Getrunken 5. Teil (ab März 2020 - ) aktuell

Hier sind alle "Getrunken" der letzten Zeit zu finden. Es sind keine Weinbeurteilungen der üblichen Art. Vielmehr Weingeschichten, Geschichten, welche mir die Weine erzählen.
Ältere "Getrunken" und eine Excel-Liste sind am Schluss dieser Seite zu finden. Die gleichen Weinnotizen findet man auch auf meinem Blog

 

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Mein Elan - er hielt über viele Jahre an - einst fast täglich, heute noch wöchentlich - ein Weinerlebnis zu beschreiben und (wenn immer möglich) eine kleine Geschichte zu erzählen, ist leicht ins Stocken geraten. Nicht nur wegen Corona, vor allem weil ich inzwischen unglaublich viele Weine kommentiert habe (rund 2'000) und sich da die Geschichten immer öfters wiederholen. Doch es geht weiter, im etwas gemütlicheren Trab,

20. Juli 2021

 

Domaine Allegria: Cinsault Abuelo 2018, Pays d'Hérault IGP, Caux, Languedoc, Frankreich

 

Zum dritten Mal innerhalb von zwei, drei Wochen habe ich in einem Restaurant einen Wein bestellt, mit der Bezeichnung «vin sans sulfites ajoutés», also Weine, ohne zusätzlichen Schwefel. Eine Stufe natürlicher, «gesünder», besser als nur Bio-Weine. Damit wird versucht, der immer grösseren Konkurrenz von «Alltagsweinen» die Stirn zu bieten.

«Bio» war es gestern, heute sind es die verpönten Sulfite (Schwefel), die verbannt werden. Bio-Zertifikate regeln nur den Anbau der Reben, sagen aber kaum etwas über die Vinifikation im Keller. Also wird immer häufiger auch beim Ausbau der Trauben ein Marketing-Vorteil gesucht. Oft sogar mit der Bezeichnung: «vins sans sulfites», also ohne den Zusatz «ajoutés» (zugefügt). Weine ohne Sulfite gibt es aber nicht. Wenn Trauben fermentiert werden, produzieren sie auf natürliche Weise Schwefel, der als Antiseptikum und Antioxidans die Gärung begleitet. Es geht beim zusätzlichen Vermerk („sans sulfites“) vor allem darum, die vorgeschriebene Erwähnung „contient des sulfites“ (enthält Sulfite) zu vermeiden. Die Erwähnung von Sulfiten auf der Etikette ist vor allem für Schwefel-Allergiker eingeführt worden. Sie werden die neue Entwicklung begrüssen. In der Schweiz hat sich für „Weine ohne Sulfite“ bereits die Bezeichnung „vegan“ eingebürgert. Was das Sulfite mit dem Begriff „vegan“ (Lebensmittel mit tierischem Ursprung) zu tun haben, ist eher schleierhaft (oder allzu „durchsichtig“). Die entscheidende Frage stellt sich: Wird der Wein durch die spezielle Massnahme (Reduktion der Sulfite) auch besser? Oder ist es nur einen Marketing-Effekt? Darüber wird im Augenblick in Weinkreisen heftig diskutiert, nicht nur unter Liebhabern von Bio-Weinen. Meine eigenen Erfahrungen: „jein“. Sulfite verhindern (oder reduzieren) das Eindringen von unerwünschten Bakterien (die im Extremfall einen guten Wein „vernichten“ können.) Sie sind also vor allem für Lagerweine wichtig, für Weine, die eine lange Flaschenreife brauchen, um möglichst viele Aromen zu entwickeln. Und bei „Jungweinen“? Gibt es eine Geschmacksveränderung durch zugesetzte Sulfite? Oder wird die Aromen-Vielfalt und -Kraft gar gesteigert? Ich habe beides schon erlebt? Sicher ist: der Verzicht auf zugesetzte Sulfite verlangt eine „pingelig-genaue“ Lese, ein Traubengut, das praktisch perfekt ist. Wer den riesigen Aufwand nicht betreiben will (oder kann), der soll lieber moderat mit Sulfiten arbeiten. Der „Teufel“ steckt nicht in den Sulfiten, sondern im sorgfältigen Ausbau von Weinen.

Und da gibt es in Bezug auf Aufwand – ökonomische – Grenzen. «Cinsault Abuelo» ist ein hundertprozentiger Cinsault und wohl ist wohl nicht besser, nicht anders, mit- und ohne zugesetzten Sulfiten. Die südfranzösische Rebsorte – sorgfältig vinifiziert - entfaltet Kraft, Farbe und ein breites Spektrum an Aromen. Nicht ganz alltäglich im Geschmack, eher speziell, südfranzösisch eben. Die Rebsorte Cinsault wird – wegen ihren etwas anderen und kräftigen Aromen – häufig für Rosé-Weine verwendet. Für mich ist dies ein Stück Zähmung (oder „Verstümmelung“). Hier – beim Rotwein –  kommt die spezielle Rebsorte auch voll zur Geltung. Das kleine „Schwänzchen“ (die Sulfite-Vermeidung) braucht es nicht, zumal der Wein noch jung und frisch ist, wie man dies von guten Gastroweinen erwarten kann.

20. Juli 2021

 

Châteaux La Négly: La Falaise Rouge  2019, La Clape, Languedoc, Frankreich

 

 Vor vierzig Jahren war der Süden Frankreichs – vor allem das riesige Weingebiet der Languedoc – kaum ein ernsthaftes Thema für Weinliebhaber. Massenware, Billigweine – hart bedrängt von noch

billigeren Weinen, aus Spanien, Algerien… In der Schweiz war es das Weinhaus Albert Reichmuth, das in den 80er Jahren zuerst ein Dutzend hat.Reichmuth schrieb in seinem wunderschönen jährlichen Wein-Buch „Homage au Vin" (1994):Wohl gab es da und dort einen Produzenten, der versuchte aus dem Meer des Gros Rouges aufzutauchen und etwas Beachtenswertes zu erzeugen.“ Sein Angebot, von Weinen zwischen der Rhone und den Pyrenäen, war auch meine erste Weinbegegnung mit dieser Region.

Noch war die Hofproduktion eigener Weine die Ausnahme in der Region. Die grosse Masse der Ernte ging in die Kooperativen, die es in vielen Dörfern gab und die Vinifizierung (und Vermarktung) übernahmen. Eines der ersten eigenständigen Weingüter, die internationales Renommee erlangten, war Châteaux Négly, mit seinen Reben auf dem Kalkstein-Massiv  von „La Clape“, hoch über dem Hafen von Gruissan, südlich von Narbonne. Schon damals kosteten seine Spitzenweine („La Porte du Ciel“, „L'Ancely“, „Clos des Truffiers“) um hundert Franken.. Als „Stock limité“ mussten sie sogar vorher subskribiert werden. Doch, wer kauft schon Languedoc-Weine zu Bordeaux-Preisen? Das Weingut wurde dadurch im internationalen Weingeschäft bekannt, weniger aber in Frankreich, wo die Weine „haut de gamme“ vor allem aus dem Bordelais und dem Burgund stammen. Doch Négly hat auch Weine zu Preisen, wie sie inzwischen bei bekannten Weingütern in der Languedoc durchaus üblich sind, und bei den Rotem zwischen 7 unnd 20 Euro (ab Hof) kosten.

Nach vielen Jahren war ich jetzt wieder einmal auf dem Hof, um die beiden besten «normalen» Roten zu degustieren und zu kaufen; «La Falaise» und «Les Grès».

«La Falaise Rouge», ist von den Rebsorten her typisch für die Region (Cuvée aus Syrah (50%), Grenache (40%) und Mourvèdre (10%)). Und doch ist er nicht "typisch" für die Region: kräftiger, dunkler, Terroir-geprägter, sorgfältiger ausgebaut und in den Elementen (Säure, Alkohol, Aromen,  Frucht, Tanine) besser abgestimmt (harmonisiert), als die meisten Weine der Gegend. Was erstaunlich ist: man trotzt der Versuchung dem Bordeaux-Stiel nachzueifern. Was schrieb Reichmut vor gut dreissig Jahren:«Die Trauben, trunken von Sonne, drücken alle Nuancen des Bodens aus – zwar etwas hochprozentig (15%vol) – aber trotzdem elegant und nicht von Holz erschlagen."

10. Juli 2021

 

Villa Delmas: Carignan Méchant 2017, Côtes de Thongue IGP, Saint-Thibéry, Languedoc, Frankreich

 

Er ist unartig, dieser Wein. Zumindest steht dies auf der Etikette. Unartig ist er vor allem auf einer Weinkarte, weil er nicht der üblichen Art von Weinen entspricht, die im Restaurant so angeboten werden. Eine Ausnahme also, selbst in der Region, aus der der Wein stammt. Ein Wein nur aus Carignan entspricht (angeblich)

nicht mehr dem heutigen Weinge-schmack.Zu langweilig, zu eintönig in den Aromen, zu «bürstig», vielleicht sogar zu laut, zu aufdringlich im Erscheinen (Säure, Alkohol, Dichte etc.) Er kommt erst noch von «alten Reben», gut fünfzig Jahre alt, ein Wein aus dem Sortiment «neben dem Zeitgeist». Und darum schwer einsetzbar in Restaurants. Da braucht es – selbst bei einheimischer Küche – mehr Gefälligkeit, oder mehr Wow! oder mehr Erinnerung an… Ja, an was? An das, was die Weinkritik seit Jahren als Weingeschmack postuliert, quasi ein internationaler «Weingeist», der sich in hohen Wertungen (zum Beispiel Parker-Punkten) niederschlägt und in entsprechenden hohen Preisen. Kommt dazu: der so andere «Modegeschmack» (hauptsächlich an Bordeaux und Burgund angelehnt). Wie soll da ein «unartiger» Wein bestehen?  Der Preis ist zwar «adorable» (um 8 € ab Weingut), deshalb durchaus restauranttauglich. Aber der Name, die Rebsorte, die Bewertung der Weininstanzen, die Herkunft aus einem Gebiet, wo einst «Billigweine» residierten, all dies ist wenig kundenfreundlich. Carignan, die ertragreiche, üppige Rebsorte, mit dem bescheidenen Aromen-Auftritt, hat dazu verleitet, viel Wein in bescheidener Qualität auf den Markt zu bringen. Als das nicht mehr funktionierte, hat man die Carignan-Reben ausgerissen, weltweit, vor allem aber in Südfrankreich und mit anderen populäreren Rebsorten ersetzt. Jeder Trend ruft auch ein paar «unartige Buben und Mädchen» auf den Plan, in diesem Fall Winzerinnen und Winzer, die es «anders» machen: Die Erträge reduzieren, feinfühliger vinifizieren, sich stärker an den Eigenschaften und Besonderheiten Rebe orientieren und damit einen anderen Wein anbieten, als die «Anderen». Ein solcher Wein ist auch dieser Wein: anders, eigenwilliger, eigenständiger, man kann dem gut und gern «méchant» sagen.

03. Juli 2021

 

Maison Cazes: John Wine 2018, no sulfites, Bio, Côtes du Roussillon, Riversaltes, Frankreich

 

Der Sheriff der texanischen Stadt «Rio Bravo» kämpft verbissen um Recht und Ordnung und gegen die Übermacht einer skrupellosen Bande. John Wayne taucht auf, einer der ganz grossen Westernhelden, im Spiel zwischen Legende und Wahrheit. Assoziationen vor dem Weingestell des Discounters. Assoziationen, die bewusst angesprochen werden, durch den Namen und die Etikette einer Flasche Wein:

Assoziationen vor dem Weingestell des Discounters. Assoziationen, die bewusst angesprochen werden, durch den Namen und die Etikette einer Flasche Wein: John Wine (man beachte, wie der Name geschrieben ist) und das Porträt eines Westernhelden (mit Cowboyhut und einem Zweiglein zwischen den Lippen). Kampf um Aufmerksamkeit, entfacht durch das Haus «Caves», ein selbst für Südfrankreich (Riversaltes) sehr grosses Weinunternehmen, gegründet 1895 vom Winzer Michel Cazes. Aus dem bescheidenen Weingut ist ein Unternehmen geworden, das heute mehr als 200 Hektaren Reben bewirtschaftet und eine ganze Palette von Weinen vermarktet. Eines muss man dem Haus Cazes zugestehen: Hier werden immer wieder neue Ideen kreiert und auf neue Entwicklungen im Weinbau (und in der Vermarktung) eingeleitet. So gehörte das Weingut zu den ersten Betrieben, die schon 1997 ihren Betrieb konsequent auf «Bio» umgestellt haben. Mit dieser Cuvée geht man noch einen Schritt weiter: «no sulfites», also keinen zusätzlichen Schwefeleinsatz bei der Vinifikation. Ist dies überhaupt möglich und sinnvoll? Die Meinungen sind geteilt, die meisten «Bio»-Zertifikate lassen die Frage offen und der Qualitätsgewinn umstritten (allerdings ein Hoffnungsschimmer für Menschen mit einer Schwefelallergie). Grenzwertig ist in diesem Fall auch die Anpreisung des Weins: John Wine hat mit dem indirekt erinnerten John Wayne (1907-1979) nichts am Hut, weder eine historische, noch eine (im übertragenen Sinn) charakterliche Beziehung. Der Wein ist weder ein Held, noch hat er die Härte einer Figur, welche John Wayne verkörpert hat. Doch dies ist unerheblich, denn wer weiss heute noch, wer der Mann ist, der «Liberty Valance erschoss»? noch ein paar Gedanken zum Wein: Es ist erst der zweite Wein – deklariert ohne Sulfite – den ich getrunken habe. Der andere war aus der Lombardei (hier beschrieben), mit der neuen Traubensorte «Rebo», hier eine traditionelle Cuvée (Syrah, Grenache und Mourvèdre), wie sie eben (in unterschiedlicher Prägung) in Languedoc/Roussion Tradition ist. Und doch – man verzeihe – sind die beiden Weine sehr ähnlich im Charakter: etwas ungestüm, etwas vordergründig, im Geschmack nicht ganz eindeutig, als wäre er in Fesseln gelegt und könne seinen potentiellen Charme nicht ausspielen. Eigentlich bin ich von John Wayne beeindruckter als vom mir bisher unbekannten John Wine.

John Wine  /Bild: Etiket)
John Wine /Bild: Etiket)
John Wayne  (Bild: VH-Magazin)
John Wayne (Bild: VH-Magazin)

Corbières (Foto: Caraguilhes)
Corbières (Foto: Caraguilhes)

08. Juni 2021

 

Château de Caraguilhes, Les Courgoules 2017, Corbières, Languedoc, Frankreich

 

Ein dunkler – fast schwarzer – Wein, kräftig, aromatisch, tanninstark, schmeichelnd wild. Er erinnert an den «Côt» (Malbec) aus Cahors, an den legendäre «vin noir», der immer mehr in Charmes-Fesseln gelegt wird und heute fast schon brav um seinen wilden Ruf kämpft.

Nicht viel anders ergeht es diesem Corbières-Wein, der auch wild, aber auch charmant ist. In den Aromen aber anders: nicht das Blumige des Malbec, nicht seine dunkle Schokolade, nicht seine Espresso Noten. Dieser Wein ist anders: weit pfeffriger, tendiert mehr zur Olive, erinnert an Walderde, an Unterholz, Garrigue. Vielleicht ist es nur die Landschaft – Garrigue, Garrigue – in der die Trauben wachsen, welche die Assoziation «Garrigue» auslöst. Vielleicht sind es einfach die starken Beerenanklänge – Brombeeren, Heidelbeeren – jene Aromen also, die man in vielen «starken» Weinen findet. Jedenfalls ist es nicht ganz einfach, den kräftigen, sehr eigenständigen Wein zu charakterisieren. Die Schwierigkeit beginnt schon den Bezeichnungen – Caraguilhes: Name des Weinguts – für uns ein Zungenbrecher. Les Gourgoules – ein bestimmter Ort, eine Parzelle des Châteaus (in der Gemeinde Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse), mitten in der Corbières, wo man noch das katalanische Erbe pflegt, in der Sprache, aber auch um Weinbau. Es dürfte einer der frühsten Bio-Weine der Appellation sein, entstanden (in den achtziger Jahren) aus dem Bedürfnis, der Natur näher zu kommen. Und das schafft er. Und zwar so, dass er nicht mit der Brechzange einheimisch, authentisch sein will, sondern im Charakter und der ist – trotz der Kraft und Präsenz – fein, geschmeidig, im Abgang sogar seidig. Ein authentischer Wein, ein guter, ein ehrlicher, ein sogar etwas vergessener.

08. Juni 2021

 

Châteaux Latour 1993, Premier grand cru classé, Pauillac, Bordeaux, France

 

Es ist selten geworden, dass «man» einen (vom Namen her) «grossen» Bordeaux im Glas hat. Präziser: dieser «man» bin ich und die «gossen» Bordeaux sind jene, die selbst bei «mittleren» oder gar «schlechten» Jahrgängen mehr als 500 Franken kosten. «Latour» 1993 ist so ein Wein, er erreichte keine 90 Parker-Punkte, weder als Jungwein, noch gereift. Es ist – wie bei vielen andern Top-Bordeaux – vor allem der Name, welcher den Preis bestimmt und (mit zunehmendem Alter) auch seine Rarität.

Einmal im Leben einen «Latour» im Glas zu haben, einen «Lafleur» oder gar einen «Pétrus», davon träumt gar manchen Weinliebhaber. Der Verstand sagt zwar: Er ist wohl nicht so viel «besser», als ein gut gemachter «kleineren» Bordeaux aus einem guten Jahr. Doch die Ehre, das Erlebnis, mit einem «Grossen» am Tisch zu sitzen wiegt viele berechtigte Zweifel auf. Oder doch nicht? Ich hatte meine Wein-Sturm- und Drang-Periode in den frühen Neunzigerjahren, als ein «Latour» noch unter 100 Franken zu kaufen war und ich deshalb meinen Bordeaux-Keller auch mit sogenannt «grossen Gewächsen» ausstatten konnte. Rein monetär gesehen, hat der «Latour 1993», den ich jetzt nach fast 30 Jahren öffne, den Wert von damals (Plus Lagekosten und ein langes Warten). Der fünfmal höhere Preis von heute ist für mich nur ein virtueller Wert, der besagt, was wäre, wenn… Ich will ihn aber weder verkaufen, noch muss ich ihn jetzt erwerben. Trotzdem: dieser virtuelle Wert begleitet alle beim Genuss. Was ist jetzt wichtiger für die Bewertung? Ob ich einen 88-Punkte-Wein trinke oder einen (jetzt) teuren «Latour»? Was bereitet die grössere Freude, das grössere Erlebnis?  Dieser «Latour 1993» oder der (am selben Abend geöffnete) «Les Forta des Latour 1997»? Der Zweitwein von «Latour», ebenfalls von einem schwächeren Jahr, ebenfalls mit 88 Punkten ausgestattet. Sensorisch sollten sie etwa gleichwertig sein sollte, der eine kostete einst 30 Franken (heute um 200 Franken), der andere ein Vielfaches davon. Der eine der teure Spitzenwein, der andere eben nur der «Zweitwein».

Was ich mit dieser fast schon philosophischen Gedanken sagen möchte: man trinkt und beurteilt nicht nur einen Wein, fast immer auch – bewusst oder unbewusst – einen «virtuellen» Wert. Und der kann – je nach Situation – eine Beurteilung beeinflussen und verfälschen. Konkret: der 93er war eindeutig der bessere Wein. Seine Strahlkraft war grösser. Das Bewusstsein, einen tollen Wein getrunken zu haben, tief verankert, schon allein deshalb, weil ein Vergleich oder eine Überprüfung nicht so einfach möglich ist. Und weil der «Handelswert» letztlich – ob man es wahrhaben will oder nicht – doch entscheidend ist.

26. Mai 2021

 

Completer:

 

Weingut Francisca & Cristian Obrecht: Completer 2014, Jenins, Graubünden
Schweiz

 

Weinbau von Tscharner: Jeninser Completer 2010, Schloss Reichenau, Graubünden, Schweiz

 

Es begann mit der «Komplet». Komplet? Lateinisch «completorium», verkürzt die Complet oder «das Gebet auf der Bettkante».  Mörike (1804-1875) kleidet es in Poesie: «Und kecker rauschen die Quellen hervor,  sie singen der Mutter der Nacht ins Ohr. Vom Tage, vom heute gewesenen Tage.» Der Tag war noch nicht gewesen, als wir mit der Complet begannen, besser gesagt: mit dem «Completer», einem ganz speziellen Wein aus einer uralten Rebsorte, die nur noch selten angebaut wird, vor allem in Schweiz (Bündner Herrschaft).
Lange Zeit war sie fast verschwunden, die Rebe, welche nur in ganz sonnigen Lagen (meist in alpinen Regionen und oft an Mauern) eine volle Reife der Beeren entwickeln kann. Und ihr Wein?

Rheintal (Foto: Peter Züllig)
Rheintal (Foto: Peter Züllig)

Der muss lange, lange reifen, sich entwickeln, sich finden, bis er mit jenen Aromen ins Glas kommen kann, die ausgewogen, harmonisch und eigenständig sind (aber kaum mehr dem heutigen Weingeschmack entsprechen). Ein Liebhaberwein also? Eigentlich schon, dafür haben ihn ihre Liebhaber besonders lieb. So lieb, dass er – auch aufgrund seiner Seltenheit und des langen Ausbaus) kaum erhältlich und relativ teuer ist. Die Mönche jedenfalls, die ihn vor ihrem letzten Gebet des Tages, der Komplet, getrunken haben, könnten ihn heute kaum mehr bezahlen. Sie haben ihn deshalb (vielleicht weil sie genügend Geduld hatten) schon damals – in klösterlichen Zeiten – angepflanzt und bewirtschaftet.

 

(Foto: Completer, Weingut Obrecht)
(Foto: Completer, Weingut Obrecht)

Warum also haben wir unseren ersten (erinnerungswürdigen) Weinanlass in Corona Zeiten ausgerechnet mit dem letzten Wein des Tages begonnen? Wohl, weil er sich abgesetzt hat, von all dem was nachher kam und sich harmonisch zu dem fügte, was lose, locker auf den Tisch kam, würzige italienische Häppchen, sogenanntes «Fingerfood», klein, aber charaktervoll. Dazu passten die beiden Completer ausgezeichnet, mit ihrer markanten Säure und den noch markanteren Aromen: Orangen, Quitten, Bitterschokolade und immer eine Prise Salz, vor allem im Abgang. Zwei Completer, die sich im Stil durchaus unterscheiden, nicht aber in den Aromen. Die Meinung am Tisch war durchaus geteilt: Der Wein Obrecht ruhiger, feiner, besonnener – auch vier Jahre jünger, durchaus schmeichelnd, mehr Süsse als der stürmische, selbstbewusste von Tscharner, der für mich als trockener, selbstbewusser Charakterwein eigentlich besser gefiel, weil er in einem grandiosen Abgang, scheinbar endlos ausgeklungen ist. Der eine eher ein gepflegter, harmonischer «Schlummertrunk», der andere ein aufwühlendes «Gutnacht Gebet». Eigentlich – so im Nachhinein reflektiert – liebe ich beide Weinstile und ist wohl abhängig von dem, was ich am Tag so «angestellt» habe. Am Tag der Verkostung – es war ja erst der Anfang – war mir die Aufregung näher, als die Ruhe und Besonnenheit.

22. Mai 2021

 

Weinbau von Tscharner, Schloss Reichenau: Jeninser Muskateller 2020. trocken, Graubünden, Schweiz

 

Offen gesagt: den Muskateller – eine vielfältige, alte Rebsorte – mag ich nicht: zu süss, zu traubig, zu beerig, zu plakativ. Ein Urteil, das ich mit vielen Weinfreunden teile. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich je ernsthaft über einen Muskateller diskutiert,

geschweige geschrieben habe. Er liegt – so meine tief verankerte Meinung – unter meiner Weinliebhaber-Ehre. Oder ist er ein Opfer gängiger Vorurteile? Ernsthaftigkeit billige ich ihm nicht zu! Bisher, jedenfalls. Mein gestörtes Verhältnis zu der süsslichen Plörre mit ihrem markanten Aroma, einer Mischung aus Muskat und Blumenduft, hat mich immer davon abgehalten (was ich bei Wein eigentlich immer mache) auch Unvertrautes neugierig zu probieren, zu ergründen, sensorisch zu werten und mein Urteil zu erklären und begründen. Ich weiss, da ist vieles meinem Geschmack, meiner Vertrautheit und meiner Weinsozialisation geschuldet. Subjektivität aber ist - nicht zuletzt – beim Essen und Trinken ein wichtiger Faktor. Deshalb blieb der Muskateller (bei mir) aussen vor. Ich habe zwar ein paar Mal daran genippt, immer am Mittagstisch bei der Traubenernte, wenn wir gerade die kleine Parzelle mit Muskateller (Muscat Blanc à Petits Grains) abräumten. Dann aber ist es passiert, der Winzer hat dem Muskateller nicht den Muskat, nicht den Blumenduft, nur die Süsse genommen, auch die spitze Säure, den bonbonhaften Allerweltsgeschmack, der den Muskateller rasch zum fröhlichen «Saufwein» werden lässt. Aus dem Blumenstrauss, hat er eine Blume gepflückt, zart, anmutig, den Muskat hat er zurückgestutzt auf Aromen Spuren, die im Gaumen weder kratzen, noch «ins Gesicht springen», wie ich das bei meinen wenigen Begegnungen mit dem Muskateller-Wein erlebt habe. Ich wusste zwar, dass die Traubensorte ganz verschieden ausgebaut werden kann: süss, lieblich, halbtrocken und auch (ganz) trocken. «Ganz» trocken ist er nicht, dieser Jeninser Muskateller, aber so gut trocken, dass nur die Süsse, nicht das charakteristische Aroma «geköpft» wird und dadurch seine Leichtigkeit und Fröhlichkeit verliert. Da hat man – wenn all die Vorurteile wegfallen – plötzlich einen guten, einen eigenständigen, einen schönen Wein im Glas.

08. Mai 2021

 

Stag's Leap Wine Cellars: Cask 23 (Cabernet Sauvignon Estate) 2009, Napa Valley, Kalifornien, USA

 

Es kam mir vor, als sässe ich in einem Maserati, einem Lamborghini, einem Aston Martin oder wie die Luxuskarossen alle heissen: schön, stark, elegant, luxuriös… aber irgendwie unerreichbar. Etwas ganz Besonderes eben. Etwas das teuer ist, etwas, das man nicht alle Tage hat, etwas, das man sich vielleicht erträumt, aber nicht besitzen kann, weil man sich nicht in diesen Kreisen bewegt. Auch ein Wein kann sich in solchen Sphären tummeln.
Zugegeben, nicht ganz so teuer, nicht ganz so unerreichbar, nicht ganz so auffällig, schon viel irdischer, aber doch eine Ausnahme-Erscheinung. Als Bordeaux-Liebhaber kenn ich das, im Bordelais heissen sie einfach anders: Petrus, Ausone, Latour…

Es sind keine Weine, die man kritisiert: bestenfalls bemisst, bewundert, geniesst. Auch «Cask 23» ist so ein Wein, zwar nicht aus dem Bordelais, aus einem andern berühmten Weingebiet, aus dem Napa Valley in Kalifornien. Einfach etwas «Gutes», etwas «Besseres» und das zu Recht. Geadelt durch Punkte kompetenter Weinkritiker, die ihm meist weit über 90 Punkte geben. Der beste Wein, des heutigen Abends, unbestritten, auch von mir.

Was aber ist, wenn ich einen anderen Wein (des Abends) mehr schätze, lieber habe? Wenn ich einen Smart dem Lamborghini vorziehe? Bin ich dann ein Idiot, ein Banause, ein Ignorant? Einer, der nicht «drus chunt»? Das ist das Dilemma, bei einem Weinabend, wo es eigentlich um den Genuss, aber auch andere Messlatten – meist unausgesprochen im Hintergrund – Massstab sind. Zum Beispiel die Parker-Punkte (und damit die Preise), das Renommee einer Gegend, eines Weinguts, eines Winzers, das Prestige (eben einmal in einem Lamborghini gefahren zu sein), aber auch die Mode (das gibt es, auch beim Wein) oder der Mythos, der einen Wein umrankt. Es ist nicht ganz einfach, einen Wein, der all dies nicht mitbringt (zumindest nicht im gleichen Ausmass), besser zu finden, «lieber zu haben», den Höchstgekrönten vorzuziehen. Der Kleine hat da schon verloren, bevor das sensorische Ringen beginnt, das Resultat steht quasi fest.

So ist es auch jetzt wieder. Drei gute Weine an diesem Abend. Unbestritten gute. Darunter diese «Legende». Für einen mehr als zehnjährigen wein noch viel blau- und schwarzbeerige Aromen, die Frucht noch immer recht üppig. Es kommt mir vor, als wolle er «ums verrode» der Beste sein, so quasi ein «Vorzeige-Cabernet». Man hat mir gesagt, zwanzig Jahre brauch er, um seine Harmonie zu finden, um sein eklatantes Strebertum abzulegen, etwas mehr Mineralität durchschimmern zu lassen, seinen Kultstatus abzulegen und einfach nur guter Wein zu sein. Doch ich fürchte, er wird nie die Ehrlichkeit und Zurückhaltung der beiden andern «viel kleineren» Weine haben, die voller Nuancen und Spielfreunde sind und gar nie die grössten sein wollen.

08. April 2021

 

Angelo Gaja: Barbaresco 1994,
Langhe, Piemont, Italien

 

Gut acht Jahre sind vergangen, seit ich zum letzten Mal einen Barbaresco von Angelo Gaja getrunken habe, und zwar dem gleichen Jahr, aus dem gleichen Lot. Ich erinnere mich nur noch schwach, weiss nur noch, dass er gut war, dass er mir gefallen hat, dass ich die restlichen drei Flaschen (ich habe damals sechs auf einer Auktion erstanden) ganz oben im Keller, für mich fast nicht mehr erreichbar (ohne auf eine Kiste zu steigen), jedenfalls so, dass sie unangetastet blieben. Eigentlich habe ich den Wein damals ersteigert, um einem Freund (mit ihm war ich damals im Piemont) zu danken, ja ihm eine Freude zu machen. Ich erinnere mich, dass er den Wein zusammen mit Italien-Fans getrunken hat. Sie waren voll des Lobes. Also trotz des Alters: «ein Wow-Wein». Nun ist es so, dass ich in meiner Wein-Erkundungs-Akribie sträflich nachgelassen habe und Italien wieder weggerückt ist, nicht weil mir der italienische Wein nicht gefallen oder gar gelangweilt hat, vielmehr weil ich mich da – etwas orientierungslos – nicht mehr als etwas «herumgetastet» habe. Im Gegensatz zu den «Franzosen» brachte ich die Italiener nie auf die Reihe.

Nun bin ich bei dem besagten bewanderten «Italien -Trinker» eingeladen. Schon länger ist es her, corona-bedingt, unsere Piemont-Trips schon fast vergessen. Höchste Zeit also, den Gaja aus dem fast unerreichbaren Regal herunterzuholen. Zuerst ein Test. Es sind immerhin bald einmal zehn Jahre vergangen seit der letzten Annäherung. Was soll ich sagen? Ein Erlebnis, jedenfalls, doch mir fehlt der Vergleich, die Routine in die Finessen eines gestandenen, leicht alternden, berühmten Weins einzudringen. Mir fehlen die «Messlatten» um meinen grossen Genuss, die spontane Bewunderung so festzuhalten, wie man dies von einem «Wein-Kolumnist», erwarten darf, erwarten muss.
Da hilft – in meiner Unsicherheit (bezüglich objektivierenden Werten) das Archiv. Am 13. September 2013 schrieb ich in meiner Kolumne bei «Wein-Plus» (der grossen digitalen Weinblattform) über genau diesen Wein: «Gaja ist eine Ikone und als Ikone entzieht sie sich jeder „neutralen“ Beurteilung. Man kann es drehen, wie man will, entweder wird an der Patina gekratzt oder sie wird aufpoliert, die Patina. Dies liegt weniger an der Ikone als an unserem Umgang mit Traumbildern. Es beginnt mit dem Preis – was viel kostet, muss auch viel wert sein. Es taucht die Verfügbarkeit auf: auf das, was rar ist, richtet sich unsere Begehrlichkeit. Schliesslich ist es der Anlass, bei dem eine Ikone aufgestellt, in diesem Fall getrunken wird. Es kann nicht der Alltag sein!»

Es war auch jetzt – als ich den Wein wieder offen vor uns stand – nicht Alltag, Ikonentag. Und der war nicht anders als der Tag vor acht Jahren. «Wir hatten einen guten, bereits leicht abgebauten oder sagen wir zur Zurückhaltung gereiften Barbaresco im Glas. Ausgewogen, sagt man, auch dicht, könnte man noch sagen. Doch die Kraft hat einer Eleganz Platz gemacht, die etwas verwelkt wirkt, zurückhaltend in der so oft zitierten „Barbaresco-Nase“: Waldbeeren, Lakritze, Teer und Rosen. Auch die Rosen sind nicht mehr frisch, haben aber ihre seidige Struktur behalten.»

Man sieht, auch mein Umgang mit der Ikone Gaja ist nicht ganz unbeschwert. Habe ich die Patina nun beschädigt oder in ein neues Licht gestellt? Ich überlasse das Urteil anderen, werde nüchtern, sachlich: es war ein gute, gut gereifter, differenzierter, schöner Wein. Mehr nicht. Aber es war ein Gaja».

Carl-Zuckmayer Denkmal © Werner Loh.Guntersblum
Carl-Zuckmayer Denkmal © Werner Loh.Guntersblum

24. März 2021

 

Château Lynch-Moussas, Pauillac,
5ème Cru classé, Bordeaux,
Frankreich

 

Lynch-Moussas und Lynch-Bages, zwei Weingüter in Pauillac, beide als 5ème Cru klassifiziert, ähnliche Namen und doch zwei unterschiedliche Weine. Vor allem in der heutigen Beurteilung in Bezug auf Qualität und Preis. Ähnliches ist im Kern-Weingebiet von Bordeaux oft anzutreffen. Zum Beispiel bei den Weingütern Rauzan-Ségla und Rauzan-Cassies (beides 2éme Cru) oder bei den Léovilles (Barton, Poyferré und Las Cases), alles 2éme Crus. Eine Entwicklung, die typisch ist im Weingebiet Bordeaux. Sie entstand meist infolge Erbteilungen, unterschiedlichen historischen Umständen und häufigen Besitzerwechseln. Da die Klassifikation der Médoc-Châteaux aus dem Jahr 1855 stammt (und kaum verändert wurde) konnten die damals klassifizierten Weingüter ihren Rang bis heute bewahren, auch wenn sie sich inzwischen ganz anders entwickelt haben. So ist dies auch bei Lynch-Moussas und Lynche-Bages.

Château Lynch-Moussas      (Foto: Lynch-Moussas)
Château Lynch-Moussas (Foto: Lynch-Moussas)

Im Rahmen der religiösen Konflikte in Irland flüchtete im 17. Jahrhundert auch ein gewisser John Lynch nach Frankreich und liess sich als Händler (Textilien) in Bordeaux nieder. Er erwarb Besitztümer und sein Sohn heiratete die Tochter eines Landbesitzers („Bourdieu de Batges“). Nach dem Tod des Vaters erbte sie die Hälfte des Anwesens. Daraus entstand das neue «Château Lynche». Rund hundert Jahre später wurde es verkauft und auf zwei neue Besitzer aufgeteilt, die es fortan Lynch-Bages und Lynch-Moussas nannten. Das eine Weingut (Lynche-Bages) hatte mehr Glück und wurde  1938 von Jean-Charles Cazes, einem hervorragenden Weinmacher, übernommen. Das andere Weingut (Lynch-Moussas) wurde hingegen mangelhaft bewirtschaftet, jedenfalls bis 1969 sowohl  Rebfläche, als auch Weinkeller neu hergerichtet wurden. Während sich Lynch-Bages – vor allem seit den 90er Jahren – tüchtig entwickelte (sein Ruf: «Mouton des kleinen Mannes»), suchte – und fand - Lynch-Moussas zwar den Anschluss an die (stürmische) Entwicklung in Bordeaux, blieb aber bis heute im Bereich eines gute 5éme Crus. In der Subskription kostete Lynch-Moussas 1996 um 35 CHF, während sich der Preis von Lynch-Bages bereits um 50 CHF bewegte.

Château Lynch-Bages
Château Lynch-Bages

Seither ist der Lynch-Bages preislich in den Bereich eines 2éme Cru (mehr als 100 CHF) aufgestiegen, während sich Lynch-Moussas noch immer auf dem angestammten Niveau (40-50 CHF Subskriptionspreis) bewegt. Preise und Punktbewertungen sind das eine, das andere die eigene Erfahrung und der Trinkgenuss. Sie unterscheiden sich häufig, vor allem nach vielen Jahren Kellerlagerung. Ich hatte die beiden Weine (des gleichen Jahrgangs) kurz hintereinander im Glas und ich habe sie als Essbegleiter getrunken. Da tauchte die Frage sogleich auf – auch wenn man sie als töricht empfindet: Ist ein Unterschied festzustellen? Wenn ja – wie gross ist er und (natürlich) welches ist nun der «bessere» Wein? Wenn «besser» gleich kräftiger, bestimmter, gewohnter bedeutet, dann ist es eindeutig und klar «Lynch-Bages». Hier wurde mehr zum üblicherweise bewerteten Geschmacksbild beigetragen, wurde bewusster (zielgerichteter) selektioniert und vinifiziert. Geht es aber darum, einen Wein zu entdecken, zu erleben, eine Genusspalette zu erweitern, festzustellen, wie ein Wein nach fast 25 Jahren natürlicher Flaschenreife (auch)   «schmecken» kann, dann weckt «Lynch-Moussas» mehr Interesse und bereitet sogar mehr Vergnügen. Wenigstens mir!

Carl-Zuckmayer Denkmal © Werner Loh.Guntersblum
Carl-Zuckmayer Denkmal © Werner Loh.Guntersblum

24. März 2021

 

Weingut Gunderloch Nackenheim Rothenberg 1997, Riesling, Spätlese, Rheinhessen, Rheinland-Pfalz, Deutschland

 

«Da war doch was!» Doch der Weinkenner und Liebhaber muss nicht unbedingt ein Literaturkenner und -freund sein. Doch «Gunterloch» ist deutsches Kulturgut. So heisst auch der Winzer im Lustspiel "Der fröhliche Weinberg" (Erstaufführung 1925 in Berlin) von Carl Zuckmayer (1896-1977). Ein derbes Stück, das damals einen unglaublichen Skandal auslöste. «Die Nackenheimer sahen sich, die sich Provinzbürger karikiert sahen, die Kriegsveteranen fühlen sich herabgesetzt, die Kirche ereiferte sich über die unzüchtige Freizügigkeit, die deutschnationale erboste sich über die hohlköpfig dargestellten konservativen Typen.» (Quelle: Wikipedia)

Es gilt als der literarische Durchbruch des Schriftstellers, der in Nackenheim geboren wurde und ab 1957 bis zu seinem Tod im Wallis (Saas-Fee) lebte. Auf seinem Grab liegt auch ein Stein vom Nackenheimer Rotenberg. Zuckmayer betonte immer, dass «Gunderloch» ein fiktiver Name sei und der nicht das reale Weingut (und seinen Besitzer) karikieren wollte. Doch das Stück führte zu einer langen «Eiszeit» zwischen Nackenheim (mit

Trailer: Der fröhliche Weinberg. Es spielen Studenten der Schauspielschule "art of acting". Regie: Stephan Richter


dem Weingut Gunderloch) und dem inzwischen berühmt gewordenen Schriftsteller. Erst 1952 kehrte Zuckmayer erstmals wieder in sein Geburtsdorf zurück. «Der Urenkel des Weingutsbesitzers Gunderloch reichte ihm die Hand zur Versöhnung.» Zuckmayer wurde gar Ehrenbürger. In den 90er Jahren war ich – mit Weinfreunden – auf dem berühmten Weingut in Rheinhessen. Es war eher die Verbindung zur Literaturgeschichte als der Wein, die mich damals entzückte. Die Gespräche bei der Verkostung drehten sich auch mehr um Literatur als um Wein. Es waren vor allem Rieslinge, wie es sie auf vielen Weingüter der Gegend gibt. Jedenfalls hat er uns nicht besonders beeindruckt. Doch der Name «Gunderloch» blieb in guter, bester Erinnerung. Auch als ich diesen Wein – vor Jahren – ersteigert habe. Und auch jetzt, wo er wieder einmal in meinem Glas Einkehr hielt. Eine schöne Spätlese – mit einer schönen Geschichte. Eigentlich schon eher ein «Jahrgangswein», der sich sehr gut erhalten hat und den man mit Genuss noch trinken kann.

 

Inzwischen ist aber das Weingut noch berühmter geworden, diesmal durch den Wein. Seit Johannes Hasselbach, aus der vierten Generation der Gründerfamilie, das Weingut übernommen hat, werden hier immer wieder Spitzenweine gemacht. Das Weinmagazin «Falstaff» urteilt: «Wenn man die aktuellen Weine verkostet, kann man kaum glauben, dass Johannes Hasselbach das Weingut erst seit fünf Jahren leitet. Seine Handschrift wirkt schwungvoll und routiniert, die Weine haben Feinheit und einen unwiderstehlich klaren Stil. Die Großen Gewächse schaffen es, eine Tonne Extrakt auf einem Stecknadelkopf unterzubringen.» Gunderloch, ein Weingut wo sich Literatur und  Wein die Hände reichen.

18. März 2021

 

Dieter Meier: Puro Malbec, 2018,
Organic Wine, Mendoza, Argentina

 

Es gibt so etwas wie Modeweine, etwas edler formuliert: Kultweine. In Weinbesprechungen taucht dann meist der Begriff «Internationaler Geschmack» auf. Selbst, wenn es um die Rebsorte Malbec geht. Malbec ist zwar im Kultgebiet Bordeaux zugelassen, wird aber kaum noch im «typischen» Bordeaux verwendet. Abgewandert nach Cahors, wo er noch heute

(Bild: vinello)
(Bild: vinello)

«der Dunkle, der Kräftige, der Schwarze» ist. Das ist er auch in dort, wo er jetzt seinen Hauptsitz hat: in Argentinien. Nicht gerade eine ideale Voraussetzung, um «Mode» oder «Kult» zu werden. Dazu braucht es noch eine gute Geschichte und so etwas wie einen «Erlöser». Und der ist gekommen. Ein «Tausendsassa» – wie er sich selber bezeichnet – aus der Schweiz. Seine Geschichte begleitet den Wein, wo immer er angeboten wird: «Puro ist eine Weinlinie von Dieter Meier. Der Schweizer

Popmusiker, Videokünstler und Autorerlangte in den 1980er Jahren mit dem Popduo Yello Weltruhm. In den späten 1990er Jahren kaufte er ein Weingut mit 380 Hektaren Land in Alto Agrelo, südlich der Stadt Mendoza auf. Hier setzte er von Beginn an auf zertifizierten Bio-Anbau. Seither entstehen herausragende Weinqualitäten, die Kritiker in aller Welt überzeugen». Die Geschichte ist gut, der Wein eigentlich auch. Zumindest so gut, dass er vom Grossisten bis zum Spezialisten – vor allem in Europa - angeboten wird. Nicht nur dieser Malbec, eine ganze Linie von Puro-Weinen (die anderen sind Cuvées). Dieser Malbec aber ist der authentischste: «Sattes Rubinrot, fruchtbetontes Bukett mit viel eingelegten Zwetschgen, Zartbitterschokolade und reife Waldbeeren…» Was so gut tönt – auch nicht falsch ist – hat wenig mit einer «Handschrift», mit Finesse und Hintergründigkeit zu tun. Dafür umso mehr mit Eintönigkeit, ja sogar mit stolzer, prägnanter Langweile. Der Langweile eines guten Massenprodukts, das zudem noch das Etikett «Bio» (Certifield Organic Wine) trägt (und neuerdings sogar mit der Eigenschaft «vegan» verziert ist). Mir ist dies alles allzu viel Mode, allzu viel «Sassasa», allzu viel geglättete Parkerpunkte (Parker selber hat sich bisher - auf seiner Website - kaum zum Wein geäussert). Und wer ihn – «gwundrig» - ergoogelt, der erhält zuerst einmal eine Flut von «Anzeigen», der Werbung von vielen Anbietern. Originalton: «Schmeichelt mit einer umwerfend betörenden Frucht und einem samtigen Finale.» oder «Heute sind seine PUROWeine Kult. Oooh yeah!»

24. Februar 2021

 

Cháteau Lafite Rothschild 1972, Premier Cru Classé, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

 

Es gibt ihn, den klassischen „Geburtstagswein“. Er ist meist sehr teuer und - verglichen mit anderen Weinen - oft gar nicht so „gut“. Doch darüber spricht man kaum an der Geburtstagstafel. Da steht das Besondere des Weins im Vordergrund. Dies ist häufig nicht die Qualität, sondern der Jahrgang des Weins, der sich mit dem Jahrgang des „Geburtstagskinds“ deckt. Nun richtet sich aber die Qualität des Weinjahrgangs nicht nach den Lebensdaten des/der Gefeierten.

Kommt dazu, dass nicht nur ein Teil der geburtstäglichen Symbiose – der Mensch – älter und älter wird, sondern auch der Wein. Nicht alle Weine schaffen dies! In der Regel nur sogenannt "grosse" Weine und die sind – weil sie eben so sind, nämlich alterungsfähig) - auch teuer und zudem Jahr für Jahr rarer. Besonders benachteiligt sind Geburtstagsfeiernde, welche in einem sogenannt „schlechten“ Weinjahr geboren sind. Etwa 1965, 1972, 1977, 1991…, sofern man Bordeaux-Weine liebt. Unsere Tochter ist so eine "Pechmarie". 1972 geboren.
Ihr Vater (eben ich) ein Wein- vor allem Bordeaux-Liebhaber, die Tochter über einem stattlichen Bordeaux-Keller gross geworden. Da will in Sachen „Geburtstagswein“ nichts so richtig zusammenpassen. Nichts? Ausweichen auf andere Weingebiete (was schwierig ist, weil die "Bordeaux" zu den langlebigsten Weinen gehören), auf andere Weine umzusteigen, Süssweine zum Beispiel.

Natürlich – Eigen- oder Vaterliebe – mussten doch im Laufe der Jahre ein paar wenige 72er in den Keller.  Man weiss ja nie! Immer wieder, wenn ich auf Aktionen war, habe ich (ab und zu) auf eine Flasche aus dem Jahr 1972 geboten: Mouton, Lafite, Haut Brion, Cheval blanc, Latour… Ein Resultat meiner unglaublichen Bordeaux-Begeisterung vor zwanzig, dreissig, Jahren. Keine einzige Flasche kostete damals mehr als 100 Franken (Allerdings schon ein stattlicher Preis für einen „bescheidenen“ Wein). Seither ruhen die paar Flaschen im Keller – wie man sagt - unter idealen Bedingungen (sie machten keine „Weltreisen“, wie so andere Auktionsweine), sie ruhten im Dunkeln, temperaturüberwacht, unangetastet… Originalzitat Parker:Der Mangel an Frucht, Charme und Geschmackskonzentration ist allzu gross, als dass im Alter etwas daraus werden konnte“.  Trotzdem wagte ich es! Jetzt, ein Jahr bevor der Jahrgang fünfzig wird, startete ich zaghafte einen Versuch: Ich stellte kurz entschlossen einen Lafite 1972 auf den Geburtstagstisch unserer Tochter. Die Flasche leistete das, was jede Flasche leistet, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt aufgestellt wird und den richtigen Jahrgang hat. Sie erregte Staunen und Bewunderung. Aber mehr? Doch das Staunen geht weiter. Ein "Altwein" sicher, aber ein guter, ein echt genussbringender. Verglichen mit sogenannt "guten" Jahrgängen – der gleichen Periode, der gleichen Region, der gleichen Klasse -  kein Stiefkind.

Es mangelte ihm weder an „Farbe, Extrakt, Säure und Rückgrat“ (wie einst prophezeit wurde), noch fehlten ihm ken angeboten!jene Dinge, die man von einem "grossen" Wein erwartet: Harmonie, Körper, Tiefe und ein schmeichlerischer Abgang. Wenn es einen Mangel gibt, dann liegt er bei uns, beim Mangel an Vertrauen. Am Grundvertrauen, dass ein hervorragendes Weingut – das sein Handwerk versteht – auch in sogenannt „schwächelnden“ Jahren sehr gute gereifte Weine zustande bringt, wenn man ihnen die notwendige Sorgfalt bei der langen Lagerung angedeihen lässt. NB. Der Wein wird heute – als Geburtstagswein eben – zu einem Preis von fast 1‘000 Franken angeboten!.

(Foto: Bergerie de Fenouillet
(Foto: Bergerie de Fenouillet

07. Februar 2021

 

Bergerie de Fenouillet: Le Redon 2015, AOP, Languedoc, Frankreich

 

Sind es Entzugserscheinungen oder ist dieser Wein wirklich so gut, soviel besser, nicht anders, nur eigenständiger, präsenter, genüsslicher? Ich lebe in drei unterschiedlichen Weinwelten: In der Rotweinschweiz, wo ich mich immer mehr zu Hause fühle; im Bordelais, wo meine Weinbesessenheit ihren Anfang nahm; im Süden Frankreichs, am Mittelmeer, wo ich so etwas wie ein zweites Daheim gefunden habe.

(Foto: Bergerie de Fenouillet)
(Foto: Bergerie de Fenouillet)

Natürlich mache ich auch Ausflüge, überall hin, nicht nur wo es Wein gibt. Doch, wo es ihn gibt (und es gibt ihn in immer mehr Gegenden) da trinke ich, da befasse ich mich mit ihm, intensiv. Nun, Corona hat vieles (alles?) auf den Kopf gestellt. Auch meine Wein-Trink-Gewohnheiten. So bin ich jetzt seit bald einem Jahr unten gewesen, im Languedoc, bei meinen Lieblingsweinen der grossen Weinregion. Da ich die drei Weinwelten – nicht vollständig, aber doch ansatzweise – voneinander trenne – Schweizerweine in der Schweiz trinke, Bordeaux aus dem Keller hole und Südfranzosen am Mittelmeer geniesse, sind letztere sträflich zu kurz gekommen. Ich spüre es, meine Lieblinge aus dem Süden fehlen mir. Jetzt ist einer zu mir gekommen, ein nur flüchtig bekannter, den ich – zumindest diese Cuvée - noch nie getrunken habe.

Der Wein wird auch in der Schweiz vermarktet, den das Weingut wird von einem «ausgewanderten» Schweizer geführt, liegt aber nördlich von Montpellier, nicht allzu weit von meiner – jetzt sträflich verwaisten Wohnung entfernt. Ich fühle mich zu Hause, schon beim ersten Schluck: Typisch Languedoc, und zwar vom weichen, verführerischen, ruhigen Languedoc, mit einem grossen Anteil der Rebsorte Syrah im Wein. Es ist nicht dieser wilde, schwer zu bändigende Bursche aus der Corbières, ganz im Süden. Es ist aber auch nicht ein nach Erfolg haschender Anklang an die südliche Rhone, wo der Grenache weitgehend das Zepter schwingt. Nein, hier haben wir einen Wein, der sich zurückhält und nur das sein möchte, was er ist, ein typischer Languedoc im Geschmack, von vornehmem, fast schon aristokratischem Landadel, der nicht durch protziges Getue auffällt, sondern Wärme und Herzlichkeit ausstrahlt. Das verdankt er nicht zuletzt dem wenig auffälligen Holzeinsatz und ich meine dem Verzicht auf Trimmmethoden in der Vinifizierung. Hier wirkt nichts – aber auch gar nichts – gestresst. Die Ruhe zieht ein ins Innere, ins Herz einer Landschaft, die eigentlich gar nicht so lieblich ist, oft den hohen und schwankenden Temperaturen ausgesetzt und ihre Nahrung während der Reifung oft tief im Boden suchen müssen. Wenn sie da gut geführt und begleitet werden, danken sie es mit viel Mineralik und einer unglaublich, fast einmaligen Harmonie in ihrer Fruchtigkeit.

25. Januar 2021

 

Château Mouton-Rothschild 1994, 1er grand cru classé, Pauillac, Bordeaux, Frankreich

 

Das war wohl zu erwarten! Nachdem ich vor einer Woche den "Mouton des kleinen Mannes" (Lynch Bages) getrunken habe, musste natürlich so rasch wie möglich  der "Mouton des grossen Mannes"  ins Glas. Weinen. 

Gross bin ich zwar nicht, nur 168, und werde jedes Jahr (altersbedingt) sogar etwas weniger. Aber ist wenigstens der Mouton "gross"? Schon etwas grösser, als die "kleinen" Bordeaux. Das schuldet er schon seinem Ruf. Trotzdem, ein Vergleich liegt auf der Hand. Denn, um dieses "Grösser- und Kleiner-Sein" geht es fast immer - und immer wieder - bei der Beurteilung von Zumal die Diskrepanz zwischen "gross" und "klein" im Bordelais immer grösser wird, (zumindest in Bezug auf die Preise). Doch das kümmert mich jetzt wenig, wo der eine der beiden Weine im Glas ist. Der andere längst in Erinnerung eingetaucht. Was ich jetzt fühle:

Es sind zwei Weine, zwei hervorragende Weine, die Spass machen. Um den Spassfaktor zu messen, fehlt mir - nicht nur mir - ein geeichtes Messinstrument. So bleibt es - vorerst - bei Jetzt, im Augenblick. Da strömt mir - schon aus der Flasche - ein verhaltener, aber sehr intensiver Duft von... ja, von was??? - entgegen. Cassis, Leder, Lakritze, Fleisch, Erde...? Einfach von Wein. Wein, bei dem man zubeissen möchte, wäre er beissfähig. Muss man denn alles benennen? Allein mit dieser Frage ist schon viel gesagt. Das Gefühl: nicht "beissen", sondern zupacken, ertasten, erfühlen. Dann der Anblick - im Glas: eher unspektakulär, nicht wuchtig, nicht massig - elegant, zierlich, fein. Kann sich die Optik - es ist ja keine Form da, nur Farbe - auf das Gaumengefühl übertragen? Kann sich das, was man zu sehen glaubt, auf die Rezeptoren an der Zunge übertragen? Die Frucht hat sich davongeschlichen, nur ihre Spuren hinterlassen. Wie so oft sind Spuren viel prägnanter, aber auch geheimnisvoller als die massige Präsenz. Ich geniesse sie, die Spuren und die Präsenz und setze schon fast zu "faustischem" Verweilen an. Da kommt mir der "Kleine" in den Sinn. Eine Erinnerung steigt hoch: habe ich nicht ganz ähnliches gesagt, gefühlt, geschrieben beim "Kleinen", überhaupt bei vielen Weinen, nicht nur beim Lynche Bages vor einer Woche. Jetzt streiten sich in mir - zwei Urelemente, das Jetzt und die Erinnerung. Sie verdichten  sich zu etwas, das man etwas wagemutig als Glück bezeichnen kann. Und Glück braucht Begriffe, wie "klein" und "gross" nicht. Da sind sie so fehl am Platz, wie ... Muss man denn jedes Gefühl in Begriffe zwängen?

(Foto: Domain Girardin)
(Foto: Domain Girardin)

18. Januar 2021

 

Château Lynch Bages 1996,
Pauillac,
Bordeaux, Frankreich

 

Schon beim ersten Schluck tauchen Erinnerungen auf. Erinnerungen an eine Degustation in Köln, bei der wir 21 Jahrgänge – von 1978 bis 2003 – dieses Weins getrunken haben.

Ich schrieb damals in meiner Kolumne auf Wein-Plus.eu: «Der Mouton des ‘Kleinen Mannes’» und mein Freund, der Veranstalter, meinte nach der Degustation: «Ach wäre ich doch immer ein ‘Kleiner Mann’». All dies – und noch ein paar Erinnerungen mehr – tauchen jetzt auf, eingepackt in Aromen, in Genuss- und Geschmackssensoren, in die Szenerie eines grossen Erlebnisses. Ist das alles nur Einbildung, sind Erinnerungen wirklich in den Wein «gekrochen»; haben sich da – und in meinem Erleben – bis heute erhalten? Es sind immerhin 16 Jahre her, seit jener «grossen» Lynch Bages Erfahrung. Und ich bin nicht ganz sicher, ob es einfach der Name war (ich habe den Wein ja aus meinem Keller geholt und weiss, was ich gerade trinke), der all das wieder «herausgeklaubt» hat, aus dem Wein und aus meinem Erinnerungsvorrat. Aber kaum ist der Wein im Glas, in der Nase, auf der Zunge, im Mund, im Gaumen, da weiss ich es – und ich bin mir sicher – Wein birgt Erinnerungen. Vor allem gute, eigenständige, charaktervolle, besondere Weine. Weine, die man nicht einfach so trinkt, sondern geniesst, in der Erlebniswelt festgenagelt. Lynch Bages ist so ein Wein.  Da bin ich restlos überzeugt. Damals, vor fast zwanzig Jahren, haben wir diskutiert und Fragen gestellt, wie: «…ob nun der 2000er wirklich der allerbeste Lynch Bages der letzten 20 Jahre ist,  oder ob der gereifte 89er den noch jungen, körperprotzigen Jahrhundertwein dereinst - im gleichen - übertrumpfen wird; ob der 96er

wirklich das Potenzial eines „grossen Weins” hat, oder eben nur 85/100 Punkte „verdient”, die er von einem Degustator erhalten hat; ob…». Einiges davon meine ich heute beantworten zu können. Was den 96er betrifft: Er hat das Potenzial und er hat es auch ausgeschöpft. Jetzt ist er in voller Trinkreife und wohl so, wie er immer in Erinnerung bleiben wird.

(Foto: Domain Girardin)
(Foto: Domain Girardin)

02. Januar 2021

 

Vincent Girardin 1996: Pommard, 1er Cru, «Les Rugiens», Côte d’or, Burgund, Frankreich

 

So unbeschwert, wie am Anfang meiner «Weinzeit» nähere ich mich kaum mehr einem Wein. Vor allem dann nicht, wenn er aus einem der berühmtesten Weingebiete Frankreichs kommt, aus dem Burgund, von der Côte d’Or. Irgendwie spielen Herkunft und Namen doch eine Rolle, auch wenn man sich beim Weingenuss dagegen sperrt und all das, was man schon getrunken, erfahren, gelesen hat am liebsten wegsperren möchte. Trotzdem konnte ich diesen Burgunder unbeschwert geniessen. Es ist nicht ganz einfach, sich ausschliesslich auf die eigenen sensorischen Eindrücke zu verlassen. Schliesslich gibt es da auch die noch eigene Erwartung und die momentane Stimmung, Sie ausser Acht zu lassen, finde ich zunehmend falsch oder – zumindest gegenüber dem Wein – ungerecht. Ich weiss, professionelle Weinkritik sieht dies ganz anders. Sie postuliert möglichst viel «Neutralität». Als ob es Neutralität gäbe, wenn einem etwas gefällt oder wenn man sich – wofür auch immer – begeistert. Dabei ist es gerade die «Emotionalität» welche Weinkritik spannend und für Leser*innen nachvollziehbar macht. Für einmal kann ich diese Emotionslosigkeit und scheinbare «Neutralität» liefern. Der Wein hat mich weder begeistert noch enttäuscht. Er war einfach gut. Ein Pinot Noir, wie ich schon oft (da taucht bereits die Erfahrung auf) getrunken habe, er war weder besser noch schlechter. Er war einfach gut. Vielleicht so, wie man sich einen «echten» Burgunder vorstellt (da taucht das Wissen auf) und das, wie er meist angepriesen wird, als nobel, vollmundig, fruchtig, geschmeidig. Von allem ein bisschen, nichts sticht heraus. Er war einfach gut. Spätestens hier stellt sich dann die analytische Seite des Verstands ein. Warum ist der Wein so. War er schon zu alt, kommt er nicht von der allerbesten Region, vom allerbesten Winzer, hat man ihn zu leicht, zu straff gekeltert? Ich weiss es nicht. Er war einfach gut. Und das darf er auch sein!

(Foto: Bordeaux Elite)
(Foto: Bordeaux Elite)

27. Dezember 2020

 

Château Ausone 1990, St. Emilion, Libournais, Bordeaux, Nouvelle-Aquitaine, Frankreich

 

Märchen beginnen in der Regel mit der «Warnung»: «Es war einmal!». Auch meine persönliche Ausone-Geschichte beginnt so. «Es war einmal ein … Bordeaux-Anfänger, der das renommierte Weingebiet im Westen Frankreichs «entdecken» und sich seinen Weinen behutsam nähern wollte. Ich war ein «Bordeaux-Weinliebhaber» in den ersten Lehrjahren. Ein Liebhaber? Ich liebte vor allem  meine Partnerin und die liebte den Ausone. Damit bekommt meine Geschichte sogar eine Zeitrahmen Das war etwa vor dreissig Jahren. Da war es noch nicht «verrückt», Ausone als Lieblingswein zu wählen. Zwar nicht für den Weinalltag, eher für «besondere» Anlässe. Mit etwas Glück war ein Ausone damals noch für 80-100 SRF zu kaufen.

Und so kam es, dass ich allmählich ein paar – zwar immer teurer werdende – Flaschen erstand. Sie blieben – weil sie kostbarer waren – im Keller, auch an Weihnachten, Geburtstagen und so. Aufgespart für ganz, ganz besondere Tage.
Als ich dann – nach Jahren – nicht mehr bei den Bordeauxanfängern war und ziemlich alle «grossen Weingüter" besucht hatte, fehlte mir nur noch Château Ausone. Es war – während Jahren – im Umbau und dann, ja dann war es so berühmt, dass es jeder "feindlichen Eroberung» standhielt. Ich stand mehrmals mit glänzenden Augen vor seinen Toren und musste zusehen, wie vornehme Karossen mit getönten Scheiben, eingelassen wurden. In solchen Augenblicken habe ich «Rache» geschworen.

Bei meinem Umkreisen von Ausone entdeckte ich ein anderes Weingut, «Moulin Saint-Georges», das damals noch eigenständig aber auch «unbedeutend» war, und bereits zur Familie der Vauthiers (Ausone) gehörte. Weine von «Moulin Saint-Georges konnte (und wollte) ich mir schon eher leisten. Fortan waren wir – meine Partnerin und ich - durchaus mit diesem «anderen» Ausone zufrieden (inzwischen managt die Tochter des Ausone-Besitzers das Weingut). Und meine «Rache»?

Sie kam, sachte, Jahre später. Zum Geburtstag schenkte ich meiner Liebsten einen Aufenthalt in Dresden. Wir reisten mit dem Nachtzug. Im Gepäck hatte ich einen "Ausone", den ich – als Überraschung - um Mitternacht öffnen wollte. Doch wir verschliefen die Geisterstunde und kamen müde, etwas unterkühlt und hungrig (am frühen Morgen) in Dresden an. Das Restaurant war noch geschlossen, das Zimmer noch nicht geheizt, knapp bezugsbereit. Da beschloss ich (Achtung «Rache»!) den Ausone-Zapfen zu ziehen. Ein unglaublicher Duft durchströmte den Raum und wir tranken den kostbaren Wein, ohne Brimborium – ich glaube sogar aus den Zahnputzgläsern – ohne Publikum und ohne gebührende Ehrfurcht, aber hochzufrieden, etwas Gutes im Glas zu haben.
Die nächste «Rache»  – ein paar Jahre später – fand auf einem Campingplatz im Elsass statt. Wir «feierten» meinen Geburtstag. Einfachstes Essen (ich glaube eine Wurst und irgendetwas aus der Dose). Im Gepäck – diesmal von meiner Partnerin - wieder eine Überraschung: eine Flasche Ausone. Ein Spitzenwein mit Würstchen – Food-Pairing der Superklasse. Ich habe damals im «Getrunken» vom Forum  «Wein-Plus» berichtet. Meine Weinfreunde sind bis heute entsetzt.
«Rache» Nummer 3. Soeben – am Weihnachtsabend – waren wir coronabedingt zu Hause, versammelt um einen Mongolentopf. Im Glas: Ausone 1990. Einer der besten Jahrgänge, bereits sehr rar, die Flasche wird inzwischen um 700 CHF gehandelt. Wir haben eingeschenkt, getrunken und uns sehr gefreut über den ausgezeichneten Wein. Das Food-Pairing war wiederum nicht perfekt. Doch die Ehrfurcht, die bei einer Weinbeurteilung so wichtig ist, sie fehlte.

Und mit ihr auch Prestige, etwas, das den Wein und seinen Preis durchaus aufwiegen kann. Zugegeben diese Art von «Rache» ist (fiktiv) teuer. Fiktiv – weil der Wein damals nur einen Bruchteil von dem kostete, was dafür heute bezahlt wird (Prestige-Preis). Und, weil das Geld natürlich längst ausgegeben ist. Vielleicht liegt darin der Sinn meiner «Rache». Wir erlauben uns das Kalkül des reinen Marktdenkens zu missachten und den Wein nicht als Prestige-Objekt, sondern als Wein zu behandeln. Diese dreiste Tat habe ich am anderen Tag – am Weihnachtstag – mit einem «Moulin Saint-Georges» 2008 – unterstrichen, ja besiegelt. Mit einem Ausone-Wein, den ich auf eine Auktion für 25 CHF erstanden habe. Jetzt, wo ich dies notiere, taucht die Frage auf: Was hat mehr Spass gemacht? Der Spass beim Weintrinken ist sehr oft viel mehr «wert» als der blosse Flaschenpreis.

(Foto: booking,com)
(Foto: booking,com)

18. Dezember 2020

 

Château Pape Clément, 1996,
Pessac-Léognan, Bordeaux, Frankreich

 

Man darf einen Wein auch einmal nur geniessen. Einfach so, ohne bestimmten Anlass. Ohne Foodpairing. Ohne Notizblock und verzweifeltem Suchen nach passenden Aromen, den ultimativen Punkten. Ohne Festlaune und Eigenbelohnung. Ohne beeindruckte Gäste und ohne Gedanken an hochgekletterte Preise. Dieser «Pape Clément 1996» ist so ein Wein

und der Anlass: keiner. Vielleicht – uneingestanden - doch! Zufällig habe ich soeben gelesen – in einem Weinforum, – dass man sich immer nur an Weihnachten einen Bordeaux «leistet». Das hat mich gereizt. Nicht das «Leisten», vielmehr die Kombination: etwas Wertvolles nur an einem wertvollen (besonderen) Tag. Der Tag war nichts Besonderes, also holte ich mir den Wein aus dem Keller. Da hat die Geschichte einen klitze-kleinen Hacken. Nicht jeder oder jede hat einen 25jährigen Bordeaux der Spitzenklasse auf Lager. Dass dies bei mir der Fall ist, ist nicht dem Luxusdenken geschuldet, als vielmehr einer persönlichen Leidenschaft, dem Sammeln. Irgendwann im Leben habe ich begonnen – als es mir finanziell gerade besonders gut ging – Weine zu sammeln. Vorwiegend Bordeaux. Und wie es so ist bei der Leidenschaft, irrational, man überbordet rasch. Da etwas Besonderes, dort etwas Besonderes. Doch irgendwann kommt der Tag, wo das Besondere auch besonders gewürdigt sein will. Aus besonderem Anlass. Man wartet darauf. Meist ist der Anlass nicht ausreichend besonders, oft «verpasst» man ihn, weil man ihn nicht (rechtzeitig) erkennt. Deshalb erklärte ich jetzt den nicht besonderen Tag zum besonderen und bringe den Pape Clément in ein zwar nicht besonderes Glas, in keinen dünnwandigen, bauchigen Bordeauxkelch. In ein «gewöhnliches» Weinglas. «Banause» schimpfen mich jetzt die Weinkenner. Sie haben völlig recht. Doch der «Banause» mit einer falschen Einstellung, dem falschen Wein, im falschen Glas, zur falschen Zeit, erlebt so etwas wie ein Wunder. Das Besondere liegt plötzlich im Wein, nicht in den Erwartungen, nicht im Brimborium rund um das Trinken und Geniessen. An diesem gewöhnlichen Tag, unter diesen gewöhnlichen Umständen wird der Wein ungewöhnlich gross. So gross, dass ich ihn nicht – wie üblich – beschreiben mag. Nein, dies ist keine Ausrede. Es ist das, was man von einem guten Wein, einem grossen Genuss, immer sagen sollte: einmalig, grossartig, superb, geil… (freie Auswahl je nach Sprachduktus) Und das sollte für einmal – es ist ja nicht ein besonderer Tag – genügen

(Foto: Blog millesima)
(Foto: Blog millesima)

18. Dezember 2020

 

Daume père et fils: Domaine Vieille Julienne, 2003, Côtes du Rhône, Frankreich

 

Bald sind es zwanzig Jahre her, dass dieser Wein in meinen Keller kam. Es war die intensive Zeit von "Wein Plus", dem ersten und grössten Weinforum in deutscher Sprache. Es waren Weinliebhaber, die sich da virtuell getroffen haben, zum Diskutieren und ebenso oft zum heftigen Streiten. Einmal im Jahr gab es ein sogenanntes GT (Grosses Treffen), wo man endlich auch miteinander trinken und sich in die Augen schauen konnten. Es war eine grosse, bunte Schar mit nicht weniger "bunten" Meinungen. Natürlich haben sich sehr schnell auch Winzer eingestellt. Es bildeten sich kleinere, regionale oder lokale Gruppen, welche Weingüter und Winzer besuchten und viel - aber nicht nur - über Wein geredet haben. Auch wir - ein paar Weinfreaks, die sich auf einer Bordeaux-Reise, kennengelernt haben, besuchten zusammen jedes Jahr ein Weingebiet in Deutschland und - während fast einer Woche, die "Decouvertes en Valée du Rhône", eine grosse Weinmesse, die alle zwei Jahre stattfindet (nächstes Jahr zum 11. Mal). An der Rhone besuchten wir den Betriebsleiter von "Vieille Juliennes", ein Deutscher, den es an die Rhône verschlagen hat (der Liebe wegen!) und auch im Forum mitdiskutierte.

Aus dieser Zeit stammt der Wein, mit dem ich jetzt - bald zwanzig Jahre später - angestossen habe. Eine Begegnung mit Erinnerungen!  Warum ich dies erzähle? Ganz einfach: weil Erinnerungen zum Wein gehören. Sie sind wichtig, viel wichtiger als all die Parker-Punkte und die doch meist recht eintönigen Beschreibungen: Früchte, Blumen, Beeren, Mineralien, Tannine, Harmonie... Worte, die versuchen auszudrücken, was Begegnungen (auch Begegnungen mit Weinen) ausmachen oder bringen können. Der damals noch junge Betriebsleiter ist längst nicht mehr auf dem Weingut, wir haben uns auch seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiss nicht wo und wie er lebt. Ich weiss nicht. Und doch weiss ich viel. Zwar nicht Orte, Namen und Daten. Ich weiss, was Freundschaft bedeuten kann. Erleben - und wenn es "echt" ist, Erinnerungen. Erinnerungen, die mit jedem Schluck hochkommen. Erinnerungen, die nicht Fragen, ob es der beste der Weine war. Dieser Côtes du Rhône war der einfachere der Weine, den Châteauneuf-du-Pape vom gleichen Weingut (vom gleichen Jahr) habe ich längst getrunken. Es gibt sogar noch eine Notiz in meinen "getrunken", möglichst ernsthaft, möglichst seriös, möglichst informativ, möglichst präzis... So sollte eine Weinbesprechung sein, dachte ich damals und denke ich heute noch. Doch dieser Wein bringt mehr als diese Objektivierung eines Genusses. Er bringt seine Subjektivierung. Und die hat so vieles überdauert, was an Weinerlebnissen in all den Jahren auf- und abgetaucht ist. Weil es ein guter Wein ist, der eigentlich längst getrunken sein sollte, der auch nicht der beste war, ist durch das Wiedererleben der beste geworden. Vielleicht sollte man Weine nicht nur aufgrund von Beurteilungen, Punkten und Preisen einlagern, sondern auch - vielleicht sogar vor allem - auf Grund des Erinnerungswerts.

21. November 2020

 

Château La Louvière 1996, Pessac-Léognan, Graves, Bordeaux, Frankreich

 

Kaum ein anderer Genuss ist so stark mit der Erinnerung verbunden wie der Wein. Wer zu viel davon trinkt, verliert die Erinnerung, wer ihn nur so «herunterleert» - quasi gegen den Durst trinkt – dem bleibt das verborgen, was in der Erinnerung wert wäre. Warum? Wein hat viel – eigentlich alles – mit unseren Sinnen zu tun, mit der Sinnlichkeit. Und: «Sinnlichkeit» ist wohl für die wichtigste Grundlage für das Erinnern.

(Foto: By Tomas e -  CC BY-SA 3.0)
(Foto: By Tomas e - CC BY-SA 3.0)

Eine Spur davon finden wir bereits in der traditionellen Weinkritik. Da wird von der Nase (Geruch), der Zunge (Geschmack), den Augen (Sehen) und der taktilen Wahrnehmung (Fühlen) gesprochen, also von mindestens vier unserer Sinne. Wenn sich die Sinnlichkeit des Trinkens auf das Erleben übertragt, auch auf Äusserlichkeiten wie Ort, Gefühl, Erfahrung, Wertschätzung, Wissen, dann bleibt einiges – meist viel – an Erinnerung haften. Gespeicherte subjektive Erinnerung.
So war «La Louvière» - vor etwa vierzig Jahren - der erste Bordeaux, den ich bewusst, gezielt und unglaublich neugierig getrunken habe. Bis dahin war Wein ein eher allgemeiner Begriff, geprägt von dem, was man im Alltag – auch an Festtagen – eben so trinkt: Wein aus der nächsten Umgebung, aus bestimmten Regionen, auf Grund von Empfehlungen, dem Angebot auf Weinkarten in Restaurants,  der Werbung und – nicht zuletzt – dem Preis, den man für einen Wein zu bezahlen bereit ist. 

Dann kam das «Erlebnis Bordeaux», vorerst nur als Begriff, dann in Form von Wein im Glas. La Louvière. Ein Geschenk von einer Freundin, der meine bisherigen Weinvorlieben so gar nicht gefallen wollten. Da begann für mich ein Weg, der durch viele Bordeaux-Weine führte, viele Jahre dauerte und viel Wissen und Erfahrung brachte. Eigentlich eine Art Wein-Initiation. La Louvière war dann auch eines der ersten Châteaux, die ich besuchte. Doch allmählich, eigentlich schon bald, habe ich La Louvière aus meinem Fokus verloren. Er war ein Bordeaux unter vielen – einmal gut, einmal besser, einmal weniger überzeugend, einmal günstig, einmal zu teuer…
Ein Wein, der eher aus Zufall im Glas oder gar in meinem Keller landete.
Diesen Louvière aber habe ich bewusst aus dem Keller geholt. Er lag da unter vielen anderen Bordeaux… Jetzt wollte ich es wissen. Ist die Erinnerung noch da? Die Erinnerung an mein erstes Bordeaux-Erlebnis. Ja, sie ist noch da, als wären nicht dreissig, vierzig Jahre vergangen. Lebendig, präzis, geschmückt (oder beladen) mit mehr Weinerfahrung, mit vielen Weinerlebnissen, mit anderen (auch neuen) Vorlieben. Und?
Es ist noch immer ein Wein, den ich liebe. Vielleicht auf Grund des Geschmacks: Tabak, Rauch, Frucht, Kräuter… Alles etwas gedämpft, verwoben, verschmolzen. Andere würden diagnostizieren: in die Jahre gekommen, vielleicht sogar leicht abgebaut, nicht müde, eher besinnlich, abgeklärt, reif. In diesem Augenblick steht alles dies nicht im Mittelpunkt. Es ist die Erinnerung, die überwiegt. Ich stelle fest, dass all die sensorischen Genussmomente verkleidet sind, sich in etwas, das beim Weinkonsum ebenso wichtig ist, wie das Vokabular einer möglichst «objektiven» Weinbeschreibung: das erweiterte Erleben in (und aus) der Erinnerung. Vielleicht ist es sogar eine «andere» Welt von Wein. Von Weingenuss. Vielleicht sogar eine verständlichere, «echtere», die sich nicht in Parker-Punkten versteckt oder auflöst.

02. November 2020

 

Weingut Kerschbaum: Cuvée Kerschbaum 2011, Horitschon, Burgenland, Österreich

 

Etwas «österreichisch» ist er schon, der Cuvée Kerschbaum aus dem Burgenland. Eigentlich ist es ein «Bordaux-Blend», wie er heute fast in allen Weingebieten gemacht wird. Cabernet Sauvignon, Merlot und dazu oft eine spezielle «artfremde» Rebsorte, meist aus dem Weingebiet in der die Cuvée. In diesem Fall Burgenland, wo bei Blaufränkisch und Zweigelt dominieren. Die letzteren beiden Rebsorten sind auch in dieser Cuvée, vor allem der Blaufränkisch, zu etwa zu 20%. Ein österreichischer Bordeaux also?

 Die spannende Frage ist: merkt man den typisch-blaufränkischen Aromen-Anteil? Ist es ein «anderer» Wein, anders als die vielen Bordeaux-Varianten im «echten» Bordeaux? Grundsätzlich nicht, denn auch im Bordelais gibt es inzwischen eine Bandbreit von Weinen, vom cabernet-betonten Wein bis zum fast reinen Merlot (Beispiel: Pétrus). Es ist immer mehr so, dass das Terroir, die Philosophie des Önologen und die Art der Verarbeitung den Unterschied der einzelnen Weinen ausmachen. Selbst der Jahrgang (geprägt von den klimatischen Bedingungen) spielt nur noch eine marginale Rolle. Man vinifiziert in den (technisch gut auf- und ausgerüsteten) Weingütern in Bordeaux, nur Weine, den man machen möchte (und nicht wie früher: welche die Natur zulässt).

Die Bordeaux-Blends sind – weltweit – dafür ein Beispiel. Die besten «Bordeaux» kommt immer häufiger nicht aus Bordeaux. Zum Beispiel aus Kalifornien, aus Italien (Toskana) oder aus Australien. Hauptsache: es ist eine Cuvée, es wird ein spezieller Aufwand betrieben und ist meist sehr viel Holz geprägt. Deshalb bin ich gegenüber «Bordeaux-Blends» immer vorsichtig, ja sogar skeptisch. Sie widersetzen sich konsequent dem, was man Terroir-Weine nennt, und geben sich möglichst «international». Auch diese Kerschbaum-Cuvée atmet den Hauch der «Internationalität», genau so wie seine «Partnerin» (aus dem gleichen Weingut), die «Cuvée Impresario», auch ein Bordeaux-Blend, aber mit mehr Blaufränkisch (60%). Oft sind diese Weine in ihrer Jugend sehr kräftig, «powerig», aber verlieren bei langer Lagerung an Ausdruckskraft, werden verbindlich, mitunter sogar nichtssagend. Die hier vorgestellte Flasche hat bald schon neun Jahre Flaschenreifung hinter sich und darf durchaus mit einem reifen Bordeaux verglichen werden. Tatsächlich ist das Holz gut, sogar sehr gut integriert und – das erstaunt – es sind noch Fruchtnoten da, wenn auch nicht üppig, dafür geschmeidig und begleitet von Kräutern, Gewürzen, mineralischen Noten, verflüchtigter Schokolade (Mokka), mit einer ganz eigensinniger (eigenwilliger) Aromatik, die sich aber in (allzu)grosser Harmonie auflöst. Kein Blaufränkischer mehr, aber auch nicht ein prägnanter Bordeaux. Eher ein akzeptables Prestige-Produkt.

20. Oktober 2020

 

Weingut von Tscharner, Schloss Reichenau: Jeninser 1989. Blauburgunder, Bündner Herrschaft, Graubünden, Schweiz.

 

Ein Altwein, fast vierzig Jahre alt. Nicht in der Tradition der «gereiften Weine» von Bordeaux, wo die Flasche   – zumindest früher – mindestens zehn Jahre gelagert werde sollte, um seine volle Trinkreife anzusteuern. Ein Schweizer-Wein, den man damals eher despektierlich «Beerliwein» genannt hat, weil er eher «spritzig» (weil direkt von der Hefe abgefüllt) war, und nicht die Erwartung weckte, einmal grossväterliche Gelassenheit und Würde zu zeigen. Es muss auch nicht jeder Wein alt werden, um «gut» zu sein. Jugend hat ihre eigene Welt, vielleicht ist sie stürmischer, wahrscheinlich sogar genüsslicher. Dieser Wein aber ist alt geworden, weil er im Winzerkeller bleiben durfte, und nicht um die Welt gejagt wurde, wie so viele hochkarätige (teure) Weine, die zum Handelsobjekt geworden sind.

Alte Weine haben immer auch den Charme der Geschichtlichkeit. Sie dokumentieren die Vergangenheit. Was geschah vor vierzig Jahren, als die Trauben dieses Weins gereift, geerntet, gekeltert und schliesslich in die Flaschen gefüllt wurden? Das hat vorerst einmal nichts mit seiner Qualität zu tun, vielmehr mit dem Jahrgang, mit der Erinnerung an jene Zeit, als… Natürlich dokumentiert der Jahrgang immer auch das Wachstum der Reben und ihrer Früchte, die Einflüsse der Natur, der Witterung, der Temperaturen… Deshalb spricht man – meist allzu leichtfertig – von guten und schlechten Jahrgängen, von schwierigen und ertragsreichen Jahren, von… Im Altweingeschäft ist das mitunter weit wichtiger als das, was der Winzer (mit seinem Können) im Keller beigetragen hat. Ich gebe zu, auch mich fasziniert der Jahrgang von Weinen, schon allein deshalb, weil sie – als eines der wenigen Nahrungs- und Genussmittel – locker viele Jahrzehnte mühelos überdauern könne, zwar nicht mehr die gleichen (Weine) sind, aber gerade in ihrer neuen Art vom langsamen Werden Zeugnis ablegen. Da kann sich schon einmal der Irrtum einnisten, ein Altwein sei per se gut oder (wer Altweine nicht mag) eben schlecht.

 Tatsächlich neigen Altweine – meist auf Grund falscher Lagerung oder undichter Verschlüsse – zu oxidativen Noten, von firnig bis ranzig. In der Farbe (bräunlich), im Geruch und im Geschmack zwar erkennbar, aber nicht immer schön, oft auch störend, verlebt. Hie und da – im Glücksfall – sind Altweine ein Glücksfall, eine Bereicherung, oft ja sogar ein wundervolles – ja einmaliges - Geschmackserlebnis. Über die Frage: wann dies der Fall ist und wann ein Wein in den Bereich «verdorben» kippt – oder etwas poetischer ausgedrückt: «verlebt» ist - streiten sich Wein-Liebhaber. Für mich ist klar: Auch nur leichte Spuren von Essignoten, starke Liebstöckeltöne, auch Sherry und Malz in ausgeprägter Form sind sogenannte «Fehltöne» und gehören so auch nicht in Altweine.

Wenn sich aber ein harmonische Aromenprofil öffnet, mit leisen Anklängen an Gewürze, an Spezereien, an Zartbitterschokolade, an Nuancen von Nüssen und ein ganzes Spektrum von bekannten (und sogar unbekannten) «Klängen» - nicht kräftig und plump, eher zurückhaltend, harmonisch – dann fängt ein Altwein an zu «singen». Dann geht der Genuss weit über seinen «historischen Wert» hinaus. Für Altweintrinker erklingt da eine (neue) «Melodie».

 Viele Weinfreunde kennen das von alten Bordeaux oder Burgundern. Da wird sogar so etwas wie «Alterstöne» erwartet. Aber bei einem «einfachen Landwein» aus einer Zeit, in der man erst begann, (auch hier in der Schweiz) die Qualität der Quantität vorzuziehen, wo Ideen und Erkenntnisse des damals dominierenden Önologen – Émile Peynaud – im Weinbau (allmählich) allmählich Fuss fassten, wo Gebiets- und Lagenbezeichnungen weniger Qualitäts- als vielmehr folkloristische Merkmale waren und der Trend zum „Massenwein“ erst einsetzte, da verlangt niemand höchste Altersqualität überreifer Weine.

Niemand? Wer diesen Wein – oder ähnlich sorgfältig gemachte und gut gelagerte Weine – einmal ernsthaft und Vorurteilslos verkostet erlebt oft einen Trinkspass mit viel Überraschungen und neuen Erfahrungen.  Diese Weine sind zwar rar, denn sie wurden längst getrunken und waren nie lange Lagern gemacht. Sie kosten auch nur einen Bruchteil der „grossen“ Alt-Weine, die auf Auktionen (meist nur auf Grund des Namens und Jahrgangs) zu Spitzenpreisen unter den Hammer, aber oft genauso viel „Weinreife“ (Flaschenreife) zeigen und vielleicht sogar das grössere Erlebnis sind.

Saint Guilhelm (Foto: Michelin)
Saint Guilhelm (Foto: Michelin)

12. Oktober 2020

 

Domaine Léandre-Chevalier: Le Joyau 2010, Blaye, Côte de Blaye AOC, Bordeaux, Frankreich

 

Das ist Bordeaux! Eine Geschichte, die mich unglaublich traurig und wütend macht. Da gab es einen Winzer, der hat hervorragende Weine gemacht. Sein Nachteil: er wollte mit viel Aufwand ausgezeichnete Weine machen und nicht nur das grosses Geld verdienen. Er war einer der ersten Winzer im Bordelais, der seinen Rebberg so bearbeitet hat, wie auch berühmte Weingüter ihn heute bearbeiten. Zum Beispiel mit Ross und mittelalterlich anmutendem Pflug (damit der Boden locker bleibt), mit unglaublicher Sorgfalt und einem Höchstmass an Verantwortung gegenüber der Natur. Es dürfte das erste «biologische Weingut» in Bordeaux gewesen sein, zwar ohne Zertifikat, weil ihm Zertifikate nicht wichtiger waren, als das, was er in der Natur und im Keller – eigenhändig – für hochwertigen, ja kostbaren Wein tun kann. Und das waren unglaublich viel Arbeit, Kraft, Zeit und Aufwand. Der engagierte, eigenwillige Winzer heisst

Dominique Léandre-Chevalier. Ich habe ihn vor mehr als zehn Jahren kennen gelernt. Er war mit vielen Winzerkollegen aus Bordeaux an einer Präsentation des neuen Jahrgangs. Eingeladen – und auch "entdeckt" – von einem Weinhändler, dem wohl besten Bordeaux-Kenner der Schweiz. Doch der weitgehend unbekannte Winzer wurde an der grossen Veranstaltung kaum beachtet, kaum wahrgenommen. Die Weinliebhaber versammelten sich in Scharen um die berühmten Namen, die «grossen» Châteaux, die Vertreter der «edelsten» und damit auch teuersten Weine. Es war die Zeit, als die Preise im Bordeaux-Geschäft buchstäblich explodierten. Es war auch die Zeit, in der ich immer kritischer wurde, gegenüber dem Rummel um das vermeintlich «beste Weingebiet der Welt", gegenüber Luxusprodukten, die sich nur noch die Reichsten leisten können (oder wollen), gegenüber all den techni-schen Möglichkeiten im Keller, gegenüber Weinen, die nur noch auf internationalen Geschmack getrimmt und geformt werden.

Weil an seinem Ausschank-Tisch Platz war und ich Zeit hatte, habe ich mit dem «eigenwillig naturverbundenen» Winzer (und seiner Tochter) lange geredet… Vielleicht auch nur, weil sonst niemand an seinem Tisch Weine verkosten wollte. Vielleicht hatte ich sogar so etwas wie Mitleid mit dem «Aussenseiter» unter den "berühmten" Châteaux-Besitzer. Doch sehr rasch habe ich festgestellte, dass hier ausserordentlich gute und eigenständige Weine zum Verkosten anbot en werden. Seit jenen Jahren habe ich immer wieder seine Weine subskribiert, verkostet und an eigenen Vergleichs-Degustationen ausgeschenkt. Fast immer mit dem gleichen Effekt: Grosse Worte, grosses Lob, grosse Anerkennung – in der Wertung bis zu 19/20 oder 98/100 Punkten. Immer, bis… ja bis der Name der Appellation und die Preise aufgedeckt wurden. Der Name: nur wenigen Weinfreunden ein Begriff. Das Weingut: klein und nicht im grossen «Bordeaux-Rennen» unterwegs. Die Appellation: nicht im «Kerngebiet», von wo die teuren Weine kommen…

(Bilder: Screenshots "Viticulteur rebelle en Bordelais")
(Bilder: Screenshots "Viticulteur rebelle en Bordelais")

Ein Aussenseiter eben. Nichts für echte Bordeaux-Liebhaber!

Als kürzlich der Weinhändler, der einst den  leidenschaftlich engagierten Winzer und seine ausserodentlichen Weine  in sein Programm aufgenommen hat, die Weine speziell angepriesen hat und zwar «30% oder 40 Prozent günstiger», da ahnte ich es: Das Weingut ist in Schwierigkeiten und jetzt weiss ich es: das Weingut gibt es nicht mehr. Konkurs! Zu gross der Aufwand, zu wenig Reputation, zu kostspielig die Produktion für einen Familienbetrieb, kein Tanz um das luktrative Bordeaux-Geschäft. Nur ein ganz spezielles Produkt, ausgezeichnete Weine: «Enorm tiefgründig, irre komplexer Duft, ein immenses Duftspektrum… ein sublimes, irre raffiniertes Parfüm… eine geballte Ladung Frucht, ganz viel Terroir, ein aromatisches Feuerwerk, getragen von einer verblüffend feinen Tanninstruktur», (Gerstl) So kann, so soll, so darf ein Wein sein, wenn er in der «höchsten Liga» mitreden will. Überall, fast in jedem Weingebiet, nicht aber in Bordeaux. Da braucht es (noch) noch etwas anderes: einen glanzvollen Namen, der nicht die Kehlen, vielmehr auch das Portemonnaie öffnet. Das ist - leider - heute (zum guten Teil) das Bordeaux, von dem man spircht.

Saint Guilhelm (Foto: Michelin)
Saint Guilhelm (Foto: Michelin)

02. Oktober 2020

 

Bergerie de Fenouillet: Le Blanc 2016, Cuvé (Vermentino, Grenache blanc, Marsanne, Sauvignon blanc, Chardonnay und Roussanne). Herault, Vacquières, Languedoc, Frankreich

 

Selten hat mir ein Wein so viel Spass gemacht. Endlich ein Wein, der erzählt und nicht einfach dokumentiert, was aus bestimmten Rebsorten gemacht werden kann. In diesem Wein sind viele Rebsorten, die mitreden, aber sich nicht vordrängen. Jede hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Kraft, ihre eigene Schönheit. Sie alle treffen sich in einem Wein, der nicht mit bedeutungs-schwangerem Namen  gestempelt ist. Einfach «Le Blanc», der Weisse. Kräftig und schön, charakter- und geheimnisvoll, verbindlich und ausserordentlich. Ein «Weisser», den man gut verstehen, aber nicht so leicht fassen kann. Da übliche Weinvokabular wird da aufgebrochen, indem der Wein selbst erzählt. Man hört zu: der Sprache des Südens, riecht den Duft und Weite, denkt an die  Rhone, ihrem langen Weg vom Norden in den Süden, registriert die knisternden Offenheit  und Vertrautheit einer grossen Weinwelt, staunt über die rauchigen Schönheit edler Frucht… Ein Durcheinander der Sprachen also? Die Stimmen fallen sich aber nicht ins Wort, sie hören einander zu, passen, sich an, ergänzen sich. Vergeblich sucht man nach Aromen, die dominieren. Sie sind alle da:  Mandeln, Kirschen, Birnen, Mineralien, Gewürze… Nicht neben, vielmehr miteinander. Jede auch noch so kleine Verwirrung löst sich auf im Genuss eines festen, charaktervollen Weins, der dauernd etwas erzählt, immer wieder etwas Neues. Meist tänzelnd, fabulierend, doch das, was erzählt wird, hat auch Hintergrund und Ernsthaftigkeit. Ein verrückter Wein, der mir deshalb so gut gefällt, weil er eindeutig, gleichzeitig aber auch vieldeutig ist. Weil er nicht eine Geschichte herunterleiert, sondern darauf eingeht, was mit ihm geschieht: im Glas, im Mund, im Gaumen, nach dem Abgang. Es ist ein Wein, der anders ist – und doch so, wie ihn die Natur (und der Winzer) erschaffen hat. Ich wünschte mir mehr solche Weine, die runde Ecken und entschärfte Kanten haben, die mich immer wieder andere Sprachen, indem sie – wie selbstverständlich – auf meine Stimmungen, auf meine Wahrnehmungen eingehen. Das sind Geschichten, Weingeschichten. Davon möchte ich in dieser Rubrik erzählen. Von Geschichten, die sich zwar oft wiederholen und doch immer und immer wieder anderes sind.