Preislich bestimmt, doch der Genuss hat auch an Festtagen seine eigene Richtschnur und diese richtet sich - gottlob - nur selten nach dem Preis.

Marquise de Pompadour (Gemälde von François Boucher)
Marquise de Pompadour (Gemälde von François Boucher)

21. April 2018

 

Cave Coopérative de Castelmaure SCV: La Pompadour 2015, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

Ab und zu gibt es Weine, von denen ich ein zwei Flaschen auf Grund des Namens und/oder der Etikette kaufe. La Pompadour ist so ein Wein. Der Name erinnert an eine der berühmtesten Maitressen der französischen Könige. Sie war die Geliebte von Ludwig XV, der von 1710–1774 König von Frankreich war und die Jean-Antoinette Poisson im Jahr 1745 „ nicht nur zu seiner offiziellen Mätresse machte, der ersten Bürgerlichen mit diesem Status am französischen Hof überhaupt, sondern sie im Juli desselben Jahres auch zur Marquise de Pompadour mit Landsitz und eigenem Wappen erhob. Obwohl ihr vertrauter Verkehr mit dem König nur bis 1751 dauerte, behielt sie die Stellung als offizielle Mätresse bis zu ihrem Tod 1764“ (Quelle: wikipedia)

Natürlich hat dies nicht viel mit dem Wein zu tun. Ein Name nur – und doch eine Anspielung auf eine schöne und berühmte Dame, die über Jahre recht viel Einfluss am königlichen Hof hatte. Der Wein ist auch eine Homage an die Familie Pompadour, welche in der Gegend, wo heute dieser Wein wächst, lange regiert hat, bevor die Kurtisane in Versailles eingezogen ist. Mich faszinieren solche Assoziationen und auch historische Hintergründe beim Wein, auch wenn es nur der Name ist. Dies kann auch Anlass sein, nachzudenken, zu sinnieren, vielleicht sogar nachzuschlagen, was es zu dem Wein auch noch zu sagen gäbe.

In diesem Fall ist wohl eine Aussage des verantwortlichen Weinmachers: „Wir  träumten wir von einem Marquise-Wein, fein geschliffen…“ Der Name des Weins ist also nicht Zufall, auch nicht nur eine historische  Erinnerung an die Familie Pompadour. Er ist auch Programm: „ein Marquise-Wein“. Nun hat das Wort Marquise eine ganze Reihe von Bedeutungen: ein Schirmtyp, ein Stoffvordach, ein Schmucksteinschliff… und natürlich ein französischer Adelstitel. Um diesen Adelstitel geht es wohl und um den Reiz der Marquise, die selbst einen König bezaubern konnte. Charmant, edel, elegant, seidig, reif, verführerisch, so die Attribute zum Wein. Er heisst ja nicht zufällig „La“ Pompadur, also die Pompadur und damit kann nur die Marquise gemeint sein, die von Ludwig XV geadelt wurde. So „daneben“ sind diese Bezeichnungen nicht. La Pompadur ist zugänglich, sogar diplomatisch, kräftig und weich zugleich, verführerisch und selbstbewusst, auch typisch für Südfrankreich und doch eigenständig als Wein. Ein vergnüglicher Wein.

 

18. April 2018

  

Château Ollieux Romanis: Cuvée Classique 2016, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

 

Ein Weinliebhaber kennt - in der Regel – die „Flaggschiffe“  der bekanntesten Weingüter aus verschiedenen - vielleicht sogar aus vielen – Weinregionen. Mehr sicher nicht, es sei denn, er (oder sie) hat sich einer bestimmten Region, einer bestimmten Rebsorte oder einem bestimmten Weinstil ganz zugewandt. Meist sind es Urlaubseindrücke oder Empfehlungen eines Weinhändlers, welche die Liebe zu einem Weingebiet oder einem Weinstil wecken. Auch mir ist es so ergangen. Da kam ich vor gut dreissig Jahren in den Süden Frankreichs, in ein riesiges Weingebiet, das damals noch weitgehend schlief. Mehr noch, es produzierte namenlose Massenweine, die mich an die „Algerier“ erinnerten, die wir in der Studentenzeit fast ausnahmslos getrunken haben. Dann aber lernte ich die  Weinregion Languedoc-Roussillon kennen und schätzen. Zuerst waren es ein paar wenige Weine und „Mustergüter“, noch nicht sehr viele. Allmählich wurden es mehr. Auch meine Liebe zu diesen regionalen Weinen wuchs und mit ihr auch das Interesse. Heute kenne ich weit über hundert Produzenten der verschiedenen Appellationen. Was heisst da „kennen“? Ich kenne ihre Namen, ihre Bedeutung, meist auch ihre „Philosophie“ bezüglich des Weins. Doch kenne ich auch ihre Weine? Da muss ich gestehen: im Grunde fast nur ihre „Flaggschiffe“. Also die Prestigeweine vieler Weingüter. So auch bei diesem Château. Seine „Flaggschiffe“ – den „Atal Sia“ oder die„Cuvée Or“ habe ich mehrmals getrunken und auch beschrieben. Aber die Cuvée Classique – einen der gewöhnlicheren – sagen wir: weniger anspruchsvollen Weine des Weinguts – immerhin mit einem jährlichen Ausstoss von weit mehr als 100‘000 Flaschen – habe ich bisher noch nie getrunken. Dabei ist es ein guter, ein sehr guter Wein, der – wie so viele Weine – im grossen Angebot der Languedoc-Weine untertaucht, zwar rege getrunken wird (nicht nur lokal, regional), durchaus auch international. Das heisst: er ist in ganz Frankreich, auch in Deutschland und weitere Ländern erhältlich. Nur darüber reden oder schreiben: das tut bestenfalls der Händler oder die Werbung. Dabei ist es ein durchaus beachtlicher Wein: klassisch, das heisst ein Verschnitt von Carignan, Grenache und Syrah (den wichtigsten Rebsorten der Region) und zwar so dezent vinifiziert, dass man den Ausdruck „sanft“, vielleicht sogar „warm“ verwenden darf. Unauffällig – aber nachhaltig. Die angepriesenen Aromen – Brombeere, Kirsche, Mokka, Johannisbeere etc. – sind durchaus wahrnehmbar, aber nicht aufgesetzt. So harmonisch in Tannine gewoben, dass sie ein Ganzes bilden, einen in sich geschlossenen guten Wein.

(Foto aus der Filmpräsentation des Château)
(Foto aus der Filmpräsentation des Château)

08. April 2018

 

Château Poujeaux 1996, Moulis, Cru Bourgeois, Haut-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Es ist - nach allgemeinem Sprachgebrauch - ein "kleiner" Wein. Gemäss der in fast Stein (oder Marmor) gemeisselten  Hierarchie in Bordeaux "nur" ein Cru Bourgeois und "nur" aus der Gemeindeappellation Moulis, einer der zwei Appellationen im Médoc, die keine Weine mit der Bezeichnung "Grand Cru Classé" haben. Entsprechend ist auch sein Preis (um 30 Franken, je nach Jahrgang), der sich nach strengen hierarchischen Regeln richtet (weniger stark nach der Qualität). Doch Poujeaux ist seit vielen, vielen Jahren ein sehr zuverlässiger, ein sehr guter Wein. Er wird von Parker zwar lobend erwähnt, erntet aber kaum mehr als 88 Punkte. "Man ist sich unter Fachleuten einig", dass die beiden Weingüter Chasse-Spleen und Poujeaux "die besten Weine von Moulis erzeugen". Der Preis und die verlässliche Qualität sind die wichtigsten Gründe, warum Poujeaux immer auch rege subskribiert wird. So auch von mir, vor zwanzig Jahren, schon damals für 34. Franken die Flasche - also etwa zum heutigen Preis. Die Frage stellt sich aber - wie bei allen Bordeaux dieser Kategorie: Hat es sich gelohnt, sie im Keller zwanzig Jahre liegen zu lassen oder sind sie sie bereits abgebaut, haben sie den Zenit überschritten? In der Regel ist es tatsächlich so, dass die Weine dieser Kategorie jung zu trinken sind. Meist nach der "Faustregel", so im Alter von zehn Jahren. Dieser Poujeaux hat gut das doppelte an Jahren hinter sich und er ist noch voll da. Reif natürlich, vielleicht nicht mehr das, was man gerne als "sexy" bezeichnet, sondern altersgeklärt, Nicht mehr so spitz und angriffig wie in seinen jungen Jahren. Dafür gut strukturiert, ausgeglichen, mit mehr Wein- und nicht (mehr) nur Eichenholzintensität. Ein Abendwein - möchte ich fast sagen. Er bringt keine unruhige Nacht, vielmehr - wie hier - wohlige Erinnerung an den ersten schönen Sommerabend dieses Frühlings, der begleitet  wurde durch ein Steak vom Grill (Barbecue) und diesem "kleinen" Wein, der in meiner Wahrnehmung richtig gross geworden ist. 

03. April 2018

 

Château Mouton-Rothschild 1997, 1er Cru Classé, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Wenn man vom Mouton-Rothschild spricht – von einem der fünf Premier Cru Classé –  denkt man unmittelbar auch an Kunst. Bei dieser Flasche ganz besonders, ist doch der Jahrgang 97 eher bescheiden ausgefallen. Generell kurzlebig, meint Parker: «Aufgrund rascher Entwicklung werden die Weine, mit Ausnahme der am stärksten konzentrierten, in 10 bis 12 Jahren ihren Höhepunkt überschritten haben.» Es sind jetzt gut zwanzig Jahre vergangen, der «Abstieg» ist längst programmiert. Dass der Wein – vor allem in der Schweiz – noch immer rar und teuer ist, verdankt er vor allem der Etikette, gestaltet von der französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle. Sie durfte in diesem Jahr die Etikette gestalten, zehn Jahre nach Hans Erni, dem andere Schweizerkünstler, dem diese Ehre zugefallen war, ebenfalls in einem eher schwachen Wein-Jahr. Bringt es die Kunst, die eigentlich mit der Qualität des Weins zu tun hat, welche die beiden Jahrgänge (zumindest in der Schweiz) der Vergessenheit entreisst?  Jedenfalls blieb der Wein – als einer der wenigen des Jahrgangs 1997 – in meinem Keller, wohl eher aus Ehrfurcht oder Anerkennung der Künstlerin, der Schöpferin der berühmten «Nana», denn auf Grund des zu erwarteten Weingenusses. Ich traute dem Jahrgang nicht. Doch welche Überraschung! Der Wein – kaum im Glas – entwickelt sich schon beim ersten Schluck zur kleinen Sensation, die 92 Parker-Punkte weit überflügelnd: fruchtig, schmelzig, harmonisch, rund, warm, würzig, abgeklärt. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einmal so viele (positive) Eigenschaften einem Mouton zugeschanzt zu haben. Aus der vermeintlichen «Versenkung» entstieg eine charaktervolle Schönheit. Parker scheint es vorausgeahnt zu haben (und das habe ich erst jetzt, nachträglich gelesen!): «Es würde mich nicht überraschen, wenn dieser Wein mindestens zwei Jahrzehnte überdauern und sich damit als einer der langlebigeren 1997er erweisen sollte.» Diese Parker-Notiz stammt aus dem Jahr 1998, als der Wein noch in den Fässern ruhte. Jetzt, zwanzig Jahre später, wissen wir es. Parker hat Recht bekommen. Dies versöhnt mich, mit Parker, dessen Liebe zu einer oft pompöser Weinstilistik mich immer wieder ärgert, aber auch mit dem Wein von Mouton, der für mich fast immer überschätzt wird. 

(Bild:  aus Galerie des Weinguts)
(Bild: aus Galerie des Weinguts)

31. März 2018

 

Cims de Porrera: Vi de la Villa Porrera 2013, Garnacha/Carinyena/Syrah/ Cabernet Sauvignon, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Der Wein gehört eigentlich in meine Reihe von Gastroweine und damit zum gutes, nein, leuchtenden Beispiel auf den sonst so uniformen Weinkarten in Speiserestaurants. Wann findet man da schon einen Priorat-Wein? Und erst noch einen mit bekanntem Namen aus einem kooperativ arbeitenden Weingut, das fast schon Kultstatus hat. Kultstatus, weil man da bemüht ist, sehr gute Weine zu machen, die eindeutig aus einer bestimmten Weinregion kommen und diese zu einem nichtkultigen Preis anzubieten. Ideal also für Wein auf einer guten Weinkarte, in einem guten Restaurant. Das einzige, was ich dem Wein «ankreiden» kann, das ist sein Alter, respektive seine Jugend und – aber das ist mein persönlicher Geschmack – der zwar kleine Anteil an Cabernet sauvignon in dem sonst «typischen» Priorat-Cuvée. Der Name des Weins weist auf das Ziel hin, einen unverwechselbaren Wein aus der Gemeinde Porrera (ca. 500 Einwohner) anzubieten, einen Wein der aber auch international konkurrenzfähig ist. «Energisch und angenehm zugleich», so wirbt der Importeur in der Schweiz. Was er wohl damit meint? Energisch: vielleicht der eher unverbindlicher Ausdruck für Persönlichkeit, für Einmaligkeit, für Unverwechselbarkeit. So mag das Schlagwort stimmen. Einfacher zu interpretieren ist die Eigenschaft «angenehm». «Trinkig» kann man auch sagen. Ein Ausdruck, den ich zwar selten verwende, er übernimmt die Sicht der Konsumenten. Für den den Wein – gerade als Essbegleiter – bedeutet dies auch rund, geschmeidig, ja verführerisch zu sein: gut integrierte Tannine und Noten, die – nach verbreiteter Auffassung - zu einem guten Wein gehören, wie Frucht, Erdnoten, Mineralik, das so beliebte Barrique-Vanille, auch etwas Pfeffer (für den Schmiss!) und eine Palette von Gewürzen. Dies alles hat der Wein: aber nicht so ausgeprägt, dass er aus dem Ramen fallen würde. Eine geschliffene Persönlichkeit eben, ein guter Gastrowein. 

(Bild:  aus Galerie des Weinguts)
(Bild: aus Galerie des Weinguts)

23. März 2018

 

Quinta do Zambujeiro : Monte do Zambujeiro 2014,  Vinho Regional Alentejano, Rio de Moinhos, Borba, Portugal

 

Dieses Mal geht es mir weniger um den Wein, als vielmehr um Weine in Restaurants oder anders formuliert: um Ideenlosigkeit, Langweile bis zur Zumutung der Weinkarten in Speiserestaurants. Vielleicht hat der eine oder die andere schon bemerkt: ich führe so etwas wie ein Dauerkrieg mit Weinkarten. Nicht mit jenen Karten, bei denen Sommeliers am Ruder sind oder das Prestige-Denken von «gehobener Kundschaft» im Vordergrund steht. Nein, ich meine die Weinkarten in Speiserestaurants, die nicht nur bei Festessen besucht werden, sondern auch an Werktagen, wo eine einfache, gute Mahlzeit gefragt ist, mit einem zumindest «interessanten» Wein. Der Preis – gerade bei Flaschenweinen – ist ohnehin eine Hürde. Denn der übliche Faktor 3 (dreimal den Preis beim Weinhändler) ist gerade für einen Weinliebhaber (mit eigenem Weinkeller) oft ein Schmerzfaktor, zumal das Essen (abseits der Fastfood-Ketten) in der Schweiz recht teuer ist. Fazit: mit dem Essen bin ich bei meinen bevorzugten Restaurants meist zufrieden, mit den Weinen aber nur selten. Zu eintönig, zu phantasielos, zu belanglos für meist 50 und mehr Franken. Doch – ich nenne für einmal beim Namen – die Rosenburg (Wolfhausen) ist ein Lichtblick. Die Weinkarte zwar nicht allzu gross, aber attraktiv, vielfältig und durchwegs im üblichen Preissegment um 50, 60 Franken. Ein Portugiese – in Restaurants eher selten zu finden – und ein Priorat-Wein habe ich diesmal ausgewählt. Der Portugiese: rund, frisch, mineralisch, mit schmelziger Frucht und schöner Balance. Ein Charmeur im besten Sinn, der Sinnlichkeit mit Tiefe und Nachhaltigkeit verbindet. Dies ist für einen Wein aus der heissen Gegend von Alentejo beachtlich und eher die Ausnahme. Und noch etwas: es sind ausschliesslich Rebsorten, die in Portugal zuhause sind, ergänzt mit etwas Cabernet Sauvignon. Ich glaube, es ist vor allem dieser kleinen Cabernet-Zugabe, welche die Cuvée restaurantfähig macht.

23. März 2018

 

Brigitte & Gerhard Pittnauer: Pannobile Respekt 2015, Neusiedlersee, Gols, Österreich

 

Auf diesen Wein bin ich fast gestürzt, als ich ihn in einem Restaurant auf der Weinkarte sah. Vorsichtig habe ich zwar die Freunde gefragt: Darf es etwas sein, ausserhalb des Mainstreams? Ein Österreicher, eine Cuvée aus Blaufränkisch, St. Laurent, Zweigelt. Nicht gerade Rebsorten, die hierzulande begeistern. Doch der Begriff «Pannobile» war mir – zumindest ansatzweise – bekannt, das Weingut Pittnauer aber kannte ich nicht. «Pannobile» ist eine Vereinigung von Winzern in Gols (am Nordostufer des Neusiedler Sees), die sich ursprungsbezogenen, gebietstypischen Weinen verschrieben haben. Neun Winzer schafften 1994 gemeinsam das Label «Pannobile», in dem – gemäss Satzung - nur vollreife Trauben der drei einheimischen Rebsorten verarbeitet werden, die alle aus genau bestimmten Lagen der Gemeinde Gols kommen. Die einzelnen Betriebe aber arbeiten selbständig, ohne dass die Vereinigung da involviert ist. Sie haben ihre eigenen Weine und ihre eigene Angebot. Doch einmal im Jahr bestimmt jeder der Winzer zwei Kandidaten für einen weissen und einen roten «Pannobile». In Diskussionen und Degustationen wird dann gemeinsam bestimmt, welche der Weine unter dem Namen «Pannobile» angeboten werden. So entstehen jedes Jahr ganz individuelle Weine, die aber alle aus dem gleichen Erbgut der Natur stammen.
Schon ganz grundsätzlich liebe ich Weine, die zurecht den Stempel «Charaktertyp» tragen und sich dem «Einheitsbrei» in der Weinwelt entziehen. Doch diesen Wein liebe ich – seit gestern – noch mehr als all die österreichischen Blaufränkisch, St. Laurent und Zweigelt, die ich bisher getrunken habe. Nicht unbedingt, weil er viel besser ist, sondern weil er eine Ehrlichkeit ausstrahlen, die den Weingenuss erst einmalig macht und leider immer weniger anzutreffen ist. Keine Holz-, keine Alkohol- und keine Volumen-Bombe, sondern ein Wein der feineren Art: lebendig in Nase und Gaumen, mit feinen Noten von Kirschen, Lorbeer, Zimt, roten Beeren, Mineralität und beachtlicher Harmonie. Die kleine Tafelrunde hat kein Wort über den Wein gesagt, vielleicht weil er – neben dem guten Essen – fast so etwas wie beiläufig wirkte. Abrundend, ergänzend, zusammenhaltend. Ich habe den Wein nicht einfach nur ausgewählt, sondern mich auch richtig gefreut, wieder einmal einen hervorragenden Wein - in einem Restaurant, das nicht auf Weine spezialisiert ist - auf den Tisch zu bekommen und erst noch zu einem guten Preis.

20. März 2018

 

Terres de Vidalba: tocs 2005, Garnacha/Syrah/Cabernet, Proboleda, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Meine « Erkundungsfahrt» durchs Priorat geht weiter. Diesmal: Stop in Proboleda. Als ich dieses Foto gemacht habe, wusste ich noch nichts von «tocs», vom Weingut «Terres de Vidalba». Ich bin – mit dem Fotoapparat durch das Dorf geklettert und hatte den Eindruck, viel, viel Katalonien zu schnuppern. Die Bodega habe ich nicht besucht. Wie sollte ich auch, ohne Führer, ohne grössere Erfahrung mit Weinen aus dieser Gegend. Jetzt habe ich – dank «Priorat Hammer» – das Versäumnis nachgeholt, mit einem Wein, der alt ist. Alt, selbst für einen mit Bordeaux-Alter geeichten Weinfreak. Ist da noch was, nach bald dreizehn Jahren? Es ist noch was, und recht viel. Nicht mehr ganz so «wow-haft», wie die Begegnung des ersten Weins dieser (nachgeholten) Weintour. Jede Jugendlichkeit hat der Wein abgestreift, jeglichen Übermut verloren. Er ist dafür an Würde erstarkt, hat wohl an Tiefe zugelegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein jugendlicher Wein so tief und abgeklärt ist wie diese Cuvée. Cuvée? Da bin ich mir nicht ganz sicher: Grenache sicher, daran habe ich mich im Priorat bereits gut gewöhnt, sicher auch Syrah und wohl auch noch etwas Cabernet Sauvignon. Der Verbindlichkeit zuliebe. Soweit, so gut. Doch die Frage bleibt offen: was ist geblieben, was ist neu dazugekommen. Routinier machen da natürlich eine «Vertikale» und wissen es dann genau… So genau will ich es aber gar nicht wissen. Ich strecke einfach die Nase hinein ins Glas: Grenache-Aromen: Kirsche, Granatapfel, schwarze Oliven… Im Gaumen wird es dann noch bunter, irgendwie habe ich auch das Gefühl: betulicher. Die Frucht versteckt sich im Pfeffer, Leder oder gar im Honig. Der Alkoholgehalt – immerhin mit 15% vol. angegeben – hat seine Schärfe verloren. Der Drang nach Harmonie ist unverkennbar. Dafür sorgt wohl der Cabernet-Anteil. Aber auch die Flaschenreifung hat einiges bewirkt, für Gutes, noch Besseres gesorgt. Die Wortwahl ist immer etwas Glücksache: Liegt die Betonung auf Kraft, auf Stärke, auf Aromatik, auf Eigenständigkeit? Jedenfalls ist es – so mein erstes «tocs»-Erlebnis - ein sehr guter Wein. Exzellent heisst es dann wohl in Weinbeschreibungen. Ich mache es mir da viel einfacher: Kein Wow-Wein, sondern Hmmm-Wein eben.

(Bild: selection schwander)
(Bild: selection schwander)

17. März 2018

 

Hans & Philipp Grassl: Selection Schwander 2011, Cuvée, Carnuntum, Göttlesbrunn, Österreich

 

 

Österreichische Wein haben es schwer in der Schweiz, trotz Nachbarschaft und trotz des guten Rufs, der längst auch in der Schweiz angekommen ist. Dazu die Rebsorte Zweigelt, die in der Schweiz wenig verankert ist. Man setzt hier – vor allem in der Deutsch-Schweiz - auf Pinot Noir, im Tessin auf Merlot und eigentlich überall auf Cabernet Sauvignon plus eine zweite oder dritte Rebsorte, also quasi auf Bordeaux-Blends. Eine Cuvée mit den beiden Rebsorten, Zweigelt und Blaufränkisch (80%), die in Österreich am häufigsten angepflanzt sind (und noch 20% Merlot) ist für Schweizer so etwas wie ein «Versöhnungswein». Der gewiefte Weinhändler und «Master of Wein», Philipp Schwander hat offensichtlich ein «gutes Händchen», wenn es darum geht, Weine auch in der Schweiz zu lancieren. Der Name Schwander bürgt – in den weiten Konsumentenkreis – für Qualität und hat den Ruf als «Entdecker» noch wenig bekannter Weine. Über den Wein schreibt er: «Von den zahlreichen österreichischen Rotweinen, die wir im Laufe der Jahre angeboten haben, ist die Spezialfüllung von Philipp Grassl mit Sicherheit am erfolgreichsten.» Da der Zweigelt eine der bevorzugten Rebsorten meiner Frau ist (und auch bei mir sehr gut «ankommt»), haben mich zwei Fragen besonders  interessiert. Warum avanciert diese Cuvée – wie Schwander schreibt – immer häufiger zum «Hauswein» als «eine willkommene Alternative zu den beliebten Tischweinen aus Italien, Frankreich oder Spanien»? Und: wie entwickelt sich der Wein im Alter?. Die Flasche ist immerhin sieben jährig. Haltbar - nach Grassl - etwa sechs Jahre. Nun, wichtiger als Haltbarkeit ist die Flaschenreifung. Stagniert die Entwicklung, reift der Wein weiter oder ist er bereits auf dem «Abstieg?. Ich meine, er hat hier den Höhepunkt überschritten, Der Rest an Frucht, die der Wein für seine Harmonie braucht, ist am Verblassen. Etwas einfacher ist die Antwort zur zweiten Frage: Es ist vor allem der Merlot, welche den wein entscheidend abrundet, vielleicht sogar internationaler macht. Damit wohl auch gefälliger und trotzdem eigenständig und kraftvoll. Natürlich ist es auch der Preis - um 15 Franken - der ihn in die Liga des «gehobenen» Hausweins bringt.

12. März 2018

 

Celler de l'Encastell: Roquers de Samso 2010, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Jetzt wird es spannend. Ich hoffe, nicht nur für mich, auch für die Leser des «Getrunken». Ich beginne nämlich eine Serie von Texten zu Priorat-Weinen, die ich bisher noch nie im Glas hatte. Also: für mich so etwas wie «unbekanntes Land». Priorat-Kenner werden mich jetzt auslachen. So unbekannt sind die meisten der Namen und Weine nun auch wieder nicht. Beste Adressen! Vor allem aber: Sie sind authentisches Priorat. Deshalb sind sie auch ein Teil meiner «neuen» Weinwelt geworden. Bordeaux, mit dem ich so viele Stunden, Tage und Jahre verbracht habe, ist südlich gerückt. Über die Pyrenäen hinaus, ins bergige Weinland Priorat. Katalonien, das in den letzten Zeit ganz andere Schlagzeilen geliefert hat. Katalonien, das nicht nur für ein gutes Stück Selbständigkeit und Eigenständigkeit kämpft, sondern auch hervorragende Weine macht. Im Visier hatte ich die Weingegend schon seit ein paar Jahren. Ich bin auch hingefahren, bergauf, bergab, Kurve rechts, Kurve links. Ich habe vor Ort die guten Weine gesucht, selber gesucht, nicht nur aufschwatzen lassen von Händlern und Weinkritikern. Doch so einfach war das nicht, die paar wenigen Tage genügten längst nicht. Allein schon die paar «grossen» Namen haben mich absorbiert. Jetzt bin ich einen neuen Weg gegangen. Torsten Hammer, der Berggänger und ausgezeichnete Priorat-Kenner, also der Priorat-Hammer, musste mir – jetzt schon zum zweiten Mal – zwölf verschiedene Weine (von jedem zwei Flaschen) aus seinem Angebot zusammenstellen. Wundertüte oder Büchse der Pandora? Jedenfalls sind die Flaschen nun in meinem Keller und die ersten schon in meinem Glas. Nicht Blindverkostung – Blindwahl. Den Zufall walten lassen (und das sensorische Gespür von Torsten). Der erste dieser Serie war Roquers de Samso. Samso? Und schon musste die Weinliteratur herhalten. «Samso», der katalanische Name für Cariñena – oder eben Carignan. Das Nachschlagen wäre nicht nötig gewesen: sofort erkannt. Die für mich wichtigste Rebsorte Kataloniens springt mir entgegen. Mit Wucht, aber auch mit viel Eigenständigkeit, nein Ehrlichkeit. Trotz unverkennbaren Barrique-Tönen, Erinnerungen an Bordeaux, redet die einheimische Rebsorte mit mir. Und was sie alle zu sagen hat (es ist schon eher ein Schwärmen!): Thymian, Rosmarin, Hollunder, Kakao, reife Früchte… Meine Frau sagte Wow. Ich sagte nichts mehr. Ich liess den Maul im Mund tanzen, bis weit in den Gaumen hinab. Ein ausgezeichneter Einstieg. Habe ich da ein As gezogen, die Dame oder gar den «Trumpf-Bur». Wir werden sehen. Die Entdeckungsreise geht weiter, Fortsetzung folgt.

http://www.eduardobermejo.com/
http://www.eduardobermejo.com/

09. März 2018

 

Bodegas Antonio Arraez: Vivir sin Dormir 2016, Monastrell, Jumilla, Spanien

 

Es gibt Weine, die sind spannend, weil sie unspannend sind. Was kann man denn schon von einem reinsortigen «Monastrell» erwarten? Monastrell? In Frankreich bekannt als «Mourvèdre». Auch da meist als Verschnitt-Wein benutzt. Ein Küchenwein, sagen meine kochenden Weinfreunde. Und die Herkunft diesAnti-Shlaf-Weins? Eine Weingegend im südlichsten Teil der Levante, wo vor allem einfache, aber alkoholstarke Weine herkommen. Erstaunlich? Wirbt doch die Gegend mit statistischen Zahlen: «Dreitausend Stunden Sonnenschein pro Jahr».  Das sind durchschnittlich 8.2 Stunden pro Tag. Mir läuft es heiss den Rücken hinunter! Tatsächlich hat die Region - bis in die 80er-Jahre - die spanischsten Weine Spaniens produziert. Fassweine, die überall in Spanien auf den Tisch kamen. Überall, wo Weine bei jedem Essen auf dem Tisch stehen. Alltagsweine, Landweine… Dann erwachte die Gegend: Hundert Jahre später als in allen anderen europäischen Weingebieten hat die Reblaus auch in Jumilla Einzug gehalten. Die Winzer mussten um ihre Existenz kämpfen. Sie erneuerten und veredelten ihre Reben und schafften – mit moderner Technik – den Aufstieg auch in höhere Weingefilde. Zwar gilt Jumilla noch immer als Lieferant einfacher – preislich günstiger – Weine. Doch der Wille der Winzer, auch Besseres zu produzieren, ist unverkennbar. Doch die Botschaft ist bei den Konsumenten noch kaum angekommen. Eigentlich schade. «Vivir sin Dormir» ist so ein Wein, unspektakulär aber gut. Weich gebändigte Tannine, nicht im Alkohol ertränkt, etwas andere Geschmackseindrücke: durchaus auch pfeffrig, brombeerig, vor aber auch blumig und an eingemachte Früchte erinnernd, Trüffel und viel Waldbeeren. Und noch etwas: so jugendlich und schwungvoll, wie sich der sonst körperschwere, rabenschwarze Wein hier gibt, ist auch die Künstleretikette, gestaltet vom Designer und Maler Eduardo Bermejo. Echt spanisch!

04. März 2018

 

Domaine Les Mas des Armes: Perspekives 2014, Pays de Herault, Aniane, Languedoc, Frankreich

 

 

Ein gefälliger Wein, gut strukturiert, aber gar nicht geprägt von Weintradition des Languedoc. Daran trägt vor allem die Rebsorte Cabernet Sauvignon die „Schuld“, eine Rebsorte, die in den AOC-Weinen in der Languedoc nicht zugelassen ist. Deshalb ist es auch „nur“ ein Vin des „Pays de Hérault“, also einer jener Aussenseiter, die immer mehr das südlichste Weingebiet Frankreichs erobern. Man möchte eben auch „international“ sein und dem vorherrschenden näher kommen. Verständlich, eignet sich doch die Gegend um Aniane hervorragend für Cabernet Sauvignon und auch Merlot. Man schielt auch hier immer mehr nach Bordeaux. Führendes Weingut des 2‘000 Seelen-Dorfs ist das Mas von Daumas-Gassac, das schon recht früh auf die Bordeaux-Rebsorte Cabernet Sauvignon gesetzt hat und auf den AOC Statur verzichtete. Grossartige Weine, quasi die „andere Languedoc“. Dass dann das kleine Dorf der „Wein-Welt-Macht“ Mondavi getrotzt hat und den „Eindringling“ aus Amerika vertrieb, hat den Wein und die Weingegend nur noch berühmter gemacht. Die Geschichte brauche ich nicht nochmals zu erzählen. Tatsache ist, dass auch dieser Wein „Perspektiven“ aufzeigt. Die Perspektive, im internationalen Weinhandel Fuss zu fassen. Sich neben Bordeaux-Berühmtheiten etablieren zu können und erst noch mit einem grossen Vorteil, mit einem charakteristischen, ja einmaligen Terroir: dem Bergmassiv von Arboussas mit seinen zerklüfteten Kalksteinen und seiner sonnigen Lage etwa 300 Meter über Meer. Die beiden Brüder, welche das Weingut vor neun Jahren übernommen haben scheren sich wenig um Tradition, „unrentable“ Rebstöcke wurden konsequent ersetzt und eine schon fast unbekümmerte Vielfalt von Reben angepflanzt, mit dem einen erklärten Ziel: grosse Weine zu machen. Am Ziel sind sie noch nicht angekommen, aber auf gutem Weg.

28. Februar 2018

 

Château Ollieux Romanis: Cuvèe
Atal Sia 2014, Corbières Boutenac, Languedoc, Frankreich

 

Diesem „Getrunken“ könnte ich den Titel geben: „Von der Schwierigkeit einem Wein gerecht zu werden“. Es ist nämlich der erste Wein, den ich nach fast zwei Wochen trinke. Sozusagen versuchshalber, denn ich war – oder fühlte mich – krank. Krankheit verträgt keinen Wein, weil Krankheit die Lust tötet. Und lustloser Wein ist schrecklicher als Krankheit. Gestern kam sie wieder, die Lust, zaghaft zwar. Noch ordentlich lustlos holte ich diesen „Atal Sia“ aus dem Gestell, einen Wein, den ich nicht kannte, noch nie getrunken habe. Ein sogenannter Neugierwein. Aus Boutenac, einer Gemeinde, einem Dorf in der Corbières. Für mich der Inbegriff eine „gottverlassenen“ Gegend. Es gibt dort zwar Garrigues, knorrige Bäume und viel, viel Steine. Sein Name „Atal Sia“ bedeutet so viel wie „ainsi soit-il“ oder eben „Amen“. Das passt bestens zum Wein und meiner Stimmung: Die Nase, der erste Schluck, sie waren belanglos – unverbindlich. Spontane Meckerei: „Ich hatte auch schon besseren Wein im Glas.“ Ist dies nun das Amen meiner Corbières-Liebe? So langsam wie der Appetit zurückgekehrt ist, wandelt sich auch der Wein. Der Hintergrund rückte immer mehr in den Vordergrund, die Kühle wandelt sich in angenehme Wärme; der Wein begann zu spiele, zu singen, zu tanzen. Er führte mich an der Nase herum. Er wurde von Schluck zu Schluck besser. Er erzählte mir die Geschichte von der Carignan-Traube, die angeblich ihren guten Ruf verloren hat und nur noch in Cuvées und im Rioja akzeptiert wird. „Atal Sia“ ist zwar auch eine Cuvée (Carignan, Grenache, Mourvedre und Syrah), typisch languedocienne, aber stark geprägt von Carignan. Meine Vermutung es könnte ein reinsortiger Carignan zu sein, bewahrheitete sich nicht. Doch der Wein ist einfach runder, eleganter, feiner, fruchtiger als die sonst oft derben Corbières-Weine. Den feinen Röstton hat er übrigens nicht – wie so viele andere Weine – durch obligaten Holzeinsatz – sondern durch die Trauben, womöglich von sehr alten Stücken. 

23. Februar 2018

 

Bodegas Señorío de Barahonda: Yecla-6 meses 2014, Collection Dieter Meier, Levante, Murcia, Spanien

 

Yecla. Leuchtend rot prangt der Name auf dem Etikett. Und nicht unbescheiden daneben: Dieter Meier. Richtig, der Yellow-Meier, der Tausendsassa, der in Argentinien ein Weingut besitzt und eine Rinderfarm, natürlich alles Bio. Die Annäherung an den Yecla begann im Restaurant, mit einem Missverständnis. Auf der Weinkarte entdecke ich den Namen Dieter Meier und „Yecla“. Yecla? Das ist doch ein kaum bekanntes Weingebiet im Süden Spaniens. Was hat das mit Dieter Meier zu tun? Seine Weine, sind die Puros aus Mendoza, Malbec geprägt. Meine Neugier ist angestachelt. Also bestelle ich einen Yecla von Dieter Meier. Als der Wein auf den Tisch kam: Protest meiner Frau. Sie hat auf der Etikette Dieter Meier gelesen. Sie wolle heute keinen Malbec, lieber einen Spanier. Fast hätte der Kellner den Wein wieder weggetragen, bis allen klar wurde, es ist ein Spanier. Eben aus Yecla, wo kaum namhafte Weine herkommen. Da gibt es nur wenige Weingüter – drei, vier, so genau weiss ich es nicht – die überregional bekannt sind. Bis in die 80er-Jahre gab es kaum Flaschenabfüllungen von Yecla-Weinen. Erst in den letzten Jahren wurden die Grenzen des Weingebiets, das nur eine Gemeinde umfasst, weinmässig gesprengt. Dieter Meier mt dem guten Riecher für Exklusives hat da offensichtlich zugeschlagen. Das also ist der 6-Monate-Wein (damit ist wohl die Fassreifung gemeint). Richtig! Es gibt auch einen 12-Meses-Wein, noch exklusiver, 12 Monate im Barrique. Doch bleiben wir beim 6-Monate-Wein. Das Holz fällt überhaupt nicht ins Gewicht, dafür die Volumen-Prozent: 15% Alc., so quasi am obersten Limit. Ein Wein, der durchaus seine Liebhaber findet: intensiv, konzentriert, aromatisch. Eher eine Weinbombe, als eine Weinblume. Tiefschürfende Frucht, ein ganzer Kräutergarten, aber auch Kaffee- und Röstaromen, Kein Wildwuchs – in seiner ganzen Kraft viel Eleganz. Vor allem nicht aufgepeppt mit Holz. Zwar prall in seinem Erscheinen, aber durchaus die Harmonie suchend und auch findet. Für mich der etwas andere Wein.

16. Februar 2018

 

Alvaro Palacios: Les Terasses 2015 und 1995, Cuvée Samso, Garnacha, Cabernet Sauvignon und Syrah, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Die Geschichte von Alvaro Palacios und seinem Weingut, das längst zum Kult geworden ist, muss ich hier nicht wiederholen. Ich erzähle lieber meine eigene Geschichte. Sie ist der Schlüssel zu meiner Prioratliebe. Immer wenn es etwas zu feiern gibt, sei es einen Geburtstag, ein persönliches Fest, oder ganz einfach einen glücklichen Tag, bin ich Gast in einer kleinen Wirtschaft mit hervorragendem Essen guten Weinen. Eigentlich ist es ein typisch schweizerisches Restaurant, die «Metzg», mit einer gemütlichen Gaststube und dem Charme des Alten. Doch der Wirt kommt aus Spanien und bietet spanisches Essen und spanische Weine an. Da verliebte ich mich einst in den Finca Dofi von Alvaro Palacios. Dies war zu einer Zeit, als der Palacios-Hype noch nicht so richtig im Gange war, und die Finca Dofi ziemlich der einzige Wein aus dem Priorat war, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt gehört habe. Nur, er sprengte - vor allem im Restaurant – die Grenze der festtäglichen Weinrechnung. Da half mir der Wirt aus der Patsche: "Les Terasses", der «kleine» Palacios, sei wohl eine gute Alternative. Und sie ist es bis heute. Weil meine Festtage nicht besonders häufig sind, gönne ich mir seither immer einen «Les Terasses», wenn ich in der Metzg, als Priorat-Highlights, reserviert für spezielle Tage, Doch in meinem Keller gibt es den Wein nicht, er soll das Besondere der "Metzg" bleiben. Bis, ja bis ich kürzlich an einer Auktion sechs Flaschen "Terasses" des Jahrgang 1995 erstehen konnte, zu einem Preis, der nicht viel höher lag als eine einzige Flasche im Restaurant. Ein Wein – mir inzwischen bestens vertraut – der mehr als zwanzig Jahre alt ist, kann man ihn noch mit Genuss trinken? Man kann, aber es ist ein ganz anderer Wein. Zwar noch unverwechselbar ein «Terasses». Auch blind würde ich ihn immer noch Palacios zuordnen. Und doch ist er nicht einfach ein «ergraut» und «zerbrechlich» gewordener Palacios. Er ist auch als Altwein eine Persönlichkeit. Gestern – ich war ich am Geburtstag meiner Frau – wieder in der Metzg und konnte vergleichen: Der kräftige, verführerische Jungsporn (2015) mit gefesselt präsentierten Frucht- und viel Beeren-Aromen , der mit seinem Körper und seiner kräftigen Statur den Mund fast sprengt, und der stillgewordene, nachdenklich wirkende Veteran (1995), der mit seiner Restkraft in Mund und Gaumen noch tanzt. Keinen Flamenco mehr, aber auch keinen Totentanz, eher ein bedächtiger Bolero, dem man lange zuhören mag. Für mich nicht einfach ein Abgesang, vielmehr ein Erlebnis. Die Demonstration was aus einem starken, muskulösen Wein werden kann, wenn Jugend und Reife vorbei sind und ihn nur noch der Charakter – und zwar ausgeprägt – trägt. Vielleicht müsste man doch öfters – Jung und Alt – vergleichen, um dem «wahren Charakter» eines Weins näher zu kommen.

© Terroir al Limit / Gerd Kressl
© Terroir al Limit / Gerd Kressl

07. Februar 2018

 

Weingut Terroir al Limit: Historic 2015, Grenach/Garignan, Torroja (Tarragona), Priorat, Katalonien, Spanien

 

Das Priorat ist so etwas wie meine «Altersliebe». Nicht so stürmisch, wie damals, als ich die Dame «Bordeaux» zu erobern suchte. Nicht so unkritisch, wie ich einst in die Welt des Weins eingestiegen bin. Nicht mehr so entflammt, wie bei den ersten berühmten Namen, die ich auszudeuten suchte. Nicht einmal geheim halten muss ich die späte Liebe. Ich stehe dazu und sage es allen Leuten, die sich dafür interessieren. Leider sind dies nicht so viele, wie die Bordeaux-Botschaften hören möchten; nicht so viele, wie vom Riesling schwärmen; niemand, der den Weinkeller als Geldanlage verwaltet. Ich bin mit meiner Liebe zwar nicht allein, aber doch viel intimer, privater, als mit anderen Schönheiten der Weinwelt. Historic gehört zu den Schönheiten des Priorats.  Grazil, leichtfüssig im Mund, hauchfein, bestimmend und doch anmutig. Keine Power-Gestalt, dafür vielschichtig, nicht wankelmütig zwischen Frucht, Aromen und Säure. Vielmehr ausgewogen, bestimmt und klar. Ohne Angst auch erfrischend leicht, ja sogar in Spiellaune wahrgenommen zu werden. Ich habe das Gefühl «guten Wein» zu trinken und nicht von ihm erschlagen zu werden. Und dies, obwohl es ein Wein aus dem heissen, feurigen Süden ist. Irgendwo habe ich ein Ausspruch des Winzers gelesen, der mehr sagt, als viele Worte: «Wer Süsse und Opulenz sucht, soll sich eine Mango kaufen». Nein, ich kaufe mir keine Mango, oder wirklich nur dann, wenn ich auch eine Mango essen möchte.

25. Januar 2018

 

Château Lynch-Bages 2001, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Berichtet habe ich hier - im «Getrunken» - schon oft vom Lynch-Bages, dem «Mouton des kleinen Mannes», auch von seiner unglaublichen Preis-Entwicklung in den letzten Jahren. Den Jahrgang 1996 – den ich im Augenblick «austrinke» - habe ich damals noch für 50 Franken gekauft, jetzt kostet er das Dreifache. Der Begriff «kleiner Mann», auch wenn er ein Bordeaux-Liebhaber und weinverrückt ist, kann vergessen werden. Lynch-Bages ist ein «grosser» Wein geworden, auch wenn er im Stil sehr konstant geblieben ist und durchaus auch mit Mouton Rothschild verglichen werden kann. Ein Mouton zu etwa einem Viertel des aktuellen Mouton-Preises? Der «kleine Mann» erwacht wieder, er muss sich aber tüchtig strecken und recken. Der Lynch hat ein ähnliches, rauchige Bouquet, eine ähnlich fleischige Note im Gaumen, eine ähnliches ausgeprägte Cabernet-Bouquet wie viele Jahrgänge von Mouton. Eine Blindverkostung - zusammen mit Mouton - ist immer unglaublich spannend. Die beiden Weine sind sicher nicht identisch, doch sie liegen weit weniger weit auseinander als ihre Preise. Doch darum geht es diesmal nicht. Es geht um ein Erlebnis, dass sich zufällig so ergeben hat. Wir hatten noch einen Rest des Lynch-Bages 2001 in der Flasche – zwei Tage offen – und haben ihn eingeschenkt. Er war noch besser, noch runder, noch abgeklärter als am Vortag. So jedenfalls unser Eindruck. Ein paar Stunden später setzten wir uns zum Essen an den Tisch. Ich plante an diesem Abend einen «Alltagswein» zu erproben, einen Wein den ich zufällig einmal getrunken habe und recht gut fand. Ein Sangiovese, also eine ganz andere Welt, eine andere Weingegend, eine andere Traube, ein anderer Wein. Auch im Preis ganz anders, Er kostet etwa ein Achtel des heutigen Lynch-Bages. Ich hatte auch nicht vor, die beiden so unterschiedlichen Weine miteinander zu vergleichen. Man weiss doch:  Bananen mit Äpfeln vergleichen - oder so… Der Lynch-Bages-Rest (vor Stunden ein halbes Glas getrunken) war nur noch Erinnerung. Der neue Wein hingegen war Gegenwart, ein augenblickliches Trinkerlebnis, das sensorisches Hier-und-Jetzt. Und? Die Erinnerung war stärker. Der gute Wein im Glas zog sich zurück, verschwand, wurde flach, belanglos, erlebnisarm. Der Lynch-Bages aber wuchs, wurde grösser, gewaltig, orchestral. Natürlich nur in der Erinnerung, während die Gegenwart – zumindest seine Weinrealität – versank. Ich greife mir an den Kopf. Kann das sein? Spielt mir da die Erinnerung einen gewaltigen Streich. Habe ich die Dimensionen verloren. Vielleicht. Doch, eine Lehre habe ich daraus gezogen. Oft sind es nur kleine, oft sogar winzige, Unterschiede, die Gross grösser und Klein kleiner erscheinen lassen. Schon morgen werde ich – da bin ich sicher – den Toskaner ganz anders – wohl realnäher – erleben.

 

Foto: Schiller-Wine, Blog
Foto: Schiller-Wine, Blog

17. Januar 2018

 

Schlossgut Diel KG: Riesling Tradition 2013, Nahe, Deutschland

 

Irgendwie – man verzeihe mir – bin ich rieslingbelastet. Meine deutschen Weinfreunde haben sich zehn Jahre lang – oder waren es gefühlte zwanzig – redlich bemüht, mir die Schönheit und Vollkommenheit deutscher Rieslinge zu vermitteln. Jedes Jahr besuchten wir eines der deutschen Weingebiete. Natürlich waren wir auch an der Nahe, auch bei Diel, eigentlich bei allen grossen Riesling-Namen. Die langjährige Einführung war zwar etwas einseitig: nur trocken mussten die Weine sein. Alles andere ist – so meine Erkenntnis – der Riesling-Schönheit nicht würdig. Also habe ich – dem Teufel ein Ohr ab – trockene Rieslinge probiert, schliesslich schreibe ich seit mehr als zwanzig Jahren Weingeschichten, da muss auch der Riesling seinen Platz haben. Ich bin der Überzeugung, , dass Weine, vor allem gute Weine, auch reden können. Doch die Stimme der trockenen Rieslinge, ich höre sie zwar, doch sie bleibt mir (fast immer) fremd. Wo ist da die Objektivität? Mein sensorisches Talent? Meine Genussfähigkeit? Allen Bemühungen zum Trotz, letztlich bin ich in Sachen Riesling ein tumber Tor geblieben.
Meine deutschen Weinfreund werden dies bestätigen (und mich ordentlich schelten). Immerhin habe ich es soweit gebracht, dass ich mir ein paar Rieslinge – deutsche, trockene – in den Keller legte.  Nicht um sie zu lagern, zu hüten, zu pflegen, wie die Bordeaux. Vielmehr um dem trockenen Riesling  doch noch auf die Schliche zu kommen.

 

Und jetzt dies: Da hat sich – ohne, dass ich es bemerkt habe – ein nicht ganz trockener Riesling in meinen Keller geschlichen. Riesling Tradition, die einzige Ausbau-Orientierung auf dem Etikett. Also habe ich zu einem traditionellen Essen mit Nachbarn – nach eigenen Angaben: Weintrinker, aber keine Weinkenner – wie immer – den Wein beigesteuert. Ob Bordeaux, Piemont, Burgund, Kalifornien oder Schweiz, bisher wurde da gerade Mal eine Flasche – nicht immer ganz – getrunken. Diesmal aber waren es deren drei! Zum ersten Mal wurde ich mit viel Lob eingedeckt. Was ist passiert? Dieser «Riesling Tradition» war eben halbtrocken oder, halbsüss, oder lieblich oder feinfruchtig. Wie auch immer. Eine Geschmacksbezeichnung steht nicht auf der Etikette. Auch der Restzucker-Anteil (12 g oder mehr je Liter) wird nirgends – auch auf der Website von Diel - nicht angegeben. Kurzum, der Wein ist «süss» - ohne direkt ein Süsser zu sein. So, dass ihn meine Lehrmeister – die deutschen Weinfreunde – nie trinken würden. Jedenfalls gemäss meiner Riesling Erfahrung als lernbegieriger «Lehrling». Doch da ich habe – als Wirt ad hoc – die Rechnung da ohne die weinliebenden, aber nicht kennenden Gäste gemacht. Der Wein wurde getrunken. Getrunken und gelobt wie noch nie. Zu Recht komme ich da ins Sinnieren. Vielleicht gibt es doch einen Unterschied zwischen Weinkennern und Weintrinkern. Tief begraben, im Unterbewusstsein. Oder schlicht vergessen, was beim Trinken zählt: der Genuss. 

Foto: Le Mas de l’Ecriture
Foto: Le Mas de l’Ecriture

08. Januar 2018

 

Le Mas de l’Ecriture: Les Pennsée 2011, Terrasses du Larzac, Languedoc, Frankreich

 

 

So gesprächig war er noch nie, der Chef des kleinen Lebensmittelladens „Casino“ um die Ecke. Ich kämpfte noch mit meinem Einkaufskorb und den Tücken der unförmigen Verpackungen, da hat er mich mit einem Schwall von Sätzen eingedeckt. Seine Augen glänzten, da realisierte ich, er spricht von einem Wein, den ich eben eingepackt habe. Ich schnappte Begriffe auf, wie Einmaligkeit, Persönlichkeit, Künstler, Handlese… da erst hörte ich richtig zu und begriff – der Wein, der so beiläufig etwas abseits im Gestell stand – ist für ihn nicht irgend eine Verkaufsware, sondern eine Besonderheit, ein kleiner Schatz (Trouvaille). Das ist er auch, der regionale Wein (er stand bei den Languedoc-Weinen), wo kein Flasche mehr al 15 Euro kostet. Im kleinen Lebensmittelgeschäft – es it ja keine Weinhandlung – werden teure Weine kaum gekauft. Der Wein kostete rund das doppelte, der teuersten Weine der Region im Laden. Selbst meine Frau – in Sache Wein an einiges gewohnt – hat mich mit grossen Augen angeschaut. Ich hab den Wein nachträglich eingepackt, einfach aus neugier, aus „Gwunder“. Ich kenne zwar die Terrassen von Larzac, diesen Wein aber nicht. Zwei Tage später dann – zuhause – verstand ich den Wortschwall des Verkäufers. Es ist wirklich eine Trouvaille. Eine Entdeckung, ein Wein der Freude macht. Nicht einfach nur Tradition, auch Sinnlichkeit. Kraft, Eleganz, Schönheit in einem, in jedem Schluck. Eine Entdeckung. Das Liebäugeln mit der „Internationalität“ stört mich hier nicht. Warum soll etwas, das so gut ist, nicht auch „international“ sein? Endlich wieder einmal ein Wein, der anders ist. Nicht anders im Ausbau, im Geschmack, in der Wahl der Traubensorten, in der eigenen Wildheit. Ganz einfach anders gut! Und das ist doch was.