Getrunken 5. Teil (ab März 2020 - ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

www.facebook.com/sammlerfreak

Mein Elan - er hielt über viele Jahre an - einst fast täglich, heute noch wöchentlich - ein Weinerlebnis zu beschreiben und (wenn immer möglich) eine kleine Geschichte zu erzählen, ist leicht ins Stocken geraten. Nicht nur wegen Corona, vor allem weil ich inzwischen unglaublich viele Weine kommentiert habe (rund 2'000) und sich da die Geschichten immer öfters wiederholen. Doch es geht weiter, im etwas gemütlicheren Trab,

Saint Guilhelm (Foto: Michelin)
Saint Guilhelm (Foto: Michelin)

02. Oktober 2020

 

Weingut von Tscharner, Schloss Reichenau: Jeninser 1989. Blauburgunder, Bündner Herrschaft, Graubünden, Schweiz.

 

Ein Altwein, fast vierzig Jahre alt. Nicht in der Tradition der «gereiften Weine» von Bordeaux, wo der Wein – zumindest früher – mindestens zehn Jahre gelagert werde sollte, um seine volle Trinkreife anzusteuern. Ein Schweizer-Wein, den man damals eher despektierlich «Beerliwein» genannt hat, weil er eher «spritzig» (weil direkt von der Hefe abgefüllt) war, und nicht die Erwartung weckte, einmal grossväterliche Gelassenheit und Würde zu zeigen. Es muss auch nicht jeder Wein alt werden, um «gut» zu sein. Jugend hat ihre eigene Welt, vielleicht ist sie stürmischer, wahrscheinlich sogar genüsslicher. Dieser Wein aber ist alt geworden, weil er im Winzerkeller bleiben durfte, und nicht um die Welt gejagt wurde, wie so viele hochkarätige (teure) Weine, die zum Handelsobjekt geworden sind.

Alte Weine haben immer auch den Charme der Geschichtlichkeit. Sie dokumentieren die Vergangenheit. Was geschah vor vierzig Jahren, als die Trauben dieses Weins gereift, geerntet, gekeltert und schliesslich in die Flaschen gefüllt wurden? Das hat vorerst einmal nichts mit seiner Qualität zu tun, vielmehr mit dem Jahrgang, mit der Erinnerung an jene Zeit, als… Natürlich dokumentiert der Jahrgang immer auch das Wachstum der Reben und ihrer Früchte, die Einflüsse der Natur, der Witterung, der Temperaturen… Deshalb spricht man – meist allzu leichtfertig – von guten und schlechten Jahrgängen, von schwierigen und ertragsreichen Jahren, von… Im Altweingeschäft ist das mitunter weit wichtiger als das, was der Winzer (mit seinem Können) im Keller beigetragen hat. Ich gebe zu, auch mich fasziniert der Jahrgang von Weinen, schon allein deshalb, weil sie – als eines der wenigen Nahrungs- und Genussmittel – locker viele Jahrzehnte mühelos überdauern könne, zwar nicht mehr die gleichen (Weine) sind, aber gerade in ihrer neuen Art vom langsamen Werden Zeugnis ablegen. Da kann sich schon einmal der Irrtum einnisten, ein Altwein sei per se gut oder (wer Altweine nicht mag) eben schlecht.

 Tatsächlich neigen Altweine – meist auf Grund falscher Lagerung oder undichter Verschlüsse – zu oxidativen Noten, von firnig bis ranzig. In der Farbe (bräunlich), im Geruch und im Geschmack zwar erkennbar, aber nicht immer schön, oft auch störend, verlebt. Hie und da – im Glücksfall – sind Altweine ein Glücksfall, eine Bereicherung, oft ja sogar ein wundervolles – ja einmaliges - Geschmackserlebnis. Über die Frage: wann dies der Fall ist und wann ein Wein in den Bereich «verdorben» kippt – oder etwas poetischer ausgedrückt: «verlebt» ist - streiten sich Wein-Liebhaber. Für mich ist klar: Auch nur leichte Spuren von Essignoten, starke Liebstöckeltöne, auch Sherry und Malz in ausgeprägter Form sind sogenannte «Fehltöne» und gehören so auch nicht in Altweine.

Wenn sich aber ein harmonische Aromenprofil öffnet, mit leisen Anklängen an Gewürze, an Spezereien, an Zartbitterschokolade, an Nuancen von Nüssen und ein ganzes Spektrum von bekannten (und sogar unbekannten) «Klängen» - nicht kräftig und plump, eher zurückhaltend, harmonisch – dann fängt ein Altwein an zu «singen». Dann geht der Genuss weit über seinen «historischen Wert» hinaus. Für Altweintrinker erklingt da eine (neue) «Melodie».

 Viele Weinfreunde kennen das von alten Bordeaux oder Burgundern. Da wird sogar so etwas wie «Alterstöne» erwartet. Aber bei einem «einfachen Landwein» aus einer Zeit, in der man erst begann, (auch hier in der Schweiz) die Qualität der Quantität vorzuziehen, wo Ideen und Erkenntnisse des damals dominierenden Önologen – Émile Peynaud – im Weinbau (allmählich) allmählich Fuss fassten, wo Gebiets- und Lagenbezeichnungen weniger Qualitäts- als vielmehr folkloristische Merkmale waren und der Trend zum „Massenwein“ erst einsetzte, da verlangt niemand höchste Altersqualität überreifer Weine.

Niemand? Wer diesen Wein – oder ähnlich sorgfältig gemachte und gut gelagerte Weine – einmal ernsthaft und Vorurteilslos verkostet erlebt oft einen Trinkspass mit viel Überraschungen und neuen Erfahrungen.  Diese Weine sind zwar rar, denn sie wurden längst getrunken und waren nie lange Lagern gemacht. Sie kosten auch nur einen Bruchteil der „grossen“ Alt-Weine, die auf Auktionen (meist nur auf Grund des Namens und Jahrgangs) zu Spitzenpreisen unter den Hammer, aber oft genauso viel „Weinreife“ (Flaschenreife) zeigen und vielleicht sogar das grössere Erlebnis sind.

Saint Guilhelm (Foto: Michelin)
Saint Guilhelm (Foto: Michelin)

02. Oktober 2020

 

Domaine Léandre-Chevalier: Le Joyau 2010, Blaye, Côte de Blaye AOC, Bordeaux, Frankreich

 

Das ist Bordeaux! Eine Geschichte, die mich unglaublich traurig und wütend macht. Da gab es einen Winzer, der hat hervorragende Weine gemacht. Sein Nachteil: er wollte mit viel Aufwand ausgezeichnete Weine machen und nicht nur das grosses Geld verdienen. Er war einer der ersten Winzer im Bordelais, der seinen Rebberg so bearbeitet hat, wie auch berühmte Weingüter ihn heute bearbeiten. Zum Beispiel mit Ross und mittelalterlich anmutendem Pflug (damit der Boden locker bleibt), mit unglaublicher Sorgfalt und einem Höchstmass an Verantwortung gegenüber der Natur. Es dürfte das erste «biologische Weingut» in Bordeaux gewesen sein, zwar ohne Zertifikat, weil ihm Zertifikate nicht wichtiger waren, als das, was er in der Natur und im Keller – eigenhändig – für hochwertigen, ja kostbaren Wein tun kann. Und das waren unglaublich viel Arbeit, Kraft, Zeit und Aufwand. Der engagierte, eigenwillige Winzer heisst

Dominique Léandre-Chevalier. Ich habe ihn vor mehr als zehn Jahren kennen gelernt. Er war mit vielen Winzerkollegen aus Bordeaux an einer Präsentation des neuen Jahrgangs. Eingeladen – und auch "entdeckt" – von einem Weinhändler, dem wohl besten Bordeaux-Kenner der Schweiz. Doch der weitgehend unbekannte Winzer wurde an der grossen Veranstaltung kaum beachtet, kaum wahrgenommen. Die Weinliebhaber versammelten sich in Scharen um die berühmten Namen, die «grossen» Châteaux, die Vertreter der «edelsten» und damit auch teuersten Weine. Es war die Zeit, als die Preise im Bordeaux-Geschäft buchstäblich explodierten. Es war auch die Zeit, in der ich immer kritischer wurde, gegenüber dem Rummel um das vermeintlich «beste Weingebiet der Welt", gegenüber Luxusprodukten, die sich nur noch die Reichsten leisten können (oder wollen), gegenüber all den techni-schen Möglichkeiten im Keller, gegenüber Weinen, die nur noch auf internationalen Geschmack getrimmt und geformt werden.

Weil an seinem Ausschank-Tisch Platz war und ich Zeit hatte, habe ich mit dem «eigenwillig naturverbundenen» Winzer (und seiner Tochter) lange geredet… Vielleicht auch nur, weil sonst niemand an seinem Tisch Weine verkosten wollte. Vielleicht hatte ich sogar so etwas wie Mitleid mit dem «Aussenseiter» unter den "berühmten" Châteaux-Besitzer. Doch sehr rasch habe ich festgestellte, dass hier ausserordentlich gute und eigenständige Weine zum Verkosten anbot en werden. Seit jenen Jahren habe ich immer wieder seine Weine subskribiert, verkostet und an eigenen Vergleichs-Degustationen ausgeschenkt. Fast immer mit dem gleichen Effekt: Grosse Worte, grosses Lob, grosse Anerkennung – in der Wertung bis zu 19/20 oder 98/100 Punkten. Immer, bis… ja bis der Name der Appellation und die Preise aufgedeckt wurden. Der Name: nur wenigen Weinfreunden ein Begriff. Das Weingut: klein und nicht im grossen «Bordeaux-Rennen» unterwegs. Die Appellation: nicht im «Kerngebiet», von wo die teuren Weine kommen…

(Bilder: Screenshots "Viticulteur rebelle en Bordelais")
(Bilder: Screenshots "Viticulteur rebelle en Bordelais")

Ein Aussenseiter eben. Nichts für echte Bordeaux-Liebhaber!

Als kürzlich der Weinhändler, der einst den  leidenschaftlich engagierten Winzer und seine ausserodentlichen Weine  in sein Programm aufgenommen hat, die Weine speziell angepriesen hat und zwar «30% oder 40 Prozent günstiger», da ahnte ich es: Das Weingut ist in Schwierigkeiten und jetzt weiss ich es: das Weingut gibt es nicht mehr. Konkurs! Zu gross der Aufwand, zu wenig Reputation, zu kostspielig die Produktion für einen Familienbetrieb, kein Tanz um das luktrative Bordeaux-Geschäft. Nur ein ganz spezielles Produkt, ausgezeichnete Weine: «Enorm tiefgründig, irre komplexer Duft, ein immenses Duftspektrum… ein sublimes, irre raffiniertes Parfüm… eine geballte Ladung Frucht, ganz viel Terroir, ein aromatisches Feuerwerk, getragen von einer verblüffend feinen Tanninstruktur», (Gerstl) So kann, so soll, so darf ein Wein sein, wenn er in der «höchsten Liga» mitreden will. Überall, fast in jedem Weingebiet, nicht aber in Bordeaux. Da braucht es (noch) noch etwas anderes: einen glanzvollen Namen, der nicht die Kehlen, vielmehr auch das Portemonnaie öffnet. Das ist - leider - heute (zum guten Teil) das Bordeaux, von dem man spircht.

Saint Guilhelm (Foto: Michelin)
Saint Guilhelm (Foto: Michelin)

02. Oktober 2020

 

Bergerie de Fenouillet: Le Blanc 2016, Cuvé (Vermentino, Grenache blanc, Marsanne, Sauvignon blanc, Chardonnay und Roussanne). Herault, Vacquières, Languedoc, Frankreich

 

Selten hat mir ein Wein so viel Spass gemacht. Endlich ein Wein, der erzählt und nicht einfach dokumentiert, was aus bestimmten Rebsorten gemacht werden kann. In diesem Wein sind viele Rebsorten, die mitreden, aber sich nicht vordrängen. Jede hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Kraft, ihre eigene Schönheit. Sie alle treffen sich in einem Wein, der nicht mit bedeutungs-schwangerem Namen  gestempelt ist. Einfach «Le Blanc», der Weisse. Kräftig und schön, charakter- und geheimnisvoll, verbindlich und ausserordentlich. Ein «Weisser», den man gut verstehen, aber nicht so leicht fassen kann. Da übliche Weinvokabular wird da aufgebrochen, indem der Wein selbst erzählt. Man hört zu: der Sprache des Südens, riecht den Duft und Weite, denkt an die  Rhone, ihrem langen Weg vom Norden in den Süden, registriert die knisternden Offenheit  und Vertrautheit einer grossen Weinwelt, staunt über die rauchigen Schönheit edler Frucht… Ein Durcheinander der Sprachen also? Die Stimmen fallen sich aber nicht ins Wort, sie hören einander zu, passen, sich an, ergänzen sich. Vergeblich sucht man nach Aromen, die dominieren. Sie sind alle da:  Mandeln, Kirschen, Birnen, Mineralien, Gewürze… Nicht neben, vielmehr miteinander. Jede auch noch so kleine Verwirrung löst sich auf im Genuss eines festen, charaktervollen Weins, der dauernd etwas erzählt, immer wieder etwas Neues. Meist tänzelnd, fabulierend, doch das, was erzählt wird, hat auch Hintergrund und Ernsthaftigkeit. Ein verrückter Wein, der mir deshalb so gut gefällt, weil er eindeutig, gleichzeitig aber auch vieldeutig ist. Weil er nicht eine Geschichte herunterleiert, sondern darauf eingeht, was mit ihm geschieht: im Glas, im Mund, im Gaumen, nach dem Abgang. Es ist ein Wein, der anders ist – und doch so, wie ihn die Natur (und der Winzer) erschaffen hat. Ich wünschte mir mehr solche Weine, die runde Ecken und entschärfte Kanten haben, die mich immer wieder andere Sprachen, indem sie – wie selbstverständlich – auf meine Stimmungen, auf meine Wahrnehmungen eingehen. Das sind Geschichten, Weingeschichten. Davon möchte ich in dieser Rubrik erzählen. Von Geschichten, die sich zwar oft wiederholen und doch immer und immer wieder anderes sind.

08. September 2020

 

Benaco Bresciano, Cascina Belmonte: Naturae Riesling/Manzoni 2018, Bio, vegan, Lombardei, Muscoline, Gardasee, Italien

 

 Was mich an dieser Flasche mehr beeindruckt als der Wein selber, das ist der «Natur-Rebberg» (Farm Nature Plan), der mit diesem Wein unterstützt (oder ermöglicht) wird. Ein «Garten auf alten Terrassen mit neuen krankheitsrestenten Rebsorten und Raum für Schmetterlinge und Amphibien.» Der Wein selber kann mich weniger begeistern, auch wenn die Qualität durchaus beachtlich ist. Für mich ist es ein Versuch – wie weit auch geglückt, kann ich noch nicht sagen – im Keller ohne zusätzliches Sulfit, ohne „Hilfsmittel“ wie Enzyme, Edelhefe, ohne Schönung mit tierischen Produkten etc. zu arbeiten. Man bezeichnet solche Weine als „vegan“ (ohne dass es heute bereits eine präzise Definition oder gar Zertifizierung gibt).  
Am schwierigsten ist es wohl bei der Vinifizierung ohne zusätzlichen Schwefel zu arbeiten. Grundvoraussetzung: ein absolut perfektes Traubengut, was es (auch bei bestem Handverlesen) kaum immer gegeben ist. Ohne genügend Sulfite oxidiert der Wein gern und rasch.  
Doch all das hat wenig direkten Einfluss auf eine sensorische Weinbeurteilung: das Kriterium „vegan“ ist beim Wein kaum auszumachen und der Sulfit Einsatz ist vor allem für Allergiker von Bedeutung. Beim Rotwein „Naturae“ vom gleichen Produzenten (den ich bereits im „Getrunken“ beschrieben habe) war ich vom Resultat sehr „angetan“. Beim Weissen hier habe ich mehr Mühe. Doch ich denke, es liegt vor allem auch an den Rebsorten. Von einem Riesling (die eine Rebsorte der Cuv
ée) erwartet man mehr Munterkeit, mehr Frische, mehr Prägnanz. Der andere Teil, Manzoni Bianco, eine Neuzüchtung (Riesling/Weissburgunder), wird eigentlich nur in Italien angebaut und ist – zumindest mir – nicht sehr vertraut. Der Wein ist – um es etwas pauschal auszudrücken – langweilig. Er fliesst einfach so dahin – nicht aufregend, nicht störend, nicht (oder wenig) Erinnerung hinterlassend. Fruchtig blumig, würzig, mineralisch… von allem etwas, aber nicht so viel, dass man sich daran festhalten kann. Mir fehlt das Rebellische, das Unverwechselbare, das – um es mit einem Modewort zu sagen - die Terroir-Note. Man könnte auch sagen: das Spezifischen. Was in mehr oder weniger Harmonie eingeht - oder zerfliesst – ist nicht erinnerbar, dies gilt auch für einen Wein.

25. August 2020

 

Château Croix Fourney 1982, Saint-Pey-d’Armens, Saint-Emilion, Bordeaux, Frankreich

 

Ein grosser Jahrgang, ein kleines Château. Genügt es, aus einem der besten Jahrgänge der Nachkriegszeit zu sein, um auch als «grosser Bordeaux» gehandelt zu werden? Die Antwort ist eindeutig: nein! Bis zur Jahrtausendwende, spielte der Verlauf des Jahrs im Rebberg (Wetter, Erntezeit, Trocken- und Regenperioden etc.) eine wichtige, ja entscheidende Rolle um einen Jahrgang «gross» oder eben «klein» zu machen – und damit auch die Nachfrage und den Preis zu beeinflussen, vor allem in prestigeträchtigen Gebieten wie Bordeaux. In den letzten Jahren spielt allerdings der Jahrgang eine viel kleinere Rolle, weil heute vieles – fast alles – im Keller zurechtgetrimmt wird: Vorklärung, Weintanksteuerung, Enzymierung, Vakuumverdampfung, Kunsthefe, Fraktionierung… Es gibt – zumindest im Bereich der teuren Wein – wenn es sich ein Weingut höchsttechnisierte Kellertechnik leisten kann – eigentlich keine «schlechten» Jahrgänge mehr. Es gibt noch Unterschiede im Geschmack, in der Haltbarkeit und in der «Gestaltung» der Weine. Das war bis in die 90er-Jahre noch anders. Da prägte die Vegetation, die Reifung, der Wettereinfluss etc. zum grössten Teil die Qualität eines Jahrgangs. So waren 1945, 1947, 1961, 1982, 1990… «Spitzenjahrgänge» der «alten» Weinwelt. So kam es, dass ich vor vielen Jahren auch diesen «kleinen» Croix Fourney (aktueller Preis um 20 CHF) gekauft und in den Keller gelegt habe. Schliesslich war er ein 82er. Inzwischen haben sich die «guten» Jahre gehäuft: 2000, 2005, 2009, 2010 und 2015… Wenn man den Auguren und ihren Lobhymnen glauben würde, gäbe es inzwischen nur noch gute Jahrgänge. So also ging mein «kleiner» 82er vergessen, bis zu einer angekündigten Steinfels-Internet-Auktion (04.09.2020), bei der nun zwei Lots (12 Flaschen) zu 60 CHR angeboten werden, also 5 Franken pro Flasche. Auch wenn damit zu rechnen ist, dass der Preis noch steigen wird (es ist schliesslich eine Auktion!), wollte ich es wissen. Fünf Franken für einen (wenig bekannten) 82er. Ich holte den vergessenen Wein aus dem Keller und er kam sofort ins Glas: Die schon fast erwartete Überraschung: er ist noch stramm da, zwar ein «Altwein», kaum mehr mit Frucht, doch ohne Spuren von Oxidation, ohne das penetranten Liebstöckel, das viele Altweine zelebrieren. Dafür Tiefe, samtige Präsenz im Gaumen, viele wunderschöne Gewürzaromen, kein grosser, aber ein guter «Alt»wein. Er hat sogar die «Lackmusprobe» bestanden: Meine Frau liebt Altweine nicht, doch von diesem Wein hat sie bis zur Flaschenleere mitgetrunken.

18. August 2020

 

Renato Corino: Barolo 2010, Nebbiolo, Comune di La Morra DOCG, Weinberg Arborina, Piemont, Italien

 

Für mich ein Wein der Erinnerungen. Piemont – eigentlich nahe der Schweiz und doch weinmässig so gar nicht präsent. Irgendwie bringe ich Italien und Frankreich (meine Weinvorliebe) nicht richtig zueinander. Es sind mehr als nur unterschiedliche Weine, es sind unterschiedliche Gefühle, nicht nur Weingefühle. Dabei habe ich in Sachen Wein Frankreich schon lange erweitert, ergänzt: Südafrika, Australien, Priorat, Österreich… und – nicht zu unterschätzen – die eigene Heimat, die Schweiz. Wein – so meine Erfahrung – wird immer stärker ein Ort des Lebensgefühls, der Erinnerung, des Erlebens einer Region, eines Landes, ja der Welt. Italien war mir schon immer sehr nahe, seit meiner frühsten Jugend, als wir noch „Tschinggen“ sagten und es nicht abfällig meinten. Eher liebevoll, vertraut: „Peterli, häschder guet?“ Es gelang mir nie ganz, dieses vertraute Gefühl auf die Italienischen Weine zu übertragen, weder auf die gewöhnlichen, noch auf die besten. Ich habe sie oft getrunken, meist mit Bewunderung, aber auch mit Neugier, mit Erstaunen. Immer wieder. Bis – vor einigen Jahren – ein Freund mich mit mitgenommen hat, nach Weinitalien. Zuerst in Form von Weinen aus seinem Keller, dann mit einer Fahrt ins Piemont. Ich weiss, Piemont ist noch nicht ganz Weinitalien: da gibt es nebst dem Nebbiolo noch eine Reihe anderer Reben, berühmte, gute, italienische: Sangiovese, Chianti, Aglianico, Barbera, Calabrese, Lambrusco, Amarone… Und entsprechend auch andere Weinregionen. Gestern waren wir wieder im Piemont, leider nur weinmässig. Später am Abend – nein es war schon Nacht – dann noch weiter unten, in der Toscana (darüber werde ich später berichten.) Bleiben wir beim Barolo, der Weinkrone im Piemont. Tiefrot, trocken, rund, erdig, voll, beerig… Das Alter, immerhin fast zehnjährig, hat ihn beruhigt, gelassen gemacht. Die noch spürbare Schwere ist einer gewissen Eleganz gewichten, italienische Eleganz. Die hat immer etwas mit rassig, bodenständig und auch fröhlich zu tun. Das Gefühl einer nächtlichen Fahrten mit dem Kulturroller  Vespa, über weite Plätze, durch die Stadt, an den Strand. Kein anderer Wein weckt diese Gefühle, so stark, so unverfälscht, auch nicht der noch italienischere Sangiovese. Die intensive dunkle Frucht – noch immer, auch nach zehn Jahren – und die leicht bittere (nicht süssliche) Schokolade verschmelzen sich und klopfen die sonst eher harten Gerbstoffe weich. Und ich tauche ein in einige der schönsten Szenen von Fellini-Filmen, trinke mit Genuss „la Dolce Vita“.

15. August 2020

 

Monika und Matthias Tobler, Bleichehof, Wolfhalden: Brut (Schaumwein), Méthode traditionelle, Thaler Buechberg, AOC St.Gallen, Schweiz

 

Meine unverbesserliche Neugier (in Sachen Wein) hat sich wieder einmal gelohnt. So habe ich einen Wein entdeckt, von dem kaum jemand spricht und der sicher nicht auf den Listen der Weinliebhaber ist. Ein Aussenseiter, sozusagen, ein Wein aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden, aus Wolfhalden, dem «Dorf mit Weitsicht». Wer sich in der Schweizer Weinszene auskennt, frägt verwundert: «Gibt es das, Weine aus dem Appenzellerland?» Es wurde auch hier Wein gemacht, schon im 16. Jahrhundert. Jedenfalls belegt dies die Chronik Von einer Steuer, den Weinzehntel, ist die Rede und von einem «Torkel-Eid». Und es gibt ihn heute noch, den Appenzeller-Wein. Allerdings in sehr bescheidenen Mengen. Auf einem Bauernhof n Wolfhalten wird Wein gemacht, einen «Krummbuechstig», einen «Buechberger» und «dä Holzig» bei den Roten. Bei den Weissen: «Gümper», «Weissherbst», «Wysse», «Sovignon Blanc» und «Brut», den Schaumwein. Diesen Winzer-Sekt also habe ich im Dorfladen, nebst anderen Weinen aus dem In- und Ausland, mehr oder wenige bekannte Namen, angetroffen. Ein Schweizer Winzer-Sekt, ohnehin eher selten anzutreffen, und erst noch mit einem Qualitätsanspruch, «Méthode traditionelle» und einem entsprechenden Preis, tapfer ausharrend neben dem halb so teuren spanischen «Freixenet». Welcher Weinfreund hätte da nicht zugegriffen? Der Griff hat sich gelohnt. Wirklich! Ein quicklebendiger, gar nicht «klebriger», mit wenig, aber präziser Restsüsse, etwas «wild» - Brut eben. Die Grundweine – die machen das Besondere aus – eine Mischung von «Doral», einer Rebsorte, die man ohnehin nur in der Schweiz kennt (Kreuzung von Chasselas und Chardonnay) und Blauburgunder. Das feine, leicht eigenwillige Aroma, nur schwer zu beschreiben, weil nicht alltäglich, zwar fruchtig in den Aromen von Aprikose bis Birne, in Schach gehalten von Gewürzen und einer leisen Spur von gut gebackenen «Brioche».
Es ist ein stattlicher Bauernhof, wo nebst Rindvieh, Pferden, Obstbau und Holz auch Wein eine Rolle spielt. Offensichtlich auch «guten» Wein, jedenfalls beachtlichen Schaumwein (die anderen Weine dieses Gutes habe ich noch nicht eingeschenkt), werde dies tun, sobald die Hochsaison für Schaumweine vorbei ist. Ob die Appenzeller-Weine einer kritischen Degustation standhalten, wird sich weisen. Und noch etwas: Die Tauben komm zwar vom eigenen Weinberg, und der liegt zum - grössten Teil -  auf dem gegenüberliegenden Hügel, auf der Sonnenseite des Tals und der liegt bereits im Hoheitsgebiet des Kantons St. Gallen (und nicht mehr im Appenzell). So eng ist halt die Schweiz.

Foto: Farnese Vini
Foto: Farnese Vini

30. Juli 2020

 

Farnese Vini: Edizione Cinque Autoctoni 2005, Montepulciano/Primitivo/Sangiovese/Malvasia Nera,Negroamaro, Abruzzen, Ortona, Italien

 

Wenn die Flasche dick und schwer ist, eher wie ein Knüppel, denn ein Weingefäss, suggeriert dies: Der Wein opulent, dicht, eine wahre Fruchtbombe. Trifft dies auch hier zu, bei diesem Wein aus den Abruzzen zu? Jedenfalls ist es etwas Besonderes. Fruchtkräftig war er wohl eher in «jungen» Jahren, diese Flasche hier – fünfzehn Jahre alt – ist schon fast ein Matusalem. Jedenfalls für einen Italiener, der nur als Vino di Tavola (VdT) deklariert ist. Etwas anderes lassen die DOC wohl nicht zu. Etwas Besonderes jedenfalls ist die Cuvée – aus fünf italienischen Rebsorten – traubenmässig ein furchtbares «Chrüsimüsi». Gewöhnungsbedürftig, vielleicht, oder einfach ein neuer Weinstil. Der erwartete «Obst- und Früchtegarten» taucht nicht auf, dies mag am Alter des Weins liegen. Da ist die Aromatik von Frucht und Beeren aufgesogen, eingeebnet worden. Er kommt als weicher, geschmeidiger Wein daher. Nicht gerade elegant, schon eher bodenständig; nicht verführerisch, sich eher bewusst präsentierend, kräftig, aber nicht schlagend, schon gar nicht zuschlagend. Dafür sehr selbstbewusst und nicht umkränzt vom Touch internationaler Liebäugelein. Eigentlich gefällt mir der Wein, gerade weil er das «Anderssein» zelebriert. Weil er nicht einfach kräftig, gefällig, holzig, verführerisch ist, sondern «Italienità» ausstrahlt, ohne die Klischees des «feurigen Südländers» zu übernehmen. Zurückhaltend heisst in diesem Fall nicht «belanglos», vielmehr eine Offenheit für ein Weinerlebnis, das nicht – wie so viele Weine dieser Preisklasse (um 20 CHF) – in Belanglosigkeit zu versinken. Was mir am besten gefällt: er braucht das «Holz» nicht, um sich gross zu machen.

Foto: Cascina Belmonte
Foto: Cascina Belmonte

30. Juli 2020

 

Châteaux Palmer 1996, 3ème-grand-cru-classé, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Das «Legendäre» dieses Weines besteht vor allem in der Tatsache, dass er «nur» ein «Troisième Grand Cru Classé» ist, in der seit 1855 gültigen Wertung im Médoc. Einen «Aufstieg» gibt es hier nicht (im Gegensatz zu St-Emilion). Die mehr als 150jährige Klassifizierung ist – so die Rangordnung in Bordeaux – eben für die «Ewigkeit» gemacht (obwohl es in all den Jahren auch eine Ausnahme gibt). Das «Nur» deutet aber an (was unbestritten ist): Palmer gehört in eine höhere «Kasse», zu den besten Deuxièmes oder gar zu den fünf Premiers. Nichts zu machen! Palmer bleibt in der offizieller Hierarchie «nur» Dritter (zusammen mit 13 anderen Weinen im Médoc). Schon kurz nach dem entscheidenden Jahr der Klassifikation (Anlass: Weltausstellung in Paris) wurde das Weingut - nach einigen Wechseln – von zwei reichen Brüdern (Isaac und Emile Pereire) übernommen, welche die Schloss- und Wein-Tradition des einstigen Besitzers Charles Palmer (Generalmajor in der britischen Armee) weiterführten, das Gut vergrösserten und das prächtige Schloss im Neorenaissancestil bauen liessen. Seit dieser Zeit sind die Weine von Palmer in der britischen High-Society sehr beliebt und hoch angesehen. Auch wenn sich die Besitzverhältnisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nochmals änderten (heute gehört das Château den Nachkommen der  Linie «Sichel» und «Malher-Besse»), gilt bis heute «Palmer» als die «Wein-Perle» in der englischen Gesellschaft. Das Weingut wurde – nach Zerstörungen im Krieg – wiederaufgebaut und misst sich heute mit den Premiere Grand Cru im Médoc, vor allem mit seinem Nachbarn, dem Châteaux Margaux (1er Grand Cru Classé). Entscheidendes für den Ruf (und den Ruhm) des Weinguts hat der Amerikaner Robert Parker beigetragen, indem er den Palmer 1961 als «perfekten Wein» bezeichnet hat. Entsprechend haben sich die Preise (in den letzten Jahren und Jahrzehnten) immer mehr dem Niveau der «Spitzenklasse» im Bordelais angepasst.
Palmer war im Jahr 1996 nicht die grosse Nummer, die man – nach den schwachen Jahrgängen der frühen 90er Jahre - erwartet hat. Der Preis für den 96er war damals um 70.00 CHF, heute kostet er zwischen 300-400 CHF. Ist diese Preissteigerung gerechtfertigt? Rein qualitativ betrachtet - nur zum Teil. Er hat sicher zugelegt: ist harmonischer, runder und natürlich reifer geworden. Hat einen markanten Abgang, mit viel Kraft und Ausstrahlung. Vor allem hat er noch erstaunlich viel Frische und Eleganz, was für den damals eher überbewerteten Jahrgang – wo der Palmer nicht zur Spitze gehörte – erstaunlich ist. Vielleicht braucht es bei den Bordeaux - in dieser Kategorie - Geduld, viel mehr Geduld. Die Belohnung ist fast sicher.

Foto: Cascina Belmonte
Foto: Cascina Belmonte

22. Juli 2020

 

La Cascina Belmonte: Naturae Rebo 2018, vegan, Valtènesi, Muscoline, Lombardei, Gardasee, Italien

 

Zugegeben, ich war unglaublich gespannt, wie selten auf einen – für mich – neuen Wein. Soeben im kleinen neuen Bioladen in unserem Quartier gekauft und Schwupps war die Flasche Rotwein offen. «Naturae» - bei uns bekannt unter «Vins naturels» oder eben «Naturweine – zeigt die Art, wie dieser Wein gemacht wurde, nämlich ohne Zugabe von «fremden» Stoffen: keine Zuchthefe, keine Enzyme, keine Aromastoffe, keine Gelatine… Natürlich auch keine zusätzlichen Sulfite (Schwefel). Vegan, das heisst pflanzlich ist der Wein ohnehin, doch zur Klärung und «Schönung» werden oft auch tierische Produkte eingesetzt (Eiweiss, Lysozym etc.). Das darf ein «veganer» Wein alles nicht. Am meisten umstritten ist der Einsatz von zusätzlichen Sulfiten. Für viele ist Schwefel «des Teufels». Dabei entsteht Schwefel (Sulfite) bei jeder Gärung (Ferment-ierung). Es gibt auch keinen Wein ohne Schwefel, doch die Menge ist der eigentliche Anstoss für heftige Diskussionen. Beflügelt wird diese Debatte durch die Pflicht der Kennzeichnung (im EU-Bereich), etwa: «Dieser Wein enthält Sulfite». Da wittern alle bereits eine Gefahr für die Gesundheit. Dem ist nicht so! Die Warnung gilt nur für Aller-giker, die auf Sulfite reagieren. Bleibt noch eine fast «Unbekannte» bei diesem Naturwein. Die Rebsorte «Rebo». Sie gehört zu den pilzresistenten Neuzüchtungen (PIWI), die vor allem im «ökologischen Anbau» zum Einsatz kommen. «Rebo» ist eine Züchtung aus Merlot und Teroldego (ebenfalls eine Neuzüchtung) und gilt als «edel» und robust.

Foto: La Cascina Belmonte
Foto: La Cascina Belmonte

So, nun wäre viel geklärt. Alles? Fast alles, das wichtigste aber nicht! Wie schmeckt er denn? Es ist ein junger Wein, der aber schon die Ruhe und Besonnenheit eines Weins im «reifen Alter» in sich hat. Wenig – oder gar nichts – Aufregendes, es sei denn die Farbe. Strahlendes Rubinrot mit einem grossen Blauanteil, ein Jungwein also? 2018, nur zwei Jahre alt, wirklich noch «jung». Aber alles andere als ein «Heuriger», die Gärung weitgehend abgeschlossen, die erwartete «Spritzigkeit» eingestellt, er hat sie wohl nie besessen. Die Nase ist wohl das grösste Problem. Unmittelbar nach der Entfernung des Zapfens ein leicht modriger Geruch, der sich aber rasch verliert. Doch es tauchen nur wenig «neue» Aromen auf. Am stärksten noch eine Erinnerung an Erdbeeren und Kirschpflaumen (Myrobalane), doch verhältnismässig (für einen jungen Wein) eher bescheidene Frucht, dafür eine geschmeidige, samtene Textur. Irgendwie strahlt der Wein Fröhlichkeit aus, die sich aber (auch im Abgang) rasch verliert. Das grösste Verdienst dieses Weins ist seine Authentizität. Man meint seine Natürlichkeit bei jedem Schluck zu spüren und es tauchen wunderschöne Rebberge auf, naturnah mit viel Schmetterlingen, Insekten, ein Frühsommerliches Gewimmel. Alles nur Fantasie? Vielleicht! Für mich persönlich gibt es keine Bonuspunkte für vegan, biologisch, sulfitreduziert. Für mich zählt einzig die Trinklust und Trinkfreude, die Harmonie und «Schönheit», der Genuss und die Freude. Einer meiner Freunde fasst all das (und noch einiges mehr) zusammen im Spruch: «diesen Wein würde ich kaufen (oder nichtkaufen)». Ich habe den Wein gekauft, und ich werde ihn wieder kaufen.

17. Juli 2020

 

Château Malescasse 1998, Magnum, Haut-Médoc, Bordeaux, Frankreich

 

Ab und zu frage ich mich – wohl zurecht – wie sehr ist das Genussgefühl beim Weintrinken von der Stimmung, den Umständen und nicht zuletzt vom Renommee der Weingegend und des Weinguts abhängig? Natürlich gibt es Kriterien, nach denen ein Wein bewertet werden kann. Vor allem gibt es den Vergleich, der Unterschiede in den Jahrgängen, den Gegenden, den Rebsorten, den Weingütern. Doch ein guter Rest im Urteil bestimmt der persönliche Geschmack und auch das Wissen um den «Wert» eines Weins. Gemeint ist der Verkaufswert, denn er ist eine – mehr oder weniger – feste Grösse, die der Konsument unmittelbar zu spüren bekommt.
Das Château Malescasse hatte – zur Zeit als ich mein «Bordeaux»-Abenteuer begann – in der Bordeaux-Gesellschaft kaum mehr einen Namen und keinen «guten Ruf». Das altehrwürdige Schloss wechselte - nach einem Tiefpunkt in den 70er Jahren - mehrfach den Besitzer, bis es in den letzten Jahren mit grossen Investitionen wieder flott gemacht wurde. Das Beste, was man von den Weinen aus dieser Zeit sagen konnte: sie waren zuverlässig, aber – man gestatte mir – überhaupt nicht aufregend. Also habe ich von diesen allmählich zuverlässiger gewordenen Wein damals ein paar wenige Grossflaschen (Magnum) gekauft (wohl an Stelle einer Flasche von den immer teurer werdenden Spitzenweinen) und liess die Malescasse – eben, weil sie aufregend waren – gut zwanzig Jahre liegen. Grossformate altern ja langsamer (und besser)!

Inzwischen ist der Malescasse aufregender geworden, Jahr für Jahr auch etwas teurer, aber (mit zirka 25 Franken) noch immer im Bereich der «günstigeren» Weine aus dem Bordelais. Meine Flasche ist eben ist eine Magnum und schon deshalb etwas Besonderes. Ich öffnete sie, weil ich den Tag – ich hatte Gäste – mit etwas Besonderem abschliessen wollte. Und siehe da, das Besondere (der Flasche) hat sich auf den Wein übertragen. Harmonisch, gut gereift, noch genügend Frucht, wirkt dicht und geschmeidig, perfekt eingebundene Tannine, mit einem langgezogenen Abgang. Der Wein hat sich «gemausert», ist edler, damenhafter geworden, ohne an Kraft und Fülle zu verlieren. Ein schöner Wein, vielleicht nicht grossartig, aber stimmig und genussvoll.

Damit stellt sich einmal mehr die Frage: wie «objektiv» bin ich – oder wie «subjektiv» ist meine Bewertung? Das Format gibt sicher etwas her, meine Gäste kannten das Château (und seine Geschichte) nicht, waren aber beeindruckt, fanden den Wein lustbringend. Ein vergnügter, gelungener Weinabend und es stand keine Bordeaux-Flasche zu einem dreistelligen Preis auf dem Tisch. Unter Bordeaux-Freaks: wäre es, rein schon von den Prämissen her, ein «kleiner» Wein, unter Weingeniessern kann er durchaus – und zu Recht - ein grosser sein.

05. Juli 2020

 

Château Margaux 1994 und 1970,
Premier Cru Classé, Margaux, Bordeaux, Frankreich

 

Einer der fünf "Premier Cru Classé" auf der Médoc-Seite der Gironde, 1855 geadelt, heute noch immer einer der ganz grossen in Bordeaux. Eigentlich – vom Charakter des Weins - eine Dame, schön, stolz, verbindlich – gar nicht herrschend wie einige Protzen aus Pauillac.

Doch auch rasch mal gekränkt, sensibel. Sie reagiert, wie kein anderer Wein dieser Klasse, auf äussere Umstände, auf Witterung, Klimaverlauf, aber auch auf Fehler bei der Vinifizierung, bei der Lagerung, ja sogar auf die Form des Glases, wenn er ausgeschenkt wird. Irgendwie habe ich seit vielen Jahren viel Respekt vor diesem Wein. Oft schon hat er nicht das gebracht, was ich erwartet habe, er überdeckt seine Feinheiten und Nuancen nicht so leicht mit Kraft, Frucht oder sogar Holz. Man muss ihm zuhören, dem Wein, man muss hören, was er zu sagen hat. Und da fehlt – im ganzen Bordeaux-Gerangel – oft die Geduld, auch die Stille, die Fähigkeit zu erleben. Gerade bei den Grand Crus – sie kosten mittlerweile ja alle fünfhundert Franken, in «grossen» Jahren das Doppelte.

Da kann man – so die Logik – echt etwas erwarten. Ich habe immer das Gefühl, es sei kein Parker-Wein, auch wenn er ihm in der Regel (auch in bescheideneren Jahren) immer mehr als 90 Punkte gibt. Im Jahr 2000 sogar hundert! 1994 – ein eher bescheidenes Bordeaux-Jahr – 91/100 Punkten. So also war ich gespannt auf diesen Wein, der – so anders ist, als die drei andern Grossen dieser Runde; Evangile 1993, Haut-Brion und Cheval Blanc 2004 (über die werde ich hier später berichten). Der 1994er war etwa das, was ich erwartet habe: ein toller Wein, dicht, kraftvoll und so gar nicht säurelastig, eher samtig und noch erstaunlich fruchtig. Eigentlich wollte ich einmal wissen, nein selber erfahren, wie sich der Wein aus den 70er Jahren dieses stolzen Châteaus entwickelt hat. Im Keller war noch eine Flasche aus dem Jahr 1970 – also ein fünfzigjähriger Wein.  Parker hat mich gewarnt: 67/100 Punkten. Also eigentlich untrinkbar. Leider konnte ich dies nicht verifizieren. Der Zapfen war nicht dicht, hat sich beinahe aufgelöst und ist in der «Weinsauce» verschwunden. Also nicht bewertbar. Das einzige – und dies ist erstaunlich – der Wein war überhaupt nicht oxidier. Zwar ein blasser, kraftloser Altwein, aber durchaus noch trinkbar – wenn auch mit wenig Freunde. Wir haben es gelassen: er ist grösstenteils noch in der Karaffe und wird heute nochmals – vorsichtig – getestet. Auch dies ist eine interessante Weinerfahrung. Margaux hat seine Zickigkeit unter Beweis gestellt.

15. Juni 2020

 

Die Rubrik "Getrunken"
in Zeiten der Corona-Krise

 

Homeoffice!
Guten Wein gibt es da auch - zumindest etwas weiter unten, im Keller - doch es fehlt, das gemeinsame Erleben, auch Weine können einsam werden, das Weinerleben in Selbstisolation. Lockdown! Kaum sind die Massnahmen gelockert, tauchen Freunde auf und mit ihnen die Weinerlebnisse. Acht Bordeaux waren es, die erlebt werden wollten. Zwei Weine aus den Siebzigern (gleicher Jahrgang zum Vergleich) und drei Runden mit je zwei Weinen der Jahrgänge 1990 und 2000 aus der gleichen Gegend und der gleichen "Kategorie". Da gibt es viel zu erzählen. Vier Kapitel, natürlich mit "Social Distancing", coronagerecht!

01. Juli 2020

 

Kapitel 4:

 

Château Ducru-Beaucaillou 1990, Saint-Julien, 

Château Léoville-Las-Cases 2000, Saint-Julien, Bordeaux

 

Der letzte Vergleich im der «Degustation zu Corona Zeiten» - nochmals zehn Jahre Altersunterschied – verspricht viel, eigentlich aber nichts Aussergewöhnliches: gleiche Klassifikation, gleiche Appellation, beide Châteaux «in bester Lage», nahe an der Gironde, zwei ausgezeichnete Jahrgänge. Was will man noch mehr? Da kommt es letztlich nur noch auf die eigenen Vorlieben an: Eher kräftig, muskulös, mit viel Rückgrat und fast schon erschlagender Länge, so der Léoville-Las-Cases. Eher fröhlich, weich und samtig, statt tiefe, eher breit Aromen, dies zeichnet den Ducru-Beaucaillou aus. Doch beide Weingüter laufen in der Regel zur Höchstform auf.

Ducru-Beaucaillou
Ducru-Beaucaillou

Nur: Ducru-Beaucaillou hatte in den späten Achtziger-Jahre ein grosses Problem. Bei ihrem Spitzenwein – deuxième cru classé - tauchten immer wieder muffige Töne auf. Ganz ungewöhnlich für dieses Weingut. Parker verzichtete sogar auf einen Vergleich der Jahrgänge 1986 bis 1990, denn seine Bewertungen lagen in diesen Jahren ungewöhnlich tief. Beim 1990er sogar unter  88/100 Punkten, während der Léoville-Las-Cases in diesen Jahren oft 95/100 und mehr Punkte erhielten. 

Ducru-Beaucaillou ist ein wunderschönes Châteaux – noch immer bewohnt, – stammt aus dem 18. Jahrhundert und hat einen wunderbaren alte Wein-Keller. Doch genau dies war das Problem. Der   Keller – vor allem die alten Chais – wurden mit Desinfektionsmitteln behandelt und es musste auch isoliert werden. Dies führte dazu, dass mit der Zeit ein Teil der Weine einen leicht modrigen Geruch annahmen, der so gar nicht zum Wein passte. Man nennt diesen unliebsamen Effekt, der vor allem bei alten Weingütern auftritt, «Kelleraids». Auch andere  Châteaux sind (oder waren) davon betroffen.

Ducru-Beaucaillou liess – kaum war das Problem erkannt – einen neuen Keller bauen, unmittelbar neben dem alten Gebäude, ganz in die Erde geschmiegt. Es ist einer der schönsten Weinkeller des Bordelais, im Jahr 2002 eröffnet. Seither – sogar schon einige Jahre zuvor - erreichte der Wein zunehmend wieder Anerkennung und ungeteiltes Lob. Im ausgezeichneten Weinjahr 2005 waren dann beide Weine wieder gleichauf, zwar mit einer anderen Stilistik, aber beide in Höchstform, 99/100 Parker-Punkte. Auch preislich sind sie durchaus vergleichbar, obwohl der Léoville-Las-Cases fast immer deutlich teurer ist, als der dominierendere, bestimmtere Wein, doch beide sind lagerfähig, dreisssig und mehr Jahre.

Léovilles-las-Cases
Léovilles-las-Cases

In unserem Vergleich hat sich genau dies – bereits in der Blindverkostung – deutlich bestätigt. Und wir hatten Glück: beim Ducru-Beaucaillou gab es überhaupt keinen muffigen Ton. Der Wein war offen – jetzt, nach dreissig Jahren wohl auf dem Höhepunkt. Zugänglich und selbst in seinen  Fruchtelementen noch voll präsent. Der zehn Jahre jüngere Wein – der Léoville-Las-Cases - war noch immer ein «Kraftpaket». Er war das, was man ihm gemeinhin  nachsagt: keine Achterbahn, vielmehr ein unglaublich guter Streckenläufer,  durchaus noch in der Entwicklung – leicht steigend von viel, zu noch mehr  Harmonie, während sein Nachbar - der Ducru-Beaucaillou – so glaube ich, die schon fast schwindligen Höhen leichtfüssig erreicht hat.

22. Juni 2020

 

Kapitel 3:

Château Poujeaux 1990, Moulis-en-Médoc
Château Cos d'Estournel 2000. Saint-Estèphe

 

Die Überraschung - ja, die Sensation des Abends - war dieses Weinpärchen vom linken Ufer der Gironde. Wir hätten gewettet, der Cos d'Estournel - immerhin einer der beiden "Super-seconde" der Gemeindeappellation St-Estèphe - wäre der nachhaltigere, der eindrücklichere, einfach der "bessere" der beiden Weine. Allein schon auf Grund der Klassifikation, der Preise und der Bewertung durch die «Weingurus». Der «Cos» 2000 hat bei der Subskription um die 100 CHF gekostet, heute gut das 

Château Poujeaux
Château Poujeaux

Doppelte..

Der Poujeaux 1990 – Cru Bourgeois Exceptionnel – war bei der Subskription um 30 CHF zu kaufen und ist heute nur unwesentlich teuer. Also ein Klassenunterschied?

Ja, ein Klassenunterschied! Aber nicht so wie erwartet. Der Poujeaux 1990 hat von Parker gerade Mal 86 Punkte erhalten, der Cos d'Estournel 2020 immerhin 90/100 Punkten. Der Fall ist also eindeutig!

 

Ja, ein Klassenunterschied! Aber nicht so wie erwartet. Der Poujeaux 1990 hat von Parker gerade Mal 86/100 Punkte erhalten, der Cos d'Estournel 2020 immerhin 90. Der Fall ist also eindeutig! Oder doch nicht? Unsere kleine Runde hat den Poujeaux (in der  Blind-verkostung) eindeutig als den "besseren" Wein eingestuft:

(Foto: Weinblog 24)
(Foto: Weinblog 24)

Mit einem guten Rest an süsslicher Frucht (was für einen 30jährigen «kleinen» Wein erstaunlich ist), mit viel Harmonie zwischen einer feinen, zarten Säure und guten Tanninen (die geglättet sind), vor allem aber mit einer unerwarteten Vielfalt an Aromen, die sich als gebündeltes Bouquet im Gaumen entfalten. Man ahnt es: Wir sind begeistert, obwohl dieser Wein im Glas eindeutig blasser wirkt als der doch noch sehr farbkräftige, zehn Jahre jüngere Cos. Bei solchen Überraschungen ist man versucht, einen Wein eher nach Gefühlen zu beurteilen, denn auf Grund von sensorischen Skalen. Und man fahndet rasch nach möglichen Gründen: Lagerung, eine gute oder sogenannt «schlechte» Flasche, die augenblickliche Stimmung oder gewissen persönliche Vorlieben? Gefühle werden bei der Beurteilung ohnehin häufig weggesperrt, wenn es darum geht, möglichst «objektive» zu sein oder einen sachlichen Vergleich anzustellen. Der Allerweltsausdruck «ein leckerer Wein» bleibt dann in der Beschreibung bestenfalls noch übrig. Vor allem, wenn die Gefühle ganz anders sind, als der Verstand (oder die Argumente) sagt. In diesem Fall war das Erstaunen (das ungläubige Kopfschütteln) besonders ausgeprägt, weil meine Frau den Ausone (den wir später verkosteten) eigentlich über alles schätzt und als ihren «Lieblingswein» bezeichnet (der allerdings – aus Kostengründen – nur selten ins Glas kommt). Es kann doch nicht wahr sein, dass der Poujeaux sowohl den Cos, als auch den Ausone in Bezug auf Qualität und Trinkgenuss überflügelt.

Eine Situation, die ich in ähnlicher Form schon ab und zu schon erlebt habe. Der David schlägt den Goliath. Die Geschichte ist zwar bekannt, doch sie stellt die berühmte Ausnahme dar. Das ist wohl auch hier der Fall. Bei jedem ungleichen Kampf können oder werden die günstigen oder ungünstigen Umstände immer in Rechnung gestellt, wenn nicht der Stärkere, der Bessere den Sieg davonträgt. Dies dürfte auch hier der Fall sein. Langfristig wird sich wohl auch das (wieder) korrigieren. Davon bin ich noch immer überzeugt.
Doch, das die Erfahrung zeigt einmal mehr, dass all die Wertungen, die gewundenen Urteile, die Beschreibungen und Generalisierungen nicht der "Weinweisheit" letzter Schluss sind. Bei der Anerkennung und beim Preis der Weine schlägt sich dies sicher nieder. Im Bereich des Genusses aber gelten (oft) ganz andere Regeln.

Wäre da noch anzufügen, dass sich der Cos d’Estournel auch in der Farbe (tiefes Granatrot) sehr gut erhalten hat und im Gaumen einen etwas strengen, aber fülligen Charakter zeigt, nicht gealtert, sondern wirklich rund gereift. Wie kann man gegen solche Eigenschaften – zu einem Vergleich – antreten? Eigentlich nicht. Und doch hat es der Poujeaux geschafft, vielleicht weil er im Augenblick mehr Charme, mehr Authentizität und Verbindlichkeit zeigte.

17. Juni 2020

 

Kapitel 2:

 

Château Pavie, 1990, Saint-Emilion
Château Figeac, 2000, Saint-Emilion

 

Zwei durchaus vergleichbare Weine und vergleichbare Jahrgänge. Beides sind Spitzenweine (zum Zeitpunkt der Jahrgänge: Premier grands crus classés B). Beide Châteaux mussten – trotz ihrer langen, glorreichen Geschichte und ihrer anerkannt «grossen» Weine – einige Krisen überstehen. Pavie steckte seit den siebziger Jahren in einem Tief. Zwar wurden immer wieder gute, in einigen Jahren sogar hervorragende Weine gemacht. Zwar wurden immer wieder gute, in einigen Jahren sogar hervorragende Weine gemacht. Doch das Weingut – sowohl Keller als auch Reben – war zu dieser Zeit in denkbar schlechtem Zustand. Parker gab dem Pavie 1990 immerhin 92/100 Punkte, während die vorangehenden Jahre noch im Bereich der oberen 80er-Punkte lagen und die folgenden beiden Jahrgänge (generell schlechte Bordeaux-Jahre) mit 82/100 und 78/100 Punkten geradezu abgestraft wurden. Der 90er-Pavie im «grossen» Bordeaux-Jahr kostete immerhin schon damals um 80 Franken.

 

Anders die Situation beim Châteaux Figeac. Das einst riesige Weingut erlebte seinen «Abstieg» im 19. Jahrhundert und kam erst wieder - deutlich verkleinert – Mitte des 20. Jahrhunderts zur eigentlichen Blüte, als Thierry Manoncourt das Weingut der Familie übernahm und nur ein Ziel hatte, in die höchste Klasse (Premier grands crus classés A) aufzusteigen. In Bezug auf die Qualität des Weins hätte er dies schon 1995 (in St-Emilion wird etwa alle zehn Jahre neu klassifiziert, zum letzten Mal 2012) eigentlich geschafft, doch ihm wurde der «Aufstieg» verwehrt, mit dem Argument, er vermarke seine Weine halt zu billig. Für diesen 2000er bezahle ich damals (trotz der überrissenen Preise des Jahrtausend-Jahrgangs) etwa 90 Franken. Pavie kostete hingegen damals bereits 300 Franken (nach einem Besitzerwechsel 1998 und grossen Investitionen auf dem Château). Noch ein letzter Reputations-Vergleich, der die Mechanismen des Bordeaux-Geschäft deutlich aufzeigen. Pavie kostet jetzt (2018) um 400 Franken, Figeac nur in etwa die Hälfte. Die durchwegs höheren Bewertungen von Pavie durch Parker sind mit ein Grund für den eklatanten Preisunterschied.  

 

Nun zur Qualität: Figeac ist ein stolzer Wein. Meist opulent, recht ursprünglich, ab und zu mit Ecken und Kanten, aber eindeutig und klar – wenn auch eigenwillig – im Stil, mit einem hohen Cabernet- Sauvignon-Anteil (was nicht typisch ist für Saint Emilion) und fällt deshalb – in witterungsmässig weniger günstigen Jahren – etwas aus dem Rahmen: dann wirkt er etwas gepresst und verträgt keine  allzu lange Flaschenreife und weist vegetabile Noten auf. Nicht so der 2000er. Er gehört zu den nuancenreichsten, für mich auch interessantesten und komplexesten Weinen des Bordeaux. Die Superlative sind – auch in dieser Verkostung - durchaus gerechtfertigt und werden bestätigt.

 

Pavie – hier noch in der Version vor seinem steilen Aufstieg in die höchste «Klasse» - wirkt eindeutig viel freundlicher, umgänglicher und hat trotz des Alters viel Charme. Er hat fast schon zu sehr geschliffene Tannine und ein eher blumiges Bukett – schon leicht verwelkte Blumen - und deutlich weniger Gewürzanklänge als der zehn Jahre jüngere Figeac. Für Kenner: einer der letzten «grossen» Weine im «alten» Pavie-Stil. noch nichts zu spüren von dem fast kultähnlichen Pavie-Stil, der ab 1998 im Château Einzug gepflegt wurde. Noch nicht eine «Diva» wie sie der neue Besitzer Gérard Perse später geschaffen hat.

 

Beide Weine sind noch immer wunderbar zu trinken – im Stil zwar anders – aber authentisch, wie sie nur im Bordelais – in bester Lage – und in guten Châteaux (meist noch Familienbetriebe) entstehen können.

15. Juni 2020

 

Kapitel 1:

 

Château Ausone 1978, Saint-Emilion und
Château Mouton Rothschild 1978, Pauillac

 

(Fortsetzung)

Doch, so schreibt Parker, «manche Kommentatoren zeigten sich enttäuscht, dass die Weine entgegen ihren Einachätzungen (bei Trinkreife) nicht besser ausgefallen sind». Es sind auch die Weine, die bis heute einen eher «schlechten Ruf», aber doch (schon damals) recht teuer waren. Dies nach einigen «mageren» Jahre und dem wohl schlechtesten Jahrgang 1977 fast schon verständlich, der Marktlogik entsprechend.

 

Da ich erst in den 80er Jahren mit der Subskription und dem Kauf von Bordeaux begonnen habe, wurden alle früheren Jahrgänge von mir ausschliesslich auf Auktionen erworben. Der Ausone vor knapp zwanzig Jahren für 178 CHF (brutto) und der Mouton an der gleichen Auktion für 80 CHF. Heute ist der Ausone 1978 kaum mehr zu aufzutreiben, während der Mouton – Sammlerobjekt auf Grund seiner Künstler-Etiketten – noch häufiger angeboten wird, beide Weine für etwa 400 CHF. Viel Geld für «unsichere» Weine, die einst von Parker mit 88/100 und 85/100 Punkten bewertet wurden. Mouton ist (auf dem Papier), der «schlechtere» der beiden Weine, doch die Etikette, die der kanadische Künstler Jean-Paul Riopelle (1923-2002) gestaltet hat, egalisiert den anfänglichen Preisunterschied.

 

Die Skepsis, mit der wir die beiden Flaschen geöffnet haben, ist verständlich. Hat sich ein Rest von Frucht erhalten, ist das Gleichgewicht, die Harmonie, gestört? Finden sich dumpfe, pilzähnlich Noten, wie sie sich bei alten Weinen oft anzutreffen sind, vor allem, wenn sie schlecht gelagert wurden? Haben sich – nach so vielen Jahren – oxidative Noten entwickelt? Als ich die Weine an der Auktion erworben habe, waren sie immerhin schon mehr als zwanzig Jahre in der Flasche und reisten – man weiss es ja nicht – schon einige Male rund um die Welt.

 

All diese – und noch weit mehr – Befürchtungen trafen überhaupt nicht zu. Beide Weine sind noch gut zu trinken, bereiten viel Freude und auch grossen Genuss. Es sind – so mein Fazit – ausgezeichnete Altweine, die alle «Altweintrinker» beglücken würden. Was aber erstaunlich ist: der geschmackliche Unterschied ist weit kleiner als erwartet. Mouton (Pauillac) keltert rund 70 Prozent Cabernet Sauvignon und nur knapp 10 Prozent Merlot zum Erstwein, währen Ausone (St. Emilion) aus etwa gleichviel Merlot und Cabernet Franc (kein Cabernet Sauvignon) gemacht wird. Nicht nur der Boden und die Lage (Ausone: Kalkstein, geschützte Hanglage – Mouton:  Ablagerungen der Gironde, Kies, flaches Gelände), auch die Rebsorten bewirken bei jüngeren Jahrgängen deutlich mehr  Unterschiede. Ausone ist in jungen Jahren meist  der üppigere, straffere, mineralischere Wein, währen Mouton mehr Leichtigkeit, mehr Beeren- und Blumendüfte ausstrahlt und in der Stilistik oft weit weniger konsequent ist, vor allem in den siebziger Jahren, als bei Rothschild immer wieder tüchtig experimentiert wurde (1973 ist der Wein – als einziger im Médoc – zum Premier Cru aufgewertet worden).

 

Von all dem ist nichts mehr zu spüren. Es sind beides vergleichbare, hervorragende «Reifeweine» mit viel Gewürzen, Zedernholz, Bleistift, Restfrucht und leichter Süsse. Auch die Opulenz hat sich angeglichen. Der Ausone ist eindeutig (auch in der Farbe) ruhiger, verbindlicher, abgeklärter geworden, während der Mouton an Tiefe und Nachhaltigkeit gewonnen hat. Ich hatte sogar Mühe, die beiden (doch noch unterschiedlichen) Weine dem richtigen Château zuzuordnen – etwas, das ich bisher ohne grosse Mühe immer spielend geschafft habe.

 

Die beiden Weine bleiben für mich (ich glaube auch für unsere kleine Runde) eines der schönsten und rundesten Altweinerlebnisse der letzten Zeit.