Getrunken 5. Teil (ab März 2020 - ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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20. März 2020

 

Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1988, 2ème cru classé, Pauillac. Bordeaux, Frankreich

 

«Einer der absolut besten Weine von ganz Bordeaux», so beurteilt der erfahrene und zuverlässige Bordeaux-Kenner und Weinhändler Max Gerstl das Château . In der Regel nehme ich solche Superlative nicht ernst – zu häufig stosse ich in Bordeaux auf den «absolut besten Wein», oft nur so lange die Lancierung eines neuen Jahrgangs dauert und der hohe Preis zu rechtfertigen ist. Später, vor allem bei etwas älteren Weinen, relativiert sich die Begeisterung, von selbst. Was dann an den aktuellen Parker- (und anderen) Punkten und an den Preisen deutlich abzulesen ist. Für den «legendären» 82er mit satten hundert Parker-Punkten wird heute bis zu 1'000 Franken bezahlt. Der 88er nimmt sich da geradezu «bescheiden» aus, zehn Punkte (von Parker) weniger und sein Preis höchstens ein Drittel des «Spitzenjahrgangs» 1982.

Dazu kommt, dass May-Eliane de Lencquesaing, die Besitzerin des historischen Weinguts, die nicht ganz unbegründet mit «Generalin» bezeichnet wird, das Château 2006 an die Champagnerfirma Roederer mehrheitlich verkauft hat. Wer das Sagen hat, prägt auch den Stil (und wohl auch die Qualität) eines Weins. Dieser Pichon-Lalande 1988 stammt noch aus dem alten Regime. Wer die «Madame General» noch erlebt hat, der kann sich vorstellen, was dies bedeutet: elegant, fein, delikat, weich, aber bestimmt, aussagestark, nicht schreiend eher verhalten ausdrucksstark.  Dafür verantwortlich ist – nebst dem Önologen – vor allem der verhältnismässig hohe Merlot-Anteil für einen Pauillac.

Wie ist der Wein heute, mehr als dreissig Jahre später? So kurzlebig, wie man einst prognostiziert hat? Abgebaut, kraft- und saftlos? Im Gegenteil! Ein wunderbarer Altwein, bei dem die Reifetöne, ein ganzes Arsenal von Gewürzen, von Aromen, ja sogar von Düften, die jetzt eher leisten Fruchtnoten umgarnen. Einer der besten, genussvollsten Weine, die seit langem im Glas hatte. Ein starkes Erlebnis, eine Kraft, die bis in den warmen, langen Abgang anhält und schliesslich als Gesamtbild eines tiefgründigen Wein in Erinnerung bleiben wird. An was liegt es, dass er so viel besser ist, als die meisten Weinkritiker – allerdings über den Jungwein – damals sagten. Liegt es an der Lagerung? Liegt es an der eher gedämpften Erwartung? Oder an den virusbelasteten Umständen? Jedenfalls bin ich versucht, mich jetzt auch einmal in Superlativen auszudrücken