Getrunken 5. Teil (ab März 2020 - ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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23. Mail 2020

 

Riebeek Cellars: Shiraz 1998
Swartland, Südafrika

 

Ein Wein aus Südafrika, der bei uns kaum besprochen wird. Schon gar nicht so ein „alter“ Wein. Eben nicht im Mainstream. Wie er in meinen Keller gekommen ist, weiss ich nicht mehr. Wohl bei einer Auktion als „Zugabe“ von Weinen der Rebsorte Pinotage, für die ich öfters geboten habe. Dem Wein bin ich auch auf zwei grossen Reisen durch die Weingebiete Südafrikas nicht begegnet. Kein Wunder, schreibt doch „Vinum“, das Magazin „Selbst für viele Bewohner von Kapstadt ist Swartland kaum mehr als ein riesiges Stück «Pampas», wo sich Hasen und Kudus gute Nacht sagen.» Ich erinnere mich noch gut an die Besuche auf dem Weingut «Allesverloren» und an die Kleinstadt Darling, wegen ihres «anmächeligen» Namens, aber an das Riebeek-Valley nicht, und schon gar nicht an seine Weinkeller. Ein Versäumnis? Nein, wenn man Weine auf Grund der internationalen Reputation auswählt. Ja, wenn man einen typischen Wein aus dem «Berggebiet» Swartland (Preis um 17 CHF) sucht. (Der höchste Berg ist hier etwa 700 Meter über Meer.)
Der Wein ist auch nach zweiundzwanzig Jahren noch ein kräftiger Brocken. Ein «Einheimischer», vor allem weil das sonst allpräsente Vanille-Aroma der Barriques fehlt. Einfach nur gut «verdaut» nach so vielen Jahren oder Kennzeichen für einen Wein, der das typische Terror der Gegend aufgesogen hat? So genau lässt sich dies bei diesem «Altwein» nicht mehr ausmachen. Jedenfalls ist die Kraft und die Erlebnisstärke (für mich) eine Überraschung. Ich möchte schon sagen: ein echter Gewinn. Kein Weltklassewein, sicher nicht. Schon eher ein Shiraz der besonderen Art: ohne französische Eleganz, aber auch nicht der Abklatsch eines Weinstils, der aus dem Shiraz so vieler Weingegenden einen fast schon «uniformierten» Wein macht: mit viel roten Früchten und eine Portion Tabak und Kakao. Hier herrscht das Wilde vor (die Frucht ist wohl weitgehend abgebaut) und formt sich zum Erlebnis, das nicht – wie bei so vielen Weinen – beliebig auswechselbar ist.

03. Mail 2020

 

Weingut Von Tscharner, Completer 2010, Schloss Reichenau, AOC Graubünden, Schweiz

 

Noch heute wird in Klöstern – vor allem bei den Benediktinern - nach der Vesper, kurz vor der Nachtruhe die «Komplet» gebetet (oft auch gesungen), das letzte Stundengebet im religiösen Ritual des Klosters. Darin enthalten ist auch der Psalm 91, der - vor allem in Zeiten von Seuchen und Krieg - den rettenden und tröstenden Gott anruft: «Du brauchst keine Angst zu haben vor den Gefahren der Nacht oder den heimtückischen Angriffen bei Tag. Selbst wenn die Pest im Dunkeln zuschlägt und am hellen Tag das Fieber wütet, musst du dich doch nicht fürchten». (91.5 und 6) Dass die Bitten in den drei Psalmen der Komplet mit einem guten Schluck Wein bekräftigt und besiegelt wurden, ist alte Überlieferung. Ob sie stimmt, weiss ich nicht. Doch den Wein der Komplet gibt es, zumindest in (und um Chur), den «Completer» Er soll die Domherren am bischöflichen Sitz (seit dem 9. Jahrhundert) vor dem Schlafengehen erleuchtet haben.  

Der Completer ist längst «weltlich» geworden. Den Hauch der Geschichte trägt er aber noch in sich, verborgen in der autochthonen Rebsorte, die viel Wärme braucht und sich nur in milden Alpenregionen (vor allem der Schweiz) bis heute durchsetzen konnte. Der Wein: ein säurereicher, kräftiger, leicht nussiger Weisswein. Die Trauben – wenn sie gut reifen – mit hohem Zuckergehalt. Doch der Completer kann, aber muss nicht süss ausgebaut sein. Der Completer vom Weingut Donatsch (Malans) wirkt süsslich, mächtig, saftig – die typische Würze ist fast nur im Abgang so richtig wahrzunehmen. Ganz anders der Completer vom Weingut «von Tscharner», nach meinen Erfahrungen – und die reichen doch Jahre zurück – der beste, der authentischste Completer der Schweiz. Die Süsse ist gezügelt, die reifen Frucht in Aromen gehaucht, mit frischer Säure und cremiger Stofflichkeit. Der deutsche Weinjournalist Wolfgang Fassbender sagt vom Tscharner-Completer 2000: «Einfach ein grosser Wein» und gibt ihm 97/100 Punkten. Dies hat schon burgundische Qualität. Vielleicht ist der 2010, den ich gerade im Glas habe, nicht ganz so hymnisch, doch zumindest sehr, sehr gut. Natürlich gibt es auch beim Completer Jahrgangsunterschiede. Da er aber so selten ist, geradezu rar, kann und will ich nicht Jahrgänge gegeneinander ausspielen. Wichtiger scheint mir: Der Completer – wenn er richtig gereift  (mindestens fünf Jahre) und subtil (mit Gefühl und Weinverständnis) ausgebaut ist. gehört (immer) zu den besten Weissweinen der Schweiz, jedenfalls zu den eigenständigsten und eigenwilligsten.

05. April 2020

 

Gál Tibor Winery: Pinot Noir 2016, Eger, Ungarn

 

Ja, da nehme ich mich am besten selbst an der Nase. An der weinigen Nase, die sich so gern überall  hineinsteckt, wo es um Wein geht. Zum Beispiel in diese Flasche, die irgendwie in meinen Keller geraten ist. Vorerst erinnerungslos. Irgendwann, irgendwo, irgendwie einmal gekauft, in den Keller gelegt und dann vergessen. Bis er wieder aufgetaucht ist und nach langem Werweissen (gemeinsam mit meiner Frau) kam auch die Erinnerung wieder. Wir waren – vor gut zwei Jahren – in Prag, auf einer Flussschiffsreise. Fremdorganisiert. Da gab es wenig – sozusagen keinen – Raum für speziell Weininteressierte. Auf der Rückfahrt in die Schweiz fiel mir – noch in Tschechien – das schwere Manko auf: keinen regionalen Wein gekauft. Rasch besorgte ich mir in einer Raststätte eine Flasche (zum Mitnehmen), geschuldet meiner Neugier. Gál Tibor war mir zwar – so ganz vernebelt – ein Begriff und bim Spätburgunder habe ich einige Erfahrung. Sogar das Etikett gefiel mir. So kam der Wein in meinen Keller. Erst jetzt – zwei Jahre später – staune ich: Eger, die Barockstadt, liegt doch in Ungarn und nicht in Tschechien. Also ein ungarischer Wein, gekauft in Tschechien, (nach googlen weiss ich) auch in der Schweiz erhältlich - für 16 Franken. Ich gebe zu: ohne diesen Umweg über eine tschechische Raststätte, hätte ich den Wein nie kennengelernt. Es ist mein erster ungarischer Wein, den ich für einen tschechischen hielt. Und?
Diese Erfahrung macht mir wieder einmal bewusst, wie bunt und vielfältig die Weinwelt ist. Und wie selbst eine wein-neugierige Nase fast immer am gleichen Ort herumschnüffelt. Dieser Pinot ist vor allem ehrlich – nicht weltläufig – eher verwurzelt in einer Region, die ich nur sehr oberflächlich kenne, weil sie allzu lange hinter dem «Eisernen Vorhang» versteckt und geknebelt war. Und es ist ein burgundischer Wein, nicht geschraubt, gepresst, gedopt. Ein Wein, der sich in die feinen, eleganten reintönigen Aromen verliert. Seine Klasse liegt nicht im Wau-Effekt, vielmehr in seiner eher fröhlichen Verbindlichkeit, kleinauftretenden Grösse und (guten) Bescheidenheit. Ein Wein, der nicht auftrumpfen will und kann, sondern bis in den Abgang hinein immer Wein sein möchte.

 

20. März 2020

 

Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1988, 2ème cru classé, Pauillac. Bordeaux, Frankreich

 

«Einer der absolut besten Weine von ganz Bordeaux», so beurteilt der erfahrene und zuverlässige Bordeaux-Kenner und Weinhändler Max Gerstl das Château . In der Regel nehme ich solche Superlative nicht ernst – zu häufig stosse ich in Bordeaux auf den «absolut besten Wein», oft nur so lange die Lancierung eines neuen Jahrgangs dauert und der hohe Preis zu rechtfertigen ist. Später, vor allem bei etwas älteren Weinen, relativiert sich die Begeisterung, von selbst. Was dann an den aktuellen Parker- (und anderen) Punkten und an den Preisen deutlich abzulesen ist. Für den «legendären» 82er mit satten hundert Parker-Punkten wird heute bis zu 1'000 Franken bezahlt. Der 88er nimmt sich da geradezu «bescheiden» aus, zehn Punkte (von Parker) weniger und sein Preis höchstens ein Drittel des «Spitzenjahrgangs» 1982.

Dazu kommt, dass May-Eliane de Lencquesaing, die Besitzerin des historischen Weinguts, die nicht ganz unbegründet mit «Generalin» bezeichnet wird, das Château 2006 an die Champagnerfirma Roederer mehrheitlich verkauft hat. Wer das Sagen hat, prägt auch den Stil (und wohl auch die Qualität) eines Weins. Dieser Pichon-Lalande 1988 stammt noch aus dem alten Regime. Wer die «Madame General» noch erlebt hat, der kann sich vorstellen, was dies bedeutet: elegant, fein, delikat, weich, aber bestimmt, aussagestark, nicht schreiend eher verhalten ausdrucksstark.  Dafür verantwortlich ist – nebst dem Önologen – vor allem der verhältnismässig hohe Merlot-Anteil für einen Pauillac.

Wie ist der Wein heute, mehr als dreissig Jahre später? So kurzlebig, wie man einst prognostiziert hat? Abgebaut, kraft- und saftlos? Im Gegenteil! Ein wunderbarer Altwein, bei dem die Reifetöne, ein ganzes Arsenal von Gewürzen, von Aromen, ja sogar von Düften, die jetzt eher leisten Fruchtnoten umgarnen. Einer der besten, genussvollsten Weine, die seit langem im Glas hatte. Ein starkes Erlebnis, eine Kraft, die bis in den warmen, langen Abgang anhält und schliesslich als Gesamtbild eines tiefgründigen Wein in Erinnerung bleiben wird. An was liegt es, dass er so viel besser ist, als die meisten Weinkritiker – allerdings über den Jungwein – damals sagten. Liegt es an der Lagerung? Liegt es an der eher gedämpften Erwartung? Oder an den virusbelasteten Umständen? Jedenfalls bin ich versucht, mich jetzt auch einmal in Superlativen auszudrücken