Getrunken 5. Teil (ab März 2020 - ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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Mein Elan - er hielt über viele Jahre an - einst fast täglich, heute noch wöchentlich - ein Weinerlebnis zu beschreiben und (wenn immer möglich) eine kleine Geschichte zu erzählen, ist leicht ins Stocken geraten. Nicht nur wegen Corona, vor allem weil ich inzwischen unglaublich viele Weine kommentiert habe (rund 2'000) und sich da die Geschichten immer öfters wiederholen. Doch es geht weiter, im etwas gemütlicheren Trab,

Foto: Farnese Vini
Foto: Farnese Vini

30. Juli 2020

 

Farnese Vini: Edizione Cinque Autoctoni 2005, Montepulciano/Primitivo/Sangiovese/Malvasia Nera,Negroamaro, Abruzzen, Ortona, Italien

 

Wenn die Flasche dick und schwer ist, eher wie ein Knüppel, denn ein Weingefäss, suggeriert dies: Der Wein opulent, dicht, eine wahre Fruchtbombe. Trifft dies auch hier zu, bei diesem Wein aus den Abruzzen zu? Jedenfalls ist es etwas Besonderes. Fruchtkräftig war er wohl eher in «jungen» Jahren, diese Flasche hier – fünfzehn Jahre alt – ist schon fast ein Matusalem. Jedenfalls für einen Italiener, der nur als Vino di Tavola (VdT) deklariert ist. Etwas anderes lassen die DOC wohl nicht zu. Etwas Besonderes jedenfalls ist die Cuvée – aus fünf italienischen Rebsorten – traubenmässig ein furchtbares «Chrüsimüsi». Gewöhnungsbedürftig, vielleicht, oder einfach ein neuer Weinstil. Der erwartete «Obst- und Früchtegarten» taucht nicht auf, dies mag am Alter des Weins liegen. Da ist die Aromatik von Frucht und Beeren aufgesogen, eingeebnet worden. Er kommt als weicher, geschmeidiger Wein daher. Nicht gerade elegant, schon eher bodenständig; nicht verführerisch, sich eher bewusst präsentierend, kräftig, aber nicht schlagend, schon gar nicht zuschlagend. Dafür sehr selbstbewusst und nicht umkränzt vom Touch internationaler Liebäugelein. Eigentlich gefällt mir der Wein, gerade weil er das «Anderssein» zelebriert. Weil er nicht einfach kräftig, gefällig, holzig, verführerisch ist, sondern «Italienità» ausstrahlt, ohne die Klischees des «feurigen Südländers» zu übernehmen. Zurückhaltend heisst in diesem Fall nicht «belanglos», vielmehr eine Offenheit für ein Weinerlebnis, das nicht – wie so viele Weine dieser Preisklasse (um 20 CHF) – in Belanglosigkeit zu versinken. Was mir am besten gefällt: er braucht das «Holz» nicht, um sich gross zu machen.

Foto: Cascina Belmonte
Foto: Cascina Belmonte

30. Juli 2020

 

Châteaux Palmer 1996, 3ème-grand-cru-classé, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Das «Legendäre» dieses Weines besteht vor allem in der Tatsache, dass er «nur» ein «Troisième Grand Cru Classé» ist, in der seit 1855 gültigen Wertung im Médoc. Einen «Aufstieg» gibt es hier nicht (im Gegensatz zu St-Emilion). Die mehr als 150jährige Klassifizierung ist – so die Rangordnung in Bordeaux – eben für die «Ewigkeit» gemacht (obwohl es in all den Jahren auch eine Ausnahme gibt). Das «Nur» deutet aber an (was unbestritten ist): Palmer gehört in eine höhere «Kasse», zu den besten Deuxièmes oder gar zu den fünf Premiers. Nichts zu machen! Palmer bleibt in der offizieller Hierarchie «nur» Dritter (zusammen mit 13 anderen Weinen im Médoc). Schon kurz nach dem entscheidenden Jahr der Klassifikation (Anlass: Weltausstellung in Paris) wurde das Weingut - nach einigen Wechseln – von zwei reichen Brüdern (Isaac und Emile Pereire) übernommen, welche die Schloss- und Wein-Tradition des einstigen Besitzers Charles Palmer (Generalmajor in der britischen Armee) weiterführten, das Gut vergrösserten und das prächtige Schloss im Neorenaissancestil bauen liessen. Seit dieser Zeit sind die Weine von Palmer in der britischen High-Society sehr beliebt und hoch angesehen. Auch wenn sich die Besitzverhältnisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nochmals änderten (heute gehört das Château den Nachkommen der  Linie «Sichel» und «Malher-Besse»), gilt bis heute «Palmer» als die «Wein-Perle» in der englischen Gesellschaft. Das Weingut wurde – nach Zerstörungen im Krieg – wiederaufgebaut und misst sich heute mit den Premiere Grand Cru im Médoc, vor allem mit seinem Nachbarn, dem Châteaux Margaux (1er Grand Cru Classé). Entscheidendes für den Ruf (und den Ruhm) des Weinguts hat der Amerikaner Robert Parker beigetragen, indem er den Palmer 1961 als «perfekten Wein» bezeichnet hat. Entsprechend haben sich die Preise (in den letzten Jahren und Jahrzehnten) immer mehr dem Niveau der «Spitzenklasse» im Bordelais angepasst.
Palmer war im Jahr 1996 nicht die grosse Nummer, die man – nach den schwachen Jahrgängen der frühen 90er Jahre - erwartet hat. Der Preis für den 96er war damals um 70.00 CHF, heute kostet er zwischen 300-400 CHF. Ist diese Preissteigerung gerechtfertigt? Rein qualitativ betrachtet - nur zum Teil. Er hat sicher zugelegt: ist harmonischer, runder und natürlich reifer geworden. Hat einen markanten Abgang, mit viel Kraft und Ausstrahlung. Vor allem hat er noch erstaunlich viel Frische und Eleganz, was für den damals eher überbewerteten Jahrgang – wo der Palmer nicht zur Spitze gehörte – erstaunlich ist. Vielleicht braucht es bei den Bordeaux - in dieser Kategorie - Geduld, viel mehr Geduld. Die Belohnung ist fast sicher.

Foto: Cascina Belmonte
Foto: Cascina Belmonte

22. Juli 2020

 

La Cascina Belmonte: Naturae Rebo 2018, vegan, Valtènesi, Muscoline, Lombardei, Gardasee, Italien

 

Zugegeben, ich war unglaublich gespannt, wie selten auf einen – für mich – neuen Wein. Soeben im kleinen neuen Bioladen in unserem Quartier gekauft und Schwupps war die Flasche Rotwein offen. «Naturae» - bei uns bekannt unter «Vins naturels» oder eben «Naturweine – zeigt die Art, wie dieser Wein gemacht wurde, nämlich ohne Zugabe von «fremden» Stoffen: keine Zuchthefe, keine Enzyme, keine Aromastoffe, keine Gelatine… Natürlich auch keine zusätzlichen Sulfite (Schwefel). Vegan, das heisst pflanzlich ist der Wein ohnehin, doch zur Klärung und «Schönung» werden oft auch tierische Produkte eingesetzt (Eiweiss, Lysozym etc.). Das darf ein «veganer» Wein alles nicht. Am meisten umstritten ist der Einsatz von zusätzlichen Sulfiten. Für viele ist Schwefel «des Teufels». Dabei entsteht Schwefel (Sulfite) bei jeder Gärung (Ferment-ierung). Es gibt auch keinen Wein ohne Schwefel, doch die Menge ist der eigentliche Anstoss für heftige Diskussionen. Beflügelt wird diese Debatte durch die Pflicht der Kennzeichnung (im EU-Bereich), etwa: «Dieser Wein enthält Sulfite». Da wittern alle bereits eine Gefahr für die Gesundheit. Dem ist nicht so! Die Warnung gilt nur für Aller-giker, die auf Sulfite reagieren. Bleibt noch eine fast «Unbekannte» bei diesem Naturwein. Die Rebsorte «Rebo». Sie gehört zu den pilzresistenten Neuzüchtungen (PIWI), die vor allem im «ökologischen Anbau» zum Einsatz kommen. «Rebo» ist eine Züchtung aus Merlot und Teroldego (ebenfalls eine Neuzüchtung) und gilt als «edel» und robust.

Foto: La Cascina Belmonte
Foto: La Cascina Belmonte

So, nun wäre viel geklärt. Alles? Fast alles, das wichtigste aber nicht! Wie schmeckt er denn? Es ist ein junger Wein, der aber schon die Ruhe und Besonnenheit eines Weins im «reifen Alter» in sich hat. Wenig – oder gar nichts – Aufregendes, es sei denn die Farbe. Strahlendes Rubinrot mit einem grossen Blauanteil, ein Jungwein also? 2018, nur zwei Jahre alt, wirklich noch «jung». Aber alles andere als ein «Heuriger», die Gärung weitgehend abgeschlossen, die erwartete «Spritzigkeit» eingestellt, er hat sie wohl nie besessen. Die Nase ist wohl das grösste Problem. Unmittelbar nach der Entfernung des Zapfens ein leicht modriger Geruch, der sich aber rasch verliert. Doch es tauchen nur wenig «neue» Aromen auf. Am stärksten noch eine Erinnerung an Erdbeeren und Kirschpflaumen (Myrobalane), doch verhältnismässig (für einen jungen Wein) eher bescheidene Frucht, dafür eine geschmeidige, samtene Textur. Irgendwie strahlt der Wein Fröhlichkeit aus, die sich aber (auch im Abgang) rasch verliert. Das grösste Verdienst dieses Weins ist seine Authentizität. Man meint seine Natürlichkeit bei jedem Schluck zu spüren und es tauchen wunderschöne Rebberge auf, naturnah mit viel Schmetterlingen, Insekten, ein Frühsommerliches Gewimmel. Alles nur Fantasie? Vielleicht! Für mich persönlich gibt es keine Bonuspunkte für vegan, biologisch, sulfitreduziert. Für mich zählt einzig die Trinklust und Trinkfreude, die Harmonie und «Schönheit», der Genuss und die Freude. Einer meiner Freunde fasst all das (und noch einiges mehr) zusammen im Spruch: «diesen Wein würde ich kaufen (oder nichtkaufen)». Ich habe den Wein gekauft, und ich werde ihn wieder kaufen.

17. Juli 2020

 

Château Malescasse 1998, Magnum, Haut-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Ab und zu frage ich mich – wohl zurecht – wie sehr ist das Genussgefühl beim Weintrinken von der Stimmung, den Umständen und nicht zuletzt vom Renommee der Weingegend und des Weinguts abhängig? Natürlich gibt es Kriterien, nach denen ein Wein bewertet werden kann. Vor allem gibt es den Vergleich, der Unterschiede in den Jahrgängen, den Gegenden, den Rebsorten, den Weingütern. Doch ein guter Rest im Urteil bestimmt der persönliche Geschmack und auch das Wissen um den «Wert» eines Weins. Gemeint ist der Verkaufswert, denn er ist eine – mehr oder weniger – feste Grösse, die der Konsument unmittelbar zu spüren bekommt.
Das Château Malescasse hatte – zur Zeit als ich mein «Bordeaux»-Abenteuer begann – in der Bordeaux-Gesellschaft kaum mehr einen Namen und keinen «guten Ruf». Das altehrwürdige Schloss wechselte - nach einem Tiefpunkt in den 70er Jahren - mehrfach den Besitzer, bis es in den letzten Jahren mit grossen Investitionen wieder flott gemacht wurde. Das Beste, was man von den Weinen aus dieser Zeit sagen konnte: sie waren zuverlässig, aber – man gestatte mir – überhaupt nicht aufregend. Also habe ich von diesen allmählich zuverlässiger gewordenen Wein damals ein paar wenige Grossflaschen (Magnum) gekauft (wohl an Stelle einer Flasche von den immer teurer werdenden Spitzenweinen) und liess die Malescasse – eben, weil sie aufregend waren – gut zwanzig Jahre liegen. Grossformate altern ja langsamer (und besser)!

Inzwischen ist der Malescasse aufregender geworden, Jahr für Jahr auch etwas teurer, aber (mit zirka 25 Franken) noch immer im Bereich der «günstigeren» Weine aus dem Bordelais. Meine Flasche ist eben ist eine Magnum und schon deshalb etwas Besonderes. Ich öffnete sie, weil ich den Tag – ich hatte Gäste – mit etwas Besonderem abschliessen wollte. Und siehe da, das Besondere (der Flasche) hat sich auf den Wein übertragen. Harmonisch, gut gereift, noch genügend Frucht, wirkt dicht und geschmeidig, perfekt eingebundene Tannine, mit einem langgezogenen Abgang. Der Wein hat sich «gemausert», ist edler, damenhafter geworden, ohne an Kraft und Fülle zu verlieren. Ein schöner Wein, vielleicht nicht grossartig, aber stimmig und genussvoll.

Damit stellt sich einmal mehr die Frage: wie «objektiv» bin ich – oder wie «subjektiv» ist meine Bewertung? Das Format gibt sicher etwas her, meine Gäste kannten das Château (und seine Geschichte) nicht, waren aber beeindruckt, fanden den Wein lustbringend. Ein vergnügter, gelungener Weinabend und es stand keine Bordeaux-Flasche zu einem dreistelligen Preis auf dem Tisch. Unter Bordeaux-Freaks: wäre es, rein schon von den Prämissen her, ein «kleiner» Wein, unter Weingeniessern kann er durchaus – und zu Recht - ein grosser sein.

05. Juli 2020

 

Château Margaux 1994 und 1970,
Premier Cru Classé, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Einer der fünf "Premier Cru Classé" auf der Médoc-Seite der Gironde, 1855 geadelt, heute noch immer einer der ganz grossen in Bordeaux. Eigentlich – vom Charakter des Weins - eine Dame, schön, stolz, verbindlich – gar nicht herrschend wie einige Protzen aus Pauillac.

Doch auch rasch mal gekränkt, sensibel. Sie reagiert, wie kein anderer Wein dieser Klasse, auf äussere Umstände, auf Witterung, Klimaverlauf, aber auch auf Fehler bei der Vinifizierung, bei der Lagerung, ja sogar auf die Form des Glases, wenn er ausgeschenkt wird. Irgendwie habe ich seit vielen Jahren viel Respekt vor diesem Wein. Oft schon hat er nicht das gebracht, was ich erwartet habe, er überdeckt seine Feinheiten und Nuancen nicht so leicht mit Kraft, Frucht oder sogar Holz. Man muss ihm zuhören, dem Wein, man muss hören, was er zu sagen hat. Und da fehlt – im ganzen Bordeaux-Gerangel – oft die Geduld, auch die Stille, die Fähigkeit zu erleben. Gerade bei den Grand Crus – sie kosten mittlerweile ja alle fünfhundert Franken, in «grossen» Jahren das Doppelte.

Da kann man – so die Logik – echt etwas erwarten. Ich habe immer das Gefühl, es sei kein Parker-Wein, auch wenn er ihm in der Regel (auch in bescheideneren Jahren) immer mehr als 90 Punkte gibt. Im Jahr 2000 sogar hundert! 1994 – ein eher bescheidenes Bordeaux-Jahr – 91/100 Punkten. So also war ich gespannt auf diesen Wein, der – so anders ist, als die drei andern Grossen dieser Runde; Evangile 1993, Haut-Brion und Cheval Blanc 2004 (über die werde ich hier später berichten). Der 1994er war etwa das, was ich erwartet habe: ein toller Wein, dicht, kraftvoll und so gar nicht säurelastig, eher samtig und noch erstaunlich fruchtig. Eigentlich wollte ich einmal wissen, nein selber erfahren, wie sich der Wein aus den 70er Jahren dieses stolzen Châteaus entwickelt hat. Im Keller war noch eine Flasche aus dem Jahr 1970 – also ein fünfzigjähriger Wein.  Parker hat mich gewarnt: 67/100 Punkten. Also eigentlich untrinkbar. Leider konnte ich dies nicht verifizieren. Der Zapfen war nicht dicht, hat sich beinahe aufgelöst und ist in der «Weinsauce» verschwunden. Also nicht bewertbar. Das einzige – und dies ist erstaunlich – der Wein war überhaupt nicht oxidier. Zwar ein blasser, kraftloser Altwein, aber durchaus noch trinkbar – wenn auch mit wenig Freunde. Wir haben es gelassen: er ist grösstenteils noch in der Karaffe und wird heute nochmals – vorsichtig – getestet. Auch dies ist eine interessante Weinerfahrung. Margaux hat seine Zickigkeit unter Beweis gestellt.

15. Juni 2020

 

Die Rubrik "Getrunken"
in Zeiten der Corona-Krise

 

Homeoffice!
Guten Wein gibt es da auch - zumindest etwas weiter unten, im Keller - doch es fehlt, das gemeinsame Erleben, auch Weine können einsam werden, das Weinerleben in Selbstisolation. Lockdown! Kaum sind die Massnahmen gelockert, tauchen Freunde auf und mit ihnen die Weinerlebnisse. Acht Bordeaux waren es, die erlebt werden wollten. Zwei Weine aus den Siebzigern (gleicher Jahrgang zum Vergleich) und drei Runden mit je zwei Weinen der Jahrgänge 1990 und 2000 aus der gleichen Gegend und der gleichen "Kategorie". Da gibt es viel zu erzählen. Vier Kapitel, natürlich mit "Social Distancing", coronagerecht!

01. Juli 2020

 

Kapitel 4:

 

Château Ducru-Beaucaillou 1990, Saint-Julien, 

Château Léoville-Las-Cases 2000, Saint-Julien, Bordeaux

 

Der letzte Vergleich im der «Degustation zu Corona Zeiten» - nochmals zehn Jahre Altersunterschied – verspricht viel, eigentlich aber nichts Aussergewöhnliches: gleiche Klassifikation, gleiche Appellation, beide Châteaux «in bester Lage», nahe an der Gironde, zwei ausgezeichnete Jahrgänge. Was will man noch mehr? Da kommt es letztlich nur noch auf die eigenen Vorlieben an: Eher kräftig, muskulös, mit viel Rückgrat und fast schon erschlagender Länge, so der Léoville-Las-Cases. Eher fröhlich, weich und samtig, statt tiefe, eher breit Aromen, dies zeichnet den Ducru-Beaucaillou aus. Doch beide Weingüter laufen in der Regel zur Höchstform auf.

Ducru-Beaucaillou
Ducru-Beaucaillou

Nur: Ducru-Beaucaillou hatte in den späten Achtziger-Jahre ein grosses Problem. Bei ihrem Spitzenwein – deuxième cru classé - tauchten immer wieder muffige Töne auf. Ganz ungewöhnlich für dieses Weingut. Parker verzichtete sogar auf einen Vergleich der Jahrgänge 1986 bis 1990, denn seine Bewertungen lagen in diesen Jahren ungewöhnlich tief. Beim 1990er sogar unter  88/100 Punkten, während der Léoville-Las-Cases in diesen Jahren oft 95/100 und mehr Punkte erhielten. 

Ducru-Beaucaillou ist ein wunderschönes Châteaux – noch immer bewohnt, – stammt aus dem 18. Jahrhundert und hat einen wunderbaren alte Wein-Keller. Doch genau dies war das Problem. Der   Keller – vor allem die alten Chais – wurden mit Desinfektionsmitteln behandelt und es musste auch isoliert werden. Dies führte dazu, dass mit der Zeit ein Teil der Weine einen leicht modrigen Geruch annahmen, der so gar nicht zum Wein passte. Man nennt diesen unliebsamen Effekt, der vor allem bei alten Weingütern auftritt, «Kelleraids». Auch andere  Châteaux sind (oder waren) davon betroffen.

Ducru-Beaucaillou liess – kaum war das Problem erkannt – einen neuen Keller bauen, unmittelbar neben dem alten Gebäude, ganz in die Erde geschmiegt. Es ist einer der schönsten Weinkeller des Bordelais, im Jahr 2002 eröffnet. Seither – sogar schon einige Jahre zuvor - erreichte der Wein zunehmend wieder Anerkennung und ungeteiltes Lob. Im ausgezeichneten Weinjahr 2005 waren dann beide Weine wieder gleichauf, zwar mit einer anderen Stilistik, aber beide in Höchstform, 99/100 Parker-Punkte. Auch preislich sind sie durchaus vergleichbar, obwohl der Léoville-Las-Cases fast immer deutlich teurer ist, als der dominierendere, bestimmtere Wein, doch beide sind lagerfähig, dreisssig und mehr Jahre.

Léovilles-las-Cases
Léovilles-las-Cases

In unserem Vergleich hat sich genau dies – bereits in der Blindverkostung – deutlich bestätigt. Und wir hatten Glück: beim Ducru-Beaucaillou gab es überhaupt keinen muffigen Ton. Der Wein war offen – jetzt, nach dreissig Jahren wohl auf dem Höhepunkt. Zugänglich und selbst in seinen  Fruchtelementen noch voll präsent. Der zehn Jahre jüngere Wein – der Léoville-Las-Cases - war noch immer ein «Kraftpaket». Er war das, was man ihm gemeinhin  nachsagt: keine Achterbahn, vielmehr ein unglaublich guter Streckenläufer,  durchaus noch in der Entwicklung – leicht steigend von viel, zu noch mehr  Harmonie, während sein Nachbar - der Ducru-Beaucaillou – so glaube ich, die schon fast schwindligen Höhen leichtfüssig erreicht hat.

22. Juni 2020

 

Kapitel 3:

Château Poujeaux 1990, Moulis-en-Médoc
Château Cos d'Estournel 2000. Saint-Estèphe

 

Die Überraschung - ja, die Sensation des Abends - war dieses Weinpärchen vom linken Ufer der Gironde. Wir hätten gewettet, der Cos d'Estournel - immerhin einer der beiden "Super-seconde" der Gemeindeappellation St-Estèphe - wäre der nachhaltigere, der eindrücklichere, einfach der "bessere" der beiden Weine. Allein schon auf Grund der Klassifikation, der Preise und der Bewertung durch die «Weingurus». Der «Cos» 2000 hat bei der Subskription um die 100 CHF gekostet, heute gut das 

Château Poujeaux
Château Poujeaux

Doppelte..

Der Poujeaux 1990 – Cru Bourgeois Exceptionnel – war bei der Subskription um 30 CHF zu kaufen und ist heute nur unwesentlich teuer. Also ein Klassenunterschied?

Ja, ein Klassenunterschied! Aber nicht so wie erwartet. Der Poujeaux 1990 hat von Parker gerade Mal 86 Punkte erhalten, der Cos d'Estournel 2020 immerhin 90/100 Punkten. Der Fall ist also eindeutig!

 

Ja, ein Klassenunterschied! Aber nicht so wie erwartet. Der Poujeaux 1990 hat von Parker gerade Mal 86/100 Punkte erhalten, der Cos d'Estournel 2020 immerhin 90. Der Fall ist also eindeutig! Oder doch nicht? Unsere kleine Runde hat den Poujeaux (in der  Blind-verkostung) eindeutig als den "besseren" Wein eingestuft:

(Foto: Weinblog 24)
(Foto: Weinblog 24)

Mit einem guten Rest an süsslicher Frucht (was für einen 30jährigen «kleinen» Wein erstaunlich ist), mit viel Harmonie zwischen einer feinen, zarten Säure und guten Tanninen (die geglättet sind), vor allem aber mit einer unerwarteten Vielfalt an Aromen, die sich als gebündeltes Bouquet im Gaumen entfalten. Man ahnt es: Wir sind begeistert, obwohl dieser Wein im Glas eindeutig blasser wirkt als der doch noch sehr farbkräftige, zehn Jahre jüngere Cos. Bei solchen Überraschungen ist man versucht, einen Wein eher nach Gefühlen zu beurteilen, denn auf Grund von sensorischen Skalen. Und man fahndet rasch nach möglichen Gründen: Lagerung, eine gute oder sogenannt «schlechte» Flasche, die augenblickliche Stimmung oder gewissen persönliche Vorlieben? Gefühle werden bei der Beurteilung ohnehin häufig weggesperrt, wenn es darum geht, möglichst «objektive» zu sein oder einen sachlichen Vergleich anzustellen. Der Allerweltsausdruck «ein leckerer Wein» bleibt dann in der Beschreibung bestenfalls noch übrig. Vor allem, wenn die Gefühle ganz anders sind, als der Verstand (oder die Argumente) sagt. In diesem Fall war das Erstaunen (das ungläubige Kopfschütteln) besonders ausgeprägt, weil meine Frau den Ausone (den wir später verkosteten) eigentlich über alles schätzt und als ihren «Lieblingswein» bezeichnet (der allerdings – aus Kostengründen – nur selten ins Glas kommt). Es kann doch nicht wahr sein, dass der Poujeaux sowohl den Cos, als auch den Ausone in Bezug auf Qualität und Trinkgenuss überflügelt.

Eine Situation, die ich in ähnlicher Form schon ab und zu schon erlebt habe. Der David schlägt den Goliath. Die Geschichte ist zwar bekannt, doch sie stellt die berühmte Ausnahme dar. Das ist wohl auch hier der Fall. Bei jedem ungleichen Kampf können oder werden die günstigen oder ungünstigen Umstände immer in Rechnung gestellt, wenn nicht der Stärkere, der Bessere den Sieg davonträgt. Dies dürfte auch hier der Fall sein. Langfristig wird sich wohl auch das (wieder) korrigieren. Davon bin ich noch immer überzeugt.
Doch, das die Erfahrung zeigt einmal mehr, dass all die Wertungen, die gewundenen Urteile, die Beschreibungen und Generalisierungen nicht der "Weinweisheit" letzter Schluss sind. Bei der Anerkennung und beim Preis der Weine schlägt sich dies sicher nieder. Im Bereich des Genusses aber gelten (oft) ganz andere Regeln.

Wäre da noch anzufügen, dass sich der Cos d’Estournel auch in der Farbe (tiefes Granatrot) sehr gut erhalten hat und im Gaumen einen etwas strengen, aber fülligen Charakter zeigt, nicht gealtert, sondern wirklich rund gereift. Wie kann man gegen solche Eigenschaften – zu einem Vergleich – antreten? Eigentlich nicht. Und doch hat es der Poujeaux geschafft, vielleicht weil er im Augenblick mehr Charme, mehr Authentizität und Verbindlichkeit zeigte.

17. Juni 2020

 

Kapitel 2:

 

Château Pavie, 1990, Saint-Emilion
Château Figeac, 2000, Saint-Emilion

 

Zwei durchaus vergleichbare Weine und vergleichbare Jahrgänge. Beides sind Spitzenweine (zum Zeitpunkt der Jahrgänge: Premier grands crus classés B). Beide Châteaux mussten – trotz ihrer langen, glorreichen Geschichte und ihrer anerkannt «grossen» Weine – einige Krisen überstehen. Pavie steckte seit den siebziger Jahren in einem Tief. Zwar wurden immer wieder gute, in einigen Jahren sogar hervorragende Weine gemacht. Zwar wurden immer wieder gute, in einigen Jahren sogar hervorragende Weine gemacht. Doch das Weingut – sowohl Keller als auch Reben – war zu dieser Zeit in denkbar schlechtem Zustand. Parker gab dem Pavie 1990 immerhin 92/100 Punkte, während die vorangehenden Jahre noch im Bereich der oberen 80er-Punkte lagen und die folgenden beiden Jahrgänge (generell schlechte Bordeaux-Jahre) mit 82/100 und 78/100 Punkten geradezu abgestraft wurden. Der 90er-Pavie im «grossen» Bordeaux-Jahr kostete immerhin schon damals um 80 Franken.

 

Anders die Situation beim Châteaux Figeac. Das einst riesige Weingut erlebte seinen «Abstieg» im 19. Jahrhundert und kam erst wieder - deutlich verkleinert – Mitte des 20. Jahrhunderts zur eigentlichen Blüte, als Thierry Manoncourt das Weingut der Familie übernahm und nur ein Ziel hatte, in die höchste Klasse (Premier grands crus classés A) aufzusteigen. In Bezug auf die Qualität des Weins hätte er dies schon 1995 (in St-Emilion wird etwa alle zehn Jahre neu klassifiziert, zum letzten Mal 2012) eigentlich geschafft, doch ihm wurde der «Aufstieg» verwehrt, mit dem Argument, er vermarke seine Weine halt zu billig. Für diesen 2000er bezahle ich damals (trotz der überrissenen Preise des Jahrtausend-Jahrgangs) etwa 90 Franken. Pavie kostete hingegen damals bereits 300 Franken (nach einem Besitzerwechsel 1998 und grossen Investitionen auf dem Château). Noch ein letzter Reputations-Vergleich, der die Mechanismen des Bordeaux-Geschäft deutlich aufzeigen. Pavie kostet jetzt (2018) um 400 Franken, Figeac nur in etwa die Hälfte. Die durchwegs höheren Bewertungen von Pavie durch Parker sind mit ein Grund für den eklatanten Preisunterschied.  

 

Nun zur Qualität: Figeac ist ein stolzer Wein. Meist opulent, recht ursprünglich, ab und zu mit Ecken und Kanten, aber eindeutig und klar – wenn auch eigenwillig – im Stil, mit einem hohen Cabernet- Sauvignon-Anteil (was nicht typisch ist für Saint Emilion) und fällt deshalb – in witterungsmässig weniger günstigen Jahren – etwas aus dem Rahmen: dann wirkt er etwas gepresst und verträgt keine  allzu lange Flaschenreife und weist vegetabile Noten auf. Nicht so der 2000er. Er gehört zu den nuancenreichsten, für mich auch interessantesten und komplexesten Weinen des Bordeaux. Die Superlative sind – auch in dieser Verkostung - durchaus gerechtfertigt und werden bestätigt.

 

Pavie – hier noch in der Version vor seinem steilen Aufstieg in die höchste «Klasse» - wirkt eindeutig viel freundlicher, umgänglicher und hat trotz des Alters viel Charme. Er hat fast schon zu sehr geschliffene Tannine und ein eher blumiges Bukett – schon leicht verwelkte Blumen - und deutlich weniger Gewürzanklänge als der zehn Jahre jüngere Figeac. Für Kenner: einer der letzten «grossen» Weine im «alten» Pavie-Stil. noch nichts zu spüren von dem fast kultähnlichen Pavie-Stil, der ab 1998 im Château Einzug gepflegt wurde. Noch nicht eine «Diva» wie sie der neue Besitzer Gérard Perse später geschaffen hat.

 

Beide Weine sind noch immer wunderbar zu trinken – im Stil zwar anders – aber authentisch, wie sie nur im Bordelais – in bester Lage – und in guten Châteaux (meist noch Familienbetriebe) entstehen können.

15. Juni 2020

 

Kapitel 1:

 

Château Ausone 1978, Saint-Emilion und
Château Mouton Rothschild 1978, Pauillac

 

(Fortsetzung)

Doch, so schreibt Parker, «manche Kommentatoren zeigten sich enttäuscht, dass die Weine entgegen ihren Einachätzungen (bei Trinkreife) nicht besser ausgefallen sind». Es sind auch die Weine, die bis heute einen eher «schlechten Ruf», aber doch (schon damals) recht teuer waren. Dies nach einigen «mageren» Jahre und dem wohl schlechtesten Jahrgang 1977 fast schon verständlich, der Marktlogik entsprechend.

 

Da ich erst in den 80er Jahren mit der Subskription und dem Kauf von Bordeaux begonnen habe, wurden alle früheren Jahrgänge von mir ausschliesslich auf Auktionen erworben. Der Ausone vor knapp zwanzig Jahren für 178 CHF (brutto) und der Mouton an der gleichen Auktion für 80 CHF. Heute ist der Ausone 1978 kaum mehr zu aufzutreiben, während der Mouton – Sammlerobjekt auf Grund seiner Künstler-Etiketten – noch häufiger angeboten wird, beide Weine für etwa 400 CHF. Viel Geld für «unsichere» Weine, die einst von Parker mit 88/100 und 85/100 Punkten bewertet wurden. Mouton ist (auf dem Papier), der «schlechtere» der beiden Weine, doch die Etikette, die der kanadische Künstler Jean-Paul Riopelle (1923-2002) gestaltet hat, egalisiert den anfänglichen Preisunterschied.

 

Die Skepsis, mit der wir die beiden Flaschen geöffnet haben, ist verständlich. Hat sich ein Rest von Frucht erhalten, ist das Gleichgewicht, die Harmonie, gestört? Finden sich dumpfe, pilzähnlich Noten, wie sie sich bei alten Weinen oft anzutreffen sind, vor allem, wenn sie schlecht gelagert wurden? Haben sich – nach so vielen Jahren – oxidative Noten entwickelt? Als ich die Weine an der Auktion erworben habe, waren sie immerhin schon mehr als zwanzig Jahre in der Flasche und reisten – man weiss es ja nicht – schon einige Male rund um die Welt.

 

All diese – und noch weit mehr – Befürchtungen trafen überhaupt nicht zu. Beide Weine sind noch gut zu trinken, bereiten viel Freude und auch grossen Genuss. Es sind – so mein Fazit – ausgezeichnete Altweine, die alle «Altweintrinker» beglücken würden. Was aber erstaunlich ist: der geschmackliche Unterschied ist weit kleiner als erwartet. Mouton (Pauillac) keltert rund 70 Prozent Cabernet Sauvignon und nur knapp 10 Prozent Merlot zum Erstwein, währen Ausone (St. Emilion) aus etwa gleichviel Merlot und Cabernet Franc (kein Cabernet Sauvignon) gemacht wird. Nicht nur der Boden und die Lage (Ausone: Kalkstein, geschützte Hanglage – Mouton:  Ablagerungen der Gironde, Kies, flaches Gelände), auch die Rebsorten bewirken bei jüngeren Jahrgängen deutlich mehr  Unterschiede. Ausone ist in jungen Jahren meist  der üppigere, straffere, mineralischere Wein, währen Mouton mehr Leichtigkeit, mehr Beeren- und Blumendüfte ausstrahlt und in der Stilistik oft weit weniger konsequent ist, vor allem in den siebziger Jahren, als bei Rothschild immer wieder tüchtig experimentiert wurde (1973 ist der Wein – als einziger im Médoc – zum Premier Cru aufgewertet worden).

 

Von all dem ist nichts mehr zu spüren. Es sind beides vergleichbare, hervorragende «Reifeweine» mit viel Gewürzen, Zedernholz, Bleistift, Restfrucht und leichter Süsse. Auch die Opulenz hat sich angeglichen. Der Ausone ist eindeutig (auch in der Farbe) ruhiger, verbindlicher, abgeklärter geworden, während der Mouton an Tiefe und Nachhaltigkeit gewonnen hat. Ich hatte sogar Mühe, die beiden (doch noch unterschiedlichen) Weine dem richtigen Château zuzuordnen – etwas, das ich bisher ohne grosse Mühe immer spielend geschafft habe.

 

Die beiden Weine bleiben für mich (ich glaube auch für unsere kleine Runde) eines der schönsten und rundesten Altweinerlebnisse der letzten Zeit.

01 Junil 2020

 

Noa - Noah of Areni 2015,
Vayots Dzor, Areni, Armenien

 

 Den Wein habe ich vor Jahren schon einmal beschrieben, nämlich nachdem wir  2017 in Armenien auf jenem Weingut waren, wo die Trauben für diesen Wein wachsen, in einem einst riesengrossen Wein-Kollektiv zu Zeiten der sowjetischen Herrschaft. Im Zug der Privatisierung der Landswirtschaft (nach 1991) konnte die ehemalige Verwaltung des Weinguts, die Winzerfamilie Ghazaryan, die veralteten Anlagen und ein Teil der Rebberge übernehmen und eigenen Wein auf den Markt bringen. Doch die wirtschaftliche Situation des nun unabhängigen Landes war – besonders nach dem Konflikt mit Aserbaidschan um Bergkarabach – nicht rosig und landwirtschaftliche Exporte sehr schwierig. Die Anlagen zur Vinifizierung auf dem neuerstandenen Weingut verrosteten und verrosteten. Es fehlte das Geld für eine Sanierung. In dieser Zeit hat auch die Schweizer Jakobskellerei Schuler das Potential der armenischen Weine entdeckt und das eingeleitet, was seit Jahren in Europa – vor allem in Deutschland – sehr immer häufig ist: Aus ärmeren Ländern wird Wein importiert und in Tanklastwagen als Bulk- oder Fasswein quer durch Europa gekarrt, um dann im Bestimmungsland verarbeitet und in Flaschen abgefüllt zu werden. Meist entsteht so günstige Basisweine (Billigweine oder Massenweine), welcher die einheimischen, meist viel teureren Qualitätsweine ergänzen. Nicht so beim «Noah of Areni». Hier wird gezielt aus dem Fasswein ein eigenständiger, ja sogar eigenwilliger Qualitätswein gemacht. Die Qualität des Weins und vor allem auch die bei uns kaum bekannte uralte armenische Rebsorte Areni lassen dies zu. In den modernen Anlagen werden von den Önologen der Firma elegante, im Geschmack eigenwillige, aber durchaus hochfeine Weine gemacht. Eine einfachere Version – ohne längere Lagerung im Barrique – und Version, die höchsten Ansprüchen genügen kann und sich in bis zu Jahre Flaschenreifung noch verbessert. Die beiden Weine vermitteln das Erlebnis einer Rebsorte, mit ganz eigenem Geschmack: leicht bitter, aber auch zart, gehaltvoll, blaubeerig und einem Touch von Melonen, Nüssen und eine Variation von orientalischen Gewürzen. Nein, es ist gar kein einfacher Wein, nicht so leicht in eine Schublade des Geschmacks unterzubringen. Es ist eine Persönlichkeit, die kräftig und verführerisch auch schwere Gerichte «umgarnen» kann, von Grilladen über Eintöpfe bis zu Pasta Gerichten. Ich ziehe vor allem den einfacheren «Noa» dem «Noa Reserve» vor, weil hier das ursprüngliche Bouquet viel präsenter und weit weniger gestylt ist.

28. Mail 2020

 

Baron Benjamin de Rothschild,
Château Clarke 1996, Cru Bourgeois Supérieur, Listrac-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Als meine Liebe zum Bordeaux in den achtziger Jahren begann, da war Château Clarke so etwas wie ein «Geheimtipp». Doch so geheim war der Wein aber nicht, eher auf dem langen Weg ein «grosser» Bordeaux zu werden. Zwanzig Jahre zuvor hat Baron Edmond de Rothschild – vom französischen Familienzweig der Rothschilds (Château Lafite) – das geschichtsträchtige Weingut Clarke in Listrac gekauft. Allerdings war es ein Weingut, das einst einen guten Namen hatte, jetzt aber von Grund auf neu geschaffen werden musste. Das Gebäude war zerstört, die Reben grösstenteils niedergebrannt und sein Ruf dahin. Nun, Gebäude (auch Weinkeller) lassen sich in relativ kurzer Zeit erbauen, aber Reben brauchen Jahre, bis sie reif sind für das Keltern «grosser» Weine.  1973 – kurz nach dem Kauf - begann der Um- und Ausbau des Châteaus und seiner Rebfelder. 1978 war es so weit: der erste Jahrgang des neuen Château-Clarke-Weins wurde für den Markt gekeltert. Die Reben waren allerdings noch jung, sehr jung. Sie brauchten sicher noch zehn, zwanzig Jahre, bis wirklich «grosse» Weine möglich wurden. 1997 starb Baron Edmond de Rothschild, nur ein Jahr nach seinem ersten, auch innerhalb der «Bordeaux-Hierarchie» anerkannten Spitzenwein.

Ab 1997 übernahm sein Sohn Benjamin das Weingut. Und es wurde weiter investiert, experimentiert und immer bessere Weine gemacht. Château Clarke hat zum alten Glanz und Renommee zurückgefunden. Allerdings, ganz grosse Weine können im Médoc (nördlich des eigentlichen Kerngebiets: Haut-Médoc) kaum entstehen. Einerseits ist es die Lage, dann die Jahrhunderte alte Rangordnung der Appellationen und schliesslich das Prestige (mitbestimmend für den Markt und die Preise), welche den Abstand zu den 1855 klassifizierten Weinen bestimmen. Daran vermögen weder der Name Rothschild noch die grossen Investitionen allzu viel ändern. Clarke ist und bleibt ein guter Wein, wie es noch einige in den Appellationen des Bordelais gibt, die eher am Rande der berühmten Weindörfer liegen.

Was ist aber jetzt – nach 24 Jahren – aus dem letzten von Baron Edmond de Rothschild (1926-1997) so innig gewünschten und geförderten Wein geworden?  Abgebaut? Zu lange im Keller gelegen? Er hat sich zu einem guten, schönen Altwein entwickelt. Nicht besser und nicht schlechter wie viele der «kleineren» Weine des Jahrgangs, die ich in der letzten Zeit im Glas hatte. Doch die Typizität von Clarke – Cabernet Sauvignon und Merlot etwa zu gleichen Teilen – kommt nicht mehr zum Tragen. Auch an Eleganz hat er einiges eingebüsst. Trotzdem: ich trinke den Wein voller Anerkennung für den Erneurer dieses Weinguts, der sich hier einen Traum erfüllt hat, und dessen letzte Ruhestätte Gelände des Schlosses liegt.

23. Mail 2020

 

Riebeek Cellars: Shiraz 1998
Swartland, Südafrika

 

Ein Wein aus Südafrika, der bei uns kaum besprochen wird. Schon gar nicht so ein „alter“ Wein. Eben nicht im Mainstream. Wie er in meinen Keller gekommen ist, weiss ich nicht mehr. Wohl bei einer Auktion als „Zugabe“ von Weinen der Rebsorte Pinotage, für die ich öfters geboten habe. Dem Wein bin ich auch auf zwei grossen Reisen durch die Weingebiete Südafrikas nicht begegnet. Kein Wunder, schreibt doch „Vinum“, das Magazin „Selbst für viele Bewohner von Kapstadt ist Swartland kaum mehr als ein riesiges Stück «Pampas», wo sich Hasen und Kudus gute Nacht sagen.» Ich erinnere mich noch gut an die Besuche auf dem Weingut «Allesverloren» und an die Kleinstadt Darling, wegen ihres «anmächeligen» Namens, aber an das Riebeek-Valley nicht, und schon gar nicht an seine Weinkeller. Ein Versäumnis? Nein, wenn man Weine auf Grund der internationalen Reputation auswählt. Ja, wenn man einen typischen Wein aus dem «Berggebiet» Swartland (Preis um 17 CHF) sucht. (Der höchste Berg ist hier etwa 700 Meter über Meer.)
Der Wein ist auch nach zweiundzwanzig Jahren noch ein kräftiger Brocken. Ein «Einheimischer», vor allem weil das sonst allpräsente Vanille-Aroma der Barriques fehlt. Einfach nur gut «verdaut» nach so vielen Jahren oder Kennzeichen für einen Wein, der das typische Terror der Gegend aufgesogen hat? So genau lässt sich dies bei diesem «Altwein» nicht mehr ausmachen. Jedenfalls ist die Kraft und die Erlebnisstärke (für mich) eine Überraschung. Ich möchte schon sagen: ein echter Gewinn. Kein Weltklassewein, sicher nicht. Schon eher ein Shiraz der besonderen Art: ohne französische Eleganz, aber auch nicht der Abklatsch eines Weinstils, der aus dem Shiraz so vieler Weingegenden einen fast schon «uniformierten» Wein macht: mit viel roten Früchten und eine Portion Tabak und Kakao. Hier herrscht das Wilde vor (die Frucht ist wohl weitgehend abgebaut) und formt sich zum Erlebnis, das nicht – wie bei so vielen Weinen – beliebig auswechselbar ist.

03. Mail 2020

 

Weingut Von Tscharner, Completer 2010, Schloss Reichenau, AOC Graubünden, Schweiz

 

Noch heute wird in Klöstern – vor allem bei den Benediktinern - nach der Vesper, kurz vor der Nachtruhe die «Komplet» gebetet (oft auch gesungen), das letzte Stundengebet im religiösen Ritual des Klosters. Darin enthalten ist auch der Psalm 91, der - vor allem in Zeiten von Seuchen und Krieg - den rettenden und tröstenden Gott anruft: «Du brauchst keine Angst zu haben vor den Gefahren der Nacht oder den heimtückischen Angriffen bei Tag. Selbst wenn die Pest im Dunkeln zuschlägt und am hellen Tag das Fieber wütet, musst du dich doch nicht fürchten». (91.5 und 6) Dass die Bitten in den drei Psalmen der Komplet mit einem guten Schluck Wein bekräftigt und besiegelt wurden, ist alte Überlieferung. Ob sie stimmt, weiss ich nicht. Doch den Wein der Komplet gibt es, zumindest in (und um Chur), den «Completer» Er soll die Domherren am bischöflichen Sitz (seit dem 9. Jahrhundert) vor dem Schlafengehen erleuchtet haben.  

Der Completer ist längst «weltlich» geworden. Den Hauch der Geschichte trägt er aber noch in sich, verborgen in der autochthonen Rebsorte, die viel Wärme braucht und sich nur in milden Alpenregionen (vor allem der Schweiz) bis heute durchsetzen konnte. Der Wein: ein säurereicher, kräftiger, leicht nussiger Weisswein. Die Trauben – wenn sie gut reifen – mit hohem Zuckergehalt. Doch der Completer kann, aber muss nicht süss ausgebaut sein. Der Completer vom Weingut Donatsch (Malans) wirkt süsslich, mächtig, saftig – die typische Würze ist fast nur im Abgang so richtig wahrzunehmen. Ganz anders der Completer vom Weingut «von Tscharner», nach meinen Erfahrungen – und die reichen doch Jahre zurück – der beste, der authentischste Completer der Schweiz. Die Süsse ist gezügelt, die reifen Frucht in Aromen gehaucht, mit frischer Säure und cremiger Stofflichkeit. Der deutsche Weinjournalist Wolfgang Fassbender sagt vom Tscharner-Completer 2000: «Einfach ein grosser Wein» und gibt ihm 97/100 Punkten. Dies hat schon burgundische Qualität. Vielleicht ist der 2010, den ich gerade im Glas habe, nicht ganz so hymnisch, doch zumindest sehr, sehr gut. Natürlich gibt es auch beim Completer Jahrgangsunterschiede. Da er aber so selten ist, geradezu rar, kann und will ich nicht Jahrgänge gegeneinander ausspielen. Wichtiger scheint mir: Der Completer – wenn er richtig gereift  (mindestens fünf Jahre) und subtil (mit Gefühl und Weinverständnis) ausgebaut ist. gehört (immer) zu den besten Weissweinen der Schweiz, jedenfalls zu den eigenständigsten und eigenwilligsten.

05. April 2020

 

Gál Tibor Winery: Pinot Noir 2016, Eger, Ungarn

 

Ja, da nehme ich mich am besten selbst an der Nase. An der weinigen Nase, die sich so gern überall  hineinsteckt, wo es um Wein geht. Zum Beispiel in diese Flasche, die irgendwie in meinen Keller geraten ist. Vorerst erinnerungslos. Irgendwann, irgendwo, irgendwie einmal gekauft, in den Keller gelegt und dann vergessen. Bis er wieder aufgetaucht ist und nach langem Werweissen (gemeinsam mit meiner Frau) kam auch die Erinnerung wieder. Wir waren – vor gut zwei Jahren – in Prag, auf einer Flussschiffsreise. Fremdorganisiert. Da gab es wenig – sozusagen keinen – Raum für speziell Weininteressierte. Auf der Rückfahrt in die Schweiz fiel mir – noch in Tschechien – das schwere Manko auf: keinen regionalen Wein gekauft. Rasch besorgte ich mir in einer Raststätte eine Flasche (zum Mitnehmen), geschuldet meiner Neugier. Gál Tibor war mir zwar – so ganz vernebelt – ein Begriff und bim Spätburgunder habe ich einige Erfahrung. Sogar das Etikett gefiel mir. So kam der Wein in meinen Keller. Erst jetzt – zwei Jahre später – staune ich: Eger, die Barockstadt, liegt doch in Ungarn und nicht in Tschechien. Also ein ungarischer Wein, gekauft in Tschechien, (nach googlen weiss ich) auch in der Schweiz erhältlich - für 16 Franken. Ich gebe zu: ohne diesen Umweg über eine tschechische Raststätte, hätte ich den Wein nie kennengelernt. Es ist mein erster ungarischer Wein, den ich für einen tschechischen hielt. Und?
Diese Erfahrung macht mir wieder einmal bewusst, wie bunt und vielfältig die Weinwelt ist. Und wie selbst eine wein-neugierige Nase fast immer am gleichen Ort herumschnüffelt. Dieser Pinot ist vor allem ehrlich – nicht weltläufig – eher verwurzelt in einer Region, die ich nur sehr oberflächlich kenne, weil sie allzu lange hinter dem «Eisernen Vorhang» versteckt und geknebelt war. Und es ist ein burgundischer Wein, nicht geschraubt, gepresst, gedopt. Ein Wein, der sich in die feinen, eleganten reintönigen Aromen verliert. Seine Klasse liegt nicht im Wau-Effekt, vielmehr in seiner eher fröhlichen Verbindlichkeit, kleinauftretenden Grösse und (guten) Bescheidenheit. Ein Wein, der nicht auftrumpfen will und kann, sondern bis in den Abgang hinein immer Wein sein möchte.

 

20. März 2020

 

Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1988, 2ème cru classé, Pauillac. Bordeaux, Frankreich

 

«Einer der absolut besten Weine von ganz Bordeaux», so beurteilt der erfahrene und zuverlässige Bordeaux-Kenner und Weinhändler Max Gerstl das Château . In der Regel nehme ich solche Superlative nicht ernst – zu häufig stosse ich in Bordeaux auf den «absolut besten Wein», oft nur so lange die Lancierung eines neuen Jahrgangs dauert und der hohe Preis zu rechtfertigen ist. Später, vor allem bei etwas älteren Weinen, relativiert sich die Begeisterung, von selbst. Was dann an den aktuellen Parker- (und anderen) Punkten und an den Preisen deutlich abzulesen ist. Für den «legendären» 82er mit satten hundert Parker-Punkten wird heute bis zu 1'000 Franken bezahlt. Der 88er nimmt sich da geradezu «bescheiden» aus, zehn Punkte (von Parker) weniger und sein Preis höchstens ein Drittel des «Spitzenjahrgangs» 1982.

Dazu kommt, dass May-Eliane de Lencquesaing, die Besitzerin des historischen Weinguts, die nicht ganz unbegründet mit «Generalin» bezeichnet wird, das Château 2006 an die Champagnerfirma Roederer mehrheitlich verkauft hat. Wer das Sagen hat, prägt auch den Stil (und wohl auch die Qualität) eines Weins. Dieser Pichon-Lalande 1988 stammt noch aus dem alten Regime. Wer die «Madame General» noch erlebt hat, der kann sich vorstellen, was dies bedeutet: elegant, fein, delikat, weich, aber bestimmt, aussagestark, nicht schreiend eher verhalten ausdrucksstark.  Dafür verantwortlich ist – nebst dem Önologen – vor allem der verhältnismässig hohe Merlot-Anteil für einen Pauillac.

Wie ist der Wein heute, mehr als dreissig Jahre später? So kurzlebig, wie man einst prognostiziert hat? Abgebaut, kraft- und saftlos? Im Gegenteil! Ein wunderbarer Altwein, bei dem die Reifetöne, ein ganzes Arsenal von Gewürzen, von Aromen, ja sogar von Düften, die jetzt eher leisten Fruchtnoten umgarnen. Einer der besten, genussvollsten Weine, die seit langem im Glas hatte. Ein starkes Erlebnis, eine Kraft, die bis in den warmen, langen Abgang anhält und schliesslich als Gesamtbild eines tiefgründigen Wein in Erinnerung bleiben wird. An was liegt es, dass er so viel besser ist, als die meisten Weinkritiker – allerdings über den Jungwein – damals sagten. Liegt es an der Lagerung? Liegt es an der eher gedämpften Erwartung? Oder an den virusbelasteten Umständen? Jedenfalls bin ich versucht, mich jetzt auch einmal in Superlativen auszudrücken