Getrunken 4. Teil (ab Januar 2018 -   ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

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30. Oktober 2018

 

Cristian Francès Breton: Va de  Bòlid 2013, Cariñena und Cabernet Sauvignon, Torroja del Priorat, Katalonien, Spanien

 

Es ist eher eine rhetorische Frage, wenn ich in den Keller steige: «Welchen Wein möchtest Du heute trinken?» So eindeutig war aber der Auftrag – glaube ich - noch nie: «Einen Wein aus dem Priorat!» Dein Wunsch sei mir Befehl. deshalb habe ich in das Gestell gegriffen, wo die Prioratweine liegen. Sie ruhen noch, weil ich mit vorgenommen habe, etwas genauer hinzuschauen, gemächlich zu verkosten, eine Meinung herauszuschälen und hier im «Getrunken» zu schreiben, meist nicht nur eine Verkostungsnotiz, viel häufiger und lieber eine Geschichte. Diesmal liegt die Geschichte auf der Hand. Der kuriose Name und das originelle Etikett haben mich sofort angesprungen. Doch die «Geschichte» verriet sie nicht, da musste ich schon googlen. «Va de Bòlid» soll so viel heissen, wie: «Der alles alleine macht». Jetzt ist mir auch das Bild verständlich. «Der Winzer bearbeitet neben seinem Hauptjob bei ‘Mas d´en Gil’ den Weinberg der Familie und macht zwei eigene Weine in Miniauflage im Nebenerwerb», lese ich in Hammers Weinführer. Sozusagen ein professioneller Hobby-Wein..Und der Wein selber? Natürlich ziere ich mich. Meine Dame soll sich zuerst äussern, wenn sie schon – quasi ultimativ – einen Prioratwein wünscht. Ihre erste Bemerkung kommt schnell, spontan: «Voll Kraft, diese Weine!». Tatsächlich, es ist ein kräftiger Wein, nicht so spielerisch wie die Zeichnung auf dem Etikett. Die Nase aber hat mich zuerst gar nicht entzückt. Ein fast schon etwas seichter Muffelton. Doch das hat sich schnell gelegt, die Luft hat den Wein im Glas freundlich und liebevoll empfangen und beruhigt. Auch in der Nase. Im Mund war er von Anfang an reiner, verbindlicher:ausgeprägt rund, würzig, sogar etwas elegant und sehr offen. Vor allem machte er immer mehr Spass. Die Gewürz- und Kirschnoten wagten sich hervor. Und er wurde harmonische und harmonischer - und fruchtiger und im Abgang auch länger und länger. Noch selten hatte ich einen Wein im Glas, der sich in so kurzer Zeit so mächtig entwickeln konnte. Von einem sich zuerst etwas protzig-verhaltenen kräftigen zu einem harmonischen, geschmeidigen Wein, der immer mehr Nuancen verraten hat: ein Hauch von Anis und Granatäpfeln, nicht einfach nur Druck, sondern Eleganz im Gaumen bis in den ordentlichen Abgang hinein. 

Molière
Molière

22. Oktober 2018

 

Prieuré Saint Jean de Bébian: La Croix de Bébian Rouge, AOP Languedoc, Pézenas, Languedoc. Frankreich

 

Weine vom Weingut «Prieuré Saint Jean de Bébian» in Pézenas kannte ich lange bevor ich die Molière-Stadt selber kennengelernt habe. Es war in den Achtzigerjahren, da begann ich mich mit dem Thema Wein ernsthaft zu befassen. Bordeaux tauchte an meinem Horizont auf. Das Weinhaus Reichmuth in Zürich wurde zur ersten «Anlaufstelle», vor allem sein jährlicher Luxuskatalog «Homage au Vin» - in welchem sich Kunst und Wein begegneten.  Reichmuth war Pionier für den Handel mit Languedoc-Weinen in der Schweiz. Er hatte als erster Weinhändler etwa 10 oder 15 Weingüter aus dem Süden Frankreichs im Programm. Weine, die gar nichts mehr mit dem damals noch verbreiteten Image von Massenweinen zu tun hatten. Im Gegenteil, sie konnten mit meiner aufkommenden Bordeaux-Liebe mithalten. Sie waren zwar anders im Geschmack und ab und zu im Holzeinsatz überbordend. Doch sie führten mich in die Gegend, wo ich mich – wie sagt man: in einer Zweitwohnsitz – auch bald einmal auch niederliess. Und was tat ich in Sachen Wein? Ich besuchte, fast schon systematisch alle Weingüter, die ich durch Reichmuth kennen gelernt habe. Nur eines nicht: «Prieuré Saint Jean de Bébian». Warum nicht? Das kann ich noch heute nicht sagen: Zufall oder seine Nähe zu meiner neuen Wohnsitz. Das Nächstliegende übersieht man hallt so gern.
Damals leitete Alain Roux das Familiengut und erneuerte vieles, was allmählich die einfachen Weine zu Top-Weinen machte: frisch, dicht, muskulös, vornehm… Bald einmal – es war um 1990 – übernahmen zwei Journalisten der «Revue des Vins de France» das Weingut und verbesserten, was zu noch verbessern war: vor allem erneuerten sie den Cave und - in kleinen Schritten - auch den Wein. Doch meine eigenen Wein-Recherchen in Languedoc-Roussillon - inzwischen kenne ich etwa fünfzig Top-Weinproduzenten der Region (und es kommen jedes Jahr ein paar dazu) – führten dazu, dass ich meine «alten Lieblinge» vernachlässigte. Erst als ich vor wenigen Jahren in Zürich wieder einmal eine Präsentation der Reichmuth-Weine besuchte, begegnete ich wieder der «Prieuré Saint Jean de Bébian». Da leitete bereits eine neue, australische Önologin das Weingut und präsentierte ihre noch besser gewordene Weine: sie haben an Eleganz gewonnen, auch an Weichheit, Samtigkeit und Duftvielfalt. Wir vereinbarten einen Besuch auf dem Weingut.  Zu meiner Schande: Die Einladung ging unter, ging vergessen, andere Languedoc-Weingüter schoben sich ins Bewusstsein.

 

Und jetzt, im Gestell des Weinhändlers, um die Ecke bin ich auf diesen «La Croix de Bebian» gestossen. Es ist der «kleinere» Wein des Weinguts – zu ca. 10 Euro im Handel zu kaufen. Sein grösserer «Bruder», «le grand vin», kostet rund das doppelte und der exklusive «1152» sogar mehr als 50 Euro. Da habe ich offensichtlich etwas – ja sogar viel – verpasst. Denn dieser kleine «Croix» ist bereits ein sehr schöner Wein: rund, abgeklärt, verführerisch – ein eleganter Tischwein. Vielleicht spricht er mich auch deshalb so sehr an, weil er nebst Mourvèdre etwa 70% Grenache enthält.  Grenache-Weine – vor allem die aus dem Priorat – stehen bei mir im Moment hoch im Kurs. Ich werde aber auch die andern Weine von «Prieuré Saint Jean de Bébian» gelegentlich verkosten und darüber hier berichten. Versprochen!

17. Oktober 2018

 

Château Ollieux Romanis: Atal Sia rouge 2014, Carignan, Grenache, Mourvedre, Syrah, Boutenac, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

Eine mutige Bezeichnung für einen mutigen Wein. Mutig? Dort wo einst die Katharer in der Sprache des Volks (und nicht in der Kirchensprache) gepredigt haben, dort hat sich noch einiges erhalten an Ursprünglichkeit und rebellischem Eigensinn. Nicht nur die gigantischen, verfallenen Burgen hoch oben in den Bergen, auch sprachliche Eigenheiten und tief verwurzelte Traditionen. Dies gilt - nicht zuletzt - auch für die Weine. Corbières-Weine sind in der Regel kräftig, eigenständig, oft eigensinnig, wild, ja sogar rau. Sie stellen kaum Fragen, flirten nicht gerne und biedern sich nicht an. So jedenfalls habe ich die Gegend – nahe der Pyrenäen – immer wieder erlebt. Nicht nur die Gegend, auch ihre Weine. «So sei es!» nennt sich dieser Wein, auf Französisch: «ainsi-soit-il» oder eben «Amen!» Imperativ! Mutig! Auch mutig in seinem Auftreten, im Stil: mollig, weich, flaumig, warm. Kein Kämpfer oder Krieger, kein Rebell oder Eigenbrötler. Einer der besten Corbières, die ich kenne. Keine modische Anlehne an den Bordeaux-Stil, kein Liebäugeln mit dem fast allgegenwärtigen Cabernet Sauvignon; ein Einheimischer aus vier der regionalen Rebsorten. Doch mit beeindruckender Tiefe, einer verführerischen Nase: Kakao, Brombeere, Leder. Viel Frucht, die sich aber nicht aufdrängt, sondern im Hintergrund tanzt, eng umschlungen mit der feinen, frischen Säure und dem eleganten, edlen Holz. Und trotz seiner Jugend und ordentlichem Alkoholanteil (14,5 vol%) ein abgeklärter Wein.

13. Oktober 2018

 

Château Martet 1998, Réserve de la Famille, Sainte-Foy-Bordeaux, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es gibt Weine, die erschliessen sich nicht gleich bei der ersten Flasche. Doch das Urteil ist rasch gemacht: ausgezeichnet, gut, weniger gut, gar nicht gut! Entsprechend ist das Weinbild geprägt, kaum oder nur schwer korrigierbar. Zumindest geht es mir oft so. Und ich vermute, dass ich da kein «Einzelfall» bin. So geschehen auch bei diesem Wein. Ich kannte ihn nicht, den Wein aus Sainte-Foy-Bordeaux, ganz knapp ausserhalb des Bereichs Saint-Emilion. Einzig eine kleine Bemerkung des Auktionators hat mein Interesse für den Wein geweckt. Das Weingut gehöre dem Sohn von François Mitjaville. Mehr sagte er nicht. Es lagen auch kaum Gebote vor. Auch ich liess das Lot passieren – zurück in die Nachauktion. Nun gehört aber der charismatische Mitjaville (Tertre Rôteboeuf) zu meinen Lieblings-Winzern und seine Weine sind für mich die besten von ganz Bordeaux. Seit Jahren. Ich kenne auch einen Wein seines Sohnes Louis, von der Domaine de l’Aurage in Saint-Genès-de-Castillon. Dieser Wein ist gut, sehr gut sogar: bei uns aber kaum erhältlich. Aber von einem Martet in Saint-Foy wusste ich nichts. Und die meisten Bordeaux-Liebhaber auch nicht. Also musste ich diesen «Martet» haben, meine Neugier war gross, zu gross. Allerdings habe ich bald herausgefunden: das Weingut gehört nicht Louis Mitjaville, er hat aber den Wein als Önologe verantwortet und geprägt. Grund genug für hohe Erwartung. Dann die Enttäuschung. Ist dafür das Alter, die Lage des Weinbergs oder das gar das Können des Weinmachers verantwortlich? Wofür? Eben, dass die hohen Erwartungen gar nicht erfüllt wurden. Nach einigen Wochen wurde dann eine zweite Flasche geöffnet. Ohne Erwartungen, ohne grossen Anspruch. Schliesslich mussten sie getrunken werden, die fünf restlichen Flaschen, denen ich sozusagen nachgelaufen bin. Dann kam sie, die die Überraschung, quasi aus dem Nichts. Ein schöner Wein, ein stattlicher Wein. Keine Wucht, aber ein Wein mit viel Tiefe, viel Harmonie, viel bekannt-unbekannte Aromen. Ein eigenständiger, ein überzeugender Bordeaux. Gründliche Revision des ersten Eindrucks: viel schwarze Frucht (trotz des Alters), Trüffel, Pflaumen, Effeu, Karamell… ausgewogen, stark verinnerlicht, überzeugend. Schade, wenn ich nur die eine, die erste Flasche getrunken hätte. Von sich und ihrem Urteil restlos überzeugte Tester würden wohl von einer «Fehlflasche» sprechen, vielleicht sogar nach einer Referenz-Flasche rufen. Für mich sind es eher die hohen Erwartungen, ist es das Ungewohnte, die zum Fehlurteil geführt haben. Die dritte Flasche (ich habe jetzt noch vier) kann dies bezeugen. Vielleicht.

06. Oktober 2018

 

Château Duhart-Milon (Domaines Barons de Rothschild): Moulin de Duhart 1996, Zweitwein, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Ich habe mich gewundert. Dieser Zweitwein lag noch im Keller, umgeben von anderen 96ern, die ich damals recht üppig eingekauft habe. Es war der erste wirklich gute Bordeaux-Jahrgang der 90er Jahre. Doch den «Zweitwein» eines guten, aber nicht überragenden Château habe ich damals kaum eingekellert und schon gar nicht so lange aufbewahrt. Meine Datenbank brachte die Lösung. Es war das Geschenk einer lieben Freundin, die mir den Wein im Jahr 2000 ans Krankenbett (Knieoperation) als «Aufsteller» gebracht hat. Irgendwie war ich für Weinkonsum nicht so richtig «aufgestellt», so wanderte der Wein in meinen Keller. Dort blieb er liegen, bis heute. Und? Ich bin immer wieder überrascht, wie gut auch «kleine» Bordeaux nach so langer Zeit – 22 Jahre – sein können. Zwar nicht mehr mit viel Frucht, dafür umso mehr Gewürzaromen und starke Harmonie. Abgeklärtheit würde ich sagen. Der berühmte «Trinkfluss» überwiegt, die «Aufregung Bordeaux» ist weg. Der Wein kostete damals um die 20 CHF und hatte kein besonders gutes Rating (Wine Spectator 86/100 Punkte). Er ist allerdings im Zuge des Lafite-Hypes (vor drei Jahren) unverhältnismässig im Preis gestiegen: durchschnittlich zuletzt (vor zwei Jahren) kostete er im Handel 70 CHF. Heute ist der Wein kaum mehr erhältlich. Ausgetrunken – ausgedient. Wahrscheinlich hat kaum jemand registriert, was  nach der Flaschenreife mit ihm geschehen ist. Gilt er doch – rein vom Jahrgang her – weit über dem Berg. Ich stelle fest: er ist angekommen «jenseits des Berges» in einem neuen Land, wo die Klassenunterschiede nicht mehr zählen, wo sich vieles «eingemeindet» wurde, wo die Preisangabe kaum mehr zählt, wo andere Dinge zählen: die innere Ruhe, die Kraft des Bestandenen, die Wärme der Abgeklärtheit, die Preisgabe verborgener Werte. Kein Wetteifern mehr um den «Wein zum besten Preis». Einfach da zu sein zum sinnenfrohen Trinken. 

03. Oktober 2018

 

Celler Castellet: Empit Selecciò 2014, Cuvée Carignan, Grenache, Syrah, Porrera, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Die Befürchtung war da: der Griff in das Priorat-Weingestell sei ein Griff zum Vorschlaghammer. Warum? Ich komme soeben von der Weinlese in der Bündner Herrschaft zurück – mehr als eine Woche täglich, stundenlang in den Weinbergen. Schwerpunkt Pinot Noir, also Blauburgunder. Tolle Trauben, feine Weine (nach der Arbeit). Man sagt: «die Rebsorte sei eine Diva mit Starallüren» und der Wein am ehesten mit filigran zu umschreiben. Ein Modewort, sicher, doch es weist in die richtige Richtung. Feine Weine also, sogar oft zarte Weine, mit viel «verborgenem» oder versunkenem Charakter. Und jetzt der Sprung ins Priorat. Wo in der Regel Kraft herkommt, vorherrscht, starke Charakter dominieren. Der dunkle Grenache gibt den Ton an und – so meine Erfahrung – die hohen Temperaturen lassen den Alkohol-Anteil hochschnellen. Kommt dazu – auch eine Erfahrung -, dass man mit dem Holz meist nicht zimperlich umgeht. Bei besonders gelungenen Weinen spreche ich von «Harmonie auf hoher Ebene». Keine leise, stille, verschmitzte Harmonie. Dieser Wein hat sich der Feinheit verpflichtet, der Bescheidenheit in der Grösse, der Ruhe in der Kraft, der Tiefe im Auftritt, der Eleganz in seiner Bestimmtheit. Es ist kein Vorschlaghammer, den ich da im Keller ergriffen habe. Nein, ein Goldhämmerchen für die feinen Details. Der Wein schwebt, ich schwebe mit. Kein dünner Wein, dicht, verwoben in den Aromen, in der Frische, in seiner warmen Kraft. Er schreit nicht: er singt, er tanzt bis in den ordentlich langen Abgang hinein.

Foto Ch. Rauzan Ségla
Foto Ch. Rauzan Ségla

24. September 2018

 

Château Rauzan: Ségla 1996, Zweitwein, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

 

Der Begriff «Zweitwein» ist – zumindest für jene, die sich in Bordeaux nicht so gut auskennen – verwirrend, vielleicht gar unverständlich. Eine Eigenheit im Bordelais besteht darin, dass sich alle bekannten Weingüter auf einen einzigen Wein beschränken (allenfalls noch einen Weisswein, bei bestimmten Weingütern), der in der Regel den Namen des Château trägt. Man produziert also nicht – wie fast überall in der Weinwelt - verschiedene Weintypen oder Cuvées,  sondern nur den einen Wein, «ihren Bordeaux». Die Differenzierung liegt einzig beim Jahrgang. Denn jeder Jahrgang ist – je nach Entwicklung der Reben – leicht unterschiedlich beim Anteil der Rebsorten, im Ausbau und seinem Stil. Allerdings gibt es immer mehr Châteaux, die noch einen sogenannten «Zweitwein» anbieten. Er stammt aus noch weniger gut entwickelten Parzellen und aus Trauben von jüngeren Reben, die qualitativ den Ansprüchen des Erstweins – den Château-Wein – nicht ganz genügen. Für die «grossen Bordeaux» werden eben nur Trauben von Weinstöcken benutzt, die mindestens zehn Jahre alt sind (meist noch viel älter). Doch ein Rebstock trägt nach dem vierten Jahr gute, verwertbare Trauben. Auch aus ihnen lässt sich ein hervorragender Wein machen, wenn man mit der gleichen Sorgfalt (wie für den Erstwein) arbeitet: in der Auswahl der Trauben, der Vinifizierung, im Ausbau etc. Deshalb bietet man diese Weine als «Zweitweine» an und zwar unter einem anderen Namen. Bei Rauzan-Ségla heisst der Zweitwein «Ségla» (ohne Rauzan). Wie alle Zweitweine ist er viel früher trinkreif, hat meist weniger Tannine (aber den gleichen Stil) und ist weit günstiger als der Erstwein des gleichen Gutes. Je nach Jahrgang kostet der Erstwein von Rauzan-Ségla um die 80 Franken (in hervorragenden Jahrgängen sogar mehr als hundert Franken), der Zweitwein Ségla aber nur rund die Hälfte (um 40 Franken). Eine Frage ist berechtigt: Ein frühreifer Zweitwein – darf der 22 Jahre alt werden? Oder ist er nach so langer Zeit bereits «abgebaut»? Sicher muss er nicht so lange im Keller liegen. Nach 15 Jahren ist seine «Flaschenreifung» vorbei. Wahrscheinlich wäre er vor zehn, fünfzehn Jahren dichter, spritziger, verführerischer gewesen. Wahrscheinlich! Eine gewisse Müdigkeit oder eher «Gelassenheit» ist zu durchaus spüren. Doch einiges von seiner anfänglichen Fruchtigkeit – fast konfitüenrähnlich – hat er bewahrt und in ein etwas breites, samtiges Kleid gehüllt. Noch immer elegant, im Auftritt aber etwas «schlampig»,  etwas unpräzis, wenig verführerisch. Und trotzdem noch ein guter Wein. Ein Wein, der immer noch dem «Erstwein» seine Referenz erweisen darf.

Foto: Heinz Gutersohn
Foto: Heinz Gutersohn

06. September 2018

 

Weingut Pircher: Pinot Noir  2016, Stadtberg Eglisau, Schweiz

 

Es ist kein Geheimnis. In der Deutschschweiz dominiert (bei den Roten) der Blauburgunder, in der Regel mit Pinot Noir bezeichnet. Die Auswahl an Spitzenweinen ist beachtlich, die Entscheidung mitunter schwer. So habe ich kürzlich – für eine private Probe mit einem Weinfreund aus Deutschland – drei Pinots aufgestellt: den fast schon legendären «Gantenbein» (2012), der so etwas wie das Mass der Schweizer Pinots ist, nicht nur sehr gesucht und von der internationalen Weinkritik hochgelobt, sondern auch (für einen Schweizerwein) unglaublich teuer. Ruhm und Namen haben eben ihren Preis. Es ist verlockend, die drei verkosteten Weine miteinander zu vergleichen und so etwas wie eine Rangordnung zu erstellen. Der Beste, der Zweite, der Dritte! Ich habe es nicht getan, weil mir – wie schon lange nicht mehr so deutlich – bewusst geworden ist, wie unterschiedlich Weine in ihrem Charakter sind und wie sehr ein Urteil von den Umständen (Jahrgang, Prestige des Weinguts, Terroir, Erwartungen, Vorlieben, Peis etc.) abhängig ist. Gantenbein, der etwa dreimal so viel kostet wie der Pinot Noir von Pircher, sollte so auf dem ersten Platz stehen und der – zumindest ausserhalb der Schweiz – am wenigsten bekannte «Gian Battista» vom Weingut «von Tscharner» in Reichenau (2012) wäre wohl auf dem dritten (preislich auf dem zweiten) Platz. Was solls? Ich kann mit solchen Vergleichen nichts anfangen. Sicher gibt es so etwas wie «sachliche» Beurteilungen, «objektivierte» Kriterien, an denen man Weine beurteilen und «messen» kann. Bei mir stehen meist ganz andere Fragen im Mittelpunkt. Zum Beispiel die Frage: «Welches ist «mein» Wein?» Oder – wenn man die Winzer kennt: «Lassen sich die Persönlichkeit der Winzer im Wein wiederfinden?» Diese letzte (fast schon unstatthafte) Frage hat mich in diesem Fall verblüfft. Gantenbein, der Unerbittliche, der Kompromisslose, der Konsequente ist am nächsten beim «Idealvorbild» Burgund. Gian Battista, der eher Laute, der Verbissene, der Wagemutige ist in seinem Wein am eigenständigsten, überraschendsten. Und schliesslich Urs Bircher, der eher Leise, der Ruhige, der Vornehme präsentiert sich auch im Wein unaufgeregt, klar, verbindlich. Sein Wein ist spielerisch, frisch, ja sogar «verpflichtend», dem feinen, differenzierten Geschmack verpflichtet. Elegant, differenziert,  sogar sportlich, aber nicht im Gewühl des Kampfsports, vielmehr in der Art des Degenfechten. Es sind gerade diese unterschiedlichen Charaktere von Weinen – der gleichen Rebsorte und der ähnlichen Art von Vinifizierung -, die mich immer wieder neu faszinieren und «meine Weinwelt» so wunderschön und spannend bevölkern. Multikulti!

Foto: Weingut Kirmann
Foto: Weingut Kirmann

20. August 2018

 

Alfredo Arribas: Trosso Tos Negre 2012, Falset, Montsant, Katalonien, Spanien

 

Es gibt ganz selten Weine, bei denen ich nach der ersten kurzen Begegnung behaupte: «Das ist Spitze». Vor allem nicht bei Weinen, die ich noch nicht kenne. Es ist doch so, dass man auch als Weinliebhaber seine «Lieblinge» hat; Weine, die man kennt, die man schätzt und – Hand aufs Herz – mit dem vergleicht, was man gerade Neues im Glas hat. Kommt dazu, dass man – fast immer – schon etwas gehört oder gelesen hat: vom Namen, vom Winzer, dem Weingut oder seinem Renommee, auch wenn man den Wein bisher noch nie getrunken hat. Allzu viele Geheimnisse gibt es nicht mehr in der Weinwelt. Darum bin ich auch immer vorsichtig bei ersten Begegnungen. Was erlebe ich wirklich, in der Nase, im Mund, im Gaumen. Wieviel davon ist vom Kopf gesteuert, von der Situation, von dem, was man irgendwann, irgendwo einmal aufschnappt hat. So auch bei diesem Wein, der von einem Weinfreund aufgetischt wurde. Und erst noch von einem Weinkenner, der «drus chunt im Priorat». Doch diesmal kommt meine Reaktion schnell, fast wie von einem vorlauten Kind: «Spitze». Erst darnach fange ich an, nachzudenken, zu ergründen, was hinter dem spontanen Ausruf stecken könnte. Sicher einmal die Rebsorte: Grenache, die mir vertraut ist (Südfrankreich) und zu meinen Lieblingen zählt. Ein Bonus, der mit der Qualität des Weins vorerst nichts zu tun hat, vielmehr mit mir, mit meinen Vorlieben. Da ist aber die Nase, eine Nase zum Schnuppern: vielschichtig, verführerisch, geheimnisvoll. Wein, einfach Wein in seiner ganzen Vielfalt und Grösse. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass sich schon in der Nase viel entscheidet. Viel von dem vorwegnimmt, ausmacht, was sich nachher im Mund als «Gehalt» anfühlt, verdichtet und im Ausklang weiterwirkt. Aromen, die sich aus dem Wein lösen selbständig machen, «Geschichten erzählen». Geschichten, denen man lang und gern zuhört: mal reife Frucht, mal sinnliche Verführung, mal leicht-süsse Verlockungen. Der Wein lebt, entwickelt sich, auch in der relativ kurzen Zeit im Glas bis er ausgetrunken ist. Umso mehr ich mir überlege, woher das Spitzengefühl kommt, liegt das nicht nur an den Aromen (ähnliches oder gleiches findet sich in vielen Weinen), sondern vor allem an der Tiefe. Die unglaubliche Tiefe, in die der Wein – zumindest mich – mitnimmt. Dorthin wo Wein Einmaligkeit erreicht. Das ist - zumindest in meinem Weinrepertoire, das nicht bescheiden ist – eher selten der Fall.

 

Foto: Weingut Kirmann
Foto: Weingut Kirmann

20. August 2018

 

Harzer Weingut Kirmann: Cabernet Mitos 2008, Westerhausen, Sachsen-Anhalt, (Saale-Unstrut), Deutschland

 

Es ist einer jener Weine, die man nicht sucht, denen man zufällig begegnet. Wer sucht schon im Harz ein Weingut mit Qualitätsweinen? Die nördlichste Weinregion Deutschlands, Saale-Unstrut, zu der zu Weine von Kirmann weinrechtlich gehören, liegt weit südlicher. Auch wenn der Klimawandel den Weinbau deutlich nördlicher gedrückt hat, so ist doch ein Harzer Weingut so etwas wie ein Exot. Wie ich zu diesem Wein gekommen bin? Ganz einfach durch meine Neugier-Liebe zum Priorat, also durch eine Weinregion im Norden Spaniens. Das kam so: Torsten Hammer, ein Weinfreund in Coswig (Sachsen-Anhalt), bietet in Deutschland Priorat-Weine an und zwar in grossartiger Auswahl (Prioratführer Hammer). Er war kürzlich bei mir in der Schweiz und er brachte nicht «nur» Prioratweine mit, sondern auch zwei aus seiner weiteren Heimat, zwei vom Harzer Weingut Kirmann. Weinliebe findet oft seltsame Wege.
Nicht genug damit. Auch die Rebsorte ist – in meinen Augen – ein Exot. Cabernet Mitos, eine Neuzüchtung (Kreuzung Blaufränkisch und Cabernet Sauvignon), die erst vor rund zwanzig Jahren weinrechtlich zugelassen wurde. Die Rebsorte ist mir bisher noch nie begegnet. Doch auch in der Schweiz sollen – gemäss Statistik – rund drei Hektaren damit bepflanzt sein.

Eine Verkostung mit Freunden – ein seltenes Weinabendteuer. Es kamen am gleichen Abend auch Priorat- und Schweizerweine ins Glas. Nicht irgendwelche, nur von den besten. Ist da der Exot durchgefallen? Oder konnte er in diesem Umfeld bestehen? Er konnte! Nämlich bestehen. Vergleichen lässt er sich kaum. Ist auch nicht nötig, weil er durchaus eigenständig ist: in der Aromatik, in den Fruchtnoten und vor allem seiner Tanninstruktur. Er ist nun zehn Jahre alt, in Barrique ausgebaut, noch frisch, eine abgeklärte (oder abgerundete) Jugendlichkeit. Da mir direkte Vergleiche fehlen, kann ich nur vermuten: was ist dem Boden geschuldet, der Lage, der Rebsorte, dem Ausbau? Die deutliche Mineralik – eine kleine Spur salzig - lässt auf den Boden schliessen, auf die Lage, auf das Terroir. Vielleicht lasse ich mich auch von der dunklen, fast schwarzen Farbe blenden: tippe auf schweren Wein und werde überrascht von samtigen Weichheit, von einer Fröhlichkeit, die sich weit in den prägnanten Abgang zieht. Ein wirklich schönes Weinerlebnis.

Yesuitus2001 CC BY-SA 2.5
Yesuitus2001 CC BY-SA 2.5

20. August 2018

 

Weingut Boris Keller: Œil-de-Perdrix, Rosé, Neuchâtel AOC, Vaumarcus, Schweiz

 

 Auch die Schweiz hat ihren Rosé, den Œil-de-Perdrix, das «Rebhuhnauge», ursprünglich aus dem Kanton Neuenburg. Es ist eines der Beispiele, wo eine Weinregion – vor vielen Jahren – nicht erkannt (oder nicht genug gewürdigt) hat, dass ihr Rosé ein kleines Bijou ist, ein Qualitätswein, wie er sonst nirgends in der Schweiz gekeltert wurde. Man hat ihm zwar einen attraktiven Namen gegeben -  Œil-de-Perdrix – aber den Namen nicht geschützt. So sind halt – vor allem als der Rosésein-Sommerboom eingesetzte – auch in einigen anderen Weingebieten der Schweiz Œil-de-Perdrixs gekeltert worden, so dass er heute nicht mehr ausschliesslich aus Neuenburg kommen muss. Dieser Œil-de-Perdrix ist ein «echter» Neuchâtelois. Man sagt zurecht, es sei das «Original», ausschliesslich aus Pinot Noir gekeltert und zwar so, wie der Weisswein gekeltert wurde. Also nur leicht gepresst und früh von der Maische genommen. Daher seine Lachsfarbe und die unverkennbare Aromatik des Blauburgunders. Doch er hat nicht die Schwere eines Pinots, aber auch nicht die Leichtigkeit, die den Rosés sonst oft zugesprochen wird. Trotz seiner Süffigkeit hat er Charakter, zeigt viel Nuancen und Frucht. Ich mache gerne einen Vergleich aus der Musikwelt. Wenn der Pinot Noir mit nicht allzu schweren Opern, sie zum Beispiel Webers «Freischütz» oder Offenbachs «Hoffmans Erzählungen» verglichen werden könnte, dann ist der Œil-de-Perdrix eine Operette, wie «Der Zigeunerbaron» von Johann Strauss oder «Der Bettelstudent» von Carl Millöcker. Ich weiss, ein unangemessener Vergleich und doch mit einem grossen Korn Wahrheit. Dort die hochkünstlerische Oper (zum Beispiel von Wagner), hier die leichte Operette, die immer mal wieder nicht ernst genommen wird. Dabei ist eine gute Operette genauso ein Gesamtkunstwerk wie die weit angesehenere Oper. Nur eben nicht so ernsthaft zu diskutieren und als Kunstwerk zu beschreiben.

20. August 2018

  

Fattorie Melini: Vigneti La Selvanella 2007, Magnum, Chianti Classico Riserva, Poggibonsi, Italien

 

Es sind die Umstände, die einen Weingenuss stärker prägen als alle anderen Faktoren. Diese Erfahrung macht man immer wieder. Wie mancher Wein schmeckte im Urlaub wunderbar, einige Zeit später, zu Hause, wenn der Urlaub vorbei und die Erinnerung verblasst sind, kommt es oft grossen Enttäuschung: Das also soll ein grosser Wein sein? All die Auguren haben halt doch recht, die von einer Weinkritik grösstmöglichste «Objektivität» verlangen: gleiche Umstände, gleiche Gläser, gleiche Temperaturen, gleiche… und, und, und. Dies sind sicher Faktoren, die für Kauf, Verkauf, Preise, Vergleiche wichtig, ja entscheidend sind. Doch Wein wird vor allem getrunken. Da wird der Genuss gemessen. Nur da! An einem rauschenden Geburtstagsfest, hoch oben in den Bergen (2600 m.ü.M), mit fantastischer Aussicht in die Alpenwelt, begleitet von einem fünfsternwürdigen Essen, reger Diskussion und einer unglaublich guten Musik, in einem grossen Freundeskreis: Welcher Wein ist da der richtige? Es braucht viel Fingerspitzen-Gefühl um der richtige zu finden. All die Faktoren, welche die Weinkritik festhält, werden zwar nicht ausser Kraft gesetzt, aber überlagert von den Umständen, von der Situation. Dieser Wein – ich kann es nicht anders sagen – war genau das Richtige. Es war der beste Wein, den ich je getrunken habe. Urteil an diesem Abend, in dieser Stimmung, in dieser Situation, unter diesen Umständen. Und das ist gut so. Trinkfluss lässt sich nicht berechnen. Er lässt sich nur erleben. Hier, im Nachhinein, noch ein paar gefühlte und erlebte Fakten: dunkel-leuchtendes Rubin, intensiv und vielschichtig, elegant und doch hintergründig, verschmitzt sogar, mit Aromen vom Waldboden bis zu Himbeer, nur der Abgang war kurz, vor allem, weil die Trinkigkeit dominierte. Wein kann und soll eben Spass machen.

17. August 2018

 

Prieuré-Lichine 1982, Margaux,
Bordeaux, Frankreich

 

Es dürfte sehr selten sein, dass dieser Wein aus dem Jahr 1982 im sommerlichen Garten (bei einem Freund) auf den Tisch kommt. Eigentlich ein Ereignis, das schlicht und ohne viel Lärm vorbeigegangen ist. 1982 war einer der besten Jahrgänge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, noch immer sehr begeht (und auch gesucht). Den trinkt man nicht einfach so weg, wie ein anderer (guter) Wein. Ehrfurcht kommt schon auf, wenn man feststellt, dass er noch präsent ist: "noch voll da!!" Was heisst dies: ein Wein mit wunderschönen Alterstönen, die  in gefühlten 100 zarten Aromen zerfliessen. Klassisch im Stil, echt in seinen Dimensionen echt im Geschmack. Ein stiller Wein - eigentlich. Doch hier kommt die Aura des Jahrgangs dazu. Ist es der Mythos des grossen Jahrgangs, der mich so entzückt? Ist es die Vorstellung, dass dies der letzte Jahrgang des "weinverrückten Amerikaners" Alexis Lichine (gest.1989) war, der im kleinen Dörfchen Cantenac das ehemalige Benediktinerkloster Prieuré-Cantenac wieder zu Weinruhm und Ehre gebracht hat. Sein Buch “Vins et vignobles de France” (1979) steht noch immer in meiner Wein-Bibliothek. Lange vor Robert Parker galt er als "Weinpapst" im Bordelais. Sicher, die Geschichte ist nicht auszublenden. Doch der Wein vermag auch ohne sie bestehen. Die milden Zedertöne umfassen den weichen Körper, der mir fast etwas zerbrechlich erscheint. Ich schlürfe lange, schnuppere lange und messe den langen Abgang aus. Er wird immer länger, dringt immer tiefer ein in den Mythos, in das Wissen, dass das Weingut zwar sehr bekannt und beliebt ist - in der Bordeauxwelt - auch gute Weine hervorbringt, aber keine aussergewöhnlichen. Dieser Wein ist aber aussergewöhnlich: aussergewöhnlich beeindruckend, aussergewöhnlich klassisch. So wie man heute Bordeaux leider kaum mehr antrifft.

A. Michael CC BY-SA 3.0,
A. Michael CC BY-SA 3.0,

06. August 2018

 

Weingut Martha & Daniel Gantenbein: Pinot Noir 2015, Fläsch, Bündner Herrschaft, Schweiz

 

Nochmals Gantenbein. Jetzt will ich es wissen. Ein für alle Mal die Diskussion um die ausserordentliche Stellung dieses Weins beenden. Was hat es auf sich mit diesem Chardonnay von Gantenbein? Kein definitives Urteil – jeder Jahrgang mag etwas anders sein. Auch keine Diskussion über den Preis. Es ist ein ein hervorragender Wein. Er zählt zu den besten Chardonnay, die ich kenne und er ist rar. Das hat seinen Preis. Konsumenten müssen da schon selber entscheiden, wie viel der Weingenuss kosten darf. Ist der dreifache Preis anderer hervorragender Chardonnay aus der Bündner Herrschaft (zum Beispiel von Georg Fromm) gerechtfertigt? Was macht ihn so ausserordentlich? Die Rarität, der international bekannte Name oder entfaltet sich beim Genuss so etwas wie ein Mythos? Etwas, das nur in diesem Wein so zu finden ist? Mythen entziehen sich jeder Preisdiskussion. Eigentlich sind Mythen nicht zu kaufen, zumindest nicht über den Ladentisch. Sie sind bestenfalls zu entdecken, zu erkennen, als Mythos wahrzunehmen. Nicht mit Logos, der die Wahrheit in Beweisen sucht. Mir gefällt der Gedanke des Mythos, mir gefällt der Ausbruch in die Weinmythologie. Warum soll alles immer mit Punkten und Werten gerechtfertigt werden. In diesem Sinn habe ich den Wein eingeschenkt, verkostet,  ergründet und erlebt. Natürlich tauchen auch da bekannte Aromen auf, in der Nase, im Mund, ganz hinten im Gaumen. Etwas, das an Birne, Mandel, reife Äpfel, Banane erinnert. Natürlich spüre ich die Wirkung der Säure, den Saft, die Süsse, die Harmonie. Schliesslich stottere ich noch so etwas wie Eleganz daher, wie Nachhall oder Nachgeschmack. Alles Dinge, die zu erleben sind und von verschiedenen Konsumenten auch verschieden wahrgenommen und gewertet werden. Alles ist da, die Verkostung läuft wie nach Fahrplan. Beruhigend, wenn der Fahrplan stimmt. Doch darum geht es nicht. Es geht um eine Exkursion ins Irreale. Da hört der Wahrheitsanspruch auf, es treten längst vergessene

Grössen auf, Götter, Mythen. Ein guter Wein kann – muss aber nicht ein mythischer Wein sein. Die Wurzeln jedes Mythos liegen in uns, in unserer Bereitschaft den Mythos zu erkennen und ihn anzunehmen. Dies ist auch beim Wein nicht anders. 

26. Juli 2018

 

Domaine du Clos Roca: ecceterra rouge 2015, Pays d’Hérault, Nizas, Languedoc, Frankreich

 

So richtig zugeben mag es niemand. Doch Weine werden auch auf Grund einer attraktiven Etikette gekauft. Vor allem dann, wenn man im Weinregalen eines Lebensmittel-Geschäfts einen Wein auszuwählen hat. Dies geschieht besonders häufig im Urlaub, wo das, was man kennt und gewohnt ist zu trinken, meist nicht verfügbar ist. Es sind dann vor allem die Kriterien, welche die Wahl beeinflussen: Der Preis, die Rebsorte und – bitte nicht den Kopf schütteln – die Etikette. Dies ist auch bei mir nicht anders. Ich verbringe zwar einen guten Teil meines Lebens in einem Weingebiet, in der Languedoc. Da kenne ich  als Weinliebhaber – natürlich viele Weingüter und Weine. Doch ab und zu besorge ich auch mir rasch eine Flasche – quasi als Tischwein – im Lebensmittelgeschäft, zumal das Lagern von Wein – hier im heissen Klima und nahe am Strand – nicht ganz einfach ist. Zuerst immer die Überlegung: Wieviel will ich heute ausgeben. Der Durchschnitt der Weine, in einer kleineren „épicerie“ um fünf Euro, natürlich – wir sind ja in einem Weingebiet – immer auch mit Stapeln von Schnäppchen-Angeboten, meist um drei Euro. Mit einem Preis von annähernd acht Euro gehört „Ecceterra“ schon fast zu den Weinen „haute de Gamme“. Ich wähle diesen Wein – dies habe ich mir erst nachträglich eingestanden – auf Grund der (für mich) attraktiven Etikette. Zwar Mourvèdre und Carignan (gebietstypsche Rebsorten), dazu aber noch Cabernet franc und Cabernet sauvignon (gebietsfremde Sorten). Ich gebe zu, ich möchte vor allem typische Weine, nicht Weine mit internationalem Liebäugeln. Dieser Wein liebäugelt. Trotzdem kaufe ich ihn, eben auf Grund der Etikette. Und dann: ich bin überrascht. Ich finde darin Provence, natürlich Aromen von Provence-Krautern und – gottseidank: die reifen Kirschen und den Tabak ganz im Hintergrund – dafür gut geschliffene Tannine und sogar einen aufregenden Abgang. Ich hätte diesen Wein ohne das besondere Etikett nie gekauft. Und dies wäre jammerschade.

(Bild: Screenshot)
(Bild: Screenshot)

15. Juli 2018

 

Coopératve Fontésole: Les Larmes du Volcan 2016, Fontes, Languedoc, Frankreich 

 

Wieder so ein Wein, von dem man nicht spricht, geschweige denn darüber schreibt. Wenn ich trotzdem ein "Getrunken" verfasse, dann nicht, weil ich ihn eben getrunken habe, sondern weil er in seiner Bedeutungslosigkeit mir plötzlich etwas bedeutet. Nämlich die Erkenntnis (gewonnen aus der unmittelbaren Erfahrung), dass Wein trinken  und über Wein schreiben viel mit Glaubwürdigkeit zu tun hat. Auch der Wein muss glaubwürdig sein. Was heisst das? Er muss das geben, was er versprechen kann: ein Produkt der Natur zu sein, gewachsen in einer bestimmten Umgebung, ausgesetzt dem Klima, dem Wetter, verwurzelt in einem von der Natur geschaffenen Boden, begleitet vom Menschen auf dem Weg von der Traube zum Wein. Ich meine, da hat man - vor allem in grossen Weingebieten - manches falsch gemacht. Man hat zu lange die Reben einzig auf Ertrag getrimmt, auf dass mit der Masse der Lohn eingefahren werden kann. Dies funktioniert nicht mehr. Die Masse „Wein“ ist so riesig geworden, dass – einfaches Marktgesetz – die Preise zusammenkrachten. Dann besann man sich – immer häufiger – auf einen anderen Marktfaktor: den Geschmack der Käufer. Es wurde gedreht und geschraubt, gehätschelt und verfälscht, verbogen und geglättet, bis Weine (vor allem im Keller) entstanden, die im Mainstream des Weingeschmacks mit schwimmen konnten (oft auch nicht!). Die Glaubwürdigkeit des Weinmachens – gerade in Weinregionen – ging immer mehr verloren. Es gibt immer mehr Weine, die austauschbar sind – ich sage: beliebig sind - andere bezeichnen ihn dann als „international“. Dieser Wein – aus einer Coopérative – ist nicht international. Er ist authentisch. Er kann nicht mit klingendem Namen aufwarten, eigentlich nur mit seiner Ehrlichkeit. Dies beginnt bei den Rebsorten (Syrah, Grenache, Mourvèdre), setzt sich fort in der Vinifikation (kein Holz-Parfum) und endet beim Preis und seinem Marketing (kein Buhlen um irgendwelche Punkte oder einen Sonderstatus). Er ist infach Wein, guter Wein. Treffender gesagt ein „sauberer“ Wein, denn er steht zu seinen Aromen: leicht rauchig, verhalten fruchtig, in der Nase Kakao, im Gaumen die erwarteten dunklen Beeren. Schlicht, einfach, oder eben glaubwürdig.

(Bild aus Film vom Weingut)
(Bild aus Film vom Weingut)

15. Juli 2018

 

Puech-Haut: Pemière 2017,

Rosé, Saint-Drézéry, Languedoc, Frankreich

 

Wein soll Freude machen. Dies scheinen Weinliebhaber allzu oft zu vergessen. All das Drum-und-Dran, das fast alle Weine begleitet, von denen „les amateurs de vin“ schwärmen, ist meist wichtiger als es die Momente des Genusses sind. Rosé-Weine sind eigentlich nie Prestige-Weine. Viel eher Weine, von denen man sagt: „Na ja, im Sommer nicht schlecht, aber…“ Die prestigeträchtigen Punkte gibt es nur selten, fast nie. Der einstige Industrielle, Gérard Bru, der seine Firma verkauft hat, um in der Nähe von Montpellier ein Weingut aufzubauen, scheint diese Mentalität zu kennen. Er nennt deshalb seinen Rosé „Première“, also Erstaufführung seiner Weininszenierung. Premieren sind besonders festliche Vorstellungen, bei denen auch das Sehen und Gesehenwerden wichtig sind. Bei der Inszenierung von Rosé ist das Gegenteil der Fall. Man versteckt den Wein, anerkennt bestenfalls seine Frische und seine kurze Strahlkraft. Aber Gesprächsthema sind sie kaum, die Rosés. Sie werden in der Regel auch nicht beim Weinhändler oder gar beim Winzer gekauft, vielmehr im Supermarkt oder im Lebensmittel-Laden. So auch dieser Wein, der im „Huper U“, sehr auffällig, geradezu verlockend angeboten wird. Preis 10 Euro. Für einen Rosé - beim Grossverteiler-  schon fast ein stolzer Preis. Doch er lohnt sich: Der Wein ist zwar etwas gefällig (darf dies ein Wein nicht sein?), aber auch süffig, anders ausgedrückt: elegant, schön, ja sogar eigenwillig schön: zwar blass, attraktiv blass (ungeschminkt), mit zarten Noten von Zitrusfrüchten und Litschi. Obwohl er mit 13 vol% eher kräftg oder schwer sein müsste, ist er leicht und vor allem durststillend. Eine Eigenschaft, die man beim Wein kaum zu erwähnen wagt.

Foto:  Scala dei, Costers del Siurana
Foto: Scala dei, Costers del Siurana

03. Juli 2018

 

Costers del Siurana:  Miserere 1995, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 Lustloses Weintrinken. Das gibt es, gottseidank nicht allzu oft. Der Name, der Jahrgang und das Weingebiet sind wichtige Parameter, um Langeweile gar nicht erst aufkommen zu lassen. Im Augenblick beschäftige ich mich mit Weinen aus dem Priorat. Auch mit sogenannte «kleine Weinen», deren Namen ich bisher noch nicht kannte. Ob "gross" oder "klein", sie alle haben bisher Geschichten erzählt: aufregende, beruhigende, lustvolle, geheimnisvolle… Dieser Wein aber erzählt nichts. Schon in der Nase wirkt er dumpf, irgendwie abgestanden, kellerig. Im Gaumen dann:zwar trinkbar, nicht fehlerhaft – aber gepresst und dumpf. Nichts von Aufmüpfigkeit, nichts von Fröhlichkeit, selbst die Harmonie ist ihm abhanden gekommen. Das Geheimnis – so es ein Geheimnis ist – liegt weder im Namen, noch in den Rebsorten (Cariñena, Grenache und wohl noch etwas Cabernet Sauvignon und Merlot) und schon gar nicht im Weingebiet. Das Priorat bringt heute mehrheitlich grossarige Weine hervor.. Es liegt vielmehr am Jahrgang – 1995 –, der zwar «hervorragend» war, aber immerhin 23 Jahre zurück liegt. Gewohnt an Bordeaux-Weinjahre, habe ich keinen Moment daran gezweifelt, dass sich dieser Wein – gerade wegen seiner lange Flaschenreifung – noch mit Lust und Spass zu trinken ist. Icvh habe ihn – im Augenblick "prioratsüchtig" – in einer Auktion erstanden. Nicht für «grosses Geld», eher im Schnäppchenbereich. Mein Vertrauen war offensichtlich zu grenzenlos. Es war – um es einfach zu sagen – ein Fehlkauf. Obwohl ich Altweine den jugendlichen Fruchtbomben vorziehe, und mit «Altweinen» immer wieder grossartige sensorische Erfahrungen mache, liess mich der Wein im Stich. Das Alter kann wirklich zu Grossartigem führen- Doch einfach nur zu hoffen (und zu glauben), das Alter bringe es dann schon, darf (muss) als weintöricht bezeichnet werden. Nicht der Wein ist töricht, der Konsument ist es, der ein Wein so kraftlos werden lässt, bis er keine Geschichten mehr erzählt, keine Geschichten mehr erzählen kann.

18. Juni 2019

 

Gernod&Heike Heinrich: Pannobile 2008, Zweigelt und Blaufränkisch, Burgenland, Österreich

 

Vor einem Jahr (erst) habe ich „Pannobile“ kennengelernt. Ich war auf eine Weintour in Österreich. Da kommt man an „Pannobile“ kaum vorbei. „Pannobile“? Eine Winzervereinigung, die 1994 gegründet wurde um besonders gute Lagen im Burgenland (und einheimische Rebsorten) unter einem gemeinsamen Label zu vermarkten. Jeder und jede der (heute) elf Pannobile-Winzer und -Winzerinnen darf jedes Jahr zwei Weine „ins Rennen schicken“, einen weissen und einen roten. Der Rote, der nur aus vollreifen Trauben von Zweigelt, Blaufränkisch und St. Laurent bestehen darf und zwar aus Lagen, die von der Gemeinschaft (Pannobile-Lagen) genau definiert sind. Jeder der Winzer hat seinen eigenen Stil, jeder der Weine seinen eigenen Charakter. Nur die Qualitäten (und die Vorgaben von Pannobile) müssen stimmen. Entschieden wird von den Winzern und Winzerinnen der Gemeinschaft - nach einer gemeinsamen Verkostung und Diskussion. Es ist schon der vierte Wein, den ich von Pannobile jetzt getrunken habe und jedes Mal – ich muss es gestehen – bin ich nicht nur zufrieden, sogar begeistert. Pannobile ist mehr als ein Gütesiegel – vor allem beim Roten. Es ist ein Stück echtes Burgenland, unverkennbar und doch alles andere als einheitlich oder gar eintönig. Man spürt - trotz der Einschränkungen der Winzer - wie ein einheimische Wein auch zu kann, wenn er international Anerkennung finden soll. Anders als beim Bordeaux – wo einzig die internationale Vermarktung zählt – wird hier die Eigenständigkeit betont: Eigenständigkeit in Bezug auf die Rebsorten, Eigenständigkeit aber auch in der Nutzung der natürlichen Gegebenheiten wie Boden, Klima, Lage etc. Warum hat es so lange gedauert, bis Pannobile auch bei mir „angekommen“ ist?  Einerseits liegt es wohl daran, dass  österreichische Wein in der Schweiz es schwer haben (zu gross ist die Konkurrenz anderer Weinland-Nachbarn), andererseits ist das „Experiment“ einer Winzergmeinschaft, die jährlich höchstens zwei Weine pro Weingut anbietet, daneben aber allen Beteiligten volle Eigenständigkeit und Freiheit lässt, ungewöhnlich. Man kennt eher die Namen der einzelnen Winzer und Winzerinnen und schwärmt für den einen oder anderen ihrer Weine. Dabei kann der Grundgedanke der Gemeinschaft – gleiche Rebsorten, gleiche Philosophie, aber unterschiedliches Handwerk und unterschiedliche Vorlieben – für jeden Weinfreund ein Erlebnis sein, eine Erfahrung, die Wein wieder viel stärker vom Keller (Vinifikation) löst und sich dort orientiert, wo er geschaffen wurde. Unverwechselbar in einem wunderschönen Weinland, in einer einmaligen Weinregion.

18. Juni 2019

 

Celler Escoda Rivero: Prior Pons 2004, La Vilella Alta, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Bei Weinen, die ich nicht oder nur flüchtig kenne, Pflege ich die Angaben der Weinführer (und auch jene der Produzenten) zu konsultieren und zwar erst dann, wenn ich meine Degustationsnotizen gemacht habe. Diese Kontrolle dient der Verifizierung von grundlegenden Informationen. Zumindest bewusst lasse ich mich dabei von Urteilen (und den meist eintönigen Beschreibungen) kaum beeinflussen. Mein Selbstbewusstsein als kritische Weintrinken hätschelt den eigenen Stolz. Doch diesmal hat die Übersetzung aus dem Katalanischen eine Beschreibung kreiert, die mir gefallen hat und mich noch immer beschäftigt:  «Langer Spaziergang im Mund». Genau, das ist es, was der Wein in meinem Mund unternimmt: einen Spaziergang - und erst noch einen langen. Spaziergänge sind entweder langweilig (ich erinnere mich an die Zwangsspaziergänge mit meinen Eltern!) oder sie sind spannend, öffnen neue Sichten, appellieren an Gefühle, vermischen Staunen und Vertrautheit, sind geschaffen um immer wieder etwas Neues zu erleben. Genau das macht dieser Wein. Äusserlich ein Kraftprotz, innerlich voll Sanftheit, Gefühle, Verführungskraft. Eigentlich war ich skeptisch, fast wie ein Junge, der gar nicht gern auf Spaziergänge geht. Zuviel Cabernet Sauvignon (ca. 40%), zu wenig Grenache (15%) – meine bevorzugte Rebsorte im Priorat. Überhaupt habe ich Mühe mit Cabernet Sauvignon, die jedem Wein einen «internationalen Touch» gibt. Motzend wackle ich auf solchen Spaziergängen hinterher- heute noch - nichts vermag meine stocksaure Laune zu verbessern. Nicht so hier: Der Mundspaziergang ist spannend, emotional, abwechslungsreich, interessant… kurzum von jener Qualität, die ich leider nur selten antreffe. Keine ausgefahrenen Wege, kein Déja-vu. Auf dem Weg begegne ich typischen spanischen Tapenaden, die ich so liebe; exotischen Früchten, die ich verehre; eine Tiefe, die mich fast erschaudern lässt und eine Fröhlichkeit, die ansteckend ist. Dies hätte ich dem Wein nicht zugetraut, es aber erlebt, dank Mundspaziergang.

30. Mai 2018

 

Unterganzner, Erbhof Josephus Mayr:

Lamrein, Lagreintrauben, Kardaun / Bozen, Italien

 

Beim Wein ist es wie im Leben: ab und zu tritt man in ein «Fettnäpfchen», ab und zu in ein «Paradies», in ein Weinparadies. Eigentlich waren hier die Voraussetzungen für das Fettnäpfchen, gegeben; dass ich in ein wahres, kleines Paradies eintreten durfte, ist dem Zufall – und vielleicht meiner Liebe zur Kunst – zu verdanken. Der Wein war ein «Findelkind» in einer Auktion, eingeklemmt in eine Reihe von hochberühmter Namen. Niemand im Saal hat ihn beachtet, obwohl er - wie ich später feststellte – zu den berühmtesten Weinen Italiens zählt. Zumindest in der Schweiz hat man dies kaum zur Kenntnis genommen, denn Vorurteile leben unglaublich lang. Das Südtirol ist – in Bezug auf Wein – hierzulande geradezu ein Eldorado der Vorurteile. «Kalterer» und "Magdalener" wurden als billige, offene Dutzendwein nahezu in jeder «Beitz» (einfache traditionelle Wirtschaft) angeboten. Weinkenner rümpfen noch immer die Nase, obwohl diese Tradition längst vorbei ist und auch Südtiroler Weine einen beachtlichen Status erworben haben. Doch das Wissen um die Südtiroler ist irgendwo stecken geblieben, leider auch bei mir. Dieser Wein hat mein Interesse geweckt, auf Grund der Etikette mit einer  eine Radierung von Markus Vallazza, einem bekannten Südtiroler Künstler. Er war mir ein Begriff, noch mehr aber sein Sujet, die historische Figur Oswald von Wolkenstein, Dichter, Komponist, Künstler, Ritter des späten Mittelalters. Ein Wein, der auf dem Etikett diesem in der Kultur tief verwurzelten Menschen die Ehre erweist, muss etwas Besonderes sein. Auch etwas Besseres? Wow, etwas Nochbesseres. Ein Wein, der nur so strotzt von Kraft, Aromen, Harmonie, Eigenwilligkeit, Tiefe und – man erlaube mir den Begriff – Schönheit. Nicht Gefälligkeit, vielmehr Einmaligkeit, Charakterstärke und Aromenreichtum. Im Glas: dunkelblau, näher dem Schwarz als dem Rot. Wer auf Grund der Farbe eine «Bombe» erwartet, ist überrascht von seiner Weichheit und Würze. Es ist der Augenblick wo Kraft zu Samt wird, wo Wein zum grossen Erlebnis findet.

 

Foto: Enoturismo
Foto: Enoturismo

18. Mai 2018

 

Rucahue Malbec Single Vineyard : Malbec 2013, Loncomilla Valley, Chile

 

Es gibt Weine, von den man kaum spricht. Man trinkt sie. Man trinkt sie sogar gerne. Es sind Weine der «vernünftigen» Preisklasse. Was heisst da «vernünftig»? Wein – ein Genussprodukt – hat, wie alle Genussprodukte, oft wenig mit Vernunft zu tun: eher mit Zuneigung, mit Liebe, mit Leidenschaft und – dies darf nicht übersehen werden – mit Prestige. So gibt es beim Wein – wie bei allen sogenannten Luxusgütern – so etwas wie eine Klasseneinteilung:
Weine des Alltags, meist als Begleitung beim Essen, Weine der Beiläufigkeit. Kriterium: Sie müssen «schmecken» und im preislich im Verhältnis zur Mahlzeit stehen. Es sind Weine, die vor allem bei Discountern oder im Dorf- oder Quartierladen gekauft werden. Die Frage nach Produktion, Traubensorte, Winzer oder gar Qualität taucht kaum auf, von Luxus redet da niemand.
Dann die Weine des Genusses, meist ausgesuchte Weine, in der Regel auch mit mehr oder weniger «Prestige» behaftet. Sie sollen etwas Besonderes sein. Weine, die man nicht einfach nur trinkt, sondern geniesst, auch darüber spricht. Die nicht in einfach in einem Gestell aufgereiht sind , sondern bewusst gewählt, ausgewählt wurden. Ausgewählt, mit mehr oder weniger Weinkenntnissen.
Schliesslich sind da noch die Weine der «Luxusklasse». Weine, für die man bereit ist, mehr zu bezahlen, viel, je nach dem auch mal zu viel. Es sind Weine der Leidenschaft. Für Weinliebhaber: Weine des höchsten Genusses. Dieser Genuss ist zu steigern (real oder eingebildet) bis man dafür kaum mehr Worte findet. «Geil», ist da der in Mode gekommene Ausdruck. Es sind Weine, die meist auch einen «Handelswert» haben, auch mal Investitionsweine, die sich nach dem Prinzip «Angebot und Nachfrage» ihren Wert erobern.
Zurück zu meinem Chilenen. Er fällt wohl – wie so mancher Wein – aus diesen drei Kategorien. Preislich liegt er eher im Segment der Alltagsweine. Auch mit wenig mit Prestige behaftet. Die Traubensorte «Malbec» ist hierzulande geschmacklich nicht massenkonform. Wenn schon Malbec, dann müsste er aus Argentinien stammen, nicht aus Chile, einem Land, das eher der Massenproduktion zuordnet wird (obwohl dies längst nicht mehr stimmt). Also ein Wein, der durch die «Maschen fällt». Zumindest in der Weinkritik und im Bewusstsein der Weinliebhaber. Schade, denn der Wein ist gut. Eher eigenständig als elegant, eher charaktervoll als geschmeidig, eher aussagekräftig als beiläufig, eher bestimmt als nebulös in den Aromen und im Gesamteindruck. Ich liebe diese Art von «Alltagsweinen», weil sie sich dem Alltag entziehen und doch nicht auf das Podest der «Fest- oder Genussweine» gestellt werden. An unserem Alltagstisch ist der Ausdruck gefallen: «ein gutes Weinchen».

15. Mai 2018

 

Vinyes de Manyetes: Solertia 2008, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Meine «Entdeckungsreise» durchs Priorat geht weiter. Dieses Mal mit dem Wörterbuch in der Hand: «Solertia» oder «Sollerita» bedeutet so viel wie «die Schläue, geistige Gewandtheit, Geschicklichkeit, Anstelligkeit». Mühsam hervorgekramt aus alten (verhassten) Lateinerzeiten. Doch irgendwie gefällt mir der Begriff, auch wenn er so eindeutig nicht ist. Irgendwie vermittelt er den Eindruck von etwas Geheimnisvollem, vielleicht sogar (abgeleitet): von Bauernschläue. Jedenfalls ist der Wein kein «gewöhnlicher» Wein, keine Garnacha-Bombe. Er bewegt sich auch nicht am oberen Limit des Alkoholvolumens (Vol.%), zeigt viel Mineralik, Fleisch und Schmelz. Ein fleischiger Wein also: nein, ganz und gar nicht. Eher auf der fröhlichen, «luftigen», verführerischen Seite. Man darf sich nicht täuschen lassen vom Auge, das den Wein in die dunkelste Ecke schiebt: schon fast schwarz, blauschwarz. Beim ersten Schluck meint man, der Wein müsse die Zunge belasten, die Schwere in den Gaumen tragen. Nichts von dem: vielmehr fröhliche, bestimmte Harmonie. Ein Genusswerk, das tief und fein gewoben ist. Ich gebe zu, dass mir Cabernet Sauvignon- und/oder Syrah-Anteile eher im Garnacha eher suspekt sind. Ich meine die Eigenständigkeit einer Rebsorte «verbindlich», nehmen ihm die Originalität. Aber nicht hier, in diesem gereiften, eigenständigen bis eigenwilligen Wein. Also doch Schläue? Vielleicht doch die Schlauheit von René Barbier (Clos Mogador), der dem Wein in den «Geburtsjahren» (aus dem dieser 2008er stammt) noch Pate gestanden ist. Ehrlich gesagt, ich würde jetzt gerne einen halb-so-alten «Solertia» zum Vergleich herbeiziehen. Weine aus der Kategorie «zehn Jahre darnach» sind gar nicht so einfach zu bewerten. Die sonst übliche «^Momentaufnahme» hat sich da meist zum festen Charakter entwickelt. 

12. Mai 2018

 

Château Lagrange 1982, 3ème cru classé, Saint-Julien, Bordeaux, Frankreich

 

Diese Flasche habe ich gehütet wie meinen Augapfel. Es war der erste 82er-Bordeaux in meinem Keller. Ein Wein aus einem sogenannten «Jahrhundert-Weinjahr». Er war so etwas wie das Grundinventar zu meiner Bordeaux-Sammlung, mit der ich in den späten Achzigerjahren begonnen habe. Damals wusste ich noch so gut wie nichts von «Urbi und Orbi», den der Bordeaux-Papst Parker Jahr für Jahr verkündet: «Als ich im April 1983 im ‘Wine Advocate’ meinen Bericht über den 1982er veröffentlichte, brach ich zum Ausdruck, dass ich nie zuvor reichhaltigere, konzentriertere, vielversprechendere Weine gekostet habe…er ist nach wie vor der Bezugspunkt für die Grösse, die ein Bordeaux erreichen kann.» Sein Punktesegen labte damals noch nicht mein Herz und sprengte nicht mein Portemonnaie. Es war einfach ein Wein aus einem guten Jahr, der meiner miserablen Startphase in Sachen Bordeaux (in den frühen 90er-Jahren) etwas Hoffnung gab. Doch ich musste noch lange warten, bis ich von einem vergleichbaren Jahr mehr Flaschen subskribieren konnte. Denn das vergleichbare Jahr 1990, war für mich damals einfach unerschwinglich, zu teuer. So blieb dieser 82er aus Saint-Julien für lange Zeit so etwas wie das Prunkstück im Keller. Unangetastet bis gestern, obwohl ich später erfahren musste, dass dieser Wein dem Bordeaux-Papst nur 85 oder 86 Punkte Wert war. Doch, was scheren mich Punkte, wenn es um einen Mythos geht, den Mythos vom Jahrhundert-Jahrgang. Jetzt, gut dreissig Jahre später wollte ich es doch wissen. Inzwischen ist es ja ein «alter Wein» geworden. Er ist mit mir zusammen gealtert. Als gestern Freunde – auch Weinliebhaber – zu Besuch kamen, holte ich auch diese Flasche aus dem Keller. Wir begannen einen kleinen «Tour d'horizon» - mit vier ganz unterschiedlichen Bordeaux – mit dem altgedienten Lagrange 1082: Noch immer leicht fruchtige Noten, voll ausgereift, harmonisch, offen – ja charmant, ausdrucksstark, mit vibrierendem, halligem Abgang. Ein guter Altwein. Ein hervorragendes Beispiel, was aus einem Wein werden kann, wenn man ihn werden lässt. Und er blieb der Wein der Runde, auch als angeblich höherwertige Weine ins Glas kamen: ein Sechsundachtziger, ein Neunziger, ein Zweitausender. Berühmtere Namen, doch keiner war überzeugender.

07. Mai 2018

 

Cave Rhodan, Olivier und Sandra Mounir: Cornlin 2016, Salgesch, Wallis, Schweiz

 

Mein «Dauerkampf» um gute Weine in Speise-Restaurants (zu «moderaten» Preisen) ist nicht ganz neu. Es scheint einfach unglaublich schwer zu sein, dass Wirte auf ihr Angebot an guten Tischweinen ihr besonderes Augenmerk richten. Oft wird angeboten, was ihre Getränkelieferanten an Wein im Programm haben oder es wird – einzig auf den guten Preis achtend - von Wein-Grosslieferanten bezogen, die nicht selten auch die Kalkulation und die Weinkarte mitliefern. Vielen Wirten fehlen auch spezielle Sommelier-Kenntnisse, so dass beim Tischwein eine unglaubliche Beliebigkeit die Regel ist. Auch der Irrglaube, es müsse ein möglichst breites Regionen-Spektrum sein, führt zu unbefriedigenden Weinangeboten. Anders in einem Lokal meiner Region, das eigentlich vor allem eine Bäckerei und kein ausgesprochenes Speiserestaurant ist. Hier werden (fast ausschliesslich) Weine von einem einzigen Weingut angeboten. Keine riesige Auswahl, nur eine oder zwei der üblichen Rebsorten (aus der der Schweiz). Beim Weissen: einen Fendant (Johnannisberg) und zwei Spezialitäten aus dem Wallis: Heida und Petite Arvine; bei den Roten: Pinet noir und ein Dòle, dazu die autochthone Rebsorte «Cornalin». Also keine grosse Auswahl, dafür eine ausgezeichnete, auch qualitativ beachtlich. Als Organisator eines Banketts habe ich den «Cornalin» gewählt. Warum? Weil es kein Wein ist, der überall auf der Karte steht und doch «mehrheitsfähig» ist. Es ist eine der ältesten Rebsorten der Schweiz: dunkel, mit konzentrierter Frucht, milder Säure und weichen Tanninen. Gerade als junger Weine – im Restaurant sind es fast immer junge Weine, die angeboten werden – hat er vertraute Aromen: Sauerkirschen, Waldbeeren, Nelken. Vor allem aber ist er kräftig und trotz seiner Verbindlichkeit von eigenwilligem Charakter. Nicht nur die Tischrunde war voller Lob, ich auch. Meine neue Erfahrung: geht halt doch, auch in nicht auf Wein spezialisierten Gaststätten.

03. Mai 2018

 

Bernard Magrez: Château Pape Clément 1996, Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich

 

Die Unterscheidung zwischen Alltagswein und Sonntags- oder Festtagswein ist eher albern und gar nicht wein- und genusskonform. Sie bezieht sich - im Grunde genommen - ausschliesslich auf den Preis. An besonderen Tagen – zum Beispiel an Sonn- und Festtagen – ist man eher bereit, etwas auszugeben für den Genuss, etwas grosszügiger zu sein – auch mit sich selbst. An Werktagen, das ist der Alltag, für den hat man in der Regel auch ein imaginäres Wein-Budget, selbst wenn ein Wein längst bezahlt ist und im Keller liegt. Ich ertappe mich selber bei diesem Denken, obwohl ich dies – nicht nur nach aussen – vehement bestreiten würde. Die Logik ist aber einfach: besondere Tage rufen nach etwas Besonderem, auch – oder vor allem – beim Wein. Bei einem guten Glas mit einem Gast oder an einem geschäftlich oder prestigebeladenen Anlass ist dies klar. Da muss etwas Besonderes ins her. Aber, was ist besonders? Da spielen auch das Prestigedenken mit, eine besondere Wertschätzung oder berechnende Überlegungen. Das ist verständlich und durchaus auch «menschlich». Gerade beim ist das Renommee einer «guten Flasche» ein beliebtes Tummel- und Spielfeld. Die Bordeaux sind grundsätzlich dazu geeignet. Prestige-Weine für Festanlässe. Vor allem jene aus Châteaux mit hohem Ansehen (die verhältnismässig viel – oder mehr – kosten). Pape Clément ist so ein Wein. Vorbehalten für besondere Momente, also ein klassischer «Festtagswein». Nicht ganz so teuer wie die Weine aus dem fast benachbarten Haut-Brion, sein Preis: in «guten Jahren» deutlich über hundert Franken. Trotzdem kam er gestern – an einem ganz gewöhnlichen Tag – bei uns auf den Tisch. Irgendwie schauten wir schon andächtig oder ehrfurchtsvoll drein. Der letzte Besuch auf dem Schloss, die wunderschöne Anlage mitten in der Vorstadt, die edle Präsentation, der grosse Park, das Glashaus von Gustave Eiffel in bestem Jugendstil – all das kam mir in den Sinn und wurde so quasi mitgeliefert mit dem Wein. Und der Wein selber? Ein hervorragender Wein, sicher. Trotz des Alters mit tiefdringender Frucht, in fast zärtliche Reinheit und Finesse. Kein Bluffer, auch nicht allzu kräftig, vielmehr elegant und vornehm. Doch ich frage mich: was wäre der Wein ohne sein Renommee, ohne seinen prestigeträchtigen Ruf? Er wäre das, was er ist: ein sehr guter Wein, der mir durchaus an dem einen Tag Festtagsfreuden bringen kann; an einem anderen aber ganz anders ankommt: unauffällig, sogar bescheiden, alltäglich. Die Tatsache aber bleibt:: es ist einer der besten 96er, der sich in mehr als zwanzig Jahre hervorragend entwickelt hat. Mit seinem eigenen Stil. «Alte Schule» habe ich irgendwo gelesen, ist durchaus nachzuvollziehen. Ein richtiger Festtagswein?  Preislich bestimmt, doch der Genuss hat auch an Festtagen seine eigene Richtschnur und diese richtet sich - gottlob - nur selten nach dem Preis.

Marquise de Pompadour (Gemälde von François Boucher)
Marquise de Pompadour (Gemälde von François Boucher)

21. April 2018

 

Cave Coopérative de Castelmaure SCV: La Pompadour 2015, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

Ab und zu gibt es Weine, von denen ich ein zwei Flaschen auf Grund des Namens und/oder der Etikette kaufe. La Pompadour ist so ein Wein. Der Name erinnert an eine der berühmtesten Maitressen der französischen Könige. Sie war die Geliebte von Ludwig XV, der von 1710–1774 König von Frankreich war und die Jean-Antoinette Poisson im Jahr 1745 „ nicht nur zu seiner offiziellen Mätresse machte, der ersten Bürgerlichen mit diesem Status am französischen Hof überhaupt, sondern sie im Juli desselben Jahres auch zur Marquise de Pompadour mit Landsitz und eigenem Wappen erhob. Obwohl ihr vertrauter Verkehr mit dem König nur bis 1751 dauerte, behielt sie die Stellung als offizielle Mätresse bis zu ihrem Tod 1764“ (Quelle: wikipedia)

Natürlich hat dies nicht viel mit dem Wein zu tun. Ein Name nur – und doch eine Anspielung auf eine schöne und berühmte Dame, die über Jahre recht viel Einfluss am königlichen Hof hatte. Der Wein ist auch eine Homage an die Familie Pompadour, welche in der Gegend, wo heute dieser Wein wächst, lange regiert hat, bevor die Kurtisane in Versailles eingezogen ist. Mich faszinieren solche Assoziationen und auch historische Hintergründe beim Wein, auch wenn es nur der Name ist. Dies kann auch Anlass sein, nachzudenken, zu sinnieren, vielleicht sogar nachzuschlagen, was es zu dem Wein auch noch zu sagen gäbe.

In diesem Fall ist wohl eine Aussage des verantwortlichen Weinmachers: „Wir  träumten wir von einem Marquise-Wein, fein geschliffen…“ Der Name des Weins ist also nicht Zufall, auch nicht nur eine historische  Erinnerung an die Familie Pompadour. Er ist auch Programm: „ein Marquise-Wein“. Nun hat das Wort Marquise eine ganze Reihe von Bedeutungen: ein Schirmtyp, ein Stoffvordach, ein Schmucksteinschliff… und natürlich ein französischer Adelstitel. Um diesen Adelstitel geht es wohl und um den Reiz der Marquise, die selbst einen König bezaubern konnte. Charmant, edel, elegant, seidig, reif, verführerisch, so die Attribute zum Wein. Er heisst ja nicht zufällig „La“ Pompadur, also die Pompadur und damit kann nur die Marquise gemeint sein, die von Ludwig XV geadelt wurde. So „daneben“ sind diese Bezeichnungen nicht. La Pompadur ist zugänglich, sogar diplomatisch, kräftig und weich zugleich, verführerisch und selbstbewusst, auch typisch für Südfrankreich und doch eigenständig als Wein. Ein vergnüglicher Wein.

 

18. April 2018

  

Château Ollieux Romanis: Cuvée Classique 2016, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

 

Ein Weinliebhaber kennt - in der Regel – die „Flaggschiffe“  der bekanntesten Weingüter aus verschiedenen - vielleicht sogar aus vielen – Weinregionen. Mehr sicher nicht, es sei denn, er (oder sie) hat sich einer bestimmten Region, einer bestimmten Rebsorte oder einem bestimmten Weinstil ganz zugewandt. Meist sind es Urlaubseindrücke oder Empfehlungen eines Weinhändlers, welche die Liebe zu einem Weingebiet oder einem Weinstil wecken. Auch mir ist es so ergangen. Da kam ich vor gut dreissig Jahren in den Süden Frankreichs, in ein riesiges Weingebiet, das damals noch weitgehend schlief. Mehr noch, es produzierte namenlose Massenweine, die mich an die „Algerier“ erinnerten, die wir in der Studentenzeit fast ausnahmslos getrunken haben. Dann aber lernte ich die  Weinregion Languedoc-Roussillon kennen und schätzen. Zuerst waren es ein paar wenige Weine und „Mustergüter“, noch nicht sehr viele. Allmählich wurden es mehr. Auch meine Liebe zu diesen regionalen Weinen wuchs und mit ihr auch das Interesse. Heute kenne ich weit über hundert Produzenten der verschiedenen Appellationen. Was heisst da „kennen“? Ich kenne ihre Namen, ihre Bedeutung, meist auch ihre „Philosophie“ bezüglich des Weins. Doch kenne ich auch ihre Weine? Da muss ich gestehen: im Grunde fast nur ihre „Flaggschiffe“. Also die Prestigeweine vieler Weingüter. So auch bei diesem Château. Seine „Flaggschiffe“ – den „Atal Sia“ oder die„Cuvée Or“ habe ich mehrmals getrunken und auch beschrieben. Aber die Cuvée Classique – einen der gewöhnlicheren – sagen wir: weniger anspruchsvollen Weine des Weinguts – immerhin mit einem jährlichen Ausstoss von weit mehr als 100‘000 Flaschen – habe ich bisher noch nie getrunken. Dabei ist es ein guter, ein sehr guter Wein, der – wie so viele Weine – im grossen Angebot der Languedoc-Weine untertaucht, zwar rege getrunken wird (nicht nur lokal, regional), durchaus auch international. Das heisst: er ist in ganz Frankreich, auch in Deutschland und weitere Ländern erhältlich. Nur darüber reden oder schreiben: das tut bestenfalls der Händler oder die Werbung. Dabei ist es ein durchaus beachtlicher Wein: klassisch, das heisst ein Verschnitt von Carignan, Grenache und Syrah (den wichtigsten Rebsorten der Region) und zwar so dezent vinifiziert, dass man den Ausdruck „sanft“, vielleicht sogar „warm“ verwenden darf. Unauffällig – aber nachhaltig. Die angepriesenen Aromen – Brombeere, Kirsche, Mokka, Johannisbeere etc. – sind durchaus wahrnehmbar, aber nicht aufgesetzt. So harmonisch in Tannine gewoben, dass sie ein Ganzes bilden, einen in sich geschlossenen guten Wein.

(Foto aus der Filmpräsentation des Château)
(Foto aus der Filmpräsentation des Château)

08. April 2018

 

Château Poujeaux 1996, Moulis, Cru Bourgeois, Haut-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Es ist - nach allgemeinem Sprachgebrauch - ein "kleiner" Wein. Gemäss der in fast Stein (oder Marmor) gemeisselten  Hierarchie in Bordeaux "nur" ein Cru Bourgeois und "nur" aus der Gemeindeappellation Moulis, einer der zwei Appellationen im Médoc, die keine Weine mit der Bezeichnung "Grand Cru Classé" haben. Entsprechend ist auch sein Preis (um 30 Franken, je nach Jahrgang), der sich nach strengen hierarchischen Regeln richtet (weniger stark nach der Qualität). Doch Poujeaux ist seit vielen, vielen Jahren ein sehr zuverlässiger, ein sehr guter Wein. Er wird von Parker zwar lobend erwähnt, erntet aber kaum mehr als 88 Punkte. "Man ist sich unter Fachleuten einig", dass die beiden Weingüter Chasse-Spleen und Poujeaux "die besten Weine von Moulis erzeugen". Der Preis und die verlässliche Qualität sind die wichtigsten Gründe, warum Poujeaux immer auch rege subskribiert wird. So auch von mir, vor zwanzig Jahren, schon damals für 34. Franken die Flasche - also etwa zum heutigen Preis. Die Frage stellt sich aber - wie bei allen Bordeaux dieser Kategorie: Hat es sich gelohnt, sie im Keller zwanzig Jahre liegen zu lassen oder sind sie sie bereits abgebaut, haben sie den Zenit überschritten? In der Regel ist es tatsächlich so, dass die Weine dieser Kategorie jung zu trinken sind. Meist nach der "Faustregel", so im Alter von zehn Jahren. Dieser Poujeaux hat gut das doppelte an Jahren hinter sich und er ist noch voll da. Reif natürlich, vielleicht nicht mehr das, was man gerne als "sexy" bezeichnet, sondern altersgeklärt, Nicht mehr so spitz und angriffig wie in seinen jungen Jahren. Dafür gut strukturiert, ausgeglichen, mit mehr Wein- und nicht (mehr) nur Eichenholzintensität. Ein Abendwein - möchte ich fast sagen. Er bringt keine unruhige Nacht, vielmehr - wie hier - wohlige Erinnerung an den ersten schönen Sommerabend dieses Frühlings, der begleitet  wurde durch ein Steak vom Grill (Barbecue) und diesem "kleinen" Wein, der in meiner Wahrnehmung richtig gross geworden ist. 

03. April 2018

 

Château Mouton-Rothschild 1997, 1er Cru Classé, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Wenn man vom Mouton-Rothschild spricht – von einem der fünf Premier Cru Classé –  denkt man unmittelbar auch an Kunst. Bei dieser Flasche ganz besonders, ist doch der Jahrgang 97 eher bescheiden ausgefallen. Generell kurzlebig, meint Parker: «Aufgrund rascher Entwicklung werden die Weine, mit Ausnahme der am stärksten konzentrierten, in 10 bis 12 Jahren ihren Höhepunkt überschritten haben.» Es sind jetzt gut zwanzig Jahre vergangen, der «Abstieg» ist längst programmiert. Dass der Wein – vor allem in der Schweiz – noch immer rar und teuer ist, verdankt er vor allem der Etikette, gestaltet von der französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle. Sie durfte in diesem Jahr die Etikette gestalten, zehn Jahre nach Hans Erni, dem andere Schweizerkünstler, dem diese Ehre zugefallen war, ebenfalls in einem eher schwachen Wein-Jahr. Bringt es die Kunst, die eigentlich mit der Qualität des Weins zu tun hat, welche die beiden Jahrgänge (zumindest in der Schweiz) der Vergessenheit entreisst?  Jedenfalls blieb der Wein – als einer der wenigen des Jahrgangs 1997 – in meinem Keller, wohl eher aus Ehrfurcht oder Anerkennung der Künstlerin, der Schöpferin der berühmten «Nana», denn auf Grund des zu erwarteten Weingenusses. Ich traute dem Jahrgang nicht. Doch welche Überraschung! Der Wein – kaum im Glas – entwickelt sich schon beim ersten Schluck zur kleinen Sensation, die 92 Parker-Punkte weit überflügelnd: fruchtig, schmelzig, harmonisch, rund, warm, würzig, abgeklärt. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einmal so viele (positive) Eigenschaften einem Mouton zugeschanzt zu haben. Aus der vermeintlichen «Versenkung» entstieg eine charaktervolle Schönheit. Parker scheint es vorausgeahnt zu haben (und das habe ich erst jetzt, nachträglich gelesen!): «Es würde mich nicht überraschen, wenn dieser Wein mindestens zwei Jahrzehnte überdauern und sich damit als einer der langlebigeren 1997er erweisen sollte.» Diese Parker-Notiz stammt aus dem Jahr 1998, als der Wein noch in den Fässern ruhte. Jetzt, zwanzig Jahre später, wissen wir es. Parker hat Recht bekommen. Dies versöhnt mich, mit Parker, dessen Liebe zu einer oft pompöser Weinstilistik mich immer wieder ärgert, aber auch mit dem Wein von Mouton, der für mich fast immer überschätzt wird. 

(Bild:  aus Galerie des Weinguts)
(Bild: aus Galerie des Weinguts)

31. März 2018

 

Cims de Porrera: Vi de la Villa Porrera 2013, Garnacha/Carinyena/Syrah/ Cabernet Sauvignon, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Der Wein gehört eigentlich in meine Reihe von Gastroweine und damit zum gutes, nein, leuchtenden Beispiel auf den sonst so uniformen Weinkarten in Speiserestaurants. Wann findet man da schon einen Priorat-Wein? Und erst noch einen mit bekanntem Namen aus einem kooperativ arbeitenden Weingut, das fast schon Kultstatus hat. Kultstatus, weil man da bemüht ist, sehr gute Weine zu machen, die eindeutig aus einer bestimmten Weinregion kommen und diese zu einem nichtkultigen Preis anzubieten. Ideal also für Wein auf einer guten Weinkarte, in einem guten Restaurant. Das einzige, was ich dem Wein «ankreiden» kann, das ist sein Alter, respektive seine Jugend und – aber das ist mein persönlicher Geschmack – der zwar kleine Anteil an Cabernet sauvignon in dem sonst «typischen» Priorat-Cuvée. Der Name des Weins weist auf das Ziel hin, einen unverwechselbaren Wein aus der Gemeinde Porrera (ca. 500 Einwohner) anzubieten, einen Wein der aber auch international konkurrenzfähig ist. «Energisch und angenehm zugleich», so wirbt der Importeur in der Schweiz. Was er wohl damit meint? Energisch: vielleicht der eher unverbindlicher Ausdruck für Persönlichkeit, für Einmaligkeit, für Unverwechselbarkeit. So mag das Schlagwort stimmen. Einfacher zu interpretieren ist die Eigenschaft «angenehm». «Trinkig» kann man auch sagen. Ein Ausdruck, den ich zwar selten verwende, er übernimmt die Sicht der Konsumenten. Für den den Wein – gerade als Essbegleiter – bedeutet dies auch rund, geschmeidig, ja verführerisch zu sein: gut integrierte Tannine und Noten, die – nach verbreiteter Auffassung - zu einem guten Wein gehören, wie Frucht, Erdnoten, Mineralik, das so beliebte Barrique-Vanille, auch etwas Pfeffer (für den Schmiss!) und eine Palette von Gewürzen. Dies alles hat der Wein: aber nicht so ausgeprägt, dass er aus dem Ramen fallen würde. Eine geschliffene Persönlichkeit eben, ein guter Gastrowein. 

(Bild:  aus Galerie des Weinguts)
(Bild: aus Galerie des Weinguts)

23. März 2018

 

Quinta do Zambujeiro : Monte do Zambujeiro 2014,  Vinho Regional Alentejano, Rio de Moinhos, Borba, Portugal

 

Dieses Mal geht es mir weniger um den Wein, als vielmehr um Weine in Restaurants oder anders formuliert: um Ideenlosigkeit, Langweile bis zur Zumutung der Weinkarten in Speiserestaurants. Vielleicht hat der eine oder die andere schon bemerkt: ich führe so etwas wie ein Dauerkrieg mit Weinkarten. Nicht mit jenen Karten, bei denen Sommeliers am Ruder sind oder das Prestige-Denken von «gehobener Kundschaft» im Vordergrund steht. Nein, ich meine die Weinkarten in Speiserestaurants, die nicht nur bei Festessen besucht werden, sondern auch an Werktagen, wo eine einfache, gute Mahlzeit gefragt ist, mit einem zumindest «interessanten» Wein. Der Preis – gerade bei Flaschenweinen – ist ohnehin eine Hürde. Denn der übliche Faktor 3 (dreimal den Preis beim Weinhändler) ist gerade für einen Weinliebhaber (mit eigenem Weinkeller) oft ein Schmerzfaktor, zumal das Essen (abseits der Fastfood-Ketten) in der Schweiz recht teuer ist. Fazit: mit dem Essen bin ich bei meinen bevorzugten Restaurants meist zufrieden, mit den Weinen aber nur selten. Zu eintönig, zu phantasielos, zu belanglos für meist 50 und mehr Franken. Doch – ich nenne für einmal beim Namen – die Rosenburg (Wolfhausen) ist ein Lichtblick. Die Weinkarte zwar nicht allzu gross, aber attraktiv, vielfältig und durchwegs im üblichen Preissegment um 50, 60 Franken. Ein Portugiese – in Restaurants eher selten zu finden – und ein Priorat-Wein habe ich diesmal ausgewählt. Der Portugiese: rund, frisch, mineralisch, mit schmelziger Frucht und schöner Balance. Ein Charmeur im besten Sinn, der Sinnlichkeit mit Tiefe und Nachhaltigkeit verbindet. Dies ist für einen Wein aus der heissen Gegend von Alentejo beachtlich und eher die Ausnahme. Und noch etwas: es sind ausschliesslich Rebsorten, die in Portugal zuhause sind, ergänzt mit etwas Cabernet Sauvignon. Ich glaube, es ist vor allem dieser kleinen Cabernet-Zugabe, welche die Cuvée restaurantfähig macht.

23. März 2018

 

Brigitte & Gerhard Pittnauer: Pannobile Respekt 2015, Neusiedlersee, Gols, Österreich

 

Auf diesen Wein bin ich fast gestürzt, als ich ihn in einem Restaurant auf der Weinkarte sah. Vorsichtig habe ich zwar die Freunde gefragt: Darf es etwas sein, ausserhalb des Mainstreams? Ein Österreicher, eine Cuvée aus Blaufränkisch, St. Laurent, Zweigelt. Nicht gerade Rebsorten, die hierzulande begeistern. Doch der Begriff «Pannobile» war mir – zumindest ansatzweise – bekannt, das Weingut Pittnauer aber kannte ich nicht. «Pannobile» ist eine Vereinigung von Winzern in Gols (am Nordostufer des Neusiedler Sees), die sich ursprungsbezogenen, gebietstypischen Weinen verschrieben haben. Neun Winzer schafften 1994 gemeinsam das Label «Pannobile», in dem – gemäss Satzung - nur vollreife Trauben der drei einheimischen Rebsorten verarbeitet werden, die alle aus genau bestimmten Lagen der Gemeinde Gols kommen. Die einzelnen Betriebe aber arbeiten selbständig, ohne dass die Vereinigung da involviert ist. Sie haben ihre eigenen Weine und ihre eigene Angebot. Doch einmal im Jahr bestimmt jeder der Winzer zwei Kandidaten für einen weissen und einen roten «Pannobile». In Diskussionen und Degustationen wird dann gemeinsam bestimmt, welche der Weine unter dem Namen «Pannobile» angeboten werden. So entstehen jedes Jahr ganz individuelle Weine, die aber alle aus dem gleichen Erbgut der Natur stammen.
Schon ganz grundsätzlich liebe ich Weine, die zurecht den Stempel «Charaktertyp» tragen und sich dem «Einheitsbrei» in der Weinwelt entziehen. Doch diesen Wein liebe ich – seit gestern – noch mehr als all die österreichischen Blaufränkisch, St. Laurent und Zweigelt, die ich bisher getrunken habe. Nicht unbedingt, weil er viel besser ist, sondern weil er eine Ehrlichkeit ausstrahlen, die den Weingenuss erst einmalig macht und leider immer weniger anzutreffen ist. Keine Holz-, keine Alkohol- und keine Volumen-Bombe, sondern ein Wein der feineren Art: lebendig in Nase und Gaumen, mit feinen Noten von Kirschen, Lorbeer, Zimt, roten Beeren, Mineralität und beachtlicher Harmonie. Die kleine Tafelrunde hat kein Wort über den Wein gesagt, vielleicht weil er – neben dem guten Essen – fast so etwas wie beiläufig wirkte. Abrundend, ergänzend, zusammenhaltend. Ich habe den Wein nicht einfach nur ausgewählt, sondern mich auch richtig gefreut, wieder einmal einen hervorragenden Wein - in einem Restaurant, das nicht auf Weine spezialisiert ist - auf den Tisch zu bekommen und erst noch zu einem guten Preis.

20. März 2018

 

Terres de Vidalba: tocs 2005, Garnacha/Syrah/Cabernet, Proboleda, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Meine « Erkundungsfahrt» durchs Priorat geht weiter. Diesmal: Stop in Proboleda. Als ich dieses Foto gemacht habe, wusste ich noch nichts von «tocs», vom Weingut «Terres de Vidalba». Ich bin – mit dem Fotoapparat durch das Dorf geklettert und hatte den Eindruck, viel, viel Katalonien zu schnuppern. Die Bodega habe ich nicht besucht. Wie sollte ich auch, ohne Führer, ohne grössere Erfahrung mit Weinen aus dieser Gegend. Jetzt habe ich – dank «Priorat Hammer» – das Versäumnis nachgeholt, mit einem Wein, der alt ist. Alt, selbst für einen mit Bordeaux-Alter geeichten Weinfreak. Ist da noch was, nach bald dreizehn Jahren? Es ist noch was, und recht viel. Nicht mehr ganz so «wow-haft», wie die Begegnung des ersten Weins dieser (nachgeholten) Weintour. Jede Jugendlichkeit hat der Wein abgestreift, jeglichen Übermut verloren. Er ist dafür an Würde erstarkt, hat wohl an Tiefe zugelegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein jugendlicher Wein so tief und abgeklärt ist wie diese Cuvée. Cuvée? Da bin ich mir nicht ganz sicher: Grenache sicher, daran habe ich mich im Priorat bereits gut gewöhnt, sicher auch Syrah und wohl auch noch etwas Cabernet Sauvignon. Der Verbindlichkeit zuliebe. Soweit, so gut. Doch die Frage bleibt offen: was ist geblieben, was ist neu dazugekommen. Routinier machen da natürlich eine «Vertikale» und wissen es dann genau… So genau will ich es aber gar nicht wissen. Ich strecke einfach die Nase hinein ins Glas: Grenache-Aromen: Kirsche, Granatapfel, schwarze Oliven… Im Gaumen wird es dann noch bunter, irgendwie habe ich auch das Gefühl: betulicher. Die Frucht versteckt sich im Pfeffer, Leder oder gar im Honig. Der Alkoholgehalt – immerhin mit 15% vol. angegeben – hat seine Schärfe verloren. Der Drang nach Harmonie ist unverkennbar. Dafür sorgt wohl der Cabernet-Anteil. Aber auch die Flaschenreifung hat einiges bewirkt, für Gutes, noch Besseres gesorgt. Die Wortwahl ist immer etwas Glücksache: Liegt die Betonung auf Kraft, auf Stärke, auf Aromatik, auf Eigenständigkeit? Jedenfalls ist es – so mein erstes «tocs»-Erlebnis - ein sehr guter Wein. Exzellent heisst es dann wohl in Weinbeschreibungen. Ich mache es mir da viel einfacher: Kein Wow-Wein, sondern Hmmm-Wein eben.

(Bild: selection schwander)
(Bild: selection schwander)

17. März 2018

 

Hans & Philipp Grassl: Selection Schwander 2011, Cuvée, Carnuntum, Göttlesbrunn, Österreich

 

 

Österreichische Wein haben es schwer in der Schweiz, trotz Nachbarschaft und trotz des guten Rufs, der längst auch in der Schweiz angekommen ist. Dazu die Rebsorte Zweigelt, die in der Schweiz wenig verankert ist. Man setzt hier – vor allem in der Deutsch-Schweiz - auf Pinot Noir, im Tessin auf Merlot und eigentlich überall auf Cabernet Sauvignon plus eine zweite oder dritte Rebsorte, also quasi auf Bordeaux-Blends. Eine Cuvée mit den beiden Rebsorten, Zweigelt und Blaufränkisch (80%), die in Österreich am häufigsten angepflanzt sind (und noch 20% Merlot) ist für Schweizer so etwas wie ein «Versöhnungswein». Der gewiefte Weinhändler und «Master of Wein», Philipp Schwander hat offensichtlich ein «gutes Händchen», wenn es darum geht, Weine auch in der Schweiz zu lancieren. Der Name Schwander bürgt – in den weiten Konsumentenkreis – für Qualität und hat den Ruf als «Entdecker» noch wenig bekannter Weine. Über den Wein schreibt er: «Von den zahlreichen österreichischen Rotweinen, die wir im Laufe der Jahre angeboten haben, ist die Spezialfüllung von Philipp Grassl mit Sicherheit am erfolgreichsten.» Da der Zweigelt eine der bevorzugten Rebsorten meiner Frau ist (und auch bei mir sehr gut «ankommt»), haben mich zwei Fragen besonders  interessiert. Warum avanciert diese Cuvée – wie Schwander schreibt – immer häufiger zum «Hauswein» als «eine willkommene Alternative zu den beliebten Tischweinen aus Italien, Frankreich oder Spanien»? Und: wie entwickelt sich der Wein im Alter?. Die Flasche ist immerhin sieben jährig. Haltbar - nach Grassl - etwa sechs Jahre. Nun, wichtiger als Haltbarkeit ist die Flaschenreifung. Stagniert die Entwicklung, reift der Wein weiter oder ist er bereits auf dem «Abstieg?. Ich meine, er hat hier den Höhepunkt überschritten, Der Rest an Frucht, die der Wein für seine Harmonie braucht, ist am Verblassen. Etwas einfacher ist die Antwort zur zweiten Frage: Es ist vor allem der Merlot, welche den wein entscheidend abrundet, vielleicht sogar internationaler macht. Damit wohl auch gefälliger und trotzdem eigenständig und kraftvoll. Natürlich ist es auch der Preis - um 15 Franken - der ihn in die Liga des «gehobenen» Hausweins bringt.

12. März 2018

 

Celler de l'Encastell: Roquers de Samso 2010, Priorat, Katalonien, Spanien

 

 

Jetzt wird es spannend. Ich hoffe, nicht nur für mich, auch für die Leser des «Getrunken». Ich beginne nämlich eine Serie von Texten zu Priorat-Weinen, die ich bisher noch nie im Glas hatte. Also: für mich so etwas wie «unbekanntes Land». Priorat-Kenner werden mich jetzt auslachen. So unbekannt sind die meisten der Namen und Weine nun auch wieder nicht. Beste Adressen! Vor allem aber: Sie sind authentisches Priorat. Deshalb sind sie auch ein Teil meiner «neuen» Weinwelt geworden. Bordeaux, mit dem ich so viele Stunden, Tage und Jahre verbracht habe, ist südlich gerückt. Über die Pyrenäen hinaus, ins bergige Weinland Priorat. Katalonien, das in den letzten Zeit ganz andere Schlagzeilen geliefert hat. Katalonien, das nicht nur für ein gutes Stück Selbständigkeit und Eigenständigkeit kämpft, sondern auch hervorragende Weine macht. Im Visier hatte ich die Weingegend schon seit ein paar Jahren. Ich bin auch hingefahren, bergauf, bergab, Kurve rechts, Kurve links. Ich habe vor Ort die guten Weine gesucht, selber gesucht, nicht nur aufschwatzen lassen von Händlern und Weinkritikern. Doch so einfach war das nicht, die paar wenigen Tage genügten längst nicht. Allein schon die paar «grossen» Namen haben mich absorbiert. Jetzt bin ich einen neuen Weg gegangen. Torsten Hammer, der Berggänger und ausgezeichnete Priorat-Kenner, also der Priorat-Hammer, musste mir – jetzt schon zum zweiten Mal – zwölf verschiedene Weine (von jedem zwei Flaschen) aus seinem Angebot zusammenstellen. Wundertüte oder Büchse der Pandora? Jedenfalls sind die Flaschen nun in meinem Keller und die ersten schon in meinem Glas. Nicht Blindverkostung – Blindwahl. Den Zufall walten lassen (und das sensorische Gespür von Torsten). Der erste dieser Serie war Roquers de Samso. Samso? Und schon musste die Weinliteratur herhalten. «Samso», der katalanische Name für Cariñena – oder eben Carignan. Das Nachschlagen wäre nicht nötig gewesen: sofort erkannt. Die für mich wichtigste Rebsorte Kataloniens springt mir entgegen. Mit Wucht, aber auch mit viel Eigenständigkeit, nein Ehrlichkeit. Trotz unverkennbaren Barrique-Tönen, Erinnerungen an Bordeaux, redet die einheimische Rebsorte mit mir. Und was sie alle zu sagen hat (es ist schon eher ein Schwärmen!): Thymian, Rosmarin, Hollunder, Kakao, reife Früchte… Meine Frau sagte Wow. Ich sagte nichts mehr. Ich liess den Maul im Mund tanzen, bis weit in den Gaumen hinab. Ein ausgezeichneter Einstieg. Habe ich da ein As gezogen, die Dame oder gar den «Trumpf-Bur». Wir werden sehen. Die Entdeckungsreise geht weiter, Fortsetzung folgt.

http://www.eduardobermejo.com/
http://www.eduardobermejo.com/

09. März 2018

 

Bodegas Antonio Arraez: Vivir sin Dormir 2016, Monastrell, Jumilla, Spanien

 

Es gibt Weine, die sind spannend, weil sie unspannend sind. Was kann man denn schon von einem reinsortigen «Monastrell» erwarten? Monastrell? In Frankreich bekannt als «Mourvèdre». Auch da meist als Verschnitt-Wein benutzt. Ein Küchenwein, sagen meine kochenden Weinfreunde. Und die Herkunft diesAnti-Shlaf-Weins? Eine Weingegend im südlichsten Teil der Levante, wo vor allem einfache, aber alkoholstarke Weine herkommen. Erstaunlich? Wirbt doch die Gegend mit statistischen Zahlen: «Dreitausend Stunden Sonnenschein pro Jahr».  Das sind durchschnittlich 8.2 Stunden pro Tag. Mir läuft es heiss den Rücken hinunter! Tatsächlich hat die Region - bis in die 80er-Jahre - die spanischsten Weine Spaniens produziert. Fassweine, die überall in Spanien auf den Tisch kamen. Überall, wo Weine bei jedem Essen auf dem Tisch stehen. Alltagsweine, Landweine… Dann erwachte die Gegend: Hundert Jahre später als in allen anderen europäischen Weingebieten hat die Reblaus auch in Jumilla Einzug gehalten. Die Winzer mussten um ihre Existenz kämpfen. Sie erneuerten und veredelten ihre Reben und schafften – mit moderner Technik – den Aufstieg auch in höhere Weingefilde. Zwar gilt Jumilla noch immer als Lieferant einfacher – preislich günstiger – Weine. Doch der Wille der Winzer, auch Besseres zu produzieren, ist unverkennbar. Doch die Botschaft ist bei den Konsumenten noch kaum angekommen. Eigentlich schade. «Vivir sin Dormir» ist so ein Wein, unspektakulär aber gut. Weich gebändigte Tannine, nicht im Alkohol ertränkt, etwas andere Geschmackseindrücke: durchaus auch pfeffrig, brombeerig, vor aber auch blumig und an eingemachte Früchte erinnernd, Trüffel und viel Waldbeeren. Und noch etwas: so jugendlich und schwungvoll, wie sich der sonst körperschwere, rabenschwarze Wein hier gibt, ist auch die Künstleretikette, gestaltet vom Designer und Maler Eduardo Bermejo. Echt spanisch!

04. März 2018

 

Domaine Les Mas des Armes: Perspekives 2014, Pays de Herault, Aniane, Languedoc, Frankreich

 

 

Ein gefälliger Wein, gut strukturiert, aber gar nicht geprägt von Weintradition des Languedoc. Daran trägt vor allem die Rebsorte Cabernet Sauvignon die „Schuld“, eine Rebsorte, die in den AOC-Weinen in der Languedoc nicht zugelassen ist. Deshalb ist es auch „nur“ ein Vin des „Pays de Hérault“, also einer jener Aussenseiter, die immer mehr das südlichste Weingebiet Frankreichs erobern. Man möchte eben auch „international“ sein und dem vorherrschenden näher kommen. Verständlich, eignet sich doch die Gegend um Aniane hervorragend für Cabernet Sauvignon und auch Merlot. Man schielt auch hier immer mehr nach Bordeaux. Führendes Weingut des 2‘000 Seelen-Dorfs ist das Mas von Daumas-Gassac, das schon recht früh auf die Bordeaux-Rebsorte Cabernet Sauvignon gesetzt hat und auf den AOC Statur verzichtete. Grossartige Weine, quasi die „andere Languedoc“. Dass dann das kleine Dorf der „Wein-Welt-Macht“ Mondavi getrotzt hat und den „Eindringling“ aus Amerika vertrieb, hat den Wein und die Weingegend nur noch berühmter gemacht. Die Geschichte brauche ich nicht nochmals zu erzählen. Tatsache ist, dass auch dieser Wein „Perspektiven“ aufzeigt. Die Perspektive, im internationalen Weinhandel Fuss zu fassen. Sich neben Bordeaux-Berühmtheiten etablieren zu können und erst noch mit einem grossen Vorteil, mit einem charakteristischen, ja einmaligen Terroir: dem Bergmassiv von Arboussas mit seinen zerklüfteten Kalksteinen und seiner sonnigen Lage etwa 300 Meter über Meer. Die beiden Brüder, welche das Weingut vor neun Jahren übernommen haben scheren sich wenig um Tradition, „unrentable“ Rebstöcke wurden konsequent ersetzt und eine schon fast unbekümmerte Vielfalt von Reben angepflanzt, mit dem einen erklärten Ziel: grosse Weine zu machen. Am Ziel sind sie noch nicht angekommen, aber auf gutem Weg.

28. Februar 2018

 

Château Ollieux Romanis: Cuvèe
Atal Sia 2014, Corbières Boutenac, Languedoc, Frankreich

 

Diesem „Getrunken“ könnte ich den Titel geben: „Von der Schwierigkeit einem Wein gerecht zu werden“. Es ist nämlich der erste Wein, den ich nach fast zwei Wochen trinke. Sozusagen versuchshalber, denn ich war – oder fühlte mich – krank. Krankheit verträgt keinen Wein, weil Krankheit die Lust tötet. Und lustloser Wein ist schrecklicher als Krankheit. Gestern kam sie wieder, die Lust, zaghaft zwar. Noch ordentlich lustlos holte ich diesen „Atal Sia“ aus dem Gestell, einen Wein, den ich nicht kannte, noch nie getrunken habe. Ein sogenannter Neugierwein. Aus Boutenac, einer Gemeinde, einem Dorf in der Corbières. Für mich der Inbegriff eine „gottverlassenen“ Gegend. Es gibt dort zwar Garrigues, knorrige Bäume und viel, viel Steine. Sein Name „Atal Sia“ bedeutet so viel wie „ainsi soit-il“ oder eben „Amen“. Das passt bestens zum Wein und meiner Stimmung: Die Nase, der erste Schluck, sie waren belanglos – unverbindlich. Spontane Meckerei: „Ich hatte auch schon besseren Wein im Glas.“ Ist dies nun das Amen meiner Corbières-Liebe? So langsam wie der Appetit zurückgekehrt ist, wandelt sich auch der Wein. Der Hintergrund rückte immer mehr in den Vordergrund, die Kühle wandelt sich in angenehme Wärme; der Wein begann zu spiele, zu singen, zu tanzen. Er führte mich an der Nase herum. Er wurde von Schluck zu Schluck besser. Er erzählte mir die Geschichte von der Carignan-Traube, die angeblich ihren guten Ruf verloren hat und nur noch in Cuvées und im Rioja akzeptiert wird. „Atal Sia“ ist zwar auch eine Cuvée (Carignan, Grenache, Mourvedre und Syrah), typisch languedocienne, aber stark geprägt von Carignan. Meine Vermutung es könnte ein reinsortiger Carignan zu sein, bewahrheitete sich nicht. Doch der Wein ist einfach runder, eleganter, feiner, fruchtiger als die sonst oft derben Corbières-Weine. Den feinen Röstton hat er übrigens nicht – wie so viele andere Weine – durch obligaten Holzeinsatz – sondern durch die Trauben, womöglich von sehr alten Stücken. 

23. Februar 2018

 

Bodegas Señorío de Barahonda: Yecla-6 meses 2014, Collection Dieter Meier, Levante, Murcia, Spanien

 

Yecla. Leuchtend rot prangt der Name auf dem Etikett. Und nicht unbescheiden daneben: Dieter Meier. Richtig, der Yellow-Meier, der Tausendsassa, der in Argentinien ein Weingut besitzt und eine Rinderfarm, natürlich alles Bio. Die Annäherung an den Yecla begann im Restaurant, mit einem Missverständnis. Auf der Weinkarte entdecke ich den Namen Dieter Meier und „Yecla“. Yecla? Das ist doch ein kaum bekanntes Weingebiet im Süden Spaniens. Was hat das mit Dieter Meier zu tun? Seine Weine, sind die Puros aus Mendoza, Malbec geprägt. Meine Neugier ist angestachelt. Also bestelle ich einen Yecla von Dieter Meier. Als der Wein auf den Tisch kam: Protest meiner Frau. Sie hat auf der Etikette Dieter Meier gelesen. Sie wolle heute keinen Malbec, lieber einen Spanier. Fast hätte der Kellner den Wein wieder weggetragen, bis allen klar wurde, es ist ein Spanier. Eben aus Yecla, wo kaum namhafte Weine herkommen. Da gibt es nur wenige Weingüter – drei, vier, so genau weiss ich es nicht – die überregional bekannt sind. Bis in die 80er-Jahre gab es kaum Flaschenabfüllungen von Yecla-Weinen. Erst in den letzten Jahren wurden die Grenzen des Weingebiets, das nur eine Gemeinde umfasst, weinmässig gesprengt. Dieter Meier mt dem guten Riecher für Exklusives hat da offensichtlich zugeschlagen. Das also ist der 6-Monate-Wein (damit ist wohl die Fassreifung gemeint). Richtig! Es gibt auch einen 12-Meses-Wein, noch exklusiver, 12 Monate im Barrique. Doch bleiben wir beim 6-Monate-Wein. Das Holz fällt überhaupt nicht ins Gewicht, dafür die Volumen-Prozent: 15% Alc., so quasi am obersten Limit. Ein Wein, der durchaus seine Liebhaber findet: intensiv, konzentriert, aromatisch. Eher eine Weinbombe, als eine Weinblume. Tiefschürfende Frucht, ein ganzer Kräutergarten, aber auch Kaffee- und Röstaromen, Kein Wildwuchs – in seiner ganzen Kraft viel Eleganz. Vor allem nicht aufgepeppt mit Holz. Zwar prall in seinem Erscheinen, aber durchaus die Harmonie suchend und auch findet. Für mich der etwas andere Wein.

16. Februar 2018

 

Alvaro Palacios: Les Terasses 2015 und 1995, Cuvée Samso, Garnacha, Cabernet Sauvignon und Syrah, Gratallops, Priorat, Katalonien, Spanien

 

Die Geschichte von Alvaro Palacios und seinem Weingut, das längst zum Kult geworden ist, muss ich hier nicht wiederholen. Ich erzähle lieber meine eigene Geschichte. Sie ist der Schlüssel zu meiner Prioratliebe. Immer wenn es etwas zu feiern gibt, sei es einen Geburtstag, ein persönliches Fest, oder ganz einfach einen glücklichen Tag, bin ich Gast in einer kleinen Wirtschaft mit hervorragendem Essen guten Weinen. Eigentlich ist es ein typisch schweizerisches Restaurant, die «Metzg», mit einer gemütlichen Gaststube und dem Charme des Alten. Doch der Wirt kommt aus Spanien und bietet spanisches Essen und spanische Weine an. Da verliebte ich mich einst in den Finca Dofi von Alvaro Palacios. Dies war zu einer Zeit, als der Palacios-Hype noch nicht so richtig im Gange war, und die Finca Dofi ziemlich der einzige Wein aus dem Priorat war, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt gehört habe. Nur, er sprengte - vor allem im Restaurant – die Grenze der festtäglichen Weinrechnung. Da half mir der Wirt aus der Patsche: "Les Terasses", der «kleine» Palacios, sei wohl eine gute Alternative. Und sie ist es bis heute. Weil meine Festtage nicht besonders häufig sind, gönne ich mir seither immer einen «Les Terasses», wenn ich in der Metzg, als Priorat-Highlights, reserviert für spezielle Tage, Doch in meinem Keller gibt es den Wein nicht, er soll das Besondere der "Metzg" bleiben. Bis, ja bis ich kürzlich an einer Auktion sechs Flaschen "Terasses" des Jahrgang 1995 erstehen konnte, zu einem Preis, der nicht viel höher lag als eine einzige Flasche im Restaurant. Ein Wein – mir inzwischen bestens vertraut – der mehr als zwanzig Jahre alt ist, kann man ihn noch mit Genuss trinken? Man kann, aber es ist ein ganz anderer Wein. Zwar noch unverwechselbar ein «Terasses». Auch blind würde ich ihn immer noch Palacios zuordnen. Und doch ist er nicht einfach ein «ergraut» und «zerbrechlich» gewordener Palacios. Er ist auch als Altwein eine Persönlichkeit. Gestern – ich war ich am Geburtstag meiner Frau – wieder in der Metzg und konnte vergleichen: Der kräftige, verführerische Jungsporn (2015) mit gefesselt präsentierten Frucht- und viel Beeren-Aromen , der mit seinem Körper und seiner kräftigen Statur den Mund fast sprengt, und der stillgewordene, nachdenklich wirkende Veteran (1995), der mit seiner Restkraft in Mund und Gaumen noch tanzt. Keinen Flamenco mehr, aber auch keinen Totentanz, eher ein bedächtiger Bolero, dem man lange zuhören mag. Für mich nicht einfach ein Abgesang, vielmehr ein Erlebnis. Die Demonstration was aus einem starken, muskulösen Wein werden kann, wenn Jugend und Reife vorbei sind und ihn nur noch der Charakter – und zwar ausgeprägt – trägt. Vielleicht müsste man doch öfters – Jung und Alt – vergleichen, um dem «wahren Charakter» eines Weins näher zu kommen.

© Terroir al Limit / Gerd Kressl
© Terroir al Limit / Gerd Kressl

07. Februar 2018

 

Weingut Terroir al Limit: Historic 2015, Grenach/Garignan, Torroja (Tarragona), Priorat, Katalonien, Spanien

 

Das Priorat ist so etwas wie meine «Altersliebe». Nicht so stürmisch, wie damals, als ich die Dame «Bordeaux» zu erobern suchte. Nicht so unkritisch, wie ich einst in die Welt des Weins eingestiegen bin. Nicht mehr so entflammt, wie bei den ersten berühmten Namen, die ich auszudeuten suchte. Nicht einmal geheim halten muss ich die späte Liebe. Ich stehe dazu und sage es allen Leuten, die sich dafür interessieren. Leider sind dies nicht so viele, wie die Bordeaux-Botschaften hören möchten; nicht so viele, wie vom Riesling schwärmen; niemand, der den Weinkeller als Geldanlage verwaltet. Ich bin mit meiner Liebe zwar nicht allein, aber doch viel intimer, privater, als mit anderen Schönheiten der Weinwelt. Historic gehört zu den Schönheiten des Priorats.  Grazil, leichtfüssig im Mund, hauchfein, bestimmend und doch anmutig. Keine Power-Gestalt, dafür vielschichtig, nicht wankelmütig zwischen Frucht, Aromen und Säure. Vielmehr ausgewogen, bestimmt und klar. Ohne Angst auch erfrischend leicht, ja sogar in Spiellaune wahrgenommen zu werden. Ich habe das Gefühl «guten Wein» zu trinken und nicht von ihm erschlagen zu werden. Und dies, obwohl es ein Wein aus dem heissen, feurigen Süden ist. Irgendwo habe ich ein Ausspruch des Winzers gelesen, der mehr sagt, als viele Worte: «Wer Süsse und Opulenz sucht, soll sich eine Mango kaufen». Nein, ich kaufe mir keine Mango, oder wirklich nur dann, wenn ich auch eine Mango essen möchte.

25. Januar 2018

 

Château Lynch-Bages 2001, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Berichtet habe ich hier - im «Getrunken» - schon oft vom Lynch-Bages, dem «Mouton des kleinen Mannes», auch von seiner unglaublichen Preis-Entwicklung in den letzten Jahren. Den Jahrgang 1996 – den ich im Augenblick «austrinke» - habe ich damals noch für 50 Franken gekauft, jetzt kostet er das Dreifache. Der Begriff «kleiner Mann», auch wenn er ein Bordeaux-Liebhaber und weinverrückt ist, kann vergessen werden. Lynch-Bages ist ein «grosser» Wein geworden, auch wenn er im Stil sehr konstant geblieben ist und durchaus auch mit Mouton Rothschild verglichen werden kann. Ein Mouton zu etwa einem Viertel des aktuellen Mouton-Preises? Der «kleine Mann» erwacht wieder, er muss sich aber tüchtig strecken und recken. Der Lynch hat ein ähnliches, rauchige Bouquet, eine ähnlich fleischige Note im Gaumen, eine ähnliches ausgeprägte Cabernet-Bouquet wie viele Jahrgänge von Mouton. Eine Blindverkostung - zusammen mit Mouton - ist immer unglaublich spannend. Die beiden Weine sind sicher nicht identisch, doch sie liegen weit weniger weit auseinander als ihre Preise. Doch darum geht es diesmal nicht. Es geht um ein Erlebnis, dass sich zufällig so ergeben hat. Wir hatten noch einen Rest des Lynch-Bages 2001 in der Flasche – zwei Tage offen – und haben ihn eingeschenkt. Er war noch besser, noch runder, noch abgeklärter als am Vortag. So jedenfalls unser Eindruck. Ein paar Stunden später setzten wir uns zum Essen an den Tisch. Ich plante an diesem Abend einen «Alltagswein» zu erproben, einen Wein den ich zufällig einmal getrunken habe und recht gut fand. Ein Sangiovese, also eine ganz andere Welt, eine andere Weingegend, eine andere Traube, ein anderer Wein. Auch im Preis ganz anders, Er kostet etwa ein Achtel des heutigen Lynch-Bages. Ich hatte auch nicht vor, die beiden so unterschiedlichen Weine miteinander zu vergleichen. Man weiss doch:  Bananen mit Äpfeln vergleichen - oder so… Der Lynch-Bages-Rest (vor Stunden ein halbes Glas getrunken) war nur noch Erinnerung. Der neue Wein hingegen war Gegenwart, ein augenblickliches Trinkerlebnis, das sensorisches Hier-und-Jetzt. Und? Die Erinnerung war stärker. Der gute Wein im Glas zog sich zurück, verschwand, wurde flach, belanglos, erlebnisarm. Der Lynch-Bages aber wuchs, wurde grösser, gewaltig, orchestral. Natürlich nur in der Erinnerung, während die Gegenwart – zumindest seine Weinrealität – versank. Ich greife mir an den Kopf. Kann das sein? Spielt mir da die Erinnerung einen gewaltigen Streich. Habe ich die Dimensionen verloren. Vielleicht. Doch, eine Lehre habe ich daraus gezogen. Oft sind es nur kleine, oft sogar winzige, Unterschiede, die Gross grösser und Klein kleiner erscheinen lassen. Schon morgen werde ich – da bin ich sicher – den Toskaner ganz anders – wohl realnäher – erleben.

 

Foto: Schiller-Wine, Blog
Foto: Schiller-Wine, Blog

17. Januar 2018

 

Schlossgut Diel KG: Riesling Tradition 2013, Nahe, Deutschland

 

Irgendwie – man verzeihe mir – bin ich rieslingbelastet. Meine deutschen Weinfreunde haben sich zehn Jahre lang – oder waren es gefühlte zwanzig – redlich bemüht, mir die Schönheit und Vollkommenheit deutscher Rieslinge zu vermitteln. Jedes Jahr besuchten wir eines der deutschen Weingebiete. Natürlich waren wir auch an der Nahe, auch bei Diel, eigentlich bei allen grossen Riesling-Namen. Die langjährige Einführung war zwar etwas einseitig: nur trocken mussten die Weine sein. Alles andere ist – so meine Erkenntnis – der Riesling-Schönheit nicht würdig. Also habe ich – dem Teufel ein Ohr ab – trockene Rieslinge probiert, schliesslich schreibe ich seit mehr als zwanzig Jahren Weingeschichten, da muss auch der Riesling seinen Platz haben. Ich bin der Überzeugung, , dass Weine, vor allem gute Weine, auch reden können. Doch die Stimme der trockenen Rieslinge, ich höre sie zwar, doch sie bleibt mir (fast immer) fremd. Wo ist da die Objektivität? Mein sensorisches Talent? Meine Genussfähigkeit? Allen Bemühungen zum Trotz, letztlich bin ich in Sachen Riesling ein tumber Tor geblieben.
Meine deutschen Weinfreund werden dies bestätigen (und mich ordentlich schelten). Immerhin habe ich es soweit gebracht, dass ich mir ein paar Rieslinge – deutsche, trockene – in den Keller legte.  Nicht um sie zu lagern, zu hüten, zu pflegen, wie die Bordeaux. Vielmehr um dem trockenen Riesling  doch noch auf die Schliche zu kommen.

 

Und jetzt dies: Da hat sich – ohne, dass ich es bemerkt habe – ein nicht ganz trockener Riesling in meinen Keller geschlichen. Riesling Tradition, die einzige Ausbau-Orientierung auf dem Etikett. Also habe ich zu einem traditionellen Essen mit Nachbarn – nach eigenen Angaben: Weintrinker, aber keine Weinkenner – wie immer – den Wein beigesteuert. Ob Bordeaux, Piemont, Burgund, Kalifornien oder Schweiz, bisher wurde da gerade Mal eine Flasche – nicht immer ganz – getrunken. Diesmal aber waren es deren drei! Zum ersten Mal wurde ich mit viel Lob eingedeckt. Was ist passiert? Dieser «Riesling Tradition» war eben halbtrocken oder, halbsüss, oder lieblich oder feinfruchtig. Wie auch immer. Eine Geschmacksbezeichnung steht nicht auf der Etikette. Auch der Restzucker-Anteil (12 g oder mehr je Liter) wird nirgends – auch auf der Website von Diel - nicht angegeben. Kurzum, der Wein ist «süss» - ohne direkt ein Süsser zu sein. So, dass ihn meine Lehrmeister – die deutschen Weinfreunde – nie trinken würden. Jedenfalls gemäss meiner Riesling Erfahrung als lernbegieriger «Lehrling». Doch da ich habe – als Wirt ad hoc – die Rechnung da ohne die weinliebenden, aber nicht kennenden Gäste gemacht. Der Wein wurde getrunken. Getrunken und gelobt wie noch nie. Zu Recht komme ich da ins Sinnieren. Vielleicht gibt es doch einen Unterschied zwischen Weinkennern und Weintrinkern. Tief begraben, im Unterbewusstsein. Oder schlicht vergessen, was beim Trinken zählt: der Genuss. 

Foto: Le Mas de l’Ecriture
Foto: Le Mas de l’Ecriture

08. Januar 2018

 

Le Mas de l’Ecriture: Les Pennsée 2011, Terrasses du Larzac, Languedoc, Frankreich

 

 

So gesprächig war er noch nie, der Chef des kleinen Lebensmittelladens „Casino“ um die Ecke. Ich kämpfte noch mit meinem Einkaufskorb und den Tücken der unförmigen Verpackungen, da hat er mich mit einem Schwall von Sätzen eingedeckt. Seine Augen glänzten, da realisierte ich, er spricht von einem Wein, den ich eben eingepackt habe. Ich schnappte Begriffe auf, wie Einmaligkeit, Persönlichkeit, Künstler, Handlese… da erst hörte ich richtig zu und begriff – der Wein, der so beiläufig etwas abseits im Gestell stand – ist für ihn nicht irgend eine Verkaufsware, sondern eine Besonderheit, ein kleiner Schatz (Trouvaille). Das ist er auch, der regionale Wein (er stand bei den Languedoc-Weinen), wo kein Flasche mehr al 15 Euro kostet. Im kleinen Lebensmittelgeschäft – es it ja keine Weinhandlung – werden teure Weine kaum gekauft. Der Wein kostete rund das doppelte, der teuersten Weine der Region im Laden. Selbst meine Frau – in Sache Wein an einiges gewohnt – hat mich mit grossen Augen angeschaut. Ich hab den Wein nachträglich eingepackt, einfach aus neugier, aus „Gwunder“. Ich kenne zwar die Terrassen von Larzac, diesen Wein aber nicht. Zwei Tage später dann – zuhause – verstand ich den Wortschwall des Verkäufers. Es ist wirklich eine Trouvaille. Eine Entdeckung, ein Wein der Freude macht. Nicht einfach nur Tradition, auch Sinnlichkeit. Kraft, Eleganz, Schönheit in einem, in jedem Schluck. Eine Entdeckung. Das Liebäugeln mit der „Internationalität“ stört mich hier nicht. Warum soll etwas, das so gut ist, nicht auch „international“ sein? Endlich wieder einmal ein Wein, der anders ist. Nicht anders im Ausbau, im Geschmack, in der Wahl der Traubensorten, in der eigenen Wildheit. Ganz einfach anders gut! Und das ist doch was.